Kindertotenlieder

  • Zitat

    Original von musika


    Liebe Mezzo,


    ich glaube, dass du das noch nicht so gut beurteilen kannst, denn du bist jung, kannst nicht wissen wie sich Gefühle im Laufe der Jahre entwickeln, ich habe einmal genau so gedacht wie du, heute, in meinem Seniorenalter, weiß ich wovon ich spreche. Es kommt durch Lebenserfahrung, die Hochs und Tiefs, die man in Jahrzehnten gesamelt hat.


    Das mag sein. Aber trotzdem stimmt folgende Beobachtung, die ich schon einmal erwähnt habe: Es gibt junge UND ältere Personen, die einfach keine Gefühle ausdrücken können (auch nicht beim Singen). Das erkenne ich - auch wenn ich noch jung bin ;) Vielleicht sind einige Sänger mit den Jahren immer mehr dazu in der Lage, Gefühle beim Singen auszudrücken - aber es gibt welche, die konnten es nie, können es nicht und werden es nie können. Genauso wie es auch bei jungen Sängern welche gibt, die wunderbar beim Singen Gefühle ausdrücken können. Das ist nicht nur meine Beobachtung, sondern ich habe das auch schon von vielen älteren Menschen gehört. Daher meine Schlussfolgerung, es hänge nicht vom Alter ab.

  • Liebe Mezzo,


    Ich pfilchte dich in soferne bei, dass ich gestehe "es gibt Ausnahmen". Meine seelige Sanglehrerin war erstaunt dass ich im jugendlichen Alter von 16 Jahre so viel Verstaendnis aufbringen konnte fuer die zu singen Texte. Aber... ich hatte eine Vorgeschichte (siehe hier).


    Es kann sein, dass jene Vorgeschichte bestimmend war fuer meine "Reifung". Du hast vermutlich gesehen, dass kleine Kinder, die gefluechtet sind, sehr weltweis scheinen zu sein.
    Im Algemeinen, denke ich, sind es eher Ausnahmen von der Regel.


    LG, Paul

  • Es gibt aber auch viele singende Menschen ,die haben alle Gefühle
    die es nur gibt ,können sie aber nicht auf die Stimme übertragen.
    Dann gibt es Sänger ,oder auch Schauspieler ,die jedes Gefühl
    spielen können.Das nennt man Routine.Wenn ein Sänger ,oder
    ein Schauspieler jedesmal das was er singt ,oder spielt miterleben
    würde ,das wäre ja furchtbar.Er würde sicher sehr bald vor
    Gram sterben.


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Die Altersfrage halte ich für ausgesprochen problematisch. Gewiss ändern Künstler im Laufe ihres künstlerischen Lebens ihren Blick auf ein Kunstwerk (sonst wären sie wohl keine). Bei der Altersentwicklung gehen wir aber wohl von idealtypischen Entwicklungen aus, die vielleicht Frau von der Leyen heute im Häuptel herumgeistern mögen, oftmals und wohl zu allen Zeiten doch sehr realitätsfern sind. Paul und Siegrfried haben schon die eigene Biographie bemüht. Die Ferrier stammte aus ärmlichsten Verhältnissen, war Telephonistzin in Plymouth, ihre kurze Karrierere startete nach dem WK II, dessen Elend und Entbehrungen sie m,iterlebt hatte. Heinrich Rehkemper 1928 durfte wohl angesichts des zurückliegend WK I und den Wirren der 1920er Jahre auch nicht von einer wundervollen Sozialisation sprechen.


    Das einzige Argument jung vs alt, das ich gelten lassen würde, ist die Veränderung der Stimme, die im Laufe des Lebens dunkelt (was hinwiederum die einzige Begründung dafür ist, einen Sopran wie die Flagstad die Kindertotenlieder singen zu lassen).


    ALter vs. Jugend, da wäre ich sehr vorsichtig: da gibt es wohlbehütete und wirtschaftlich perfekt gebettete Ehefrauen, die mit 60 noch nicht in dem Umfange erfahren haben, was denn das Leben ist, wie ein 20 jähriger, der vielleicht erfolgreich einer Sozialisation in einem sozialen Brennpunkt entronnen ist. Von der generation meiner Eltern, die als Kinder die Bombennächte in deutschen Großstädten erlebt hatten rede ich jetzt nicht.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Natürlich können junge Menschen ihre Gefühle ausdrücken, doch, sagen wir es mal anders. Ein Anfänger im Gesang, ein noch nicht fertiger oder gerade fertiger KANN noch nicht die Gefühle so rüberbrigen wie ein "älterer" Sänger, es braucht Zeit und Reife, die er durch Erfahrung im Laufe seiner sängerischen Tätigkeit durchlebt.


    Ich erlebe es täglich bei meinen Schülern, je gefestigter die Technik, umso besser die Interpretation. Trotzdem würde ich keinem Schüler die Kindertotenlieder zumuten wenn ich weiß, sie können es noch nicht rüberbringen.


    Ein Erleben, sich hineinversetzen ist für mich etwas anderes, als ein Lied zu spielen. Singen ist die Seele nach außen kehren und spielen ist oberflächlich.


    LG

  • Zitat

    Original von musika
    Natürlich können junge Menschen ihre Gefühle ausdrücken, doch, sagen wir es mal anders. Ein Anfänger im Gesang, ein noch nicht fertiger oder gerade fertiger KANN noch nicht die Gefühle so rüberbrigen wie ein "älterer" Sänger, es braucht Zeit und Reife, die er durch Erfahrung im Laufe seiner sängerischen Tätigkeit durchlebt.


    Musika, ich denke, wir reden einfach von unterschiedlichen Dingen. Ich habe bei meinen Ausführungen an junge, aber ausgebildete Sänger gedacht, nicht an Anfänger, wie du schreibst. Das ist wohl die Quelle allerMissverständnisse ;)


    Zitat


    Ich erlebe es täglich bei meinen Schülern, je gefestigter die Technik, umso besser die Interpretation.


    Genau. Ich sprach von jungen Sängern mit gefestigter Technik.


    Ansonsten kann ich mich nur Santoliquido anschließen.

  • Fischer-Dieskau hat als junger Sänger seine ergreifendste
    Aufnahme der Kindertotenlieder eingespielt.Er kam
    auch aus gesicherten Verhältnissen.


    :hello:Herbert

    Tutto nel mondo è burla.

  • Zitat

    Original von Herbert Henn
    Fischer-Dieskau hat als junger Sänger seine ergreifendste
    Aufnahme der Kindertotenlieder eingespielt.Er kam
    auch aus gesicherten Verhältnissen.


    Lieber Herbert,


    Ich brauche Dir doch nicht zu sagen, dass jedenfalls Fi-Di den Krieg am Leibe erlebt hat. ;)
    Wie er dadurch beeinflusst ist, vermag kaum einer zu sagen. Aber dass er beeinflusst ist, ist sicher.


    LG, Paul

  • Wie wahr ! Fischer - Dieskaus frühe Aufnahme dieses Zyklus` unter Furtwängler ist für mich d i e Referenz - Einspielung.
    Was meine persönliche Erfahrung mit diesen Liedern angeht : Im Frühstadium meiner Ausbildung versuchte ich mich an dem Zyklus. Meine Lehrerin lobte die sichere technische Bewältigung, meinte aber trotzdem, ich solle das Werk beiseite legen, solange ich keine Kinder hätte : " Was du da singst, geht mich nichts an ! "
    Gesagt, getan. Als ich Vater war, nahmen wir die Lieder erneut zur Hand.
    Mein Zugang zu dieser Musik ( und diesem Text ! ) hatte sich stark verändert, was sich in einer viel intensiveren Interpretation niederschlug. Plötzlich hatte ich begriffen, wovon diese Lieder künden.


    Ciao. Gioachino

    MiniMiniDIFIDI

  • Hallo Giachino,
    Ich kenne nur die frühe Studioaufnahme der Kindertotenlieder mit
    Fischer-Dieskau und den Berliner Philharmonikern, Dirigent Rudolf Kempe.


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Zitat

    Original von musika
    Ein Erleben, sich hineinversetzen ist für mich etwas anderes, als ein Lied zu spielen. Singen ist die Seele nach außen kehren und spielen ist oberflächlich.


    Ich habe in dem Kathleen Ferrierthread etwas geschrieben, als ich ich wieder ihre Biographie im Fernsehen sah. Da erzählten Sängerinnen, die mit ihr die letzte Orfeoauführung von Ferrier brachten. Bei diesem Orfeo brach sie bereits bei dem zweiten Tag dem Krebs zufolge ein Bein. Einige Monate später verstarb sie.


    Zitat

    Die Oper wurde in Englisch gesungen und das berühmte „Che faro senza Euridice“ war übersetzt als „What is life to me without thee“.
    Leigh: „To hear her sing 'Che faro'. It was... 'What is life'. I mean... this woman knowing well she was dying. And her eyes... she didn't cry, but there were tears...“


    LG, Paul

  • Hallo Herbert,
    ich glaube, du hast Recht : Kindertotenlieder - Kempe
    Lieder eines fahrenden Gesellen - Furtwängler


    Ciao. Gioachino

    MiniMiniDIFIDI