Daniel Barenboim- Meister des seelenvollen schönen Klangs oder der gepflegten Langeweile?


  • Daniel Barenboim? Gefeierter Dirigent? Großer Pianist? Beides? Geht das zwei Seelen in einer Brust? Seine Laufbahn begonnen hat Daniel Barenboim jedenfalls als Pianist- und so soll es hier in diesem Thread vor allem um den Pianisten gehen. Der Dirigent Barenboim besitzt schon einen eigenen Faden, wenn ich mich nicht täusche.


    Daniel Barenboim wurde 1942 in Buenos Aires geboren, wuchs in Israel auf und studierte in Rom und Paris. Ein virtuoser Tastenzauberer a la´Horowitz oder gegenwärtig ist Barenboim nie gewesen- jedenfalls soweit ich seine Aufnahmen kenne. Barenboim besticht vor allem durch seinen schönen Ton.


    Nun die Frage an Euch: Welche Aufnahmen Barenboims schätzt Ihr besonders?


    Bei mir sind es besonders zwei Aufnahmen:


    Da wäre einmal Barenboims Interpretation der Pastorale:



    und seine Einspielung von Mendelssohns Liedern ohne Worte:



    Bei diesem Repertoire scheinen Barenboims Tugenden am besten zum Tragen zu kommen.


    Irgendwie stehe ich dem Pianisten Barenboim etwas ratlos- zumindest in jüngerer Zeit- gegenüber- seine frühen Aufnahmen als Begleiter seiner Frau Jaqueline du Pre oder von Itzhak Perlmann fesseln mich. Späteres hingegen sehr viel weniger. Barenboom nur ein Meister der schönen Töne?
    Herzliche Grüße,:hello::hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Neben der bereits genannten Einspielung der Lieder ohne Worte, die ich für ganz außerordentlich gut gelungen halte (meine Lieblingseinspielung), finde ich auch diese hier noch sehr hörenswert (wenn auch nicht so gut wie Zimerman):


    Schubert Impromptus (DG)



    Loge

  • Mit dem Namen Frédéric Chopin werden die meisten von uns vor allem die lyrischen und träumerischen Momente seiner Werke verbinden. Chopins Nocturnen beschenken uns mit einem unvergleichlichen Hörerlebnis. Die Vielzahl der erhältlichen Interpretationen weist auf ein immenses Interesse der Musikfreunde hin. Insofern ist es nicht immer ganz leicht für einen Pianisten, sich mit einer Aufnahme vom Gros der Einspielungen abzusetzen.


    http://www.amazon.fr/Chopin-No…Entr%C3%A9e/dp/B00006L71R


    Barenboims ergreifend zarte Virtuosität und der volle, warme Klang seines Tastenspiels jedoch lassen den Gedanken an andere Einspielungen schnell verblassen. Sie geben seiner Interpretation eine meditative Tiefe und Andacht, die unsere ganze Aufmerksamkeit verlangt und uns in einen äußerst ergreifenden Kunstgenuss versetzt, der vom ersten bis zum letzten Takt ins Gemüt dringt und bei den Freunden dieser Musik noch lange nachhallt.


  • Ich bin etwas überrascht, wie spärlich "bevölkert" dieser Barenboim-Thread ist. Kürzlich habe ich, darauf aufmerksam geworden durch ein begeistertes Tamino-Mitglied und seinen "Tadel", dass ich mich dazu nicht geäußert hätte ^^ - bis auf op. 111 - Barenboims denkwürdigen Salzburger Beethoven-Abend von 1970 gehört. Es ist auch deshalb so spannend, dem damals 27jährigen Barenboim zuzuhören, weil man hier wirklich nachvollziehen kann, woher die fast schon übergroße Wertschätzung kommt, die ihm damals zuteil wurde - nicht zuletzt von Claudio Arrau und Joachim Kaiser, der dieses Konzert besuchte und darüber in seinem Buch - im Kapitel über die Waldstein-Sonate - schreibt. Ich werde erst noch op. 111 hören - dann die Waldstein-Sonate nochmals über Kopfhörer und sie mit seiner Konzertaufnahme von 2005 vergleichen und mich dann ausführlich zu Wort melden. Ich kann nur schon so viel sagen: Das ist ein wahrlich außergewöhnlicher Konzertabend - für Liebhaber von Klaviermusik und ihrer Interpretation ist dieser Mitschnitt ein unbedingtes "Muss"! :)


    Über Barenboims Aufnahme auf dem für ihn gebauten Maene-Flügel hatte ich einen eigenen Thread eröffnet - auch diese CD sollte man haben und der Hinweis darauf sollte in diesem Thread nicht fehlen (Link siehe unten!):



    Das Hammerklavier als moderner Konzertflügel. Daniel Barenboims Maene-Flügel


    Leider ist meine Zeit zum Musikhören derzeit arg begrenzt. So bin ich auch nicht dazu gekommen, diese 1971 entstandene Aufnahme der Mahler-Lieder mit Fischer-Dieskau zu hören, die seit etlichen Wochen bei mir im Regal steht. Auch darüber werde ich hier noch berichten:



    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber Holger,


    Daniel Barenboim war schon früher einmal unser Thema, allerdings in einem anderen Thread.


    Mir hat sich der Künstler mehr als Pianist eingeprägt denn als Dirigent, aber wenn ich es überschaue, ist er in meiner Diskothek verhältnismäßig wenig vertreten. Allerding habe ich seine erste Gesamtaufnahme der Beethoven-Sonaten auf EMI:

    die es inzwischen in dieser 10 CD-Box von Warner gibt.


    Ich habe die Aufnahmen seinerzeit in einer LP-Sonderauflage erworben, die Ende der 1970er Jahre bei SATURN in Köln preiswert zu haben war. So sah sie aus:

    Beethoven: Die Klaviersonaten [Vinyl Schallplatte] [12 LP Box-Set ...

    Die Aufnahmen entstanden Ende der 1960er Jahre in London, nachdem der junge Pianist Beethovens Klavierkonzerte mit Otto Klemperer eingespielt hatte. Bei ihrem ersten Erscheinen wurden sie ganz überwiegend freundlich aufgenommen, der prominente Kritiker Ulrich Schreiber rückte sie in die Nähe der legendären Schnabel-Aufnahmen aus den 1930ern, indem er meinte, Barenboims Auslegung sei denen von Schnabel in vielerlei Beziehung verpflichtet.


    Die im ersten Eintrag gezeigten Sonaten stammen aus der späteren DGG-Produktion; wie diese ausgefallen ist, weiß ich nicht.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Die Aufnahmen entstanden Ende der 1960er Jahre in London, nachdem der junge Pianist Beethovens Klavierkonzerte mit Otto Klemperer eingespielt hatte. Bei ihrem ersten Erscheinen wurden sie ganz überwiegend freundlich aufgenommen, der prominente Kritiker Ulrich Schreiber rückte sie in die Nähe der legendären Schnabel-Aufnahmen aus den 1930ern, indem er meinte, Barenboims Auslegung sei denen von Schnabel in vielerlei Beziehung verpflichtet.

    Lieber Nemorino,


    das ist die "klassische" Baarenboim-Aufnahme. Ich habe mir aber diese letzte von ihm zugelegt:



    Mal sehen, ob ich nicht doch noch meine Barenboim-Sammlung auch mit dieser ersten Aufnahme der Beethoven-Sonaten aufstocke!


    Ein Barenboim-Klassiker ist auch:



    Dann habe ich noch:



    https://www.amazon.de/Brahms-B…den&qid=1590659250&sr=8-4


    Die Brahms-Sonate ist gut - dagegen ist er im dynamischen Mittelteil der Brahms-1. Ballade - eigentlich kaum zu glauben - "abgesoffen". Offenbar hat er es selbst gemerkt, dass das nicht zufriedenstellend ist. Diese spezielle Ballade ist bei Youtube auch nicht mehr zu hören - warum wohl!? ^^



    https://www.amazon.de/exec/obi…01SMBELS/taminoklassik-21


    Bei Albeniz muss ich sagen, hat ihn Alicia de Larrocha doch deutlich abgehängt und eindeutig die Nase vorn!



    Die Liszt-Konzerte - sehr reizvoll auch, dass sein Freund Pierre Boulez "seine" Staatskapelle dirigiert - sind wirklich ausgezeichnet, zeugen von interpretatorischer Reife, ein ganzes Musikerleben mit Liszt. Barenboim gehört zu den ganz Wenigen, die wirklich den Sinn von Liszts Konzerten verstehen und sie nicht nur als effektvolle Virtuosenstücke betrachten.


    Barenboim als Liedbegleiter - besonders von Fischer-Dieskau, ist natürlich ausgezeichnet:



    https://www.amazon.de/Lied-Lis…oim&qid=1590659007&sr=8-2


    Sehr gut gefällt mir auch dieser Liederabend:



    :hello:


    Liebe Grüße

    Holger

  • Ich schreibe hier aus der Erinnerung, bitte also allfällige Fehler zu verzeihen.

    Im meiner Jugend, also den siebziger Jahren, galt Barenboim als Pianist der ersten Reihe.

    Dann begann er zu dirigieren. Persönlich begegne ich dirigierenden Silisten und Sängern mit Mißtrauen, weil ich den Eindruck habe, daß sie "Verschleisserscheinungen" kompensieren wollen und ich ausserdem der Meinung zuneige, daß "Universalisten" nie so "hervooagend" sein können wie Spezialisten und "Lebende Legenden" auf einem Fachgebiet. Wenn jemand zusätzlich noch für "Soziale Projekte" oder "Politische Überzeugungen", Friedensprojekte" eintritt, dann habe ich einmal mehr den Eindruck, daß der Betreffende mit anderen Dingen auf sich aufmerksam zu machen versucht als mit seiner Virtuosität. Aber das istein persönliche Sicht der Dinge.

    Allgemein hat damals die Kritik - oder korrekter gesagt, ein Teil der Kritiker Spott über Barenboims Dirigat geschüttet, seine langsamen Tempi wurden beanstandet und ironisch kommentiert.

    Im Laufe der Jahre veebbte diese Kritik allmählich und man hat ihn als Dirigenten akzeptiert.

    Ob man ihn mit der Liege "Karajan-Böhm-Bernstein-Klemperer-Furtwängler auf eine Stufe stellt, das weiß ich nicht...Im Gegensatz zu früher, weiche ich keiner Aufnahme mehr aus, die er dirigiert, aber ich kaufe keine nur deswegen weil er dirigiert oder den Klavierteil bestreitet.

    Für mich ein verlässlicher Musiker aber (sehr subjektiv !!) ohne wirkliches Profil, wo er "unverzichtbar" ist.


    mfg aus Wien

    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Auf die Besprechung seines kompletten Salzburger Beethoven-Abends von 1970 werde ich noch kommen, wenn ich auch op. 111 gehört habe. Hier schon einmal der Interpretationsvergleich der "Waldstein-Sonate" - die Aufnahme 1970 verglichen mit der 35 Jahre späteren von 2005:


    Wie man die Waldstein-Sonate „richtig“ spielt – oder: Ein Dialog über Grundprobleme der Beethoven-Interpretation mit den Interpreten


    Schöne Grüße

    Holger

  • Ich werde Barenboim immer dankbar sein, weil ich durch seine herrliche Gesamtaufnahme Bach's WTK I und II mit seinem romantischen Ansatz lieben gelernt habe!

    Und vor ein paar Wochen sah ich ihn zusammen mit seinem Sohn(!) Mozarts Violinsonaten KV 454 und 481 spielen - ich war hingerissen!

    .

    "When I was deep in poverty, you taught me how to give" Bob Dylan

  • Berg- und Talfahrt



    Im Beethoven-Jubiläums-Jahr 1970 (es ist genau 50 Jahre her!) gab der damals 27jährige Daniel Barenboim in Salzburg diesen vielbeachteten Beethoven-Abend. Längst war er als einer der führenden Beethoven-Interpreten seiner Zeit anerkannt - nicht zuletzt von Kritiker-"Papst" Joachim Kaiser. Und wenn Claudio Arrau damals auf die Frage, welche Pianistenkollegen er schätzen würde, spontan neben Wilhelm Kempff nur Daniel Barenboim einfiel, soll das etwas heißen!


    Wenn Barenboim in Salzburg einen Gipfel erstürmt hat, dann mit der Sonate op. 10 Nr. 3. Bleibend in Erinnerung behält man vor allem den mit größter Intensität vorgetragenen langsamen Satz: Bei Barenboim wird das Sehnen der Sehnsucht - nicht zuletzt pianistisch realisiert durch ein fabelhaftes Legato-Spiel - wirklich unendlich lang und damit zum Ausdruck von tiefem Schmerz und aufs Höchste verdichteter Trauer. Und wie unglaublich differenziert Barenboim spielen kann, dem Flügel atemberaubende Farben und Ausdrucksnuancen entlockend! Dazu kommt eine überlegene Gestaltungskraft und ein nahezu vollkommenes Verständnis für die Form und "Logik" von Beethovens Musik, gepaart mit einer immer geistig kontrollierten höchst flexibel die Musik in allen Winkeln aushorchenden Musikalität.


    An Barenboims Interpretation der Waldsteinsonate schieden sich damals die Geister. Igor Strawinsky meinte sogar, Barenboim hätte dieses Beethoven-Stück durch sein langsames Tempo im Rondo-Finale "umgebracht" und Joachim Kaisers Kritik war nahezu vernichtend: Barenboim habe sowohl den Geist als auch den Buchstaben von Beethovens Notentext missachtet. In humoristisch-unterhaltsamer Art besprochen habe ich seine Interpretation hier - als fiktiven Dialog zwischen Artur Schnabel und Wilhelm Kempff:


    Wie man die Waldstein-Sonate „richtig“ spielt – oder: Ein Dialog über Grundprobleme der Beethoven-Interpretation mit den Interpreten


    Ich kann die Einwände von Kaiser insbesondere nachvollziehen, finde aber, dass hier ein Interpret den seltenen Mut hat, eine Interpretationsidee, die zweifellos radikal und anstößig ist, konsequent umzusetzen. Das Resultat ist nicht nur eine besonders "schöne" Interpretation, sondern auch eine, die zum Nachdenken anregt. Wirklich himmlisch gespielt ist der Introduzione-Satz - dieser allein schon macht diese Aufnahme hörenswert. Ich ziehe diese seine frühe Aufnahme seiner späten Konzertaufnahme von 2005 vor - die Souveränität und Geschlossenheit von 1970 hat Barenboim finde ich 35 Jahre später nicht mehr ganz erreicht.


    Gar nicht einverstanden bin ich allerdings mit Barenboims Interpretation von op. 111. Noch nie habe ich die Einleitung des Kopfsatzes so zerdehnt gehört. Das geht leider auf Kosten der Einheitlichkeit - die beiden Sätze heben sich so auch vom Charakter nicht mehr deutlich ab. Die Arietta ist viel zu langsam gespielt, die Musik steht quasi still. Dann zieht Barenboim das Tempo an, um es schließlich beim Aufbau des Triller-Höhepunktes wieder herauszunehmen. Das zerstört nicht nur die Sukzession, sondern beachtet auch Beethovens Vorschrift "Listesso tempo" nicht, die darauf hindeutet, dass eine homogene dynamische Entwicklung der Sinn des Satzes ist. Der Triller beginnt mit einem etwas unsinnlichen Forte, das Barenboim dann freilich mehr und mehr ins Leise und ganz Leise zurücknimmt. Die eigentliche klaviertechnische Gemeinheit ist die zweite Trillerkette: Der Triller liegt von Beethoven unverfroren gegen die Anatomie der Hände gesetzt im 4. und 5. Finger und man muss dazu mit dem Daumen eine Quinte und Oktave greifen. Beethoven will nun, dass man den Triller oben durchzieht - was nur ein einziger Pianist klaviertechnisch jemals perfekt bewältigt hat: der "Trillerkönig" unter den Pianisten Arturo Benedetti Michelangeli. Während selbst ein Maurizio Pollini mit über 80 den Triller zwar auch wie die komplette Pianistenzunft außer ABM immer wieder auflöst, wenn der Daumen gedrückt wird, das Aufbrechen des Trillers aber geschickt zu kaschieren versteht, dass es kaum merklich wird (so war es auch im Konzert in Köln 2019, wo ich Pollini mit den drei letzten Beethoven-Sonaten hörte, dasselbe Programm, was sie wenig später in München aufgenommen haben und das inzwischen auf CD erschienen ist), bricht beim 27jährigen Barenboim im Vollbesitz seiner virtuosen Kräfte jedesmal ein großes Luftloch auf, wenn der Daumen aktiv wird. Aber das allein störte mich nicht, würde denn sein Interpretations-Konzept aufgehen. Barenboims Vortrag von op. 111 ist aber leider nach den beiden Gipfelstürmereien zuvor, die höchste Erwartungen wecken, eine doch etwas enttäuschende Talfahrt. Trotzdem sollte diese denkwürdige Aufnahme in keiner Klaviersammlung fehlen! :)


    Schöne Grüße

    Holger