Serielle Musik: Was ist das eigentlich .... und kommt das jetzt auch noch?

  • Ich sehe schon an einigen Beiträgen, dass man dieses Thema in der modernen Musik kaum umgehen kann. Ich scheine bestimmte Werke dieser Machart schon sehr lange zu kennen. Boulez Structures und etwas später Stockhausens Klavierstücke sind schon Schulstoff gewesen und haben mich zu ihrer Zeit sehr begeistert. Allerdings habe ich erst vor kurzer Zeit erfahren, dass diese Art des Komponierens auch eine politische Komponente hatte. Sie wurde im wesentlichen von einigen Vertretern dogmatisch gehandhabt und nahm damit vielen anderen Musikströmungen (welche auch immer) Chancen, sich zu entfalten... Das soll hier nicht Thema werden.


    Viele Strömungen der modernen Musik wie Minimal Music, Neue Komplexität sind direkte Antworten auf den Serialismus, so dass man natürlich den Serialismus verstehen sollte. Was ist das nun und wo kommt der nun her ...?


    Wenn ich alles richtig verstanden haben, ist die serielle Musik ein Weiterdenken der Schoenbergschen Dodekaphonik mit Ausdehnung auf Dynamik und Tondauern, etc... Siehe auch Serielle Musik.


    Für Klassikbegeisterte, die es gerne spannend lieben und die keine Spoiler möchten und deswegen auch den Wikipedia-Beitrag nicht gelesen haben, gehe ich hier anders vor.


    Ich vermute schon Angstschweiß auf der Stirn so manches braven Taminos. Das ist völlig überflüssig. Ich beginne mit einem nicht ganz so ernsten Beitrag zu Schoenbergs Zwölftonmusik ;)



    Das war jetzt trotz des etwas abrupten Endes doch eher leichte Kost? :)


    Also machen wir jetzt gerüstet den nächsten Schritt.





    Wer jetzt doch Angst bekommen haben sollte, den verweise ich auf einen unterhaltsamen Beitrag des Kollegen David Hurwitz, der uns auf seinem YT-Kanal einen Überblick über Komponisten, die sich von serieller Musik verabschiedet haben. Wir sehen hier den großen Einfluss dieser Musik! Die Message ist: Alles wird gut! ;)


    Hier noch die Liste der Komponisten:


    Einojuhani Rautavaara
    Allan Pettersson
    Lou Harrison
    Krzysztof Penderecki
    Nikos Skalkottas
    Philip Glass
    Joonas Kokkonen
    Morton Feldman
    César Guerra-Peixe
    Valentin Silvestrov
    George Crumb
    H.K. Gruber
    Kurt Schwertsik
    Arvo Pärt
    Steve Reich
    George Rochberg




  • Dass eine Musikrichtung historisch überholt zu sein scheint. macht sie ja nicht grundsätzlich schlecht. Wäre das so, wäre das das Ende vieler hier dauernd gehörter Musik, oder? :) Also ist es ja durchaus interessant, gelungene serielle Musik zu hören.


    Ich möchte mit Stockhausens Klavierstücken beginnen. Diese Stücke haben wohl zu Beginn, wie das in ernsthaften, gebildeten, musikalischen Kreisen nicht unüblich ist, Skandale hervorgerufen! :P Heute gehören tatsächlich viele zum Repertoire. Wenn ich der Wikipedia glauben darf, gibt es auch Wettbewerbe, wo sie Pflichtstücke sind. Der Chopinwettbewerb in Warschau gehört sicher nicht dazu ... :(



    Ich möchte die ersten vier Klavierstücke vorführen, die sehr rudimentär, aber schon sehr ausdrucksvoll sind. Sie sind in der Reihenfolge III -> II -> IV -> I im Jahre 1952 geschrieben worden. Ich beginne also mit dem zuletzt komponierten






    Im dritten Stück hört man Webern förmlich über seinen etwas unglücklichen Tod hinaus grüßen... Ich habe diese Interpretationenn gewählt, weil sie die Noten enthateln, deren Bild mir als Nichtmusiker schon wirklich gefällt. Das muss doch tolle Musik sein! :)


    Wer nicht nur ein Auge für die Noten hat, sondern auch gerne eine Livevorführung sehen und hören möchte, kann hier die 17-Jährige Vanessa Benelli Mosell in Kuerten hören mit den ersten vier Stücken. Stockhausen war anwesend.



    Benelli Mosell hat diese Werke später für Decca auf ihrem Debutalbum bei Decca aufgenommen, wie ich finde sehr hörenswert!



    Auch Stockhausen hat später nicht nur seriell komponiert. Hier hören wir Benellöi Mosell mit dem Klavierstück XII aus dem Donnerstag aus Licht aus den Jahre 1979.



    Wer es mag, kann meine Lieblingsinterpretation der ersten 10 Stücke durch Aloys Kontarsky hören


  • Dass eine Musikrichtung historisch überholt zu sein scheint. macht sie ja nicht grundsätzlich schlecht. Wäre das so, wäre das das Ende vieler hier dauernd gehörter Musik, oder? :) Also ist es ja durchaus interessant, gelungene serielle Musik zu hören.

    Unser Chef mag halt das moderne Zeug nicht. Wir wollen uns dem nicht widersetzen, sind wir doch auch alt genug. ;)


    Zu der ersten der folgenden Nummern hat der Herausgeber eines nicht unbekannten Klaviermusik-Führers geschrieben, er verstehe sie nicht. Das verstehe wiederum ich nicht ganz, denn von Messiaen gibt es Härteres, wie ich meine - vier unterschiedlich kurze Stücke, die als Musterbeispiele für quasi mehrfach codierten Serialismus gelten. Ich habe beide Kompositionen mal verlinkt.



    :hello: Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • PS: Die Kabarett-Pièce von Bodo Wartke kenne ich. Sie vereinfacht natürlich ein klein wenig. Sagtest Du ja irgendwie ...

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Zu der ersten der folgenden Nummern hat der Herausgeber eines nicht unbekannten Klaviermusik-Führers geschrieben, er verstehe sie nicht.

    Irgendwie schade :(. Ich habe in meinem Klavierführer zum Teil auch Merkwürdiges stehen .... Ich finde die vier kleinen Stücke auch nicht so schwierig. Einfach zuhören. Kostet ja nicht einmal viel Zeit! :)


    Die Kabarett-Pièce von Bodo Wartke kenne ich. Sie vereinfacht natürlich ein klein wenig. Sagtest Du ja irgendwie ...

    Es schwächelt am Ende auch ein wenig ... Aber der Ansatz ist lustig!

  • Der Serialismus ist natürlich eine Musikströmung, die, wenn man sie dogmatisch interpretiert, eine Menge Fragen aufwirft. Sie scheint auch ein wenig von der Geschichte überholt worden zu sein. Trotzdem muss man auf ein Werk hinweisen, das nach Ansicht einiger zu den wichtigsten Kammermusikwerken des 20. Jahrhunderts zählt und ein Produkt serialistischen Komponierens ist :)


    Pierre Boulez mit seiner Komposition Le marteau sans Maître, für Altsimme, Altflöte, Gitarre, Vibraphone, Xylorimba, Schlagzeug und Viola aus den Jahren 1953-55. Dieses Stück ist in gewisser Weise ein Hit. Es wird sehr häufig aufgeführt. Der Titel und die Texte nehmen Bezug auf einen Gedichtzyklus von René Char aus dem Jahre 1934


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    Boulez ist bekannt dafür, seine Werke häufig noch einmal verändert zu haben. Ich hoffe aber hier die gängige Version zu zeigen:


  • Ich bin kein großer Freund von serieller Musik, aber bekanntermaßen von Streichquartetten. Und insofern habe ich mindestens ein serielles Werk für Streichquartett in der Sammlung, das Boulez'schen Livre pour Quatuor gespielt vom Quatuor Diotima. Die 2015 erschienene CD ist ziemlich schwer zu bekommen. Laut discogs wartet in Belgien noch ein Exemplar auf einen Liebhaber. Eine Auswahl der Stücke habe ich zudem auf LP vom Quatuor Parrenin.


    Pierre Boulez Livre pour Quatuor


  • Der erste serielle Komponist soll ja der Amerikaner Milton Babbitt sein, der im Laufe seines Schaffens auch nicht so weit sich davon entfernt hat wie manche andere (wiewohl Postserialismus ja nun auch nicht mit Postmoderne zu verwechseln ist ...)

    Am besten gefällt mir nach wie vor die Kombination von Streichorchester mit Tonband, die es mit den Chicagoern unter Levine auf Deutsche Grammophon geschafft hat:

    https://www.deutschegrammophon…ter-babbitt-schuller-6498

    Seinen Weg kann man hier erahnen:

  • Naiv, wie ich bin, stelle ich mir den Serialismus ein wenig so vor, dass man, in Fortstetzung von Schoenberg, Schwelgerei, auch die des Interpreten, durch möglichst genaue Angaben vermeiden will. Zusätzlich stellt das Werk in natürlicher Weise auch jeder einfachen Einprägsamkeit Hindernisse in den Weg. Man muss sich also direkt beim Hören auf die Entwicklung einlassen.


    Diese vielen Parameter machen aber auch dem Komponisten das Leben schwer. Es überrascht mich nicht, dass viele nach einer Anfangsbegeisterung sich durch solche Konzepte eingeengt fühlten. Die große Form mit dieser Methode zu erfüllen ist wahrscheinlich nur wenigen Komponisten gegeben.


    Es ist vielleicht ein ganz klein wenig wie mit den Fugen. Ein Komponist wie Bach konnte eigentlich kaum anders, auch noch zu Zeiten, wo seine Zeitgenossen schon auf empfindsamen Wegen abgedriftet sind ... :). Neben Babbitt will es mir scheinen (nur ein sehr oberflächlicher Eindruck) als wäre Boulez iirgendwie schon Serialist geblieben. Diese extreme Sparsamkeit , diese Angst vor der Wiederholung, irgendwie deutet das für einen Laien wie mich darauf hin.


    Ich habe zu Boulez noch etwas gefunden, was ich nicht schlecht fand.


  • Boulez ist nicht Serialist geblieben sondern arbeitet später mit anderen Elementen in ähnlicher Weise wie vorher mit Reihen (Serien). Man nennt das "Postserialismus". "Eclat" ist ein sehr schönes Beispiel dafür (habe mal eine Analyse dazu gelesen). Insofern ist natürlich der Vorwurf, der Serialismus sei eine Eintagsfliege gewesen, nicht haltbar, da sich verschiedene Dinge daraus entwickelt haben, so wie das immer ist. Die serielle Phase im engeren Sinn war aber für die bedeutenden Vertreter dieser Musik tatsächlich relativ kurz, vielleicht so um die 10 Jahre. Bei Babbitt nehme ich an, dass das Spätwerk auch postseriell ist, müsste ich ins Booklet schauen.

  • Pionier der seriellen Musik in Europa war Karel Goeyvaerts, der in engem Austausch mit Stockhausen stand, aber vor Stockhausen erste serielle Werke geschrieben hat (Ausgangspunkt war Messiaens berühmte Studie aus den quatre etudes de rhythme - Messiaen selbst war kein Serialist).

    Goeyvaerts Ziel war aber eher eine Art Trance-Musik und da war dann die serielle Methode doch nicht die richtige und er machte - wie so viele - dann einen Knick in seine Stil-Laufbahn.

    Die frühen Werke gab es mal auf CD:

    https://www.amazon.de/Serial-W…yvaerts%2Caps%2C53&sr=8-5

  • Und insofern habe ich mindestens ein serielles Werk für Streichquartett in der Sammlung, das Boulez'schen Livre pour Quatuor gespielt vom Quatuor Diotima. Die 2015 erschienene CD ist ziemlich schwer zu bekommen. Laut discogs wartet in Belgien noch ein Exemplar auf einen Liebhaber. Eine Auswahl der Stücke habe ich zudem auf LP vom Quatuor Parrenin.

    Ich besitze dieses Werk, (in der version von 1961) eingespielt vom Quatuor Parisii. Es findet sich in dieser Box



    Mit etwas Webforschung habe ich noch ein neues Exemplar der Einspielung vom Quatuor Diotima gefunden (Ein Schnäppchen war es nicht...). Sie spielen eine Version ein, die von Boulez noch einmal für das Ensemble verändert wurde :)


    https://www.theguardian.com/mu…-classics-classical-music

  • Man nennt das "Postserialismus". "Eclat" ist ein sehr schönes Beispiel dafür (habe mal eine Analyse dazu gelesen). Insofern ist natürlich der Vorwurf, der Serialismus sei eine Eintagsfliege gewesen, nicht haltbar, da sich verschiedene Dinge daraus entwickelt haben, so wie das immer ist.

    Wenn man sich moderne Strömungen anschaut, wir ja nicht selten Bezug auf den Serialismus (Beispiele waren ja gerade Minimalismus und Komplexismus) genommen. Insofern war er ja schon recht einflussreich.


    Eclat findet sich in einer Version von 1970 auch auf




    Wäre das die gemeinte? Die würde ich mir heute Abend dann einmal anhören ...

  • Ich glaube, die Version ist in dem Zusammenhang egal ... er hat später eine Fortsetzung komponiert, "Multiples", die dann aus seiner "Wucherungs"-Phase stammt. Eclat ist in jedem Fall schön übersichtlich und durchhörbar, so wie ja auch Rituel aus derselben Zeit.

  • Dass eine Musikrichtung historisch überholt zu sein scheint. macht sie ja nicht grundsätzlich schlecht. Wäre das so, wäre das das Ende vieler hier dauernd gehörter Musik, oder? :) Also ist es ja durchaus interessant, gelungene serielle Musik zu hören.

    Das Lustige ist ja, dass die Vorkämpfer der "Neuen Musik" (der Begriff stammt von Paul Bekker) alle sehr fortschrittsgläubig waren. Nach Schönberg hat seine Erfindung der Zwölftonmusik die "Vorherrschaft der deutschen Musik für das kommende Jahrtausend" gesichert. ^^ Das ist das linearistische Entwicklungsdenken der klassischen Moderne. Entsprechend ist dann Jeder, der nicht seriell komponiert, "rückständig" und unzeitgemäß. Genau diese Fortschrittsgläubigkeit hat die Neue Musik schließlich eingeholt. Das postmoderne Geschichtsbild ist aber ein anderes: Es gibt nicht Geschichte, sondern nur Geschichten. Denkt man so pluralistisch, dann ist die Neue Musik weder die geschichtlich "wahre" Musik, noch ist sie überholt. Es ist eine maßgebliche Ströumung neben anderen. Der postmoderne Pluralismus ist sehr erholsam, weil er es möglich macht, sehr kreativ und undogmatisch auch mit der Zwölftontechnik umzugehen. Meine Meinung: Wie auch in der Literatur sollte man Kunst nicht auf die Grammatik reduzieren. Letztlich kommt es auf den Sinn an - ob uns Kunst/Literatur/Musik ertwas zu sagen hat. Und das trifft genauso auf Schönberg oder Webern wie auch Rachmaninow oder Sibelius zu.


    Mein Lieblingstsück von Pierre Boulez ist Pli selon pli ("Falte auf Falte" - der Text ist von Stephane Mallarme). Boulez komponiert da äußerst attraktive, abwechslungsreiche Klangfelder mit verschiedensten Schlagwerken - im Kontrast mit einer Sopranstimme. Das ist sehr reizvoll. Besonders Nr. 3 Un dentelle s´abolit. Ich bevorzuge Boulez´ eigene Aufnahme bei Erato - was auch wegen der Aufnahmetechnik eine exzellente Scheibe zum Testen einer Hifi-Anlage ist:


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    Schöne Grüße

    Holger

  • Das Lustige ist ja, dass die Vorkämpfer der "Neuen Musik" (der Begriff stammt von Paul Bekker) alle sehr fortschrittsgläubig waren. Nach Schönberg hat seine Erfindung der Zwölftonmusik die "Vorherrschaft der deutschen Musik für das kommende Jahrtausend" gesichert. ^^ Das ist das ist linearistische Entwicklungsdenken der klassischen Moderne. Entsprechend ist dann Jeder, der nicht seriell komponiert,


    Sagen wir, überholt sei der Dogmatismus. Ich habe aber schon den Eindruck, dass nur noch wenige Komponisten sich an den Serialismus herantrauen ... Wer weiß, vielleicht kommt ja wieder eine Zeit ...

    Mein Lieblingstsück von Pierre Boulez ist Pli selon pli ("Falte auf Falte" - der Text ist von Stephane Mallarme). Boulez komponiert da äußerst attraktive, abwechslungsreiche Klangfelder mit verschiedensten Schlagwerken - im Kontrast mit einer Sopranstimme. Das ist sehr reizvoll. Besonders Nr. 3 Un dentelle s´abolit. Ich bevorzuge Boulez´ eigene Aufnahme bei Erato - was auch wegen der Aufnahmetechnik eine exzellente Scheibe zum Testen einer Hifi-Anlage ist:


    Pli selon Pli habe ich auch schon sehr lange. Ich könnte es ja wieder einmal hören. Mallarmé scheint einer von Boulez Lieblingsdichtern zu sein. Sein Werk, insbesondere der Würfelwurf, spielt auch für die dritte Klaviersonate eine wichtige Rolle.

  • Sagen wir, überholt sei der Dogmatismus. Ich habe aber schon den Eindruck, dass nur noch wenige Komponisten sich an den Serialismus herantrauen ... Wer weiß, vielleicht kommt ja wieder eine Zeit ...

    Vielleicht ist das nur eine Problematik des Vokabulars. Im Deutschen meint man mit seriell, dass Reihen nicht nur - wie in der Zwölftonmusik - für Tonhöhenorganisation verwendet werden. Im Englischen meint "serial" sowohl klassische Dodekaphonie als auch die 50er-Jahre-Strömung, um die es in diesem Thread geht (insofern ist die Liste oben von Hurwitz eventuell etwas falsch platziert und es sind einige dabei, die nie seriell - in unserem Sinne - komponiert haben). Wenn man aber als das Entscheidende des Seriellen die Strategie auffasst, dass Kompositionstechniken gleichermaßen auf Tonhöhen wie auf Dauern/Lautstärken etc. angewandt werden, dann hat dieses Entscheidende natürlich das Abgehen der Komponisten von den Reihen überlebt und ist wohl immer noch aktuell. Wenn computergestützt komponiert wird mit irgendwelchen Modellen (die nur eben keine Zahlen-Reihen sind), dann halte ich es für naheliegend, dass das Erbe des Serialismus, die verschiedenen Parameter auf ähnliche Weise zu behandeln, immer noch recht verbreitet ist. Es ist also die begriffliche Abgrenzung, die den Eindruck erweckt, der Serialismus sei eine kurzatmige Sache gewesen.


    (Auch John Adams ist Post-Minimalist - könnte man im Nachbarthread einwerfen, wer war schon wann Minimalist im engeren Sinne?)

  • gerade gelesen: beat furrer zu seiner musik: "die vorstellung von einander durchdringenden räumen, strukturen, die in verschiedenen parametern abgebildet werden können" also melodisch/harmonisch/rhythmisch

  • Im Deutschen meint man mit seriell, dass Reihen nicht nur - wie in der Zwölftonmusik - für Tonhöhenorganisation verwendet werden. Im Englischen meint "serial" sowohl klassische Dodekaphonie als auch die 50er-Jahre-Strömung, um die es in diesem Thread geht (insofern ist die Liste oben von Hurwitz eventuell etwas falsch platziert und es sind einige dabei, die nie seriell - in unserem Sinne - komponiert haben).

    Danke für diesen Hinweis. Mir ist das bei dem Beitrag von Hurwitz schon ein wenig aufgefallen. Aber so klärt es das recht gut. Trotzdem würde ich den Beitrag von Hurwitz stehen lassen, weil ja schon in irgendeiner Form Serialismus von der Ton"reihe" her kommt und so schon der Vater des Geschehens ist ...


    Überhaupt finde ich es (wie schon bei der 12-Tonmusik) nicht leicht, Serialismus (im europäischen Sinne) zu erkennen.


    Es gibt diese wundervolle Scheibe von Pollini mit Anton Weberns Variationen Op. 27 und Pierre Boulez' zweiter Klaviersonate



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    die die Grammophon ästhetikverkleisternd, aber durchaus ökonomisch denkend, auf CD nur noch mit Prokofieffs siebter Sonate und Strawinskys Petruschka-Suite zusammen auf einer CD herausbringt und dabei leider das Cover der beiden Showstücke übernimmt.



    Pollini hat das meiner Meinung nach sehr bewusst getrennt ... Aber wie dem auch sei. Hört man sich Weberns Variationen an, ist man doch überrascht, was da alles variiert zu werden scheint. Mir kommt es so vor, als würde auch die Dynamik "variiert" werden. In diesem Sinne finde ich diese Zusammenstellung grandios. Abgesehen davon kann man nach dem Hören nicht glauben, dass die mittlere Variation nicht einmal eine Minute lang ist ... Das deckt sich absolut nicht mit dem musikalischen Erlebnis ... :)


    Einmal die alte Aufnahme (~1976) mit dem unpassenden Cover





    Es gibt noch eine Liveeinspielung von Pollini aus dem Jahre 2002 (ein großartiges Stück, das webernsche, wenn wohl auch nicht wirklich seriell...)


  • Milton Babbit scheint seine Musik später streng nach sogenannten "All Partition Arrays" konstruiert zu haben. Weiß jemand, inwieweit dies von Reihen, tonaler, dynamischer oder rhythmischer Struktur abgeleitet ist, oder ist das etwas Neues?


    Es gibt ein lustiges Werk von Babbitt aus dem Jahre 1966 mit dem an sich nicht lustigen Titel Sextets. Wenn man weiß, dass es für Violine und Klavier ist, kommt man ins grübeln ...



    Es ist wohl recht streng nach einem solchen Array komponiert. Interpreten sind Ralf Schulte , Violine und Alan Feinberg am Klavier


    Auf jeden Fall hatte Babbitt Humor. 1986, zwanzig Jahre später, erfolgte das Sequel mit dem Titel The Joy of More Sextets, hier soll der Array von einem seiner Schüler stammen. Aufklärung über diese Arrays täte not.... (Sind das vielleicht zweidimensionale Verknüpfungen der Parameter? ... Nur mal so ins Blaue gesponnen...)


  • Es gibt diese wundervolle Scheibe von Pollini mit Anton Weberns Variationen Op. 27 und Pierre Boulez' zweiter Klaviersonate

    die die Grammophon ästhetikverkleisternd, aber durchaus ökonomisch denkend, auf CD nur noch mit Prokofieffs siebter Sonate und Strawinskys Petruschka-Suite zusammen auf einer CD herausbringt und dabei leider das Cover der beiden Showstücke übernimmt. Pollini hat das meiner Meinung nach sehr bewusst getrennt ...


    Das ist, lieber Axel, das bisher Lustigste, was ich von Dir gelesen habe! :D Die beiden Aufnahmen stammen aus der Zeit der Langspielplatte. Und die hatte eine Spieldauer von maximal 60 Minuten. Dafür hat Pollini die beiden Programme aufgenommen - thematisch passen die auch, zwei moderne Russen, Strawinsky und Prokofieff, und dann zwei Serialisten. Bei der CD beträgt die Spieldauer 80 Min. plus - d.h. es passt einfach mehr drauf. Die Veröffentlichung einer LP - auch, wenn sie von Pollini stammt - mit Webern und Boulez war als Solo-Aufnahme ein ökonomisches Wagnis. Die DGG hat ein anderes Marketingkonzept als kleine Spezialistenlabels. Sie - wie EMI, CBS, Philips etc. damals auch - vermarktet ihre "Stars", wo sie große Stückzahlen produzieren und damit Geld machen. Wer kauft nun so eine Aufnahme mit einem derart esoterischen Programm? Antwort: Nur der verschwindend kleine Haufen von hartgesottenen "Fans" abstrakter serieller Musik. ^^ (Cord Garben, der Produzent von ABM bei der DGG - was auch lustig ist - war so gar nicht begeistert über Michelangelis Vorhaben, die wenig bekannten Brahms-Balladen und die noch weniger bekannte frühe Schubert-Sonate D 537 aufnehmen zu wollen. In seinem Buch schreibt er nur: Musste das denn sein - ökonomisch wäre das eine ziemliche Katastrophe...) Die DGG hat sich im Falle Pollini auf so ein ökonomisches Abenteuer eingelassen - wegen des Namens Pollini. Ökonomen kennen das als "Mischkalkulation". Weil sich Pollini ansonsten sehr gut verkauft, können sie es sich leisten, bei der Webern/Boulez-Platte nichts zu verdienen und ein Minus einzufahren und so den Künster an sich zu binden, weil der das gerne aufnehmen will. Warum sollte die DGG diese Platte nun auf CD einzeln wieder veröffentlichen, wenn sie sich nicht verkauft und nicht zusammen mit Strawinsky/Prokofieff? Damit ist doch sichergestellt, dass man auch den Webern und Boulez mit Pollini haben kann ohne Risiko, dass die Platte irgendwann nur noch zu horrenden Sammlerpreisen beim unbeliebten Anbieter mit "A...." zu haben ist.


    Die DGG hat fast bei allen Pollini-Platten seinen markanten Kopf auf dem Cover. Das Cover der Strawinsky/Prokofieff-Platte ist genauso singulär wie die Aufnahme. Ich finde, dies ist eines der besten Plattencover überhaupt - passend zur kühlen Klassizität der Moderne, wie Pollini Strawinsky auch exemplarisch interpretiert. Pollinis Aufnahme von "Petruschka" ist für mich die Referenz schlechthin, weil dies die einzige Aufnahme ist, wo sich Strawinskys "Petruschka" nicht wie die Transkription eines Orchesterstücks anhört, sondern wie ein originäres Klavierstück. Auch die Prokofieff-Sonate ist meine Referenz - und zwar eindeutig. Mit diesem außergewöhnlichen Cover in Verbindung hat das einen Wiedererkennungswert. Es wäre eine glatte Enttäuschung, wenn sie statt dessen dieses langweilige Cover der Webern/Boulez-Platte für die CD-Wiederveröffentlichung genommen hätten!


    Schöne Grüße

    Holger

  • Das ist, lieber Axel, das bisher Lustigste, was ich von Dir gelesen habe! :D

    Freut mich, wenn Du was zu lachen hast :)


    Da ich die Platten beide hatte, war mir schon klar, dass diese Zusammenführung auf CD selbstverständlich ökonomisch getrieben war. Und für den reinen Sammler wird es ja dann auch billiger. Mit gefällt auch die Pollini CD mit dem Strawinski-Prokofieff Programm sehr, nur finde ich nicht:



    Es wäre eine glatte Enttäuschung, wenn sie statt dessen dieses langweilige Cover der Webern/Boulez-Platte für die CD-Wiederveröffentlichung genommen hätten!


    Auch das Webern Cover hat ein paar Schwächen, wobei ich nicht das Pollini-Foto als solche ansehe, sondern die DG-typische Vermarktung über den Interpreten und nicht den Komponisten (wurde seinerzeit mit "Hifi Karajan", wo man ja schon bald den "Quattro Karajan" erwartet hatte, zu ästhetischen Niederungen getrieben. Mir sagt der Ernst des Fotos zu.


    Das Cover für die Strawinski-Prokofieff Aufnahme ist auch sehr gelungen gewählt, aber doch eher für diese Werke, die ja schon den optischen Effekt kennen. Weissenberg hat sogar einen sehr gelungenen Film zu Petruschka gedreht und das Precipitato in der siebten ist auch etwas fürs Auge .... Aber hier verlassen wir das Thema des Threads.... :)

  • Aufklärung über diese Arrays täte not.... (Sind das vielleicht zweidimensionale Verknüpfungen der Parameter? ... Nur mal so ins Blaue gesponnen...)


    Das folgende Abstract habe ich zu dem Artikel Generating Milton Babbitt’s All-Partition Arrays von David Meredith und Brian Bemman im Journal of New Music Research gefunden. Es scheint tatsächlich etwas 2-Dimensionales zu sein. Ob ich mir den Artikel wirklich kaufen werde, weiß ich noch nicht ... (Muss noch über den Mehrwert für mich nachdenken ... :/)


    Zitat von Journal of New Music Research, Vol. 45, 2016 Issue 2

    Abstract

    In most of Milton Babbitt’s (1916–2011) works written since the early 1960s, both the pitch and rhythmic content is organized according to a highly constrained structure known as the all-partition array. The all-partition array provides a framework that ensures that as many different forms of a tone row as possible (generated by any combination of transposition, inversion or reversal) are expressed ‘horizontally’ and that each integer partition of 12 whose cardinality is no greater than the number of lynes in a piece is expressed by exactly one ‘vertical’ aggregate. We present a greedy backtracking algorithm for generating a particular type of all-partition array found in Babbitt’s works, known as a Smalley array. Constructing such an array is a difficult task, and we present two heuristics for helping to generate this type of structure. We provide the parameter values required by this algorithm to generate the specific all-partition arrays used in three of Babbitt’s works. Finally, we evaluate the algorithm and the heuristics in terms of how well they predict the sequences of integer partitions used in two of Babbitt’s works. We also explore the effect of the heuristics on the performance of the algorithm when it is used in an attempt to generate a novel array.

  • Da muss ich mir den Artikel gar nicht kaufen! Der "Classical Nerd" hat ein ausgezeichnetes Video zu Milton Babbitt gemacht, wo er nach durchaus interessanten biografischen Details ab etwa 30' zu den Kompositonsmethoden übergeht und ab etwa 47' zum All Partition Array. Alles verstanden habe ich noch nicht. Das hatten wir definitiv nicht in der Schule :)



    Der Kollege hat sich wirklich mit dem Video eine Menge Arbeit gemacht. Beeindruckend ... und man sieht Pierre Boulez und auch John von Neumann :)


    Wer jetzt noch einmal ausatmen muss ... Dieses Video hat zu Fragen an David Hurwitz geführt. Er gibt eine einfache, aber IMO nicht dumme Antwort ...


  • Ich möchte noch ein wenig auf Milton Babbitt eingehen. Er ist von den mir bekannten seriellen Komponisten wie Boulez und Stockhausen, derjenige, der mir erst in 80-gern des letzten Jahrhunderts über den Weg gelaufen ist mit seinen Klavierwerken. Es war die Einspielung von Robert Taub


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    Zuerst hört man hier die drei Kompositionen für Klavier aus dem Jahre 1947. Sie sind ein sehr guter Einstieg in das Werk Babbitts. Sie scheinen im Werk Babbitts eine vergleichbare Rolle zu spielen, wie die drei Klavierstücke Op. 11 im Werk Schoenbergs. Sie weisen vor allem noch nicht dieselbe musiklaische Dichte auf, wie spätere Werke. Wenn auch die Erinnerung an Webern, Boulez und Stockhausen absolut naheliegend ist (erinnerung bei mir! Die eigentliche Chronologie ist etwas anders...), so scheinen diese kleinen Werke einen Fluss zu haben, den ich auch bei Schoenberg bemerke und der hier vielleicht einen amerikanische "Jazz"-Ausprägung besitzen mag. Dieser Fluss findet sich so in den obigen Klavierstücken Stockhausens nicht und lassen diese eher statisch erscheinen.


    Die Aufnahme mit Robert Taub findet sich mit Noten im Internet.


  • Ich bin kein großer Freund von serieller Musik, aber bekanntermaßen von Streichquartetten. Und insofern habe ich mindestens ein serielles Werk für Streichquartett in der Sammlung, das Boulez'schen Livre pour Quatuor gespielt vom Quatuor Diotima. Die 2015 erschienene CD ist ziemlich schwer zu bekommen. Laut discogs wartet in Belgien noch ein Exemplar auf einen Liebhaber. Eine Auswahl der Stücke habe ich zudem auf LP vom Quatuor Parrenin.


    Pierre Boulez Livre pour Quatuor


    Lieber lutgra Ich habe diese Scheibe jetzt auch. Beim ersten Hören konnte ich keinen Unterschied zu meiner Aufnahme feststellen ;) Aber trotzdem super gespielt u d die Aufnahme erfüllt auch eine hohen akustisch-technischen Standard.


    Das Booklet ist so, dass man natürlich ohne Booklet (Book) nicht auskommen kann und damit ist der Preis an sich schon gerechtfertigt ....


    Danke für diesen schönen Tipp!


    BTW: So langsam gewöhne ich mich auch an Boulez' Orchesterwerke ...