m-mueller: Unverzichtbare Klassikaufnahmen

  • Zunächst mal eine kurze Charakterisierung meines generellen Geschmacks, daran kann dann jeder erkennen, ob es sich lohnt weiterzulesen, oder ob ich völlig inkompatibel bin.


    Ich höre viel Musik, bestimmt etwa 2 Stunden pro Tag im Schnitt (sehe dafür weniger fern), neben Klassik vor allem Jazz, Blues, argentinischen Tango und ähnliches und etwas Rock (eher altes Zeugs wie Pink Floyd).


    In der Klassik habe ich den Hauptschwerpunkt im Barock (Bach, Händel), höre aber auch gern Renaissance-Chöre (die entsprechende Instrumental-Musik eher nicht), mag aber auch Ansätze bei tonaler neuerer Musik (Pärt, Lauridsen, Rutter, minimal-music).


    Im Rahmen der Hoch-Klassik gefällt mir mal dies, mal jenes (z.B. Beethoven Klavierkonzert 5, das meiste von Chopin, einiges von Schubert, Schumann, Mendelssohn, recht viel von Mozart), aber insgesamt hat diese Art der Musik weniger als 5% "Marktanteil" bei mir.


    Einen weiteren Schwerpunkt habe ich bei klassischer Gitarrenmusik.


    Ich lege Wert auf guten Klang, eine mittelprächtige SACD wird mir in der Regel lieber sein als eine verrauschte, frequenzeingeschränkte "Jahrhundert-Aufnahme" alter Meister.


    Demnächst dann weiter mit den konkreten Empfehlungen.

  • Es ist schwer, mit einer Empfehlungsliste anzufangen, weil sich so vieles auch für einen ersten Eintrag anbietet. Wenn man aber neben der Musik auch die Tonqualität berücksichtigt, wird das Feld schon übersichtlicher.


    Vier der besten CDs, die ich kenne, sind die


    Chandos Anthems, Händel, The 16 Choir and Orchestra



    Sehr abwechslungsreich in der Abfolge von Arien, Duetten und Chorstücken, großartig interpretiert und bestens aufgenommen gehören sie seit vielen Jahren zum Zentrum meines musikalischen Universums

  • die nächste CD im innersten Kreis:


    Tommaso Albinoni - Concerti a cinque op. 5 - Pina Carmirelli, I Musici


    Seit 30 Jahren meine Referenz-CD für Orchesteraufnahmen, bessere Orchestermusik habe ich in dieser Zeit nicht gehört (wofür die Musik stärker verantwortlich ist als Interpretation oder Tontechnik, aber auch die sind beide ausgezeichnet).


    Die Nummern 4 und 5 haben mir an den Morgen vor den Examensklausuren jeweils die bestmögliche Vorbereitung gegeben.

  • absolut kongenial ist auch das Zusammentreffen eines der besten Pianisten unserer Zeit mit Bearbeitungen von Werken des besten Komponisten überhaupt. Man sollte meinen, das sei weder möglich noch nötig, hat doch der Beste schon Hand angelegt - aber nein: diese Transkriptionen sind meist NOCH besser als das Original.


    Leider gibt es die CD anscheinend nicht mehr als einzelne zu kaufen, sie ist aber in diesem Konvolut enthalten, das inzwischen fast billiger ist als der Preis, den ich für die einzelne CD gezahlt habe:


    Weissenberg spielt Transkriptionen von Bach-Stücken diverser Komponisten. Der Kracher schlechthin: BWV 543, an sich für Orgel komponiert, von Liszt auf Klavier transkribiert. Aber auch das stille Präludium h-moll (nach dem Präludium e-moll, BWV 855), bearbeitet von Siloti, ist von einer ganz ungeheuren Intensität.

  • zwei zentrale CDs aus den Interessengebieten Gitarre und Chormusik



    Auf der ersten CD spielt Pepe Romero die Suite für Violine Solo von Bach (BWV 1004) auf Gitarre, makellose Technik, die den Hörer die enormen Schwierigkeiten vergessen machen, stupende Musikalität, eine der Großtaten der Gitarrenmusik.


    Auf der zweiten CD singt einer der m.E. drei besten Chöre, die Cambridge Singers, ihr bestes Programm: Musik der englischen Kirche von der Renaissance bis in moderne Zeiten. Beeindruckend, wie gut diese vergleichsweise alte Scheibe (1993) aufgenommen ist.

  • zurück zu Bach:



    neben dem WTK sind wohl die Goldbergvariationen die wichtigste Klaviermusik, und hier liegt einer der seltenen Fälle vor, in der Glenn Gould nicht die m. E. beste Aufnahme eingespielt hat: die kommt von Andrej Gavrilov.


    Von den Gouldbergs würde ich die Zenph Reperformance auswählen, eine CD, die, basierend auf Gould I (1955), die Anschläge Goulds von damals auf einem heutigen Gerät simuliert und mit perfekter Tontechnik präsentiert.

  • Bachs Orgelwerk in Gänze wird am besten repräsentiert durch



    eine Gesamteinspielung mit 17 CDs, die ein wenig zur Überbetonung des Brillanzbereichs neigt (hört sich leicht zu scharf an), aber dennoch die beste Gesamteinspielung der knapp 10 Einspielungen ist, die ich kenne.

  • Das Beste von einem anderen der größten Komponisten, Mozart, ist das Requiem.


    Hier in einer auch vom Klang her phantastischen Aufnahme:


  • Die nächste unverzichtbare Aufnahme aus der Gitarrenmusik ist



    Eine 11-saitige Gitarre hatte ich bis dato noch nicht gehört. Aber sie ist unzweifelhaft eine Gitarre (hört sich auch kein bißchen wie Laute an), und Söllscher spielt mit ihr wunderbare Stücke.


  • Eine ganz besondere CD ist diese, die die beste Geigerin unserer Zeit (and for all that matters: den besten Geiger) mit einer der großen Geigen (Stradivari) in allerbeste Spiellaune wiedergibt:


    Klangtechnisch, interpretatorisch und musikalisch allererste Sahne!


  • Nach dem Wohltemperierten Klavier und den Gouldberg-Variationen ist die für mich wichtigste Quelle für wohlstrukturierte Klaviermusik die nebenstehende.


    Ein weiteres Universum, in das man sich hineinfallen lassen kann.

  • mal wieder was Nachbarockiges:



    Zitat von Theophilus

    ...Aber es gibt dennoch Steigerungsmöglichkeiten! Wenn der Fazioli F-280 ein Sechszylinder ist, dann könnte man den F-308 als Achtzylinder bezeichnen. Ingeborg Baldaszti spielt ihn auf ihrer Debut-CD "La Campanella". Das Gerät müsste waffenscheinpflichtig sein und was Frau Baldaszti hier an Klangfarben aus dem Instrument holt, spottet jeder Beschreibung. Was die Toningenieure Jerry Pacher und Jürgen Blaskowits verewigt haben, ist für mich bislang die klanglich ultimative Klavieraufnahme.


    Und so sehe ich das auch.

  • In letzter Zeit oft gehört:



    Morten Lauridsen ist ein US-amerikanischer Komponist, der sehr m.E. nach interessant komponiert - im Wesentlichen tonal, aber immer mal wieder wird geschickt eine "passende" Dissonanz-Struktur eingesetzt. Auf der CD sind einige Stücke enthalten, die mit zu den besten Chormusiken zu rechnen sind, die seit dem Barock erschienen sind.


    Der Chor ist sehr gut, die Klangqualität ebenfalls.

  • Der Thread ist seit langer Zeit nicht bedient worden, die letzten Einträge sind vor der youtube-Zeit erfolgt, also werde ich jetzt konkrete Musik statt abstrakter Titel einstellen - grundsätzlich nur die allerbesten Stücke, also 10en, aber davon gibt es inzwischen - auch wegen dieses Forums - doch einige.


    Welches Stück nun das allerbeste ist - ich weiß es nicht, und es ändert sich auch von Zeit zu Zeit.


    Hier möchte ich für heute Bach-Liszt BWV 543 anbieten, natürlich in der Version von Alexis Weissenberg


  • Musik, die in der Woche der abschließenden Studienexamen gehört wurde, um den Kopf frei zu bekommen - morgens früh, bevor zu den Klausuren aufgebrochen wurde


  • ...is' jetzt aber nicht so'ne ganz klassische Klassik-Aufnahme...;)

    Hörst Du´s nicht?

    Diese Musik, der eine über den reinen Unterhaltungseffekt hinausgehende, auf eine Aussage hin ausgerichtete kompositorische Intention zugrunde liegt?

    Insofern ist das "E-Musik", "klassische Musik" in dem kategorial weiter gefassten Begriff, wie ein modernes Musik-Forum wie "Tamino" ihn sich zur Grundlage nehmen muss.

    Das ist "klassischer Jazz", den Keith Jarrett hier vorlegt. Und dass er tatsächlich, was die kategoriale Einordnung von Musik anbelangt, nicht antiquiert engstirnig denkt, hat er damit gezeigt, dass er u.a. auch "klassische Musik" im herkömmlichen Sinn eingespielt hat: Das "Wohltemperierte Klavier" und die "Goldberg-Variationen" zum Beispiel.

  • ich sach ma so: da es sich hier um MEINE Klassiker handelt, sind Musikstücke, die mich 40 Jahre lang begleitet haben, als absolute Klassiker einzustufen. Sollte ich 80 Jahre alt werden (wenn ich Glück habe), sind die 40 Jahre ungefähr die Hälfte des Lebens. Läßt man die westliche Musikgeschichte um 1000 a.D. beginnen, ist Blackberry Winter dreisatzmäßig um 1500 a.D. erschienen - viel klassischer geht's gar nicht.


    Und außerdem vielen Dank an Helmut für den kategorial sehr feinsinnigen Sophismus, mein Schmunzeln reichte von Ohr zu Ohr.

  • Ein Klassiker aus der neuesten Zeit, das Husarenstück meines neuen Lieblingschors Voces8, die Kantate BWV 150, Nach Dir, Herr, verlanget mich, die Bach als Organist in Arnstadt (da war er um die 20 Jahre alt) verfaßt hat.


    Ein kleiner Chor und ein kleines Orchester bieten zusammen mit einer exzellenten Aufnahmetruppe eine Qualität, die alles andere, was ich bisher an Bach-Kantaten gehört habe, selbst Aufnahmen solcher Größen wie Gardiner mit dem Monteverdi-Chor, deutlich in den Schatten stellt, sei es aufgrund der Klarheit und Konstanz (Vibratoarmut) der Stimmen, der Präzision der Einsätze (z.B. die Killerstelle von 9:07 bis 9:11), sei es aufgrund der Ausgewogenheit und Schönheit des Chorklanges oder der wunderbaren Qualität jeder einzelnen Stimme.


    Das 7-Leute-Orchester, die Academy of Ancient Music (Teil?), liegt auf der Leistungshöhe des Chores.


    Ebenso großartig ist die Aufnahmetechnik, die visuell mit einer 4K-Aufnahme aufwartet, der aber, wichtiger, eine enorme Klarheit der Audio-Aufnahme gelingt.


  • Hörst Du´s nicht?

    Diese Musik, der eine über den reinen Unterhaltungseffekt hinausgehende, auf eine Aussage hin ausgerichtete kompositorische Intention zugrunde liegt?

    Insofern ist das "E-Musik", "klassische Musik" in dem kategorial weiter gefassten Begriff, wie ein modernes Musik-Forum wie "Tamino" ihn sich zur Grundlage nehmen muss.

    Das ist "klassischer Jazz", den Keith Jarrett hier vorlegt. Und dass er tatsächlich, was die kategoriale Einordnung von Musik anbelangt, nicht antiquiert engstirnig denkt, hat er damit gezeigt, dass er u.a. auch "klassische Musik" im herkömmlichen Sinn eingespielt hat: Das "Wohltemperierte Klavier" und die "Goldberg-Variationen" zum Beispiel.

    Ich sach' ma' so: Klassik ist für mich nicht das Gegenteil von Unterhaltung, aber Klassik ist ein anderes Musik-Genre als Jazz. Darüber, dass Jarrett ein überragender Jazz-Pianist (und wohl auch ein brauchbarer Klassik-Interpret, ich kenne seine Einspielungen nicht) ist, brauchen wir nicht zu streiten, da sind wir uns einig. Dass er Werke aus beiden Genres gespielt hat, sagt ja aber noch nicht, wie er sie zu-/einordnet, sondern nur, dass er klassische Musik auch schätzt.

    Herzliche Grüße
    Uranus

  • Gestern hatte ich die Kühnheit, mir mal den hier hochbesungenen älteren Bach zu Gemüte zu führen. Eingangschor "Matthäuspassion", Dirigent: Furtwängler. Mit glasigen Augen durchgestanden. Dann dasselbe Stück, Dirigent: Klemperer. Nachdem man mich wiederbelebt hatte, trank ich erstmal ein großes Bier. Um das alles auszugleichen, habe ich hierhin geklickt. "Solange war der Pingel krank, nun lebt er wieder, Gott sei Dank!" Es lebe die Trüffelwiese und das dazugehörende Borstentier.

    Ich habe noch nicht alle Musik gehört. Aber sie steht auf meiner Liste (frei nach Susan Sontag)

  • Machen die Kombinationen Bach-Furtwängler und Bach-Klemperer derart gewaltigen Bierdurst? Noch tiefer in Sorge frug ich mich, ob sie gar Krankheit auslösen, fällt dieses Stichwort doch in Deinem Beitrag, Dr. Pingel. Wiederbelebung, auch der Begriff beunruhigt...


    ^^