Zehetmair übernimmt Stuttgarter Kammerorchester

  • Der österreichische Geiger Thomas Zehetmair wird von der Saison 2019/20 Dirigent des traditionsreichen Stuttgarter Kammerorchesters. Um das Orchester, unter seinem Gründungsdirigenten Karl Münchinger in den 1960er und 70er Jahren weltberühmt, war es in den letzten Jahren still geworden. Mit einer Box aller Haydn-Symphonien erinnerte es vor einigen Jahren daran, dass es noch existiert. Ob unter Zehetmair ein Wiederaufstieg in die erste Liga gelingt?

  • Zitat

    unter seinem Gründungsdirigenten Karl Münchinger in den 1960er und 70er Jahren weltberühmt, war es in den letzten Jahren still geworden.


    Das hat Karl Münchinger vorausgesehen und deshalb wollte er, daß sich das Orchester mit seinem Tod auflöst. dieser Wunsch ist gut nachvollziehbar. Er wollte dem Orchester den Weg in die Mittelmäßigkeit ersparen, und sein eigenes Denkmal unangepatzt lassen.
    Die Geschichte aber lehrt, daß man nicht über seinen tod hinausplanen kann. Ich kenne keinen einzigen Fall wo das funktioniert hat. Denn man kann weder zukünftige Entwicklungen voraussagen noch die künftiger Reaktion einzelner voraussagen.
    Das Orchester wollte lieber mittelmäßig weiterarbeiten und finanziell abgesichert sein, als zu einer Legende werden und den Preis der verlorenen Posten. Wie haben jetzt ein ähliches Problem mit Thomas Fey, der ebenfalls die Gallionsfigur seines Orchesters war. Ob er je zurückkeheren kann weiß niemand, Aber es glaubt auch niemad so richtig daran. Hänssler hat das Haydn Projekt aufgekündigt (was ich persönlich als eher schäbig empfinde)und das Orchester kämpft ums überleben.


    Ich meine, daß in solchen Fällen die "goldenen Zeiten" wohl kaum zurückkehren werden, aber auf "silberne" wird es wohl allemal reichen.
    Mir ist da eben eine Idee zu einem Thread gekommen....


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Ob unter Zehetmair ein Wiederaufstieg in die erste Liga gelingt?


    Eine gute Frage. Immerhin wird das Stuttgarter Kammerorchester einen sehr individuellen, interessanten Dirigenten bekommen.


    Tempogestaltung, Phrasierung etc. entsprechen bei ihm nicht immer tradierten Vorstellungen, aber die Art, mit der er bekannte Werke bislang "unerhört" aufführt, fasziniert mich.


    Er hat es geschafft, mir Sibelius' 6. Sinfonie näher zu bringen...

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Zehetmair ist zumindest eine spektakuläre Wahl. Es ist immer schwierig, wenn ein renommierter Solist eine Dirgentenposition übernehmen will. Ich kann nur aus dem Gefühl heraus urteilen: Es dürfte häufiger schief- als gut gegangen sein, oder in gehobener Mittelmäßigkeit versandet sein. Vielleicht trifft das Sprichwort zu: "Schuster bleib bei Deinem Leisten."
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Zehetmair ist zumindest eine spektakuläre Wahl. Es ist immer schwierig, wenn ein renommierter Solist eine Dirgentenposition übernehmen will. Ich kann nur aus dem Gefühl heraus urteilen: Es dürfte häufiger schief- als gut gegangen sein, oder in gehobener Mittelmäßigkeit versandet sein. Vielleicht trifft das Sprichwort zu: "Schuster bleib bei Deinem Leisten."


    Ein langjähriger Chefdirigent zweier Kammerorchester, (der zudem das älteste Sinfonieorchester der Schweiz leitet), wechselt zu einem anderen Kammerorchester. Was ist daran spektakulär? Da müsste ja der damalige Wechsel von Neville Marriner (ebenfalls Geiger und langjähriger Leiter eines britischen Kammerorchesters) zum RSO Stuttgart als noch wesentlich „spektakulärer“ bewertet worden sein? Woher rühren die Vorbehalte gegenüber Zehetmair? Seine Dirigate hochromantischen Repertoires neigen zwar zu lebhafter Agogik, dies ist aber doch erkennbar kein Zeichen besonderer handwerklicher Mängel? Besteht die Befürchtung, er könnte die Stuttgarter HIP-Fraktion erweitern, nachdem sich zu Bernius nun auch Rademann und andere gesellen? Eine Umwandlung in ein PI-Ensemble scheint Zehetmair jedenfalls weder in Newcastle noch sonstwo angestrebt zu haben.

  • Sagitt meint:



    Der Wechsel von Instrumentalisten auf die Dirigentenposition ist doch recht häufig und ich kann darin gar keine Problematik erkennen. Barenboim sei an erster Stelle genannt, aber auch Frau Haim, Herr Christie und ja eigentlich auch Harnoncourt, der von Herkommen her Cellist war. Aus allen genannten sind ausgezeichnete DirigentInnen geworden.

  • Sagitt meinte:

    Zitat

    Barenboim sei an erster Stelle genannt


    In diesem Zusammenhanhg erinnere ich mich, daß über Barenboim zu Beginn seiner Dirigentenkarriere von Kriteikerseite viel Spott über ihn gegossen wurde - wogegen er als Pianist durchwegs anerkannt war. Ihm wurde vorgeworfen, er "schleppe" und ich - damls noch jung und unerfahren, bin seinen Aufnahmen ausgewichen. Bis ich eines Tages die Wunschästhetik DEUTSCHER Schallplattenkritik durchschaute und erkannt habe, daß Barenboim eigentlich ziemlich genau MEINEM Klangideal entsprach. Aber im Hinterkopf habe ich immer, wenn ein Pianist, ein Geiger oder ein Sänger einen Fschechsel in Richtung Dirigent vornimmt, daß er dies tunt, weil er ausgesungen, ausgespielt oder sonstwas mit "aus" ist. Und ich denke - so geht es vielen.....


    mfg aus Wien
    Alfred