Der Lieblingsschüler von Beethoven - Ferdinand Ries und seine Klaviersonaten

  • Zugegeben - ein wenig übertrieben hab ich beim Titel schon - es gab bis vor kurzer Zeit so gut wie keine Aufnahmen von Ries´Klaviersonaten - und jetzt ist das Angebot auch nicht gerade üppig.
    Immerhin ist es erfreulich, daß es überhaupt welche gibt.


    Die Ries-Renaissance ist das Verdienst der Firma cpo, die vor etwa sieben acht Jahren begann seine Sinfonien zu veröffentlichen. Dem folgten Werke für Kammermusik, andere Label (Naxos, Raptus) schlossen sich an.


    Auf der CD von RAPTUS RECORDS 397.02.89 (Amsterdam)
    Ist neben Ries´Streichquartett op 150 Nr 2 und Beethivens Fuge in e. moll (Hess 238 Nr 1) auch die Klaviersonate op 11 Nr 1 enthalten, deren 3. Satz in der Haupsache aus Variationen über ein Thema mit Ohrwurmcharakter besteht.
    Aus meiner Sicht hörenswert aber nicht genial.


    Die neue Aufnahme aus dem Haus cpo enthält unter anderem die Grande Sonate op 9 Nr 1 in D-dur




    Die ist gleich ein anderes Kaliber: Zeitweise errinner sie mich an Beethoven, bricht aber dann immer wieder aus, wird leichter und bekommt zeitweise einen "volkstümlichen Beiklang" - Auch wenn es sehr weit herheholt sein mag- unwillkürlich fühle ich mich (stellenweise) an die Begleitung von Loewe-Balladen erinnert. Auch hier ist das Thema des 3. Satzes ein Ohrwurm, der 8 mal variiert wird....


    Nach hören einer weiteren Sonate, der "Grande Sonate Fantaisie L´Infortun´s op 26 in fis-moll komme ich zu dem Schluß, daß Ries von Beethoven etwa genauso weit weg ist wie Schubert - jedoch auf andere Weise - und daß man seine Sonaten kennenlernen sollte -
    es gibt ja leider nicht viel vergleichbares.


    (Hörproben bei jpc vorhanden)
    Es wird wahrscheinlich so sein wie bei Hummel; Mancher wird begeistert sein - andere werden drauf hinweisen, daß Ries letzlich kein zweiter Beethoven ist . Das hab ich aber ehrlkich gesagt auch weder vermutet noch erhofft. Der Lehrer schimmert immer wieder durch, gelegentlich auch sehr vordergründig - dann aber bahnt sich der Schüler wiederum seinen eigenen Weg - und das hat durchaus seinen Reiz.


    Persönlich möchte ich die Aufnahme nicht missen .


    Freundliche Grüße aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt


    Es wird wahrscheinlich so sein wie bei Hummel; Mancher wird begeistert sein - andere werden drauf hinweisen, daß Ries letzlich kein zweiter Beethoven ist .


    Salut,


    Ich denke, Ries wird dies ebensowenig gewesen sein wollen, wie Beethoven je ein zweiter Haydn oder Mozart sein wollte. Und das, obschon er "Mozarts Geist aus Haydns Händen" erhalten haben soll.


    Ich werde mich in nächster Zeit einmal mit den Ries'schen Sinfonien beschäftigen, bevor ich mich der Kammer- und Klaviermusik wirdme.


    :hello:


    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Hallo zusammen,


    ich besitze diese (von Alfred beschriebene) Aufnahme der Ries-Sonaten.
    Mir gefallen sie sehr gut; der Stil von Ries empfinde ich sehr stark in Richtung Himmel ausgeprägt (wenn auch nicht so elegant) und noch sehr zur Wiener Klassik hinweisend. Frühromantische Elemente lassen sich so gut wie überhaupt nicht finden. Kurz gesagt, der Stil von Ferdinand Ries ist keine Weiterentwicklung von Beethovens Stil; Ries erscheint auch nicht so exzentrisch in seinen Stücken wie sein berühmter Lehrer. Am Besten hat mir (ebenfalls wie Alfred) die "Grande Sonate Fantaisie op.26" gefallen, die doch auch mehr an Beethovens Stil erinnert (sehr aufwühlend). Auch möchte ich diese Aufnahme nicht missen; sie erinnert mich nur stark an Bachs oder Mozarts Zeitgenossen, die ebenfalls sehr schöne Musik geschrieben haben, jedoch diese "absolute" Genialität erreichten sie in ihren Werken nicht.

    Gruß und K...
    Der Dux

  • Seit 1.8. 2008 ist die unten abgebildete CD mit Sonaten und Sonatinen von Ferdinand Ries am Markt. Das Label heisst diesmal Naxos , was für einen erschwinglichen Preis garantiert.


    Es handelt sich hier um die beiden Sonaten op 11 Nr. 1 und Nr. 2, sowie um die Sonatine op 45


    Wieder fällt auf, daß die Ähnlichkeit zu Beethoven wesentlich geringer ist als in seinen Sinfonien. Der Text im Beiheft spricht von einer Nähe zum FRÜHEN Beethoven. Das mag sein, aber genauso nahe ist er Mozart (von dem er jedoch leicht zu unterscheiden ist) und stellenweise auch Schubert. Solche Vergleiche sind stets subjektiv und müssen oft nach mehrmaligem Hören relativiert werden - sie sind lediglich ein Hilfsmittel.
    Besser ist man allerdings bedient, wenn man den Link durch Klicken auf die Labelabbildung aufruft und ein paaar Sekunden selbst hineinhört.




    Aber auch das ist nur eine grobe Hilfe, weil man ja die Werke nicht zerschnippseln sollte......


    Erfreulich, daß auf der CD. Hülle der Vermerk VOL.1 angebracht ist - Wir dürfen uns also auf eine Fortsetzung freuen.......


    mfg aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Hallo Ulli,
    Meine Lieben,





    Es ist ziemlich problematisch, ein Werk zu beurteilen, das man bisher nicht gekannt hat und zu dessen Interpretation mir die Vergleichsmöglichkeiten fehlen (sollte jetzt einer von Euch denken: "Warum macht er dann den Schnabel auf?", könnte ich schwerlich etwas gegen solche Kritik einwenden - andererseits droht dieser Thread am Ende vergessen zu werden, da riskiere ich lieber eine provisorische Äußerung!).


    Ich höre wie Alfred kaum Beethoven heraus, finde aber viel Spannung und gegensätzliche Effekte (was ich eher als romantisch empfinde) in durchaus eigenständiger, recht abwechslungsreicher Weise in diesen Kompositionen. Beim Anhören habe ich mich vor allem gefragt, wie würde das wirken, wenn das mit weicherem Anschlag und einer weniger straffen Disziplin interpretiert wäre? Susan Kagan spielt gut, das ist keine Frage, aber ihr fast männlicher Anschlag paart sich mit einem - trocken ist nicht das richtige Wort - sehr deutlichen, sich nie gehen lassenden Ausdruck, bei dem Sentimentalität oder Träumerisches sorgsam vermieden werden, das Pathos nicht ausladend wirkt. Dabei bilde ich mir ein, daß manche Passagen zu mehr Gefühl fast einladen. Daher klingt hier einiges eine Spur zu klassizisierend und irgendwie zu "professoral" (nicht im schlechten Sinn gemeint!). Nicht daß das für mich keinen Reiz hätte, aber ich möchte das auch anders hören und mich dann erst entscheiden müssen.


    Ihren - sehr humanen - Preis ist die CD auf alle Fälle in jeder Hinsicht mehr als wert.


    LG


    Waldi

  • Hallo zusammen,


    auch wenn ich selbst noch keine Ries-Klavierwerke kenne, so musste ich doch gerade an diesen Thread hier denken, als ich über folgende Neuerscheinung stolperte:


    Ferdinand Ries ( 1784-1838 )
    Klaviersonaten & Sonatinen Vol. 2
    Erscheinungstermin: 10.12.2008
    Klaviersonaten op. 1 Nr. 1 & 2; Sonatinen op. 5 Nr. 1 & 2
    Künstler: Susan Kagan, Klavier
    Label: Naxos , DDD, 2007


    Somit ging es also recht zügig weiter mit Teil 2 der Naxos-Reihe.


    Viele Grüße
    Frank

    From harmony, from heavenly harmony
    this universal frame began.

  • Hallo Ulli,
    Meine Lieben,




    Nr.2 gefällt mir noch besser. Susan Kagan hat in zwei Etappen aufgenommen (Februar und Oktober 2007). Vor allem im Februar spielt sie etwas weicher und bei aller Disziplin gefühlvoller, während es sich im Oktober wieder etwas maskuliner, wenngleich lockerer anhört.
    Die Stücke sind vielfach großartig (etwa der 1.Satz von op.1. Nr.1 oder das Finale von op.1 Nr.2) und wirken auf mich überhaupt nicht epigonal oder dergleichen. Sie strahlen eine heitere Virtuosität aus, die aber gar nicht künstlich wirkt.
    Ich hoffe sehr, daß NAXOS die Ries-Serie weiter fortsetzt.


    LG


    Waldi

  • Nochmal zurück zu den Ries-Klaviersonaten Vol 1, geneuer genommen zu Sonate op 11 Nr 1 in f-moll




    Der Grund hiefür ist eine erneute Hörsitzung, oder besser gesagt, mehrere. Der Grund hiefür war, daß ich alle noch nicht eingeordneten CD erneut abhöre, bevor sie endgültig einsortiert werden, ich will auch in Erinnerung haben was ich da besitze.


    Diese Hörsitzungen fanden unter ganz anderen - optimaleren - Bedingungen statt, als jene kurz nach dem Kauf.


    Zum einen fällt die "Kaufreue" weg, also jenes Schuldgefühl, etwas gekauft zu haben, das man in Wahrheit gar nicht benötigte - die "Trauerarbeit" ist längst getan.... :)


    Zum anderen fällt die Erwartungshaltung weg, die in diesem Fall war eine Beethoven-ähnliche Sonate zu hören, was dazu führt, daß man erbarmungslos vergleicht, der Spaß auf der Strecke bleibt, und man "selbstvertändlich" zu dem Schluß kommt die "Imitate" kämen ans Original nicht heran.


    Um sowas zu behaupten, braucht es keine großen musikwissenschaftlichen Kenntnisse, man sagt - oder schreibt - einfach - was sicherheitshalber fast jeder Musikkenner schreiben würde - und man ist im sicheren Bereich.


    Ich zitiere hier nun mal aus meinem ersten Beitrag - und versuche dann zu relativieren - ohne mir zu widersprechen. Das ist ganz leicht, weiul ein veritabler Widerspruch ist ja nicht vorhanden - lediglich Verfeinerungen.


    Zitat

    Das mag sein, aber genauso nahe ist er Mozart (von dem er jedoch leicht zu unterscheiden ist) und stellenweise auch Schubert. Solche Vergleiche sind stets subjektiv und müssen oft nach mehrmaligem Hören relativiert werden - sie sind lediglich ein Hilfsmittel.


    Heute würde ich die Mozartnähe nicht so wirklich sehen - und wenn, dann nicht sehr ausgeprägt.
    Vergleichen wir nun mit Beethoven: Die Sonaten sind durchwegs leichter und duftiger, der "Titan" schimmert nur als Reminiszenz durch.
    Wunderbar perlend und auch manchmal leicht melancholisch, aber nur selten donnernd, sehr cantabel der Gesamteindruck mit "Ohrwurmstellen" durchsetzt.


    Zur Ähnlichkeit mit Schubert:


    Sie ist auch nur RELATIV vorhanden, und ich habe lange darüber nachgedacht worauf sie begründet ist.
    Ich bin zu dem - natürlich sehr subjektiven Schluß - gekommen, daß die Gemeinsamkeit doch im Vorbild Beethoven liegt, das aber stark durch den jeweiligen Eigencharakter der beiden Komponisten gedämpft und verändert wird, weil die beiden (Schubert und Ries) doch sehr starke Komponistenpersönlichkeiten waren, welche selbst wenn sie es wollten, das Vorbild nie ganz erreichen konnten - und ich meine hier ausdrücklich nicht die Qualität, sondern den Stil. Hatte ich mich neulich noch von der Meinung einiger Kritiker beeinflussen lassen, Ries käme hier einem frühen Beethoven nahe, so neige ich hier eher zur Ansicht, er habe einiges von Beethoven bereits hinter sich und gehe seinen eigenen Weg, hierin Schubert nicht unähnlich - aber dennoch anders,


    Noch ein sehr persönlicher Eindruck:
    Beim ersten hören der Sonate op11 Nr 3 hinterließ sie keinen tieferen Eindruck auf mich, allenfalls fand ich sie "recht hübsch".
    Momentan kann ich gar nicht genug von ihr bekommen - ich here sie gerade das 4. Mal binnen von 3 Tagen.....
    Schon bein ersten mal des "Wiederhörens" hatte ich den Eindruck, einem "alten Bekannten" wiederzubegnen, vertrauten Themen und Wendungen ....


    Jedenfalls gehört die Aufnahme in jede Klaviersammlung des Klassik/Romantikliebhabers.


    mfg aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Im Laufe des Jahres 2010 ist die Folge 3 der Sonaten von Ries bei Naxos erschienen, die ich scheinbar übersehen habe, hier zu erwähnen.




    Von Folge zu Folge liebe ich diese Stücke mehr, es scheint mir nun gar nicht mehr so wichtig, ob sie Beethovensche bzw Schubertsche Qualitäten aufweisen, wenngleich ich das bejahen würde. Aber warum kann man Ries nicht als Ries schätzwn - warum muß man immer Vergleiche mit den sogenannten "Großen" anstellen ?
    Nun , ich glaube, das liegt in der menschlichen Natur, daß immer wieder Anhaltspunkte und Referenzen gesucht - und gefunden werden.
    Ries Musik klingt vertraut - und dennoch eigenständig. Man höre beispielsweise den dritten Satz (Adagio con moto) der Sonate op 9 Nr 2.
    Auch der vierte Satz mit seiner perlenden Motorik - er schliesst nahtlos an den dritten an - ist in seiner Art von perlender Rhythmik bemerkenswert.
    Ich könnte mich nicht errinnern, derarrtiges bei Schubert oder Beethoven auch nur näherungsweise gehört zu haben.....


    Dennoch ist die Zuordnung zu Beethoven und Schubert eher zwingend , ein dritter Meister der Klaviersonate der späten Klassik , Frühromantik....
    Erwähnenswert ist vielleicht noch, daß nichts gekünstelt, bzw konstruiert wirkt. Ries Musik ist einfach von Natur aus zwingend - im Sinne von überzeugend....
    Und - bei aller Kraft - vielleicht doch ein bisschen leichter ub perlender als Schubert und Beethoven.


    Ein Glück, daß es diese Edition gibt

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Hallo Alfred!


    Ich weiß nicht, ob Du sie schon entdeckt hast. Mittlerweile gibt es auch die Folgen 4 und 5 der Sonaten und Sonatinen von Ries.



    Heute ist bei mir die Folge 5 eingetroffen. Was soll ich sagen: Ich bin begeistert, besonders von seiner letzten Sonate op. 176. Das lyrische Seitenthema im Kopfsatz - Schubert hätte es nicht besser machen können.


    Beste Grüße,


    Rainer

  • Ich gehe davon aus, das mit der vor kurzem erschienenen Folge 6 der Klaviersonaten und -Sonatinen das Projekt zum Abschluss gekommen ist. - Schade eigentlich. In dieser Folge sind die drei vierhändigen Sonaten enthalten. Sofort nach Auflegen der CD war ich von der Sonatine op 6 begeistert: Sie klingt zu Beginn wie eine Spieluhr des 19. Jahrhundert, einsschmeichelnd und unkompliziert. Das Beiheft weist sofort darauf hin, daß es sich um ein sehr einfaches Werk handelt. Mag sein, daß hier kein komplexes Meisterwerk vorliegt, aber ein Ohrwurm ersten Grades, so wie auch der erste Satz der "Sonata facile" von Mozart. Von Beethoven ist hier weit und breit keine Spur - ebensowenig wie von Mozart. Die beiden "erwachsenen" Werke sind etwas komplexer, aber insgesamt überwiegt dann doch der Ohrwurmcharakter. Für "Genusshörer" wärmstens empfohlen. Ich muß mal wieder einen Ries-Klaviersonaten-Abend einlegen....

    mit freundlichen Grüßen
    aus Wien
    Alfred Schmidt.

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Sonate op 1 Nr 1 in C-dur


    Es kann nicht schaden, wenn wir uns wieder etwas den Instrumentalwerken zuwenden, vergangenes in Erinnerung rufen und Neues vorstellen.

    Heute habe ich mich nach längerer Pause wieder mal einem meiner Lieblingskomponisten zugewandt und seine Klaviersonate op 1 Nr 1 in C.dur zugewandt, die, der von Beethoven vermerkten Jahreszahl (1806) allerdings zwei Jahre nach der 2 Sonate entstanden sein dürfte.

    Beide Sonaten hat Ries seinem Lehrer gewidmet " a Louis van Beethoven pas son eleve" Sie erschienen gemeinsam 1807 bei Simrock. Das Vorbild - oder der Einfluß- Beethovens ist vor allem im ersten Satz zu bemerken - dennoch ist auch die Originalität von Riess zu bemerken - was schon Robert Schuman in einem Artikel erwähnte..

    Interessant ist auch das Vorwort von Ries, wo er die Liebenswürdigkeit und Freundschaft Beethovens erwähnt - eteas das wir auch bei Czerny finden und dem "gängigen" Beethovenbild des "Schwierigen" deutlich widerspricht



    Die Sonate ist viersätzig (eher ungewöhnlich bei Ries) und hat eine Spieldauer von ca 30 Minuten


    1) Allegro con brio

    2) Adagio ma non tanto

    3) Menuetto jund Trio: Moderato

    4) Rondo: Allegretto quasi Allegro


    Sie wird von Susan Kagen eindrucksvoll interpretiert und auch das Booklet, dem ich Informationen entnahm hat sie persönlich verfasst. Wie werden uns in den nächsten Monaten näher mit der Pianistin befassen, die auch Musikwissenschaftlerin ist


    mfg aus Wien

    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !