Richard Strauss: Intermezzo, Deutsche Oper Berlin, 1. Mai 2024

  • Herz mit zwei, Spiel drei, Schneider vier


    Regisseur Tobias Kratzer hat ein glückliches Händchen an der Deutschen Oper Berlin. Sein Zwerg (Alexander v. Zemlinsky) ist überraschend und sehenswert, und auch seine Arabella sollte man nicht verpassen! Beide Inszenierungen stehen in der kommenden Spielzeit auf dem Plan.

    Strauss' kleine Ehekomödie hat er nach Berlin verlegt, wahrscheinlich in einen der Kieze, wo die Arrivierten wohnen und man eine zahlreiche Dienerschaft hält. Christine Storch und Baron Lummer rasseln also nicht auf der Skipiste, sondern auf der Straße zusammen, wo Lummers Kleinwagen Storchs SUV touchiert.

    Maria Bengtsson singt die tragende Partie des Abends, die der Kapellmeistersgattin Christine Storch. Ich habe einen guten Strauss-Sopran gehört - silbrig, wie es gerne heißt, mit schönen Piani und Legati. Nicht immer jedoch dringt sie durch das Orchester, und ihre Sprechstimme war manchmal kaum zu verstehen. Ihre Erscheinung - groß, blond, sportlich - ist sehr anziehend, aber Kratzer zeichnet sie doch recht toxisch. Die Zeile des Kommerzienrats: "Ich mit einer solchen Frau säße längst im Irrenhause!" wird an ihr unmittelbar plastisch.

    Was aber bei Strauss nur ein heftiger Flirt auf dem Ball beim Grundlseewirt ist, wird bei Kratzer zum Vollzug ehelicher Untreue durch Christine mit Lummer im Hotelzimmer. Der Regisseur wollte hier nachschärfen, aber die Ambivalenz der Komödie leidet darunter. Die leichte Unbestimmtheit, der milchige Schleier, der über ihr liegt, wird an dieser Stelle zerrissen, und das ist schade. Erstens, weil es nicht vom Libretto beglaubigt ist und Christine abwertet. Der Baron charmiert, aber er ist ein Nichtsnutz und Versager, also Christine keineswegs ebenbürtig, was diese ja auch weiß. Zweitens, weil das im Stück fein austarierte Verhältnis zwischen Storch und seiner Frau gestört wird. Es ist gerade deshalb so ein guter Detektor für feinste Erschütterungen, weil es sich im Gleichgewicht befindet, die beiden Figuren einander in der Summe ihrer Stärken und Schwächen ebenbürtig sind.

    Thomas Blondelle singt den klammen Bagatelladligen. Er gibt ihn als klebrigen Schnorrer, aber eben nicht nur abstoßend. Ein feines Porträt!

    Storch, der Kapellmeister, reist zu Beginn mit einem Berg Koffer ab, die ihm seine Gattin mitgibt. Philipp Jekal, zuletzt als Beckmesser in den Meistersingern am Haus zu sehen, zeichnet einen sehr kollegialen Musiker und seiner Frau gegenüber unbedingt loyalen Mann. Selbst bei ihren giftigsten Angriffen darf er höchstens "Genug der Komödie!" rufen, nie wird er selbst ausfällig. Jekals Kapellmeister ist jung, erfolgshungrig und selbstsicher. Die Szenen, die die Gattin ihm macht, regen ihn an, nicht auf, solange er in Ruhe arbeiten kann. Erst die angedrohte Scheidung treibt ihm den Schweiß auf die Stirn. Jekals kerniger Bariton hat keinerlei Probleme, gegen das Orchester zu bestehen. Mir hat er als Storch sehr gut gefallen.



    Kratzer läßt sich bei seiner Inszenierung von einem wesentlichen musikalischen Element des Intermezzos anregen, dem Selbstzitat. Christine und Lummer probieren bei einem Treffen Kostüme aus Strauss-Opern, deren Motive man auch hört, durch: Marschallin/Octavian, Salome/Jochanaan und Ariadne/Bacchus, aber Lummer bleibt ein selbstgefälliger Hanswurst mit einem Pantherfell. Man kann neben diesen auch weitere musikalische Zitate vernehmen, etwa Tristan und Parsifal beim Skat, und auch die Meistersinger blitzten auf.

    Höhepunkt dieser Maskeraden und auch des Abends ist die Szene, in der Christine, gewandet wie Elektra, mit der Langaxt beim Notar (Markus Brück) aufkreuzt, um die Scheidung einzuleiten. Wie der korpulente Jurist sich vor ihren Axthieben in Sicherheit bringt, mit Slapstickeinlagen der wirbelnden Waffe entgeht und dabei auch noch die juristische Beratung der problematischen Klientin durchführt, ist eine großes Vergnügen.

    Auf den Videoleinwänden flimmern immer mal wieder berühmte Inszenierungen auf: der Rosenkavalier mit Gwynneth Jones und Brigitte Fassbaender, die Salome und die Arabella in Kratzers eigener Regie. Während der namensgebenden Intermezzi ist dort das Orchester unter Donald Runnicles und unter Kapellmeister Storch zu sehen. Dem Dirigenten kann man so besonders gut bei der Arbeit zusehen, die ihm sichtlich Vergnügen bereitet. Er muß es in den Dialogszenen im Dienste der Textverständlichkeit zügeln, aber in den Zwischenspielen beim Szenenwechsel und in der Praterszene, die hier im Flugzeug auf Reiseflughöhe spielt, läßt er es von der Leine. Der scheidende Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin beweist auch guten Humor, denn der Schwerenöter Kapellmeister Stroh, dessen Affäre mit Mieze Meier nebst Namensverwechslung zur Ursache der Turbulenzen in Storchs Ehe wird, ist ihm direkt nachgezeichet.


    Eine heiteres, gelungenes Intermezzo. Sehr beschwingt sind wir aus der Deutschen Oper in die warme Dämmerung auf der Bismarckstraße getreten.

    ..., eine spe*ifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifi*ierbar.
    -- Aydan Ö*oğu*

  • Vielen Dank für den Bericht, lieber Hans!

    Jetzt weiß ich allerdings nicht so recht, ob ich dafür nach Berlin fahren soll. Wäre es in HH würde ich einfach hingehen, aber nach Berlin sinds ja schon 2,5h pro Tour...

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Vielen Dank für den Bericht, lieber Hans!

    Jetzt weiß ich allerdings nicht so recht, ob ich dafür nach Berlin fahren soll. Wäre es in HH würde ich einfach hingehen, aber nach Berlin sinds ja schon 2,5h pro Tour...

    Du solltest es nicht verpassen! Ich habe heute Lachmuskelkater von gestern.

    ..., eine spe*ifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifi*ierbar.
    -- Aydan Ö*oğu*

  • Lieber Hans,


    im "Intermezzo" finde ich persönlich die Handlung gar nicht so wichtig, wenn man weiß, was es für eine Bewandnis mit "Mieze Mücke" gibt. Ob Wahrheit oder Fake, das ist egal. Aber die Handlung paßt nur zum Lebenslauf von Richard Strauss, und da ist Berlin nur eine Randerscheinung. Die Inszenierung geht eigene Wege, abseits von der Biographie meines Lieblingskomponisten.


    Und leider finde ich keine Würdigung der Musik, besonders der phantastischen Zwischenspiele in Deiner Beschreibung. Für mich sind diese prägend. Diese selten gespielte Oper (vor Jahren in Freiberg/Sachsen) wäre in dieser Inszenierung entsprechend Deiner Beschreibung wohl nichts für mich. dann doch lieber die die bei Youtube noch (?) vorhandene Inszenierung mit dem prachtvollen Hermann Prey.


    Viele Grüße von La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Du solltest es nicht verpassen! Ich habe heute Lachmuskelkater von gestern.

    Ich glaube ich werde es tun, ich lache gerne bei komischen Stücken. Und allzu oft ist Intermezzo ja auch nicht zu erleben...

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Lieber Hans,


    Und leider finde ich keine Würdigung der Musik, besonders der phantastischen Zwischenspiele in Deiner Beschreibung. Für mich sind diese prägend.


    Viele Grüße von La Roche

    Lieber La Roche, Du formulierst einen hohen Anspruch, den ich als Dilettant nicht einlösen kann. Es grüßt Hans

    ..., eine spe*ifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifi*ierbar.
    -- Aydan Ö*oğu*

  • Aber die Handlung paßt nur zum Lebenslauf von Richard Strauss, und da ist Berlin nur eine Randerscheinung.

    Nun ja, er war ja nur zwanzig Jahre Leiter der dortigen Oper, Bagatelle...

  • Lieber Hans


    Erst einmal habe ich mich sehr über die zahlreichen Berichte von dir gefreut. Vielen Dank dafür!


    Ich war in derselben Vorstellung wie du. Es war meine dritte Produktion dieser Oper. Auch wenn die Kurt Wilhelm-Produktion in München unvergessen ist, war ich von dieser Inszenierung sehr positiv überrascht. Sie hat Witz, immer im Dienst der Musik und ansehbar. Ich habe selten so ein amüsiertes Publikum erlebt. Maria Bengtsson hatte ich kurz zuvor als überragende Figaro-Gräfin gehört. Sie war auch hier ein absoluter Glücksfall. Ein Hermann Prey, den ich in München gehört habe, stand zwar nicht zur Verfügung, aber Philipp Jekal hat seine Sache ausgesprochen gut gemacht. Nicht gefallen hat mir das Dirigat von Donald Runnicles. Für meinen Geschmack war das zu plump und ohne eine gewisse Leichtigkeit.