Sommerkonzert der Wiener Philharmoniker 2024 in Schönbrunn

  • Gestern abend habe ich wie jedes Jahr das o.g. Konzert im TV genossen. Diesmal unter Leitung von Andriss Nelsons mit Musik aus dem 19. und 20. Jahrhundert, quer durch Europa.

    Einmal mehr wurde die Klasse des Orchesters präsentiert. Mein derzeitiger Lieblingsdirigent liebt schnelle Tempi, und was geboten wurde war teilweise atemberaubend. Dazu die wunderbare Kulisse des Parks Schönbrunn, wunderbar illuminiert und durch die Wolkenbildung in der Abendstimmung noch verschönt.

    Das waren die Begleiterscheinungen. Es wurde auch musiziert und glücklicherweise nur kurz und nicht langweilend moderiert. Die Ansagerin blieb bei dieser Aufzeichnung im Verborgenen.


    Zu Beginn der Walkürenritt. Das Orchester brachte diesen Knaller zu Beginn, ich hatte den Eindruck, daß gerade dieses Stück zum Einspielen paßte. Das Orchester nutzte diesen Hit, um sich zu finden und Nelsons, um sich warm zu machen für die kommenden Stücke.

    Lise Davidasen war die Sängerin des Abends. Sie brachte die Hallenarie aus dem Tannhäuser und lies ihrer hochdramatischen Veranlagung deutlich freien Lauf. Jetzt waren alle zum ersten Male dran und hatten sich gefunden. Was danach kam war für mich der Genuß pur.


    Da wäre die Moldau von Smetana, präzise und sanft dahinplätschernd von der Quelle bis zur Mündung, tänzerisch die Elfen, umkämpft der Vysherad, mächtiger werdend, majestätisch die goldene Stadt passierend und als breiter Fluß langsam in der Elbe verschwindend. Ich mag die Moldau (Anmerkung - kommende Spielzeit in meiner Heimatstadt der komplette Zyklus "Mein Vaterland"). Beeindruckend die beiden Smetana-Kompositionen danach, die Polka aus den "2 Witwen" und der "Komödiantentanz aus der Verkauften Braut.


    Verdi war vertreten mit der Ouvertüre zur Macht des Schicksals und Lise Davidsen zeigte in der Friedensarie auch ihre sentimentale und zarte Seite.


    Für mich eine völlig neue Erkenntnis: die französische Komponistin Augusta Helmes. Hier waren die erklärenden Worte der Moderatorin angebracht. Die Musik (Zwischenspiel aus "Ludos pro patria") hatte ich noch nie gehört. Das Orchester brachte ein Stück voller Zartheit, verträumt, wunderbar gespielt, einfach ergreifend. Ich glaubte, bei einigen Zuschauern feuchte Augen gesehen zu haben.


    Danach zwei Hits aus Sowjetzeit - der Säbeltanz aus Gajaneh und der berühmte Walzer Nr.2 von Schostakowitsch.


    Die obligatorischem Zugaben beendeten ein herrliches Konzert vor einer 5-stelligen Zuschauerzahl. Zuerst das "Wiener Blut". Betörend und verträumt, mit unverkennbarer Anlehnung an den Klang der Wiener Schrammeln das Violinsolo. Und zu Schluß der Csardas aus der Csardasfürstin, wobei Lise Davidsen und das gesamte Orchester dem wahnsinnigen Tempovorgaben des Dirigenten folgen konnten. Ein wunderbarer TV-Abend, wohltuend unter den sonst üblichen Krimis am Samstag Abend.


    Viele Grüße von La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Vielen Dank für die umfassende Beschreibung, lieber LaRoche!

    Ich habe das Konzert auch sehr genossen.

    Lise Davidsen hab ich schon mal in Zürich als Tannhäuser-Elisabeth erlebt. Mittlerweile ist sie gereift und singt differenzierter. Ein gelungener Abend!

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Danke, lieber Siegfried. Wir beide scheinen die einzigen Taminos gewesen zu sein, die am Samstagabend Schönbrunn auf dem TV besuchten.

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Ich muss zugeben, dass ich solche Best-of-Abende meide, weil sie einfach nicht mein Fall sind. Ich mag lieber wenige, zusammenhängende Werke im Konzert hören. Ich mache mir auch nichts aus dem Neujahreskonzert der Wiener und ähnlichen Events.

    Dennoch habe ich deinen Bericht gerne gelesen, lieber LaRoche.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Naja, lieber Tristan2511, ich gebe ja zu, daß solche Potpourri-Konzerte nicht jedermanns Sache sind. Der Unterhaltungswert steht im Vordergrund. Dennoch waren im Programm musikalische Seltenheiten zu erleben, z.B. die Polka aus den "Zwei Witwen" und besonders die herrliche verträumte Melodie der mir völlig unbekannten französischen Komponistin Augusta Holmes. Und wenn geschätzt 20000 Zuschauer das Konzert besuchten, dann nicht nur, weil es kostenfrei war, sondern weil die Wiener Philharmoniker spielten, Nelsons dirigierte, Davidsen sang und es nicht regnete.


    Ansonsten geht es mir auch wie Dir. Ich erlebe lieber eine komplette Mahlersinfonie oder eine Strauss- bzw Wagneroper in der Gesamtheit. Aber das Samstagabendprogramm der anderen TV-Sender hat mir nach dem langen Handball- und Tennisnachmittag einfach keine andere Wahl gelassen als im Schloßpark Schönbrunn dabei zu sein. Mir hats gefallen.


    Viele Grüße von La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Das heurige Wiener Sommernachtskonzert erscheint recht zeitnah (12.07.) auf CD und Blu-ray:


    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Ich muss zugeben, dass ich solche Best-of-Abende meide, weil sie einfach nicht mein Fall sind. Ich mag lieber wenige, zusammenhängende Werke im Konzert hören. Ich mache mir auch nichts aus dem Neujahreskonzert der Wiener und ähnlichen Events.

    Das geht mir ganz genauso; auch überwiegen doch immer dieselben Stücke (hier allerdings nicht, das war schon ein interessantes Programm). Als Gegengewicht habe ich hier einen thread ins Leben gerufen, der sich mit den besten Szenen in der Oper beschäftigt. Die größten Szenen kommen in diesen Konzerten nicht vor. Allerdings muss ich sagen, dass es für die Beteiligten wunderschön sein kann und wie Tristan bin ich weit davon entfernt, unseren Taminos das nicht zu gönnen. Auch die Berichte lese ich immer gern!

    Was man nicht weiß, das eben brauchte man, und was man weiß, kann man nicht brauchen (Goethe, Faust)