Beethoven: Sonaten op. 109, 110 und 111

  • Lieber Walter :



    Laut Schindler soll es sich bei Ludwig van Beethovens letzter Klaviersonate zunmindest im 2. Satz ein "Übermass von Wissenschaftlichkeit" möglicherweise handeln . Schindler soll wegen Beethovesn möglicher zuverlässiger Kenntnisse im Multiplizieren selbst
    an diese c - Moll - Klaviersonete Opus 111 Hand angelegt haben , um Beethovens Intentionen auch in die richtige Form zu giessen .


    Eine hochinteressante Einleitung von Dir , die natürlich unendlich viel Platz zu vielen Spekulationen gibt .



    Elly Ney , eine Legende unter den Beethoven - Exegetin, selbst oder ihre Tochter Eleonore soll laut niedergeschriebenen Mitteilungen im Nachlass der Pianistin zu Beginn des Jahres 1952 auf Schindler ausdrücklich Bezug genommen haben bezüglich ihrer Interpretationen dieser Sonate . Elly Neys Grossmutter , selbst Pianistin , soll von Schindler nähere Informationen , Fetails über die "Richtigkeit" , "Gültigkeit" erfahren haben , wie diese Klaviersonate denn zu interpretieren sei . Bekanntlich wählte Ney äusserlich im direkten Vergleich zurückhaltende Tempi ( 1. Satz : um 10 Minuten , 2. Satz : um 20 Minuten ) .



    Mir ist unter ruind 40 Interpreten keiner bekannt , der sich mit solch einer Genauigkeit af Beethovens Mitarbeiter Schindler in eigenen Anmerkungen bezieht oder früher bezogen hat . Yvonne Lefébure , die bedeutende französische Pianistin , hat den zweiten Satz geradezu manipulativ verändert , so dass von Deinem Schlussatz ( unter Hinweis auf C. Raab ) ausgehend die Frage sich zwangsläufig ergibt ob der Zulässigkeit solcher extremer Abweichungen vom sehr sorgfältigen Notentext Beethovens . Und es ergibt sich für mich dann auch die Frage , wie die grossen Unterschiede in den verschiedenen vorliegenden Aufnahmen durch Sviatoslav Richter erklärbar sind . Dann die aussergewöhnliche Verkürzung , erneut des zweiten Satzes , durch Maria Grinberg oder auch die Aufnahme von Walter Gieseking direkt nach dem Zweiten Weltkrieg . Sind diese Wiedergaben reiner inzterpretatorischer Subjektivismus auf unterschiedliche Art oder liegt den Interpretationen durch Maria Grinberg und Walter Gieseking eine ganz andere , erklärbare Deutung der Sonate zugrunde ?


    Ist Opus 111 womöglich eine besondere Ausgestaltung einer Form des engen Zusammenhanges von Mathematik und Musik als "arithmetische Komposition" ? Also weniger aufzufassen als kompositorische Eingebung , sondern als mathematisch - musikalische Konstruktion , wie eine bestimmze Interpretation vorgegeben werden soll und in einer mit analytischer Präzision verfassten Richtung einer alles Zeitliche auflösenden Fuge am Schluss ? Können solche Konstrukte dann dazu führen , eine endgültige Loslösung von vorgefassten irdischen Gedankenwelten zu erzielen ? So wie die zum Beispiel am konsequentesten Karl Jaspers in seiner im Zweiten Weltkrieg verfassten völligen Überarbeitung seiner "Allgemeinen Psychopathologie" ( Springer - Verlag ; Heidelberg ) mit einer bis heute anhaltenden ( vorläufigen ) Gültigkeit gelungen zu sein scheint ?


    Hat sich Beethoven vor allem im 2. Satz von Opus 111 , wenn wir seinem - ich tue dies - sorgfältig editierten Notentext folgen , jeder ( psychoanalytischen , wie psychosdynamischen ) Deutungswildheit gerade auch in Bezu auf seine Person und Persönlichkeit bewusst entziehen wollen und sogar entzogen ?



    Du erwähnst in Zusammenhang mit Schinlers ( und auch Beethovens ? ) "Arithemetik" die Zahl 3 zuerst . Eine Zahl , die eine immense Bedeutung in der Bibelgeschichte des Christentums bis heute spielt . Man spricht auch von einer "heiligen Zahl" . Es liegt nahe , darauf zu stossen , weil Ludwig van Beethoven aus einer traditionell stark christlichen , gläubigen Region entspringt .


    Hätte Beethoven die Logik in der Mathematik , ja wir alle , intuitiv zu erfassen vermocht ? Schon die "Logik des rechts" , einem festen Rechtsgebiet , bleibt uns oft lange verschlossen .



    Die von Dir erwähnte Pause ist eines der ganz wichtigen Stilmittel in Musik ( Beethoven hat auf den Zusammenhang von Pause und menschlichen Leben selbst hingewiesen ; so auch Joachim Kaiser in seiner Laudatio der Verleihung des Siemens-Preises an Maurizio Pollini 1996 ) wie auch in der Rollengestaltung in Dramen auf der Bphne der Theater schon im antiken Griechenland .



    Interessant bleibt für mich , dass in Erklärungsversuchen , Deutungen dieser Klaviersonate der 2. Satz , so auch bei Dir überwiegend , eine offensichtliche "Überlegenheit" gegenüber dem 1. Satz in c - Moll hat .



    Ohne Dich dazuzubewegen zu spekulieren : Hat sich Beethoven mit dieser Sonate insgesamt , aber besonders dem zweiten Satz , von der vorgegebenen Welt der Sonaten(formen ) bewusst entfremdet ?


    Hälst Du es für denkbar und auch interpretatorisch nachvollziehbar , dass diese Klaviersonate mit ihrer überweigend melanchlischen Grundstimmung wie bei Solomon wie eine musikalische Autobiographie Beethovens ist ? Oder liegt es näher Benedetti - Michelangelis spätere Interpretationen als eine philosophische Weltsicht Beethovens ist , die sich am Ende in einer Weise auflöst , dass Beethoven uns , vielleicht aber sich selbst auch mit der Frage einer Frage nach der ( möglichen ) Jenseitigkeit des irdischen Lebens zurücklässt ?




    Viele Grüsse ,



    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna
    überweigend melanchlischen Grundstimmung


    Hallo Frank,


    eine solche Grundstimmung höre ich bei den mir zur Verfügung stehenden Aufnahmen überwiegend nicht!


    Eine weitere, von Dir nicht genannte Deutung, höre ich bei den Aufnahmen Backhaus': Das steht jemanden mit beiden Beinen fest am Boden.


    Wie hörst Du das?


    (Ähnlich kam mir auch das Konzept jüngst vor, als ich im Laden mich rasch durch die Konzert-Aufnahme von Simone Dinnerstein aus Berlin (Telarc) hörte. Stellenweise, meine ich mich gerade zu erinnern, ist es derart auch bei Tatiana Nikolayeva (Orfeo))

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Lieber ab :



    Bei den von mir erwähnten interpretatorischen Grundstimmungen geht es nur um die Aufnahmen von Solomon ( EMI / Testament ) und unter den Aufnahmen Michelaengelis seinen Interpretationen ab etwa 1970 ( Bonn ) .



    Im Falle von Wilhelm Backhasu sollten wir schon sehr unterscheiden zwischen der Studioaufnahme ( Decca ; GA ) und den mir bekannten Konzertmitschnitten in Salzburg ( ORFEO ) und Newy York ( Carnegie Hall ; in : "Great Pianists of the Century " , Philips . Diese Aufnahme halte ich für eindringliste Interpretation von Backhaus der letzten Beethoven - Klaviersonate , die ich kenne .


    Ich stimme Di zu , dass Backhaus in seinem beiden Konzertaufnahmen ganz genau diese Komposition von allen Seiten über viele Jahre hin ausgeleuchtet hatte und wie im Klavierkonzert Nr. 4 von Beethoven sich immer neu gefargt hat : Wie gehe ich an das Werk heran . Backhaus , dessen Leben für Beethoven ich immer sehr bewundert habe wegen seiner durchstrukturierten Klarheit , seine sehr guten Technik , seiner sich darin weiderspiegeönden Selbstreflexionen , ist für mich in meiner Schülerzeit und bis ins Studium hinein eigentlich noch vor Artur Schnabel und Solomon oder Wilhelm Kempff d e r Beethoveninterpret überhaupt gewesen .


    Bei Wilhelm Backhaus finden wir auch eine grosse Ausgeglichenheit der beiden Sätze . Wie eben bei Solomon oder Schnabel und eben auf eine andere Weise bei Benedetti Michelangli .


    Backhaus nahe kommt Aldo Ciccolini in seiner Aufnahme aus Bozen ( 1989 ; Label : Nuova Era ; Flügel : Ein traumhaftes Instrument von FAZIOLI S.r.L. ) .


    Tatiana Nikolayeva , die alle 32 Klaviersonaten spät in ihrer Karriere aufegommen hat , verdanken wir einen Mitschnitt aus Salzburg ( ORFEO ) , den Du erwähnst , der mich aber in Nikolayevas Deutung überhaupt nicht überzeugen kann . Auch das Textbüchlein gibt nichts Brauchbares über Nikolayevas Abend und ihren Beethoven insgesamt her . Von ihrem Schostakowitsch abgesehen , hat mich noch keine Aufnahme der Nikolayeva auch nur annähernd überzeugen können .


    Claudio Arrau hat in seinen späten Konzertabenden diese "Grundstimmungen" auf wundervolle Weise vermittelt ! ( Viel intensiver als in seiner GA bei Philips . ) .





    Dir wünsche ich gesegnete , beschauliche Weihnachtstage und alles Gute für das Neue Jahr 2009 !



    Viele Grüsse ,



    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna



    Backhaus nahe kommt Aldo Ciccolini in seiner Aufnahme aus Bozen ( 1989 ; Label : Nuova Era ; Flügel : Ein traumhaftes Instrument von FAZIOLI S.r.L. ) .


    Wohl wahr, lieber Frank,


    und hierzu gleich ein technischer Hinweis: die Nuova Era Aufnahmen sind von Cascavelle übernommen worden, als von einem Schrumpflabel zum nächsten gewandert. Noch gibt es die GA bei amzaon france. Ich bin mir übrigens nicht sicher, daß Ciccolini damals schon den Fazioli gespielt hat (der kam sicher bei Grieg und Janacek zum Einsatz), werde es aber nachschauen.



    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Lieber Thomas ,



    in meinem Booklet steht auf der letzten Seite , unterste beiden Zeilen , dass Aldo Ciccolini eine Fazioli - Flügel gespielt haben soll . Dies wird sogar mit grossem Dank erwähnt . Offensichtlich hat Cicclini sonst wohl Steinways gespielt .


    Auf meinen CDs , die schon 1989 veröffentlicht worden sind , ist auch ein sicherlich damalige Foto von Ciccolini abgebildet .


    Ich habe eine Reihe von Ciccoliniaufnahmen ; auf ekienr anderen , unabhängig von der Plattenfirma , steht etwas über den gespielten Flügel .


    Vielleicht hat "Cascavelle" die Originalbänder und hat sie technisch verbessern können ( sonst klingt vieles leider bei "Nuova Era" wie bei Cetra oder teilweise bei Aura / Ermitage . Schade . ) .


    Bei Aldo Ciccolini überuegt mich die Einheitlichkeit im Zugang zu der Sonatentrias .


    Bei Elly Ney ( Privataufnahme aus 1952 der Familie der Künstlerin ) hatte ich erst den Verdacht , dass der Maestosobeginn übersteuert sei wegen der enormen Wucht , mit der Ney die Sonate begonnt ) . Bei Ciccolini klingt dies sehr ähnlich .


    Ciccolini hat vor allem im zweitenSatz nicht die Klangfarben eines Michelangeli , aber er bleibt sich interpretatorisch , auch in Hinblich auf die Sonaten in E und As , absolut treu .


    Cicccolini hat interessanterwesie eine regelrechte sehr späte Renaissance auch mit neuen Aufnahmen erlebt . Durchgehend durch seine lange Karriere bleibt , dass er wohl nie zu den eigentlichen "Tastenlöwen" gehört hat , sondern vielmehr durch Klangdifferenzierungen bekannt geworden ist ( Liszt ; Mozart ; Schumann - hier eine Spur zu zurückhaltend - ) .


    Wenn die Aufnahme bei "Cascavelle" technisch einwandfrei sind , so würde ich sie mir schon zulegen .


    Dir Dank für Deine Hinweise .


    Natürlich auch Dir aus unserer südlichen Nachbarstadt ein gesegnetes Weihnachtsfest und Gesundheit , Erfilg und Zufriedenheit im kommenden Jahr !



    Beste Grüüse ,



    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Lieber Frank,


    die bei Cascavelle veröffentlichten Aufnahmen entstanden zwischen 1995 und 1998 für Bongiovanni. Möglicherweise haben die die Bänder übernommen, die bereits für Nuova Era erstellt worden sind. Im Booklet von Cascavelle ist als Instrument für alle ein Steinway D 274 genannt. Da die Box allerdings eine Übernahme und in Teilen sicherlich die Übernahme einer Übernahme ist, wird man dieser Angabe wohl mit einer gewissen Vorsicht begegnen dürfen.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Lieber Thomas :



    Meine Ciccolini - Box mit den KLaviersonaten Beethovens ist in I - Pontelambro ( Como ) hergestellt und 1998 veröffentlicht worden .


    Anders als Deine Aufnahmen ist das schmale Textbüchlein von einer Italienerin verfasst worden . Französische und englische Texte gibt es nicht . Die Chefin von "Nuova Era" war damals eine Dame aus Italien .


    Auf der letzten Seite steht unten in Italienisch "...Fazioli SRL...." .


    Die Aufnahmedaten werden nur in Monaten angegeben .




    Die bei der EMI - France aufgenommenen Interpretationen durch Aldo Ciccoloini sind sorgfältig editiert worden . Und auch nicht ao lieblos - ein Charakteriskum der EMI ansonsten - verpackt worden .




    Die DGG hat sich bei der Neu - Edition der letzten Klaviersonaten Beethvoens durch Maurizio Pollini auch nicht durch Sorgfalt ausgezeichnet . Stehen auf den LPs noch Monat und Jahr der Aufnahme , so findet man auf den beiden CDs nur noch das Jahr angegeben ( Opp. 101 , 106 , 109 , 110 , 111 ) .




    Ärgerlich sind auch die "Schätzungen" , die wir in vielen Fällen in Klassikaufnahmen finden .
    Dagegen werden bei den erleuchteten Unterhaltungssternchen oft nicht nur Daten der Aufnahmen ( exakt natürlich wegen des bedeutunmgslosen Gepiepses ) , sondern auch die möglichst genauien Verkaufszahlen mitgeteilt oder die weltweit besten Platzierungen ( Ob die , die diese epochemachenden Aufnahmen kaufen , denn auch lesen können ? ) .



    Danke jedenfalls für Deine Hinweise .



    Einen besinnlichen 4. Advent !


    Beste Grüsse Dir und nach Köln !




    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Lieber Frank,
    da ich Dir keine PN schicken kann, erlaube ich mir an dieser Stelle den Hinweis, dass Aldo Ciccolini seinen eigenen Thread hat. Vielleicht magst Du über weitere Ciccolini-Eindrücke berichten?


    Liebe Grüße rheinabwärts vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Lieber Thomas :



    Besten Dank für Deinen Hinweis .


    Die Meinungen über Aldo Ciccolini gingen schon immer weit auseinander .


    Ich habe mich noch einmal belesen . Der Beethoven Zyklus mit den Klaviersonaten ist tasächlich komplett erst 1989 für "Nuova Era" aufgenommen worden . Es gibt nur eine Rzension , die ich gefunden habe über dieses GA . Darin wird die "Hammerklaviersonate" als herausragend bewertet .


    2002 hat Ciccolini sein wohl letzte Aufnahme mit Werken Robert Schumanns eingespielt ; u.a. die "Waldszenen" und die Sponate für Klavier Opus 14 .


    EMI - France hat in der Reihe "Les Introuvables de Aldo Ciccolini" eine 4-CD-Bos herausgenbrajhct und unabhängig davon ein zwei CD-Set , das ich teilweise herausragend finde .


    Seine Interpretationen ... , aber dies gehört dann wirklich nicht mehr zu diesem Beethoven - Thread , den Walter T. mit profunder Analyse geschrieben hat .




    Ich weiss nicht , ob Du selbst Dich je mit dem "Mythos Beethoven" befasst hast . Auffallend ist für mich , wie weit die entsprechnede Literatur seit dem Muikkritiker , Komponisten und Musikphilosophen Marx bis hin Zu T W Adorno von Beethoven selbst ( Persönlichkeit , Lebenslauf , seinen gedanklichen Intentionen ) entfernt hat und wie sehr Beethovens Meinungen doch nicht berücksichtigt worden sind , wie sehr er geradezu politisch instrumentalisiert worden ist .


    Beste Grüsse Dir und ins südliche Rheinland !



    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Lieber Frank,


    es gehört wohl zum Wesen der Frage nach dem Zusammenhang von Mathematik und Musik, dass nur unfertige Antworten möglich sind, die vielen als nicht weniger wirr erscheinen mögen als die Musik Beethovens auf ihre ersten Hörer. Beethoven hat sich in seinen späten Jahren intensiv mit Joh. Seb. Bach beschäftigt und kannte daher dessen Zahlenspekulationen sehr gut. Er war auch vertraut mit den Gedankengängen der Freimaurer und ihrer Beschäftigung mit den kabirischen Mythen. Goethe lässt sie im zweiten Teil des "Faust" auftreten:


    Wir bringen die Kabiren,
    friedlich Fest zu führen;
    ...
    Drei haben wir mitgenommen.
    Der vierte wollte nicht kommen;
    Er sagte, er sei der Rechte,
    Der für sie alle dächte.
    ...
    Sind eigentlich ihrer sieben.
    ...
    Dort (im Olymp) west auch wohl der achte,
    An den noch niemand dachte.
    In Gnaden uns gewärtig,
    Doch alle noch nicht fertig.
    Diese Unvergleichlichen
    Wollen immer weiter,
    Sehnsuchtsvolle Hungerleider
    Nach dem Unerreichlichen.


    Das Zählen hebt an mit den un-fertigen Kabiren. Die Zahlen haben eine Grundlage in einem Bereich, der nicht jenseits, sondern diesseits der Vernunft liegt. Und gerade in den letzten 3 Sonaten hat sich Beethoven mit solcherlei Bezügen beschäftigt, die sich aller Vernunft entziehen.


    Das war für diejenigen schwer nachzuvollziehen, die mit Beethoven erstmals das höhere Spiel der Töne verwirklicht sahen, im Unterschied zum leichtfertigen Tonspiel, das "vornehmlich im anmutigen Wechsel der Form (lebt), in dem es den Sinn umschmeichelnd bald reizt, bald labt, den halbbewußten, halbschlummernden Geist bald anregt, bald wieder löset." (A.B. Marx, dessen zweibändiges Buch über Beethoven bei Google Books online verfügbar ist).


    Wie konnte Marx die schnellen Mittelsätze von op. 109 und 110 verstehen?


    Der erste Satz von op. 109 ist durch einen schmerzlichen Gegensatz geprägt. "Der erste Satz spielt so lieblich und sanft, so harmlos, fast gaukelnd. ... Ein schmerzlicher Einschnitt wie ein Stich im Innern durchzuckt jäh das sanfte Wesen, an dem wir uns eben erfreut." Darauf antwortet der schnelle zweite Satz, wenn er Angst- und Traumbilder wachruft. "Aber dem Kunstwerk gegenüber sind wir alle, Wollende oder Nichtwollende, Traumdeuter. Der wache Verstand ist es nicht, der das Rätsel löst, wie der Geist seine Idee in diesen sinnlichen Stoff eingesenkt hat und aus ihm sich offenbart. Das ist das ewige Rätsel, wie Geist und Stoff, Gott und Welt Eins sind."


    Hier nähert sich Marx einem ähnlichen Zwischenreich, wie es durch die Kabiren dargestellt ist, diese Feuerwesen, möglicherweise auf dem Rücken der Urschildkröte entstanden und bis in den Olymp reichend.


    Noch ratloser steht er vor dem 2. Satz in op. 110. Zum 1. Satz: "Es ist in ossianischem Sinn der Abschied vom trauten Saitenspiel." Im zweiten Satz "unerwartet ein wüstes Volkslied ('ich bin lüderlich, du bist lüderlich') in seine Hast hineinreißend. Hat selbst den reinen Sänger einmal eine Unzufriedenheit mit dem geführten Leben, ein Hohn über das Narrenspiel, das sie Leben nennen, überschlichen?" (Nebenbei: Ist hier nicht schon die Welt der Mahlerschen Musik vorweggenommen?)


    Die Zahl Drei verweist zwar auf die Heilige Dreieinigkeit im Christentum, aber auch auf den Rhythmus des Narrenspiels und der "wüsten Volksmusik". Wird der Zusammenhang aller drei Sonaten gesehen, ging es Beethoven wohl um nicht weniger, als diesen Spannungsbogen bis in die äußersten Extreme auszuführen.


    Viele Grüße,
    Walter

  • Lieber Walter :




    In Deinen bisherigen Ausführungen fehlt mir bisher ( wie auch in meinen eigenen Antworten dazu ) die Frage einer möglich "Neuen Sachlichkeit" in den Interpretationen der letzten Klaviersonaten Beethovens ( um nur diese hier zu nennen , damit der Themenrahmen nicht gesprengt wird ) .


    Dies beginnt für mich mit den frühen Aufnahmen durch Alfred Brendel ( Label : Vox . Dazu auch Alfred Brendel in "Gramophone" , Jnauayr 2009 , pp 36 - 45 ; "Brendel's last bow" ) . Brendel hat dann seine bevorzugte eigene GA der Beethovenklaviersonaten bei Philips - No.: 446 909 - 2PH10 - in seinem letzten Interview genannt .


    Dann kommt die völlige Loslösung des tradierten Beethoven - Bildes , der ich laut verschiedenen Mitteilungen anhängen soll - etwa durch die von mir gennate beiden Konzertmitschnitte durch Wilhelm Backhaus , Opus 111 durch Elly Ney , Artur Schbael ( er kommt bei Dir interessanterweise ( noch ) nicht vo in Deinen Analysen . Pollinis späten Beethoven aus den 1970er Jahren bei der DGG auf 2 CDs festgehalten scheint mir nach Deinen bisherigen Hinweisen vor allem auf Tomas Mann wie T W Adorno doch eher das zu sein , was diese , wie auch Martin Heidegger und sein Kreis in ihren Musikästhetiken eben gerade nicht in Beethovens Sonatenkosmos gewollt hatte .


    Dann der von herkömmlichen Beethoven - Bild völlig intellektuell und interpretatorisch unabhängige Arturo Benedetti Michaelangli ( Aura / Ermitage ; BBC Legends ; Bonner Konzert 1970 ) mit einer durchaus sehr plastischen Interpretation , die im zweiten Satz sich völlig löst von Backhaus oder Ney , Wührer wie dem frühen und späten Sviatoslav Richter . Die Romantizismen eine T. Nikolayeva ( GA wie Mitschnitt von Opus 111 aus Salzburg ) streng vermeidend .


    Walter Giesekings direkt nach dem Zweiten Weltkrieg aufgenommenen Interpretationen der späten Klaviersonaten sprengen auch das damals beherrschende Beethovenbild , dem etwa Joachim Kaiser noch in der letzten Ausgabe seines Pinaistenbuches wie in der ersten Auflage beharrlich anhängt , obwohl J. Kaiser Mann wie auch Adorno sicherlich sehr aufmarksam gelesen haben dürfte .


    Dann die sehr 'trockene' oft vom streng vorgegebenen Notentext abweichende Interpretation durch Yvonne Lefébure , die mich eher erschrocken , zurückweichend gemacht hat als sie mir neue Wege in der Beethovendeutung hörbar werden liess .


    Auch M. Uchida geht diesen sehr distanzierte , kühlen , fast unbeteilgten Weg in ihrem späten Beethoven .


    Bei Richard Goode dagegen hören wir ein tiefe gesitige Durchdringung der kompositionen , die an manchen Stellen vergleichbar ist mit den Wiedergaben durch Ciccolini .


    Hätten diese gerde genannten Aufnahmen , als Beispiele unter nicht wenigen Interpretationen ab etwa 1960 nicht zu Adornos wie T. Manns Beethovenbild im Gegensatz gestanden ?


    Kann es , ausgehend von psychologischen und philosophischen Überlegungen zu Beethovens Klaviersonaten überhaupt ein einigermassen geschlossenes Beethovenbild überhaupt geben ?


    Das mehrfache Hören etwa der Aufnahme durch pollini wie Uchida lassen mich sehr daran zweifeln . Ausser man sagt qusi ex cathedra : So kann man Beethoven nicht spielen . Eine Aussage , die zulässig ist .


    Alfred Brendel hat sich behutsam in dem oben zitierten Interview auch dazu geäussert ( p. 45 ) . Brendel hat sich in einer eigenen Beethovenzusammenstellung aus seiner langen Karriere auf die "Waldsteinsonate" beschränkt und in den letzten Jahren auf die enormen auch physischen Anstrengunge der Interpretation der "Diabelli-Variationen" und von Opus 111 ausdrücklich bezogen wie der "Hammerklaviersonate" , in deren Wiedergabe er auch das für ihn körperlich nicht mehr im Alter zu leistende Mass erwähnt hat .
    Brendel hat eigentlich immer das rein rein Pianistische betont .
    Auf Seite 38 dieses Interviews geht Brendel auch auf Vorträge ein ( Nennung von Überschriften ) , die mir leider nicht vorliegen .


    Darin hat er auch zu Fragen Stellung bezogen , die Du ebenfalls angesprochen hast wie etwa "Character in music" .


    Überwiegt dann insgesamt nicht der Interpretationsgeist in einer bestimmten Periode des Beethovenbildes ?


    Er erwähnt dann Till Fellner und seine englischen Schüler Paul Lewis , dessen Beethoven wir als kompletten Zyklus in der Londoner "Wigmore Hall" mit ihrer sehr guten Akustik wir teilweise hören konnten . Paul Lewis spielt den Notentext sauber , aber doch ohne ein neues Beethovenbild zu entwickeln .


    Andras Schiffs Interpretationen sind dagen doch geradezu bewegender , klngdifferenzierender , worauf Christian ( Ceasar73 ) schon hingewiesen hat .


    Dagegen steht , wie "a.b." dies zuvor erwähnt hat , Backhaus doch auf sicheren ( interpretatorische ) Füssen - selbst in seiner Gesamtaufnahme bei Decca , die eben die Schwächen aller GAs hat .
    Nimmt man dies GA durch Backhaus als Grundlage , so können wir daraus zwanglos ableiten , dass es sinnvoller ist , einzelne Aufnahmen für sich zusammenzustellen .


    Nach dem vielen vergleichenden Hören komme ich dann nach anfänglicher Skepsis doch wieder auf die Interpretationen als Gesamtaufnahme durch Artur Schnabel zurück In diesme Sinne auch Norman Lebrecht in seiner am 1. September begonnen Reihe seiner 100 defintiven Aufnahmen .Inzwischen nicht nur im Internet , sondern auch in dem Buch ""Ausgespielt. Aufstieg und Fall der Klassikindustrie" abgedruckt .


    Viele Grüsse ,



    Frank


    PS.: Ich wünsche Dir alles Gute für das Neue Jahr 2009 , vor allem Gesundheit , beruflichen Erfolg und Zufriedenheitb im Privaten .


    ich bin sicher , dass Deine Artikel , Beiträge wie in den Jahren zuvor weiterhin vile Anregungen , Diskussionsgrundlagen geben werden .Dafür danke ich Dir auch für dieses Jahr . F.

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • 1956 spielte Glenn Gould nach seinem überwältigen Erfolg mit den Goldberg-Variationen die letzten 3 Beethoven-Sonaten ein. Stegemann berichtet, dass er sie zum erstenmal gespielt hat, "als er vom Tod Thomas Manns (am 12. August 1955 in Zürich) erfuhr. - Hommage an den Adrian Leverkühn." In Deutschland macht man sich oft nicht klar, wie stark das Ansehen der deutschen Musik ("Teutonismus") im Ausland gelitten hatte. Gould versuchte auf seine Weise mit einer Neu-Entdeckung von Bach und Beethoven eine Rehabilitation. Entsprechend enttäuscht war er, als dies nicht wahrgenommen und seine Beethoven-Einspielung von der Kritik zerrissen wurde.


    In einem Essay und verschiedenen Briefen hat er seine Auffassung erläutert. Er will sich vom überlieferten Beethoven-Mythos trennen und sieht ihn auf andere Weise auch bei Thomas Mann und Huxley fortgeführt. Für ihn zeigen die Sonaten op. 109 - 111 "jenes Zusammenspiel von unbewachter Spontaneität und objektiver Disziplin, die das Kennzeichen seines Spätwerkes ist".


    Bei den 3 späten Sonaten unterscheidet sich in diesem Sinn vor allem op. 110 von anderen Aufnahmen. Nirgends sonst sind im 2. Satz die beiden Gassenhauer so getroffen wie hier, und dann das völlig anders als sonst gespielte kurze Trio. Der tieftraurige 3. Satz von op. 110 zeigt nicht den "Titanen". Die zurückkehrende Lebendigkeit im Schlussteil mit der gespiegelten Fuge ist herrlich getroffen, und führt dann voller Schmerz und Anstrengung in die sich überschlagenden letzten Sforzati, den Weg öffnend nach op. 111.


    Warum hat Gould im 1. Satz von op. 111 das "Allegro con brio e appasionato" so extrem schnell gespielt? Ich vermute, er wollte damit die ursprüngliche Bedeutung der Fuge als Flucht zeigen. Das ist extrem, aber es gelingt dadurch ein wunderschöner Schluss des Satzes. Vielleicht ist es auch als Beispiel zu verstehen, mit diesem Tempo das Chaotische der "unbewachten Spontaneität" zu zeigen, die sich mit der "objektiven Disziplin" der Fugati verbindet. Gould zeigt einen Beethoven, der sich von allen sozialen und künstlerischen Zwängen befreit hat. In der Abwehr gegen Gould wiederholt sich viel von der ursprünglichen Ablehnung Beethovens. Gould hält sich nicht mehr an die lange Tradition, die Beethoven für den vorherrschenden bürgerlichen Kunstgeschmack zurechtgebogen hat.


    Die Arietta ist von Anfang bis Ende eine wunderschöne Melodie. Die Triller zeigen reine Spielfreude. Statt starrer oder erstarrter Trillerketten gewinnen sie bei Gould etwas Tänzerisches, das in jeder Wiederholung einen neuen Charakter gewinnt. Er zeigt, wie es klingt, wenn die 4. Variation nicht entgegen den Vorgaben von Beethoven im Tempo extrem zurückgenommen wird.


    Mit der Ablehnung seiner Interpretation wurde ein Chance vertan. Gould ist sicher kein typischer Beethoven-Interpret, aber sein außergewöhnliches Rhythmus-Gefühl hat eine Interpretation ermöglicht, die einzigartig ist und eine völlig andere Seite dieses Werks zeigt. Was für die weitere Geschichte der Beethoven-Interpretation möglich gewesen wäre, zeigt vielleicht besser ein Bild: Probe für Beethovens 3. Klavierkonzert mit Karajan und den Berliner Philharmonikern 1957.



    Viele Grüße,
    Walter


    P.S. Lieber Frank, da ich chronologisch vorgehen möchte, werde ich auf die "Neue Sachlichkeit" erst später eingehen.

  • Zitat

    Original von Walter.T
    Gould versuchte auf seine Weise mit einer Neu-Entdeckung von Bach und Beethoven eine Rehabilitation. Entsprechend enttäuscht war er, als dies nicht wahrgenommen und seine Beethoven-Einspielung von der Kritik zerrissen wurde.


    den Grund, warum sie "zerrissen" wurde, nennst Du aber nicht: Gould erlaubt sich schlicht, an einiges Stellen, den Notentext zu ignorieren, isnbsondere was Fermaten betrifft.


    (Ps. Ich liebe diese Interpretation trotzdem sehr!)


    (PPs. Habe heute ein Matinée-Konzert mit eben diesen drei Sonaten mit Lisa Leonskaija gehört. Schon lange nicht mehr so viele falsche Töne gehört...)

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Lieber a. b. :


    Die Einstellung in der Beurteilung der Beethoveninterpretationen durch Glenn Gould hat sich offenbar seit der Aufnahme der Klaviersonaten deutlich gewandelt ( in Deutschland ) . Es mag sein , weil sich dass Bild , wie "man " Beethoven zu spielen habe in der subjektiven Wahrnehmung vieler Rezensenten und Musikliebnaer eie Veränderung erfahren hat .


    Per5sönlich möchte ich hier auf die Puiblikation im Joachiom Kaisers Pianistenbuch ( 1972 ) hinweisen und sein Werk über die 32 Klaviersonaten Beethovens . Dass ausgerchnet Kaiser die letzten drei Sonaten bezeichnet als " diese Sonaten nimmt Gould ernst " zweigt , wie ambivalent Goulds eigener Zugang zu Beethoven gewesen sein muss .


    Diese Meinung von J. Kaiser muss umsomehr verwundern , weil er sich bekanntlich mit grösster Vorliebe auf sehr siocherm Terrain bewegt . Auch Kaiser gibt keinen weitere Begründung .


    Walter , hier , liefert einen gut nachvollziehbare Begründung für Goulds Stilwandel bei Beethoven , auch wenn wir dies wohl nur für die letzten drei Klaviersonaten so unterstreichen können .


    Walters Hinweis auf Thomas Manns "Koktor Faustus" bleibt für mich selbst ein schwer zu lösendes Problem in der Analyse des Schaffens von Thomas Mann .


    Gould wollte ,ich teile auch hier Walzers Meinung , das tradierte überwiegend deutsch gerpägte Beethovenbild überwinden , zumindest zeigen , dass es sehr viel sachlicher geht , wenn wir uns Beethoven nähern wollen .


    Ich gestehe , dass ich mit zunehmend intensiverer Beschäftigung mit den vor allem späten Klaviersonaten des Bonner Meisters , auffällt , mit welcher Klarheit und durchstrukturierten Analyse gerade Artur Schnbael Beethoven spielt . Schnbael dürfte nicht in dem Verdacht stehehn "teutonisch" gewesen zu sein . Auch Backhaus ( Liveaufnahme aus New York besonders , wie die aus Salzburg ) lassen , neben anderen Sonateninterpretationen , hören , dass er keineswegs das Bild vom heroisierenden deutschtümelnden Pianisten bedient . Sein letztes Kontert mit der "Waldseteinsonate" und Opus 31 Nr. 3 (bis auf den nicht gespielten letzten Satz ) beweisen , wie herasuragend differnezieredne Backhaus Beethoven gerade im Konzert gespielt hat . Eine wundervolle Leistung !



    Dagegen bleiben eiegntlich alle später aufgenommenen Beethovensonaten unbedeutend .


    Eines muss man Gould unbedingt zugestehen : Er hat sich sicherlich bei Opp. 109 - 111 sehr ernste Gedanken gemacht .


    Ob er diese auch einmal nachlesbar mitgeteilt hat , weiss ich auswendig nicht .


    Viele Grüsse ,


    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Lieber Walter :



    Zunächst bin ich überzeugt , dass sich Glenn Gould kaum in seine für ihn entscheidenden Interpretationen hat hineinreden lassen . Er war ein freier und unabhängiger Geist . Dies kann man nicht genug bewundern . Darin liegt aber auch die Gefahr , belanglose Aufnahmen einzuspielen , zu hinterlassen ( wie etwa das 1. KK bon Brahms , seine letzte Aufnahme der"Goldberg-Variationen" , die nur an Rosalyn Tureck orientiert ist . Hier bleibt Gouldd dann doch ganz auf eier überkommenenn Lehrmeinung einer romantisierenden Bachsicht . )


    Gould ging auch bei anderen Komponisten erfreulicherweise in seiner Analyse Wege , die geradezu als unverantwortlicher Stilbruch seinerzeit angesehen worden sind ( auch wenn er die Werke öffentlich nie gespielt hat ) : Chopin und robert Schumann . Pollini hat dies mit seinen Interpretationen der Études und Préludes von Chopin ebenso konsequent schon früh pianistisch - interpretatorisch umgesetzt wie bei Robert Schumann in dessen so umstrittenen Spätwerken für Klavier in den letzte Jahren , ohne dies hier vertiefen nzu können . Alexis Weissenberg ist mit einem anderen interpretatorischen Ziel ähnlich positiv radikal vorgegangen . Und die Werktreue wurde von Weissenberg wie Pollini immer beachtet . Dies resulatiert auch aus ihrer technischen Perfektion , ihrer gedanklichen Durchdringung der interpretatierten Werke .


    Gould selbst ist vielfach ähnliche Wege gegangen . D i e s hat ihn etwa mit der Interpretation der "Goldberg-Variationen" ( Salzburger Festspiele oder Prokoviev ) berühmt gemacht . Seine Intermezzi von Brahms sind immer noch eine der besten Aufnahmen der Werke . Gould hat sich also nicht nur mit dem Problem einer "teutonischen" Interpretation auseiandergesetzt . Gould hat seine Sicht gespielt .
    Seine Interpretationen von Werken von Byrd oder Gibbons sind Meilensteine auch in der nicht - deutschen Musikliteratur . Und es sei auf die Nähe von Byrd und Gibbons zu J S Bach hingewiesen .


    Bei Beethoven , ich stimme Dir aus grundsätzlichen Überlegungen absolut zu , hat Gould in Opus 111 zulässigerweise seine subjektive Sicht gespielt . Dies macht den Reiz des Interpretierens auch aus .


    Ich denke schon , dass Gould sich eingehender mit Thomas Manns "Doktor Faustus" befasst hat .


    Darin auch , in der Synthese von Musikalität und I(ntellekt , liegt eines der Geheimnisse eine r so spannenden Interpretation wie sie Gould in den letzten drei Beethoven- Klaviersonaten uns hinterlassen hat .


    Wenn ich dis hier anmerken darfv : Mir fehlt einfach , dass Du bis heute bei Deiner grossen Sorgfalt mit keinem Wort auf Artur Schnabel , den "Übervater aller Beethoveninterpreten" , eingegangen bist .


    Viele Grüsse ,


    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna
    Ich gestehe , dass ich mit zunehmend intensiverer Beschäftigung mit den vor allem späten Klaviersonaten des Bonner Meisters , auffällt , mit welcher Klarheit und durchstrukturierten Analyse gerade Artur Schnbael Beethoven spielt . Schnbael dürfte nicht in dem Verdacht stehehn "teutonisch" gewesen zu sein . Auch Backhaus ( Liveaufnahme aus New York besonders , wie die aus Salzburg ) lassen , neben anderen Sonateninterpretationen , hören , dass er keineswegs das Bild vom heroisierenden deutschtümelnden Pianisten bedient .



    Dagegen bleiben eiegntlich alle später aufgenommenen Beethovensonaten unbedeutend .


    Kempffs Interpretation (aus den 60ern) würde ich aber auch ganz und gar nicht als "heroisierend" beschreiben.


    Was sind den überhaupt die Aufnahmen, gegen die hier angegangen wird? Wer spielt denn einen "deutschtümelnden" Beethoven in diesen letzten Sonaten?


    Danke für die Aufklärung!


    :hello:

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna
    Persönlich möchte ich hier auf die Puiblikation im Joachiom Kaisers Pianistenbuch ( 1972 ) hinweisen und sein Werk über die 32 Klaviersonaten Beethovens . Dass ausgerchnet Kaiser die letzten drei Sonaten bezeichnet als " diese Sonaten nimmt Gould ernst " zweigt , wie ambivalent Goulds eigener Zugang zu Beethoven gewesen sein muss .


    Mir scheint dies eher zu zeigen, wie ambivalent Kaisers eigener Zugang zu Goulds Beethoven gewesen sein muss...

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Zitat

    Original von a.b.
    Kempffs Interpretation (aus den 60ern) würde ich aber auch ganz und gar nicht als "heroisierend" beschreiben.


    :yes: Stimme ich völlig zu; ebensowenig Kempffs Interpretationen aus seinem 50er-Zyklus.


    :hello: Matthias

  • Lieber a. b. :


    Dies gilt für alle Kempff - Aufnahmen . Aber ich wollte bewusst nicht Walter vorgreifen . ER hat die Führung in seinem Thread.


    Ich teile Deine Meinung .


    Es geht nicht gegen einen Künstler . Ich versuche , meine bevorzugten Aufnahmen herauszuarbeiten und dann hier zu benennen .


    Aber ich finde , bei meiner grossen Wertschätzung für Wilhelm Kempff , dass es von ihm besserer , wichtigere Aufnahmen gibt als Opp. 109 - 111 .


    Aber ist wahrscheinlich Geschmackssache .


    Gute Nacht !


    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Lieber a.b. :


    Bei Kaiser hat mich immer sehr vieles gelinde gesagt irritiertb.


    (1) Sein Schumannbild und



    (2) Sein einerseits fixes Beethovenstandpunkt ( Ney , Backhaus im Studio ) , S. Richter . Wäre ein eigens Kapitel wert .


    Kaiser , den ich persönlich erlebt habe , ist fähig , seine eigene Meinung um 180 Grad in wenigen Sätzen zu drehenn. ( Fälle "Russische Klavierspiele" ; seiner spätere Technikfeindlichkeit ) .


    Grüsse für heute !


    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Lieber Matthias :


    Ich habe Kempffs Beethoven n i e als heroisierend beschrieben oder so gehört .


    Bitte mich auch so zu verinnerlichen .


    Eine gute Nacht . Ich muss morgen sehr früh raus .


    Zu Kempff würden mich Deine wie auch a.b.'s weitere Meinungen sehr interessieren .


    Ich habe Kempff im Konzert ( solo ) erlebt und habe ihn stets bewundert . Ein Grosser !


    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Lieber a. b. :



    Ich bin nicht direkt angesprochen , aber eines geht aus Walters Ausführungen für mich heraus :


    Es geht ihm darum , die Sonatentrias in einem weit grösseren Zusammenhnag zu erörtern . Auf keinen Fall , wie Du anmerkst , g e g e n einenn oder mehrere Interpreten zu schreiben .


    Das Herausarbeiten des persönlichen Höreindruckes muss immer subjektiv bleiben .


    Ich denke , dass bisher Walter sich um allergrösste Sachlichkeit bemühnt hat . Dies hebt ihn hervor aus dem immer tendenziöser werdenden Rezensieren in sog. Fachblättern und Teilen der Zeitungen .


    Walters Hinweise auf T W Adorno und den "Doktor Faustus" von Thomas Mann erfordern sicherlich ein mehr gegenüber den üblichen Besprechungen der Sonaten .


    Dir einen schönen Abend !


    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna
    Es geht ihm darum , die Sonatentrias in einem weit grösseren Zusammenhnag zu erörtern . Auf keinen Fall , wie Du anmerkst , g e g e n einenn oder mehrere Interpreten zu schreiben .


    Das ist wohl ein Missverständis, ich meinte nicht, dass es hier gegen gewisse Interpretationen gehen soll, sondern meine Frage war, wer hier im Zusammenhang mit dem "neuen" Beethovenbild durch Gould überhaupt gemeint ist, wenn von einem "teutonischen" Beethovenbild gesprochen wird.


    Wenn ich die nämlich die Größen von Schnabel über Backhaus bis Kempff im Sinn habe, komme ich unweigerlich zum Urteil, es müssen andere Interpreten gemeint sein. Gieseking aber wohl sicher nicht, Erdmann wohl kaum.... Wer also dann?


    Oder ist hier eher der sinfonische Beethoven à la Furtwängler als Gegenpol gemeint?
    ?(

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Lieber a. a. :



    Antworten möchte ich Dir erneut , obwohl ich nicht angesprochen bin , aber ich mich eben in dier Beitragsreihe eingebracht habe .


    Aus meiner ganz persönlichen Sicht - und Hörweise sowie Fachlektüre folgendes :



    (1) Glenn Gould hat mit allen (!) seinen Interpretationen der Klaviersonaten Ludwig van Beethovens kein neues "Beethovenbild" gespielt .
    In den Sonaten vor Opus 109 hat er wahrscheinlich , vor allem in der "Appassionata" , eine Persiflage auf die bis dahin durch die Beethoven-Grössen , die Du genannt hast ( wozu ich selbst unbedingt Emil Gilels vor allem mit seinen Konzertabenden rechne , den durch seine ganz persönlich - familiäre Problematik innerlich so zerrissenen Sviatoslav Richter oder die Aufnahmen durch Maria Yudina - interessanterweise alle aus der sog. Russischen Schule stammend - rechne ) domnierte Weise , wie Beethoven eigentlich zu spielen sei , "abgeliefert" . Der provokative Effekt Goulds hat nachhaltig interessanterweise bis heute seine Wirkungen . Offensichtlich musste man schon immer restlos gegen den Strich spielen , um für alle Zeiten einen Bekanntheitsgrad auch als Beethoveninterpret zu erreichen . Goulds Aufnahmen der Klavierkonzerte Beethovens , dies Rande , finde ich in keinem einzigen Fall zur Gruppe der Spitzeninterpretationen reichend .


    Mit dem Notentext Beethovens wie mit den ihm bekannten Aufnahmen der letzten drei Klaviersonaten Beethovens dürfte sich Glenn Gould schon differenziert befasst haben und eben seine subjektiven Folgerungen gezogen haben , die wir seit den CBS - LPs , an die Du Dich noch erinnern können wirst , vorliegen haben . In der Buchreihe "Denkansösse" ( Piper - Verlag ) hat Gould zusammengefatt auch dargelegt wie unterschiedlich seine Wiedergabe von Werken ist je nachdem , ob er diese in eher akkustisch hochkarätigen Konzertsälen oder in riesigen , umgebauten Hallen mit shclechter Akkustik gespielt hae ( alles bezogen auch seine Konzertabende in den USA uind Canada ) .


    Ich stimme Dir zu , dass Walter Gieseking als Beethoven - Interoret bei den Sonaten mich in keiner überzeugen kann ( womit ich keineswegs alleine stehe ) . Auch als Schumann - Interpret bleibt Gieseking seltsam unbeteilgt . Dies hat nichts im übrigen mit einem verklärenden oder gar "romantisierenden" Schumannbild zu tu .


    Wie das auf einem gnaz anderen , deutlich beeindruckenderen Niveau möglich ist , das hat Yves Nat hinreichend hörbar bewiesen . Wenn ei n Pianist nach und neben den deutschen Beethovenspezialisten Backhaus , Elly Ney , Friedrich Wührer , Kempff oder dem sicherlich nur mit Gewalt als "deutsch" unterzubringenden Artur Schnabel ein neues Beethoven bild glaubhaft vermitteln konnte , so war dies Yves Nat ( Aufnahmen bei EMI ) oder dem britischen Pianistin Solomon ( Aufnahmen bei EMI ) .


    Vergessen wird seltsamerweise , dass Walter Niemann ( Auflage 1921 ) in seinem Pianistenbuch d'Alber , Hambourg und Lemond als d i e bedeutensten Beethoveninterpreten ihrer Zeit ( und zeitlich beethovennah ! ) genannt hat .


    Eduard Erdmanns eher herbe Interpretationen ( ähnlich bei Franz Schuberts Sonaten D 959 und D 960 ) mögen heute schon deswegen "fremd" klingen . Dies liegt daran , dass Erdmann - Aufnahmen lange Zeit fast gar nicht zu bekommen waren und Eduard Erdmann sich bekanntlich auch gewiegert hat , Aufnahmen zu machen . Es würde hier zu weit führen , , hier mehr über Erdmann zu schreiben . Er , dies sei noch angemerkt , ist als der Interpret neben Artur Schnabel immer wieder neu zu nennen , der sich um die Schubertrenaissance bleibende Verdienste erworben hat .


    (2) Wilhelm Furtwängler hat meiner Meinung nach nicht das "sinfonische" interpretatorische gegenbild dirigigiert .


    Den Gegenpol zu welchen Beethovenaufnahmen der Symphonien ?


    Für mich bleiben die Massstäbe bei den Symphonie Beethovens die GAen durch Arturo Toscanini , Bruno Walter ( interessanterweise der
    Lieblingsdirigent von Vladimir Horowitz ; und nicht Szell , Reiner , Toscanini ) oder Pierre Monteux ( Wiener GA bei Decca , nicht die Londoner Konzertaufnahmen ! ) .


    Ein neues Beethovenbild bei den Symphonien wurde dann auch kosequenterweise durch den Toscanini - Schüler Carlo Maria Giulini ( erster Aufnahmezyklus mit dem Philharmonia Orchestra London begründet ; Aufnahmen bei EMI ; Studio ) interpretatorisch begründet .



    Viele Grüsse ,



    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Kritik an Gould: Ich wusste nicht, dass Gould eine falsche Betonung der Fermaten vorgeworfen wurde. Wenn man sieht, wie unterschiedlich die verschiedenen Interpreten diese Sonate spielen, nehmen sie sich alle nicht weniger Freiheiten heraus. Hauptkritikpunkt war meines Erachtens das schnelle Tempo des Allegro. Stegemann zitiert einige Beispiele wie "kindisch", "oberflächlich, reißerisch", "inakzeptabel". Strawinsky war eine große Ausnahme. Er hat diese Einspielung als "Offenbarung" bezeichnet.


    Gould antwortete auf solche Kritik in einem Brief an John Roberts 1957: "Ich kann nur sagen, daß jene Änderungen in Dynamik und Tempo, die ich mir erlaubt habe, nicht irgendwelchen Launen entsprungen sind, sondern auf einem recht sorgfältigen Studium der Noten beruhten, und daß sie, jedenfalls bis jetzt, von einer optimistischen Überzeugung getragen sind."


    Das Unbehagen an seiner Aufnahme kam wohl daher, dass er sich nicht mehr in die überlieferte deutsche Tradition stellte. Der Beethoven-Mythos besagt, dass mit Bach und erst recht Beethoven die deutsche Musik ein Übergewicht über alle anderen Nationen erlangt habe, da erst sie große, universale Ideen und darunter auch den Heroismus darzustellen vermochte. Beethovens Eroica ist natürlich Kronzeuge, aber das zeigt sich auch in den Klavier-Sonaten. Maßgebliche Texte für diese Tradition stammen von A.B. Marx und Hans von Bülow. Das färbt auch auf die Sonaten op. 109 - 111 ab. Am berühmtesten und prägendsten wurde die von Glasenapp überlieferte Aussage Wagners nach dem Vortrag der Sonate op. 111 durch Anton Rubinstein: "Das ist meine ganze Lehre! Der erste Satz ist der Wille in seinem Schmerz und heroischen Begehren; der andere ist der besänftigte Wille, wie der Mensch ihn haben wird, wann er vernünftig geworden ist!"


    Wie in einem früheren Beitrag dargestellt, konnte A.B. Marx nicht recht viel mit den Sonaten op. 109 und 110 anfangen. Auch Bülow gefielen die Gassenhauer in op. 110 nicht. Das passte nicht in ihr Beethoven-Bild. Als Johannes fragte, ob es "ketzerisch" ist, die Sonaten op. 109 und 110 höher zu schätzen als op. 111, spürte er richtig, dass er damit diese Tradition verletzt.


    Durch ihren maßgeblichen Einfluss auf deutschen Konservatorien haben A.B. Marx, Hans von Bülow, Liszt und ihre Schüler praktisch alle deutschen Interpreten beeinflusst. Von den berühmten früheren deutschen Interpreten hat sich Kempff sicher am weitesten davon entfernt.


    "Teutonismus" war ein polemischer Begriff, der während des 1. Weltkriegs entstand. Alex Ross hat das in seinem Buch über die Musik des 20. Jahrhhunderts ausführlich dargestellt. Glenn Gould hat diesen Ausdruck erst im Dezember 1961 in einem Brief an Roy Maley gebraucht.


    Die Geschichte geht oft eigenartige Wege. Bei aller Kritik am "Teutonismus" wurde dann jedoch Amerika in den 1950ern zum Ausgangspunkt, um unter den Komponisten die Zwölftonmusik und die ihr folgenden seriellen Techniken durchzusetzen, also genau die "teutonische" Tradition der Linie Bach - Beethoven - Brahms - Schönberg, und im Interpretationsstil die Neue Sachlichkeit, d.h. ein betont objektives, nicht-erzählerisches Spiel, das im großen und ganzen die deutsche Tradition aufgreift und fortsetzt.


    Doch bevor ich darauf näher eingehe, soll mit Benedetti Michelangeli ein zweiter Interpret vorgestellt werden, der in den 1950ern eigene Wege ging.


    Viele Grüße,
    Walter

  • Wie konnten Pianisten auf die neue Realität nach 1945 reagieren? Während in Deutschland alle altbekannten Namen weiter die Konzertsäle dominierten, als wäre nichts geschehen, sich von den USA aus ein rein technisches Virtuosentum durchsetzte (dazu später mehr) und die sowjetische Pianistenschule im Westen wegen Reiseverboten weitgehend unbekannt blieb, suchte in Frankreich und Italien eine neue Generation andere Wege. Das sind zum Beispiel Alexis Weissenberg (geb. 1929), Samson Pascal François (1924 - 1970), György Cziffra (1921-1994), Dinu Lipatti (1917-1950) und natürlich Arturo Benedetti Michelangeli (1920-1995).



    Ihre Klavierkunst hatte Weissenberg und Benedetti Michelangeli in äußerst bedrohlichen Situationen während der letzten Kriegsjahre das Überleben gesichert. Sie entdeckten einen neuen Chopin, sahen ihr eigenes Lebensgefühl in der inneren Erregtheit seiner Klavierstücke widergespiegelt. Viele hatten sich aus Osteuropa nach Paris gerettet und konnten sich in Chopin wiedererkennen, der 1830 aus Polen nach Paris fliehen musste. Ihm wurde alles Süßliche genommen, eine Abkehr vom "nahezu unverrückbaren Chopin - Salon - George Sand - Vorurteilsbild" (Frank in einer E-Mail). Beethoven blieb ihnen aber schwierig aufgrund seiner immensen Bedeutung für das deutsche Weltbild, das zum Nationalsozialismus und zwei Weltkriegen geführt hatte.


    Nur Benedetti Michelangeli wagte sich früh an Beethoven und dessen opus 111. Seine Einspielung von 1961 (BBC, London) ist passenderweise mit Chopins b-Moll Sonate (1959) zusammengestellt. Diese außergewöhnliche Chopin-Aufnahme soll hier nicht besprochen werden, aber von dort ist "sein" Beethoven zu verstehen: Zurückhaltung bei den Lautstärkeunterschieden und den Sforzati, stattdessen mehr Gewicht und größte Deutlichkeit auf die Feinheiten und Binnenstruktur. Bis ins letzte Detail sind die rhythmischen Wechsel und Brüche ausgearbeitet, so dass eine äußerst dichte Aufnahme entsteht. Die Polyphonie wird nicht als Gegenwicht zu homophonen und geradlinigen Entwicklungen verstanden, sondern das gesamte Spiel ist immer und überall wie von zahlreichen Seiten zugleich gesehen.


    Wenn Backhaus in den kleinen Melodiebögen häufig auf einen bestimmenden Schlusspunkt hin spielt und das Werk bisweilen fast Parolen-Charakter bekommt, betont Benedetti Michelangeli oft den Anfangston. Besonders deutlich am Ende des 2. Satzes, aber auch bei den sich wiederholenden Einsätzen in den Fugati des 1. Satzes. Dadurch entsteht immer wieder etwas Neues. Das Spiel hält ständig Überraschungen bereit. Mal scheint es, als wird der Spieler von außen angestoßen in eine andere Richtung, dann wieder ergreift er selbst die Initiative. Ein echter Dialog, ein wunderschönes Beispiel für Aufnahmebereitschaft, Hinhören und eigenen Einsatz. Im 1. Satz gelingt daher sowohl im Kleinen wie im Großen der Bogen von den gewaltigen Schlägen des Maestoso bis zum stillen Ausklang in C-Dur.


    Der Techniker Benedetti Michelangeli achtete bekanntlich auf alles. Die vom Pedal angestoßenen Schwingungen bekommen bei ihm eine eigene Bedeutung. Hier ist seine Organistenausbildung zu erkennen. Das Pedal klingt nicht wie ein anhaltender, in die Länge gezogener Klang, bisweilen wie ein bedrohlicher Schatten, sondern erreicht eine eigene Schwebung. Manchmal kommt es fast zu Wechselwirkungen mit dem Spiel der Melodie und ihrer Begleitung. Das ist besonders deutlich beim Thema im 2. Satz. Vom Pedal klingt der lange Nachhall am Ende des 1. Satzes immer neu nach. Das könnte bei einem anderen Pianisten eine depressive Fixierung auf das Vergangene erzeugen, doch hier ist es das Aushalten eines langen Ruhemoments, bevor dann mit der 1. Variation nicht nur der Rhythmus wechselt, sondern auch der düstere Ton wie abgeworfen ist. Im Gegenzug dann im 2. Teil des 2. Satzes der äußerst reine, harte Klang der hohen Töne. Das erzeugt im Ganzen eine ungeheure Spannung, in deren Mitte der 2. Teil der 3. Variation steht, bei der er mit der linken Hand einen sehr harten Takt schlägt, der vorgibt, was sich dann in den hohen Lagen wiederholen wird.


    Eine Anekdote sagt, dass nach seinem intensiven Üben von op. 111 sogar die Vögel in seinem Garten Beethoven mitpfiffen. Ich verstehe es anders: Benedetti Michelangeli verehrte das Franziskanertum und predigte mit seinem Spiel wie der heilige Fanziskus den Vögeln. Er achtete sehr genau darauf, wie sie sein Spiel annahmen. Im Wechselgesang mit ihnen fand er eine Beseeligung, die ihm unter den Menschen in den meisten Fällen verweigert wurde. Eine Ausnahme waren seine Unterrichtsstunden, solange er sie aus den Einnahmen von seinen Konzerten unentgeltlich erteilen konnte, aber auch diese Freude wurde ihm von Missgönnern viel zu früh genommen.


    Die kurze Phase 1947 - 1965 ist eingeschlossen von den aufwühlenderen Zeiten davor und danach, die bis heute weit größere Emotionen wachrufen. Da erscheint ein Spiel wie das von Benedetti Michelangeli fast wie ein Fremdkörper. Joachim Kaiser versteht ihn als die "die ästhetisierendste Möglichkeit", Wolfgang Lempfrid wägt mit einem ironischen Ton die "Marotten eines klavierspielenden Exzentrikers" und "sein Streben nach pianistischer Perfektion und absolutem Schönklang" gegeneinander ab. Auch 'Romeo und Julia' hatten 2006 kommentiert: "sehr verhalten gespielt, sehr analytisch und trocken vorgetragen. Uns fehlt das singende und beseelte." Die Stärken von Benedetti Michelangeli liegen im Vergleich zu anderen ein wenig im Verborgenen. Da singt bisweilen jeder einzelne Ton, und dann ist wieder eine Härte zu hören, dass das Singen vergehen mag.


    Viele Grüße,
    Walter

  • Lieber Walter ,



    auch wenn Deine Ausführungen noch nicht zu Ende geschrieben sind , so ergeben sich doch folgende Fragen :



    (1) Ist diese von Dir als "Neue Sachlichkeit" gleichzusetzen mit dem , was ich eher gerade bei Glenn Gould und und Arturo Benedetti Michaelangeli als "Neue Individualität" bezeichnen würde .


    Und auch die von 'a.b.' genannten Pianisten Schnabel , Backhaus und Kempff unterschieden sich in ihrer ganzen Beethovensicht doch erheblich voneinander .


    Wenn man den terminus technicus "Teutonismus" versucht wertfrei zu verwenden , so dürfte Artur Schnabel mit seiner betonten Notentextreue sich wohl am engsten an Beethovens Vorgaben zu halten . Wobei Rudolf Buchbinder ( 1991 ) anhand neuerer eigener Forschungsergebnisse auch zu interessanten Ergebnissen kommt . Wobei es dann allerdings keinen Sinn macht , Buchbinders GA aus 1980 heranzuziehen , sondern dessen Konzertzyklen um 1990 ff. der Beethovensonaten .


    Bei dem übermäßig oft zitierten Joachim Kaiser ( Buch über die 32 Beethovensonaten wie sein "Pianistenbuch" ) finden wir dann sowohl zu Gould als auch zu Michelangeli eklatante Widersprüche , die eher Meinungungsmache sind , als aus dem Text und den vorliegenden Interpretationen ableitbar sind .


    Wenn Glenn Gould als Maßstab für seine "Ernsthaftigkeit" im Umgang mit den letzten drei Sonaten Beethovens durch J. Kaiser besonders hervorgehoben wird , so fragt man sich angesichts der sonstigen Ausführungen Kaisers zu diesen Klaviersonaten , welche Vergleichsmaßstäbe für ihn eigentlich gelten ? Gould spielt ( CBS / LP ) etwa gleich schnell bei Opus 111 wie Wilhelm Backhaus ( GA , Decca , Studio oder in dem Konzertmitschnitt aus Salzuburg , ORFEO ) . Bernd Schlemmer etwa ( 2006 und 2008 ) unterstellt völlig voneinander getrennt Gould wie noch mehr Backhaus , das diese viel zu schnell spielen . Und Backhaus wirft er , wie an anderer Stelle S. Richter , vor , das Beethovenbild nie verändert zu haben in ihren Karrieren . Wo steht geschrieben , dass eine veränderte Interpretationsweise dann "besser" , "richtiger" sein muss ? Backhaus hat in seinem veröffentlichten Konzertmitschnitt aus New York ("Great Pianists of the Century" , Philips ) die Sonate hörbar mit einem anderen Anschlag , mit einer anderen Deutung dieser Klaviersonate gespielt .


    Die meisten Kritiker Goulds wie die von Backhaus stören sich daran , dass beide die Vortragsbezeichungen "Maestoso" bzw "Adagio molto" nicht berücksichtigen würden . Bezüglich der Zeitvorstellungen gibt es sehr konträre Meinungen . Überliefert sind die von Beethovens Schüler Czerny auf der einen Seite wie die in sehr verhaltene Tempi gehende Mitteilungen durch Elly Ney und einer ihrer als Konzertpianistin ausgebildeten Verwandten . Selbst "Zeitwissen" ist stets eine Schätzung in der Zeit ( C. Scharfetter , 2002 ) . Ob uns Beethoven eine "objektive" Zeit hinterlassen hat , um "Zeiteinschätzungen" , also eher subjektiv nur wahrgenommene Ereignisse handelt oder gar um Ausflüsse von "Zeiterlebensstörungen " ( Chamon & Goldstone , 1956 ; Fraiee , 1966 ; C. Scharfetter , 2002 ) ist völlig offen . Objektive (patho-)physiologische Messungen liegen bisher in der Forschung nicht vor .
    Niemand weiß , ob Beethoven selbst diese Sonate immer in etwa gleich schnell gespielt haben würde ! Auch wissen wir nicht sicher , also am tatsächlich Gemessenen , wie sich Ludwig van Beethoven , immerhin ein schwer kranker Mann zur Zeit der Kompositionen von Opp. 109 - 111 , den Inhalt seiner Sonaten vorgestellt hat oder vorgestellt haben könnte . Diese Möglichkeiten der Interpretationsvielfalt hat besonders Sviatoslav Richter in seiner vieljährigen Auseinandersetzung mit den Sonaten Beethovens eindeutig in Konzertmitschnitten hinterlassen wie auch Claudio Arrau im direkten Vergleich seiner Studioaufnahmen und seiner Konzertabende etwa zwischen 1972 und 1980 .


    Glenn Gould hat sich , wie Du zutreffend ausführst , selbst zu seinen Interpretationen von Opp. 109 - 111 geäußert .


    Arturo Benedetti Michaelangeli hat Opus 111 in mehreren Aufnahmen hinterlassen . Anders als B. Schlemmer (aaO ) bin ich der Meinung , dass bei der Bedeutung , die Michelangelis Interpretationen zukommt , aufnahmetechnische Unterschiede keine Rolle spielen .
    Auch die Abwertung durch J. Kaiser in seinem Pianistenbuch ( 1972 ) ist sachlich durch kein Wort begründet !


    Hier aber muss man dann bei Joachim Kaiser dann doch zur Grindfrage , gerade bei ihm , zurückkommen , welches Beethoven-Sonatenbild er denn tatsächlich hatte und vielleicht noch hat ? Es scheint mir , dass er einem Einheitsbild geradezu nachtrauert . Dieses Einheitsbild beeinhaltet - leider - das tradierte gefühlsüberhebliche , "teutonische" , man kann auch hinzufügen chauvinistische Bild vom ( falschen und gefälschten ) Mythos
    Ludwig van Beethoven .


    Diese neue Freiheit des Interpretierens hören wir nicht bei den derzeit mehrfach erscheinenden Gesamtaufnahme der Beethoven - Klaviersonaten , sondern bei Gould , Michelangeli , Backhaus in New York ! , Richter in Leipzig oder Yves Nat .


    Viele Grüße ,


    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Zitat

    Original von Walter.T
    Der Beethoven-Mythos besagt, dass mit Bach und erst recht Beethoven die deutsche Musik ein Übergewicht über alle anderen Nationen erlangt habe, da erst sie große, universale Ideen und darunter auch den Heroismus darzustellen vermochte.


    "Teutonismus" war ein polemischer Begriff, der während des 1. Weltkriegs entstand.


    Bei aller Kritik am "Teutonismus" wurde dann jedoch Amerika in den 1950ern zum Ausgangspunkt, um unter den Komponisten die Zwölftonmusik und die ihr folgenden seriellen Techniken durchzusetzen, also genau die "teutonische" Tradition der Linie Bach - Beethoven - Brahms - Schönberg, und im Interpretationsstil die Neue Sachlichkeit, d.h. ein betont objektives, nicht-erzählerisches Spiel, das im großen und ganzen die deutsche Tradition aufgreift und fortsetzt.


    Sorry, ich stehe immer noch auf der Leitung: Was ist nun unter "Teutonismus" zu verstehen - die "Darstellung universale Ideen" (wie zB des Heroismus') oder aber die "Neue Sachlichkeit" (d.h. ein betont objektives, nicht-erzählerisches Spiel)?


    Danke! :hello:

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Lieber a.b. :



    Nun bin ich erneut nicht direkt von Dir angeschrieben . Aber wegen meiner Beteiligung in diese Thread mein Versuch eine r Annäherung an die Problematik .


    (1) Der Begriff "Teutonismus" ist an sich unscharf und hat sich gegenüber dem des "Gemrnismuses" vor allem wegen seine r angeblich besseren Übersetzbarkeit ins dominirende Englische uind Anglo-Amerikanische durchgesetzt .


    Historisch ist der Volksstamm der Teutonen vor rund 2000 Jahren ausgestorben bzw. ausgemerzt worden .


    Es dürfte bei der hier gebrauchten Verwundung des Terminuses "Teutonismus" um eine bestimmte Fixierung auf etwas typisch Deutsches ( = "Germanisches" ) handeln . Dass Glenn Gould diesen Begriff selbst verwendet hat unterstützt die allgemein anerkannte These der Sprachforschung , mit dem Ziel , möglichst genau herauszuarbeiten , was denn darunter zu verstehen sei .


    Gelegentlich wird identisch mit "Tautonismus" auf das Substantiv "Chavinismus" verwendet . Auch dieses , heute gebräuchlicher , ist inhaltlich negativ besetzt . Dies ergibt sich aus den geschichtlichen Ursprüngen .


    Gemeint ist in erster Linie eine im allgemeinen übersteigerte Beertung , also Überbewertung , einer bestimmten Fähigkeit .


    In diesem konkrten Fall der deutschen Musik über die Musik anderer Länder . Dies kann auch erzwungen werden , in dem man die Musik oder auch die Interpretationen in anderen Ländern systematisch ausgrenzt . Dies führt dann zu einer unangemesenenen Überhöhung einer bestimmten , oft ideologischen Sicht eines realen wie herbeigesehentn Sachverhaltes . Und dies kann zu gefährdenden wie gefährlichen , weil ganz einseitigen , Missbräuchen führen .


    Diese angebliche Übermacht in der Musik ist z. B. im Falle von J S Bach ebenfalls durch Glenn Gould durch seine Hinweise aug Gibbons und Byrd direkt angegriffen worden . Nachweislich waren Byrd wie Gibbons für J S Bach bedeutend und prägend gewesen . J S Bach selbst hat diesen seinen ihm beigebenen Alleinanspruch für die Musik seiner Zeit meines Wissens auch nie für sich reklamiert gehabt .


    Diese Einseitigkeit der Sichtweise ist ein typisches erst lange nach Bachs Tod aufgekommenenes Phänomen . Dieses ist nur aus aus einer gezieleten Überhöhungsidee zu vesrtstehen , die sich aus der deutschen Iddeengeschichte und allgemeinen Historie erklären lässt .
    Und spätestens seit dem Frankreich - Krieg 1870 / 1871 , dem wilhelminischen deutschen Kaiserreich mit dessen Untergang mit dem von dem politisch "rechten" Deutschland begonnenenen Ersten Weltkrieg und dann lückenlos über die Ermordung der links - liberalen Rosa Luxemberg und Larl Liebknecht direkt in Adolf Hitlers
    Nazi - System geführt hat . Dass gerade mit Beginn der "Machtübernahme" durch Hitler die Musik eine immense Bedeutung als "Zeichen" für Hitlers Weltuniversalanspruch geführt hat , ist nicht zu bestreiten . Zuvor waren in der deutschen Kulturgeschichte ( wozu auch Österreich zählt ; Einzelheiten bei : Egon Friedell : Kulturgeschichte der Neuzeit , C H Beck - Verlag ) die verschiedenen Musikströmungen mit ihren Hauptwidersachern in zum grössten Teil nicht nachvollziehbarer Weise aneinandergeraten . Ohne dies hier weiter vertiefen zu können , spielte dabei Friedrich Nietzsche eine bedeutende Rolle . Ebenso auch die von Walter T. erwähnte "Deutsche Schule" in der Klaviermusik .


    (2) Diese "Deutsche Schule" war pianistisch zu Beginn der Karriere etwa eines ihrer wichtigsten Vertreteres , Artur Schnabel - dieser genoss in seiner Berliner Zeit darüber hinaus noch erhebliche matreielle Vorteile , die Edwin Fischer schon nicht mehr gewährt worden sind ! - fast ausschliesslich an den Werken Ludwig van Beethovens orientiert gewesen .


    Ich persönlich sehe die beiden Interpretationspole einer "Neuen Sachlichkeit" bei Beethoven schon bei Wilhelm Backhaus und Elly Ney , die sich beide auf Zeitzeugen Beethovens berufen können . Wobei es mir wahrscheinlicher erscheint , dass Backhaus in seineen Konzerten viel von dem wiedergegeben hat , was Beethoven , ein grosser Pinanist , selbst gespielt haben dürfte . Dies bezieht sich vor allem aiuf die Wahl der Tempi . ohne jedoch einen interpretatorischen Tiefgang zu vernachlässigen . Backhaus war dazu noch ein begnadeter Brahmsinterpret gewesen ( etwa in seiner Aufnahme des 2. Klavierkonzertes , B - Dur , mit Carl Schuricht ) . Backhaus hat dieses einseitige überhöhende , heroisierende Beethovenbild alleine dadurch verlassen , dass er als einer der ersten Künstler etwa die Études Opp. 10 und 25 von Frédéric Chopin geradezu interpretatatorisch neu entdeckt und referenzartig eingespielt hat .Darüber hinaus war Backhaus auch in Sachen Robert Schumann ein regelrechtere Erneuerer gewesen . Und wer seinen letzten Konzertabend im Ohr hat , als er wegen Krankheit , die Sonate Opus 31 Nr 3 von Beeeethoven nicht zu Ende spielen konnte , sondern - welch eine verinnerlichte Rückschau und auch auch ein erschütterndes Anfragen , was denn nun kommen werde uund könne - zwei Werke Schumanns ohne jedes Romantisieren interpretiert hat , der kann Backhaus schwerlich als "den" Beethoven-Interpreten einseitig darstellen . Ney hatte ihre Höheüunkte in ihren Beethoveninterpretationenn ganz einseitig bei Opus 111 und hier im zweiten Satz der Sonate , wenn sie völlig losgelöst von allen interpretatorischen Möglichkeiten einen völlig enthorisierenden Beethoven gespielt hat , der für mich beeindruckend bleibt .



    (3) Es muss festgehalten werden , dass über Jahrzehnte hinweg , in Deutschland weder die "Russiche Schuel" wie die "Französische Schule" weder bei Brahms noch bei Beethoven eine Rolle gespielt haben . Warum ?


    Die beduetnden russischen Pianistinnen und Pianisten waren entweder wegen der Revolution in Russland geflohen ( aber auch Geiger wie Nathan Milstein , ein Freund von Horowitz ) oder sie flohen vor den Nazionalsozialisten aus Deutschland , weil sie mindestens teilweise genetisch Juden gewesen waren .


    Dazu zählte auch der sog. Bach- , Beethoven- und Brahmsspezialist Rudolf Serkin , der am berühmten Curtis Institute in Philadelphia wie in Tanglewood ( später wie heute ein Ort auch der musikalischen Moderne ) geworkt hatte und auch wieder nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich z. B. in seinem berühmten nbei der DGG festgehaltenen Beethoven - Abend in Wien gespielt hat .


    Ob Rudolf Serkin und / oder Maurizio Pollini mit seiner frühen Aufnahme der Beethovensonatenen Opp. 101 , 106 , 109 - 111 eine "Neue Sachlichkeit" in der Beethoven-Interpretation begründet haben , oder ob Serkin das tradierte Beethovenbild nur wiederbelbt hat ( in Deutschland und Österreich ) geht meiner Meinung nach in die zweite Richtung .


    "Neue Sachlichkeit" vermag ich in erster linie in den Interpretationen durch Yves Nat zu hören , der interesaanterweise einer der bedeutensten Schumann - Interpreten gewesen ist seit seiner ersten Aufnahme enes der Schumann - Werkes , nämlich des a - Moll - Konzertes .


    Auffallend ist auch , dass Maurizio Pollini bis heute zu den interessanten Schumanninterpreten gehört . Man wird Robert Schumann kaum als "teutonischen" komponisten bezeichnen können .


    Für mich sind gezielt bestimmte hier genannte Komponisten aus rein politischer Ideologie heraus mit bestimmten Interpretationen als "teutonisch" , "germanisch" herausgestellt worden . Nicht wegen derer künstlerischer Stellung und wie sie sich selbst wohl gesehen haben oder von ihren Zeitgenossen gerade im Falle Beethoven gsehen worden sind .


    Diese "Neue Sachlichkeit" finden wir bei Franz Schubert meiner Meinung nach nicht in den Interpretationen durch Artur Schnabel oder Edurad Erdmann , sondern durch die Künstler , die bei Schubert den unendlichen Melodienreichtum ebenso zu betonne vermögen wie dessen tiefste Melancholie , die eigentlich jeden Stück irgendwie verinnerlicht ist : Radu Lupu , Zhu - Xiao-Mei , Anna Mallikova , Emil Gilels , Sviatoslav Richter , Shukov , Wirsadlaze , Richard Goode oder dem frühen Clifford Cuzon .


    Mit vielen Grüssen ,



    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin