Der Musiker Gräber

  • Anton Rückauf - *13. März 1855 Prag - † 19. September 1903 Alt-Erlaa (bei Wien)


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    Zum heutigen Todestag von Anton Rückauf


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    Hier steht eine andere Jahreszahl als in den Nachschlagewerken


    Anton Rückauf hat zwar auf dem Wiener Zentralfriedhof ein prächtiges Grabdenkmal, aber er ist heute als Musiker kaum noch bekannt.
    Er besuchte in Prag das renommierte Proksch-Institut, wo er von Marie Proksch am Klavier unterrichtet wurde, die internationale Erfahrungen von Paris mitbrachte, und die pädagogische Arbeit ihres Vaters fortführte. Außerdem besuchte er die alte Prager Orgelschule bei den Lehrern František Zdeněk Skuherský und František Blažek.
    Nach seiner Ausbildung war er selbst am Procksch´en Institut (so die Schreibweise in einer Zeitung von 1903) als Lehrer tätig.
    1878 kam Anton Rückauf dann nach Wien, denn er hatte einige Lieder komponiert und Johannes Brahms war aufmerksam geworden und verschaffte Rückauf ein Stipendium, was dem jungen Mann ermöglichte, bei Gustav Nottebohm und bei Navratil Kontrapunktstudien zu machen. Im Klavierspiel holte er sich bei Theodor Leschetitzky den letzten Schliff.
    Anton Rückauf kam nun in Wien mit dem bekannten Tenor Gustav Walter in Kontakt, mit dessen Unterstützung er in adeligen Kreisen verkehren konnte.
    Von 1882 bis 1984 unternahmen die beiden längere Konzertreisen nach Deutschland; ansonsten gab Rückauf Klavierunterricht und komponierte Lieder.

    Die Liederabende des Duos Walter / Rückauf müssen - orientiert man sich an zeitgenössischen Zeitungsberichten - in dieser Zeit etwas ganz Besonderes gewesen sein.
    Ein in Frakturschrift gesetzter Zeitschriftenbeitrag sei hier in modernen Lettern, aber originaler Schreibweise eingestellt; das hier Beschriebene stammt aus einer Veröffentlichung vom 21. September 1903 und zeigt das öffentliche Wirken von Anton Rückauf recht anschaulich.


    »Es war die Zeit, als Gustav Walter begann, durch seine unvergleichliche Kunst die Schätze unserer reichen Liederliteratur beim Publicum zu erneutem Ansehen zu bringen. Damals associirte er sich mit Anton Rückauf, der Jahre hindurch nicht nur sein untergeordneter Begleiter, sondern ein mitempfindender Freund und Künstler war, der es verstand, die Intentionen Walter´s mit den eigenen in harmonischen Einklang zu bringen. In jener Zeit bildete das Concert Walter´s den einzigen Liederabend der Saison. Daß ein einziger Sänger den ganzen Abend hindurch nur Lieder singen sollte, war eine Neuerung, deren Gelingen nicht ohneweiters gesichert war. Man war früher gewohnt, Lieder nur in Concerten mit sogenannten gemischten Programmen zu hören, und hielt das Dominiren eines Künstlers im Conzert für eine unerhörte Zumutung, die eine gefährliche Monotonie zur Folge haben müßte. Aber ganz so wie früher die Clavierspieler, wußten nun auch die Sänger diese Bedenken zu zerstreuen, und das Publicum gewöhnte sich an die Specialisirung im Kunstgenuß ebenso wie auf anderen Gebieten. Dieser Erfolg war zum nicht geringen Theil ein Verdienst Rückauf´s, der als selbständige künstlerische Persönlichkeit mit seinen Claviervorträgen etwas Abwechslung in das Programm brachte. Keiner unserer jetzigen ›Begleiter‹ hat ihn in dieser Eigenschaft auch nur annähernd erreicht. Das Künstlerpaar Walter-Rückaufhat mit seinen Concerten Schule gemacht.
    In der vorigen Saison hatten wir schon 76 solcher Liederabende zu verzeichnen, von denen freilich nur ein kleiner Theil die Bedeutung der Concerte Walter´s erreichte. Längst verschollene Lieder wurden damals der Vergessenheit entrissen, ältere Perlen in vollendende Fassung gebracht und eine ganze Anzahl neuer Compositionen angeregt.
    Rückauf´s Talent empfing von dieser Thätigkeit die fruchtbarste Anregung, die es dem Componisten ermöglichte, auch selbst kleine Liedwerke zu schaffen, die zeitweilig eine ungewöhnliche Popularität errangen. Sein Stilo lag ungefähr dem von Robert Franz nahe, obgleich auch Brahm´s Jugendwerke auf ihn nicht ohne Einfluß geblieben sind.
    Die modernste neudeutsche Schule lag Rückauf fern, und er trat im Laufe der Jahre als Componist in demselben Maße zurück, als jene an Boden gewann.«


    Anton Rückauf hat sich auch als Komponist von Kammermusik und Opern versucht, konnte aber nicht den Erfolg verbuchen, den er zeitweilig mit seinen Liedkompositionen hatte.
    Seine Oper »Die Rosenthalerin« wurde in Wien abgelehnt, dann aber schließlich in Dresden 1897 ohne durchschlagenden Erfolg aufgeführt.
    Zu seinem Lebensende hin leitete er sehr erfolgreich den Evangelischen Singverein, aber damit war kein Weltruhm zu erreichen.


    Die Herzogin von Oldenburg hatte Anton Rückauf das Schloss Neu-Erlaa (heute 23. Wiener Gemeindebezirk) als Sommeraufenthalt zur Verfügung gestellt, er war schon seit mehr als einem Jahr gesundheitlich angeschlagen und gerade von einem Kuraufenthalt aus Karlsbad zurückgekommen. Er selbst soll jedoch noch Schaffensdrang auf Jahrzehnte hinaus verspürt haben, aber sein Umfeld merkte, dass es dem Ende zu ging. Er hatte ein Krebsleiden und starb an einem Samstag, abends um halb neun, am 19. September 1903.

    Praktische Hinweise:
    Das Grabmal von Anton Rückauf befindet sich auf dem Zentralfriedhof Wien, Simmeringer Landstraße 234.
    Vom Tor 2 kommend geht man der Hauptachse geradeaus und erreicht Gruppe 32 A kurz nach den Alten Arkaden links des Hauptweges.
    Man kann von etwa drei bis fünf Gehminuten ausgehen, Friedhofspläne stehen ausreichend zur Verfügung.

  • Paul Badura-Skoda - * 6. Oktober 1927 Wien - † 25. September 2019


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    Zum heutigen Todestag von Paul Badura-Skoda


    Der kleine Paul sprang einst recht lustig zwischen den Gräbern des Ottakringer Friedhofs herum, es war für ihn ganz selbstverständlich, dass hier Verstecken und Fangen gespielt wurde, für ihn war nur betrüblich, dass hier keine Eisenbahnlokomotive durchfuhr.
    Fast jeden Sonntag wurde der Friedhof von der Familie besucht. An seinen Vater hatte Paul keine direkte Erinnerung, denn er war erst vier Monate alt als Ludwig Badura an den Folgen eines Motorradunfalls starb.


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    Pauls Zugang zur Musik vollzog sich ganz natürlich, denn seine Mutter hatte Zimmer zu vermieten und wählte unter den Interessenten Frau Marta Wiesenthal aus, eine Klavierlehrerin.
    Bei ihr begann dann für den sechsjährigen Knaben der Klavierunterricht.


    Am Wiener Konservatorium hatte der Student in Prof. Viola Thern, die einer Musikerdynastie entstammte, in Sachen Klavier wieder eine weibliche Bezugsperson, die er später als ›einer Art Leitperson‹ bezeichnete. Aber Badura-Skoda studierte nicht nur Klavier, sondern auch Dirigieren, wofür an der Hochschule Prof. Felix Prohaska zuständig war.
    In beiden Fächern machte er dann 1948 seinen Hochschulabschluss mit Auszeichnung und 1949 wollte ihn kein geringerer als Josef Krips zu seiner Assistenz an die Wiener Staatsoper holen und lockte mit dem Lob: ›Sie sind der geborene Dirigent!‹
    Allerdings wurde der junge Pianist von seinem Manager dahingehend beraten, dass er besser seine Pianisten-Karriere vorantreiben sollte, denn noch vor seinem Abschluss gewann der strebsame Pianist den 1. Preis beim Österreichischen Musikwettbewerb, dem noch Siege bei Wettbewerben in Budapest und Paris folgten - darauf ließ sich aufbauen.
    Der in Wien errungene erste Preis beinhaltete auch ein Stipendium für Edwin Fischers Meisterkurs in Luzern, wobei das in dieser Zeit auch außermusikalisch einen Wert an sich darstellte. Auch hochbetagt kam Badura-Skoda immer und immer wieder auf Edwin Fischer zurück, der für ihn ein Leitstern war.


    In der Kriegszeit konnte die Familie bei einem Bauern in der Nähe von Amstetten unterkommen, den sein Stiefvater, Anton Skoda, ausfindig gemacht hatte. Die Familie lebte dort offiziell als Landhilfsarbeiter, inoffiziell hatte er ein Klavier und ein Akkordeon, mit dem er bei Hochzeiten aufspielen und auch für ein paar Stunden die Schrecken des Krieges vergessen konnte.


    Und nach dem Krieg ging es in der Tat schnell voran; entscheidenden Anteil daran hatten Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan, denn sie engagierten Badura-Skoda als Solist für Konzerte. So spielte Badura-Skoda zum Beispiel 1949 im Wiener Musikverein mit den Wiener Philharmonikern unter Furtwängler Mozarts Konzert für zwei Klaviere in Es-Dur, KV 365; seine Klavierpartnerin war Furtwänglers Tochter Dagmar Bella.
    Karajan war damals zwar noch nicht der ›ganz große‹ Karajan der späteren Jahre, aber Badura-Skoda berichtete vom damaligen Engagement, dass Karajan ihm eine ganze Woche lang Klavierunterricht erteilte, um ihm zu erklären, wie er das Stück zu spielen habe.
    Ein Karrierehöhepunkt folgte dem andern; bei den Salzburger Festspielen 1950 sprang er für den erkrankten Edwin Fischer ein, wo er neben Wolfgang Schneiderhahn und Enrico Mainardi musizierte. Ab 1954 war Badura-Skoda Fischers Assistent, nachdem er seit 1948 bei ihm Meisterkurse besucht hatte.


    Schon ab 1950 kann man von einer großen internationalen Karriere sprechen, denn da gab es Konzerttourneen nach Australien, USA, Kanada, Mexiko und Südamerika; später dann auch nach Japan, in die Sowjetunion und nach China, wo Badura-Skoda als erster westlicher Pianist nach der Kulturrevolution auftrat.


    1951 hatte Paul Badura-Skoda einen Auftritt als Ehemann, er heiratete die 22- jährige Eva Halfar, eine Musikwissenschaftlerin, die in ihrem Genre ebenfalls eine internationale Karriere zustande brachte und dennoch vier Kindern ins Leben half, darunter der Pianist Michael Badura-Skoda (1964-2001).


    Eva Badura-Skoda promovierte mit 24 Jahren, was heute kaum noch vorstellbar ist. Das Ehepaar arbeitete musikwissenschaftlich zusammen, zum Beispiel bei dem Buch ›Mozart -Interpretation‹, das 1957 zunächst in deutscher Sprache erschien und später in Englisch und Japanisch veröffentlicht wurde. Nachdem ein halbes Jahrhundert verstrichen war, hatten beide dann 2008 die Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte in einen erweiterten Text (474 Seiten) einfließen lassen. Auch zu dem Buch ›Bach Interpretation‹ (1990) hat Ehefrau Eva einiges beigesteuert.
    Bei all dieser Zusammenarbeit gab es jedoch auch im Garten der Villa noch ein Übungsstudio für den Pianisten.


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    Etwas von seinem zweiten Ausbildungszweig an der Hochschule kam 1956 zum Tragen, als er mit dem Taktstock und einem Kammerorchester der Wiener Symphoniker auf einer Tournee durch Italien unterwegs war.
    Aber als Pianist waren seine Auftritte eine Aneinanderreihung von Superlativen; bei seiner ersten Japan-Tournee 1959/60 trat er allein in Tokio 14 Mal auf.
    Im Beethoven-Jahr 1970 spielte und kommentierte er zusammen mit dem befreundeten Jörg Demus alle Klaviersonaten Beethovens für das Deutsche Fernsehen. Zyklische Aufführungen der 32 Beethoven Sonaten folgten in Mexiko, Chicago, Paris, London, Wien und Barcelona.
    Er ist wohl der einzige Pianist, der wiederholt alle Sonaten von Mozart, Beethoven und Schubert sowohl auf Pianoforte als auch auf modernem Flügel auf CD aufnahm - aber auch öffentlich aufführte.
    Sowohl Frau Eva als auch Paul Badura-Skoda beschäftigten sich intensiv mit der Entwicklung des Hammerklaviers. Er sammelte über viele Jahre hinweg historische Klavierinstrumente; Große Teile dieser Sammlung waren seit 2001 als Leihgabe auf Schloss Kremsegg untergebracht, aber 2018 wurde das Musikinstrumentenmuseum geschlossen.


    Er sammelte, weil es ihn interessierte, wie es wirklich geklungen hat, und er wollte herausfinden, was die Absicht des Komponisten war. In diesem Zusammenhang sagte er einmal:


    »Es ist ja das Schöne, dass es gerade in der Musik so viele Möglichkeiten gibt. Die Noten stehen fest - aber jeder kann etwas hineinlegen. Und es gibt manchmal große Momente, in denen man über sich hinausgetragen wird und spürt: Nicht ich spiele, sondern es spielt, wie der große Edwin Fischer einmal sagte.«


    Spitzenmusiker wie Badura-Skoda arbeiten naturgemäß auch mit anderen großen Musikern zusammen, was in der Regel professionell und auf hohem Niveau von statten geht.
    Bei Paul Badura-Skoda nehmen aber zwei Kollegen eine Sonderstellung ein, wo neben dem professionellen Musizieren auch echte und tiefe Freundschaften entstanden.
    Da war einmal der Pianistenkollege Jörg Demus, der vor allem als Begleiter großer Stimmen bekannt war, die beiden waren fast gleichaltrig. Sie spielten als alte Herren zusammen noch ein Konzert in Linz, da stand Demus zwei Monate vor seinem 90. Geburtstag und Badura-Skoda hatte am Vortag gerade seinen 91. Geburtstag gefeiert. Die ›Salzburger Nachrichten‹ berichteten, dass bei der vierhändig gespielten Zugabe keiner im Saal mehr sitzen blieb; die Begeisterung war Riesengroß.
    Die in Freundschaft mündende Bekanntschaft mit David Oistrach reicht in den Anfang der 1960er Jahre hinein; 1971 kam es bei der Salzburger Mozartwoche zum ersten gemeinsamen Sonatenabend; beide sollen ausgezeichnete Schachspieler gewesen und hatten das auch ausreichend gepflegt, wenn sie nicht gerade mit ihren Instrumenten zu tun hatten.


    Paul Badura-Skoda war auch ein begeisterter und begeisternder Pädagoge, der in dieser Eigenschaft in der Welt herumreiste. Von 1966 bis 1971 war er Artist in Residence an der University of Wisconsin und 1974 unterrichtete er als Gastprofessor am Curtis Institute of Music in Philadelphia. Auch der deutschsprachige Raum wurde nicht ausgespart, von 1975 bis 1981 lehrte er an der damaligen Folkwang Musikhochschule in Essen und 1981 kehrte er zu seinem Ursprung zurück und wurde ordentlicher Professor für Klavier an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien, wo er bis zu seiner Emeritierung 1994 tätig war.
    Auch als Jurymitglied bei diversen Wettbewerben war Badura-Skoda ein gefragter Mann; so war er 1987 Jurymitglied beim Santander Paloma O´ Shea Klavierwettbewerb, den damals David Allen Wehr gewann.
    1990 und 1995 Jurymitglied beim Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau und 2013 saß er beim Internationalen Deutschen Pianistenpreis in Frankfurt am Main in der Jury.


    Bezüglich zeitgenössischer Musik ist das freundschaftliche Verhältnis zu Frank Martin zu erwähnen, das sich mit einem Brief vom 11. Juni 1965 anbahnte, den Badura-Skoda, der damals schon ein renommierter Pianist war, an Frank Martin schrieb:


    »Verzeihen Sie, wenn ich mich mit einer ungewöhnlichen Bitte an Sie wende. Schon während meiner Studienzeit am Konservatorium hat mich Ihre Musik tief beeindruckt ...


    Ich möchte Sie aber nicht mit Elogen, die Sie wahrscheinlich all zu oft zu hören bekommen, langweilen, sondern gleich zum Kern der Sache vordringen: es würde mich freuen, wenn Sie für mich ein neues Klavierkonzert schreiben könnten ...«


    Der Briefwechsel erfolgte überwiegend in Französisch während der letzten neun Lebensjahre des Komponisten und informiert über die gute Zusammenarbeit der beiden. Frank Martin hat zwei Werke für Klavier im Auftrag von Badura-Skoda geschrieben und mit einem gewissen Stolz zitierte der Pianist den Komponisten, der nach der Uraufführung seines Zweiten Klavierkonzerts folgende Widmung schrieb:


    »Du hast das Größte fertiggebracht. Du hast mich von meiner eigenen Komposition überzeugt.«


    Die umfangreichen Aktivitäten und die lange Lebensspanne brachten es mit sich, dass Paul Badura-Skoda mit äußeren Zeichen der Anerkennung geradezu überschüttet wurde.

    Neben Ehrendoktorwürden mehrerer Universitäten wurde Paul Badura-Skoda das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, das Große Silberne Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich und das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien verliehen und 1978 erhielt er den Bösendorfer-Ring, welchen vor ihm nur Wilhelm Backhaus trug. 1993 wurde der Künstler zum ›Chevalier de la Légion d'honneur‹ ernannt und 1997 zum ›Commandeur des Arts et des Lettres‹.


    Irgendwie passt es nicht so recht zu all diesen Ehrungen, wenn Paul Badura-Skoda - wohl mit einiger Verbitterung - in der Rückschau feststellen musste:
    »Warum ich seit 50 Jahren nicht mehr nach Salzburg eingeladen wurde, verstehe ich nicht. Ich kann ohne Salzburg leben - und umgekehrt auch. Aber es gibt auch die Schubertiade in Vorarlberg. Ich habe alle Schubert-Werke gespielt, aber die haben mich von Anfang an vollkommen ignoriert. Freunde und Manager haben Ihnen geschrieben und noch nicht einmal eine Antwort bekommen.«


    Am 25. September 2019 ging in Wien ein arbeitsreiches, aber beglücktes Leben zu Ende; eigentlich wollte er Ingenieur werden, aber das Musizieren Furtwänglers beeindruckte ihn so sehr, dass sich ihm eine höherwertige Welt erschloss. Neben persönlichen Erinnerungen hinterlässt der vielleicht letzte große Pianist des 20. Jahrhunderts, der noch Berührung mit der Romantik des späten 19. Jahrhunderts hatte, mehr als 200 Aufnahmen, die in fast 70-jährigem Wirken entstanden sind.
    Kurz nach seinem 90. Geburtstag gab er noch ein Konzert im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins.
    Seine letzten Lebensjahre waren zwar von schwerer Krankheit geprägt, aber es war ihm trotzdem wichtig weiter zu musizieren. Seine Plattenfirma teilte donnerstags mit:
    ›Paul Badura-Skoda starb am Mittwochabend bei sich zu Hause schmerzfrei und in Frieden.‹
    Zu seinen Ehren wurde am 5. Oktober 2019 in der Wiener Piaristenkirche, die er als Kind und im Alter oft besucht hatte, ein Gottesdienst gefeiert, wobei die e-moll Messe von Anton Bruckner aufgeführt wurde. Am 9. Oktober fand das Begräbnis im engsten Familienkreis statt.


    Praktische Hinweise:
    Adresse: Friedhof Ottakring, Gallitzinstraße 5, 1160 Wien; das ist der 16. Wiener Gemeindebezirk.
    Der Haupteingang befindet sich zwischen Johann-Staud-Straße und Gallitzinstraße.
    Man geht zur Rückseite der Aufbahrungshalle und benutzt den ansteigenden Weg am Feld 5, wobei man sich schon nach wenigen Metern nach rechts wendet und auf das Mausoleum zu läuft; am Mausoleum geht es weiter geradeaus, bis ein Stein deutlich das Gräberfeld 9 anzeigt, wo sich das Grab der Familie Badura-Skoda befindet.


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    Beim Mausoleum geht man noch weiter geradeaus.


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    Hat man den Stein für Gruppe 9 erreicht, ist die weitere Information: Reihe 4, Nummer 10.


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  • Sebastian Peschko - *30. Oktober 1909 Berlin - † 29. September 1987 Celle


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    Zum heutigen Todestag des Pianisten Sebastian Peschko


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    Sebastians Weg zur Musik dürfte wohl gradlinig verlaufen sein, denn sein Vater war Organist und Privatlehrer. An der damaligen Hochschule für Musik in Berlin studierte Sebastian Peschko Klavier bei den Professoren Börner und Fischer. Peschko wurde ab 1930 durch ein Bechstein-Stipendium gefördert. Lehrer, die ihn besonders beeinflusst haben, waren Conrad Ansorge und Edwin Fischer, von denen er - so wird berichtet - das Atmen und Phrasieren gelernt habe. Edwin Fischer äußerte einmal: »Nicht ich spiele, es spielt.«, ein Ausspruch, den auch Paul Badura-Skoda bis ins hohe Alter gerne zitierte.
    Das Orgelspiel hatte Sebastian von seinem Vater gelernt, an der Hochschule erweiterte er seine Kenntnisse bei dem Domorganisten und Regerfreund Walter Fischer.


    1933 war Peschko einer der vier Pianisten, die den Mendelssohn-Preis der Hochschule für Musik in Berlin gewannen. Wenn man von Professor Franz Schreker einen Preis ausgehändigt bekommt, dann ist das schon etwas Besonderes, worauf sich eine Karriere aufbauen lässt.


    Die Musikstudenten dieser Zeit konnten in Berlin ihre großen Vorbilder bestaunen, denen man gerne nachfolgen wollte, wie zum Beispiel:
    Wilhelm Furtwängler, Fritz und Adolf Busch, Borislaw Huberman, Pau Casals, Maria Ivogün, Karl Erb, Heinrich Schlusnus, Fritz Kreisler, Frederic Lamond, S. W. Rachmaninoff ...


    Schon ein Jahr später kam Sebastian Peschko ganz groß ins Rampenlicht, weil ihn der damals überaus populäre Bariton Heinrich Schlusnus als Begleiter seiner Liederabende auswählte, er hatte das Glück des Tüchtigen.


    Schlusnus und der Pianist Franz Rupp hatten von 1927 bis 1934 künstlerisch zusammengearbeitet und das hätte auch gewiss weiterhin Bestand gehabt, wenn nicht eine dunkle Zeit heraufgezogen wäre - Frau Annemay Schlusnus beschreibt die Situation so:


    »Die erste große Sorge war daher der Verlust unseres Begleiters, Franz Rupp, der sich mit den Gegebenheiten der Zeit nicht abfinden konnte (es soll erklärend hinzugefügt werden, dass er eine Frau jüdischer Abstammung hatte).
    Ein Ersatz musste schnell gefunden werden. Wir wandten uns an die Hochschule für Musik mit der Bitte, uns einen Nachfolger zu schicken. Man hatte schnell den einen ausgewählt, der 24 Jahre alt, gut aussehend und mit einem verträumten Gesicht, im Rufe stand wirklich sehr begabt zu sein.«


    Der hier von Frau Schlusnus beschriebene Pianist hatte nach seinem Hochschulabschluss zunächst das Geigenspiel von Georg Kulenkampff begleitet; Edwin Fischer hatte ihn an Kulenkampff empfohlen. Als nun Sebastian Peschko die ersten professionellen Podiumserfahrungen erworben hatte und von einer Konzerttournee nach Hause kam, erreichte ihn ein Anruf, der ihn zunächst verdattert reagieren ließ, denn am anderen Ende sprach der leibhaftige Heinrich Schlusnus.
    Nun wurde vereinbart, dass der junge Mann zu einem Probespiel nach Ruheleben zum Jasminweg kommen sollte, eine Gegend wo auch Die Gesangskünstler Emmi Leisner und Margarete Klose wohnten.


    In der idyllischen Gegend am Murellenteich angekommen, wurde er von Annemay Schlusnus herzlich empfangen, die ihm ein Hugo-Wolf-Lied reichte und man ließ dem jungen Mann etwas Zeit sich mit der Situation vertraut zu machen, bevor Heinrich Schlusnus selbst in Erscheinung trat, um den ins Auge gefassten neuen Konzertpartner zu begrüßen; eine von beiden Seiten empfundene Distanz war zu spüren, aber Peschko spielte so, dass sich Schlusnus eine Partnerschaft vorstellen konnte und der Meistersänger sagte, dass er einige Konzerte mit dem neuen Begleiter versuchen wolle, es käme dann darauf an, wie sich das Ganze entwickeln würde. Die Verabschiedung schildert Sebastian Peschko so:


    »Ich ergriff seine Notenmappe - die später viele Jahre mein treuer Begleiter war -, ein freundlicher Blick meines neuen Meisters verabschiedete mich, und dann trabte ich in einen siebenten Himmel hinein. Hinter mir schloss sich eine Tür, die mir später ein Tor zum deutschen Lied geworden ist.«


    Dieses gemeinsame Musizieren währte bis in die 1950er Jahre hinein und so war Sebastian Peschko auch noch dabei als bei Schlusnus die Kräfte schwanden.


    Aber man kann den Pianisten Sebastian Peschko nicht nur auf die Partnerschaft mit Heinrich Schlusnus reduzieren, denn da ist noch eine ganz beachtliche Liste schöner Stimmen zu nennen, welche die Partnerschaft Peschkos suchten:


    Theo Altmeyer, Erna Berger, Walter Berry, Rudolf Bockelmann, Grace Bumbry, Franz Crass, Lisa della Casa, Karl Erb, Nicolai Gedda, Agnes Giebel, Ernst Haefliger, Ilse Hollweg, Werner Hollweg, Heinz Hoppe, Christa Ludwig, Maria Müller, Hermann Prey, Ruth-Margret Pütz, Walther Pützstück, Erna Sack, Hanna Schwarz, Franz Völker, Bernd Weikl, Marcel Wittrich ...


    Aber wie schon eingangs erwähnt, begleitete Peschko auch Instrumentalisten, wobei neben dem bereits genannten Kulenkampff noch Berühmtheiten wie der äußerst pingelige Cellist Enrico Mainardi oder Hans Adomeit zu nennen sind.


    Von 1953 bis 1958 war Peschko bei Radio Bremen für Lied-, Chor- und Kirchenmusik zuständig; und als Rolf Liebermann Leiter der Hauptabteilung Musik beim Norddeutschen Rundfunk war, richtete er für Peschko eine neu geschaffene »Redaktion Lied« im NDR-Funkhaus Hannover ein, wo Peschko ab 1958 als Redakteur, Produzent und Pianist tätig war. Das oft in den Hintergrund gedrängte Lied erlebte in Hannover 1960 mit der Einführung der Konzertreihe »Meister des Liedes« eine Renaissance.


    In diese Zeit fällt auch die ›Entdeckung‹ des Baritons Thomas Quasthoff, dem es damals nicht möglich war sich als Sänger an der Musikhochschule ausbilden zu lassen. Aber was heißt hier Entdeckung, der behinderte Junge wurde dem Professor Sebastian Peschko, Leiter der NDR-Abteilung ›Kammermusik und Lied‹, vom Vater regelrecht aufgedrängt.
    Wie Michael Quasthoff, der Bruder des Sängers, in der Autobiografie schreibt, hatte Vater Quasthoff den ›Lied-Chef nach zwei Dutzend Brief- und Telefonattacken weichgekocht‹, so dass im Kleinen Sendesaal des Funkhauses ein Termin zustande kam. Der Beginn des Treffens wird folgendermaßen beschrieben:


    »Peschko, ein stattlicher Mensch mit weißem Haar, hoher Stirn und würdevollen Zügen, gibt sich förmlich und reserviert. Ich habe nur fünf Minuten Zeit, wiederholt er ungefähr zehn Minuten lang. Eine weitere Viertelstunde sinniert der Professor über die Untiefen des Musikbetriebes und ästhetische Grenzwerte im öffentlichen Raum.«


    Der Vortrag geht noch weiter in diese Richtung wobei Vater und Mutter Quasthoff immer nervöser werden und dann eindringlich darum bitten, dass der Herr Professor ihrem Jungen doch nur fünf Minuten zuhören möge. Nachdem Thomas mit Hilfe seines Vaters einige Stufen erklommen hat, legt er mit einem recht bunten Programm los:


    Da ist Brechts ›Mackie Messer‹-Song, der Gitte-Schlager ›Ich will ´nen Cowboy als Mann‹ und schließlich singt er das ›Ave Maria‹. Peschko findet das bisher Dargebotene gut und fordert zum Weitermachen auf.
    Es werden Opernarien und Gospels geboten, er imitiert Jürgen von Manger und Theo Lingen, beginnt zu jodeln und lässt auch seine Stimme im Stil von Louis Armstrong erklingen; den Schlusspunkt des Vortrags setzt er mit Bill Ramseys ›Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe‹.
    Jetzt wird Sebastian Peschko zum Entdecker, er hatte dem seltsamen Programm teils mit geschlossenen Augen konzentriert zugehört und die vorhandene stimmliche Qualität erkannt. Nun tritt Peschko den Quasthoff-Eltern wohlwollend entgegen und sagt:


    »Vergessen Sie alles, was ich vorhin gesagt habe. Ich freue mich, dass Sie gekommen sind. Der kleine Bursche hat wirklich famose Anlagen. Ich werde mir etwas einfallen lassen und mich sobald als möglich bei Ihnen melden.«


    Peschko hat dann Thomas Quasthoff Zugang zu der Opernsängerin Charlotte Lehmann verschafft, die sich nach einem Vorsingen, das in ihrem Heim stattfand, bereit erklärte mit dem Jungen zu arbeiten, was bekanntlich mit Erfolg geschah.


    1971 und 1972 gab Sebastian Peschko im Rahmen der Internationalen Sommerspiele Kurse für Liedinterpretationen, trat aber in Salzburg später noch auf andere Weise in Erscheinung.


    Der Name Sebastian Peschko ist bei Lied-Kennern immer noch als Klavier-Begleiter sehr bekannt, weil er mit einer großen Anzahl berühmter Stimmen verbunden ist.
    Weniger bekannt dürfte sein, dass Sebastian Peschko auch als Komponist tätig war und diese Kompositionen nicht etwa im Nachlass als stille Übungen gefunden wurden, sondern noch zu Lebzeiten Sebastian Peschkos - am 30. August 1987 - bei einem Liederabend in der Semperoper mit der bekannten Sopranistin Helen Donath zum Vortrag kamen. Diese Lieder waren fester Bestandteil ihres Programms.
    Ebenso sang sie Peschkos Kompositionen bei den Salzburger Festspielen 1995 bei einem Liederabend am 16. August; vier Lieder, die Peschko nach Gedichten von Christian Morgenstern vertont hatte:
    Der Seufzer / Der Schaukelstuhl / Das Hemmed / Tapetenblume.


    Sebastian Peschko und seine Frau Ali Erika, die sich beim Orgelspiel des jungen Peschko in der Christian-Science-Kirche Berlin kennenlernten, wurden Eltern von drei Töchtern und zwei Söhnen. Auf dem Waldfriedhof in Celle hat der Pianist seine letzte Ruhe gefunden.
     

    Praktischer Hinweis:
    Waldfriedhof 29225 Celle an der Marienwerder Allee. Das Grab von Sebastian Peschko befindet sich ganz in der Nähe der St.-Hedwig-Kirche, wo sich ein kleiner Friedhofseingang befindet. Die Wegstrecke beträgt 120 Meter. Gleich hinter dem Eingang biegt man nach links ab und folgt diesem Weg etwa 100 Meter und biegt dann rechts ab.


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    Kirche und Straßenschilder dienen als Orientierungshilfe


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  • Herbert Alsen - * 12. Oktober 1906 Hildesheim - † 25. Oktober 1978 Wien


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    Zum heutigen Todestag von Herbert Alsen


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    Von Geburt aus hieß der Sänger Herbert Murke und legte sich bei Aufnahme seiner Bühnentätigkeit den Künstlernamen Herbert Alsen zu, unter dem er dann in seiner beachtlichen Karriere bekannt wurde, dass es auch eine dänische Insel gleichen Namens gibt, wurde ihm erst später bewusst.
    Der Sohn eines Architekten war evangelisch, spielte aber bereits in seiner Gymnasialzeit als Konzertmeister im bischöflichen Orchester seiner Heimatstadt. Die Erinnerungen an seine Schulzeit im Jesuitengymnasium ließen ihn nicht gerne an diese Zeit zurück zu denken.
    Eigentlich wollte er Geiger werden, aber sein Lehrer riet davon ab eine Karriere als Geiger anzustreben, weil, bei aller Begabung mit diesem Instrument, die Entwicklung der außergewöhnlichen Gesangsstimme weit mehr künstlerischen Erfolg versprechen würde. Während seines Musikstudiums in Berlin studierte er parallel dazu an der Friedrich-Wilhelms-Universität Theaterwissenschaften.


    Im Joseph Haydn-Gedenkjahr 1931/32 wurden in verschiedenen Städten Oratorien des Geehrten aufgeführt und Alsen war bei den ausführenden Sängern mit dabei und wurde direkt von der Tournee-Station Hamburg aus an das Theater Hagen in Westfalen als erster Bassist verpflichtet, wo er als Rocco in »Fidelio« debütierte. Nachdem er hier im ersten Jahr seines Engagements noch zehn weitere Rollen gesungen hatte, ging Alsen im folgenden Jahr an das Landestheater Dessau und war dann 1934-36 am Staatstheater Wiesbaden.


    Am Allerheiligentag des Jahres 1935 gab Alsen dann an der Wiener Staatsoper ein Gastspiel; in einer »Parsifal«-Aufführung sang Herbert Alsen unter dem Dirigat von Felix Weingartner als Gurnemanz, eine Rolle, die er bis 1948 an diesem Hause sang; ab 1936 war er dann festes Mitglied der Staatsoper Wien.
    Wer in Wien erfolgreich singt ist in der Regel auch in Salzburg gefragt; so sang er bei den Salzburger Festspielen 1936-38 den Pogner in den »Meistersingern«, 1939 den Kaspar im »Freischütz«, 1936 und 1941 den Komtur in »Don Giovanni«, 1938 den Landgrafen im »Tannhäuser«, 1939 und 1941 das Bass-Solo in der 9. Sinfonie von Beethoven.
    Nach dem Zweiten Weltkrieg war er in Salzburg im August 1947 an der Uraufführung von »Dantos Tod«, einer Oper von Gottfried von Einem, beteiligt und wirkte ein Jahr später als Rocco in »Fidelio«-Aufführungen unter Wilhelm Furtwängler mit.


    Um in Salzburg zu bleiben wurde der Zeit etwas vorausgeeilt, denn es sind noch Alsens Gastspiele an der Grand Opéra Paris zu erwähnen, die er dort 1935 und 1938 als König Marke in »Tristan und Isolde« absolvierte.
    1937 sang Alsen bei den Festspielen in Glyndebourne unter Fritz Busch den Osmin in »Die Entführung aus dem Serail« und Serastro in »Die Zauberflöte«.


    Im ›Großen Sängerlexikon‹ findet man den lapidaren Eintrag: »Er sang in der Saison 1938-39 an der Metropolitan Oper New York».
    Wenn man in der New York Times vom 9. Januar 1939 blättert, findet man einen Hinweis, dass Herbert Alsen in New York zunächst sein Debüt in »Tannhäuser« gab, die Besetzungsliste nennt: Flagstad, Branzell, Farell, Melchior, Schorr und Alsen sowie Leinsdorf als Dirigent der Aufführung.
    In der New York Times vom 17. Januar1939 findet man sogar eine ausführliche Würdigung des Debüts als König Marke in »Tristan und Isolde«:


    »Für einige Gäste war es vielleicht eine Neuigkeit, als sie durch ihre Programme blätterten, dass auch ein Sänger namens Herbert Alsen in der Besetzung war. Auf jeden Fall ist Mr. Alsens Auftritt als König Marke heute Morgen für die breite Öffentlichkeit von größerem Interesse, da dies sein amerikanisches Debüt war.
    Der neue deutsche Bassbariton stellte seine Qualitäten als Künstler eindrucksvoll unter Beweis. Er sang die beredte, trauernde Musik von König Marke im Bewusstsein ihrer Bedeutung und ihres Platzes im Schema des Musikdramas. Seine Phrasierung hatte die Richtigkeit und das Wissen solider Musikalität, und sein Schauspiel war einfach und zurückhaltend. er ist weit über 1,80 Meter groß und es fällt ihm nicht schwer, gebührend königlich auszusehen. Herr Alsen hat, dieser einen Anhörung nach zu urteilen, eine großzügig ausgestattete Stimme. Am besten schien es in den tieferen Tönen zu sein, aber es lag möglicherweise eher an der unvermeidlichen Nervosität eines Debüts als an inhärenten Mängeln. Er wird in anderen Rollen in der Wagner-Galerie zuhören sein und es wird Zeit sein, die Fülle seiner Talente zu entdecken.«
    (DeepL-Übersetzung)


    Im Wagner-Fach sang er damals ebenfalls an der Oper von Monte Carlo und etwas später auch in Rom. Auch bei den Festspielen von Zoppot - dem damaligen ›Bayreuth des Nordens‹ - wirkte er 1942 mit, wo »Meistersinger« und »Siegfried« gegeben wurde.


    Wie bereits erwähnt, sang Alsen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder bei den Salzburger Festspielen und gastierte an der Staatsoper München, an der Nationaloper Budapest, am Teatro Liceo Barcelona sowie am Teatro Comunale Bologna, wobei diese Aufzählung längst nicht vollständig ist. In Nachschlagewerken findet man häufig den Eintrag, dass Herbert Alsen 1959 seine Bühnenkarriere wegen eines Autounfalls beendete, was nach Angaben seiner Nachkommen so nicht richtig ist, sie sagen aus, dass der Vater, respektive Großvater, nicht mit nachlassendem Stimmpotenzial durch Gesangsveranstaltungen tingeln wollte.
    Während seiner Sängerkarriere hatte Alsen sowohl in Wien als auch unterwegs stets einen Chauffeur zur Verfügung; erst in Mörbisch musste er sich ein Auto zulegen und der Unfallgrund war ein technischer Defekt am Fahrzeug, der das Auto auf dem Weg von Eisenstadt nach Mörbisch aus der Kurve trug. Von den dabei erlittenen Verletzungen hat er sich nie vollständig erholt und hatte bis zu seinem Tod immer wieder Schmerzen in der Hüfte und im Bein.
    Nach seiner aktiven Zeit als Sänger gab es doch auch Veränderungen im privaten persönlichen Bereich. Obwohl er in seiner aktiven Zeit als Sänger verrauchte Räume - die es damals noch zuhauf gab - mied und selbst Nichtraucher war, gönnte er sich in seinen späteren Jahren dann doch ab und an mal eine Zigarre.
    Man wird vielleicht auch etwas überrascht sein zu erfahren, dass Herbert Alsen schon immer ein gewisses Faible für Marschmusik hatte und es ihm Vergnügen bereitete mal sonntagmorgens eine entsprechende Platte aufzulegen.


    Seit 1942 war er mit der um 16 Jahre jüngeren Kostümbildnerin Gisela Bossert verheiratet, es muss eine glückliche Begegnung gewesen sein, denn zwischen erstem Kennenlernen und Hochzeit lagen gerade mal vier Wochen, in der Rückschau meinte Frau Gisela lachend:
    ›Ich hab eigentlich einen wildfremden Menschen geheiratet.‹
    1943 wurde Tochter Marina geboren, man hatte eine Familie gegründet und kam 1955 ins Burgenland, wo gerade erste tastende Versuche stattfanden die Gegend dem Tourismus zu erschließen. Kammersänger Alsen - diesen Titel trug er ab 1947 - entwickelte die Idee in Mörbisch Seespiele stattfinden zu lassen. Das war eine kühne Idee, denn bedingt durch die damaligen politischen Verhältnisse, lag Mörbisch damals am Ende der westlichen Welt, Mörbisch war so etwas wie eine Sackgasse direkt am Eisernen Vorhang; es fehlte das Hinterland und nach Wien waren es beachtliche 80 Kilometer.
    Vorteilhaft war dagegen, dass man das Ballett recht preiswert aus Ungarn und der Tschechoslowakei engagieren konnte. Die gesamte Familie Alsen ging ganz in der Aufgabe auf, den Seespielen zum Erfolg zu verhelfen; Mutter Gisela war bis 1991 für den Entwurf der Kostüme zuständig und die 13-jährige Tochter Marina stand auch auf der Bühne als es dann endlich 1957 nach etwa zweijähriger Vorbereitung los ging - »Der Zigeunerbaron« war die erste Aufführung, 1.200 Besucher kamen zur Premiere. 1960 sagte er einmal in einem Interview, dass man die Wiener Operette mit ungarischen Kolorit pflegt, »Die Atmosphäre fordert dazu heraus.«
    1959 kam für Herbert Alsen noch die Intendanz der ›Burgspiele Forchtenstein‹ hinzu und es gelang berühmte Namen auf die Burg zu holen, dem Sommertheater wurde Burgtheaterniveau attestiert, aber heute ist das Geschichte und die Seefestspiele in Mörbisch haben seit dem Tod ihres Begründers auch erhebliche Veränderungen erfahren.


    Seine gewaltige Stimme ist der Nachwelt auf Tonträgern erhalten, die natürlich zur Glanzzeit des Sängers noch nicht so zahlreich produziert wurden, wie dies später der Fall war.
    Es gibt aber eine vollständige »Meistersinger«-Aufnahme mit Toscanini von den Salzburger Festspielen 1937 und zahlreiche Archivaufnahmen aus der Wiener Staatsoper.
    Auch in der Raucheisen Edition ist Herbert Alsen mit vier Liedern vertreten:
    Ludwig v. Beethoven »Prüfung des Küssens« / Franz Schubert »Grenzen der Menschheit« und »Pensa, che questo istante« / Carl Loewe »Der alte Schiffsherr« / Richard Strauss »Im Spätboot«.


    In einem Zeitungsbericht vom Mittwoch, 8. November 1978 steht unter einem Foto von der Trauerfeier: »Eine große Trauergemeinde füllte am Donnerstag den evangelischen Friedhof von Mörbisch, als Kammersänger Professor Herbert Alsen, der vor kurzem im 72. Lebensjahr gestorben war, beigesetzt wurde. Nicht nur das offizielle Burgenland - vertreten durch die Spitzen der Landesregierung - gaben dem Intendanten der Burgenländischen Festspiele das letzte Geleit; unter den Trauergästen befanden sich auch zahlreiche berühmte Schauspieler, Sänger und Regisseure.


    Praktische Hinweise:
    Man findet das Ehrengrab der Gemeinde auf dem evangelischen Friedhof in Mörbisch am See, er liegt an dem Sträßchen Nussau dem kleineren katholischen Friedhof gegenüber.
    Der evangelische Friedhof ist sowohl von der Hauptstraße als auch der Friedhofsgasse aus zugänglich. Beim Eingang an der Friedhofgasse geht man den leicht ansteigenden Weg geradeaus und biegt dann nach links ab.


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    Der Eingang an der Friedhofsgasse


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  • Johann Ritter von Herbeck - * 25. Dezember 1831 Wien - † 28. Oktober 1877 Wien


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    Zum heutigen Todestag von Johann Ritter von Herbeck


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    Johann Ritter von Herbeck war in einer Zeitspanne von etwa 25 Jahren eine wichtige Persönlichkeit des Wiener Musiklebens; er pflegte innerhalb des deutschen Sprachraums viele künstlerische Kontakte. Herbeck war Dirigent und Komponist, wobei sein Schwerpunkt der Chorgesang war. Ein ganz wesentliches Verdienst kommt ihm in der Musikgeschichte mit der Entdeckung von verschollenen Werken Franz Schuberts und der Förderung Anton Bruckners zu.


    In Nachschlagewerken wird dargestellt, dass der Junge als Sohn bürgerlicher Eltern geboren wurde. Die in Wien erschienene ›Konstitutionelle Volkszeitung‹ vom Sonntag, den 21. Oktober 1866 beschreibt das in einem Artikel - mit Herbecks Porträt - auf der Titelseite etwas genauer:


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    »Johann Franz Herbeck, geb. zu Wien 25. Dezember 1831, ist der Sohn eines armen Schneiders. Er besuchte schon mit vier Jahren die Schule und verrieth alsbald entschiedene Neigung und Begabung zur Musik. Ein damals viel gesuchter Lehrer Sykora, ertheilte ihm zunächst Unterricht im Gesange, und zwar mit so günstigem Erfolge, daß der Zögling bereits im 10. Lebensjahre als Sängerknabe in das Stift Heiligenkreuz aufgenommen werden konnte, wo er durch seine seltene Sopranstimme und ausgesprochene musikalische Anlage die Aufmerksamkeit berufener Künstler, wie Hellmesberger (Vater), König u. A. auf sich zog, was den Prälaten bewog den Knaben bei dem Kapellmeister Rotter an der Kirche ›am Hof‹ in Wien Harmonielehre studiren zu lassen. Dieser durch einige Monate fortgesetzte Unterricht sowie der früher erwähnte spärliche im Gesange, war Alles, was von Seite der Lehrer für seine musikalische Bildung geschah.
    Die genaue Kenntniß der eigentlichen Musikwissenschaft, sowie einiger Instrumente, verdankte Herbeck seinem eigenen Fleiße und seltenem musikalischen Instinkte. Nach in Wien beendetem Gymnasialbesuche und philosophischen Studien widmete sich Herbeck ausschließlich der Musik.«


    Laut österreichischem Musiklexikon war - entgegen diesem Zeitungsartikel - Johann Herbeck der Sohn eines Schuhmachermeisters, schließlich ist aus beiden Publikationen ersichtlich, dass Herbeck nicht uraltem Adel entstammte.
    Als dieser Zeitungsartikel erschien, war Herbeck 35 Jahre alt und wie man anhand des eingefügten Bildes sieht, fehlt dem Namen hier noch das Adelsprädikat, zur Nobilitierung kam es erst 1874.


    Wenn man sich die Herkunft der Familie betrachtet, die sich auch Hrbek nannte, dann kam sie ursprünglich aus Deutschland; zuerst nach Böhmen und von hier aus nach Wien.
    Johanns Mutter, Therese Triebensee, entstammte einer Familie mit vielschichtiger musikalischer Tradition, so dass außer Zweifel steht woher die außergewöhnliche Begabung des Jungen kam. Aber sie soll eine vergnügungssüchtige, leichtsinnige Person gewesen sein, woraus resultierte, dass es in der in ärmlichen Verhältnissen lebenden Familie oft Streit gab, der Vater soll eine schwache Person gewesen sein, der jedoch das Potenzial seines Sohnes erkannte. Johann kam zwar am Weihnachtstag als Sonntagskind zur Welt, aber sein Bruder Ludwig stellt fest: ›unter recht mißlichen materiellen und moralischen Umständen verfloß seine Kindheit, und in den Lehrjahren hatte er unter den drückendsten Verhältnissen zu leiden.‹


    Johann wurde als Fünfjähriger in die Volksschule zu St. Stefan geschickt. Nachdem vier Klassen absolviert waren, ließ ihn der Vater für zwei Jahre am akademischen Gymnasium studieren, was kein Studium im heutigen Wortsinn gewesen sein kann.
    Aber der Knabe muss hochintelligent gewesen sein, denn es ist überliefert, dass er den Inhalt von zwei Buchseiten nach nur zweimaligem Durchlesen intus hatte.
    Nachdem er die zwei unteren Gymnasialklassen mit gutem Erfolg absolvierte, kam es in den ersten Oktobertagen des Jahres 1843 zur wohl entscheidenden Begegnung mit Georg Hellmesberger, der selbst einmal Gymnasialzögling und Sängerknabe im Zisterzienserstift Heiligenkreuz - südwestlich von Wien - war. Der bekannte Violinist erkannte recht schnell die Begabung des Jungen, wusste aber auch, dass der arme Schneidermeister nicht in der Lage war, von sich aus für die musikalische Ausbildung seines Sohnes zu sorgen. Hellmesberger hatte aber die künstlerische Autorität auf den Prälaten entsprechend einzuwirken.
    Nun hatte sich Johann einer Gesangsprüfung zu unterziehen, welche vom Organisten des Stiftes, Ferdinand Borschitzky vorgenommen wurde. Er bestand diese Prüfung mit Bravour und versetzte die Anwesenden in Staunen.
    Die Knaben erhielten hier unentgeltlich Wohnung, Kost und uniformierte Kleidung; ihre Lebensweise war spartanisch streng, wobei man letzteren Begriff auch Sadismus nennen kann. Der Tag begann um 5 Uhr morgens und es kam schon mal vor, dass man den Schnee von der Bettdecke nehmen musste.
    Ab 1842 sind erste Kompositionsübungen bekannt, sein musikalisches Vorbild war damals Mozart. Auch seine Singstimme - sie wird als biegsame und kräftige Sopranstimme beschrieben - gelangte zu höchster Blüte, so dass alle in der Kirche auszuführenden Sopran-Soli von ihm vorgetragen wurden.
    Da er alles a vista sang, fielen die Wiederholungen für ihn weg und er konnte in der für ihn frei gewordenen Zeit Violine, Viola oder Violoncello üben, letzteres Instrument liebte er, seines elegischen Tones wegen, besonders. Immer wieder reizte ihn das Komponieren, aber das geschah immer in der Angst vom überstrengen Präfekten dabei erwischt zu werden.


    1844 wurde schließlich geduldet, dass man ein von Herbeck komponiertes Streichquartett aufführen durfte. Sogar Kreutzers »Das Nachtlager von Granada« wurde aufgeführt, wobei Herbeck die Gabriele sang. Als das Kloster 1846 ein Jubiläum feierte und dabei Mozarts Requiem aufgeführt wurde, kam sogar der berühmte Bassist Josef Staudigl ins Kloster und Johann hatte Gelegenheit diesen singen zu hören.
    Etwas später ließ man den jungen Mann unter Borschitzkys Anleitung auch an die Orgel, wo er bei Anwesenheit von Kaiserin Maria Louise (Witwe von Napoleon I.) Variationen über die österreichische Volkshymne vortrug, die so zu gefallen wussten, dass sie sich den jungen Mann vorstellen ließ.


    Nachdem das Untergymnasium absolviert war, musste er den folgenden Stoff beim Präfekten absolvieren und durfte sich während der zwei Jahre ungehindert dem Studium der Musik hingeben. Nun kam Johann zeitweilig auch nach Wien, um seine Lektionen entgegen zu nehmen.
    Sein Lehrer war Ludwig Rotter, damals Kapellmeister in der Kirche am Hof in der inneren Stadt. Nachdem Johann am Obergymnasium in Neustadt die Prüfungen mit glänzendem Erfolg abgelegt hatte, verließ er im August 1847 Heiligkreuz, um seine Studien bei Rotter bis zum Spätherbst fortzusetzen.
    Im Oktober trat er als ›Hörer der Philosophie‹ an der Wiener Universität ein, um sich für die eigentliche Hochschule vorzubereiten. Eine schwere Krankheit beendete diese Ansätze, die immer noch prekären Verhältnisse zu Hause trugen zur Genesung nicht bei.


    Ausgerechnet im einst so schlimmen Kloster - er war ja jetzt kein Zögling mehr - konnte er seine Gesundheit wiederherstellen.
    Sein einstiger Sopran hatte sich zwischenzeitlich in einen sonoren Bass verwandelt und er ließ sich mit dem Vortrag »In diesen heiligen Hallen« und der Registerarie bewundern.
    Wieder nach Wien zurückgekehrt, beteiligte er sich an sonntäglichen Aufführungen von Rotter in der Kirche ›am Hof‹, was etwas Geld einbrachte.
    Es waren inzwischen stürmische Zeiten angebrochen, plötzlich befand sich Herbeck ungewollt inmitten dieser Turbulenzen und es war reine Glückssache mit heiler Haut davon gekommen zu sein.


    Seine im Kloster erworbene umfassende Bildung machte es möglich dass Herbeck auch als Hauslehrer zu gebrauchen war. Bei der in Münchendorf - südlich von Wien - ansässigen Familie des Fabrikbesitzers Karl von Thornton war Sohn Ernst zu unterrichten, es war zu Beginn des Winters 1848-49. Im Haus des Fabrikanten erlebte er eine gänzlich andere Atmosphäre als in seinem Elternhaus; natürlich stand ihm nach dem Unterricht im Salon auch ein Klavier zur Verfügung.
    In dieser Zeit entstanden viele Liedkompositionen, vor allem nach Texten von Ludwig Uhland.
    Nebenbei studierte er weiter Philosophie, aber ließ sich auch im Februar 1850 an der juristischen Fakultät der Universität Wien einschreiben, wobei er nebenbei noch Physik hörte, was vermutlich ein Versuch war, die Welt der Töne physikalisch zu verstehen, aber mangelnde mathematische Kenntnisse ließen ihn diesen Versuch abbrechen.
    Johann Herbeck kam nun immer mehr mit den ›besseren Familien‹ Wiens in Kontakt; so auch mit der Familie Halstuker; der zu unterrichtende Knabe Stephan erwies sich zwar als völlig unmusikalisch, aber da war dann noch Marie, eine Tochter des Hauses, die Johanns Interesse geweckt hatte.


    Allerdings sprach sich die Mutter entschieden gegen die Verbindung der beiden aus, da offensichtlich war, dass der junge Mann keine Familie ernähren konnte - noch nicht, kann man hinzufügen, wenn man den weiteren Verlauf kennt. Im Vorgriff sei festgehalten, dass die gegründete Familie im Endeffekt aus drei Jungs und einem Mädchen bestand.


    Um die Jahreswende 1851/52 war der nun Zwanzigjährige zu der Erkenntnis gelangt, dass mit dem Jurastudium in absehbarer Zeit kein Geld zu verdienen ist, er aber mit seinen fundierten Kenntnissen in der Musik eher vorwärts kommen könnte.
    Durch seinen vielfältigen Einsatz als Organist, Violinspieler und Sänger war er den maßgeblichen Herren des Piaristen-Ordens aufgefallen, so dass diese die gesamte künstlerische Leitung der Musikaufführungen in Herbecks Hände legten.
    Herbeck konnte hervorragende Solisten einsetzen, aber auch bei einigen Messen viele Mitglieder des Wiener Männer-Gesangvereins, dem Herbeck nun im Frühling 1852 ebenfalls beitrat.
    Die Mitgliedschaft regte ihn zu Kompositionen an und in diese Zeit fällt auch seine Hochzeit von der etwas eigenartige Daten überliefert sind. Am 5. Juli fand die Trauung morgens um acht Uhr in der kleinen Kapelle St. Stephan in aller Stille statt, Brautleute und Zeugen waren dabei in gewöhnlicher Kleidung erschienen.
    Durch Stundengeben verdiente er den kärglichen Lebensunterhalt, aber er komponierte auch eine Musik zu »Faust«, die er in späteren Jahren etwas kritisch sah. Innerhalb dieses Kreises komponierte Herbeck sehr viele Werke, die auch zur Aufführung kamen, aber es stellte sich heraus, dass man ihn, bei aller Anerkennung seiner Leistung, wegen ›Ungunst der gegenwärtigen Zeitverhältnisse‹ nicht mehr als Chormeister beschäftigen könne. Da war nun nicht nur der finanzielle Verlust, sondern auch das Ansehen seiner Person im öffentlichen Kunstleben.


    1854 war nun Franz Abt, ein damals hochangesehener Komponist, für einige Tage nach Wien gekommen und die beiden verstanden sich auf Anhieb hervorragend. Nach Abts Abreise entstand ein reger Briefverkehr und da ist in einem Abt-Brief nachzulesen:
    »Daß Ihnen noch eine bedeutende Zukunft bevorstehe, diese Entdeckung darf ich mich rühmen, bei dem ersten Zusammentreffen mit Ihnen gemacht zu haben« und in einem anderen Brief:
    »Habe ich Ihnen nicht bei unserem ersten Zusammentreffen gesagt, daß Sie noch ein berühmter Mann werden?«


    Die Begegnung mit Abt trug dahingehend Früchte, dass dieser als Herausgeber der Bände ›Lieder-Perlen aus der Deutschen Sängerhalle‹ auch Lieder von Herbeck veröffentlichte.
    Zu dieser Zeit vertonte Herbeck eine Reihe Gedichte von Otto Roquette.
    Hieraus ergab sich, dass sich Herbecks finanzielle Situation so verbesserte, dass er sich eine Reise nach München leisten konnte, wo 1854 kulturell einiges geboten war.


    Im Frühjahr 1856 wurde Herbeck mit 71 gegen 31 Stimmen zum Chormeister des Wiener Männergesang-Vereins gewählt, der Wahl waren einige Querelen vorausgegangen.
    Einen ganz großen Auftritt hatte Herbeck bei der Grundsteinlegung der mächtigen Votivkirche; er komponierte zu diesem Anlass einen Chor und ein Tedeum,
    Die Kaiserfamilie sowie weltliche und geistliche Würdenträger waren zugegen als Herbeck seinen 200-stimmigen Chor leitete.
    Großes Lob konnte er auch von Heinrich Marschner ernten als dieser nach Wien kam.
    Zu einem Sängertreffen in Salzburg waren aus vielen Städten Gesangvereine gekommen, die vor einer Anzahl gekrönter Häupter sangen und Herbeck hatte die Ehre dem Gesang aus 2000 Kehlen die richtige Form zu geben. Beifall und Lob waren gewaltig und sein Ansehen sowohl außerhalb als auch intern erheblich gestiegen, bei der anstehenden Wahl 1856-57 lautete das Ergebnis 108 gegen 7 Stimmen.
    Als Herbeck mal in Wien mit Franz Liszt zusammen traf, war das für ihn ein Grund auch Werke dieses großen Meisters aufzuführen, aber ein rauschender Erfolg ergab sich daraus nicht, er musste sich sogar mit der Zensur auseinander setzten.
    Erfolgreicher war in Wien die Hebung des Liederschatzes von Friedrich Silcher, die ›Hits‹ waren dabei »Loreley« und »Untreue«.
    Als großen Erfolg befand Herbeck die Aufführung seines Quartetts in D-moll durch Hellmesberger.


    Ganz große Verdienste erwarb sich Herbeck um das Werk Franz Schuberts, den man in Wien zwar als den Komponisten von Liedern kannte, aber zu Herbecks Zeit waren - mit wenigen Ausnahmen - sowohl in Österreich als auch in Deutschland, Schuberts große Werke für Orchester und Chor unbekannt. Sie schlummerten in Archiven und verstaubten in Rumpelkammern. Herbecks erster bedeutender Fund war »Gesang der Geister über den Wassern«; dieses Stück war in Wien 1821 ein einziges Mal öffentlich zu Gehör gebracht worden, anstatt mit großem Chor, war das Stück nur mit acht Stimmen besetzt und konnte in dieser Form nicht gefallen.
    Herbeck fand das Manuskript 1857 in einem Stapel Papier, das der Geschäftsführer einer Musikalienhandlung gerade beiseiteschob; auf Herbecks Frage was das sei war die Antwort: ›Nix als Schmarr´n‹.
    1857 waren in Weimar Festlichkeiten angesagt und Herbeck war von Franz Liszt eingeladen worden und dehnte das zu einer Rundtour aus, die ihn in verschiedene Städte in die nördliche Hälfte Deutschlands führte.
    Weimar - an räumlicher Größe mit Wien verglichen, unbedeutend - war damals das Zentrum deutschen Kunstlebens; Liszt lebte seit zehn Jahren als ›Hofkapellmeister in außerordentlichen Diensten‹ am Hofe des Großherzogs.


    Herbeck konnte in Wien seine 2. Symphonie aufführen, welche die Gesellschaft der Musikfreunde zur öffentlichen Aufführung angenommen hatte. Diese Aufführung gab den Anstoß zur Ernennung als Leiter des zu gründenden Singvereins, gleichzeitig erfolgte seine Ernennung zum Professor der Männergesangschule am Konservatorium der Gesellschaft.
    Als Chormeister plagte er sich gerne für geringen Lohn, aber im Lehrberuf fühlte er sich nicht recht wohl und erachtete diesen Lohn als sauer verdientes Geld.
    Einmal schrieb er in einem Brief: »Ich habe mich während meiner aus freien Stücken aufgegebenen Professur am hiesigen Conservatorium im Jahre 1858 überzeugt, dass mir das Professor sein durchaus ungesund ist ...«


    Im November 1860 stellte Herbeck in Wien ein neues Orchester zusammen und führte Schumanns »Manfred« und ›Symphonische Fragmente‹ von Schubert auf; seinem Tagebuch vertraute er an: »... mit Ausnahme des Scherzo (aus der C-dur Nr. 6) nie und nirgens aufgeführt - unglaublich! Schubert! warum warst du ein Wiener und kein Engländer!«
    Im März 1861 führte Herbeck in einer konzertanten Aufführung auch erstmals Schuberts Singspiel »Der häusliche Krieg« auf.


    Aber Herbeck produzierte auch eine Menge eigener Kompositionen, die er zum Teil unter Pseudonym an die Öffentlichkeit brachte, weil er mitunter annehmen musste, dass seine Werke von der Kritik nicht fair beurteilt wurden; in seinem Tagebuch notierte er zum Beispiel:
    »Melchior Frank- Doppelchor, muß auf stürmisches Verlangen wiederholt werden; ob daselbe der Fall gewesen wäre, hätten die Leute gewußt, daß der Chor von mir componirt ist?«


    Als die Gesellschaft der Musikfreunde im Jahr 1863 beschloss die Särge von Beethoven und Schubert umzubetten, war Herbeck mit dieser Maßnahme überhaupt nicht einverstanden und protestierte wortreich dagegen.
    Dennoch war er dann bei der Zeremonie zugegen; als die beiden Särge am 22. Oktober feierlich beigesetzt wurden sang der Chor unter Herbecks Leitung »Die Ehre Gottes« von Beethoven und Schuberts »Litanei am Fest Allerseelen«.


    Schon seit fünf Jahren hatte Herbeck davon Kenntnis, dass der in Ober-Andritz (heute ein Stadtteil von Graz) wohnende Anselm Hüttenbrenner im Besitz einer unvollendeten Schubert-Symphonie ist und versuchte mit diplomatischer Schläue in den Besitz dieses Werkes - dem im Oktober 1822 komponierten H-moll-Fragment - zu kommen.
    Endlich, am 18. Dezember 1865 konnte er das Werk in Wien aufführen.


    Neben dem großen Engagement für Schuberts Werke, war Herbeck ›der‹ große Förderer Anton Bruckners; schon 1861 saß er in einer Prüfungskommission, die:
    aus Bruckners Lehrer Sechter, Hellmesberger, Dessoff, Schulrat Becker und Herbeck bestand.
    Bruckner hatte nämlich beim Wiener Konservatorium um eine Maturitätsprüfung im Contrapunkt gebeten, die er glänzend bestand, und Herbeck sagte nach dieser etwas eigenartigen Prüfung:
    »Er hätte uns prüfen sollen - wenn ich den zehnten Teil von dem wüsste, was er weiß, wäre ich glücklich.« In der Literatur findet man den Satz:
    »Von dieser Zeit angefangen ließ Herbeck den genialen Contrapunktisten und Orgelspieler nicht mehr aus den Augen«
    Nachdem Herbeck in Wien entsprechend sondiert hatte, ließ er durch einen Mittelsmann bei Bruckner anfragen, ob dieser denn keine Lehrerstelle am Konservatorium anstreben wolle, aber Bruckner hatte daran kein Interesse. Nun begab sich Herbeck 1868 selbst nach Linz und fuhr mit Bruckner zum nahe gelegenen Kloster St. Florian. Auf dieser Fahrt bedrängte er den Widerspenstigen mit der Drohung: »Gehen Sie aber nicht, so reise ich nach Deutschland, um draußen einen Fachmann zu akquirieren, ich meine aber, dass es Österreich zur größeren Ehre gereiche, wenn die Professur , die Sechter früher versehen, von einem Einheimischen bekleidet wird.«


    1866 beginnt für Herbeck ein neuer Lebensabschnitt, er wird nun Hofkapellmeister und arbeitet mit erstrangigen Künstlerinnen wie zum Beispiel Désiré Artôt, Karoline Bettelheim, Marianne Bischoff (Brandt), Louise Dustmann, Marie Wilt ... zusammen und tauscht sich mit dem in München wirkenden Intendanten Karl von Perfall brieflich aus, macht aber auch Besuche in München, wo er unter anderem einer »Meistersinger«-Aufführung beiwohnte und auch mit dem Maler Wilhelm von Kaulbach befreundet war und - auf Anregung Kaulbachs - dem Maler Hans Makart in Wien aus den Startlöchern half und der dann dort über sich hinaus wuchs.
    Baron Perfall hatte Herbeck schon 1864 eine Kapellmeisterstelle am Hoftheater in München angeboten, aber Herbeck hing - trotz einiger Querelen zuhause - an Wien und konnte auch nicht einschätzen inwieweit ihn die Situation in München befriedigen würde. Herbeck hielt viel von der Münchner Oper, weil er dort bessere Wagner-Aufführungen erlebte als in Bayreuth.


    Mit dem Bayreuther Meister war das so eine Sache, einmal verließ dieser erbost und verärgert eine »Rienzi«-Vorstellung in Wien, dann war Wagner in Bayreuth wieder die Freundlichkeit selbst, um, etwas später, wieder schlecht über Herbeck zu reden.
    Da bestand zwischen Franz Liszt und Herbeck ein weit besseres, freundschaftlich, ja herzliches Verhältnis.


    Obwohl die Musik sein Ein und Alles war, hatte er eine Leidenschaft für Bilder und Antiquitäten entwickelt, wobei der Stolz seiner Sammlung ein 1871 erworbener Männerkopf von Tizian war, zwar nur 20x17 Zentimeter groß und unsigniert, wurde aber von Kunstkennern als echt anerkannt.


    Johann Ritter von Herbecks Leben ging früh zu Ende; als er seine letzte Symphonie, die sogenannte ›Orgelsymphonie‹, Ende Juli in nur fünf Tagen geschrieben hatte, sagte er zu seiner Frau:
    »Marie, ich versichere dich, wenn diese Symphonie keinen Erfolg erringt, dann lasse ich das Komponieren sein!« Musikgeschichtlich hatte er diesen Akzent neun Jahre vor Camille Saint-Saëns gesetzt.
    Am Sonntag, 21. Oktober dirigierte Herbeck noch Schuberts Es-Messe, am 23. kam der Arzt und es stellte sich allmählich heraus, dass es eine Lungenentzündung war. In den Folgetagen ging es dem Patienten unter der Aufsicht von drei Ärzten zusehends schlechter, am darauf folgenden Sonntag verließ Johann Ritter von Herbeck kurz vor 10 Uhr diese Welt - er war ein Sonntagskind.


    Praktischer Hinweis:
    Das Grabmal von Johann Ritter von Herbeck befindet sich auf dem Zentralfriedhof Wien, Simmeringer Landstraße 234.
    Vom Tor 2 kommend geht man der Hauptachse geradeaus und erreicht Gruppe 32 A kurz nach den Alten Arkaden links des Hauptweges.
    Man kann von etwa drei bis fünf Gehminuten ausgehen, Friedhofspläne stehen ausreichend zur Verfügung.


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  • Vera Schwarz - * 10. Juli 1889 Agram (Kroatien) - † 4. Dezember 1964 Wien


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    Zum heutigen Todestag von Vera Schwarz


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    Bei der Darstellung des Geburtsjahres ist die Jahreszahl der Grabplatte in der Urnenwand entnommen, in vielen Nachschlagewerken und auch auf CDs wird 1888 genannt.
    Ferner ist darauf hinzuweisen, dass aus Veras Geburtsstadt Agram inzwischen Zagreb geworden ist, in Vera Schwarz´ Sprechstimme glaubt man ein Quäntchen Stolz herauszuhören, wenn sie erklärt: »ich bin eine Kroatin.«


    Vera war in eine strenggläubige jüdische Familie hineingeboren worden, aber es war keine herkömmliche Familie, denn ihr Vater, David Schwarz, war der Erfinder des ersten lenkbaren Aluminium-Luftschiffs und die um acht Jahre jüngere Mutter, Melanie Schwarz, scheint eine lebenstüchtige Frau gewesen zu sein, denn sie führte das Werk ihres Gatten weiter, als dieser - erst 46 Jahre alt - überraschend gestorben war.
    Schon im Januar 1897 war Vera Halbwaise geworden, David Schwarz erlebte also den Aufstieg und das zu Bruchgehen seiner Erfindung am 3. November 1897 nicht mehr.
    Diese Erfindung war vor allem unter militärischen Gesichtspunkten sehr wichtig, weshalb Veras Mutter das Werk des Vaters weiterführte und sie war auch bei dem ersten Flugversuch in Berlin mit dabei und erlebte die Bruchlandung live. Im Prinzip hatte das Fluggerät nämlich funktioniert, weshalb Melanie Schwarz dennoch voller Hoffnung war auf dem richtigen Weg zu sein; schließlich kaufte Graf Zeppelin den Erben die Pläne ab und verfolgte die Sache auf seine Weise weiter.


    Ganz spurlos wird das alles an dem kleinen Mädchen nicht vorbei gegangen sein, aber nähere Einzelheiten sind darüber nicht bekannt. Von Vera Schwarz selbst weiß man, dass die Familie - wer auch immer dazugehörte - gegen Veras Gesangsausbildung war und man ihr das Geld sperren wollte, aber die Mutter förderte die Ausbildung ihrer Tochter nach Kräften und von Margarete Slezak weiß man, dass Melanie Schwarz später ihre Tochter bei Auftritten mit geradezu frenetischem Beifall unterstützt hat. Vera spielte - nach eigenen Angaben - schon als Kind sehr gut Klavier und wollte Pianistin werden.
    Also begab man sich mit der 14-Jährigen zur damals wohl besten Adresse in Wien, die war in der Weimarer Straße 60 im 18. Bezirk, wo Theodor Leschetizky zusammen mit seiner Frau am Klavier unterrichtete.


    In den spärlichen Biografien über Vera Schwarz taucht dann die Information auf, dass ihre Stimme durch Zufall entdeckt wurde, aber welcher Art dieser Zufall war und wer diese Entdeckung machte, ist nicht in Erfahrung zu bringen.
    Als Vera Schwarz längst nicht mehr aktiv sang und in New York und anderswo Gesangsunterricht gab, erklärte sie im März 1959 in einem Radio-Interview ihre Liebe zum Klavier so:
    »aber eigentlich ist Klavier meine Liebe, ich gehe nur in Klavierkonzerte, nie in Gesangskonzerte.«


    Wie auch immer die stimmliche Entdeckung vonstattengegangen sein mag, der finnische Bariton Filip Forstén (auch Phiipp Forstén) war von Veras Stimme begeistert, wie die Sängerin selbst berichtete, wobei es im Booklet einer CD heißt, dass Forstén der Meinung war, dass Veras Stimme für die Opernhäuser des Kontinents nicht groß genug sei, weshalb sie sich zunächst der Operette zuwandte.
    Nach ihrem Gesangsstudium am Wiener Konservatorium debütierte Vera Schwarz am 28. September 1908 als Freda in der Operette »Waldmeister« von Johann Strauß (Sohn) am Theater an der Wien, wo »Waldmeister« einige Jahre zuvor in diesem Haus erstmals aufgeführt wurde. Es muss ein schon etwas beachtliches Debüt gewesen sein, denn sie sang an der Seite des damals sehr populären Tenors Karl Streitmann und am Pult stand Robert Stolz.
    In der Zeitung ›Neues Wiener Tageblatt‹ ist über diese Aufführung zu lesen:
    »Sehr glücklich debütierte in der einst von Frau Pohlner gegebenen Rolle Fräulein Vera Schwarz, eine Wienerin, die gestern zum ersten Mal die Bühne betrat.«


    Im Sommer 1909 war Vera Schwarz als Operettensängerin in Karlsruhe und Graz zu hören; vom Oktober 1911 bis Juli 1912 dann wieder in Wien, wo sie auch Partnerin des berühmten Alexander Girardi war, der als singender Schauspieler einen großen Namen hatte.
    In den Sommerspielzeiten 1912 bis 1914 gastierte Vera Schwarz am Stadttheater im böhmischen Karlsbad.
    Bereits ab 1912 machte die Wahlwienerin erste künstlerische Schritte in Berlin, wo sie dann zwei Jahrzehnte später an der Seite von Richard Tauber große Triumphe feierte.
    Vera Schwarz war ab 1912 für ein Jahr am Berliner Theater am Schiffsbauerdamm
    engagiert, das damals gerade in ›Montis Operettentheater‹ umbenannt worden war, erst ab 1925 ging es in diesem Theater wieder anspruchsvoller zu.


    Als Vera Schwarz im Dezember 1914 in einer Benefizvorstellung der »Fledermaus« als Rosalinde einen großen Erfolg hatte, wusste sie, dass sie auch als Opernsängerin reüssieren könnte, weil da vom sängerischen Anspruch her kaum ein Unterschied zu machen ist. Also strebte sie mit ihrer bisher gewonnenen Bühnenerfahrung und mit Hilfe ihres bewährten Lehrers Forstén einen Wechsel zum ernsteren Fach an. Und das war nun kein zaghaftes Anpirschen über Rollen der Spielopern - im September 1915 stand sie am Stadttheater Hamburg als Elsa im »Lohengrin« auf der Bühne. Dort war sie Nachfolgerin von Lotte Lehmann geworden, die nach Wien gegangen war. Vera Schwarz blieb drei Jahre in Hamburg, bis sie dann an die Berliner Staatsoper berufen wurde, wo sie im September 1919 - wie vorher in Hamburg auch - an der Staatsoper Unter den Linden als Elsa in »Lohengrin« debütierte.
    1919/20 war sie auch Filmschauspielerin geworden und in dem Film »Figaros Hochzeit« zu sehen; 1935, 1952 und 1953 folgten weitere Filme in denen sie mitwirkte.


    Am 10. Februar 1921 gab Vera Schwarz an der Wiener Staatsoper ein Gastspiel als Floria Tosca, wo Alfred Piccaver in der Rolle des Mario Cavaradossi ihr Partner war. In den folgenden Jahren hörte man sie hier als ›Tosca‹ 35 Mal, es war eine ihrer Paraderollen.
    Aber sie gab hier auch die Aida, die Leonore in
    »Troubadour«, die Amelia in »Ein Maskenball«. die Rachel in »Die Jüdin«, die Marietta in »Die tote Stadt«...
    Diese Aufzählung ist nicht vollständig, aber zeigt, dass aus der ehemaligen Operettensängerin eine erstklassige Sängerin geworden war, die auf großen Opernbühnen bestehen konnte.
    Der spätberufene Musikwissenschaftler Dietrich Kröncke erwähnt in seinem Buch ›Richard Strauss und die Juden‹, dass sich die Sängerin selbst ›Wera‹ schrieb und es Strauss war, der sie 1921 von Hamburg nach Wien holte, aber nicht seine Lieblingssängerin wurde, denn am 21. Oktober 1921 schreibt Strauss an seinen Mitdirektor Franz Schalk in Wien:
    »Warum muß das klebrichte Frl. Schwarz berufen werden, um die tote Stadt zu singen? Warum konnte Frl. Geyersbach nicht wenigstens einspringen, nachdem das in Berlin unentbehrliche Frl. Schwarz nicht eingetroffen ist?«
    In einem Brief vom 21. November 1928 liest es sich dann weit positiver, wenn Strauss schreibt: »Ich verkenne nicht die Vorzüge des vortrefflichen Frl. Schwarz, aber als alleinige Vertreterin kann sie (Helena) nicht halten.«


    1924 mündete der Wiener Gastspielvertrag in ein festes Engagement mit mindestens 30 Abenden pro Saison. Daneben gastierte sie auch an anderen Opernhäusern wie zum Beispiel in Budapest, Prag, München, London, Amsterdam und Paris.


    Schon 1928 trat sie mit dem Tenor Hans-Heinz Bollmann, der auch ein hervorragender Opernsänger war, in der Operette »La Barberina« von Leo Ascher mit großem Erfolg auf.
    Im September 1929 löste sie ihren Vertrag in Wien, um sich wieder der Operette zuzuwenden, trat aber in diesem Jahr auch bei den Salzburger Festspielen unter dem Dirigat von Clemens Krauss im »Rosenkavalier« an der Seite von Lotte Lehmann und Richard Mayr als Octavian auf.
    Gerne hätte man Vera Schwarz langfristiger an der Wiener Staatsoper gehabt, weil der absolute Superstar Maria Jeritza viele Wochen, ja Monate im Jahr in Amerika weilte und an der Wiener Staatsoper Aida und Tosca italienisch sang, was in Wien damals nicht gut ankam; man warf der Jeritza vor, dass sie Wien als Probebühne für ihre Auftritte an der »Met« nutzt.
    Aber anstatt sich an Wien zu binden, feierte Vera Schwarz dann vor allem in Berlin an der Seite von Richard Tauber wahre Triumphe, wobei natürlich der geradezu vergötterte Richard Tauber das Zugpferd war.
    Wenn man in Vera Schwarz´ Auftrittsliste schaut, dann sieht man, dass sie schon 1924 und 1927 an der Wiener Staatsoper als Tosca mit Tauber auf der Bühne stand.


    Aber schon weit vor ihrer Vertragsauflösung an der WSO hatte sie im Schlepptau von Richard Tauber in Berlin Sternstunden der Operette erlebt, nämlich bei der deutschen Erstaufführung von »Paganini«, wobei die Uraufführung von »Paganini« in Wien eine Pleite war, was wohl auch an dem Heldentenor Carl Clewing lag, der die Figur des Paganini nicht so eloquent darbieten konnte als dies Richard Tauber vermochte, der jedoch zu diesem Zeitpunkt an der Oper von Stockholm in »Don Giovanni« verpflichtet war und deshalb die Uraufführung nicht singen konnte.


    Eigentlich wollte der Berliner Theaterleiter, Heinz Saltenburg, wegen des Wiener Misserfolgs aus dem Vertrag aussteigen, aber Lehar hatte die Berliner Aufführungen auf dem Klageweg erstritten. Das war also die Vorgeschichte, als Vera Schwarz und Richard Tauber am 30. Januar 1926 in den Kulissen standen und darauf warteten bis sich der Vorhang hob.
    Nachdem das Lied ›Gern hab´ ich die Frau´n geküsst‹ verklungen war, muss die Aufführung minutenlang unterbrochen werden, aber nicht etwa wegen des Textes, wie heute zu befürchten wäre. Die Leute waren so begeistert, dass dieses Lied fünfmal wiederholt werden musste - und dann kam noch das Duett: ›Niemand liebt dich so wie ich‹ ...


    Die Uraufführung der Operette »Das Land des Lächelns« wird im Berliner Metropol -Theater im Oktober 1929 ein weiterer überwältigender Erfolg; die Presse schreibt: »Tauber und Schwarz sind das Erlauchteste, was die Operettenbühne je an Stimme geboten hat« oder »Nie hat der wiedergenesene Richard Tauber, nie hat Vera Schwarz so blühend schön für uns gesungen wie an diesem Abend. Nach jedem Tauber-Lied, nach jedem Vera-Schwarz-Gesange braust wahrer Jubel durch das Haus. Und wenn sie gar zu zweien singen, so will der Beifall überhaupt nicht enden.«
    Mehr als 600 Mal ist Vera Schwarz in diesem Stück als Lisa aufgetreten, zwar nicht immer mit Tauber, aber meistens mit Tauber. Zwischen 1929 und 1932 war sie zeitweise Ensemble-Mitglied des Metrepol-Theaters und wohnte Kurfürstendamm 71.


    In den Jahren 1931 bis 1933 war Vera Schwarz nochmals an der Berliner Staatsoper verpflichtet, wo sie in der Berliner Erstaufführung der einaktigen komischen Oper »Spiel oder Ernst« von Emil Nikolaus von Rezniček und in der Strauss-Oper »Die ägyptische Helena« sang, ein Stück in dem sie schon im Sommer 1928 in Wien gesungen hatte. Daneben trat sie noch in Operetten auf, mit »Wiener Blut« ging ihre Sängerkarriere in Deutschland zu Ende.


    Wie eingangs bereits erwähnt, entstammte Vera Schwarz einem strenggläubigen jüdischen Elternhaus und war spätestens ab 1933 in Berlin nicht mehr erwünscht; konnte also hier auch nicht mehr die Uraufführung des Propagandafilms »Henker, Frauen und Soldaten« erleben, bei dem sie immerhin 1935 noch in einer kleinen Rolle mitgewirkt hatte.
    Sie konnte dann problemlos in ihre Wahlheimat Wien wechseln, wo sie an der Staatsoper wieder ihre großen Rollen sang, am 9. März 1934 die Carmen, im Februar 1935 die Elsa in »Tannhäuser«,1935/36 als Pamina in der »Zauberflöte«, im Dezember 1935 bei der Uraufführung von Franz Salmhofers »Die Dame im Traum«, im Juni 1936 an der Seite von Jussi Björling in »Der Troubadour« und so weiter und so fort ... diese Beispiele sollen nur aufzeigen, dass sie trotz ihrer zwischenzeitlichen ausgiebigen Operettentätigkeit nichts von ihrer Operntauglichkeit eingebüßt hatte.
    Aber der ›Schwanengesang‹ in Österreich war für Vera Schwarz dann doch wieder Operette, im Februar 1938 wurde am Wiener Operntheater drei Mal »Das Land des Lächelns« gegeben; letztmals stand sie hier am 23. Februar mit Richard Tauber auf der Bühne;
    am 12. März 1938 marschierten deutsche Truppen in Österreich ein.


    Nun ergab es sich, dass Fritz Busch für das Festival in Glyndebourne eine Sängerin für die Aufführung von Verdis »Macbeth« suchte; 1938 wurde bei diesem Festival erstmals eine Verdi-Oper neben fünf Mozart-Opern aufgeführt. Aber die für »Macbeth« vorgesehene Sängerin hatte abgesagt, weil ihr die Rolle viel zu schwer war. Grete Busch beschreibt die Situation in Glyndebourne so:


    »Glyndebourne nahm Erich Engels immer wiederholten Rat an und verpflichtete Vera Schwarz. Sie hatte einen einzigen Fehler: sie war nicht mehr jung, aber Glyndebourne gewann in ihr eine Meisterin.«


    Über England emigrierte Vera Schwarz im Dezember 1938 in die USA, wo sie vor allem als Konzertsängerin auftrat, aber auch Opernauftritte in New York und Chicago verzeichnet sind. Und sie hatte sich in USA auch einen Namen als Gesangslehrerin gemacht; sie arbeitete zunächst für Metro-Goldwyn-Mayer und unterrichtete zum Beispiel Nelson Eddy und Jeanette MacDonald, die als Traumpaar des Films galten; auch die von der alten Heimat her bekannte Schauspiel-Sängerin Ilona Massey nahm die Empfehlungen der um ein Dutzend Jahre älteren Vera Schwarz an und es ließen sich noch eine Menge anderer Namen anfügen: Marni Nixon, Patrice Munsel, Hilde Güden, Risë Stevens, John van Kesteren ...


    So ganz neu war für Vera Schwarz das Lehren nicht, denn schon in Wien hatte sie einem jungen Mädchen, dem ab dem zehnten Lebensjahr von verschiedenen Lehrern über einige Jahre hinweg Violinunterricht erteilt wurde, Gesangsunterricht gegeben, was allerdings unter strengster Diskretion vonstattengehen musste, weil vor allem der mächtige Vater von der Gesangsausbildung nichts wissen durfte; die Gesangsschülerin war Margarete Slezak, die Tochter des berühmten Tenors Leo Slezak. Die Gesangsausbildung war so gut, dass Margarete - nach weiteren Studien - bei ihrem Debüt in Brünn in Halévys Oper »La Juive« neben ihrem Vater auftreten konnte.


    Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Vera Schwarz immer wieder nach Europa, wo sie ab 1948 auch Meisterklassen am Mozarteum Salzburg unterrichtete. In New York hatte sie für einige Jahre in der 57th Street ein Gesangs-Studio geführt und stellte begeistert fest, dass Amerika wunderschöne Stimmen hat, denn Vera Schwarz pflegte auch Kontakte zu Künstlerinnen der Metropolitan Opera; und sie bereitete auch Sängerinnen gezielt für wichtige Opernaufführungen vor, wie zum Beispiel ihre langjährige Schülerin und Freundin Hilde Güden auf »Die schweigsame Frau« zu den Salzburger Festspielen im August 1959.
    1958 war Vera Schwarz sogar für drei Wochen in pädagogischer Mission auf der Weltausstellung in Brüssel und hat dort erstmals öffentlich unterrichtet, wobei sie mächtig stolz darauf war, dass Österreich, im Gegensatz zu anderen Nationen, die Technik zeigten, Musik ›verkauft‹ hat.
    Ein weiterer Quell der Freude war für sie, dass man damals alte Plattenaufnahmen von 1919, 1920 und 1921von störenden Nebengeräuschen befreien und in weit besserer Qualität hören konnte.


    Die Frage nach ihrer Lieblingsrolle beantwortete sie nach ihrer aktiven Zeit auf der Bühne etwas gewunden, gab dann aber zu Protokoll, dass sie gesanglich die Aida besonders schätzt und wenn es um Gesang und Schauspiel geht, Tosca.
    Nun, alleine an der Wiener Staatsoper, auf dessen Bühne sie fast 250 Mal stand, sang sie die Tosca in 35 Vorstellungen und die Aida 23 Mal.


    Vera Schwarz war eine beachtenswerte Sängerin, was sich noch in Aufnahmen heraushören lässt, die jetzt schon mehr als hundert Jahre alt sind.


    Praktischer Hinweis:
    Ihre letzte Ruhe fand Vera Schwarz in Wien, im Bereich der Feuerhalle. Am Eingang des Friedhofsgeländes befinden sich rechts und links Arkaden. Man geht auf das imposante Gebäude der Feuerhalle zu und an dieser rechts oder links vorbei. Dort, wo das Friedhofsgelände jenseits der Feuerhalle endet, findet man in einer großen Urnenwand die im Foto gezeigte Tafel. Auf dem Friedhofsplan wird die Stelle mit Abteilung MH, Nr. 359 bezeichnet.
    Die Feuerhalle Simmering befindet sich nicht auf dem Gelände des Wiener Zentralfriedhofs, sondern jenseits, Simmeringer Hauptstraße 337.

    Aus technischen Gründen ist es zurzeit nicht möglich ein Foto der Feuerhalle hochzuladen, wenn möglich wird das später ergänzt.


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  • Karl Goldmark - * 18. Mai 1830 Keszthely - † 2. Januar 1915 Wien


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    Zum heutigen Todestag von Karl Goldmark


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    Karl Goldmark wurde im Königreich Ungarn geboren, sein Geburtsort liegt in der westlichen Ecke des Plattensees, hat ein stattliches Schloss und ist heute eine Gemeinde von etwa 20.000 Einwohnern. Der kleine Károly zog als Vierjähriger mit seinen Eltern in den etwa 130 Kilometer entfernten Ort Deutschkreuz, der damals noch zum ungarischen Teil des Habsburgerreichs gehörte und erst 1919 zu Österreich kam. In Deutschkreuz lebten damals etwa 3.000 Menschen, davon waren ein Drittel Juden.


    Als in Deutschkreuz (damals Németkeresztur) bei der jüdischen Gemeinde die Synagoge umgebaut wurde, kam Rubin Goldmark, also Károlys Vater, als Kantor und Notar in die jüdische Gemeinde, wo Maria Goldmark acht weiteren Kindern das Leben schenkte, es war eine in ärmlichen Verhältnissen lebende kinderreiche Familie; in der Literatur findet man die Aussage, dass es insgesamt über zwanzig Kinder gewesen sein sollen, die Angaben schwanken von 21 bis 24 Geschwistern.


    Péter Varga schreibt in diesem Zusammenhang: »So ist z. B. bei Karl Goldmark auffallend, mit welcher Diskretion, ja fast Schamgefühl er mit seiner jüdischen Herkunft umgeht, zumal das Wort ›Jude‹ in keinem Zusammenhang, kein einziges Mal vorkommt.«


    Die ersten musikalischen Unterweisungen erhält der elfjährige Károly durch einen Chorsänger seines Vaters, der etwas Geige spielen konnte, aber von sinnvollem Unterrichten keine Ahnung hatte. Nach einem Jahr gab es dann qualitativ weit besseren Geigenunterricht bei Anton Eipeldauer an der Musikschule Ödenburg, dem heutigen Sopron, in unserer Zeit, einer Stadt mit zweisprachigen Straßenschildern.
    Um die Musikschule zu erreichen war zweimal in der Woche ein zweistündiger Fußmarsch von Deutschkreuz aus zu absolvieren; nach dem Unterricht ging es die gleiche Strecke wieder zurück. Der erste Erfolg dieses Unterrichts wird öffentlich hörbar, als der Junge 1843 im Rahmen eines Vereinskonzerts auftrat.


    1844 kam der Junge zu seinem um zehn Jahre älteren Bruder Josef, der Medizin studierte, nach Wien. Hier musste Karl dann anfallende häusliche Arbeiten verrichten und wurde auf unterschiedliche Art, zum Beispiel in Form von Freitischen, durchgefüttert. Für die musikalische Weiterbildung war Leopold Jansa, ein Mitglied der Hofkapelle und vortrefflicher Quartettspieler, zuständig.
    Nach eineinhalb Jahren musste der Gegenunterricht bei Jansa beendet werden, weil Karls Vater das Geld für den weiteren Unterricht nicht mehr aufbringen konnte. Später beschrieb der Komponist diese Zeit als äußerst jämmerlich.


    Sein Bruder, inzwischen Arzt an einem Wiener Krankenhaus, setzte keinerlei Hoffnung in eine Kariere Karls als Geigenvirtuose und riet zu einem anderen Berufsziel, das einen Schulabschluss erforderlich machte. Das dazu notwendige Wissen erwarb der Junge nun autodidaktisch und die Abschlussprüfung erfolgte praktisch zwischen ›Tür und Angel‹ bei einem Schuldirektor während der Ferienzeit.
    Seine ersten Kompositionsversuche waren ebenfalls autodidaktisch; er spielte viel Geige und komponierte ohne die geringsten Kenntnisse von Harmonielehre und Kontrapunkt drauf los; von der Existenz Haydns, Mozarts oder Beethovens hatte er zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung. Goldmarks Götter waren damals die Violinisten und Komponisten Charles-Auguste de Bériot, Jean-Delphin Alard und Henri Vieuxtemps.


    Zunächst begann Karl Goldmark sein Studium zweigleisig, nämlich sowohl am Polytechnikum als auch am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Letzteres hätte wohl eher zum Erfolg geführt, denn Joseph Böhm war am Konservatorium eine erste Adresse. Ein bisschen was hat er da noch mitbekommen, auch von Gottfried von Preyer, aber schließlich konnten Goldmarks Studien durch die 1848er Revolution nicht weiter betrieben werden.
    Für die nächsten Zehn Jahre verdingte sich Goldmark als Geiger in verschiedene Orchester an verschiedenen Orten und gab auch Klavierstunden, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
    1858 provoziert Goldmark seinen Rauswurf aus dem Orchester des Carl-Theaters und geht nach Pest (seit 1873 Budapest), um dort - wiederum autodidaktisch - ›Richters Lehrbuch des Kontrapunktes‹ und anderes zu studieren. Er selbst sagt zu dieser Zäsur: »Nun begann eine Zeit tiefsten, ernsten Studiums.«
    Und diese Selbststudien scheinen Früchte getragen zu haben, denn in der ›Neuen Wiener Musikzeitung vom 5. Mai 1859 findet man die Kritik eines am 13. April stattgefundenen Konzerts in der es unter anderem heißt: » ... des Komponisten, der berufen zu sein scheint, eine rühmliche Stufe im Reiche der Tonkunst einzunehmen.«
    In Pest komponierte er auch Synagogenmusik, die jedoch heute weitgehend unbekannt ist.
    Öffentliche Aufführungen seiner Kompositionen fanden auch in den Jahren 1859 in Wien statt.


    Um1860 herum lernte Goldmark Brahms kennen. Als sich Goldmark vom Carl-Theater verabschiedet hatte, wechselte er von der Geige zur tieferklingenden Bratsche.
    Vier junge Leute hatten sich als Quartettspieler zusammengetan, wo sie auch neue Werke von Brahms einstudierten. Karl Goldmark sah rückblickend sein Verhältnis zu Brahms so:
    »Sein Verkehr mit mir war überhaupt wechselvoll; heute herzlich warm, intim, morgen kalt, zurückhaltend, spröde.« Unterm Strich kann man aber wohl von einer Jahrzehnte währenden Freundschaft sprechen.
    Karl Goldmark selbst, wurde nun aber auch in dieser Zeit als Komponist mit seinem Streichquartett op. 8 von der musikinteressierten Öffentlichkeit in Wien wahrgenommen, als das Stück 1861 durch das neu gegründete Hellmesberger-Quartett uraufgeführt wurde. Goldmark hatte das Konzert eigentlich für Hellmesberger geschrieben, aber dieser weigerte sich, es in seine Quartett-Soireen aufzunehmen. Da arrangierte Goldmark auf eigene Faust ein Konzert und bezahlte Hellmesberger für seine Mitwirkung. Auch dass sich Goldmark als Musikkritiker bei der ›Constitutionellen Österreichischen Zeitung‹ betätigte, trug zu seinem Bekanntheitsgrad bei.


    1863 erhielt Goldmark ein erstes Stipendium für Musik, das ihm 600 Gulden Unterstützung einbrachte und zunächst von finanziellen Sorgen befreite. Bei den drei Kommissionsmitgliedern des Ministeriums für Cultus und Unterricht handelte es sich um die Herren Eduard Hanslick, Heinrich Esser und Johann von Herbeck.
    Auch mit seinem op. 13, der Ouvertüre zu Kalidasas Drama »Sakuntala« erzielte Goldmark zum Ende der Saison 1865 / 66 einen beachtlichen Erfolg, zumal als Autodidakt. So ist es nicht verwunderlich, dass man ihm 1867 abermals ein Staatsstipendium gewährte.


    In den Jahren zwischen 1866-71 entstand die vieraktige Oper »Die Königin von Saba«, ein Werk, das sich fest mit dem Namen Karl Goldmark verbindet und am 10 März 1875 an der Wiener Hofoper - nach anfänglichem Widerstand durch Hofoperndirektor Johann von Herbeck - seine Uraufführung erlebte. Von der ersten Idee bis zur Uraufführung war etwa ein Jahrzehnt vergangen. Es war die erste Oper des Komponisten und blieb die erfolgreichste seiner insgesamt sieben Opern.
    Goldmarks Schülerin Caroline von Gomperz-Bettelheim (1845-1925) soll den Komponisten zu dieser Oper inspiriert und er ihr die Rolle auf den Leib geschrieben haben. Allerdings wurde die Titelrolle bei der Uraufführung von Amalie Materna gesungen, was wiederum bei Marie Wilt, die mit der Rolle der Sulamith vorlieb nehmen musste, etwas auf die Stimme schlug, weshalb der festgesetzte ursprüngliche Erstaufführungstermin nicht eingehalten werden konnte.


    Einige Kritiker sahen Goldmarks Werk als jüdische Nationaloper, wovon der Komponist jedoch nichts hielt; er wollte nicht als jüdischer Künstler gesehen werden, sondern als in Ungarn geborener Deutscher. Das Werk war ein außerordentlicher Erfolg und entwickelte sich zum Kassenschlager, und das nicht nur in Wien, sondern weltweit. Im 19. Jahrhundert war es das meistgespielte Werk an der Metropolitan Opera New York, wo es von Toscanini aufgeführt wurde und Caruso die Partie des Assad sehr schätzte.
    Natürlich gab es auch Kritiker, die bei Goldmark eine zu große Nähe zu Richard Wagner sahen, allen voran Eduard Hanslick. An der Wiener Staatsoper wurde das einst so umjubelte Werk »Die Königin von Saba« letztmals am 15. Dezember 1937 aufgeführt, dann veränderten sich hier die politischen Verhältnisse und danach der Zeitgeschmack.


    Mit »Die Königin von Saba« hatte Goldmark den Nerv der Zeit getroffen und der Komponist war damit schlagartig weltberühmt geworden und seine folgenden Werke wurden nun von erstklassigen Interpreten zur Aufführung gebracht. Um 1900 war er einer der berühmtesten Komponisten Europas. Nach dem Tod von Anton Bruckner (1896), Johannes Brahms (1897) und Johann Strauß (1899) galt Goldmark als der bedeutendste Komponist der Donaumonarchie, er rangierte noch vor Gustav Mahler und Arnold Schönberg. Der Publizist Karl Kraus bescheinigte ihm, seit Richard Wagners Tod der größte lebende Musikdramatiker zu sein. Schließlich bemühte sich auch der finnische Student Jean Sibelius, Schüler von Goldmark zu werden, nachdem ihn weder Brahms noch Bruckner empfangen hatten.


    Insbesondere zu seinen runden Geburtstagen wurde Karl Goldmark mit zahlreichen Ehrungen bedacht. Als im Dezember 1914 die Opernklasse der Staatsakademie seine Oper »Heimchen am Herd« aufführte, hatte er hier noch einen öffentlichen Auftritt. Am 2. Januar 1915 starb er an den Folgen einer Blasenkrebserkrankung.
    Vom Begräbnistag wird berichtet, dass die Joseph-Gall-Gasse in Wien, wo der Komponist wohnte und sich heute eine Gedenktafel befindet, schwarz von Fiakern und Menschen war. Auf der Gedenktafel steht übrigens: DR. CARL GOLDMARK.


    Die Beisetzung erfolgte in einem von der Israelitischen Kultusgemeinde gewidmeten Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof. Das Grabmonument gestaltete Ernst Hegenbarth, ein namhafter Bildhauer und Ehemann von Goldmarks 1866 geborener Tochter Minna.


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    Die Bezeichnung des Gräberfeldes ist etwas in die Jahre gekommen ...


    Praktische Hinweise:
    Das Grab befindet sich auf dem Alten jüdischen Friedhof beim Wiener Zentralfriedhof; zwischen Tor 11 und Tor 12. Wenn man von der Simmeringer Hauptstraße kommt, kann man den Weichseltalweg bis zum Beginn der Mylius-Bluntschli-Straße benutzen, wo sich Tor 11 findet. Goldmarks Grab befindet sich in 52A.

  • Gottfried von Einem - *24. Januar 1918 Bern - †12. Juli 1996


    Zum heutigen Geburtstag des Komponisten Gottfried von Einem


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    Beide alte Fotos von Walter Anton - früheres Aussehen der Grabstelle


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    Diese Fotos des neuen Grabes entstanden am 23. August 2022.


    Gottfried von Einem sagt in seiner Autobiografie von 1995: »Ich hab´ unendlich viel erlebt«. Die Spanne seines Daseins ist weit, sehr weit. Joachim Reiber merkt in seiner Biografie über Gottfried von Einem an, dass Einems Satz: »Mit Hitler hatte ich vom Anfang an nicht viel im Sinn.«, einer Korrektur bedarf, weil von Einems Tagebucheintragungen von Oktober 1935 bis zum Juli 1943 ein gänzlich anderes Bild vermitteln, da finden sich eine Menge Einträge, die eindeutig eine andere Sprache sprechen.
    Auf der anderen Seite - und die wiegt wohl schwerer - wurde er am 12. August 2002 posthum von der Israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Ehrentitel ›Gerechter unter den Völkern‹ ausgezeichnet; neben anderen hatte Gottfried von Einem für das Leben des Berliner jüdischen Musikers Konrad Latte Kopf und Kragen riskiert.


    Im Jahr als der Erste Weltkrieg zu Ende ging, wurde Gottfried in der neutralen Schweiz als Sohn einer wohlhabenden Familie geboren. Sein damals 45-jähriger Vater war seit 1914 als Militärattaché an der österreichischen Botschaft und hatte den Rang eines Obersten.
    Die Mutter, Gerta Louise, stammte aus einer Offiziersfamilie mit adeligem Hintergrund und war fast zwanzig Jahre jünger als der Vater. Gerta Louise war eine begabte Pianistin, deren Klavierlehrerin noch mit Franz Liszt musizierte.


    All die hochdiplomatischen Ränkespiele interessierten den kleinen Gottfried nicht, und dass da noch ein Graf Laszlo Hunyady seinem Vater zur Hand ging auch nicht. So richtig in Gottfrieds Leben trat der ungarische Graf Hunyady erst zwanzig Jahre später, als der junge Mann unter spektakulären Umständen erfuhr, dass Graf Hunyady sein genetischer Vater war. Gottfried hatte noch den älteren Bruder Ernst August und den jüngeren Karl Hermann.


    Nach dem Kriegsende hatte die österreichische Monarchie ihren einstigen Glanz verloren und Wilhelm von Einem quittierte den Dienst und wurde in Wien ansässig, wo er eine Handelsfirma leitete.
    Auch Gerta Louise verließ 1921 mit ihren Kindern Bern, hatte das Jahr über verschiedene Aufenthaltsorte und wählte schließlich Malente als ständigen Wohnsitz, obwohl die Einems damals schon einen Besitz in der Ramsau (Steiermark) hatten.
    Sohn Gottfried schreibt in seiner Autobiografie: »... entschloss sich meine Mutter zu einer Umsiedlung nach Schleswig-Holstein, wo sie eine große Villa in Malente-Gremsmühlen zu günstigen Bedingungen erwerben konnte.«
    Das Haus verfügte über zwanzig Zimmer und war bald der gesellschaftliche Mittelpunkt der Gegend, wenn Gerta Louise von Einem da war, aber das war eher selten, meist war die Dame auf Reisen, wobei die technische Betreuung der Kinder durch zahlreich vorhandenes Personal gewährleistet war: Dienstboten, Köchin, Erzieherin, Hauslehrer...
    Oberste Instanz im herrschaftlichen Landhaus war bei Vakanz der Eltern die Großmutter, Hedwig Rieß von Scheurnschloß.
    Die offensichtlichen Defizite fanden ihren Ausdruck darin, dass Generaloberst Hans von Seeckt - ein enger Freund des Hauses - Vormund der Kinder wurde.
    Die Eltern waren ständig auf Reisen und General a.D. von Einem kam immer seltener nach Malente und blieb dann schließlich ganz weg.


    Die Grundschule absolvierte Gottfried problemlos, hatte dann aber am Gymnasium krankheitsbedingt Schwierigkeiten sich nach längerem Kuraufenthalt wieder einzugliedern.
    Als der Junge dann die dritte Gymnasialklasse eigentlich nicht schaffte, setzte Gottfrieds Mutter einiges in Bewegung, damit die Versetzungshürde doch noch übersprungen werden konnte, und die Mutter schaffte es mit ihren weitreichenden Beziehungen auch, dass ihr Sohn fortan die ›Gelehrtenschule‹ in Ratzeburg besuchen konnte; rückblickend sagte Gottfried von Einem, der den Schulwechsel als Gottesgeschenk sah, : »Eine der prägenden Begegnungen meines Lebens hat an dieser Schule stattgefunden. Ich verdanke es dem Direktorder Schule von Ratzeburg, Karl Christian Jensen, dass ich zu mir selbst finden konnte. Dort endlich konnte ich frei atmen.« Nun war es aber nicht so, dass seine Gymnasialzeit die reine Freude war, nach eigener Aussage absolvierte er diese Zeit eher widerwillig und schwänzte oft den Unterricht. Auch den Musikunterricht an der Schule schätzte er nicht besonders, Musik als Unterrichtsfach mochte er nicht.


    Aber er kam schon recht früh mit Musik in Berührung, weil seine Mutter eine ausgezeichnete Pianistin war, und was die väterlichen Gene betrifft, war da sicher auch einiges ererbt, denn als sein leiblicher Vater mit Mutter Gerta Louise auf Großwildjagd in Afrika war, führte Graf Hunyady an Bord eines Nildampfers auch ein Klavier mit, weil der Graf während der monatelangen Reise nicht auf sein geliebtes Improvisieren verzichten mochte.


    Gottfried hatte schon im Alter von fünf Jahren den klaren Berufswunsch Componist zu werden, und schrieb dieses Wort stets mit ›C‹. Natürlich bekam er von Kindesbeinen an Klavierunterricht, allerdings nicht von seiner Mutter, die das nicht leisten konnte, weil sie selten zu Hause war. So ging er durch die Hände verschiedener Lehrerinnen und Lehrer, einer der Lehrer wurde extra vom Chauffeur des Hauses aus dem 40 Kilometer entfernten Kiel herbeigeholt.


    Seine ersten großen Live-Höreindrücke waren Bachs »Matthäus-Passion«, da war der Knabe acht und begeistert, aber auch der Ansicht, dass er so etwas auch schreiben könne.
    Sein erster Opernbesuch war sechs Jahre später, eine Aufführung von »Madame Butterfly« in Berlin. Ein weiteres prägendes Erlebnis war für den jungen Mann eine »Fidelio«-Aufführung bei den Salzburger Festspielen, die Richard Strauss dirigierte. 1934 dann sein erstes Bayreuth-Erlebnis, in Begleitung von Olga Rigele, der älteren Schwester von Reichsmarschall Göring, besucht er den grünen Hügel und es begann die Freundschaft mit dem Tenor Max Lorenz und auch eine mit ›Maus‹, bürgerlich, Friedelind Wagner, eine Eheschließung war damals nicht ausgeschlossen, beide Mütter hätten nichts dagegen gehabt. Einige Jahre später stellte sich dann heraus, dass Friedlinde das ihr anvertraute Schweizer Vermögen der von Einems durchgebracht hatte.


    1937 ging Gottfried von Einem dann nach Wien, um dort seinen Militärdienst abzuleisten, wurde aber bereits nach 14 Tagen als dienstuntauglich entlassen; also waren ihm zwei Aufenthalte in England möglich, die er nutzte um die englische Sprache zu erlernen.
    Durch die Bekanntschaft mit Olga Rigele und Max Lorenz war es möglich an die Berliner Staatsoper zu kommen, wo ihm Tietjen sehr gewogen war. In seinen Jahren an der Staatsoper und auch in Bayreuth war es ihm möglich bedeutende Leute der Musikszene zu beobachten und kennenzulernen, und auf vielen Gebieten etwas zu lernen.


    In seiner Berliner Zeit wohnte der junge Mann standesgemäß im Berliner Adlon, seine Mutter ebenfalls; ein Packard mit englisch-livriertem Chauffeur stand auch zur Verfügung.
    Eines unschönen Morgens wurde die Mutter und ihr 20-jähriger Sohn getrennt von der Gestapo abgeholt und verhört. Als man Gottfried fragte, wann und wo seine Frau Mutter mit Herrn Churchill diniert hatte, wusste er noch nicht, dass seine Mutter ebenfalls inhaftiert war.
    Von der Gestapo erhielt er schließlich die schockierende Nachricht, dass nicht General Wilhelm von Einem sein leiblicher Vater war, sondern der inzwischen zu Tode gekommene Graf Laszlo Huinyady, der seinem Sohn 100.000 Goldfranken hinterlassen hatte. Und man stellte die rhetorische Frage: »Wissen Sie, dass Ihre Frau Mutter über Leichen geht?«
    Sohn Gottfried stellte jedoch Jahre später klar, dass seine Mutter etwa 70 Menschen das Leben rettete.
    Man kann das spannende Leben der Baronin hier nicht darstellen, aber während Sohn Gottfried ein paar Wochen später wieder aus der Haft entlassen wurde, saß seine Mutter 13 Monate ein und wurde 1940 in Frankreich zum Tode verurteilt, aber das Todesurteil wurde 1948 nach einem Prozess aufgehoben, die Beratung hatte nur wenige Minuten gedauert.


    Musikalisch interessanter ist von Einems Studium bei Boris Blacher. Gottfried wollte zwar ursprünglich bei Paul Hindemith studieren, aber daraus wurde nichts. 1938 hatte ihn Blachers »Symphonie Opus 12«, die in Berlin uraufgeführt wurde, stark beeindruckt; nun wollte er unbedingt bei Blacher studieren. Zwischen den beiden kam eine Vereinbarung zustande, wobei der Student bezüglich des zeitlichen Ablaufs gewisse Ansprüche stellte, denn von Einem wollte sein Studium möglichst schnell absolvieren, was ihm dann auch gelang.
    Von Blacher ist folgender Ausspruch überliefert:
    »Einem kam zu mir 1941als völliger Anfänger und hat in zwei Jahren das kompositorische Rüstzeug erlernt. Das Merkwürdigste war, dass sein Personalstil selbst in den läppischsten Harmonielehreaufgaben zu erkennen war. Er brauchte keinen Weg zu finden, er war eigentlich, vor dem Studium, schon fertig«


    Durch die Frau von Boris Blacher hatte Gottfried von Einem auch seine erste Frau, Lianne von Bismarck, kennengelernt; 1946 wurde in Ramsau geheiratet, als Gerta Louise aus Wien kam, stand sie vor vollendeten Tatsachen und war empört. Gottfried von Einem war schon vor der Heirat darüber informiert, dass seine Frau keine lange Lebenserwartung hat. Im Mai 1948 kam Sohn Caspar zur Welt, Lianne starb 1963.


    Einems erstes Orchesterstück - »Capriccio« - schrieb er für den Dirigenten Leo Borchard, Blacher hatte die Sache vermittelt und das Werk kam 12. März 1943 durch die Berliner Philharmoniker in der Reichshauptstadt zur Aufführung.
    Am 5. Februar 1944 führte Karl Elmendorff an der Dresdner Staatsoper das Ballett »Prinzessin Turandot« auf, es war sein erstes Werk, das er mit einer Opuszahl versah; das etwa 60-minütige Werk war 1942/43 in Berlin und Ramsau entstanden. Aus beiden Werken hätten leicht Schwierigkeiten entstehen können, weil da schon Spuren des Jazz herauszuhören waren.


    Das Kriegsende erlebte von Einem in der idyllischen Ramsau, wo er kurzfristig zum Polizeichef wurde, jedoch keinerlei Ambitionen hatte diese Karriere weiter zu verfolgen.
    Bald war er in Salzburg ansässig geworden, das er schon seit Anfang der 30er Jahre kannte, wo seine Eltern ein Essen für Bruno Walter nebst Gattin gaben und ein entsprechender Bekanntenkreis vorhanden war.


    Gottfried von Einem kam nicht mit leeren Händen nach Salzburg, denn da war noch das Auftragswerk der Dresdner Staatsoper, seine erste Opernkomposition »Dantons Tod« nach Georg Büchner. Ursprünglich war geplant das Werk in Zürich aufzuführen, aber das Reisen gestaltete sich damals sehr schwierig.
    Schon vier Tage vor Deutschlands Kapitulation war Salzburg am 4. Mai 1945 kampflos an die amerikanischen Truppen übergeben worden. Bereits im August 1945 fanden improvisierte Festspiele statt, die Amerikaner waren bestrebt die Moral der Menschen zu heben; in einer Verlautbarung hieß es:


    »It will be most useful to strengthen the morale of the people. The population of Salzburg is very proud of their tradition and will take the hardships of the present time more easily if they have their music back«


    Der Musikjournalist Joachim Reiber schildert die Situation im Nachkriegs-Salzburg recht gut und stellt sarkastisch fest: »Das neue Österreich durfte beginnen, als hätte es das alte nie gegeben.« Und Reiber meinte weiter: »Ohne die Amerikaner, um es so pauschal zu sagen, wäre auch ›Dantons Tod‹ nicht zu den Salzburger Festspielen gekommen.«
    Egon Hilpert, Chef der Bundestheaterverwaltung und Bernhard Paumgartner sorgten maßgeblich dafür, dass von Einems »Dantons Tod« in Salzburg aufgeführt wurde.
    Das Stück wurde in Doppelbesetzung einstudiert und es gab zunächst auch zwei Dirigenten, nämlich Otto Klemperer und Ferenc Fricsay. Der Komponist hatte sich zwar Klemperer als Dirigenten der Uraufführung gewünscht, aber Klemperer war gesundheitlich angeschlagen und konnte das nicht bewältigen. Die Uraufführung am 6. August 1947 war ein Riesenerfolg, Ferenc Fricsay, Oscar Fritz Schuh und Caspar Neher hatten von Einems Oper genial in Szene gesetzt. Karajan, den von Einem ja aus seiner Berliner Zeit - also seit1938 - recht gut kannte, hatte zwar versucht die Aufführung zu verhindern, worauf ihre Beziehung dann für immer getrübt war. Trotz des allgemein großen Erfolges - schließlich war Gottfried von Einem mit einem Schlag ein berühmter Komponist geworden - gab es auch Gegenstimmen, zum Beispiel die in der Zeitung »Neues Österreich«, wo man sich darüber ausließ, dass ein »deutscher Ausländer« in Salzburg zur Aufführung gelangte.
    Gottfried von Einem wurde im Anschluss an seinen Erfolg auch ins Festspieldirektorium berufen, aber am 1. Oktober 1951 war in den »Salzburger Nachrichten« zu lesen, dass Gottfried von Einem im Zusammenhang mit der Einbürgerungsaffäre Bert Brechts seiner Funktion als Direktoriumsmitglied der Salzburger Festspiele enthoben sei.


    ›Man‹, - das waren die engen Vertrauten um von Einem herum - hatte die Idee entwickelt aus Salzburg ein ›Weimar des 20. Jahrhunderts‹ zu machen und der damals staatenlose Brecht den Festspielen Stücke zur Verfügung stellt; angedacht war auch ein Brecht-Stück als eine Art Gegenstück zu Hofmannsthals »Jedermann« mit dem Titel »Der Salzburger Totentanz«. In Kurzform kann man es als Tauschgeschäft darstellen: Drama gegen Pass.
    Das ging auch ohne besondere Komplikationen durch die Instanzen und am 12. April 1950 war Brecht österreichischer Staatsbürger geworden.
    Als dies dann durch die Presse bekannt gemacht wurde, war der Teufel los; in den »Salzburger Nachrichten« war zu lesen: »Kulturbolschewistische Atombombe auf Österreich abgeworfen« und in anderen Publikationen war vom »Poeten des Teufels« die Rede.
    Die verantwortlichen Politiker gingen in Deckung und man warf von Einem schließlich aus dem Direktorium, weil er sich ungebührlich gegen den Herrn Landeshauptmann verhalten habe. Zwar wurde von Einem 1954zum Vorsitzenden des ›Kunstrats‹ berufen, aber von dieser Position trat er 1962 resigniert zurück, weil er erkannte, dass er Karajans Aufstieg zum Alleinherrscher nicht verhindern konnte.
    Furtwängler sah im Hinauswurf Gottfried von Einems eine »Ehrbeleidigung schwerster Art« und Rolf Liebermann konstatierte im Rückblick auf das Leben seines Freundes: »ein schwerer Schlag für Gottfried, den er nie verwunden hat.« Mit dem »Stundenlied«, zwei Jahre nach Brechts Tod komponiert, entstand dann aber doch noch ein beachtliches Werk der Zusammenarbeit.


    1953 kam in Salzburg von Einems zweite Oper »Der Prozess«, ein Werk nach Kafka, auf die Bühne, es war ein Auftragswerk des österreichischen Unterrichtsministeriums; »mein grausamstes Stück, mein dem Unmenschlichen nächstes«, schrieb er seiner Frau Lianne. Die Uraufführung war am 17. August, Karl Böhm dirigierte und für Regie und Bühnenbild waren wiederum Schuh und Neher verantwortlich. Auch mit dieser Oper war Einem erfolgreich, wenngleich auch einige Kritiker meinten, dass er auf die allgemeine Kafka-Begeisterung der fünfziger Jahre aufgesprungen sei.


    Gottfried von Einem schrieb insgesamt sieben Opern und sagte dazu einmal: »Wer die Libretti meiner sieben Opern liest, kann daraus ablesen, wer ich bin.«


    In dieser Zeit siedelte die Komponisten-Familie von Salzburg nach Wien über und man wundert sich etwas, dass die Kosten der 3-Zimmer-Wohnung, die ja keine Villa war, von den altbekannten Züricher Freunden Bareiss übernommen wurden. Die Familie war zwar in Wien, aber der Familienvater weilte häufig auswärts und sehr oft in Berlin, aber in den folgenden Jahren war er dann doch ein ›Wiener‹ geworden und 1988 sogar Ehrenbürger der Stadt.


    Als seine Frau Lianne gestorben war, kam es nach dem vergeblichen Versuch des 44-Jährigen, seine 17-jährige Nichte zu gewinnen,1966 zur Eheschließung mit Lotte Ingrisch; aber natürlich hatte Gottfried von Einem - in vertrauten Kreisen ›Göpf‹ genannt - auch eine Menge anderer intensiver Beziehungen, wie zum Beispiel mit der Mezzosopranistin Vera Little oder Göndi Liebermann Anfang der 1960er Jahre. Dessen ungeachtet brachte Rolf Liebermann im September 1964 an der Staatsoper Hamburg Einems Oper »Der Zerrissene«, nach Nestroy heraus. Die Mehrzahl der Rezensenten waren nicht begeistert und die »Stuttgarter Zeitung« stellte fest, dass sein jüngstes Werk wie sein ältestes klingt; vier Jahre später konnte man jedoch bei der Aufführung an der Wiener Volksoper von einem Publikumserfolg sprechen.


    Ende 1964 suchte der Komponist eine Librettistin und fand zusätzlich noch eine Ehefrau; am 23. April 1966 heiratete er die Autorin Lotte Ingrisch. Im Waldviertel, in Rindlberg, hatte man ein Haus erworben, wo das Ehepaar einen Großteil des Jahres in idyllischer Einsamkeit verbringen konnte.
    Mit der Oper »Der Besuch der alten Dame« gelang Einem wieder ein großer Wurf, auch weil Dürrenmat sich bereit erklärt hatte das grob vorhandene Libretto selbst umzuarbeiten.
    Die Uraufführung war am 23. Mai 1971 an der Wiener Staatsoper. Die Staatsoper hatte alle Register gezogen und alle Rollen, auch die kleinen, hervorragend besetzt. Die Hauptrolle hatte der Komponist Christa Ludwig auf den Leib, beziehungsweise für ihre Stimme geschrieben.


    Die Kantate »An die Neugeborenen« entstand 1972-73 und war ein Auftragswerk zu 30-Jahr-Feier der UNO, Generalsekretär der Vereinten Nationen war damals Kurt Waldheim; die Uraufführung fand am 24. Oktober 1975 in New York statt. Die ausführenden Künstler waren: Julia Hamari, Mezzosopran / Dietrich-Fischer Dieskau, Bariton / Chorus of Temple University / Wiener Symphoniker / Carlo Maria Giulini - Brecht war auch mit dabei, obwohl er schon seit 1956 tot war.
    Als das Stück zwei Tage später in Wien aufgeführt wurde, stellte die heimische Presse dann die Frage, ob Gottfried von Einem wohl schon bemerkt habe, dass er ein Komponist für offizielle Anlässe geworden sei.


    In den nun folgenden Jahren zog sich Einem von seinen zahlreichen Ämtern mehr und mehr zurück, 1972 gab er auch seine Professur an der Wiener Musikuniversität auf.
    Mit »Kabale und Liebe« entstand sein fünftes Opernwerk, das am 17. Dezember 1976 an der Wiener Staatsoper seine Uraufführung erlebte.
    Boris Blacher und Lotte Ingrisch hatten die historische Handlung zu einem Opernlibretto verdichtet. Bemerkenswert ist die lobende Einschätzung von Hans Heinz Stuckenschmidt, der noch in den 1960er Jahren von Einem sehr kritisch gegenüberstand.


    Die Arbeit an der Mysterienoper »Jesu Hochzeit« war das erste große Objekt, welches das Ehepaar gemeinsam gestaltete. Gedanklich ging Gottfried von Einem von der Bergpredigt aus, eines der ›gigantischen Dokumenten der Menschheit‹. Lotte Ingrisch stellte den christlichen Erlösungsgedanken in den Mittelpunkt des Geschehens; gemäß der Tradition des Mysterienspiels traten Allegorien als handelnde Personen auf.
    Bereits die Ankündigung der Uraufführung (18. Mai 1980) im Theater an der Wien entfesselte einen Theaterskandal; vor dem Theater fanden Demonstrationen statt und bei den Autoren trafen Schmähbriefe und sogar Morddrohungen ein und es wurde gefragt ob hier öffentlich geförderte Blasphemie vorliegt. Ursprünglich war diese Oper ein Auftragswerk des ›Carinthischen Sommers‹, wurde dann jedoch von den Wiener Festwochen übernommen.


    Die musikalische Leitung hatte David Shallon und Giancarlo del Monaco führte Regie. Die Aufführung wurde ständig durch organisiertes Schreien gestört und es flogen Stinkbomben und Tomaten.


    Bei von Einems letzter Oper »Tulifant« arbeitete das Ehepaar wiederum zusammen, das Werk war bereits 1984 vollendet und entstand auf Anregung von Franz Häussler, dem kaufmännischen Direktor der Vereinigten Bühnen Wiens und Peter Weck. Die beiden Künstler bezeichneten ihr Werk als ›erste grüne Oper‹ und Lotte Ingrisch betont in der Rückschau: »Wir haben sie geschrieben, da hat es die Grünen noch nicht gegeben«.
    Populärere Kultur verhinderte die Aufführung des Werkes zunächst, denn das Musical »Cats« war so erfolgreich, dass es viele geplante Premieren verhinderte. Erst am 30. Oktober 1990 konnte die Uraufführung im Wiener Ronacher-Theater stattfinden.


    Sehr problematisch ist das letzte Werk, »Luzifers Lächeln« zu sehen, das eineinhalb Jahre nach dem Tod Gottfried von Einems in der Wiener Kammeroper zur Uraufführung kam.
    In einer Kritik ist zu lesen, dass man bei diesem Stück mit Fug und Recht von einem Etikettenschwindel sprechen kann, von einer Sprechtheaterkomödie.


    Gottfried von Einem wollte nach106 Stücken mit dem Komponieren aufhören. Er starb in seinem Haus in Oberdürnbach im Bezirk Hollabrunn, etwa 70 Kilometer von Wien entfernt.
    In diesem Rahmen kann nicht auf jede Komposition eingegangen werden, aber sein 1979 entstandener »Rindlberger Marsch«, opus 54 sollte noch erwähnt sein, die »Vienna Police Brass« spielte das Stück bei seiner Beisetzung.


    Praktischer Hinweis:
    Der Friedhof Hietzing befindet sich im 13. Wiener Gemeindebezirk. Der Haupteingang befindet sich an der Maxing Straße. Das Grab befindet sich im Feld 60, das ist am hinteren Ende des Friedhofsgeländes.

  • Robert Fuchs - *15. Februar 1847 Frauental - † 19. Februar 1927 Wien


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    Zum heutigen Todestag von Robert Fuchs

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    Der Geburtsort von Robert Fuchs liegt im Südwesten der Steiermark, unweit der Grenze zur Slowakei. Als Robert geboren wurde zählte der Ort etwa tausend Einwohner, zu denen der Schulmeister Patritz Fuchs und seine Ehefrau Maria zwölf oder dreizehn Kinder beigesteuert hatten, die Literatur ist sich da nicht einig, so ganz genau weiß man das offenbar heute nicht mehr. In Frauental selbst meint man, dass Robert das zwölfte und letzte der Schulmeisterkinder war. Der Letztgeborene hatte relativ alte Eltern; der Vater war 58 und seine Frau Maria nicht weniger als 46 Jahre alt, wie es in Frauental aufgezeichnet ist.


    Aus der Familie kam sehr viel Musik; Vater Patritz Fuchs war nicht nur als Lehrer in einer Werksschule tätig, sondern auch ein musikalisches Allroundtalent; er war Chordirigent, Organist, gelegentlich auch Komponist von Sakralwerken und in der Gegend als Musiker sehr geschätzt, denn er hatte auch die ›Laßnitzer Harmoniegesellschaft‹ gegründet.
    Um den Beweis anzutreten, dass aus der Familie viel Musik kam, sei darauf hingewiesen, dass Roberts um fünf Jahre älterer Bruder, Johann Nepomuk Fuchs, Kapellmeister an der Wiener Hofoper und Direktor des Konservatoriums der Musikfreunde war und als Komponist von Militärmärschen eine gewisse Berühmtheit erlangte.
    Auch die Schwester von Johann Nepomuk und Robert, Maria Antonia, erwarb sich einen musikalischen Ruf, nämlich als Sängerin mit dem Beinamen ›Sulmtaler Nachtigall‹.


    Ein Blick in eine alte Chronik zeigt auf, in welcher Form - neben der Kirchenmusik - musiziert wurde und wie sich das Leben eines Schulmeisters gestaltete:


    »Neben der Taverne in Hollenegg und dem Wirt am Ulrichsberg, war in dieser Zeit die Werkskantine der Messingfabrik in Freidorf das frequentierteste Lokal. Dort verkehrten zu den Arbeitern noch die Fuhrleute und viel anderes Volk. Letztere Gastwirtschaft wurde von Schulmeister Patriz Fuchs und seiner Frau geführt, diese veranstalteten mitunter auch Tanzunterhaltungen und hielten sonst noch häufig Musiken, womit dieser Ort bald zum Treffpunkt der Musikanten des ganzen Laßnitztales wurde.«


    Sogar eine Begegnung mit Franz Schubert ist in der Chronik von Herbert Kriegl dokumentiert, hier heißt es:


    »Als ein besonderes Ereignis weilte über Einladung des Grazer Advokaten Dr. Karl Pachler und der kunstsinnigen Schlossbesitzerin Anna Massegg, vom 10. bis 12. September 1827 der berühmte Komponist Franz Schubert mit seinen Freunden Anselm Hüttenbrenner und Johann Baptist Jenger auf Schloss Wildbach. Begleitet vom Frauenthaler Schulmeister Patriz Fuchs am Klavier, sang die älteste der sechs Masseggtöchter einige Schubertlieder, sodass selbst der Meister über die gekonnten Darbietungen gerührt war.«


    Noch heute erinnert eine Gedenktafel an dieses Ereignis im Schloss Wildbach bei Deutschlandsberg.
    Vermutlich ist der Junge schon recht früh mit Musik in Berührung gekommen. Robert besuchte ab 1853 die Volksschule in Zeierling, einem Ortsteil von Frauental. 1854 zog Familie Fuchs dann nach St. Peter im Sulmtal. Ab diesem Zeitpunkt wurde Robert zur weiteren Erziehung dem Schwiegersohn und Schulmeister Martin Bischof anvertraut, der den Jungen - neben fundamentalem Wissen - im Klavier-, Geigen- und Orgelspiel unterrichtete. Vater Patritz hatte mit der Ausbildung seines jüngsten Sprösslings ein festes Ziel im Auge, Robert sollte Lehrer werden.


    Also kam Robert in die Hauptschule nach Marburg an der Drau (heute Maribor) und die Unterrealschule in Graz, wo er von 1863 bis 1865 eine Ausbildung am Lehrerseminar absolvierte. Mit dem erfolgreichen Abschluss am Lehrerpräparandeninstitut hatte Robert Fuchs nun die Lehrbefähigung an Hauptschulen zu unterrichten, aber es drängte ihn zur Musik, dass er doch noch zum begnadeten Pädagogen wurde, ergab sich später.


    Schon ab seinem 15. Lebensjahr musste Robert Fuchs für sich selbst sorgen und bestritt seinen Lebensunterhalt mit Orgeldiensten, spielte zum Tanz auf und gab Stunden.
    Die später so berühmt gewordene Sängerin Amalie Materna, die am Grazer Theater engagiert war, gestaltete 1864 die Uraufführung von zwei Liedkompositionen von Robert Fuchs. Wilhelm Gericke, nur zwei Jahre älter als Fuchs, animierte ihn zum Studium am Wiener Konservatorium. Dort hatte der nun 18-Jährige in Felix Otto Dessoff und Anton Bruckner zwei hervorragende Lehrer, die seine Begabung erkannten und förderten, eine seiner Klaviersonate wurde vom Konservatorium mit einer Silbermedaille bedacht. Eine weitere Ehrung folgte mit der öffentlichen Aufführung von zwei Sätzen seiner h-Moll- Symphonie. Damit war sein Studium praktisch abgeschlossen.
    Seit dem 1. Januar 1866 war Fuchs Organist an der Piaristenkirche in Wien, was jedoch allein nicht zur Bestreitung des Lebensunterhalts ausreichte, also gab er nebenbei noch Musik-Theorie-Lektionen. 1867 schrieb Robert Fuchs seine erste Sinfonie, da war er also gerade mal 20 Jahre alt. Als er 22 war trat er in den Stand der Ehe.
    Ihm wurde drei Jahre hintereinander das Jahresstipendium des Konservatoriums zugesprochen.
    Große Anerkennung erlangte er auch, als am 25. Februar 1872 im Großen Saal des Musikvereins Wien seine g-Moll Symphonie unter dem Dirigat von Otto Dessoff zur Aufführung kam.
    Auch mit seine Streicherserinade Nr.1, op. 9, die 1874 veröffentlicht wurde, hatte er einen überwältigenden Erfolg, er erhielt die Ehrengabe der Wiener Philharmoniker und das Leipziger Verlagshaus Friedrich Kistner hat das Werk angenommen.


    Der um 14 Jahre ältere Johannes Brahms war schon berühmt und eine feste Größe in Wien,
    als Robert Fuchs in der Kunstmetropole erschien, aber der an sich sehr kritische Brahms förderte den jungen Kollegen wo er nur konnte und kenntnisreiche Musikfreunde glauben diese Freundschaft auch heraushören zu können und manche bezeichnen Fuchs als Brahms-Epigonen. Andere sehen das in einem positiveren Licht und meinen, dass das eher mit der Wahlverwandtschaft der beiden zusammenhängt.

    Seine Serenaden waren bald so erfolgreich, dass er noch bis heute mit dem Namen »Serenaden-Fuchs« bezeichnet wird. Brahms empfahl diesen noch außerhalb Wiens wenig bekannten Nachwuchskomponisten seinem Verleger Simrock in Berlin. In einem Brief vom 16. Mai1881 schreibt er:
    »Ich weiß nicht, ob Sie von unserem hiesigen Robert Fuchs Notiz genommen haben? Wohl das hübscheste Talent hier, außerdem ein reizender Mensch.« Brahms empfahl in diesem Brief die Cello-Sonate op. 29 und merkte dazu an: »Ich glaube es ist sein bestes Werk.« Das hochgelobte Werk erschien dann jedoch im gleichen Jahr, allerdings bei Kistler.


    Dass Brahms kritisch war, wurde gerade erwähnt, umso höher ist das folgende Zitat von Brahms zu bewerten, das aus einem Brief vom 6. November 1891 stammt:
    »Fuchs ist ein famoser Musiker. So fein, und so gewandt, so reizvoll erfunden ist alles, man hat immer seine Freude daran.«


    Fuchs wurde geradezu mit Preisen überschüttet; da waren die Beethoven-Kompositionspreise und Preise der ›Schwestern-Fröhlich-Stiftung‹ und einiges mehr.
    Der fast gleichaltrige - 1843 geborene - Dirigent Hans Richter führte in den Jahren 1876 bis 1897 fast alle Orchesterwerke von Robert Fuchs mit den Wiener Philharmonikern auf.
    Auch die etwas älteren Dirigenten wie zum Beispiel Arthur Nikisch, Franz Schalk und Felix Weingartner sorgten für die Verbreitung der Werke des aufstrebenden Komponisten.
    Wie andere Komponisten auch, strebte Robert Fuchs nach Opernerfolgen; 1889 kam »Die Königsbraut« heraus und 1893 »Die Teufelsglocke«, aber beiden Werken war kein nachhaltiger Erfolg beschieden.


    1898 starb seine Frau Amalie, was bei Robert Fuchs eine starke Depression zur Folge hatte. Die Heirat war 1869 gewesen und aus der Ehe gingen zwei Söhne und eine Tochter hervor, wobei der jüngste Sohn ein Sorgenkind war.


    Schon oben ist der Beiname »Serenaden-Fuchs« erwähnt, vor allem mit seinen fünf Orchesterserenaden wurde er zu seiner Zeit berühmt, aber auch mit Kammermusikwerken.
    Einen Einblick in sein Schaffen zeigt diese beeindruckende Liste, die wohl nur so umfangreich werden konnte, weil ihm ein achtzig Jahre währendes Leben beschieden war, in der damaligen Zeit eher eine Seltenheit; man denke zum Vergleich an Mozart und Schubert.


    Robert Fuchs lehrte von 1875 bis 1911 am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde Wien; zunächst als Supplent, ab 1888 war er dann zum Professor für Komposition ernannt worden. Wer sich so quer durch die Literatur liest, kommt zu der Erkenntnis, dass Robert Fuchs ein äußerst beliebter Lehrer und auch ein gütiger und bescheidener Mensch war. Wenn man in Fuchs Schülerliste schaut kommt man schon ins Staunen, welch illustre Namen da auftauchen:
    Richard Heuberger, Ernst Krenek, Erich Wolfgang Korngold, Egon Kornaut, Gustav Mahler, Franz Schmidt, Franz Schreker, Jean Sibelius, Richard Strauss, Hugo Wolf, Alexander Zemlinsky ...


    Die allermeisten haben ihren Meister bezüglich des Bekanntheitsgrades weit überholt und in der Musik natürlich auch.
    Fuchs´ Phantasie Des-Dur, deren Autograph das Datum des 23. Juni 1917 trägt, zeigt, dass der nun 70-jährige Fuchs so schreibt, wie er das 1875 auch schon getan hat; sein Schüler Strauss hatte schon 1905 »Salome« auf die Bühne gebracht und ließ »Elektra (1909), »Rosenkavalier« und »Ariadne auf Naxos« (1912/1916) folgen, wobei er sich mit »Elektra« ganz weit von seinem ehemaligen Lehrer entfernt hatte. Robert Fuchs komponierte in alter Manier weiter, zu seinem 75. Geburtstag komponierte er seine dritte Messe.


    Das Werkverzeichnis von Robert Fuchs kann sich sehen lassen:


    2 Opern / 3 Messen / 7 Chorwerke mit Instrumentalbegleitung / 6 Chorwerke a capella / 10 Liederzyklen mit Klavierbekleidung / 5 Symphonien / 5 Orchesterserenaden / 1 Klavierkonzert mit Orchester / 2 Klavierquartette / 4 Klaviertrios / 6 Violinsonaten / 7 Zyklen für Violine und Klavier / 2 Werke für Viola und Klavier / 3 Werke für Violoncello und Klavier / 2 Werke für Kontrabass und Klavier / 1 Klarinettenquintett / 4 Streichquartette / 4 Streichtrios / 36 Stücke für 2 Violinen / 12 Duette für Violine und Viola / 27 zyklische Werke für Klavier / 12 zyklische Werke für Klavier zu 4 Händen / 3 Werke für Orgel und eine Phantasie für Harfe

    In den Jahren 1894 bis 1905 war er als Organist bei der Wiener Hofkapelle tätig, seine letzte Serenade - op. 53 - schrieb er 1895 anlässlich des 50-jährigen Musikjubiläum von Johann Strauß, wo er geschickt Themen aus der »Fledermaus« mit eingewoben hat. Dirigent Hellmesberger brachte dann das berühmt gewordene Wortspiel an: »Fuchs, die hast du ganz gestohlen« Natürlich war das kein Plagiat, sondern eine Hommage an den ›Walzerkönig‹.


    Obwohl ihm die Orgel - durch die Tätigkeit seines Vaters - von Kindesbeinen an vertraut war, hat sich Robert Fuchs erst relativ spät mit der Komposition von Orgelwerken befasst. Zeitgenossen berichten, dass Fuchs 1873 anlässlich der fünften Weltausstellung, der ersten im deutschsprachigen Raum, die in Wien stattfand, von Orgel zu Orgel zu rannte, um sie auf Ton und Klangfarbe zu prüfen.


    Seit 1901 verbrachte Robert Fuchs die Sommermonate regelmäßig in Admont, wo sein Freund, der Gymnasialprofessor Anton Mayr, in der Eichelau eine Jugenstil-Villa besaß, die aber nicht mehr erhalten ist.
    Als Robert Fuchs 1922 seinen 75. Geburtstag feierte, war das natürlich ein Anlass seine Werke wieder aufleben zu lassen und zu spielen. Aber zu diesem Zeitpunkt hatten seine Schüler mit »Die tote Stadt« (Korngold 1914) und »Notre Dame« (Franz Schmidt 1920) schon neue Maßstäbe gesetzt; sogar Ernst Kreneks Werk »Jonny spielt auf« ging am 10. Februar 1927 noch über die Bühne, vielleicht war das sogar ein Gesprächsthema bei der Feier des 80. Geburtstags von Robert Fuchs. Dieser Geburtstag wurde ausgiebig gefeiert und soll die Kräfte des Meisters arg strapaziert haben. Die vom Lehrkörper der Akademie angekündigte Festfeier, sowie die der Universität und des Schubertbundes, wurde dann zur Trauerfeier.
    In ›Neues Montagsblatt‹ vom 21. Februar 1927 ist folgende Notiz zu lesen:
    »Das Leichenbegräbnis des Komponisten Robert Fuchs findet am Dienstag, den 22.um halb 3 Uhr nachmittags vom Trauerhause Mayerhofgasse 9 aus statt. Die Einsegnung erfolgt in der Paulanerkirche. Bezüglich der Mitwirkung der musikalischen Körperschaften, denen Robert Fuchs nahestand, konnte wegen des Sonntags noch keine näheren Bestimmungen getroffen werden. Inwieweit sich die Philharmoniker und der Männergesangverein an der Trauerfeier beteiligen werden, ist noch nicht entschieden. Die Beisetzung der Leiche erfolgt in dem von der Gemeinde Wien gewidmeten Grabe an bevorzugter Stelle.«


    Praktischer Hinweis:
    Diese bevorzugte Stelle befindet sich auf dem Zentralfriedhof Wien, Simmeringer Landstraße 234.
    Vom Tor 2 kommend geht man der Hauptachse geradeaus und erreicht Gruppe 33 E indem man nach den Alten Arkaden bei Feld 32 B - links des Hauptweges - abbiegt.
    Man kann von etwa drei bis fünf Gehminuten ausgehen, Friedhofspläne stehen ausreichend zur Verfügung.


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  • Hilde Zadek - *15. Dezember 1917 Bromberg - † 21. Februar 2019 Karlsruhe


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    Zum heutigen Todestag von Hilde Zadek

    Hilde Zadek war eine Jahrhundertsängerin im wahrsten Sinne des Wortes, denn am 15. Dezember 2018 konnte sie einen dreistelligen Geburtstag feiern, da wurde sie 101 Jahre alt.
    Das Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper stand an ihrem Stammhaus in 39 Rollen 786 Mal auf der Bühne. Weltweit hatte sie mit allen großen Dirigenten ihrer Zeit musiziert, mit einer Ausnahme, das war Toscanini.
    »Stärke entsteht nie aus Wohlstand«, war 1996 ein Gespräch mit der Sängerin in der Zeitschrift OPERNWELT überschrieben - wer das Leben von Hilde Zadek etwas kennt, weiß, wovon die Rede ist.


    Hilde wurde in eine politisch unruhige Zeit und in eine ebenso unruhige Gegend hineingeboren, nämlich in Bromberg (heute Bydgoszcz), Provinz Posen. Die Zeiten waren wirklich ganz schlecht, aber das Kleinkind bekam das ja alles nicht so mit, man konnte froh sein, dass der Vater, der als Unteroffizier am Krieg teilnahm, wieder nach Hause kam.
    Als die Stadt 1920 polnisch wurde, zogen die Eltern nach Stettin, das damals noch deutsch und eine Stadt von etwa 250.000 Einwohnern war. Hildes Eltern waren völlig assimiliert, aber immer noch mit den Riten und Gepflogenheiten des jüdischen Glaubens verbunden.
    Die Eltern hatten schon in Bromberg ein Ledergeschäft, in Stettin betrieben sie dann in Zeiten der Inflation einen Handel mit Leder und Schuhen.
    Hilde konnte in Stettin eine schöne Kindheit erleben, ihr waren noch zwei Schwestern nachgekommen und der Familie stand ein stattliches Haus mit vielen Angestellten und ein Garten zur Verfügung.
    In Stettin wird das Mädchen eingeschult und hat zunächst keine Schwierigkeiten, aber die begannen ab 1933 wo Menschen jüdischen Glaubens immer mehr schikaniert wurden, das machte sich auch in der Schule bemerkbar. Als Hilde fünfzehn war, kam es beim Turnunterricht zu einem Streit mit einer Mitschülerin, die sie in Bezug auf ihre jüdische Herkunft schwer beleidigt hatte. Hilde reagierte spontan und schlug diesem Mädchen zwei Vorderzähne ein.
    Die Eltern wurden daraufhin zum Schulleiter bestellt, der klugerweise zum Verlassen der Schule riet. Also bricht die noch nicht einmal 17-Jährige den Besuch des Gymnasiums 1934 vorzeitig ab. Die noch Sechzehnjährige reist nach Berlin und beginnt in einem jüdischen Säuglingsheim eine Ausbildung, reist jedoch im folgenden Jahr nach Palästina und kann dort als ›Praktikantin‹ ihre Ausbildung in einem Kinderheim bei Haifa abschließen.
    Die Arbeitsbedingungen sind heute kaum noch vorstellbar; für Hilde gab es kein eigenes Zimmer, sie teilte sich einen Raum mit 16 dreijährigen Kindern.
    Sie teilte aber mit den Kindern nicht nur den Raum, sondern auch das Essen, das die ganze Zeit über aus Haferflocken, Grießbrei oder Reisbrei bestand.
    Nach einem Jahr verließ sie dann das Kinderheim und ging als Lehrschwester in ein Säuglingsheim nach Jerusalem, wo sie ein Diplom erwarb und fortan nun einen gewissen ›Luxus‹ genießen konnte; sie teilte sich ein mit Apfelsinenkisten möbliertes Zimmer mit zwei anderen Schwestern.
    Hilde Zadek hatte einen deutschen Pass, in den noch nicht das berüchtigte ›J‹ eingestempelt war, und sie war immer noch im Status einer deutschen Touristin.
    Damit sie nach Deutschland zurückkehren konnte, schickten ihre Eltern eine Karte für die Schiffspassage, damit die Tochter wieder nach Europa kommen konnte; in einer Dezembernacht kam sie 1937 wieder in Stettin an.
    Neu eingekleidet und mit etwas Geld in der Tasche, konnte sie im Januar 1938 in die Schweiz reisen. Dort lernte sie ein paar Monate Heilgymnastik und Heilmassage und hatte die Absicht diese Kenntnisse in Palästina zu verwerten sie hatte sich nämlich vorgenommen, in Jerusalem ein Studio für Heilgymnastik zu eröffnen.


    Aber hier stellte das Schicksal offenbar die Weichen in Richtung Gesang, wenngleich das bis dahin noch nicht zu erahnen war. Durch die Ereignisse um sie herum, war ihre Singstimme praktisch nicht mehr existent, man kann hier auch einflechten, dass ihre beiden Schwestern auch gutes Stimmpotenzial hatten.
    In der Kinderabteilung des größten Jerusalemer Krankenhauses war die Stationsschwester ausgefallen, also machte sie sich als Kinderschwester an die Arbeit und war sehr beliebt.
    Und wie der Zufall so spielt - Frau Doktor Kagan, die leitende Ärztin der Kinderstation war, hatte auch mit der Leitung des Musikkonservatoriums von Jerusalem zu tun, denn damals war es in Palästina üblich, solche Stellen ehrenamtlich zu besetzen. Hilde Zadek sagt: »Für mich ergab sich dadurch der erste ernsthafte Berührungspunkt mit Musik.«


    Ihre musikalischen Aktivitäten waren bisher insoweit zu Tage getreten, dass sie im Alter von etwa fünf Jahren gerne tanzte und Gitta Alpar, Jan Kiepura, Richard Tauber und andere kopierte.


    Palästina war damals britisches Mandatsgebiet und Hilde Zadek wurde »British subject of Palestine«, also Palästinenserin. Auch als Hilde Zadek von 1935 bis 1945 in Palästina lebte, gab es Probleme mit den Arabern, einschließlich Bombenanschläge.
    Aber der tatkräftigen jungen Frau gelang es, ihre Eltern und Geschwister aus dem immer judenfeindlicheren Deutschland herauszuholen und nach Palästina zu bringen. Ihre Eltern hatten im November 1938 in Stettin die Reichspogromnacht erlebt und der Vater war bereits im KZ Sachsenhausen.1938 bestand aber noch die Chance herauszukommen, wenn man den Großteil seines Besitzes zurückließ.
    Weil Tochter Hilde einen britischen Pass besaß, war es ihr möglich, die Familie anzufordern. Es musste eine Summe Geld hinterlegt werden, denn das Visum wurde erst dann erteilt, wenn man nachweisen konnte, dass man die Familie auch ernähren konnte.


    Da die Eltern zeitlebens mit Schuhen und Leder zu tun hatten, bot sich eine Existenzsicherung in dieser Richtung an. Hilde wusste aus ihrer Tätigkeit im Krankenhaus, dass viele Kinder Schuhe brauchten, bald war die Idee geboren ein Kinderschuhgeschäft aufzumachen; das Geschäftslokal war nicht besonders groß - 12 Quadratmeter, aber mit einem Schaufenster und einem riesigen Papagei und das Geschäft hieß dann auch ›Papagei‹. Hilde war hier dreisprachig unterwegs, sie konnte schon so viel hebräisch, um sich verständigen zu können, ein bisschen arabisch und ganz gut englisch.
    Aus dem kleinen Schuhgeschäft war 1940 ein weit größeres in der Hauptstraße geworden; man hatte Verkäuferinnen und sogar einen Dekorateur.


    Erst mit 23 Jahren bot sich nun für Hilde Zadek die Möglichkeit sich ernsthaft mit Gesang zu befassen; fünf Jahre studierte sie am Konservatorium in Jerusalem, praktisch nebenher, im Abendstudium, wie ihre Mitschüler auch. Sie selbst sieht die Sache so:


    »Ich habe alles gelernt, vom Primavista-Lesen über Kompositionslehre, Instrumentenkunde und Musikgeschichte bis zum Gesang. Was die Hochschüler heute unter großen Stress setzt und völlig außer Atem bringt, das leisteten wir alle sozusagen nebenbei, nach voller Arbeitszeit«


    Am Konservatorium konnte sie sich fast wie zu Hause fühlen, also in ihrer Muttersprache kommunizieren, denn ihre Lehrer - die sie als ›Créme de la créme‹ bezeichnet - waren die besten Musiker aus Berlin, München, Wien, Hamburg ... , die alle emigrieren mussten.
    1944 traf sie mit der berühmten Rose Pauly zusammen, die von Amerika nach Palästina gekommen war, jedoch nicht mehr als die ganz große Künstlerin wahrgenommen wurde. Von Rose Pauly konnte Hilde Zadek viel lernen, vor allem alles was mit Opernaufführungen zu tun hatte, denn die staunende Hilde hatte von all dem keine Ahnung.
    Bereits während ihrer Ausbildung gab sie schon Liederabende, im Schuhladen rasch ins Abendkleid geschlüpft und ab auf die Konzertbühne.
    Ein Kritiker schrieb: »Hier wächst eine große Opernsängerin heran.«


    Den Umständen entsprechend konnte man in Palästina mit der neu aufgebauten Existenz ganz gut leben, schaute aber besorgt nach Afrika, wo Rommel 1941 einen Siegeslauf gestartet hatte, man war damals heilfroh, dass die Engländer das dann stoppen konnten.


    Für Hilde Zadek stand nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges unumstößlich fest, dass sie nun an der Oper singen wollte und sie wusste natürlich, dass sie dazu im Mittleren Osten keine Gelegenheit hatte; sie musste weg aus Palästina. Also schrieb sie diverse Briefe an Konservatorien in Amerika, England, Frankreich und der Schweiz mit der Bitte um ein Stipendium. Schließlich kam eine Zusage aus Zürich, aus der Schweiz, also einem Land, das sich aus dem schrecklichen Krieg hatte heraushalten können.


    Der Krieg war nun zwar aus, aber es waren noch keine normalen Zeiten eingekehrt, wie sollte sie nach Europa kommen? Beziehungen sind alles; schon während des Krieges hatte sie für englische Soldaten gesungen, und eine ihrer Schwestern war Offizierin beim englischen Militär. Auf dieser Basis war es ihr möglich an Bord eines mit 2000 Soldaten besetzten Truppentransportschiffes zu kommen, das von Alexandria aus nach Europa fuhr. Nach einer unangenehmen Oktobernacht auf einem Bahnsteig in Toulouse, gelangte sie dann mit ihrem Köfferchen nach Zürich zu einer Adresse, an der sie einen Brief abgeben sollte. Dies war nicht etwa ein Empfehlungsschreiben, sondern ein rein privater Brief eines Vaters an seine Tochter, da über sechs Jahre hinweg eine Postverbindung nicht möglich gewesen war.


    Von diesem Zeitpunkt an ging es in Hilde Zadeks Leben dann nur noch in eine Richtung; vorwärts und nach oben. Bei dieser Briefübergabe entwickelte nämlich die Empfängerin die Idee, dass eine gelernte Kinder-Krankenschwester das ideale Au-pair für ihre Freundin sein könnte, besagte Freundin war Renate Langhoff, deren Mann, Wolfgang Langhoff, gerade Generalintendant der Städtischen Bühnen Düsseldorf geworden war, sie kam mit den beiden Knaben (Thomas *1938 und Matthias *1941) alleine nicht zurecht und brauchte dringend Hilfe. Es entstand eine typische Win-Win-Situation. Die Gesangsstudentin konnte in der schönen Langhoff-Villa tätig sein und Mutter Renate war entlastet.
    Trotzdem konnte Hilde Zadek in aller Ruhe studieren und hatte in - man kann schon sagen der legendären - Ria Ginster eine ganz ausgezeichnete Lehrerin.
    Wenn Hilde Zadek am Sonntag in der evangelischen St. Peter Kirche sang, verdiente sie 20 Franken, die als Zubrot sehr willkommen waren.


    Nun kommt nochmal die oben erwähnte Briefempfängerin ins Spiel, sie war nämlich die Patentochter des Direktors der Wiener Staatsoper, der gerade in der Schweiz weilte.
    So konnte nun ein Vorsingen in der kleinen Wohnung arrangiert werden, das Gehörte bewog den damals 46-jährigen Franz Salmhofer, Hilde Zadek zu einer Vorstellung auf Engagement an die Wiener Staatsoper einzuladen.


    Hier muss daran erinnert werden, dass Österreich ein von den Siegermächten besetztes Land und in Besatzungszonen eingeteilt war. Um die Demarkationslinien zwischen den Besatzungszonen zu überschreiten, benötigte man einen von den Alliierten ausgestellten Identitätsausweis in vier Sprachen und entsprechenden Stempeln.
    So war es also der jungen Sängerin nicht möglich, eben mal flugs nach Wien zu fahren.
    Bis sie ihre insgesamt 13 notwendigen Stempel beisammen hatte, verstrich ein Zeitraum von August 1946 bis Januar 1947.


    Beinahe wäre sie gar nicht nach Wien gekommen - vielleicht später zu einem Gastspiel - denn der Züricher Hausherr, Wolfgang Langhoff, war ja Chef in Düsseldorf und Frau Langhoff hatte dafür gesorgt, dass ihr Au-pair-Mädchen einen Vertrag nach Düsseldorf bekam. Es war schon ausgemacht, dass sie dort »Rosenkavalier«, »Fidelio« ... singen sollte, konnte jedoch von der englischen Besatzungsmacht, die in Düsseldorf das Sagen hatte, kein Visum bekommen, da half auch ihr »British subject of Palestine«- Pass nicht weiter, die Engländer sagten, dass sie nicht für die Sicherheit garantieren könnten.


    Die stolze Besitzerin von 13 Stempeln kam nun endlich am 27. Januar in Wien an; in einer Stadt, die mehr als fünfzig große Luftangriffe erlebt hatte und in der noch am 12. März 1945 die Staatsoper so schwer getroffen war, dass dort erst wieder zehn Jahre später gesungen werden konnte.


    In Wien angekommen, begab sich die Opernsängerin in spe unverzüglich zu Operndirektor Salmhofer, um ihn an sein in Zürich gegebenes Versprechen zu erinnern und fragte frei heraus, Welche Oper soll ich singen?
    Salmhofer blätterte in seinem Buch und fragte - »Kannst Du am 3. Februar die Aida singen?
    Bei uns ist gerade eine Absage gekommen, ich habe keine Aida«
    Natürlich konnte sie! Und dass diese Aida auf Italienisch über die Bühne gehen sollte, war für Hilde Zadek auch kein Problem, auch dass es für sie keine Probe geben sollte war für die forsche Anfängerin kein Problem, obwohl sie nie eine Opernschule besucht hatte.


    Es war am Rande der Hochstapelei; mehr Selbstbewusstsein geht nicht, denn sie hatte bis dato noch keine Note aus »Aida« gesehen und sie konnte kein Italienisch, dazu kam, dass sie noch nie auf einer Opernbühne gestanden hatte.
    Da es sich um eine laufende Vorstellung handelte - es war die 11. in dieser Inszenierung - , meinte Salmhofer, dass sich die Riege der berühmten Kollegen nicht zu einer Probe bitten lässt. Unter der Stabführung von Josef Krips sangen in tragenden Rollen: Herbert Alsen, Elena Nikolaidi, Mirto Picchi, Ludwig Weber, Giuseppe Taddei.


    Was sie allerdings dringend brauchte, war ein Korrepetitor, der jeweils den ganzen Tag zur Verfügung sein musste. Also lernte sie ihre Titelrolle in der Zeit vom 27. Januar bis zum 3. Februar 1947. Der Erfolg war beachtlich, einen Tag später hatte sie einen Solistenvertrag der Staatsoper, die damals im Theater an der Wien untergebracht war.


    Die einzige Vorbildung in Sachen Oper hatte sie sich in Zürich erworben, wo sie so oft als möglich das Opernhaus besuchte, vorher hatte sich - bedingt durch ihren abenteuerlichen Lebenslauf - für sie keine Möglichkeit ergeben.
    In Zürich studierte Hilde Zadek ausschließlich Gesang, allerdings nicht bei einer typischen Opernsängerin, sondern bei Ria Ginster, deren Domäne eigentlich der Konzert- und Liedgesang war, die aber auch internationale Erfolge als Solistin und Pädagogin hatte und schon seit 1938 Professorin und Leiterin der Konzertklasse am Züricher Konservatorium war.
    Hier genoss Hilde Zadek eine ausgezeichnete Ausbildung mit Familienanschluss, die arme Studentin wurde oft zum Essen eingeladen.


    Aber nun war Hilde Zadek ja mit ihrem Staatsopernvertrag schon beachtlich weit gekommen, ohne sich mühsam über die Provinz hocharbeiten zu müssen. Dennoch war natürlich der Lernprozess längst nicht beendet.


    Sie lernte also im laufenden Betrieb von Kolleginnen mit denen sie auf der Bühne agierte; Elisabeth Höngen, schon seit fünf Jahren am Haus tätig, war so ein Vorbild für Hilde Zadek.
    Auch die um zwei Jahrzehnte ältere, berühmte Burgschauspielerin Maria Eis gab der frischgebackenen Aida direkt nach ihrem Debüt wertvolle schauspielerische Tipps; sie kam nach der Vorstellung in ihre Garderobe und sagte, dass sie vom Gesang der Debütantin ergriffen sei, fragte aber: »Warum versteckst du immer deine Hände?« Hilde Zadek bekam dann tags drauf von der Eis wertvolle Instruktionen.


    Was die äußeren Umstände anbelangt, können sich die Nachgeborenen eine solche Opernvorstellung wohl kaum vorstellen; die eigentliche Staatsoper war ja ein Schutthaufen und es wurde auf drei Ersatzbühnen unter miserabelsten Bedingungen Kunst produziert.
    Die Künstler hatten kaum etwas zu essen und fuhren mit der Trambahn, in die es auch mal hineinregnete, zur Vorstellung. Dortselbst hatte es in den Wintermonaten auf der Bühne zwei Grad und die Orchestermusiker spielten in dicken Mänteln und Decken.


    Auch dass Hilde Zadek im August 1947 bei den Salzburger Festspielen für Renata Tebaldi einsprang, die einen Tag vor der Generalprobe zu Verdis Requiem - von Karajan dirigiert - abgesagt hatte, gehört zu den Glanztaten, denn sie hatte das Werk nicht studiert und musste die Sache über Nacht lernen.


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    An der Staatsoper war sie immer dann in großen Rollen zu hören, wenn es eine Lücke gab, sie war so eine Art Zweitbesetzung, sprang also in fertige Inszenierungen hinein, wobei sie sich das alles bei den berühmten Kolleginnen abgehört hatte.1950 war sie dann in Edinburgh zu hören und ein Jahr darauf in Glyndebourne als Donna Anna in »Don Giovanni«

    Mit dem Status der ›Lückenbüßerin‹ hatte es in Wien am 2. März 1951 ein Ende, denn an der Staatsoper wurde das taufrische Werk »Der Konsul« (UA 1950 in USA) von Gian Carlo Menotti aufgeführt.
    Mit der Rolle der Magda Sorel gelang Hilde Zadek der ganz große Durchbruch, mit dem Inhalt des Stückes konnte sie sich identifizieren; zwanzig Mal hat sie das an der Staatsoper gesungen, interessanterweise nirgendwo sonst; in diesem Jahr wurde ihr auch der Titel einer Kammersängerin zuerkannt.


    Sie war zur weltweit begehrten Sängerin geworden; 1952 sang sie bereits an der Metropolitan Opera in New York unter Fritz Reiner die Elsa in »Lohengrin«, die Donna Anna in »Don Giovanni« und die Eva in der »Meistersinger«- Premiere.
    Parallel zu ihrem Engagement an der Wiener Staatsoper stand sie über vier Jahre hinweg an der Covent Garden Opera auf der Bühne, wo sie respektable 68 Vorstellungen in englischer Sprache sang, was dort obligatorisch war.


    Wenn eingangs davon die Rede war, dass Hilde Zadek unter allen berühmten Dirigenten ihrer Zeit gesungen hat, ist zu erwähnen, dass sie in England mit Erich Kleiber »Pique Dame« sang und Sohn Carlos in ihrer Düsseldorfer Zeit mit ihr korrepetierte, aber auch einen »Rosenkavalier« als Einspringer dirigierte.
    Es wäre müßig hier alle Auftrittsorte von Hilde Zadek zu nennen, natürlich sang sie auch in Berlin, Paris, Moskau, Rio de Janeiro ... und in Israel; ausdrücklich sei jedoch erwähnt, dass Hilde Zadek nie in Bayreuth sang.


    Die Marschallin im »Rosenkavalier« war zu ihrer Lieblingsrolle geworden, hundert Mal hat sie diese Rolle zwischen1955 und 1967 in Wien, Graz, Frankfurt, Düsseldorf, Turin, Monte Carlo, Nizza, Berlin, Genf, Rio de Janeiro, Linz und Zürich gesungen. Aber auch »Fidelio« und »Aida« standen ihr immer sehr nah.
    Da war aber auch noch die Konzertsängerin, die bezüglich des Kunstliedes einmal sagte, dass Hugo Wolf ihrem Herzen am nächsten sei.


    Grundsätzlich war sie gegenüber zeitgenössischer Musik positiv eingestellt und auch den anderen Künsten gegenüber sehr aufgeschlossen; in der Malerei liebte sie besonders Marc Chagall, aber auch Kokoschka, Kirchner, Picasso, Klimt, Schiele, Nolde ... und in der Bildhauerei fand sie Marino Marini und Giacometti faszinierend - mit Fritz Wotruba war sie befreundet und man darf vermuten, dass das auf ihrem Grabstein zum Ausdruck kommt, es muss bei der Vermutung bleiben, denn eine diesbezügliche Anfrage bei der Hildegard Zadek Stiftung blieb unbeantwortet.
    In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass der bekannte Kunstsammler Heinz Berggruen der Cousin von Hilde Zadek war.


    1964 machte Hilde Zadek erste pädagogische Gehversuche und begann am Konservatorium in Wien zu unterrichten; also sieben Jahre vor ihrem Bühnenabschied. Probleme mit ihrer Stimme, oder das was man Stimmkrise nennt, kannte sie nicht. Erst als sie bemerkte, dass der Körper abbaut und dass das Singen eigentlich schwer ist, dachte sie dran aufzuhören.
    Sie war danach über Jahrzehnte Lehrerin mit Leib und Seele und hatte auch entsprechende Erfolge vorzuweisen.
    Zu ihrem 80. Geburtstag bekam sie die ›Hilde-Zadek-Stiftung‹ geschenkt, von der begabte nachwachsende Sängerinnen und Sänger unterstützt werden. Auch der 1999 ins Leben gerufene Internationale Hilde-Zadek-Gesangswettbewerb trug reichliche Früchte.


    Da man nicht nur singend durch so ein langes Leben gehen kann, gab es auch noch eine private Seite. Hilde Zadek besuchte viele Konzerte, denn an mechanischer Musik, also Platten und CDs, hatte sie kein besonderes Interesse.
    Mehr als vier Jahrzehnte besaß sie in der Berglandschaft bei Hinterstoder ein Ferienhaus; die 250 Kilometer von Wien aus dorthin zu gelangen, dürfte für sie kein Problem gewesen sein, denn sie war eine leidenschaftliche Autofahrerin, die ihr Fahrzeug mit einem Jahresdurchschnitt von 30.000 Kilometern bewegte. Aber sie wechselte auch gerne mal ganz bescheiden auf ein PS, denn sie war auch eine gute Reiterin, das hatte sie nämlich in ihrer Düsseldorfer Zeit gelernt.


    Seit 1947 war Hilde Zadek eine geradezu begeisterte Wienerin geworden, ab 1948 auch ganz offiziell Österreicherin, das war ihre dritte Staatsbürgerschaft, aber sprachlich versuchte sie es erst gar nicht mit wienerisch, da erkannte man immer noch eine Norddeutsche.


    Neben vielen anderen Auszeichnungen, war Hilde Zadek 1977 auch Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper geworden, die, nachdem die 101-Jährige ihren endgültigen Abschied genommen hatte, am Mittwochvormittag des 27. März 2019 eine bewegende Trauerfeier auf der Prunkstiege der Wiener Staatsoper ausrichtete.
    Die Verabschiedung wurde durch Chor und Orchester der Wiener Staatsoper musikalisch mit Mozarts Maurerischer Trauermusik und dem Lacrimosa aus dem Requiem umrahmt.


    Praktischer Hinweis:
    Das Grab befindet sich auf dem Zentralfriedhof Wien, Simmeringer Landstraße 234.
    Vom Tor 2 kommend geht man der Hauptachse geradeaus und auf die imposante Friedhofskirche zu. Bei Gruppe 32 C wendet man sich nach links und kommt dann zum Feld 33 G, wo sich das schön gestaltete Grab von Hilde Zadek befindet.
    Vom Tor 2 aus kann man etwa fünf Gehminuten einplanen, Friedhofspläne stehen ausreichend zur Verfügung.


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    Rechts oben im Bild ist noch ein Teil der Friedhofskirche zu erkennen


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    Vom Tor 2 kommend geht man der Hauptachse geradeaus und auf die imposante Friedhofskirche zu.


    https://www.vienna.at/galerie-…en/14798630/Trauerfeier-f


  • Ernst Gutstein - *15. Mai 1924 Wien - † 24. Februar 1998 Wien


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    Zum heutigen Todestag von Ernst Gutstein


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    Auf dieser Seite an der Kirche befindet sich das Grab

    Hier haben wohl zwei Sänger und eine Sängerin ihre letzte Ruhe gefunden haben; wie ersichtlich, hatte Sohn Michael, ein Bariton, wie seion Vater,
    nur eine Lebensspanne von 35 Jahren.
    Wie Harald Kral hier 2011 im Forum schrieb, soll auch Gertrude Gutstein Sängerin gewesen sein.


    Das ›Große Sängerlexikon‹ führt aus, Dass der Bariton Ernst Gutstein an der Wiener Musikakademie ausgebildet wurde. Seine Lehrer waren der Tenor Josef Witt und der Bariton Hans Duhan.
    Sein Debüt gab Ernst Gutstein 1948 als Fernando im »Fidelio« am Landestheater Innsbruck.
    Nun folgte ein Wechsel ans Stadttheater im westfälischen Hagen, wo er 1952-53 sang; danach wechselte er für ein Jahr ans Stadttheater nach Heidelberg (1953-54), um sich dann von dort aus nach Kassel zu verändern, wo er vier Jahrelang sang.
    Ein Abstecher von einem Jahr führte ihn dann an die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf -Duisburg. Ab 1959 war er am Frankfurter Opernhaus tätig wo Georg Solti in den Jahren 1952-61 hervorragendes Operntheater bot.
    Gutstein hatte sich nun in der Opernwelt einen guten Namen gemacht und war an vielen bedeutenden Häusern zu hören, seit 1959 wirkte er auch bei den Salzburger Festspielen mit, in Joseph Haydns »Die Welt auf dem Monde« gab er den Ernesto und 1978, neben der Feldmarschallin Gundula Janowitz, den Herrn von Faninal, seine absolute Paraderolle über viele Jahre hinweg.


    Seit 1966 war Gutstein nun auch an der Wiener Staatsoper zu hören, wo er am 23. Januar sein Debüt als Musiklehrer in »Ariadne auf Naxos« gab. Insgesamt stand er hier in mehr als140 Vorstellungen auf der Bühne, wobei er sich in 19 verschiedenen Rollen präsentierte.
    Ernst Gutstein schrieb auch an der Musikgeschichte mit, als er anlässlich der Wiener Festwochen 1966 bei der Uraufführung von Josef Matthias Hauers Oper »Die schwarze Spinne« mitwirkte, ein Werk, das heute kaum noch jemand kennt.


    All seine Auftrittsorte und Rollen zu nennen, macht in diesem Rahmen keinen Sinn, sein Rollenspektrum war sehr weit und sein Bekanntheitsgrad sehr hoch. Neben der oben erwähnten Uraufführung 1966, wirkte er auch schon 1962 bei den Schwetzinger Festspielen mit, als dort Wolfgang Fortners Oper »In seinem Garten liebt Don Perlimplin Belisa« uraufgeführt wurde; im SPIEGEL war damals als Resümee zu lesen: »Es wird nicht leicht sein, diese subtile Oper im ›Repertoire‹ zu platzieren.
    Gutstein war auch 1975 bei der Uraufführung von Giselher Klebes Oper »Ein wahrer Held« am Operhaus Zürich mit von der Partie. Nachhaltige Erfolge lassen sich durch solcherart Engagements in aller Regel nicht erzielen.


    Mit Opern von Verdi, Wagner und Strauss, kam der Sänger weit mehr in der großen weiten Welt herum und stand mit vielen Kollegen der ersten Reihe auf der Bühne.
    Gutstein gastierte an der Covent Garden Opera in London, beim Glyndebourne Festival, an der Metropolitan Opera New York, sowie den Opernhäusern in Dallas und Housten.


    Nachdem Ernst Gutstein am Ende der 1980er Jahre am Stadttheater Bern in »Wozzeck«,
    »La Cenerentola« und in »Capriccio« mitwirkte, sah man ihn 1991/92 am Pariser Théâtre du Châtelet als Nebendarsteller (Medizinrat, Professor und Bankier) in einer »Lulu«-Inszenierung von Adolf Dresen, wobei ja nur der Bankier einer Singstimme bedarf.
    In der Spielzeit 1991/92 sieht und hört man Ernst Gutstein da, wo er einst angefangen hatte, am Landestheater Innsbruuck. Und hier erlebt man ihn wieder in »Lulu«, allerdings nicht in Nebenrollen, sondern wieder standesgemäß als Schigolch. Sein letzter Auftritt an der Wiener Staatsoper war als La Roche in »Capriccio« am 25. September 1996.


    Noch 1997 sang er bei den Schlossfestspielen in Schönbrunn die Rolle des Gefängnisdirektors Frank in der Operette »Die Fledermaus«.
    Neben dieser voll ausgeschöpften Bühnenpräsenz - dieser Begriff wird hier mit Bedacht verwendet - hatte Ernst Gutstein auch eine Professur am Konservatorium der Stadt Wien.


    Praktische Hinweise:
    Das Grab befindet sich auf dem Friedhof der niederösterreichischen Marktgemeinde Krumbach im Bezirk Wiener Neustadt-Land. Vom Friedhofstor aus wendet man sich nach rechts, die Fotos mit der Kirche im Hintergrund können zur Orientierung dienen; um zum Grab zu kommen ist eine gewisse Trittfestigkeit von Vorteil.

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    Ein wunderschön gelegener Friedhof


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    Am Friedhofseingang wendet man sich nach rechts


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