Arditti Streichquartett



  • Das Arditti Streichquartett steht wie nur wenige Formationen für eine Art von Musik - die Musik der Moderne und die Musik der Gegenwart. Unermüdlich beackern die vier Musiker um Fixstern Irvine Arditti seit 40 Jahren jetzt dieses Feld und ein Ende ist nicht in Sicht. Vermutlich tut der Primarius seinen letzten Atemzug auf der Bühne, aber bis dahin dauert es hoffentlich noch etwas.


    Das Arditti Quartett wurde hier im Forum oft erwähnt, aber ich denke, es wird Zeit für einen eigenen Thread. 180 CDs soll das Quartett bis jetzt eingespielt haben und damit wären sie im Bereich Kammermusik sicher die Formation mit den meisten Einspielungen überhaupt.


    Die Musikgeschichte beginnt beim Arditti Quartett mit Arnold Schönbergs 1. Streichquartett bzw seinem Sextett "Verklärte Nacht". Aus dem Paralleluniversum wird höchstens noch die "Große Fuge" von Beethoven akzeptiert. Die neuesten Stücken, die das Arditti Quartett spielt sind dann üblicherweise die, auf der die Tinte noch nicht ganz trocken ist. Auf die Frage, ob er denn all diese neue Musik wirklich gut fände, antwortete der Primarius einmal sinngemäß: Es ist nicht unsere Aufgabe, diese Musik gut zu finden, es ist unsere Aufgabe, sie zu spielen.

    Und das tun sie mit unvermindertem Enthusiasmus. Und auch wenn man der zeitgenössischen Musikproduktion skeptisch gegenübersteht, so bewundert man doch dieses bedingungslose Engagement für die Musik der Gegenwart.


    Die gegenwärtige Zusammensetzung der Ardittis:

    Irvine Arditti, Violine
    Ashot Sarkissjan, Violine
    Ralf Ehlers, Viola
    Lucas Fels, Violoncello

  • Der 1930 geborene Christobal Halffter gilt als einer der führenden Komponisten Spaniens. Er hat inzwischen 7 Kompositionen für Streichquartett vorgelegt, die von den Ardittis auf zwei CDs gebannt wurden. Das Vol. 2 enthält das 2. und 7. SQ und zwei kurze Sätze (SQ 4 und 5 ?). Die Musik von Halffter ist komplex und atonal und liegt irgendwo zwischen Anton von Webern und Brian Ferneyhough. Dazu zitiert Halffter gerne, so enthält das 2. SQ drei Zitate aus Beethovens op. 135 (SQ. 2 wurde 1970, also zum 200. Geburtstag von Beethoven komponiert), und SQ 7 enthält zwei Zitate aus mittelalterlichen Motetten, diese Zitate sind natürlich tonal bzw. leicht verfremdet tonal. Das ist eine Musik, in die man sich ein wenig "einhören" muss und es braucht natürlich auch die Bereitschaft, sich mit den atonalen Klängen auseinanderzusetzen zu wollen. Aber es lohnt sich m.E. Auch das Leipziger Streichquartett hat sich für diese Musik engagiert.


  • Ich habe das Arditti-Quartett zum ersten Mal 1986 in der Berliner Hochschule (heute: Unibversität) der Künste mit Nonos "Fragmente - Stille an Diotima" gehört und war absolut fasziniert. Diese Aufnahme ist nach wie vor erhältlich:

    Das Arditti-Quartett hat sich - mehr noch als Kronos - für zeitgenössische Musik unvergleichlich verdient gemacht.

  • Das Arditti-Quartett hat sich - mehr noch als Kronos - für zeitgenössische Musik unvergleichlich verdient gemacht.

    Die beiden Formationen haben auch einen unterschiedlichen Fokus. Das Kronos Quartett bedient ja hauptsächlich die anspruchsvolle Crossover-Szene zwischen Avantgarde, Jazz und Weltmusik, das fehlt beim Arditti fast komplett. Insofern gibt es auch kaum Repertoireüberschneidungen, eigentlich ein Glück für uns. ;)

  • Das Arditti Quartett ist mir ans Herz gewachsen. Seit mehr als 20 Jahren besuche ich regelmäßig Jahr für Jahr die Tage für neue Kammermusik in Witten. Ich kann mich nicht erinnern, (bis auf die letzten beiden Jahre) die Ardittis in diesem Rahmen dort nicht gehört zu haben. Es ist bewundernswert, mit welcher Konstanz, Respekt, Lebendigkeit und natürlich Meisterschaft sie neuen Kompositionen Geburtshilfe leisten und uns erfahrbar machen, dadurch natürlich zeitgenössische Komponisten motivieren, für die Streichquartettbesetzung zu schreiben. Es geht natürlich nicht darum, aus jeder Komposition ein bleibendes Meisterwerk zu machen, sondern darum, sie überhaupt niveauvoll zum Klingen zu bringen und erfahrbar zu machen.


    Um wieviel ärmer sähe die moderne Streichquartett- und Musikkultur ohne die Ardittis aus!


    Uwe

  • Ich hatte vor vier Jahren das Vergnügen, ein Wochenende mit den Ardittis zu verbringen:


    Ardittis - past and present / lost and found
    Freitag, 1. Juli bis Sonntag, 3. Juli 2011


    Ein Wochenende in der pfälzischen Toscana mit dem Arditti-Quartett und ehemaligen Mitgliedern. Mit Streichquartetten, Streichtrios, Streichsextetten, Duos und Soli, sowie Diskussionen und Labsal.


    Das Arditti-Quartet – nicht nur weltweit das bedeutendste Streichquartett der neuen Musik, sondern auch eines mit einer langen Tradition. 1974 gegründet, gruppierten sich seither um den Gründer und Primarius Irvine Arditti immer wieder neue herausragende Musikerindividualisten zu einem homogenen Ensemble. Lost and found/past and present: Beim Streichergipfeltreffen in der pfälzischen Toscana finden sich das erste Mal die Besetzung des gegenwärtigen Ensembles mit ehemaligen Mitspielern zusammen.
    We’ll meet again. Don’t know where, don’t know when. Wo und wann es sein wird, wissen wir nun: An einem sonnigen Wochenende vom 1. bis 3. Juli 2011 im Herrenhaus Edenkoben – bei einem Symposium mit Musik vom Solo bis zum Streichsextett, Diskussionsrunden und Gesprächen, mit exzellenten Weinen und anderen Labsalen sowie kundigen Gästen präsentieren das Arditti-Quartet sowie Rohan de Saram, Graeme Jennings, Garth Knox und Jake Arditti Kompositionen von Vykintas Baltakas, George Benjamin, Luciano Berio, Harrison Birtwistle, Elliott Carter, Franco Donatoni, Kui Dong, Pascal Dusapin, Brian Ferneyhough, Jonathan Harvey, Helmut Lachenmann, Garth Knox, György Ligeti, Kui Dong, Hilda Paredes, Robert HP Platz, Wolfgang Rihm, Arnold Schönberg, Salvatore Sciarrino, Iannis Xenakis u.a. Für das geistigeWohl sorgenWolfgang Rihm, Brian Ferneyhough, Robert HP Platz, Wolfgang Fiel u.a. sowie SWR2 mit seinem redaktionellen Team. Ein Wochenende für alle Sinne rund um das Streichquartett und mehr (Armin Köhler, SWR2)


    Das könnten sie eigentlich mal wieder machen.

  • Das erscheint mir angesichts des Kronos Quartet eine ziemlich gewagte Behauptung...


    Nun, das Zitat stammt nicht von mir sondern von Armin Köhler, dem inzwischen leider verstorbenen SWR-Musikredakteur und Organisator von Donaueschingen. Ich denke, es macht auch keinen Sinn, diese beiden Quartette direkt zu vergleichen, da ihr Arbeitsgebiet IMO doch sehr unterschiedlich ist. Arditti beackert vor allem die "knallharte" sog. Avantgarde mit Komponisten wie Lachenmann, Ferneyhough usw. Die Kronosleute sind für mich eher im Grenzgebiet zwischen Avantgarde, Weltmusik und Minimal Music unterwegs. Es gibt natürlich Überschneidungen, doch sie halten sich in Grenzen. Und natürlich brauchen wir beide Formationen, um die Musik der Gegenwart angemessen zu repräsentieren. In meiner Sammlung halten sich die Aufnahmen beider Quartette jedenfalls quantitativ die Waage.

  • Heute und morgen in Stuttgart:


    Abschlusskonzert "Lachenmann-Perspektiven"
    Helmut Lachenmann:
    Tanzsuite mit Deutschlandlied
    Concerto für Streichquartett und Orchester (1979/80)
    Ludwig van Beethoven:
    Sinfonie Nr. 3
    "Eroica" Es-Dur op. 55 (1802-03)
    Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling
    Arditti Quartet

  • Die neue bei Winter & Winter erschienene CD des Arditti Quartetts widmet sich den vier Streichquartetten des Dänen Hans Abrahamsen. Das hat nach ersten Höreindrücken etwas überrascht, denn das ist Musik, die man eher mit dem Kronos Quartet oder dem Danish String Quartet assoziieren würde als mit den Ardittis. Zumindest das 4. Streichquartett - 2012 geschrieben - ist doch von der "Avantgarde" sehr weit entfernt. Das viersätzige Werk, gut 20 min lang, widmet sich den vier Elementen (Satztitel: Light and airy, With motion, Dark, heavy and earthy und Gently rocking), und bietet Musik zwischen Postminimalismus und Environmental Music. Der erste Satz besteht aus Tönen in den höchstmöglichen Lagen gespielt, so dass es wie eine Glasharfe klingt. John Luther Adams hat zum Thema Wind ähnliches komponiert. Ab dem zweiten Satz wird es dann auch zunehmend harmonisch, mit Melodiefetzen, die urtümlich klingen, wie frühe Volksmusik. Im dritten Satz diskutieren Cello und Bratsche ausgiebig pizzicato und der letzte Satz bringt dann noch etwas volkstümlich klingendes. Wie gesagt, hätte ich bei Arditti jetzt nicht so erwartet.