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Sixtus

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1

Samstag, 24. Juni 2017, 13:00

Extreme Emotionen auf der Opernbühne

Das Thema liegt, ähnlich wie das sprichwörtliche Geld auf der Straße - auf der Opernbühne. Denn die Gattung ist ohne starke Gefühle nicht denkbar. Aber welche sind die mächtigsten? Welche erreichen die Zuschauer am unmittelbarsten? Welche werden am stärksten, am häufigsten auf der Opernbühne erwartet?

Ich habe mich ein Leben lang mit diesem Themenkreis beschäftigt. Er stand immer wieder im Fokus, wenn ich in den letzten Jahren über Premieren zu berichten hatte. Und bei der Auswahl der Stücke, auf die ich in meinen Büchern als mein persönliches Kernrepertoire nicht verzichten wollte, tauchten immer wieder die Opern auf, in denen es ums Ganze geht: um alles oder nichts. Was aber ist das Ganze?

Neben dem, was für jeden Menschen lebenswichtig ist, also was seinen Alltag zwangsläufig begleitet wie Essen und Trinken, Information und Kommunikation, Familienleben und Arbeit, schälen sich bei näherem Hinsehen vor allem drei zentrale Bereiche heraus, die die meisten Menschen umtreiben, auf die sie nicht verzichten wollen, ja für die sie zuweilen alles aufs Spiel setzen: LIEBE samt Hass und Eifersucht; GLAUBE samt Unglaube und Fanatismus - und schließlich alles, was um den TOD kreist, also Krankheit, Siechtum und Sterben. Besonders heftig schlagen diese Gefühle zu, wenn zwei von ihnen, oder gar alle drei, sich zu einem Knäuel verfilzen und sich gegenseitig verstärken. Dann ist, so meine ich, die Oper ganz bei sich zu Hause. (Und es dürfte wenige Opern geben, in denen alle drei Bereiche total fehlen.)
Beispiele:
In so unterschiedlichen Stücken wie Rigoletto und Tristan spielt die Liebe in sehr unterschiedlicher Gestalt die Hauptrolle. Der Hofnarr liebt seine Tochter abgöttisch, sie verfällt dem Herzog auf den ersten Blick, und sogar der gerät in einem Moment, wo er sie sich entrissen glaubt, in diesbezügliche Gefühlsverwirrung.
Aber auch Tod und Sterben durchzieht das Geschehen: Rigoletto zieht Monterones tödlichen Fluch auf sich, Sparafucile führt dessen Vollzug aus, und Gilda ist ihm (aus Liebe!) ein williges Opfer.
Tristan und Isolde sind schon vor Beginn der Bühnenhandlung füreinander bestimmt, aber erst im Tode. Beide wissen das - und gehen dem gelassen entgegen. Dabei reißen sie noch Kurwenal und Melot mit sich - und lassen Marke fassungslos in der tödlichen Leere seiner Verlassenheit stehen.
Zum Komplex des Glaubens kommen wir noch, aber nicht unter dem Aspekt des Institutionellen wie im Thread über die Religion, sondern als Emotion, die ebenso viel Schaden anrichtet wie Glück verheißt.

Vorerst viel Freude am Lieben und Sterben - und herzliche Grüße von Sixtus

chrissy

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2

Samstag, 24. Juni 2017, 14:02

Das Thema liegt, ähnlich wie das sprichwörtliche Geld auf der Straße - auf der Opernbühne. Denn die Gattung ist ohne starke Gefühle nicht denkbar. Aber welche sind die mächtigsten?
Welche erreichen die Zuschauer am unmittelbarsten? Welche werden am stärksten, am häufigsten auf der Opernbühne erwartet?

Vorerst viel Freude am Lieben und Sterben - und herzliche Grüße von Sixtus

Lieber Sixtus

Noch ist mir nicht ganz klar, worauf Du hinaus möchtest und ich hoffe, ich habe das von Dir vorgegebene Thema nicht falsch verstanden und deshalb:
Wenn Du gestattest, möchte ich die Titelzeile Extreme Emotionen auf der Opernbühne ergänzen und erweitern ... und ihre Auswirkungen auf die Zuschauer

"La Traviata und La Boheme"
Ich glaube in keiner anderen Oper wird so gefühlvoll geliebt und gestorben, wie in diesen beiden Opern. Und man kann sie gefühlt schon hundert Mal gesehen haben, das Finale in den Schlußakten löst immer starke Emotionen aus (Voraussetzung natürlich, es ist gut gemacht!!!). Was ist das für eine berührende und ergreifende Stelle, wenn am Schluß, kurz bevor Violetta stirbt, als Einleitung zu ihrem "E strano...", die Sologeige das Thema "Di quell´amor" spielt. Ich schäme mich nicht wenn ich sage, wie oft hat es mir an dieser Stelle die Tränen in die Augen getrieben und es geht ein leichtes Vibrieren durch den Körper.
Das Gleiche gilt natürlich auch für die "Boheme". Ich erinnere mich - La Boheme in der Berliner Staatsoper - wenn nach dem Schlußakkord das Licht wieder anging, wie oft hatten einige Männer ihr Taschentuch zwar geschickt an der Nase, aber nur um zu verdecken, daß sie sich eigentlich die Augen gewischt hatten.
Ein Freund schrieb mir unlängst - so schön, so ergreifend und berührend wie Mirella Freni, "stirbt" keine andere Mimi - recht hat er.
Und einer Freundin von uns, liefen unlängst bei der Sterbeszene der Gilda im Rigoletto, auch die Tränen.
Auch vor vielen Jahren - wir waren zur "Butterfly" in der Berliner Staatsoper. Bei einem Freund von mir, der die Oper und die Handlung in - und auswendig kannte, das Ganze hatte ihn diesmal so ergriffen, beim Summchor konnte er nicht mehr an sich halten, da liefen ihm auch die Tränen.
Ich sage, wenn so etwas passiert, wenn jemand total involviert, alles ringsum vergißt und sich regelrecht "verzaubern" und vereinnahmen läßt, dann wird die Musik mit der Handlung, gepaart von stimmiger Inszenierung und hervorragender Interpretation zum wahren Genuß. Dann hat die Oper ihren Sinn erfüllt.
Da muß mir keiner kommen mit "Neudeutung, Lehrveranstaltung, Belehrungen und neuen Erkenntnissen".
Aber gut, jedem, wie er es möchte... Und wer´s halt anders will und braucht - nichts dagegen.

CHRISSY
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La Roche

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3

Samstag, 24. Juni 2017, 19:34

Lieber Sixtus,

auch ich muß bei Emotionen im Opernhaus zunächst an die Ausstrahlung auf den Zuschauer denken. Bei mir kann ich 4 Arten der Übertragung bemerken:

1. Wut. Wut darauf, daß die Gefühle unter 2., 3. und 4. durch den Regisseur nicht zugelassen werden. Damit würden wir aber wieder auf das "Regietheater" kommen, was von Dir sicher nicht beabsichtigt war.

2. Das Gefühl der Rührung, bei welchem man nicht weiß, ob man das Wasser in den Augen loslassen soll oder nicht. Chrissy hat das als Anlaß seines Beitrages genommen.

3. Das Gefühl der Gänsehaut, die bei bestimmten musikalischen Momenten das Bühnengeschehen begleiten kann.

4. Das Gefühl, sich von seinem Stuhl zu lösen und in den Zustand der Schwebe zu gelangen. Das ist für mich der Höhepunkt einer Oper.

Über die Gefühle 2-4 kann ich viele, viele personengebundene Beispiele geben und begründen. Aber ich glaube, Du meinst vordergründig Emotionen, denen die Akteure auf der Bühne unterliegen, als Rollenvorgabe. Auch da gibt es Hunderte von Beispielen (vielleicht auch weniger) mit mehr oder weniger starken Emotionen.

Ich denke da mal als Auftakt einer zarten Emotion an die Arabella. Sie ist eine stolze Frau, mit eigenen Vorstellungen von ihrer Zukunft. Sie muß diese Vorstellungen aber äußeren Zwängen unterordnen, zunächst aus finanziellen Gründen. Den Mandryka mag sie am Anfang gar nicht. Mit ihrer Schwester zusammen träumt sie vom Richtigen, aber wer das sein wird, das steht noch in den Sternen. Sie bleibt stolz und unnahbar, bis sie den Herrn Mandryka näher kennenlernt. Was muß in ihr vorgegangen sein, daß sie plötzlich singt "und Du wirst mein Gebieter sein, und ich Dir untertan. Dein Haus wird mein Haus sein. In Deinem Grab, will ich mit Dir begraben sein...." Ist es Einsicht in die Notwendigkeit, oder plötzlicher Sinneswandel? Ist da so plötzlich Liebe im Spiel? Sie schickt ja anschließend den Mandryka weg, weil sie sich von ihrem bisherigen Leben verabschieden will, noch tanzen will. Also mit diesem Abschied hat sie emotionell einen Sprung getan, von der selbstbewußten verarmten Adligen zur Unterordnung. Der Schluß mit der symbolischen Überreichung eines Wasserglases beschließt diese sanfte Emotion mit den Worten "und so sind wir Verlobte und Verbundene auf Leid und Freud und Wehtun und Verzeihn." Mal eine Oper, wo nicht gestorben wird, aber auch keine komische Oper.

Es ist kein Beispiel eines Ausbruches an Emotionen, wie es Tosca verspürt, als sie das scharfe Messer liegen sieht und sofort einen hochemotionalen Plan hat. Aber es ist eine Veränderung ihrer Einstellung zum bisherigen Leben, aber auch die Erfüllung eines Wuschtraumes "aber der Richtige, wenn´s eine gibt auf dieser Welt". Der ist plötzlich da. Und sie läßt ihre Emotion von der Leine.

Herzlichst La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer
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Sixtus

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4

Samstag, 24. Juni 2017, 21:05

Zunächst einmal zu euren Fragen, lieber Chrissy und lieber La Roche.
Ich glaube, ich muss meine Intentionen noch etwas präzisieren. Mir geht es zunächst darum, welche Emotionen auf der Opernbühne die größte Rolle spielen und die stärkste Wirkung auf das Publikum ausüben. Mir geht es nicht um emotionale Reaktionen des Publikums auf Provokationen der Regie, sondern um direkte Wirkungen des Werks auf die Zuschauer - und besonders auf die ZUHÖRER unter ihnen. (Gute Aufführungen vorausgesetzt)
Da habe ich sicher mit den Bereichen LIEBE und TOD nicht ganz daneben gegriffen, wie die genannten Beispiele Traviata und Bohème bestätigen. Doch ich möchte hier den Schwerpunkt nicht auf den Inhalt legen, also auf die Wirkung des Stoffes, sondern auf seine GESTALTUNG durch das Libretto und noch mehr durch die Musik.
Als dritten Bereich hatte ich noch den religiösen Glauben genannt, der starke Gefühle freisetzt: Gebete auf der Opernbühne verfehlen selten ihre Wirkung. Die Frage ist, ob wir uns auf diese drei Bereiche beschränken - oder ob wir das Thema ausweiten auf gesellschaftliche Phänomene wie Unterdrückung oder Gewalt. Aber ich glaube, das wäre nochmal ein Thema
für sich. Ich schlage deshalb vor, uns hier auf die Bedeutung von Liebe, Tod und Glauben zu beschränken, aber darüber nicht vergessen, dass es nicht nur die italienische Oper gibt.
Ich bin begierig auf emotional gesättigte Beiträge!
Wie sagte Belini sinngemäß: Ich will meine Zuhörer zu Tränen rühren. Dass wir hier nicht den Fokus auf Rührung um jeden Preis richten, versteht sich. Wir sind ja nicht bei der Eurovision, wo die Hitlisten gemacht werden.
Also: Was fällt uns außer den bekannten feuchten Taschentüchern bei Violetta und Mimi dazu ein?

Sixtus

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5

Sonntag, 25. Juni 2017, 09:10

Noch ein Nachtrag:
Deine einfühlsamen Gedanken zu Arabella, lieber La Roche, gehen leider von einer falschen Voraussetzung aus. Du hast folgendes übersehen:
Arabella hat sich von Anfang an in "den Fremden" verliebt, der ihr von ihrem Fenster aus (!) aufgefallen ist. Sie zeigt ihn ihrer Schwester: "Er! das ist er! da! dort drüben geht er mit seinem Diener. Sicher will er wissen, wo ich wohne. Paß auf, jetzt sucht er, welches meine Fenster sind. Schau seine Augen an, was das für große ernste Augen sind." Darauf Zdenka: "Wie soll ich seine Augen sehn, er schaut ja nicht herauf..."
Wenn das keine Liebe auf den ersten Blick ist! Das hat ja Senta-Qualität. So weit ist also ihr Weg nicht mehr bis zu "und du wirst mein Gebieter sein..."
Ich glaube, hier sind wir uns jetzt einig. (Über die Wertschätzung dieser Oper sowieso!)
In diesem Sinne: Herzliche Grüße von Sixtus

La Roche

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6

Sonntag, 25. Juni 2017, 09:47

Hast ja recht, lieber Sixtus, das "Spionieren" hinter der Gardine habe ich übersehen.

Noch mal zu den Emotionen. Sicher spielt da Rache und der Fluch eine große Rolle. Monterone nanntest Du schon. Aber auch Rigoletto verflucht den Herzog und schwört seinen Tod herbei, als Monterone zur Urteilsvollstreckung geführt wird. Selbst seine Tochter kann ihn nicht hindern. Sein Plan steht fest. Der Racheschwur (z.B. von Panerai oder Gobbi) ist ein extrem starkes Stück Musik und hohe Emotion mit Strahlkraft bis in die letzte Reihe des Publikums.

Besonders publikumswirksam finde ich den Fluch, den Jochanaan bringt, bevor er wieder in sein Verlies verschwindet. Inmitten dieser irren Musik wirkt dieser Fluch wie aus einer anderen Welt. Ich bin dabei jedesmal wie gebannt, ein guter Sänger vorausgesetzt, der auch in der Höhe noch die notwendige Kraft hat.

Und Alberichs Fluch im Rheingold ist einfach großartig. Sein Fluch bewahrheitet sich. Wer den Ring besitzt, wird es nicht überleben. Musikalisch einer der vielen Höhepunkte im Rheingold und immer wieder ein Wusch für mich, das in einer tollen Inszenierung zu sehen (niemals aber die jetztige Düsseldorfer Inszenierung!!). Mir bleiben meine DVD`s und die Erinnerung an eine großartige Inszenierung in Chemnitz.

Leider bin ich jetzt mit der Zeit knapp dran und muß Schluß machen.

Herzlichst La Roche
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Sixtus

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7

Sonntag, 25. Juni 2017, 11:31

Keine Frage, der Opernfluch ist eine geballte Ladung starker Emotion. Praktisch ein Todesbann für den, dem er gilt.
Man könnte ihn aber auch (zumal er ja meistens erfüllt wird) unter den Bereich Tod und Sterben subsumieren. Oder ihm einen eigenen Bereich widmen, etwa Macht und Ohnmacht. Wagners Ring ist voll davon.

Wie auch immer: An starken Emotionen herrscht in Opern kein Mangel, und zu finden sind sie, meine ich, meistens dort, wo es ums Ganze geht: Um Lieben, Glauben, Sterben oder benachbarte Bezirke.

Es lohnt sich zu untersuchen, wie diese Emotionen auf der Bühne in den Opern verschiedener Zeiten, Nationen und Stile dargestellt werden. Da gibt es manches zu schürfen - meint Sixtus

Sixtus

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8

Dienstag, 27. Juni 2017, 15:44

Zweiter Anlauf: Scham

Nachdem ich wohl allzu offene Türen eingerannt habe mit meinen drei Schwerpunkten der großen Opern-Emotionen, die, wie ich meine, um Liebe, Sterben und Glauben kreisen, will ich versuchen, nochmals Interessierte aufs Glatteis zu locken, indem ich die Aufmerksamkeit auf eine Emotion lenke, die nicht ganz so offensichtlich die Opernbühne beherrscht: die SCHAM. (Später können wir dann immer noch auf die anderen zurückkommen, von denen wir eine noch gar nicht berührt haben: den Glauben, der auch viele Opernfiguren umtreibt - und sich auch beim Publikum einiger Beliebtheit erfreut. Man denke nur an die vielen Gebete von leidenden Frauen wie Tosca, Norma, Aida, Tannhäuser-Elisabeth.)

Die Scham ergreift sehr deutlich den alten Germont, der mit großem moralischem Applomb der Violetta gegenübertritt - und im Laufe des großen Duetts vor Scham immer kleiner wird, als ihm das ganze Ausmaß dessen bewusst wird, was er hier, im Brustton seiner Überzeugung, anrichtet. Trotzdem fehlt ihm die Größe, seine spießige Forderung fallenzulassen. (Immerhin reicht es zu einer Standpauke für Alfredos Benehmen im folgenden Finale.)

Ich denke, Verdi hat noch einige Anlässe zu bieten, in denen seine Figuren Veranlassung haben, sich zu schämen. Wir müssen nur seine Stücke revuepassieren lassen!

Auch bei Strauss werden wir fündig, z.B. in der schon zitierten Arabella, wo Mandryka nicht ohne Grund in´Boden sinken möchte - aber ich will nicht vorgreifen.
Bei Wagner steht sogar Brünnhilde scheu und staunend vor Siegmund, als sie ihm, entgegen ihrem innersten Willen, den Tod verkünden muss.

Das dürfte fürs Erste genügen, um uns in Emotionen zu baden - meint Sixtus

Erich Ruthner

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9

Dienstag, 27. Juni 2017, 23:12

Beim Lesen des Beitrags fällt mir dazu ein: Es stehen in Mozarts "Entführung" am Ende die vier Spanier vor dem Bassa Selim ziemlich beschämt da.
Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht durch Tatsachen.

Rheingold1876

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10

Mittwoch, 28. Juni 2017, 07:56

Ich denke da mal als Auftakt einer zarten Emotion an die Arabella. Sie ist eine stolze Frau, mit eigenen Vorstellungen von ihrer Zukunft. Sie muß diese Vorstellungen aber äußeren Zwängen unterordnen, zunächst aus finanziellen Gründen. Den Mandryka mag sie am Anfang gar nicht. Mit ihrer Schwester zusammen träumt sie vom Richtigen, aber wer das sein wird, das steht noch in den Sternen. Sie bleibt stolz und unnahbar, bis sie den Herrn Mandryka näher kennenlernt.


Lieber La Roche, endlich möchte ich auf Deine Bemerkungen zu Arabella zurückkommen. Es gibt da eine Stelle gleich nach dem Duett, in dem die beiden Schwestern - aus unterschiedlichen Positionen aber sich einig in der Sache - den Richtigen beschwören, der da kommen werde.

Arabella, aus dem Fenster schauend und ehr beiläufig:

"Siehst du - da war ein fremder Mensch heut vormittag -
wie ich hier aus dem Haus gegangen bin,
dort drüben war er, an der Ecke, gross, in einem Reisepelz,
und hinter ihm ein Leibhusar - ein Fremder halt
aus Ungarn oder aus der Wallachei…
Der hat mich angeschaut mit grossen ernsten festen Augen,
dann hat er was gesagt zu seinem Diener.
Ich hätt geschworen drauf, dass er mir Blumen schickt.
Blumen von dem, das wäre heute mehr für mich als alles!
Die täte ich mir in mein Zimmer nehmen
und wenn ich heimkäm in der Nacht vom Ball
fänd ich sie wieder, und ich liess sie nicht verblühn -
als bis er selber käme! Lass mich nur
das sind so Phantasien -
schau mich doch nicht so ängstlich an!"

Und genau dieser fremde Mensch nun ist Mandryka. Alles läuft auf ihn hinaus. "Der hat mich angeschaut mit grossen ernsten festen Augen!" Nach dem Parlando rauscht die Musik plötzlich auf. Alles ist entschieden. Arabella ist besessen von einer Idee, die plötzlich wahr wird. Das Wunder geschieht. Wenn man so will, ist das die Situation von Elsa im "Lohengrin", nur in Form einer Komödie. Diese Stelle, eine meiner liebsten in dieser Oper, geht oft etwas unter, auf der Bühne genau so wie in Einspielungen. Sie ist aber ganz wichtig. Sie muss deutlich gesungen und entsprechend inszeniert werde, wie ich finde. Sie ist Dreh- und Angelpunkt.

Ich freue mich sehr, dass auch Du die "Arabella" so gern hast. :)
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

chrissy

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11

Mittwoch, 28. Juni 2017, 09:35

Ich denke, Verdi hat noch einige Anlässe zu bieten, in denen seine Figuren Veranlassung haben, sich zu schämen.
Wir müssen nur seine Stücke revuepassieren lassen!
Bleiben wir also bei Verdi - RIGOLETTO
Die Höflinge des Herzogs haben die, nach ihrer Meinung und Vermutung, "Geliebte" des von ihnen verhaßten Hofnarren entführt.
Als sie durch das ergreifende Flehen Rigolettos mitbekommen, daß es nicht sein "Liebchen", sondern in Wahrheit seine Tochter ist,
setzt bei einigen Betroffenheit und ein beschämendes Nachdenken ein - insbesondere bei dem Höfling Marullo.
Bei guter Regie und Personenführung wird dies auch auf der Bühne deutlich dargestellt. Aber um solche, vermeintlichen Kleinigkeiten wirkungsvoll herauszustellen,
bedarf es eines Regisseurs, der das Libretto nicht nur intensiv kennt, sondern der sich seiner Aufgabe entsprechend verpflichtet fühlt, werkgetreu zu inszenieren.

CHRISSY
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La Roche

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12

Mittwoch, 28. Juni 2017, 10:03

ch freue mich sehr, dass auch Du die "Arabella" so gern hast. :)
Lieber Rheingold,

Richard Strauss gehört nicht nur auf der Opernbühne zu meinen ausgesprochenen Lieblingen. Nr. 1 bei mir ist eigentlich die Ariadne, danach kommt die Frau ohne Schatten, Arabella, Capriccio usw. Aber alles wird noch überstrahlt von Salome und Elektra. Ein toller Komponist, den man entweder mag oder nicht. Ein bißchen geht bei ihm nicht.

Ich glaube, außer Feuersnot, Guntram und der ägyptischen Helena habe ich alle 16 schon gesehen, manche schon bis zu 10 x.

In diesem Thread komme ich garantiert noch mit Schamgeschichten.

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La Roche

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13

Mittwoch, 28. Juni 2017, 10:26

Martha

Das Gefühl der Scham setzt eine Handlung voraus, die andere Menschen verletzt haben, falsche Erwartungen geweckt haben. Sie führt dazu, daß man selbst sich ungut fühlt, schuldhaft, man wird verlegen. Kurz, man hat zu Unrecht jemanden wehgetan.

Eine der meistverkannten Opern ist die Martha. Sie hat nicht nur einige Ohrwürmer, sie hat auch dramatische Wucht in der Musik, und gleich daneben ein wenig Albernheit. Denn wo war und ist es üblich, auf einem Markt seine eigene Person zur "Scheinhochzeit" anzubiedern und danach alles als Spaß zu entlarven? So richtig in unsere Zeit paßt das nicht mehr. Trotzdem liebe ich diese Oper.

Lady Harriet langweilt sich, und gemeinsam mit ihrer Freundin Nancy ziehen sie auf den Gesindemarkt in Richmond. Sie lassen sich ersteigern von Lyonel und dessen reichen Freund Plumkett, sie müßten ein Jahr als Mägde arbeiten. Lyonel verliebt sich in Lady Harriet alias Martha, doch diese will nur ihren Spaß, hat sehr schnell die Faxen dicke und rückt wieder aus. Lyonel ist sehr enttäuscht. Das Ensemble "Mag der Himmel euch vergeben" ist eines der herrlichsten der gesamten Musikliteratur (besonders mit Erna Berger und Peter Anders). Wie das nun so ist, entdeckt man, daß Lyonel adlig ist. Lady Harriet merkt, daß sie einen Fehler begangen hat, sie schämt sich dessen, verkleidet sich wieder als Martha und läßt sich heiraten mit den Worten "Ich kann entsagen dem Glanz, dem Schimmer.."

Diese Oper macht Spaß, sie ist sehr zu unrecht selten geworden auf den Bühnen. Die Handlung erinnert sehr an Operette, die Musik allerdings nicht.

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La Roche

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14

Mittwoch, 28. Juni 2017, 10:51

Die Frau ohne Schatten

Diese Oper mit ihrer ungeheuer komplizierten Handlung hat das Gefühl der Reue oder des Schams gleich mehrfach vereint.

Die Färbersfrau ist bereit, ihren fleißigen Gatten Barak zu verraten. Sie wird von den Überirdischen mit Reichtum und einem schönen Jüngling geblendet und ist bereit, sich von ihrem Mann zu trennen. Als Gegenleistung muß sie ihren Schatten an die Kaiserin geben, die sonst ihrerseits nicht gebären kann und ihren Mann als Steinfigur verlieren würde. Eben ein Märchen und keine reale Geschichte, wie heute oft dargestellt. 3 Nächte hat die Färbersfrau Zeit dazu.Die Kaiserin stellt die Weichen, die Färberin verschiebt die Betten.

Die Kaiserin sieht, was sie angerichtet hat, sie bereut ihren Eigennutz, sie verzichtet auf den Schatten. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Der Kaiser wird zu Stein, die Überirdischen, vertreten durch die teuflische Amme wollen das Blatt noch wenden, Barak und seine Frau verlieren ihr Haus und werden eingesperrt. Es ist nicht gut, Überirdische als Feinde zu haben!

Die Reue packt zu. Barak besingt die Liebe zu seiner Frau "mir anvertraut..", sie hört es und schämt sich ihrer Gedanken an Reichtum und den prächtigen Jüngling. Aber am meisten schämt sich die Kaiserin. Sie opfert ihr eigenes Glück der Liebe des Färberpaares. Der versteinerte Kaiser sieht seine Frau bittend an, sie trinkt vom Wasser des Lebens und siehe da - sie hat einen Schatten, kann Mutter werden, und der Kaiser lebt wieder. Alle 4 sind glücklich und lieben sich wieder, die Schlußapotheose geht musikalisch ob ihrer Kraft unter die Haut. Nur die Amme hat ausgedient. Der Vorhang fällt.

Entweder man jubelt oder man sagt "eine tolle Oper." Leider habe ich sie noch nie als Märchen gesehen, sondern immer ziemlich verhunzt. Aber in Dresden habe ich Johan Botha noch als Kaiser erlebt, eine wunderbare Cheryl Studer als Kaiserin. Ich habe gejubelt.

Herzlichst La Roche
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Sixtus

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15

Mittwoch, 28. Juni 2017, 18:52

Allem, was in den letzten Beiträgen über Richard Strauss gesagt wurde, kann ich nur von Herzen zustimmen. Wenn er auch manchmal mit gröberem Pinsel als Hofmannsthal gemalt hat, so ist doch bei den meisten ihrer Opern ein differenziertes Meisterwerk herausgekommen - vielleicht grade wegen der Spannung zwischen feinem Text und farbenreicher Musik.

Vielleicht können wir noch einiges über den emotional aufgeladenen Themenbereich GLAUBEN zusammentragen. Die von mir schon zitierte Norma bittet die Mondgöttin darum, sie von ihrer verbotenen Liebe zu einem feindlichen Offizier zu befreien, von dem sie auch noch zwei Kinder hat. Mehr Emotion geht nicht. Bei diesem (heidnischen!) Gebet bleibt, wenn es gut gesungen wird, kein Auge trocken, und man muss sich dessen nicht schämen -
meint Sixtus

La Roche

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16

Mittwoch, 28. Juni 2017, 19:32

Rigoletto

Als sie durch das ergreifende Flehen Rigolettos mitbekommen, daß es nicht sein "Liebchen", sondern in Wahrheit seine Tochter ist,
setzt bei einigen Betroffenheit und ein beschämendes Nachdenken ein - insbesondere bei dem Höfling Marullo.
Um beim Rigoletto zu bleiben, muß ich auch den Buckligen selbst erwähnen. Im 1. Akt verhöhnt er den Grafen Monterone "... und nun kommst Du alle Tage mit Deiner Klage... " . Monterone revanchiert sich mit seinem Fluch, der sowohl den Herzog als auch den Rigoletto betrifft.

Im Monolog zum nächtsten Aufzug denkt Rigoletto an diesen Fluch und ahnt Unheil "sollte er mir Unheil bringen". Scham ist aber noch nicht zu erkennen. im Palast des Herzogs wird Rigoletto dann Zeuge, wie Monterone zum Richtplatz geführt wird. In seinem Racheschwur sehe ich neben der Rache auch Reue, denn er sagt "Du irrst, guter Alter". Der von ihm zunächst ausgespottete Vater einer verführten Tochter ist nun selbst in der gleichen Situation, er gibt zu sich geirrt zu haben. Er gesteht seinen Fehler ein. Das ist für mich auch eine Spur von Scham. Wie es ausgeht, wissen wir alle. Der Fluch und die Rache ist die stärkste Emotion dieser Oper

Lieber Chrissy, ganz beipflichten kann ich Dir nicht. Marullo und die anderen Höflinge zeigen Erschrecken, als Rigoletto singt "Sie ist meine Tochter." Aber das war´s schon. Marullo wird vom Rigoletto sogar angesprochen, ihm zu sagen, wo seine Tochter ist "nicht wahr, im Palaste". Marullo antwortet nicht, Rigoletto singt "Du schweigest, weh mir." Die Höflinge gehen dann ab und meinen "um mit Narren umzugehen ist Verstellung öfter gut." Da ist keine Scham dabei, die Höflinge sind genau wie Rigoletto im 1. Akt viel zu sehr abhängig vom Herzog, um gegen ihn Position einzunehmen. Sicher ist die Betroffenheit auch Marullos in einigen Inszenierungen und Filmen gezeigt worden, aber ausgesprochen hat das keiner von ihnen. Es ist gespieltes Erschrecken, Verstellung eben.

Herzlichst La Roche
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La Roche

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17

Mittwoch, 28. Juni 2017, 19:55

Die schweigsame Frau

Jetzt geht es nochmals um die Scham. Sicher kennen nicht alle diese Oper. Sie hätte es aber verdient.

Der reiche Sir Morosus mag keinen Krach, er hat Gehörprobleme. Er will seine Ruhe, aber sein Freund der Barbier schildetr ihm die Vorzüge einer schweigsamen Frau. Morosus ist nicht abgeneigt. Ich möchte hier kurz seinen Monolog aus dem 1. Akt anführen, damit nicht vergessen wird, welch poetischen Text Stefan Zweig hier geschrieben hat:

" Ja, das wär schön!
Nicht so bang, nicht so leer, nicht so sterbensallein jeden Tag, jede Nacht mit sich selber zu sein.
Kein Sohn, kein Erbe, kein Neffe, kein Freund, kein Mensch auf der Welt, der es herzlich meint.
Ja, das wär schön!
Irgendwen zu wissen, für den man da ist, der einem gut, der einem nah ist,
mit dem man atmet, mit dem man denkt, wenn einem die Angst in die Kehle drängt.
Irgendwen, für den man lebt und dem man stirbt,
und daß einer da ist, wenn man erkaltet,
der einem die Augen zudrückt und die Hände faltet.
Ja, das wär schön!"

geht es poetischer? Doch zurück zur Oper. Unangemeldet kommt sein Neffe Henry zu Besuch, und Morosus macht ihn zum Erben. Um ihn gleich wieder zu enterben, da Henry einer "vom Theater" und noch dazu mit einer Aminta verheiratet ist. Morosus will nun sehr schnell heiraten. Es wird ein gemeiner Plan umgesetzt. Die Aminta bewirbt sich als bescheidene Frau um ihn, die Theatertruppe arrangiert die Hochzeit. Aber sofort danach legt Aminta los, sie spielt die Hexe, mit Keifen, Musik, Umbauten in der Wohnung usw. Henry rät seinem Onkel, sich schnell wieder scheiden zu lassen, denn schließlich ist alles nur gespielt und Aminta schon Henrys Frau, was Morosus immer noch nicht weiß. Am nächsten Tag klärt Henry und Aminta den Morosus auf. Sie schämen sich, ihn so verkohlt zu haben. Morosus ist zunächst wütend, dann erleichtert, nicht so ein keifendes Weib zu haben und weiterhin seine Ruhe genießen zu können. Die Oper endet mit Morosus Worten:

"Wie schön ist doch die Musik, aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist!
Wie wunderbar ist doch eine junge schweigsame Frau,
aber wie wunderbar erst, wenn sie die Frau eines anderen bleibt!
Wie schön ist doch das Leben, aber wie schön erst, wenn man kein Narr ist und es zu leben weiß"

Diese Oper könnte auch als ein Beispiel der Poesie in die Geschichte eingehen. Und ich hatte das Glück, eine wunderbare Inszenierung in Chemnitz mit einem sehr starken Franz Hawlata zu erleben.

Herzlichst La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer
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Sixtus

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18

Mittwoch, 28. Juni 2017, 19:58

Das Thema erlaubt ein wenig Hin und Her. Nochmal zurück zu den Gebeten in aussichtsloser Lage:

Elisabeth ist ganz am Ende, als sie, nach dem Verlust der letzten Hoffnung auf Heinrichs erlöter Rückkehr, nur noch eines will: den Gnadentod durch die Heilige Jungfrau. So vertraut sie sich ihr mit letzter emotionaler Wucht ganz an: Nimm von dieser Erde mich! So fleht nur ein Mensch, der alles verloren hat - auch die letzte Hoffnung.

Nicht ganz so übel geht es Aida, als sie emphatisch in den Schlachtruf einstimmt: Ritorno vincitor! - und sich dann dessen bewusst wird, dass ja dann ihr eigener Vater unter den Opfern sein wird. Deshalb fleht sie die Götter an, sie aus diesem Zwieapalt zu erlösen: Numi, pietà!

Bei Tosca liegt der Fall etwas anders: Ihr Gebet ist fast ein Vorwurf an Gott: Perche? Warum suchst du mich so schwer heim? (Viel Zeit bleibt ihr nicht mehr, darauf eine Antwort zu finden. Aber das Publikum entschädigt sie meistens dafür.)
Weitere Beispiele zu finden, dürfte nicht schwer fallen -
meint Sixtus

chrissy

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19

Mittwoch, 28. Juni 2017, 20:45

Als sie durch das ergreifende Flehen Rigolettos mitbekommen, daß es nicht sein "Liebchen", sondern in Wahrheit seine Tochter ist,
setzt bei einigen Betroffenheit und ein beschämendes Nachdenken ein - insbesondere bei dem Höfling Marullo.
Lieber Chrissy, ganz beipflichten kann ich Dir nicht.
Lieber La Roche
Ich danke Dir für Deine Antwort und Erwiderung, muß Dir allerdings entgegnen - ich bleibe dabei, daß bei einigen Höflingen aus der Erkenntnis und dem Begreifen falsch
und schäbig gehandelt zu haben, auch Scham entsteht. Du charakterisierst das Ganze völlig richtig mit "Erschrecken, Betroffenheit und Schweigen". In der Reihenfolge
entsteht für mich aus psychologischer Sicht als Resultat zusammengefaßt auch Scham, die sich insbesondere durch das betretene Schweigen Marullos äußert.
Warten wir es ab, vielleicht äußern sich zu dem Thema auch noch andere Mitglieder, die diese Oper ebenfalls genau kennen und ihre Meinung dazu sagen.
Ich denke, Verdi hat noch einige Anlässe zu bieten, in denen seine Figuren Veranlassung haben, sich zu schämen.
Wir müssen nur seine Stücke revuepassieren lassen!
Bleiben wir also bei Verdi - La Traviata
Richtig ist natürlich, daß Pere Giorgio Germont im Finale zur Einsicht seiner Schuld kommt, sein Verhalten bereut und sich daraus resultierend auch schämt.
Er hat aber auch vorher schon Grund zum Schämen. Obwohl er ja durch sein Dazutun die Voraussetzung für das weitere Verhalten seines Sohnes Alfredo gesetzt hat,
empfindet er wahrscheinlich berechtigt Scham für seinen Sohn, als dieser Violetta das gewonnene Geld vor die Füße wirft.
Hier ist für mich allerdings nicht ganz klar, ob der Vater schon begreift, daß er hier schon eigentlich "mitschuldig" ist.

Herzliche Grüße
CHRISSY
Jegliches hat seine Zeit...

Sixtus

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20

Mittwoch, 28. Juni 2017, 21:43

Beschämung macht auch vor Göttern nicht Halt!

Wir kennen alle den 3.Akt der Walküre, wo Wotan zunächst wütend seine Tochter zu bestrafen kommt - und dann, peu à peu, zunehmend kleinlaut wird angesichts der emotional aufgeladenen Argumente von Brünnhilde - und schließlich, beschämt und sprachlos, ihrem Wunsch nachkommt, ein Feuerring soll ihren Schlaf schützen, den nur der Mutigste durchschreiten darf: Siegfried, Wotans Wunschheld (und ihr eigener Neffe!), der sie erwecken darf.
Starker Toback, aber eine Emotion, der auch ein Göttervater nicht widerstehen kann. Ihr verdanken wir immerhin Wotans Abschied und Feuerzauber.
In Opern darf man auch mal ein Auge zudrücken hinsichtlich unerlaubter Beziehungen, zumindest wenn es so überzeugend klingt - meint Sixtus

Wer bietet mehr?

Mme. Cortese

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21

Mittwoch, 28. Juni 2017, 22:06

Nochmal zurück zu den Gebeten in aussichtsloser Lage:


Aussichtsloser als mit den Feinden im Rücken und dem Meer vor sich geht wohl kaum. Das verzweifelte Gebet von Moses und den Israeliten führt schließlich zur Teilung des Roten Meeres - eine von Rossinis schönsten Eingebungen:

Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

Mme. Cortese

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22

Mittwoch, 28. Juni 2017, 23:32

ist. Lady Harriet merkt, daß sie einen Fehler begangen hat, sie schämt sich dessen, verkleidet sich wieder als Martha und läßt sich heiraten mit den Worten "Ich kann entsagen dem Glanz, dem Schimmer.."


Ob sie sich wohl auch wieder als "Martha" verkleidet hätte, wenn sich Lionel nicht als Adliger entpuppt hätte? So muss sie ja dem Glanz und Schimmer nicht entsagen...
Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

Mme. Cortese

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23

Mittwoch, 28. Juni 2017, 23:40

Die von mir schon zitierte Norma bittet die Mondgöttin darum, sie von ihrer verbotenen Liebe zu einem feindlichen Offizier zu befreien, von dem sie auch noch zwei Kinder hat. Mehr Emotion geht nicht


Im Gegenteil, lieber Sixtus, sie bittet darum, dass die Tage der ersten Liebe zurückkehren mögen. Und in der "Casta Diva" bittet sie um Frieden zwischen Römern und Galliern. Sie hat zwar einen Verdacht, weiß aber noch nichts Konkretes bezüglich Polliones Untreue.
Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

Erich Ruthner

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24

Mittwoch, 28. Juni 2017, 23:55

Martha:
Wenn man draufkommt, dass man einen Graf Derby hätte haben können, der noch zusätzlich in die Güter seiner Familie wiedereingesetzt wurde, kann man doch nochmals ein wenig Magd spielen, gelle? :pfeif:
Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht durch Tatsachen.

Sixtus

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25

Donnerstag, 29. Juni 2017, 09:13

Liebe Mme.Cortese,

da habe ich mich wohl doch etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt mit der Norma - und ihr Motive unterstellt, die eher zu Verdis Amelia gehören.
Das kommt davon, wenn man allzu sehr in der Schönheit der Musik schwelgt und darüber den Text vernachlässigt. (Und Musik ist ja immer mehrdeutig.) Ich bitte um gnädigen Pardon.

Aber ich gratuliere dir, dass dir in diesem Zusammenhang der Moses eingefallen ist. Ein Paradebeispiel für ein Gebet in völlig aussichtsloser Lage - und in seiner raffinierten Schlichtheit ein geniales Stück Musik, das mich immer wieder umwirft.

Herzliche Grüße von Sixtus

La Roche

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26

Donnerstag, 29. Juni 2017, 13:34

Wenn man draufkommt, dass man einen Graf Derby hätte haben können, der noch zusätzlich in die Güter seiner Familie wiedereingesetzt wurde, kann man doch nochmals ein wenig Magd spielen, gelle?
Ja, lieber Erich, auf alle Fälle erleichtert es diese Entscheidung.

Der 4. Akt von Martha ist allerdings zweiteilig. Zunächst schmeißt Lyonel die Lady Harriet raus, als sie sich für die Ehe mit dem plötzlichen reich gewordenen bewirbt. Danach geht sie als Martha nochmals auf den Heiratsmarkt und alles wird gut. Stimmt schon, es ist besser, als "Magd" einen reichen Mann zu heiraten, als als reiche Frau einen armen Mann.

Mein Deutsch ist heute nicht so gut. Muß am Wetter liegen.

Herzlichst La Roche
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Sixtus

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27

Donnerstag, 29. Juni 2017, 15:03

Wenn wir schon der Spieloper ihre berechtigte Chance geben, zu zeigen, dass sie bei der Produktion tränenreicher Gefühle durchaus mitmischen kann, dann dürfen wir auch eine der schönsten (und gefühlvollsten!) nicht vergessen: die Verkaufte Braut! Ihre Duette sind voll von ebenso komödiantischen wie emotional gesättigten Passagen.

Wie Marie mit der Deppenhaftigkeit des stotternden Wenzel spielt und und ihm gemeinerweise Hoffnungen auf eine "so wie du, dann i-immerzu!" macht, ist fast schon Sadismus. Heute stünde der Trottel unter Minderheitenschutz!
Und wie hier einmal ein Tenor klüger sein darf als ein Bass und den Heiratsprofi mühelos austrickst, das nenne ich einen Sieg der Liebe über den Kapitalismus, wie ihn sich Wagner im Ring nicht besser hätte wünschen können.
Und das Polka-Duett Marie-Hans im 3.Akt ist für eine ehrlich liebende, naive junge Frau emotional mindestens grenzwertig.

Überhaupt haben die slawischen Komponisten keine Scheu vor der Zur-Schau-Stellung großer, meist tragischer Gefühle, wie sie z.B. Dvorak in der Rusalka freigiebig präsentiert. Was tut die Ärmste nicht alles, um ihren Märchenprinzen zu bekommen (den sie am Schluss auch noch ins offene Messer des Kusses laufen lassen muss...)

Nicht zu reden vom Sadismus Puccinis, der seine Frauen reihenweise abschlachtet, damit das Publikum auch was zum Heulen hat.
Aber zu diesem Punkt weiß ich einen anderen Zeugen, dem ich gern den Vortritt lasse.

Bertarido

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28

Donnerstag, 29. Juni 2017, 16:48

Wir kennen alle den 3.Akt der Walküre, wo Wotan zunächst wütend seine Tochter zu bestrafen kommt - und dann, peu à peu, zunehmend kleinlaut wird angesichts der emotional aufgeladenen Argumente von Brünnhilde - und schließlich, beschämt und sprachlos, ihrem Wunsch nachkommt, ein Feuerring soll ihren Schlaf schützen, den nur der Mutigste durchschreiten darf: Siegfried, Wotans Wunschheld (und ihr eigener Neffe!), der sie erwecken darf.
Starker Toback, aber eine Emotion, der auch ein Göttervater nicht widerstehen kann. Ihr verdanken wir immerhin Wotans Abschied und Feuerzauber.
In Opern darf man auch mal ein Auge zudrücken hinsichtlich unerlaubter Beziehungen, zumindest wenn es so überzeugend klingt - meint Sixtus

Wer bietet mehr?

In diesem Falle weniger, lieber Sixtus, denn Beschämung sehe ich bei Wotan hier gar nicht. Rührung zweifellos, Ergriffenheit, aber für Scham sehe ich weder einen Grund, noch würde sie zu Wotans Charakter passen. Zweifellos liebt er seine Tochter, und er findet in seiner Einsamkeit und Verzweiflung nach dem vermeintlichen Scheitern seiner Wälsungen-Plänen zu einem Moment höchsten Vertrauens, indem er Brünnhilde den Zwiespalt seiner Gefühle anvertraut. Verständlich Wotans Verletzung, als sie dann seinem Befehl trotzend Siegmund zum Sieg verhelfen will. Im Laufe des Dialogs in der 3. Szene des 3. Aktes ist für mich aber klar, dass Wotans größter Zorn schnell verraucht, nachdem Brünnhilde ihre Beweggründe dargelegt hat. Aus Gründen der Staatsräson kann er ihr die Strafe aber nicht erlassen, die ja auch nicht ganz unverdient ist. Man beachte zum Beispiel folgende Rede:

Dich muss ich meiden,
gemeinsam mit dir
nicht darf ich Rat mehr raunen;
getrennt, nicht dürfen
traut wir mehr schaffen:
so weit Leben und Luft
darf der Gott dir nicht mehr begegnen!


Hier ist nur von „müssen“ die Rede, nicht mehr von „wollen“. Ebenso etwas später:

Von Walvater schiedest du -
nicht wählen darf er für dich.
(auch wenn er es gerne tun würde, so kann man sich dazu denken)

Auf Brünnhildes Bitte, dass nur der „furchtlos freieste Held“ sie wecken solle, folgt noch ein letzter Widerstand, der aber schon halb überwunden ist:

Zu viel begehrst du,
zu viel der Gunst!

Nur um dann nach dem nächsten Anlauf doch nachzugeben. Nachdem sein Zorn verraucht ist, ist Wotan froh, einen Weg gefunden zu haben, um sein Gesicht zu wahren und die unumgängliche Strafe zu verhängen, aber trotzdem die Würde seiner Tochter zu bewahren. Man beachte hier auch Wagners Regieanweisung:

Wotan überwältigt und tief ergriffen, wendet sich lebhaft gegen Brünnhilde, erhebt sich von den Knien und blickt ihr gerührt in das Auge.

Von Scham ist da keine Rede. Ein Moment höchster Emotion ist es trotzdem, und auch musikalisch ein Höhepunkt im an Höhepunkten so reichen "Ring".

Rheingold1876

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29

Donnerstag, 29. Juni 2017, 18:36

Wenn wir schon der Spieloper ihre berechtigte Chance geben, zu zeigen, dass sie bei der Produktion tränenreicher Gefühle durchaus mitmischen kann, dann dürfen wir auch eine der schönsten (und gefühlvollsten!) nicht vergessen: die Verkaufte Braut!


Lieber Sixtus, meinst Du wirklich, die "Verkaufte Braut" sei eine Spieloper?

Allem, was in den letzten Beiträgen über Richard Strauss gesagt wurde, kann ich nur von Herzen zustimmen. Wenn er auch manchmal mit gröberem Pinsel als Hofmannsthal gemalt hat, so ist doch bei den meisten ihrer Opern ein differenziertes Meisterwerk herausgekommen - vielleicht grade wegen der Spannung zwischen feinem Text und farbenreicher Musik.


Und - zweitens - möchte ich nochmal auf diese Feststellung zurückkommen. In welchem Werk soll Strauss mit "gröberem Pinsel" gemalt haben als Hofmanntsthal. Ich bitte um Vergebung, wenn ich durch meine Einwürfe die Debatten aufhalte. Vielleicht findest Du Zeit, darauf einzugehen. Vorab herzlichen Dank.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

chrissy

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30

Donnerstag, 29. Juni 2017, 19:54

Nicht zu reden vom Sadismus Puccinis, der seine Frauen reihenweise abschlachtet, damit das Publikum auch was zum Heulen hat.
Aber zu diesem Punkt weiß ich einen anderen Zeugen, dem ich gern den Vortritt lasse.
Aber, aber, mein lieber Sixtus... also nein, Puccini und Sadismus und Frauen abschlachten... also nein, das geht ja gar nicht.
Du weißt mindestens genauso gut wie ich, daß Puccini nicht nur in seiner Musik, sondern auch im wahren Leben, Herz und Gefühl für die Damenwelt hatte.
Daß er ein Frauenkenner und leidenschaftlicher Frauenversteher war. Gibt es eine Oper, in der gefühlvoller, berührender und ergreifender "gestorben" wird, wie in seiner Boheme?
(Vielleicht höchstens noch vergleichbar mit Verdi´s Violetta).
Aber, mein Lieber, freue Dich, es ist Dir gelungen, denn ich meine erkannt zu haben, daß Du mit Deiner bewußt spaßig gemeinten Übertreibung,
über die ich mich köstlich amüsiert habe, wohl auf mich abgezielt hast.

Herzliche Grüße
CHRISSY
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