Das Vibrato in der Barockmusik

  • Zitat

    Original von Manuel García
    Was ich allerdings nicht finde, dass sie trocken oder staubtrocken singt. ich verbinde mit diesen Umschreibungen einen Gesang, der so trocken ist, dass er das Gefühl nicht mehr erreicht. Genau das Gegenteil empfinde ich, dieser Gesang kann wirklich das Herz erreichen.


    Anmerkung: Mit "staubtrocken" meine ich keinesfalls gefühlsarm, sondern das Vibratolose, das - gezielt eingesetzt - eben sehr reizvoll ist, besonders im von Dir beschriebenen Ansatz.


    :hello:


    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Guten Tag


    Michael Praetorius schrieb 1614 über die Disposition einer guten Stimme:


    "Eine gute Stimme soll sein lieblich zitternd und bebend"


    Was meinte er damit ? Vibrato ?


    Gruß :hello:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Wie der Name schon sagt - PRAE-HIP


    :D

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Hallo Bernhard,


    das Praetorius-Zitat liest sich bei Moens Hoenen folgender maßen:


    "Die Requisita sind diese: daß ein Sänger erstlich eine schöne liebliche zittern- und bebende Stimme (doch nicht also / wie etliche in Schulen gewohnet seyn / sondern mit besonderer Moderation) und einen glatten und runden Hals zu dimiuieren habe. (...)"


    Dem entspricht das oben bereits zitierte von Friderici, 1624:


    "Die Knaben sollen von Anfang alsbalde gewehnet werden, die Stimmen fein natürlich, und wo möglich fein zitternd, schwebend oder bebend, in gutture, in der Kehle oder im Halse zu formieren"


    Ähnlich Quitschreiber 1598: "Tremula voce optima canitur"


    Während letzterer u.U. auch die Koloraturfähigkeit meinen könnte, beschreiben die ersten beiden das Naturvibrato, wobei zu beachten ist, das Praetorius sogleich auch die "besonder Moderation" fordert.


    Offensichtlich ist bereits damals die Abgrenzungs zwischen wünschenswertem, moderaten Naturvibrato und abzulehnenden Tremulieren Gegenstand verschiedener Ansichten und Praktiken, dies sagt ja der Satzteil "... wie etliche in Schulen gewohnet seyn". Ich glaube nicht, das wir aus den historischen Quellen eine eindeute Abgrenzung "moderat / nicht mehr moderat" ableiten können. Letztendlich wird das, was noch akzeptiert wird, (wie auch schon damals) eine Geschmacksfrage bleiben.


    Beste Grüße
    MG

  • Etwas spät .... heute erst gelesen :(


    Programmhinweis auf eine Sendung heute abend (15.2.2011) 22:00 im Deutschlandradio Kultur


    Thema: "Senza vibrato - senza emozione"
    Über die Vielfalt und den Gebrauch des Vibratos in der Barockzeit
    Von Ilona Hanning
    Aus der Programmvorschau: "Während man heute das Vibrato nur noch als Mittel ansieht, einen Ton zu gestalten, hatte es im 17. und 18. Jahrhundert eine ganz andere Funktion. Das Vibrato war eine Verzierung, und diese diente dazu, die Affekte stärker zum Ausdruck zu bringen. Dementsprechend gab es auch nicht eine einzig gültige Form des Vibratos, sondern viele verschiedene. Ilona Hanning begibt sich auf eine Spurensuche."

  • (Sendung vom Dienstag, 15. Februar 2011, im Deutschlandradio Kultur von Ilona Hanning, Moderatorin bei BR-KLASSIK)


    Die Sendung begann mit einem Ausschnitt aus der Louré aus Partita für Violine solo Nr. 3 E-Dur, BWV 1006, gespielt von Johann(a?) Martzy. Er diente als Beispiel für ein Dauervibrato und es folgte sogleich die Bemerkung, dass Bach diese Interpretation wohl sehr befremdlich empfunden hätte. Hier ein Klangbeispiel. Anschließend wurde in der Sendung aus der harmonie universelle (1636) von Marin Mersenne zitiert.. Nach Mersenne scheint schon damals das Vibrato von Zeit zu Zeit mal mehr oder weniger in Mode gewesen zu sein - vor allem bei Lautenisten und Gitarristen. Mersenne empfiehlt eher einen sparsamen Gebrauch, damit sich der Wert des Vibratos als Verzierung nicht abnutzt. Die Belebung des Klangs war nur ein Nebenprodukt. (Übrigens nannte er das Lautenvibrato vere cassé (kaputtes Glas ?).
    Anschließend erklärte die Autorin, dass nicht jedes Instrument die technischen Voraussetzungen mit sich brachte, um ein Vibrato zu erzeugen. Die Bläser praktizierten damals ein Finger-Vibrato und kein Atem-Vibrato, während die Gambisten zwei Finger benutzen mussten um einen ähnlichen Effekt zu erzielen. Anders ist das bei den andern Streichern und der menschlichen Stimme. Trotzdem wurde auch von Sängern und Streichern kein Dauervibrato praktiziert. Das Vibrato wurde angeblich in der Fachliteratur sehr spärlich erwähnt - und wenn doch, dann nur als Verzierung.


    (Anmerkung: einige Schriften, die z. T. schon im 16ten Jahrhundert das Vibrato bezeugt haben, kann man allerdings in diesem Buch auf Seite 80 erwähnt finden).


    Bei Sängern wurde ein (schwaches) Dauer-Vibrato als Natur-gegeben akzeptiert. Dazu wird Michael Praetorius (Syntagma musicum 1619) zitiert, demzufolge Sänger eine „zitternde, bebende Stimme… zu diminuieren hätten“ (siehe auch den Beitrag 214, weiter oben). Eine kaum wahrnehmbare Schwingung oder das Beben in der Stimme wurde als natürlich angesehen und als schön empfunden. Dazu wird in der Sendung ein Satz Mozarts aus einem Brief an seinen Vater zitiert. Über diese „Grundschwingung“ hinaus war noch Raum, um bei Bedarf ein stärkeres Verzierungs-Vibrato anzubringen. Das Zittern in der Stimme wurde also toleriert, ein Dauer-Vibrato wurde dagegen z.T. als Alters-bedingt erachtet oder als Zeichen mangelnder Technik angesehen.
    Danach ging es in der Sendung um verschiedene Bezeichnungen für das Vibrato, zum Beispiel diverse französische Begriffe, die man jeweils mit Klopfen, Seufzer, Schmeichelei oder Schwebung übersetzen könnte. Im englischen gab es die (sehr zutreffende) Bezeichnung „sweetening“. Sie beschreiben sowohl die Technik als auch den Effekt.
    Francesco Geminiani befasste sich dann wohl doch etwas ausführlicher mit dem Vibrato. In seiner Geigenschule (1751) erklärte er, dass ein Anschwellen während eines langen Tones wirke majestätisch, kürzer ausgeführt drücke das Vibrato Trauer und Angst aus und bei kurzen Tönen ausgeführt verbessere das Vibrato den Klang. Geminiani empfiehlt es so oft wie möglich einzusetzen. Als Beispiel folgte das Andante aus der Sonate für Violine und B.c. in d-Moll op. 4 Nr. 8 von Francesco Geminiani


    .


    In Tartinis Geigenschule wird zwischen betontem und unbetontem Vibrato unterschieden. (soweit ich das verstehen konnte, soll immer die erste Note einer Viertel-, Achtel- oder Sechszehntelfolge betont sein).
    Doch wann soll ein Vibrato eingesetzt werden? Hier wird in der Sendung das erste Mal die in diesem Threat schon oft zitierte http://de.wikipedia.org/wiki/Greta_Moens-Haenen] Greta Moens-Haenen[/url] erwähnt. Ihre Recherchen führten sie zu dem Schluss, dass das Vibrato vor allem bei sanften Affekten und bei Trauer oder Angst eingesetzt wurde. Unter anderem fällt in der Sendung der Begriff „schmachtende Süße“. Langsame Trauermusiken waren prädestiniert für Vibrati, so zum Beispiel im Tombeau pour Monsieur Lully von Marin Marais mit Hille Perl und Lee Santana


    .


    Das starke Vibrato von Gambe und Theorbe, das in diesem Beispiel praktiziert wurde, war vermutlich angebracht, da es sich um Trauermusik handelt.
    Besonders für Gamben und Lauten pflegten Komponisten Zeichen (Kreuze und Wellenlinie) zu setzen, um solche Stellen zu kennzeichnen, wo eine Bebung zu spielen sei. Wann und wie stark das Vibrato (bis hin zum Triletto) eingesetzt werden sollte, wie schnell, ob gleichbleibend oder beschleunigt, lässt sich nachträglich kaum bestimmen ….. es musste irgendwie „angemessen“ sein. Frau Moens-Haenen meint, dass das Vibrato umso gezielter eingesetzt wurde „je rhetorischer die Musik“ war. (Da denkt man doch automatisch an die Oper) und somit kam die Sendung bei Händel an, der angeblich ein Meister im Kombinieren von Verzierungen einschließlich Vibrato gewesen sein soll. Als Beleg dafür diente dieses Beispiel: Arie des Ruggiero "Verdi prati, selve amene" aus "Alcina" HWV 34, Titel Nr. 20 auf dieser CD:


    .


    Anschließend wurde die Kombination des Vibrato mit andern Verzierungen eingehender thematisiert - insbesondere die Kombination mit dem messa di voce, also mit langgezogenen Tönen, die in ihrer Laustärke zu- oder abnahmen (wie von Geminiani oben beschrieben). Giuseppe Tartini soll angeblich der einzige gewesen sein, der beim messa di voce kein Vibrato hören wollte.
    Andere gängige Kombinationen waren das Vibrato als Einleitung zu einem Triller oder die Kombination mit einem Mordenten (Pralltriller). Im Prinzip ließ sich das Vibrato mit allen Verzierungen kombinieren. Ob das tatsächlich gemacht wurde, ist fraglich. Als Beispiel für den zu Affekt und Rhetorik passenden Einsatz des Vibrato diente in der Sendung das Adagio aus dem Concerto für Oboe, Streicher und B.c. in d-Moll op. 9 Nr. 2 von Tomaso Albinoni


    .


    Ende des 18ten Jahrhunderts soll dann der Affekt-bestimmte Charakter des Vibratos eine immer geringere Rolle gespielt haben. Das galt aber nicht für den Tremulanten, eine Sonderform den Vibratos - eigentlich ein spezielles Register bei Orgeln. Dieses Vibrato wurde ausgeschrieben als eine Folge gleicher Noten unterhalb eines Bogens. In Vokalwerken von Bach soll es viele Beispiele für diese Art des Vibratos geben, das häufig im Zusammenhang mit Affekten wie Furcht, Angst, Ehrfurcht Tod und Schlaf eingesetzt wurde.
    Nach einer Zusammenfassung (siehe auch die Programmankündigung im vorigen Eintrag) erklang - als Kontrast zu der sehr süßlichen Version der Louré aus Bachpartita Nr 3 zu Anfang der Sendung - die folgende Interpretation, diesmal ausgeführt von Hélène Schmitt


    .


    Bemerkungen:
    Mir hat die Sendung sehr gefallen. Mir war aber nicht immer klar, auf welche Zeit sich welche Aussage nun genau bezog. Das wird vielleicht auch in der Zusammenfassung deutlich – sorry. Als Laie (Amateur) musste ich aber feststellen, dass ich sehr viele Begriffe, die in der Sendung fielen, nachschlagen musste. Die Musikbeispiele waren sehr eindrucksvoll. Mich würde interessieren, ob Frau Hannings Recherchen über die Lektüre des hier schon oft erwähnten Buches von Greta Moens-Haenen hinausgingen.
    Ich selbst habe manchmal den Eindruck, dass einige Kammermusiker heutzutage mit Absicht Schwebungen erzeugen, um den Klang ihrer Instrumente etwas „aufzumotzen“, ohne dabei ein Vibrato spielen zu müssen. Der Begriff Schwebung ist zweimal während der Sendung gefallen, aber mir ist nicht klar, ob es in seinem tatsächlichen physikalischen Sinn gemeint war.


    (das nächst mal will ich versuchen, früher auf eine solche Sendung aufmerksam zu machen, damit mir diese "Strafarbeit" erspart bleibt .... ;)
    Die Reihe ALTE MUSIK wird immer dienstags um 22:00 ausgestrahlt. Nächste Sendung Di 1.3.2011 Ein Streifzug durch barocke Parodien.
    Viel Spaß und viele Grüße s

  • Hallo seicento,


    vielen Dank für den interessanten Bericht. Leider konnte ich ja die Sendung nicht hören....
    Ich bin mit vielen Punkten einverstanden und möchte nur einige kleine Punkte diskutieren:

    Anschließend erklärte die Autorin, dass nicht jedes Instrument die technischen Voraussetzungen mit sich brachte, um ein Vibrato zu erzeugen. Die Bläser praktizierten damals ein Finger-Vibrato und kein Atem-Vibrato, während die Gambisten zwei Finger benutzen mussten um einen ähnlichen Effekt zu erzielen

    Das ist halb richtig, aber in der Ausschliesslichkeit der Aussage insgesamt doch falsch. Ja, es gab das angesprochene Flattement ( Fingervibrato) und es wird sowohl in Quellen erwähnt als auch in den Partituren bisweilen gefordert.
    Trotzdem stimmt es ja nicht, dass z.B. auf einer Barockoboe ein Atemvibrato technisch unmöglich und deswegen heute als historisch falsch anzusehen sei.
    Ich habe unzählige Aufnahmen mit hervorragenden Barockoboisten, bei denen ein geschmackvolles und schönes Atemvibrato immer zu hören ist, das mir aus musikalischer Sicht absolut überzeugend, an manchen Stellen, je nach konkreter Situation schon nahezu zwingend erforderlich erscheint.
    Ob es sich nun um Oboisten von La Petite Bande, Leonhardt Consort, La Chapelle Royale, Amsterdam Baroque Orchestra, Bach Collegium Japan und noch anderen Ensembles handelt: Von denen kenne ich keine Aufnahme, bei der ein Oboist ein Stück von vorne bis hinten Non-Vibrato durchspielt bzw. die klangliche Einöde nur durch ein gelegentliches Fingervibrato auflockert. Das wäre dann schon ein unmusikalischer, schwer erträglicher Dogmatismus.


    Es gab bei den Bläsern auch noch "frémissement", das mit dem "Hauchen der Brust" auszuführen war.
    Dieser starke Effekt wird bei Bach, aber auch vielen anderen barocken und nachbarocken Komponisten gerne eingesetzt.
    In den Noten sieht man z.B. 3 repetierte Viertelnoten, über denen (früher oft falsch als Staccatoanweiseung missverstandene) Punkte stehen, über die dann wieder ein Bogen gesetzt ist. Hier gibt es also einen in Vierteln pulsierenden Klang. Man soll alle drei Noten aus einem Atem spielen (also nicht absetzen), wobei die erste Note, die unter dem Bogen steht, ein stärkeres Gewicht hat.
    Die Entsprechung bei den Streichern wäre dann das Bogenvibrato, ein ebenfalls ständig auftauchender "Spezialfall" eines rhythmisierten Vibratos. Auch hier muss es mit einem Bogenstrich gemacht werden, wobei die repitierten Noten ein leichten Druck bekommen.
    Dass dieses wichtige Thema bei einer Sendung über das Vibrato in der Alten Musik offensichtlich nicht angesprochen wurde, wundert mich etwas.


    (soweit ich das verstehen konnte, soll immer die erste Note einer Viertel-, Achtel- oder Sechszehntelfolge betont sein).

    ...wobei es schlimm wäre, wenn einer, mit dem Tartini unter`m Arm herginge und das schematisch, sklavisch tatsächlich immer so durchzöge.
    Es gibt tatsächlich Situationen, bei denen die Hervorhebung der ersten Note z.B. einer 16-tel Figur sehr schön sein kann. Meistens geht so ein Vibrato dann auch mit einer agogischen Verlängerung und einer dynamischen leichten Betonung einher.
    Nur kommt es eben auf den rhetorisch-figurativen Zusammenhang sehr an und das man es musikalisch-gestisch so gestaltet, dass es überzeugend und organisch klingt.


    Frau Moens-Haenen meint, dass das Vibrato umso gezielter eingesetzt wurde „je rhetorischer die Musik“ war. (Da denkt man doch automatisch an die Oper)

    Diese Auffassung stütze ich ausdrücklich.
    Barockmusik ist Gestik. Man hört durch die Figuren körperhafte Bewegungen, die die Affekte sehr plastisch ausdrücken können. Nun finde ich dabei zwar auch, aber nicht nur an die Oper, sondern auch an geistliche Musik ( z.B. Bachs Kantaten, Oratorien, Messen, Passionen, aber auch frühere geistliche Musik z.B. von Schütz oder Tunder), Concerti ( sehr bekannt die Brandenburgischen Konzerte, oder Concerti grossi von Händel, Telemanns unzählige Konzerte, Corelli, Vivaldi.....), sonstige Instrumentalmusik.....ja, eigentlich kann man keine dieser Musiken aus dem Bereich der musikalischen Rhetorik wirklich ausnehmen.


    Bei meinem Spezialthema, der Bachschen Kantatenwelt ist es so, dass das Orchester und natürlich auch der/die Sänger mit Hilfe rhetorischer Figuren den Text sehr deutlich kommentieren, auslegen, darstellen ( jedenfalls ist das bei entsprechenden Interpretationen hörbar)
    Da gibt es dann sehr viele Gelegenheiten, in denen auch ein aus rhetorischer Sicht motiviertes Vibrato auf bestimmten Tönen wünschenswert wäre.
    Nur um Missverständnisse auszuschliessen: Ein ständiges relativ gleichförmiges Vibrieren auf jedem Ton, wie in dem ersten Klangbeispiel, wäre da natürlich ganz falsch. So etwas klingt m.E. katastrophal und ist dieser Musik abträglich. So etwas meine ich mit den "vielen Gelegenheiten" also nicht....


    Abschliessend möchte ich gerne für ggf. Interessierte noch ein paar Klangbeispiele anführen:


    "http://www.youtube.com/watch?v=Nj_52RiZ6Ms"


    "http://www.youtube.com/watch?v=LbFXc8MGivc"


    Hier hört man die Kombination aus Bläsersolist + Sopranstimme. Nach meinem Dafürhalten werden hier die Fragen Vibrato/Nonvibrato sehr gut gelöst.


    "http://www.youtube.com/watch?v…1&list=PL7DA15090A9936F9D"


    Hier bitte zur Arie " Verachtest Du den Reichtum seiner Gnade...?" vorspulen. Sie beginnt genau auf 4.00
    Die Streicher wechseln ständig zwischen Nonvibrato und Betonungsvibrato. Ein sehr barockes, farbenreiches und rhetorisch ausdrückendes Spiel auf alten Streichinstrumenten ist hier zu hören.
    Das intensive, ernst Ermahnende, das Fragende, immer dem Sprachgestus angepasste "...du wirst doch wohl nicht etwa Gottes Gnade verachten" kommt hier durch die Figuren und deren Spielweise recht plastisch zum Ausdruck, wie ich finde. Durch das Ausdrucksvibrato wirkt in Kombination mit der Einzeltondynamik hier mit, den Affekt beim Hörer "unter die Haut" zu bekommen.
    Bei "weissest Du nicht....." hört man in den Streichern, wie Gottes Güte wie mit einer streichelnden Handbewegung von oben ausgeübt wird, die den angesprochenen "zur Busse locken" soll.
    Bei solch einer Musik gibt es also eine intensive rhetorische Komponente, die durch einen musikalisch bewussten und gleichzeitig geschmackvoll natürlichen Vibratogebrauch unterstützt werden muss.
    Totales Nonvibrato wäre hier also genauso falsch wie das ständige Vibrieren alter Schule.


    Nochmals vielen Dank für die ausgeführte "Strafarbeit" ;)


    :hello:


    Glockenton

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

  • dies ist die Quelle für die vielen Begriffe ;)


    Hallo Glockenton,


    danke für die Korrekturen. Der Begriff flattement ist tatsächlich in der Sendung gefallen und mit "Schmeichelei" übersetzt worden. Später dann (nach dem Geminiani Einspieler) erwähnt Ilona Hanning, dass „De Lusse die Erkenntnisse Geminianis auf die Traversflöte übertrug und der französischen Esthetik anpasste“. Er scheint dieser Quelle zufolge ein Atemvibrato propagiert zu haben. Du hast also recht. Charles De Lusse/Delusse hab ich wegen der unterschiedlichen Schreibweisen seines Namens zunächst nicht googeln können … deshalb hab ich das ausgelassen …. sorry.

    Zitat

    Glockenton: Ausdrucksvibrato


    Danke auch für die Klangbeispiele aus der Kantantenwelt.
    Was die Streichinstrumente und besonders die Violine angeht, so ist es vielleicht gar nicht nötig, den Gegensatz zwischen Instrumental- und Vokalmusik - was das Vibrato angeht - so herauszustellen, wie es in diesem Threat oft passiert ist. Grund für diese Berhauptung ist diese CD - ist eine meiner Lieblings-CDs:



    Der Titel der CD ist sehr bezeichnend: „die Stimme in der Violine“. Am Anfang des 16ten Jahrhundert waren wohl diejenigen Instrumente am beliebtesten, mit denen man die menschliche Stimme am besten imitieren konnte. Dies wird in dieser Besprechung der CD ziemlich schön beschrieben. Enrico Onofri: „Das Komponieren von Sonaten unterschied sich kaum vom Komponieren von Vokalmusik“. Wenn alles stimmt, was in diesem Threat über das „Zittern der menschlichen Stimme“ geschrieben wurde, macht Enrico Onofri alles richtig, indem er auf der CD alle nur denkbaren Verzierungen einschließlich aller Arten von Bebung einsetzt; denn die Musik stammt aus einer Zeit, in der sich die Instrumentalmusik – mit Ausnahme der Tanzmusik – noch nicht von der Vokalmusik emanzipiert hatte. Die Violine auf der CD stellt also noch eine Imitation der Singstimme dar, so dass man bei ihr alles einsetzen sollte, was die Singstimme ausmacht. Vielleicht hat das Vibrato bei Instumenten seinen Ursprung im Gesang. (Das soll jetzt auf keinen Fall als Argument für Dauervibrato ausgelegt werden).


    Grüße s

  • Bei meinen „Rumstöbern“ bin ich kürzlich über die Empfehlung gestolpert, doch auf der Violine die Stahlsaiten durch Darmsaiten zu ersetzen.

    Zitat

    „Das vielfältig variierende Timbre jeder Note (auf Darmseite gespielt) sorgt dafür, dass man es nicht durch dauerndes Vibrato verderben möchte. Andererseits kann das Ohr die unveränderliche Blechernheit einer Metall-Saite nicht lange ertragen. Daher muss es durch ein Vibrato abgedeckt werden.“ (Siehe Beitrag von Carol Holmes).


    Dies ist frei übersetzt, wobei man „brassiness“ statt mit Blechernheit auch mit „Frechheit“ oder „Unverschämtheit“ übersetzen könnte. ;)
    Das Timbre wird auch durch den zeitlichen Verlauf des Frequenzspektrums bestimmt. Soll das bedeuten, dass Darmsaiten natürlich "vibrieren" … ein Naturvibrato aufweisen wie Singstimmen?


    Bereits Michael Praetorius hat die „Messings und Stälene Saiten“ mit den „dermern“ Saiten verglichen. Wenn ich den Text richtig verstehe, bedeutet er, dass

    Zitat

    ...die Instrumente der Geigenfamilie ... außer … wenn sie mit Messings- und Stälenen Saiten bezogen werden, einen stillen und fast lieblichen Resonanz mehr als die anderen,von sich geben. vollständiger Text - hier auf Seite 48


    Mir ist allerdings klar, dass es schwerer ist, auf Darmsaiten zu spielen. Aber ist es richtig, dass Darmsaiten ein natürliches Vibrato haben - Stahlsaiten nicht :?: Wie sind umsponnene Saiten einzuschätzen :?:


    Auch zum Thema (diesmal rechtzeitig): ;)
    Dienstag, 22. März 2011- 22:00 – 22:30; Deutschlandradio ALTE MUSIK Thema: Zierrat als Lebensprinzip
    Die tragende Rolle von 'Agréments' und 'Manieren' im musikalischen Barock
    von Wolfgang Kostujak


    Zitat

    der Programmhinweis:
    „Das Wort Barock stammt aus dem der Portugiesischen. Barocco bezeichnet hier die merkwürdig schiefrunden Ausformungen von Perlen. Wahrscheinlich ahnten die prägenden Persönlichkeiten des 17. und 18. Jahrhunderts nicht einmal im Traum, dass ihre Ära später einmal ausgerechnet nach der Merkwürdigkeit unregelmäßiger Formen benannt werden würde. Und wenn sie es gewusst hätten, wäre es ihnen garantiert nicht wie ein Kompliment vorgekommen.
    Trotzdem packt die Bezeichnung Barock die Kunstströmungen der Zeit bei einer wesentlichen Eigenart: Es geht um Überwindung statischer Formen früherer Epochen durch die Einbeziehung üppiger Verzierungen und die individuelle Veränderung des Regelhaften. Im Hintergrund steht ein unersättlicher Hunger nach Lebendigkeit und Bewegung. Die charakteristischen Ideale der Epoche machen auch vor Musikern nicht halt. Auf der Grundlage der Affektenlehre entwickelt sich europaweit eine neue, individuelle Leidenschaftlichkeit. Ein entscheidendes Merkmal dieser Vitalität ist - wie in der Architektur oder in der Malerei - auch hier die Freude an jeder Form von persönlicher Note - und einer Fülle eigentümlicher Verzierungen.“


    Grüße s