Reger, Max: Die Streichquartette

  • Max Reger (1873 – 1916) ist vielleicht am ehesten den Organisten im Bewusstsein. Kapitale Werke hat er für das größte der Instrumente geschaffen, etwa die Fantasie und Fuge über B-A-C-H op. 46, die Symphonische Fantasie und Fuge op. 57, die zweite Sonate d-moll op. 60, Introduktion, Variationen und Fuge fis-moll über ein Originalthema op. 73, dazu sieben große Choralfantasien, von denen diejenige über „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ op. 52,2 wohl die bekannteste ist. Und vieles anderes mehr, von kleinsten Formen wie in den Choralvorspielen op. 135a bis hin zur 1. Suite e-moll op. 16, die sogar bei der rasend schnellen Rosalinde Haas fast vierzig Minuten dauert.


    Sänger leistungsfähiger Chöre kennen sicher einige seiner Motetten, insbesondere „Unser lieben Frauen Traum“ aus „Acht geistliche Gesänge“ op. 138. Der „100. Psalm“, ein Werk für Chor und Orchester, berührt die Grenzen der Tonalität.


    Das gesamte Klavierwerk wurde durch Markus Becker auf den Silberling gebannt, darunter Gewaltiges mit immensen technischen Schwierigkeiten wie die großen Variationszyklen.


    Unter den Orchesterwerken sind wohl die „Variationen und Fuge über ein Thema von Mozart“ op. 132 das bekannteste Werk, dem Klavierkonzert und dem Violinkonzert zum Trotz.


    Kammermusik? Kaum bekannt. Sabine Meyer ist es zu verdanken, dass es eine hochkarätige Aufnahme der Klarinettenquintetts gibt, gekoppelt mit dem Streichsextett.


    Es gibt allerdings eine Gesamtaufnahme der Kammermusik Regers. Sage und schreibe 23 CDs in einem Schuber:



    Man mag ahnen, welche Schätze da noch zu heben wären.


    Für Streichquartett gibt es fünf große Werke, die alle innerhalb von elf Jahren entstanden sind, nebst einem Jugendquartett. Diese sind:


    - Jugendquartett d-moll o. Op. (1888-89)
    - Streichquartett Nr. 1 g-moll op. 54 Nr. 1 (1900-01)
    - Streichquartett Nr. 2 A-Dur op. 54 Nr. 2 (1900-01)
    - Streichquartett Nr. 3 d-moll op. 74 (1903-04)
    - Streichquartett Nr. 4 Es-Dur op. 109 (1909)
    - Streichquartett Nr. 5 fis-moll op. 121 (1911)


    Im folgenden sollen diese Werke besprochen werden. Dabei werde ich neben der oben genannten Gesamteinspielung der Kammermusik Regers, in der die Streichquartette von verschiedenen Ensembles gespielt werden, die folgenden beiden verdienstvollen Einspielungen verwenden: Diejenige des Berner Quartetts sowie diejenige des Mannheimer Streichquartetts. Die Berner haben auch das Jugendquartett eingespielt. Dieses fehlt bei den Mannheimern, dafür erhält man als Zugaben zwei kapitale Streichtrios und kann diese Serie um weitere Kammermusik ergänzen (m. W. insgesamt sieben CDs bei MDG).


    Die Box des Berner Streichquartetts wurde 1995 mit dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.


    Die Streichquartetteinspielungen der Mannheimer wurden m. W. mehrmals auf die Vierteljahresliste des Preises der Deutschen Schallplattenkritik gesetzt. Die Aufnahme des Klavierquartetts a-moll op.133 (mit Claudius Tanski), Nr. 5 aus derselben Reihe bei MDG, erhielt den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik 1997 und den Echo Klassik 1997.



  • Im Sommer 1888 besuchte der 15jährige Reger den Parsifal in Bayreuth. Überwältigt von diesem Erlebnis schuf er eine 120seitige Ouvertüre, die Hugo Riemann zur Begutachtung vorgelegt wurde. Dieser erkannte zwar das Talent, empfahl jedoch die Komposition von Streichquartetten zur Reinigung von dem „Bayreuther Gift“. In der Folge entstand also das Jugendquartett in d-moll.


    Das Quartett ist dreisätzig angelegt. Die Satzüberschriften lauten:


    I. Allegro energico
    II. Adagio
    III. Finale


    Im dritten Satz tritt zum Streichquartett ein Kontrabass hinzu, offenbar mit Berechnung auf den eigenen Vater, der dieses Instrument spielte und den kompositorischen Anwandlungen seines Sohnes kritisch gegenüber stand. (Antonin Dvorak hat sein Quintett G-Dur op. 77 für dieselbe seltene Besetzung geschrieben.)


    Die Spielzeitangaben beziehen sich auf die Einspielungen des Keller-Quartetts bei Da Camera Magna und des Berner Streichquartetts (in dieser Reihenfolge).


    Das Keller-Quartett dieser Aufnahme spielt in der Besetzung Erich Keller, Heinrich Ziehe, Franz Schessl, Max Braun und ist nicht zu verwechseln mit dem Keller-Quartett ungarischer Herkunft in der Besetzung András Keller, János Pilz, Zoltán Gál, Ottó Kertész (jeweils 1. Vl., 2. Vl., Vla., Vlc.).


    Der Kontrabassist bzw. die Kontrabassistin ist bei beiden Aufnahmen ungenannt.


    Der erste Satz ist in Sonatenhauptsatzform geschrieben. Wuchtig, quasi-orchestral geht es los mit vollgriffigen Akkorden. Das prägnante Kopfmotiv des ersten Themas wird in Oktaven vorgestellt (0:00/0:00). Bei 0:58/0:57 die zweite Themengruppe in der Paralleltonart F-Dur, in deren Verlauf erste harmonische Verwicklungen hörbar werden (1:29/1:28ff). Die Schlussgruppe beginnt bei 1:37/1:36 über einem oktavierten Orgelpunkt. Wiederholung der Exposition. (Das Keller-Quartett berücksichtigt diese nicht.)


    Die Durchführung beginnt bei 1:56/3:52. Nach etlichen Verwicklungen kommen wir bei 5:29/7:33 nach Hause – die Reprise ist erreicht. Die zweite Themengruppe ist ab 6:32/8:35 zu hören (Mittelstimme!), gegen die Regel steht sie in D-Dur. Etwa bei 7:03/9:07 fängt die Coda an (eventuell schon kurz vorher, wenn das Motiv im Cello zu hören ist), die mit retardierenden Momenten aufwartet und nach einem letzten Ausbruch das Stück zu einem unerwartet ruhigen Ende führt.


    Der zweite Satz ist dreiteilig angelegt: A – B – A‘, mit einem dicken Strich beim zweiten A. Die Taktart ist wahrscheinlich 6/8 – ich kann ohne Partitur nur raten; die Tonart ist B-Dur. Sehr ruhig kommt das Thema des A-Teils daher, mit langen Pausen zwischen den Phrasen. – Den A-Teil zu gliedern, ist natürlich zumindest phrasenweise möglich – doch er wirkt wie ein Ganzes.


    Erst bei 1:59/2:00 erreichen wir eine Stelle, bei der das Stück einige Takte lang mit Tonleiterfiguren der 1. Violine auf B-Dur bleibt und dann in den B-Teil übergeht – spätestens bei 2:16/2:17. Die Musik wendet sich nach g-moll. Ab 2:33/2:34 ein neues klagendes Thema in einer Mittelstimme. Dann gibt es ab 3:14/3:13 interessanterweise zwei Ansätze zu einer Reprise des A-Teils, die jedoch jedesmal unterbrochen werden von Motiven des B-Teils, als ob der Klagegesang noch nicht beendet wäre, als ob noch nicht alles gesagt wäre. – Eine große Steigerung führt zu Tremoli in Oktaven, letztere ab 4:22/4:20, abrupt ins Pianissimo übergehend und überleitend in den A‘-Teil, der bei 4:49/4:47 erreicht wird.


    Ganz verklärt erscheint die Reprise des ersten Themas unter fortwährenden Tremoli. Dabei werden die beiden Phrasen weggelassen, die im B-Teil bereits ansetzten und abgebrochen wurden. Eine längere Coda (ab 6:04/6:02?) beendet den Satz in aller Ruhe.


    Auch der dritte Satz, in dem das Quartett durch einen Kontrabass erweitert wird, ist dreiteilig. Der Kopf des ersten Themas wird wie ein Motto von Cello und Kontrabass vorgestellt, mit Echos im Kontrabass alleine. Dann folgt das erste Thema in der 1. Violine. – Ein zweites Thema, eine zweite Themengruppe kann ich nicht ausmachen, schon gar nicht in der Tonikaparallele oder in der Dominante. – Das Stück kommt bei 1:36/1:38 auf einem Pizzicato zum Stillstand, aber auch dann folgt kein zweites Thema.


    Erst nach einer weiteren Generalpause erscheint bei 2:18/2:24 ein veritables neues Thema, das sehr an das erste Thema aus dem mittleren Satz erinnert – Überraschung! Wir sind im mittleren Teil des Satzes angekommen, der durchaus Durchführungszüge hat. Eine Zwitterfunktion zwischen zweiter, kontrastierender Themengruppe und Durchführung schient mir hier vorzuliegen, dazu die thematische Verklammerung mit dem Mittelsatz – sehr interessant!


    Bei 4:30/4:37 kann man dann die zugehörigen Reprise verorten. Diese ist jedoch stark verändert, so dass man vielleicht besser von einer zweiteiligen Form mit erweiterter Coda sprechen würde. Obwohl der Einfall einer Doppelfunktion bestechend ist, überzeugt dieser Satz im Formalen nicht ganz. In der Coda erscheinen dann einige neue Gedanken, die auch nicht zur Wahrnehmung einer Ganzheit beitragen. – Ab 6:13/6:18 dann der furioser Schluss.



    Die Aufnahme des Berner Streichquartetts ist der anderen eigentlich in allen Belangen überlegen – Spieltechnik, Klangkultur, Klangtechnik, …

  • Nachtrag: Der Kontrabassist ist bei der cpo-Aufnahme des Jugendquartettes doch genannt: Bela Szedlak. (Die erste Innenseite des Beiheftes klebte an der Außenseite, so dass ich dies nicht sah.)

  • Nach seiner Rückkehr aus Wiesbaden in sein Elternhaus in Weiden im Sommer 1898 geriet Max Reger in einen wahren Schaffensrausch. Bis zum Umzug nach München im Jahr 1901 entstanden die sieben Choralfantasien für Orgel nebst der 1. Sonate fis-moll op. 33 und der Fantasie und Fuge über B-A-C-H op. 46, dazu Orchesterwerke, Sonaten für Violine solo und Klarinettensonaten.


    Das Streichquartett g-moll op. 54 Nr. 1 entstand im November 1900. Die Eigenschaften von op. 46 weisen den Weg zur Tonsprache dieses Werkes: Höchste harmonische Komplexität und extreme dynamische Vorschriften führen zu einer ungeahnten Ausdrucksdichte. Auch die Verwendung einer kunstvollen Fuge (mit zweitem Thema) als Finale ist beiden gemeinsam. (Bei op. 46 liegt allerdings eine echte Doppelfuge vor, siehe auch unten.) - Die vier Sätze sind überschrieben:


    I. Allegro agitato
    II. Vivace assai
    III. Largo mesto
    IV. Prestissimo assai


    Die Spielzeitangaben beziehen sich auf die Einspielungen des Tel-Aviv-Quartetts bei Da Camera Magna, des Berner Streichquartetts bei cpo und des Mannheimer Streichquartetts bei MDG (in dieser Reihenfolge).


    Das Tel-Aviv-Quartett in der Besetzung Chaim Taub und Yefim Boyko, Violine - Daniel Benyamini, Viola - Uzi Wiesel, Violoncello ist nicht zu verwechseln mit dem Aviv Quartet..


    In formaler Hinsicht ist der erste Satz traditionell gehalten und recht übersichtlich, da der Komponist die Übergänge der Abschnitte der Sonatenhauptsatzform als Generalpause gestaltet. Dennoch ist dieser Satz sehr komplex in seinen Stimmführungen. – Das ruhig und mit elegischem Ton anhebende erste Thema eröffnet den Satz (0:00/0:00/0:00), jedoch wird die Musik mit einem bei 0:18/0:16/0:17 beginnenden zweiten Gedanken in triolischem Rhythmus bewegter. Beruhigung der Musik mündet in ein kurzes Solo des Cellos, welches auch das zweite Thema in B-Dur eröffnet (1:35/1:35/1:30).


    Die Durchführung beginnt (2:19/2:18/2:07) so, wie die Exposition begann, doch dies lockt den Hörer nur auf die falsche Fährte einer Wiederholung der Exposition. Was nun folgt, spottet jeder Beschreibung und geht m. E. hinsichtlich Komplexität und polyphoner Arbeit weit über das hinaus, was beispielsweise Beethoven in der Durchführung des Kopfsatzes von op. 59, 1 diesbezüglich machte. Man höre Regers Orgelwerke, um Vergleichbares zu finden, etwa op. 46, op. 57 oder op. 73.


    Die Reprise ist nach harter Arbeit für Spieler und Hörer bei 7:38/7:26/6:45 erreicht, das zweite Thema erscheint bei 9:16/9:00/8:10 in G-Dur. Ein peitschenartiger Akkord bei 9:55/9:34/8:40 eröffnet die lange Coda, die das Stück zu einem versöhnlichen Ende in G-Dur zu bringen scheint: nochmalige Verlangsamung, geradezu Verlöschen der Musik, letzte Reminiszenz an das erste Thema in der tiefen Oktave des Cellos, doch dann zwei harsche Akkordschläge: c-moll (mit Septime b in der ersten Violine) – g-moll. Ende.


    Bei diesem Satz hätte ich mir eine Taschenpartitur gewünscht, doch die gibt es offenbar nicht. :(


    Der kurze scherzoartige zweite Satz bietet einen etwas buntscheckigen Eindruck durch häufige unerwartete Tonartwechsel und Wechsel des musikalischen Gestus. Am Ende des ersten Scherzo-Abschnitts leitet ein Solo des Cellos über zum Trio, welches choralartig beginnt (0:54/1:01/0:55) und Einsprengsel aus dem Scherzo-Abschnitt hören lässt. – Bei 1:35/1:49/1:38 beginnt dann die variierte Reprise des Scherzos.


    Der langsame dritte Satz ist dreiteilig angelegt: A – B – A‘. – Das erste Thema im A-Teil gehört der ersten Violine (0:00/0:00/0:00). Es spannt einen riesigen Bogen, bis das Cello alleine das Wort in tiefer Lage ergreift und mit zarter Begleitung der höheren Instrumente zum zweiten Thema (2:03/1:25/1:28') überleitet. Kurze Erregung führt zu einer Zäsur, nach der dieses Thema bei 3:56/2:45/2:42 eine variierte Wiederaufnahme erfährt.


    Der B-Teil ist recht bewegt (4:54/3:30/3:30). Fast durchgängig bestimmen rasche Figuren in Nebenstimmen den Klangeindruck, bis die Musik sich wieder beruhigt und bei 6:30/5:06/5:01 das erste Thema des A-Teils wieder erscheint: Wir sind in A‘ angekommen, eine verkürzte und variierte Reprise von A. Das zweite Thema erscheint nicht mehr.


    Das Finale wird in Kammermusikführern und CD-Beiheften als Doppelfuge bezeichnet. Das halte ich für irreführend – das hängt natürlich davon ab, wie man diesen Begriff definiert.


    Bei einem Typ von Doppelfugen erscheint das Thema von vorneherein zweistimmig, sozusagen als Thema mit obligatem Kontrapunkt, doch Thema und Kontrapunkt sind einander so gleichwertig und selbständig, dass man gar nicht sagen kann, was denn nun Thema und was Kontrapunkt sei. – Beispiele wären die Schlussfuge („Tema fugatum“) aus J. S. Bachs Passacaglia für Orgel (BWV 582) oder die Fuge aus dem vierten Satz der 9. Sinfonie Beethovens (nach dem „Alla marcia“ – „Froh, wie seine Sonnen fliegen“).


    Beim anderen Typ wird das erste Thema zunächst alleine in allen Stimmen exponiert und durchgeführt, dann wird das zweite Thema in allen Stimmen exponiert und eventuell auch durchgeführt, dann erscheinen beide Themen in Kombination. – Beispiele wären die Fuge aus J. S. Bachs Toccata und Fuge F-Dur BWV 540, die sechste Fuge über B-A-C-H aus Robert Schumanns op. 60 oder die Fuge aus „Fantasie und Fuge über B-A-C-H“ von Max Reger op. 46. – Diesen Typ würde man zur Klarheit und Abgrenzung besser „Zweithemenfuge“ nennen.


    Bei der Schlussfuge von op. 54, 1 liegt keiner der beiden Fälle vor. – Der Themenkopf, eine trillerartige Figur, wird im Unisono aller Instrumente gespielt, die erste Violine stellt den Rest des Themas alleine vor. Sprünge im Staccato und Tonleiterfiguren prägen seinen kecken Charakter. Die weitere Einsatzreihenfolge ist von oben nach unten: 2. Violine – Viola – Violoncello. Eine weitere Unisonopassage (0:27/0:28/0:28') schließt die Exposition ab.


    Die erste Durchführung bleibt wie die Exposition im piano-Bereich und schließt mit einem dramatischen Unisono, dem sich ein choralartiger Abschnitt anschließt (1:03/1:09/1:07). Dieses Choralthema wird am Schluss des Satzes mit dem Fugenthema kombiniert.


    Weitere Durchführungen des Fugenthemas, Unisoni und Choralabschnitte wechseln einander ab. Bei 3:59/4:19/4:13 erscheint dann nochmals das Choralthema im vierstimmigen homophonen Satz, danach wird es mit dem Fugenthema kombiniert, so dass sich die Fuge den Anschein einer Doppelfuge gibt – der freilich die selbständige Fugenexposition des zweiten Themas fehlt. Das mag man nun individuelle Lösung oder formale Innovation nennen – eine Doppelfuge ist’s halt nicht. – Mit einem effektvoll kalkulierten Schluss (chromatische Steigerungen über einem Orgelpunkt, Trugschlusswendungen, Abkippen ins Pianissimo, Unisono, Schlussakkord) geht das Stück zu Ende.


    Trotzdem: Ein springlebendiger Satz von hohen kontrapunktischem Geschick! Eine Freude beim Hören. Perpetuum-mobile-Fugen haben etwas … Beethoven, Finale von op. 59, 3; Schumann op. 60, 5; Reger, Finale von op. 54, 1 …

  • Den Aufbau des Kopfsatzes habe ich erst verstanden, als ich ihn mit dem Tel-Aviv-Quartett gehört habe (Chaim Taub und Yefim Boyko, Violine; Daniel Benyamini, Viola; Uzi Wiesel, Violoncello; nicht zu verwechseln mit dem Aviv-Quartet). Regers Forderung „Die Ecksätze ja nicht zu schnell, damit alles gut herauskommt“ ist überzeugend umgesetzt. - Dem Scherzo bleiben sie nichts an Lebendigkeit schuldig. - Der langsame Satz erhält bei ihnen eine Ausdruckstiefe, die ich bei den anderen beiden Ensembles nicht gehört habe. Dabei klingt alles einfach und schlicht. Großes Musizieren! - Da auch das Fugenfinale nach Regers Vorgabe („Die Fuge sehr schnell, sie muss tanzen.“) gespielt wird, halte ich diese Aufnahme für ausgezeichnet gelungen! Mag im Vergleich zu den prominenteren Kollegen aus Bern und Mannheim der letzte klangliche Schliff fehlen, mag der Ton der Quartettmitglieder nicht der größte und schönste sein – hier wird wunderbar musiziert. Reger zum Verstehen!


    Bei der Aufnahme des Berner Streichquartetts fällt sofort der unglaublich große Raum auf, verbunden mit ebenso großem Nachhall. Diese verunklart leider die ohnehin schon komplizierten Strukturen der Musik im Kopfsatz. Im Gegenzug legen die Berner die Kontraste dieser Musik frei, spielen die einkomponierten Steigerungen und Zurücknahmen hinsichtlich Dynamik, Tempo und Ausdruck intensiv aus. – Im Scherzo bleibt bei den Schweizern ein Schatten der Nachdenklichkeit über dem vordergründigen Trubel. Spannend! Das Tempo ist nicht einseitig auf Rasanz getrimmt. – Das „mesto“ höre ich eingangs des langsamen Satzes nicht, die Musik klingt eher ungebrochen saturiert-gemütlich. Nicht, dass man jedem Seufzer gleich den großen Trauerflor anstecken müsse, aber so … ? – Blitzsauber wird die Schlussfuge wiedergegeben, doch fehlt es vielleicht etwas an Witz. Die Schlusssteigerung wird aber fantastisch ausgespielt.


    Als ich den Kopfsatz dank der Einspielung des Tel-Aviv-Quartetts halbwegs verstanden hatte – zumindest hatte ich die Form erfasst -, gefiel er mir auch mit dem Mannheimer Streichquartett. Auch dieses Ensemble kostet die Extreme der Musik weidlich aus. – Im Scherzo werden die kinetischen Energien der Musik vorgeführt. Das macht Spaß! – Das „Largo mesto“ kommt für meinen Geschmack zu flott daher. – Die Fuge klingt schön leicht, was der Transparenz der polyphonen Strukturen sehr zugute kommt. - Die Klangtechnik ist besser als bei der cpo-Produktion, nicht so viel Nachhall, sehr angemessen für die Komplexität der Musik.


    Ich kann mit allen dreien Einspielungen gut leben, halte jedoch diejenige des Tel-Aviv-Quartetts für am ausgewogensten und angesichts der schwierigen Musik für am verständlichsten.

  • Als letztes Werk vor dem Umzug von Weiden nach München entstand das Streichquartett in A-Dur op. 54 Nr. 2, Schwesterwerk zum vorangegangenen g-moll-Quartett. Manchmal wird es deutlich leichtgewichtiger als das zuvor entstandene Quartett beschrieben, sozusagen als Gegensatz - sicher zu Recht. Dies nicht zuletzt auch deswegen, weil Reger unmittelbar zuvor sein Klavierquintett op. 64 vollendete, eines seiner komplexesten und wildesten Werke. Dagegen allerdings ist op. 54 Nr. 2 sozusagen der reinste Haydn. Die Sätze sind wie folgt überschrieben:


    I. Allegro assai e bizarro
    II. Andante semplice con Variazioni
    III. Allegro vivace con spirito


    Die Spielzeitangaben beziehen sich auf die Einspielungen des Pfeifer-Quartetts bei Da Camera Magna, des Berner Streichquartetts bei cpo und des Mannheimer Streichquartetts bei MDG (in dieser Reihenfolge).


    Geradezu clownesk beginnt der Kopfsatz mit dem herbeipurzelnden ersten Thema, welches einen kleinen Narrentanz vollzieht. Die Überleitung (0:35/0:32/0:30) fügt exotisches Parfüm hinzu. Eine Zäsur markiert den Beginn des zweiten Themas (1:12/1:06/1:02), das – in Oktaven geführt – mit seinen nachdenklichen Tönen einen starken Gegensatz bildet. Die Schlussgruppe (1:43/1:35/1:29) nimmt wieder die in der Satzüberschrift erwähnten „bizarren“ Klänge auf, insbesondere ein Motiv aus der Überleitung. – Pizzicati leiten zur Durchführung über und eröffnen dieselbe (2:14/2:08/1:59). Geheimnisvoll geht es über grummelnden Pizzicati im Cello weiter, bis die Musik wieder aktiver wird und tatsächlich beginnt, mit den Themen und Motiven der Exposition zu arbeiten. Man überhöre nicht das zweite Thema im Cello bei 3:47/3:45/3:27. Orgelpunktartige Tonrepetitionen im Cello (3:58/3:56/3:37) bereiten schon auf den Schluss der Durchführung vor. Bei 4:12/4:11/3:50 ist man dann verwirrt: Ist das jetzt die Reprise? Aber nein: Erst bei 4:29/4:27/4:05 ist der charakterische aufsteigend gebrochene Dominantseptakkord zu hören, der das erste Thema einleitet und die Reprise eröffnet. Wie gehabt die Überleitung (5:02/4:58/4:35) und das zweite Thema (5:32/5:25/5:02). Den Beginn der Coda mag man dann mit den Pizzicati bei 6:29/6:22/5:58 oder erst beim nächsten arco-Einsatz ansetzen. Überraschend der Schluss – der Clown verlässt uns lächelnd, doch mit rätselhaft-verschmitztem Gesichtausdruck. – Glänzt da eine Träne?


    Nach Auskunft des Beiheftes der MDG-Einspielung ist der zweite Satz ein Variationensatz mit Thema, fünf Variationen und Reprise des Themas. So weit, so gut – außergewöhnlich ist, dass das Thema in d-moll gesetzt ist, während die fünf Variationen in fis-moll, Des-Dur, D-Dur, G-Dur und fis-moll stehen. Liest man Des-Dur als Cis-Dur, so wird die Quintverwandtschaft von 1./2 und 3./4. Variation klarer und der Bezug zur Haupttonart A-Dur des Quartetts erkennbar. Ganz am Schluss folgt dann nochmal das Thema, das von der ersten Violine etwas ausgeziert wird. – Das Thema selbst ist 13taktig (exotisch genug) – Die Variationen auseinander zu halten wird keinem Hörer Probleme bereiten:

    • Pfeifer-Quartett: Thema: 0:00 / Variationen: 0:44/2:07/3:53/4:35/5:23 / Reprise: 6:12
    • Berner Streichquartett: Thema: 0:00 / Variationen: 0:34/1:27/2:55/3:34/4:19 / Reprise: 5:01
    • Mannheimer Streichquartett: Thema: 0:00 / Variationen: 0:39/1:28/3:03/3:44/4:26 / Reprise: 5:02

    Reger baut in den Variationen nicht einfach die 13 Takte des Themas immer wieder neu, die Anzahl der Takte variiert von Variation zu Variation.


    Das Thema erklingt im homophonen Satz, anfangs eigentlich wie ein Choral. Die erste Variation beginnt imitatorisch und setzt fort wie ein mit dem Anfangsmotiv figurierter Choral. Die zweite Variation steht dem Choraltypus schon wieder näher, wie manchmal in Regerschen Choralvorspielen ist sie mit komplexer Harmonik angereichert, mit viel chromatischer Bewegung in allen nicht-Melodiestimmen. Das Schluss-Des im Bass wird enharmonisch umgedeutet zum Leitton Cis in D-Dur und leitet über zur dritten Variation, die ganz licht erscheint, mit heller, sanft beschwingter Bewegung, immer von oben kommend. Terzenselig wie Volksmusik (auch die Pizzicati im Cello erinnern daran) beginnt die vierte Variation, doch mancher chromatische Gang irritiert. Ein Pizzicato aller Instrumente beendet diese Variation. Die letzte Variation schiebt dunkle Wolken auf den Synkopen der Mittelstimmen heran. Attacca folgt die Reprise des Themas.


    Das Finale steht in Sonatenhauptsatzform. Das erste Thema gemahnt wieder an die ausgelassene Stimmung des Kopfsatzes und hat Perpetuum-Mobile-Charakter. Eine kurze Cello-Kantilene mündet in Pizzicati (0:50/0:48/0:44), auf die das zweite Thema folgt, ruhig und mit ausholenden Gesten beschwichtigend. Nicht lange hält diese Stimmung vor, die Schlussgruppe knüpft diesbezüglich wiederum an das erste Thema an. – Wieder sind Pizzicati der Übergang zum nächsten formalen Abschnitt: Bei 1:53/1:47/1:39 leiten sie zur Durchführung über und eröffnen diese auch. Dunkle Töne dominieren zunächst, ein zaghafter Versuch, die Stimmung aufzulockern, scheitert, die Musik kommt immer wieder ins Stocken, arbeitet sich aus der Tiefe nach oben und nimmt dann auch wieder Bewegung auf. Ein letzter lyrischer Ruhepunkt (3:22/3:25/3:07), dann folgt bei 3:29/3:35/3:18 die Reprise. Wie als Ausgleich für die Kürze der Durchführung ist die Coda (ab 5:25/5:25/5:00) um so länger – und sie täuscht eingangs vor, die Durchführung zu wiederholen, um dann geradezu eine Grabesstimmung zu verbreiten, doch dies nur als Sprungbrett zur wirkungsvollen Neuentfaltung des ersten Themas. Ein wirkungsvolles Unisono führt dann zum letzten Abschnitt des Satzes, ein letztes Antäuschen des ersten Themas, Schlusskadenz.


    Ein faszinierendes Werk, handwerklich vollkommen, deutlich einfacher zugänglich als das komplexe g-moll-Quartett. Herzlich zur Hörlektüre empfohlen!

  • Wie bei op. 54, 2 finde ich beim Kennenlernen dieses Streichquartetts ein leicht zurückhaltendes Tempo hilfreich. Das Pfeifer-Quartett geht diesen Weg und baut dem Hörer somit die andere oder andere Brücke. Die erste Violine dieses Quartetts ist sicher keine Weltklassebesetzung, aber das Ensemble kann sich allemal hören lassen und hat sich hörbar engagiert dieser Musik angenommen. – Der Variationensatz bleibt für meinen Geschmack zu blass, da fehlt es an Differenzierung. Am besten gelingt vielleicht noch der dritte Satz, den ich bei diesem Ensemble mit viel Genuss gehört habe. - Der Klang ist vielleicht etwas zu direkt, ein Tick mehr Hall hätte dem Gesamteindruck gutgetan. – Keine schlechte Einspielung, aber das Bessere ist des Guten Feind.


    Schon in den ersten Takten fällt auf, wie viel „runder“, abgestimmter diese Musik beim Berner Streichquartett erklingt. Intonatorisch deutlich reiner, ist diese Wiederabe einfach nicht so anstrengend für das Ohr des Hörers. Wie bei op. 54 Nr. 1 ist auch hier leider zu viel Hall dabei. Das trübt das Hörvergnügen dann doch. Trotzdem ist der Ausdrucksradius der Schweizer wiederum größer: mehr Dynamik, mehr Farbvarianten, eine differenziertere Artikulation als beim Pfeifer-Quartett. Dabei ist das Tempo in den Ecksätzen nicht übermäßig rasant, so dass die Musik auch hier gut verständlich erklingt. Das Finale fand ich geradezu hinreißend in seiner Spiellaune.


    Die Musiker des Mannheimer Streichquartetts suchen die Differenzierung noch stärker im Kleinen als die Schweizer. Sehr liebvoll, sehr engagiert forschen sie nach dem Reichtum dieser Musik und werden fündig. Diese Einspielung gefällt mir von Mal zu Mal besser, das hängt wohl auch mit dem immer besseren Kennen des Werks zusammen. Beim ersten Hören gefiel es mir mit den Mannheimern nicht so gut wie mit dem Pfeifer-Quartett. – Die Virtuosität der Mannheimer ist fast noch eher eine des Ausdrucks als eine technische (als ob das zu trennen wäre …), was sie an Nuancen dieser Musik offenlegen, ist eine wahre Wonne. Das Finale ist hier vielleicht sogar noch ansteckender als in der vorgenannten Aufnahme. Da die Mannheimer auch die beste Klangtechnik zur Verfügung haben, ist diese Aufnahme meine Empfehlung für dieses Werk.

  • Die Reger-Quartette mag ich auch sehr, seit mir diese CD in Hände fiel:
    Streichquartette Op. 109 / 121
    Joachim-Quartett
    Koch


    Mittlerweile gibt es noch eine GA mit dem Drolc Quarte bei der DGG, die mir aber nicht recht schmecken mag.


    Warum das Mannheimer Streichquartett ausgezeichnet wurde ist mir unerklärlich... :hello:

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Da die Fortsetzung dieses Threads (op 74, op 109 und op 121) scheinbar auf unbestimmte Zeit verschoben wurden, erlaube ich mir einen sehr persönlichen Beitrag von mir einzuschieben. Ich besitze - durch diesen Thread animiert - seit Feber 2012 die weiter oben genannte Aufnahme des Berner Streichquartetts. Reger gilt ja bei vielen als recht sperrig und auch ich habe ihn, als ich das letzte Mal (vor über 30 Jahren) was von ihm hörte, so empfunden. Retrospektiv betrachtet wusste ich nicht mal wo ich diesen Komponisten einordnen soll. Verkappte Moderne? Akademisch konservativ? Egal - so dachte ich mir - es wird ein Wiederhören geben - und sei es nur dem Forum zuliebe - oder aus "akademischem" Interesse.



    Heute - nein soeben - höre ich Regers weiter oben genanntes Jugendwerk - und bin hingerissen.
    Sicher ist das Werk noch nicht das des fertigen Reger - und doch ist es authentisch, weil es noch ohne Aufsicht seines späteren Lehrers Riemann entstand. Der 16 jährige Reger legte das Werk jedoch Riemann zur Begutachtung vor - und das Urteil fiel positiv aus. Kein Wunder, hier hat in gewisser Weise noch die Vergangenheit das Sagen. Wie dem auch sei - es ist ein wunderbarer Einstig, eine Vorbereitung auf die kommenden Werke, welche natürlich komplexer sind.
    Reger hat dem Werk keine Opuszahl gegeben und es später ausdrücklich als Jugend. und Studienwerk abgetan. Die Musikhistoriker haben ohnedies zumeist kein gutes Haar an diesem Werk gelassen - oder es totgeschwiegen.


    Fazit: Auch der konservative Musikfreund kann das Jugendwerk mit Genuss hören.
    Über meine Hörerfahrungen mit den folgenden Quartetten berichte ich zu einem späteren Zeitpunkt.
    Es ist zu hoffen, daß Wolfram sich trotz des bescheidenen Echos zu einer Analyse der noch ausstehenden Werke entschliesst.


    mfg aus Wien


    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Ich hatte mir diese 23-CD-BOX mit der Kammermusik Max Regers angeschafft und wie einen guten Wein im Regal gelagert. Diesen Thread nehme ich zum Anlass, mich mit den Streichquartetten * hörend zu beschäftigen. (* Es sind die Scheiben vol. 20, vol. 21 sowie vol. 22).
    .
    Anmerkung: Das durch Alfred_Schmidt gepostete Bild von Franz Nölken, "Max Reger bei der Arbeit" (1913) gefällt mir sehr. Selten sieht man Bilder, die einen Komponisten bei seiner Tätigkeit zeigen.


    Wolfram sei Dank für die aufschlussreichen Ausführungen.
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    I think laughter is preferable to tears.

    John Cage


    Jede Hörerin und jeder Hörer des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat Anspruch darauf, wenigstens einmal am Tag überfordert zu werden.

    Hans Winking

  • Die gezeigte Gesamtaufnahme (3CD-Box von cpo)von Regers Streichquartetten wurde heute in einem anderen Thread erwähnt. Das hat mich veranlasst nachzusehen ob die Box in meiner Sammlung ist und ob sie bei jpc noch als verfügbar gelistet ist. Beides kann bejaht werden. Bei den mdg Ausgaben mit dem Mannheimer Streichquartett ist eine der Aufnahmen bereits gestriche, somit nicht mehr komplett erwerbbar....

    Die Aufnahme wurde ganz oben im Thread erwähnt. Es kann nicht schaden sie nochmals zu zeigen, denn sowohl die Aufnahmen mir dem Droc Quartett (DGG) als auch jene mit dem Joachim quartett sind bereits Geschichte, soll heissen gestrichen und diese, mit dem Berner Streichquartett ist auch schon 27 Jahre im Handel und auch preisreduziert....(14.99 für 3 Cd)und somit das letzte Bollwerk...


    mfg aus Wien

    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Ich bin normalerweise kein besonderer Freund historischer Aufnahmen. Klanglich ist doch meistens viel verloren und die Fantasie ist schnell dabei, das Fehlende nach Gusto zu ergänzen. ;).


    Aber hier mache ich mal eine Ausnahme:



    Eine so schlüssige Aufnahme des Streichquartettes Op. 109 habe ich noch nie gehört. Obwohl es nicht ganz die Länge von Op. 74 hat, ist auch dieses Quartett kein Leichtgewicht und gerade der dritte Satz "Larghetto" scheint doch eine ziemliche Herausforderung darzustellen. Dem Busch-Quartett gelingt es in der Aufnahme von 1951 (also schon in der Endphase des Ensembles) diesen langen Satz so überzeugend und seelenvoll darzustellen, dass man meint, Reger selbst hätte hier seine Finger im Spiel :).


    Die etwas schwächelnde Tonqualität kann man sich damit wegreden, dass man sich vorstellt, die Musik spiele im Hause nebenan. Das hat auch seine Reize.

  • Bzgl. # 11,


    bin ich ebenfalls erheblich angetan von den drei CDs, welche mich vor kurzem erreicht haben ! Bei Reger, und das wird insbesondere in der Kammermusik deutlich, treibe ich mit mir selbst das Ratespiel: welcher Akkord wird nun der nächste sein ?


    Die akkordischen Aussichten der Reger- Werke und deren Realisation bieten stets Neuigkeiten und immerwährende Aufregung in Regers Werk. Noch einige Orgelwerke hatte ich bestellt und liegen mit ihren Booklets in unserem Wohn- Ess- Musikzimmer herum... Wie schön. :)

  • Das vierte Streichquartett Op. 109 von Reger beschäftigt mich weiterhin. Leider findet man die in #8 empfohlene Einspielung des Joachim Quartettes nicht mehr, oder ich finde sie nur nicht (auch nicht ausgeschlossen :))


    Aber ich habe eine mit dem Vogler Quartett gefunden und angehört:



    Technisch ist sie hervorragend und auch die Klangqualität steht natürlich über der der Aufnahme mit dem Busch Quartett. Musikalisch gefallen mir die ersten beiden Sätze sehr gut. Ich müsste mal was genauer dazu schreiben. Das Larghetto des dritten Satzes weist allerdings die kleine Schwäche des etwas anstrengenden Zusammenhanges auf, was nach dem Busch Quartett wirklich drastisch auffällt. Ob das beim Genuss ein Rolle spielen würde, wenn man sich die Aufnahme in anderem Kontext anhört, kann ich noch nicht sagen.


    Das Klarinettenquintett gehört vom musikalischen Charkter in eine ganz andere Welt und auch in einen anderen Thread 8)

  • … das Ratespiel: welcher Akkord wird nun der nächste sein ?

    Die akkordischen Aussichten der Reger-Werke und deren Realisation bieten stets Neuigkeiten und immerwährende Aufregung in Regers Werk …


    So bzw. so ähnlich dachte ich gestern auch beim Hören von op 109 … :)

    in dieser Einspielung mit dem Mannheimer Streichquartett:


    [CD Cover]

    Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

  • Die akkordischen Aussichten der Reger- Werke und deren Realisation bieten stets Neuigkeiten und immerwährende Aufregung in Regers Werk.


    So bzw. so ähnlich dachte ich gestern auch beim Hören von op 109 …

    Nach Aussagen aus dem Film



    hat Reger behauptet, jeder Akkord könne nach jedem anderen stehen, was harmonisch natürlich schon für Überraschungen sorgen kann. Ein Organist (habe den Namen gerade nicht parat) sagt in diesem Film, dass Regers Variationsfreude auch in die Rhythmik hineinweist und dass das schon Ähnlichkeiten mit Schoenberg habe.


    BTW Die Filmkassette oben ist eine echte Empfehlung. Ich bin richtig für seine Orgelmusik, aber auch für seine Orchesterwerke motiviert worden!

  • Die genannten "beliebigen" Akkordabfolgen folgen dann in der Praxis doch einigen Prinzipien der Harmonielehre, da dürfte schon das kundige Ohr die Führung haben. Darin liegt ja auch die vielleicht konkurrenzlose Stärke Regers, in einem kontrapunktischen oder sogar fugierten Melodie- und Harmoniegebilde frei fortzuschreiten und nicht nur zu tasten. Das war eine grosse Begabung beim Komponieren und auch Improvisieren mit dem musikal. Material.


    Ich habe dieses Erlebnis der Musikperzeption schon empfunden wie eine grosse, lang anhaltende, "freundliche" Welle in der atlantischen Brandung in Nordportugal, im Gefühl, das Meer brächte mich wieder sicher, hin und her und allmählich ans Ufer zurück...


    (Ich empfehle mit grosser Überzeugung die -leichten- "Hiller- bzw. Mozart- Variationen", was wahrlich gut bekömmliche Kost ist im Vergleich zu manchen Riesenwerken auf der Orgel ("Wachet auf...")


    Z.B. Hiller- Var. zum guten Preis !