Richard Strauss und seine Lieder

  • Die Tatsache, dass Strauss - worauf hart hingewiesen hat - viele seiner Klavierlieder nachträglich in Orchesterlieder umgewandelt hat, zeigt, dass er als Liedkomponist im Grunde orchestral dachte, - auch bei seinen Klavierliedern. Der Klaviersatz erfüllt dort primär die Funktion, die Singstimme in ein Klangkolorit einzubetten und auf diese Weise deren melodische Linie um klangliche Ausdrucksdimensionen zu bereichern. Insofern kann man tatsächlich sagen, dass bei Strauss - ebenso wie bei Gustav Mahler - die "Musikalisierung" des Kunstliedes in ihr Endstadium getreten ist.


    Ein Lied wie - beliebiges Beispiel - "Die Nacht", auf Text von Gilm zu Rosenegg ("Aus dem Walde tritt die Nacht, / Aus den Bäumen schleicht sie leise...") lässt das ganz deutlich hören. Man achte nur einmal darauf, wie Strauss in der zweiten Strophe das "Auslöschen" der "Lichter dieser Welt" durch die Nacht mit immer fahler werdenden Klängen im Klavier musikalisch untermalt und auf diese Weise nacherlebbar werden lässt.

  • Hallo,


    wer kann mir bitte eine Orchesterfassung der "vier letzten Lieder" empfehlen mit einer Sängerin mit (ganz) wenig Vibrato, also z. B. nicht J. Norman?


    Danke und
    viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Die mit Abstand beste Interpretation dieser Lieder in der Orchesterfassung, die ich kenne, ist die Von Elisabeth Schwarzkopf. Sie wird vom RSO Berlin unter George Szell begleitet. Die Aufnahme ist bei der EMI erschienen und bekam damals zu Recht den Grand Prix du Disque.

  • Gerne unterstreiche ich die von Helmut geäußerte Meinung! Die Künstlichkeit des Vortrags von Elisabeth Schwarzkopf korrespondiert aufs Trefflichste mit der doch sehr überfeinert-nostalgischen, gleichwohl sehr genießbaren Vertonung.


    Die Aufnahme von Elisabeth Schwarzkopf mit dem häufig unterschätzten Otto Ackermann finde ich sogar noch besser.


    Sehr vibratoarm singt übrigens (wie eigentlich stets) Gundula Janowitz in der Aufnahme mit Herbert von Karajan, diese ist auch wegen einer hervorragenden Version von "Tod und Verklärung" sehr zu empfehlen.


    Karl Böhm ist so ziemlich der einzige, der sich wagt, die Tempovorschriften von Strauss zu berücksichtigen. Darum - aber nicht nur: Lisa della Casa singt großartig - sei auch seine Aufnahme empfohlen.


    Zu den "Vier letzten Liedern" gibt es aber auch einen eigenen Thread, gleich im zweiten Beitrag sind alle Cover der genannten Aufnahmen sichtbar.

  • Zitat: "Zu den "Vier letzten Liedern" gibt es aber auch einen eigenen Thread,..."


    ....und den habe ich mir eben gerade mal angesehen. Wenn ein Leser dort etwas über die ganz spezifische Eigenart dieser Lieder erfahren möchte, dann ist er schlicht aufgeschmissen. Das geht hier wieder mal nach dem ach so beliebten Prinzip "Wie schön sich Bild an Bildchen reiht"(Trakl) .... Die Maxime dabei ist: "Ultimative Aufnahme". Dabei hätten diese Lieder eine sorgfältige Beschreibung ihrer musikalischen Struktur - oder zumindest doch eine Wiedergabe des Höreindrucks verdient, den sie machen. Man muss ja nicht gleich wieder in eine Liedanalyse einsteigen! Eine solche liegt aber, ich erlaube mir den Hinweis, im Thread "Sprache und Musik im Lied", zumindest das Lied "Im Abendrot" betreffend, hier vor.


    Es müsste mindestens mal gezeigt werden, dass mit diesen Liedern Strauss nicht nur einen Höhepunkt seiner klangmagischen Fähigkeiten erreicht, sondern darüberhinaus einen persönlichen Ton in seine Liedkomposition gebracht hat, wie man ihn sonst in seinem Liedwerk in dieser Form nirgends findet.


    Bestechend ist, wie hier die Sopranstimme in die Orchestrierung einbezogen wird und sich doch zugleich in eigenständiger Weise zu artikulieren vermag. Und hier liegt auch der Grund, warum die von mir erwähnte Aufnahme mit Elisabeth Schwarzkopf unter den anderen, die ich kenne , herausragt. Strauss legte größten Wert auf die Wahrung der Aussagekraft des lyrischen Textes. Ich habe das gerade in einer Radiosendung über Karl Böhm von diesem wieder bestätigt gehört.


    Genau diese Fähigkeit besitzt Elisabeth Schwarzkopf in hohem Maße. Wenn es im zweiten Lied heißt: "Der Garten trauert, / Kühl sinkt in die Blumen der Regen", dann hebt sich die Aussage des lyrischen Textes einerseits markant aus dem Orchesterklang heraus, zugleich aber empfindet man diesen als klangliche Artikulation dessen, was der lyrische Text Hermann Hesses sagen will. Da sind ja in sich ruhende Wechselharmonien zu hören, in die fallende Melodielinien eingearbeitet sind. Schwarzkopf gestaltet sängerisch eine solche Linie in wunderbar klarerer Weise. Aber sie tut es so, dass sie einerseits markant aus dem Orchesterklang heraustritt, andererseits zugleich Teil dieser fallenden Melodielinien bleibt.


    Ich habe das nie besser gehört, muss aber dazusagen, dass ich längst nicht alle Aufnahmen dieser "Vier letzten Lieder" kenne. Man möge mein Urteil also bitte unter diesem Vorbehalt nehmen.

  • Es müsste mindestens mal gezeigt werden, dass mit diesen Liedern Strauss nicht nur einen Höhepunkt seiner klangmagischen Fähigkeiten erreicht, sondern darüberhinaus einen persönlichen Ton in seine Liedkomposition gebracht hat, wie man ihn sonst in seinem Liedwerk in dieser Form nirgends findet.


    In der Tat. Ich frage mich, wie ich diese Werke nur vorher hören und genießen konnte. Herzlichen Dank!

  • Zitat Wolfram: "Herzlichen Dank!"


    So ewas liest man gerne! Dergleichen widerfährt einem schließlich nicht alle Tage hier im Forum. Freilich hätte ich nicht gedacht, dass gerade ich dem Forumsmitglied Wolfram noch irgendwelche Einblicke in musikstrukturelle Merkmale der "Vier letzten Lieder" von Richard Strauss würde vermitteln können. Um so schöner für mich, dass dies offensichtlich doch so war.


    Man - also ich jedenfalls! - lernt ja wirklich immer wieder etwas dazu, wenn man sich intensiv auf ein musikalisches Werk einlässt. Und man merkt dabei häufig, wie wenig man eigentlich weiß. So wusste ich zum Beispiel nicht, als ich im Thread "Sprache und Musik im Lied" mit dem Lied "Im Abendrot" beschäftigte, dass das "Wir", das in diesem Lied das erste Wort bildet, von Strauss wohl auf seine Frau Pauline de Ahna bezogen wurde, so dass man dieses Lied als eine Art Widmung verstehen kann. Ich wusste auch nicht, dass dieses Lied zunächst gar nicht Teil eines Zyklus sein sollte, denn erste Skizzen dazu entstanden schon in den Jahren 1946/47. Erst nachträglich wurde dieses Lied den Kompositionen auf Gedichte Hermann Hesses hinzugefügt.


    Es ist tatsächlich so, wie Wolfram sagt. Es ist eine andere Art des "Genießens", wenn man über solche Kenntnisse verfügt. Aus dem schlichten "Genießen" wird ein bewusstes Hören (was den Genuß ja in gar keiner Weise mindert!). Ich begreife jetzt mit einem Mal viel besser die unglaubliche Innigkeit des Tons und die Feierlichkeit der Introduktion bei diesem Lied, wenn ich weiß, mit welcher Intention es von Strauss komponiert wurde.

  • Karl Böhm ist so ziemlich der einzige, der sich wagt, die Tempovorschriften von Strauss zu berücksichtigen. Darum - aber nicht nur: Lisa della Casa singt großartig - sei auch seine Aufnahme empfohlen.

    Habe mir diese Aufnahme gestern angehört und möchte Wolfram beipflichten und antworte mit dem Text aus einem anderen wunderschönen RS-Lied: "...Habet Dank!"


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Ich möchte an meinen letzten Beitrag und die dort vertretene Auffassung anknüpfen, dass Kenntnisse über die musikalische Struktur eines Liedes oder das Wissen um die Hintergründe seiner Komposition den „Genuss“ desselben nicht nur nicht stören oder trüben, sondern diesen auf eine höhere Ebene heben: Die des bewussten Hörens. Und das ist eine ganz besondere Form von Genuss, den ich gegenüber dem unreflektierten Hören entschieden bevorzuge, - ohne freilich daraus eine Tugend zu machen und dies meinen Mitmenschen empfehlen zu wollen.


    Gerade habe ich mir noch einmal durchgelesen, mit welchen Worten hart diesen Thread eröffnet hat. Da findet sich ein Satz, an dem ich, den Thread weiterführend, ansetzen möchte. Er lautet:
    „Mitunter wird bekrittelt, dass Strauss nur Texte von Dichtern aus „der zweiten Reihe“ vertont hat“.

    Nun ist diese Feststellung sicher nicht einfach eine „Bekrittelung“, sondern eine schlichte Tatsache. Die wirklich bedeutenden zeitgenössischen Lyriker, also etwa Rilke, Trakl oder Hofmannsthal hat Strauss in seinen Liedern nicht berücksichtigt, statt dessen aber Namen, die, im Vergleich mit den eben genannten, sicher zweitrangig sind: Henry Mackay, Karl Henkell, Karl Busse, Hermann von Gilm, Friedrich von Schack, Otto Julius Bierbaum u.a.


    Aber hart hat natürlich recht mit dem, was er mit der Verwendung des Wortes „bekritteln“ indirekt sagen möchte: Mit der Qualität der Lieder von Strauss hat das nichts zu tun; das ist ein diesbezüglich irrelevanter Sachverhalt.


    Es gibt aber noch eine Unterstellung, die man bei Strauss gar zu gerne macht: Nämlich die, dass er in seiner kompositorischen Beschäftigung mit schönheitstrunkener Feld-, Wald- und Wiesenlyrik kompostorisch dem Geist seiner Zeit nicht gerecht geworden wäre. Und diese Unterstellung ist nun gleichermaßen unsinnig. Die Bedeutung von Straussens Liedkomposition liegt geradezu darin, dass er eben diesen Zeitgeist in genialer Weise kompositorisch zu fassen und zu erfassen verstand.


    Ein Beispiel dafür. Es ist – leider – zu wenig bekannt dass Strauss in seinem 1899 entstandenen Opus 39 die sozialikritische Arbeiterliteratur aufgegriffen hat. Nun war er ja sicher kein Klassenkämpfer und meilenweit entfernt von jeder Art von sozialrevolutionärer Agitation. Aber er war ein hellwacher Beobachter der gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Gegebenheiten seiner Zeit und hat mit seiner Musik darauf reagiert.


    Zwei seiner – musikalisch wirklich bedeutenden – Lieder sind solche auf Texte von Richard Dehmel, eben diesem Opus 39 zugehörig: „Der Arbeitsmann“ („Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind, mein Weib“) und „Lied an meinen Sohn („Der Sturm behorcht mein Vaterhaus“). Bedeutsam sind diese Lieder, weil sie kompositorisch ungewöhnlich kühn sind, - ähnlich wie die von mir hier besprochenen Brentano-Lieder Opus 68, die auch kaum einer kennt. Das „Lied an meinen Sohn“ weist eine Klavierbegleitung auf, die so komplex ist, dass Strauss als Begleiter selbst an ihr verzweifelte. Er meinte einmal, nach einer Aufführung mit Ludwig Wüllner: „Fast hätt ichs wieder nicht herausgebracht, der Teufel soll das spielen!“


    Man mag sich hier ja gerne über einen Menschen mokieren, der den Sinn eines solchen Liedforums nicht allein oder vordringlich darin sehen mag, dass man Bildchen von CDs abbildet und sich über die Frage ereifert, was wohl die ultimative Aufnahme von diesem oder jenem Lied oder Liederzyklus sei. Man ist es, so denke ich, einem solch bedeutenden Komponisten wie R. Strauss einfach schuldig, sich mit der ganzen Breite seines Liedschaffens auseinanderzusetzen. Das muss ja nicht mit der liedanalytischen Brille geschehen. Es genügt eine schlichte Beschreibung des Höreindrucks einzelner Lieder. Das Abbilden von CD-Covers mit dem Bild dieses Komponisten oder dem seines Interpreten genügt – aus meiner Sicht – ganz sicher nicht.

  • Es müsste mindestens mal gezeigt werden, dass mit diesen Liedern Strauss nicht nur einen Höhepunkt seiner klangmagischen Fähigkeiten erreicht, sondern darüberhinaus einen persönlichen Ton in seine Liedkomposition gebracht hat, wie man ihn sonst in seinem Liedwerk in dieser Form nirgends findet.


    "In dieser Form" ist natürlich insofern richtig, dass Strauss am Ende seines Lebens stand. Aber die Lieder "Morgen" und "Ruhe, meine Seele" sind wohl auch sehr persönliche Lieder. Richard Strauss hatte sie seiner Frau Pauline zum 10. September 1894 gewidmet, da wurden beide in der kleinen Burgkapelle St. Veit getraut. Das sind sehr persönliche Lieder des jungen Strauss, die bereits in Weimar entstanden. In einem Bericht fand ich dazu folgende Textpassage:


    "Das in den Texten vorherrschende Thema der Versöhnung nimmt überdeutlich Bezug auf die mehr als stürmische Weimarer Verlobungszeit, deren zahlreiche Zerreißproben nicht nur von der verständlichen Anspannung herrührten, unter der das Paar in den Wochen vor der Uraufführung der heftigst umkämpften Erstlingsoper "Guntram" standen."


    Auch Lotte Lehmann (bei Proben im Privathaus von Strauss) hatte den Eindruck, dass es bestimmte Lieder gab, die bei den Eheleuten Erinnerungen weckten, die niemand teilen konnte und Erlebnisse einschlossen - "heilig und rührend für sie beide".


  • Zu dem Beitrag von hart:


    Ich meinte die von ihm rot markierte Passage meines Beitrags nicht in dem biographischen Kontext, den hart hier anspricht. Um den biographischen Hintergrund einzelner Lieder oder Liedgruppen von Strauss ging es mir dabei nicht. Also nicht um diese Art von "persönlichem Ton".


    Ich meinte diese Bemerkung im Sinne eines ganz und gar subjektiven Bekenntnisses der eigenen Lebenshaltung, und zwar in der Form, wie dieses sich kompositorisch niederschlägt. In diesem Sinne sind die "Vier letzten Lieder" tatsächlich singulär in Straussens Liedschaffen.

  • Mit meinem letzten Beitrag bin ich den Einwänden von hart nicht voll gerecht geworden. Tut mir leid. Ich mache deshalb einen Nachtrag.


    Die Hinweise auf den biographischen Hintergrund einzelner Lieder von Strauss, die hart hier gibt, sind natürlich sachlich zutreffend. Sie stehen aber nicht in einem direkten Bezug zu dem, was ich meinte. Ich glaube, ich habe mich mit der Bezeichnung "persönlicher Ton" nicht präzise genug ausgedrückt. Deshalb noch eine Klarstellung.


    Wenn Schumann oder Pfitzner Gedichte von Eichendorff vertonen, dann gehen sie mit einer anderen Haltung an diese heran, als Strauss das bei seinen Lyrikern getan hat. Während bei Schumann und Pfitzner eine persönliche Identifikation mit dem Gehalt der Lyrik erfolgt, nimmt Strauss den lyrischen Texten gegenüber eine Haltung ein, die ich einmal "mehr artifiziell" nennen möchte. Das ist nicht abwertend gemeint, sondern bringt eher zum Ausdruck, dass er der modernere Komponist ist. Mit "artifziell" meine ich eine kompositorische Haltung, die nicht auf eine personale Identifikation mit Gehalt des lyrischen Textes ausgerichtet ist, sondern darauf abzielt, zu den lyrischen Bildern ein klanglich-musikalisches Pendant zu schaffen.


    Mir ist bewusst, dass solche Verallgemeinerungen problematisch sind, cum grano salis sind sie in diesem Fall aber zutreffend. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf das Bekenntnis von Strauss selbst. Er sagt zum Zustandekommen seiner Lieder in einem Brief an einen Freund:


    "Aus dem musikalischen Gedanken, der sich - weiß Gott wie - innerlich vorbereitet hat, entsteht, wenn sozusagen das Gefäß bis oben voll ist, im Handumdrehen ein Lied, sobald ich beim Blättern im Gedichtbuch auf ein nur ungefähr im Inhalt korrespondierendes Gedicht stoße."


    Das ist nicht die kompositorische Haltung, wie sie etwa Schubert, Schumann oder auch noch Pfitzner eingenommen haben, die sich primär vom Gehalt eines lyrischen Textes angesprochen fühlten und dann zur Komposition übergingen. Bei Strauss liegt eindeutig ein Fall von Primat der Musik vor. Natürlich hat Strauss mit jedem seiner Lieder "etwas Persönliches " zu sagen. Aber das nicht im Sinne eines ganz persönlichen, weltanschaulich geprägten Bekenntnisses. Die "Vier letzten Lieder" haben aber - vom übrigen Liedwerk Straussens abweichend - durchaus diesen Bekenntnischarakter. Er hat ja zum ersten Mal bei diesem Werk Gedichte von Hesse und Eichendorff ausgewählt. Und das tat er, wie man weiß, ganz bewusst mit Blick auf die ihnen inhärente lyrische Aussage.

  • Die mit Abstand beste Interpretation dieser Lieder in der Orchesterfassung, die ich kenne, ist die Von Elisabeth Schwarzkopf. Sie wird vom RSO Berlin unter George Szell begleitet. Die Aufnahme ist bei der EMI erschienen und bekam damals zu Recht den Grand Prix du Disque.



    Der Empfehlung "Schwarzkopf" kann ich nicht folgen, warum:


    Grundsätzlich gelten für mich unterschiedliche Präferenzen für die CD-Auswahl; musikalische Interpretation, Klang von Orchester und Gesangsstimmen, technische Aufnahme - und die Reihenfolge wechselt.


    Ich verweise auf "Interpreten der Klassikwelt - Die berühmte Stimme" und dort im Thread "Bach-Sängerinnen", Beitrag Nr. 8; außerdem im Thread "Den erkenn' ich blind..." die Beiträge von "wok" und mir zu H. Prey.


    Bei der "Winterreise" hatte ich das Glück, mit FiDi und Moore für mich insgesamt das Optimum zu bekommen - Prey hat gewiss z. T. eine gute Interpretation, aber seine Intonationsprobleme - "wok" nennt das anders - machen seine Aufnahmen für mich indiskutabel.


    Bei Frau Schwarzkopf ist mir das Vibrato zu stark, auch meine ich, Schwächen in der Stimmtiefe zu hören.


    Nach dem Hören der meisten JPC-Schnipsel, muss ich nun noch eine Auswahl treffen zwischen den Sängerinnen Studer, Popp, Lott, Kaune und Kuhse - dass ich dabei Kompromisse in der musikalischen Interpretation in Kauf nehmen muss wird unvermeidbar sein.


    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Kleine Korrektur:


    Das war keine "Empfehlung", sondern eine subjektive Meinungsäußerung, wie man an dem Zitat erkennen kann. Aber ich hätte auch diese unterlassen sollen. Töricht, wie man manchmal ist, leistet man zuweilen einer Sache Vorschub, von der man absolut nichts hält: Dem Spiel "Die ultimative Aufnahme".


    Soweit ich sehen kann, sind sie im Thread "Vier letzte Lieder" alle aufgelistet, die angeblich besten Aufnahmen des Zyklus. Da kann man sich doch eigentlich bedienen.

  • In den Eingangsbemerkungen dieses Threads wurde festgestellt, dass es relativ wenige Lied-CDs (zumindest wenn man die zahlreichen „Vier letzte Lieder“ -Einspielungen ausklammert) von Strauss-Liedern mit Männerstimmen gibt. Neuerdings kann man zu den sechs genannten Aufnahmen aus neuerer Zeit noch eine siebente hinzufügen (Siehe Abbildung).



    Damit nicht nur das Bild dieser CD hier steht, sollen einige Informationen an Interessierte gegeben werden. Zu den Interpreten möchte ich – zumindest vorerst – nicht viel sagen, weil sich Leser diese Daten im Internet beschaffen können.


    Der Tenor Daniel Behle ist ein typischer Mozartsänger und hat auch eine schöne „Müllerin“ und einiges sonst gemacht, steht nun aber mit den Strauss-Liedern (bei einigen Aufnahmen) mit den Herren Peter Anders, Fritz Wunderlich, Ben Heppner, Gösta Winbergh, Jonas Kaufmann …(die Aufzählung legt keinen Wert auf Vollständigkeit) in einer Reihe.


    Natürlich kann der Liedfreund seine Schätze herauskramen und das Vergleichshören starten, aber das bringt ja in aller Regel subjektive Ergebnisse.


    Was objektiv und positiv über diese CD gesagt werden kann, ist der Hinweis auf ein sehr informatives Booklet. Aus Interpretensicht ist hier begründet, warum eine bestimmte Passage so und nicht anders gesungen wird. Das Programm der 23 Lieder ist eine gelungene Mischung von Altvertrautem und Nicht- oder Seltengehörtem. Alle Liedtexte sind abgedruckt.


    Lieder wie zum Beispiel „Herr Lenz“ / „Die Zeitlose“ / „Schön sind, doch kalt die Himmelssterne“ / „Hoffen und wieder verzagen“ / „Mein Herz ist stumm, mein Herz ist kalt“, kenne ich nur von Dietrich Fischer-Dieskaus Aufnahmen aus den 1960/70er Jahren.

  • Diese Aufnahme von Strauss-Liedern mit Daniel Behle wird mit der kommentierenden Bemerkung "neu interpretiert" vorgestellt. Worin nun aber das Neue an dieser Interpretation bestehen soll, das vermag ich leider nicht herauszuhören. Man erfährt in dem Beitrag auch nichts darüber.


    Es sind größtenteils die "üblichen Strauss-Lieder", die man da hört: "Ständchen", "Herr Lenz", "Freundliche Vision", "Heimliche Aufforderung". "Zueignung", "Die Georgine", "Wozu noch Mädchen" und so weiter. Die Zahl der weniger bekannten Lieder hält sich in Grenzen. Und ich höre diese Lieder so interpretiert, wie ich das kenne. Wozu also diese Neuaufnahme?


    Gelesen habe ich den Kommentar von Daniel Behle:
    'Ich bin ja lyrischer Tenor, da lernt man eben im Studium die Schöne Müllerin, dann die Dichterliebe und irgendwann die Winterreise (aber damit lasse ich mir noch Zeit). Jetzt habe ich mich gefreut, abseits des leicht Lyrischen die andere Seite aufzumachen: in die Spätromantik einzutauchen und darin das der Welt Zugewandte, Aktive, Zupackende zu entdecken.'


    Auch diese Bemerkung gibt mir Rätsel auf: Worin besteht in den oben erwähnten Liedern "das der Welt Zugewandte, Aktive, Zupackende"? Doch nicht etwa in solchen Versen wie "Auf, hebe die funkelnde Schale empor zum Mund"?

  • Selten habt ihr mich verstanden,
    Selten auch verstand ich euch

    Dieser Thread beginnt mit der Feststellung, dass es über die Jahre hinweg relativ wenige CD-Veröffentlichungen von Männerstimmen mit Liedern von Richard Strauss gibt. Das mindeste, was so ein Thread bieten muss, ist, dass man auf eine solche Neuerscheinung hinweist. Denn bevor ich überhaupt ein Lied höre, benötige ich eine Quelle, aus der ich schöpfen kann.
    Noch eine Bemerkung zu dem von mir als „selten“ bezeichneten Strauss-Liedern. „Herr Lenz“ ist mitnichten ein bekanntes Strauss-Lied – wenn dem so wäre, hätte ich die Entwicklung der letzten 30 Jahre total verschlafen; ich kenne dieses Lied lediglich von Dietrich Fischer-Dieskau. Schon möglich, dass Harald Kral noch was in Petto hat, aber im Wesentlichen sieht es so aus:

    Diese Strauss-Lieder werden auf CDs mit verschiedenen Komponisten angeboten:

    Ben Heppner: Ruhe, meine Seele / Cäcilie / Heimliche Aufforderung / Morgen
    Nicolai Gedda: Heimliche Aufforderung / Die Nacht / Heimkehr / Liebeshymnus
    Volker Bengl: Allerseelen / Traum durch die Dämmerung / Morgen
    Fritz Wunderlich: Heimliche Aufforderung / Ich trage meine Minne / Ständchen / Morgen / Zueignung



    Zitat

    Und ich höre diese Lieder so interpretiert, wie ich das kenne. Wozu also diese Neuaufnahme?

    Dieses Zitat erinnert mich an einen Witz:
    Am Stammtisch braucht man ein Geburtstagsgeschenk; ein Buch – wird vorgeschlagen, aber mit der Begründung „er hat schon eines“, abgelehnt …
    Ja soll denn die nachrückende Generation ganz mit dem Singen aufhören?

    Und nun zu den Bemerkungen von Daniel Behle bezüglich seiner Zurückstellung der „Winterreise“; natürlich sieht der junge Mann das richtig! Aber bevor ich das versuche zu erklären, lasse ich Peter Schreier zu Wort kommen, einen Mann, der tatsächlich weiß wovon er spricht, und der was geleistet hat.


    Schreier-Biografie Im Rückspiegel – Erinnerungen und Ansichten (Seite 65)


    „Mit fünfzig Jahren habe ich zum ersten Mal diesen Zyklus gesungen. Warum habe ich so lange gezögert? Ich fühlte mich einfach noch nicht reif dafür, Hoffnungslosigkeit, Todessehnsucht oder Depression mit meiner Stimme auszudrücken. Ich glaubte, man könne nur dann den richtigen Ton treffen, wenn man schon einen Blick >hinter das Leben< getan hätte. Auch interpretatorisch technische Gründe veranlassten mich, die >Winterreise< solange aufzuschieben, die Klangfarbe eines hellen lyrischen Tenors scheint dem Charakter, der Stimmung des Werkes weniger angemessen. Nun hat sich im Laufe der Jahre meine Stimme >gesetzt<, die Tiefe ist profunder geworden, und sängerische Erfahrung bringt es mit sich, dass ich mehr Mut gewonnen habe, auch die Tiefe frei klingen zu lassen.“



    Über das „Zupackende“ bei Strauss sage ich ein andermal etwas, da muss ich erst einige dieser Lieder anhören, um in Stimmung zu kommen. Daniel Behle mag vielleicht kein Wortakrobat sein, aber singen kann er, wenn ich ihn am 3. Juni 2012 in Schwetzingen gehört haben werde, kann ich sogar Genaueres sagen – ich liebe eben Gesang, kann auch nichts dafür ...


  • Es gibt noch eine sehr schöne Aufnahme auf CD mit Siegfried Jerusalem, als er noch lyrischer Tenor war.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Auf den von hart hier zum besten gegebenen (ein wenig peinlich alten) Witz muss man wohl nicht eingehen. Wohl aber auf die nachfolgende Frage:


    Zit.: "Ja soll denn die nachrückende Generation ganz mit dem Singen aufhören?"


    Natürlich nicht! Wer käme denn auf eine solche Idee! Darauf zielte doch meine Kritik gar nicht ab. Sie richtete gegen die Qualifizierung diese Neuaufnahme von Strauss-Liedern als "Neu-Interpretation" derselben. Darin steckt die Behauptung, dass Daniel Behle diesen Liedern sängerisch neue Aspekte und musikalische Aussagedimensionen abgewonnen habe.


    Und diese vermag ich nicht zu hören und zu erfassen. Dieses - und nur dieses - war die Aussage meines Beitrages. Man darf, so denke ich, hie und da auch mal die Frage stellen, ob Neuaufnahmen wirklich etwas bringen. Ich beziehe das auf die musikalische Aussage der Lieder selbst und klammere dabei den Aspekt aus, dass es auch einfach eine Freude an der stimmlichen Leistung eines Sängers geben kann. Also daran, die alten Lieder mal im klanglichen Gewand und im Timbre einer neuen Stimme zu hören.


    Es ist dabei freilich eine andere Frage, ob man das, was man da hört, wirklich als eine "Neu-Interpretation" der Lieder einstufen kann und als solche qualifizieren darf.

  • Nur das Etikett „NEU“ bringt natürlich nichts, aber ich frage mich dann schon, warum zum Beispiel Dietrich Fischer-Dieskau es nicht bei einer „Winterreise“ belassen hat – natürlich ist das eine rhetorische Frage; mir braucht man das nicht zu erklären.


    Genau so interessant und regelrecht spannend ist aber auch wie Gösta Winbergh im Jahre 1993 „Befreit“ gesungen hat und wie das heutzutage der lyrische Tenor Daniel Behle tut. Da ist einfach etwas Neues entstanden. Wie gesagt, nur „Neu“ ist zu wenig, aber ich hatte meine Bereicherung alleine schon mit diesem einen Lied. Das hat überhaupt nichts mit besser, mittelmäßig oder schlechter zu tun - es ist anders!


    Letztendlich haben die Leute, die so etwas entstehen lassen, vermutlich Musik studiert und gehen an so eine Sache auch nicht ganz unbedarft heran.

  • Warum es Fischer-Dieskau nicht bei einer Winterreise-Interpretation belassen hat, das kann man erkennen, wenn man sich seinen verschiedenen Interpretationen intensiv hörend widmet.


    Darum geht es mir doch: Um die Frage nämlich, ob ein Sänger im Umgang mit dem Lied interpretatorisch etwas zu sagen hat, oder ob er einfach ein liedkompostorisches Werk neu einsingt, weil ihn das sängerisch reizt.


    Das sei ihm ja belassen und zugestanden. Aber unsereiner darf wohl doch die Frage stellen, ob dabei etwas wirklich Relevantes herausgekommen ist.

  • Mit fünfzig Jahren habe ich zum ersten Mal diesen Zyklus gesungen. Warum habe ich so lange gezögert? Ich fühlte mich einfach noch nicht reif dafür, Hoffnungslosigkeit, Todessehnsucht oder Depression mit meiner Stimme auszudrücken. Ich glaubte, man könne nur dann den richtigen Ton treffen, wenn man schon einen Blick >hinter das Leben< getan hätte.


    Mit dieser Bemerkung, von hart zitiert, irrt Peter Schreier aber gewaltig. Er hätte die WINTERREISE nach meiner Auffassung auch mit 50 nicht singen sollen. Sie liegt ihm nicht. Schubert, der Komponist, war ein junger Mann. Peter Anders oder Dietrich Fischer-Dieskau haben ihre besten Interpretationen in jungen Jahren zustande gebracht. Sie waren frei, ehrlich und in einer gewissen Weise unbekümmert. Bei Schreier merkt den akademischen Zeigefinger. Er macht zu viel Kunst und verbaut sich damit die Wirkung. Der ganze Zyklus ist inhaltlich, wörtlich genommen oder ins Allgemeine abstrahiert, ein junges Thema. Einem gestandenen Mann passiert doch nicht, was sich in diesem Zyklus zuträgt. Das macht ihn so packend. Hier schreit eine junge verlorene Generation auf. Ich habe Behle mit den Strauss-Liedern nicht gehört, weil ich grundsätzlich nicht so viel halte von ihm. Aber er sollte die WINTERREISE oder die MÜLLERIN jetzt singen und nicht mit 50!


    Rheingold

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Ob Peter Schreier den "Winterreise" besser hätte nicht singen sollen, darüber kann man streiten. Ebenso darüber, dass sie ihm angeblich "nicht liege", bzw. gelegen haben konnte. In einem Punkt irrt aber Rheingold1876 seinerseits, nämlich in der These, die "Winterreise" betreffend:


    Zit.Rheingold1876: "Der ganze Zyklus ist inhaltlich, wörtlich genommen oder ins Allgemeine abstrahiert, ein junges Thema."


    Das ist er allenfalls deshalb, weil es hier um einen noch jungen Mann geht, der eben in diese "Winterreise" eintritt. Das Thema selbst - und vor allem die künstlersiche Aussage! - hat mit "Jugendlichkeit" nichts zu tun. Das kann man vielleicht von der "Schönen Müllerin" als Interpretationsansatz formulieren, für die "Winterreise" geht es am künstlerischen Kern des Zyklus vobei: In seinem Zentrum steht ein gebrochener, in eine existenzielle Grenzsituation geratener Mensch.


    Und deshalb - so meine ich - ist die Annahme, dass es zur Interpretation der "Winterrese" einer gewissen künstlerischen Reife bedarf, eine sehr wohl berechtigte und gut begündete.


    Aber hier geht es ja um die Strauss-Lieder, gesungen von Daniel Behle. Also sollte man das Them "Winterreise" hier außen vor lassen.

  • Ja, kehren wir zu Strauss zurück.


    Zitat

    Auch diese Bemerkung gibt mir Rätsel auf: Worin besteht in den oben erwähnten Liedern "das der Welt Zugewandte, Aktive, Zupackende"? Doch nicht etwa in solchen Versen wie "Auf, hebe die funkelnde Schale empor zum Mund"?

    Darauf wollte ich noch eine Antwort versuchen und habe überlegt, was wohl Daniel Behle damit gemeint hat. Natürlich könnte nur der Sänger selbst eine erschöpfende Antwort geben. Aber ich habe einen Beitrag von Helmut Hofmann im Thread: "Was bewog Komponisten um 1900 Lieder zu schreiben" gefunden (20. November 2010, Beitrag 21)


    Zitat

    Damit soll darauf hingewiesen werden, dass seine Lieder mehr oder weniger stark auf den "Effekt" und die große musikalische Geste hin angelegt sind. Die schöpferische Energie des Komponisten richtet sich nicht nur nach innen, auf die subtile Ausleuchtung der Binnenstruktur des lyrischen Textes, sondern sie möchte auch nach außen hin wirken, hinein ins Publikum und auf den Hörer.

    Wenn Herr Behle von "das der Welt Zugewandte" spricht, meint er vielleicht das "nach außen hin wirken". Ich weiß es nicht, aber vermuten könnte man es schon.
    .

  • Zit.hart: „Ja, kehren wir zu Strauss zurück.“

    Diesem „Ja“ ist voll und ganz zuzustimmen.


    Es ist ja nicht so, dass man das Entzücken über den Strauss-Liedinterpreten Daniel Behle nicht irgendwo nachvollziehe könnte. Wer die Lieder von Strauss mag, findet in ihm einen Sänger, der über eine faszinierend lyrisch-weiche und flexible, also durchaus Strauss-gemäße Stimme verfügt.


    Aber die Sänger der Lieder sind das eine, die Lieder selbst das andere. Und hier ist nun festzustellen, dass das, was hart in dem Zitat von mir hier anführt, nur die eine Seite des Liedkomponisten Richard Strauss ist. Die andere ist aus den Beiträgen zu erfassen, die in diesem Thread weiter oben zu finden ist.


    Und dort steht, die liedkompositorische Grundhaltung von Richard Strauss betreffend, zum Beispiel zu lesen:


    „Es gibt aber noch eine Unterstellung, die man bei Strauss gar zu gerne macht: Nämlich die, dass er in seiner kompositorischen Beschäftigung mit schönheitstrunkener Feld-, Wald- und Wiesenlyrik kompostorisch dem Geist seiner Zeit nicht gerecht geworden wäre. Und diese Unterstellung ist nun gleichermaßen unsinnig. Die Bedeutung von Straussens Liedkomposition liegt geradezu darin, dass er eben diesen Zeitgeist in genialer Weise kompositorisch zu fassen und zu erfassen verstand.“


    Es ist also vielleicht wirklich sinnvoll, „zu Strauss zurück“ zu kehren.

  • Zitat

    Es ist ja nicht so, dass man das Entzücken über den Strauss-Liedinterpreten Daniel Behle nicht irgendwo nachvollziehe könnte.

    Dass ich „entzückt“ bin, wird man in meinem Beitrag nicht finden … Eigentlich fühlte ich mich eher in der Rolle des Berichterstatters, der mitteilt, dass da eine neue CD mit Liedern von Richard Strauss herausgekommen ist.

    Vor einiger Zeit hörte ich Jonas Kaufmann mit Strauss-Liedern in Schwarzenberg – da war ich in der Tat entzückt und begeistert!


    Nun werde ich in Schwetzingen zunächst mal gut zuhören, denn Herr Behle hat hier ein Mordsprogramm vorgelegt: Beethoven / Schubert / Grieg und Strauss.


    Über „Komponistenmischung“ könnte und sollte man vielleicht an anderer Stelle einmal diskutieren (natürlich habe ich Helmut Hofmanns Bemerkungen bezüglich eines Liederabends in New York noch im Hinterkopf …)


    Die Liederblöcke werden (in Schwetzingen) in der oben dargestellten Folge dargeboten und acht Lieder von Richard Strauss stehen am Ende des Programms, wo sie folgerichtig auch hingehören.
    „Morgen!“ Op. 27 Nr.4 ist der letzte Programmpunkt; ein Lied, über das ich demnächst etwas zu sagen beabsichtige, natürlich aus der Sicht der unterschiedlichen Interpretationen … Morgen, ein sehr schönes Lied mit einer ganz wunderbaren Hinführung durch das Piano.

  • Zit. hart: "Dass ich „entzückt“ bin, wird man in meinem Beitrag nicht finden …"

    Der Begriff "Entzücken" war von mir in gar keiner Weise abschätzig gemeint. Lieder können entzücken. Und sie können das nur, wenn man sie gesungen hört und erlebt. Beim Blick in die Noten bleiben sie auf eine eigentümliche Art stumm.


    Viele Lieder von Richard Strauss können solches Entzücken bereiten, - in der Aufnahme von Daniel Behle zu erleben.

  • farinelli hat zwar in seinem Beitrag Nr. 23 vom Oktober 2010 schon einmal auf dieses Lied hingewiesen und auch den Text eingestellt, aber hier sind einige andere Gedanken zu diesem Lied. Damit die Leser dieser Seite nicht umblättern müssen, sei der Text nochmals abgedruckt.
    Der Liederzyklus op. 27 entstammt dem sehr privaten Bereich, was in der Widmung: „Meiner geliebten Pauline zum 10. September 1894“ zum Ausdruck kommt. An diesem Tag wurden Richard Strauss und Pauline de Ahna getraut. Entstanden sind diese vier Lieder: Ruhe, meine Seele / Cäcilie / Heimliche Aufforderung / Morgen! / jedoch bereits im Frühjahr 1894 in Weimar, wo Strauss Kapellmeister und Pauline seine bevorzugte Gesangssolistin war.
    Morgen! ist wohl eines der meistgesungenen Strauss-Lieder. Alleine in der historischen Raucheisen-Edition wird dieses Lied von drei Sopranistinnen angeboten (Elisabeth Rethberg, Michi Tanaka und Elisabeth Schwarzkopf). Aber auch in den nachfolgenden Jahren wurde gerade dieses Strauss-Lied von vielen Sängerinnen und Sängern interpretiert, es ist kaum möglich, eine vollständige Liste zu erstellen. Auch hier bietet YouTube viele Möglichkeiten dieses Lied anzuhören.
    Gleich zum Beginn findet man auf dem Notenblatt die Bezeichnung „Langsam“ und man darf wohl annehmen, dass alle Interpreten auf diesem Informationsstand sind. Dennoch finden sich bei den 22 Aufnahmen meiner „Morgen“-Aufnahmen sehr große Unterschiede, was jedoch nichts mit dem subjektiven Eindruck allein erklärbar ist, sondern auch objektiv an der sekundengenauen Abspielzeit festzustellen ist. Extrem aufgefallen ist mir das bei einer Aufnahme von Peter Schreier, der nur 2:58 benötigt (Salzburger Festspiele 1979) einerseits und einer Aufnahme mit dem Tenor Ben Heppner, (1998, dessen Stimme erst nach einem unwahrscheinlich langen Vorspiel von 1:17 Minuten einsetzt und der sich für das ganze Lied tatsächlich 4:40 Minuten Zeit lässt. (Dietrich Fischer Dieskau 4:18
    Ich möchte diese Zahlenspiele hier nicht übertreiben, aber darauf hinweisen, dass 2:58 und 4:40 eindeutige Interpretationsunterschiede sind.
    „Morgen!“ ist ein sehr intimes, ruhiges Lied, das mit einem relativ langen Vorspiel beginnt und das konzentriert gehört werden sollte (aber das gilt natürlich für jedes Lied)



    Noch ein kurzer Hinweis zum Textdichter: John Henry Mackay (1864-1933) ist zwar in Schottland geboren, hat jedoch dort nur ein Jahr gelebt und gilt als deutscher Dichter


    Morgen!


    … Und morgen wird die Sonne wieder scheinen,
    Und auf dem Wege, den ich gehen werde,
    Wird uns, die Seligen, sie wieder einen,
    Inmitten dieser sonnenatmenden
    Erde . . .


    Und zu den Strand, dem weiten, wogenblauen,
    Werden wir still und langsam niedersteigen.
    Stumm werden wir uns in die
    Augen schauen,
    Und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen . . .


    John Henry Mackay

  • Faszinierend an dem Lied „Morgen“ von Richard Strauss ist – aus meiner Sicht – wie er kompositorisch auf eine Eigentümlichkeit des lyrischen Textes reagiert. Das sprachlich Auffällige an dem Gedicht von John Henry Mackay ist ja doch das häufige Auftreten der Konjunktion „und“ an einer Stelle, wo sie gar nicht hingehört: Am Anfang des Verses nämlich.


    Vier Mal geschieht das, und es soll wohl den Fiktionalismus der lyrischen Bilder hervorheben, die in diesem Gedicht wie eine Abfolge von Visionen aneinandergereiht sind. Bezeichnend dafür ist, dass das alles in drei Pünktchen am Ende mündet. Im Grunde für jeden lyrischen Dichter eigentlich eine Kapitulationserklärung.


    Strauss geht mit dieser Eigenart des Gedichts, die im Grunde ja eigentlich eine dichterische Schwäche ist, kompositorisch großartig um. In die ruhig im Klavier dahinfließende Melodie am Anfang drängt sich die Singstimme fast überraschen rezitativisch hinein: In syllabisch exakter Deklamation steigen in der melodischen Linie die Achtel auf: „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen…“.


    Wie ich überhaupt finde, dass der Reiz dieses Liedes in der Spannung zwischen der Klangflut des Klaviersatzes und der stark rezitativisch geprägten melodischen Linie der Singstimme liegt. Man höre die Worte: „Und zu dem Strand, dem weiten, wogenblauen…“. Die Singstimme bewegt sich hier mit einer eigentümlichen Beharrlichkeit, ja Schwere, fast kontrapunktisch zu den Klängen, die das Klavier entfaltet. Und auch die Coda: Rezitativisch geprägtes Singen über geheimnisvoll wirkenden Akkorden im Klavier.


    Strauss ist als Komponist für Orchester ein Klangmagier. Bei seinen Klavierliedern entfaltet diese seine Eigenschaft immer wieder einmal eine eigentümlich reizvolle Diskrepanz und klangliche Innenspannung zwischen in der Deklamation syllabisch eng geführter Singstimme und orchestral gestaltetem Klaviersatz.


    So zu hören und zu genießen in diesem Lied.

  • Der Dichter dieses Liedes ist weit prominenter als John Henry Mackay. (Beitrag 58)


    Richard Dehmel führte ein bewegtes Leben und war auch zu seiner Zeit eine bekannte Persönlichkeit, wobei sein „Skandal-Gedicht“ (Venus Consolatrix), diesen Bekanntheitsgrad noch steigerte. Außer Richard Strauss vertonten auch andere bekannte Komponisten wie zum Beispiel Pfitzner, Reger, Schönberg, Webern … und sogar Alma Mahler Gedichte von Dehmel.


    Speziell zu dem Lied „Befreit“ möchte ich auf die Vertonung von Carl Goldmark hinweisen, der „O Glück!“ alleine in der ersten Strophe fünf Mal singen lässt, und auch sonst mit Wortwiederholungen arbeitet, was einmal mehr beweist, dass Komponisten mitunter ganz wesentlichen Einfluss auf den Text nehmen.


    Das Lied von Richard Strauss ist 1898 entstanden und wurde 1933 orchestriert.


    Dehmel selbst erklärte, dass es sich bei dem Gedicht „Befreit“ um die Trennung zweier Liebenden ebenso handeln könne wie um den Tod.


    Es ist ein unbeschreiblich schönes Lied. Zwischen den Strophen eine kleine Pause der Singstimme. Das „weinen“ in der vorletzten Zeile wird mit ganz langem Atem gesungen und danach lässt Strauss „O Glück“ wiederholen und sehr weit aussingen – dann klingt das Lied mit ganz weichen Klaviertakten aus.


    Befreit Richard Dehmel (1863-1920)


    Du wirst nicht weinen. Leise
    Wirst du lächeln und wie zur Reise
    Geb' ich dir Blick und Kuß zurück.
    Unsre lieben vier Wände, du hast sie bereitet,
    Ich habe sie dir zur Welt geweitet;
    O Glück!


    Dann wirst du heiß meine Hände fassen
    Und wirst mir deine Seele lassen,
    Läßt unsern Kindern mich zurück.
    Du schenktest mir dein ganzes Leben,
    Ich will es ihnen wieder geben;
    O Glück!


    Es wird sehr bald sein, wir wissen's beide,
    Wir haben einander befreit vom Leide,
    So gab' ich dich der Welt zurück!
    Dann wirst du mir nur noch im Traum erscheinen
    Und mich segnen und mit mir weinen;
    O Glück!