Volksoper Wien - 24.9.2020 - Carmen oder - ein Plädoyer für die Originalsprache

  • Deutsch ist und bleibt meine Muttersprache.

    Lieber La Roche,


    das ist auch mein Standpunkt. Es gibt m.E. gute Gründe für die Verwendung der Originalsprache, die auch ich inzwischen bei bekannten Werken eindeutig bevorzuge. Doch Oper auf Deutsch ist für mich niemals ein Tabu. Wie schon gesagt, habe ich die meisten italienischen und französischen Opern erstmals in deutscher Sprache gehört und lieben gelernt. Vor allem: Wer lacht heute noch in Rossinis Barbier oder Mozarts Figaro? Selbst bei den komischsten Szenen sitzt das Publikum bierernst auf seinen Stühlen, weil es eben kein Wort versteht.

    Als man in den späten 1950er Jahren vermehrt fremdsprachige Sänger zu Gastspielen einlud, gab es allerdings hin und wieder auch lustige Szenen. So sang z.B. Anna Moffo in München 1956 als Gast in einer deutschsprachigen Vorstellung der "Lucia di Lammermoor" die Titelpartie in italienisch. Nach ihren Eingangsworten "Ancor non giunse" antwortete ihr Alisa (es war Lilian Benningsen) textgemäß: "Was sagst du?" - Das gab einen Lacherfolg, von dem sich die eingeladene Diva nur schwer erholen konnte!

    Warum erregt sich niemand, wenn Goldoni oder Shak espeare oder Tennessee Williams bei uns ausschließlich übersetzt auf die Bühne kommt?

    Das ist eine gute Frage! Doch wie die Welt sich dreht, wird das wahrscheinlich eines nicht allzu fernen Tages auch praktiziert werden. Deutsch ist in Gefahr, zu einer Regionalsprache bzw. zu einem europäischen Dialekt herabzusinken. Noch ist es zum Glück nicht so weit!

    Andererseits hinkt der Vergleich, denn es ist wohl keine Frage, daß sich in der Musik bei Verwendung von Übersetzungen auch die Diktion sowie der ganze Höreindruck verändert.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Vor allem: Wer lacht heute noch in Rossinis Barbier oder Mozarts Figaro?

    Ach, dass keiner lacht, würde ich nicht sagen, aber ich habe schon viel zu oft erlebt, dass die Leute an den falschen Stellen lachen, manchmal schon, bevor der Sänger den Witz überhaupt abgelassen hat, weil ihn die Leute in den Übertiteln schon vorher gelesen haben... Das fände ich, wenn ich auf der Bühne stehen würde, wohl ziemlich irritierend und demotivierend.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Die heitere Szene mit Anna Moffo als "Lucia" hat sich in Wien wiederholt (mit Sonja Draksler), aber sie hat's inzwischen locker genommen.


    Erich

    Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht durch Tatsachen.

  • Bei aller Präferenz für Oper in der Originalsprache, so gibt es doch hierzulande noch viele Musikfreunde, die - aus welchen Gründen auch immer - Aufführungen bzw. Aufnahmen ausländischer Opern in deutscher Sprache schätzen.


    Die Firma Membran Music Ltd. hat vor einigen Jahren unter dem Titel "Das Schönste aus der Welt der Oper (deutsch gesungen)" eine Serie von ca. 8 Doppel-CDs herausgebracht, die eine wahre Fundgrube ist. Sie wartet mit den ersten Künstlern auf, die in den Jahren nach 1945 in Deutschland und Österreich an führenden Häusern wirkten und noch heute jedem Opernfreund älterer Jahrgänge ein Begriff sind, wie Elisabeth Grümmer, Martha Mödl, Leonie Rysanek, Rita Streich, Peter Anders, Josef Traxel, Ernst Haefliger, Walther Ludwig, Anton Dermota, Dietrich Fischer-Dieskau, Hermann Prey, Josef Metternich, Karl Ridderbusch, Gottlob Frick, Josef Greindl, Kim Borg, Kurt Böhme u.v.a. Es handelt sich vorwiegend um Rundfunkaufnahmen, aber auch zahlreiche Aufnahmen von Electrola, DGG und Telefunken sind vertreten, fast alle in vorzüglicher Monoqualität. Den Alben liegt jeweils ein informatives, 24-seitiges Textheft bei, das u.a. auch Kurzbiographien der beteiligten Sänger enthält.

    Beim ehemaligen Werbepartner gibt es sie noch, zum Teil zu moderaten Preisen. Vielleicht ist der eine oder andere daran interessiert.

    Hier das Bild eines dieser 2 CD-Sets:

    Das Schönste Aus Der Welt - Carmen, Die Perlenfischer


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Meiner Erinnerung nach bot ein Pariser Opernhaus Verdi an, den "Otello" in Italienisch zu spielen und seine Reaktion war ein Nein. Er bestand auf einer französischen Übersetzung, damit sich das Publikum nicht langweile.

  • Ich finde, es ist kein Fehler, wenn man beid Sprachen kennt....

    Dank zahlreicher Videos aus verschiedenen Epochen ist das heute leicht möglich.

    mfg aus Wien

    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Lieber "greghauser2002",

    hier bin ich völlig deiner Meinung. Und warum soll nicht die Wiener Staatsoper eine originalsprachliche "Carmen" und die Wiener Volksoper eine deutschsprachige "Carmen" spielen. die Original-Sprache-Fetischisten können dann ja in die Staatsoper gehen, während die Volksoper möglicherweise durch die Landessprache Menschen erreicht, die andernfalls nicht in die Oper gehen würden, zumindest wäre ihre Hemmschwelle höher.

    Lieber Stimmenliebhaber,

    hier stimmen wir wieder einmal völlig überein. Wäre ich Kulturverantwortlicher in einer Kommune würde ich in einer Stadt, die mehrere Opernhäuser besitzt mich dafür einsetzen, dass jedes der Opernhäuser so weit möglich einen Spielplan gestaltet, der verschiedene Zielgruppen schwerpunktmäßig anspricht: Im Repertoire, in der Sprache, im Inszenierungsstil, in der Preisgestaltung usw. Hier ist keinesfalls ein Eingriff in die künstlerische Freiheit und die Eigenständigkeit der einzelnen Häuser gemeint, sondern die kulturelle Vielfalt in einer Stadt. Ich befürchte, dass es nach der Corona Krise heftigere Verteilungskämpfe um die Finanzierungsmittel der öffentlichen Hand geben wird, und dass der Maßstab eines wirtschaftlich vertretbaren Preis/Leistungsverhältnisses stärker beachtet werden wird. Wir als Heilbronner Sinfonie Orchester bekommen jetzt schon "gut gemeinte" Reaktionen und Empfehlungen in der Art Beethoven mit 40 Musikern kann doch auch ausgezeichnet klingen. An die Kreativität und die Fähigkeit der Kulturschaffenden zur Improvisation werden künftig wesentlich höhere Anforderungen gestellt. Ich bin wie immer Optimist: "Problemen stecken Chancen!"

    Herzlichst

    Operus (Hans)















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