ABM - Arturo Benedetti Michelangeli

  • Dann hake ich da jetzt doch mal ein, da mich das mit der "Inszenierung" interessiert: Wie hast du Garbens Hinweis auf eine Selbstinszenierung Michelangelis aufgefasst? Und hast du sie im Konzert auch so erlebt, "wie Garben das meint"?

    Hallo Leiermann,


    ich müsste mir dafür die Stelle in der Doku jetzt noch mal genau ansehen, finde sie aber gerade nicht.

    Kannst Du mir mit einem ungefähren timecode helfen?


    Viele Grüße

    Christian

  • Lieber Christian,


    aus der Erinnerung heraus hätte ich gesagt, dass die entsprechende Sequenz eher mittig platziert ist, aber mir fehlt gerade die Zeit, das genauer herauszufinden. Da du geschrieben hattest, du habest Garben sehr gut verstanden, dachte ich, der Zusammenhang sei dir ohne Weiteres präsent. Ich habe ihn nämlich beim Schauen zumindest nicht klar verstanden. Ich meinte, dass sich das vielleicht eher auf die "begleitende" Art des Auftretens bezöge, auf eine Art außermusikalischer Attitüde - und Holger bezog sich ausdrücklich auf den Aspekt einer musikalischen Inszenierung. Ich weiß nicht, ob ich da richtig liege.

  • Habe es gefunden, die Stelle ist gleich zu Beginn der Doku - ein Off-Kommentar Cord Garbens über eine schwarz-weiß-Aufnahme einer Aufführung von Beethovens op. 111. Cord Garben sagt hier: "Man spürt in einem Konzert von ABM, dass die Leute erstarren. Richtig, er hat sie an der Hand. Man spürt, dass der Saal explodieren könnte. Weil ABM das Stück inszeniert. Er inszeniert sein Spiel im Gegensatz zu anderen, die einfach fantastisch spielen."


    Holger meinte hierzu ja, dass ABM nichts inzeniere und dass Cord Garben ihn deswegen trotz 18 Jahren Zusamenarbeit nicht verstanden habe. Das fand ich etwas verwegen ;-)


    Ich verstehe Cord Garben nun so, dass er damit nicht auf den sehr streng wirkenden Auftritt und seine wenige Gesten anspielt, sondern dass ABM die Stücke durch sein Spiel gleichsam auf ein Podest hebt, von dem aus sie wie von außen zu betrachten sind. Er wühlt nicht in einem Stück, sondern er stellt es aus oder er inszeniert es zur gefälligen Betrachtung. Das kann ich gut nachvollziehen.


    Viele Grüße

    Christian

  • Hallo,


    die nicht erfolgte "Generalentschuldigung" von Garben dürfte damit begründbar sein, daß - wie es im Film deutlich angesprochen wird - Michelangeli nach seinem Herzinfarkt Garben als Dirigent bestimmte, da er renommierte und damit auch widersprechende Dirigenten für den Neustart fürchtete.


    Garben hat ihm diesen Freundschaftsdienst erwiesen.


    Ich denke, da hatte Garben etwas gut bei ABM und durfte auf etwas mehr Nachsicht rechnen.


    Es grüßt


    Karl

  • Ah, vielen Dank! :thumbup: Das ist in der Tat komplexer, als ich es erinnerte. Es geht da wohl wirklich um einen Aspekt der "eigentlichen" Darbietung des Stückes - also ans Eingemachte...


    Himmlisch fand ich übrigens u.a. die wenigen "Berceuse"-Takte, die man irgendwo in der Doku sah. ABM mit Chopin gehört zu meinen vielen Bildungslücken.

  • Garben hat ihm diesen Freundschaftsdienst erwiesen.

    Diese Mozart Aufnahme sind für mich langweilig und wie erstarrt.

    Ein anderer Dirigent hätte da vermutlich nicht mitgemacht.


    Viele Grüße

    Christian

  • Hallo Christian,


    Zitat

    Diese Mozart Aufnahme sind für mich langweilig und wie erstarrt.


    beziehst du das auf ABM oder das Orchester oder beide?


    Karl

  • Himmlisch fand ich übrigens u.a. die wenigen "Berceuse"-Takte, die man irgendwo in der Doku sah. ABM mit Chopin gehört zu meinen vielen Bildungslücken.


    Eine Lücke, die zu schließen sich sehr lohnt! Seinen Chopin finde ich in seiner unsentimentalen, strengen Art einzigartig! Und wie Holger anderswo ja ausführlich beschrieben hat, sind seine unterschiedliche Aufnahme der 2. Sonate eine Klasse für sich. Und natürlich die späten Mazurken!

  • Eine Lücke, die zu schließen sich sehr lohnt! Seinen Chopin finde ich in seiner unsentimentalen, strengen Art einzigartig!

    Ja, ich glaube, dass ich diese paar "Berceuse"-Takte in eine solche Richtung wahrgenommen habe. Hat mich sehr fasziniert. Danke nochmal!

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  • Lieber Christian,


    ich habe ja das ältere Buch von Cord Garben über ABM. Da fehlt der Gedanke der Inszenierung. Das ist wohl aus seinem neuen noch nicht erschienenen Buch. Ich weiß nicht, aber ABMs Ausspruch: "Ich spiele nur für den lieben Gott und den Komponisten!" zeigt eigentlich eine Haltung, dass er das Publikum, gegenüber dem man sich inszenieren könnte, komplett ausblendet. So habe ich ihn auch im Konzert erlebt. ABM spielte nicht für das Publikum.


    Im Buch ist auch die Geschichte mit der verpatzten Aufnahme des Ravel-Konzerts ausführlicher erzählt. Garben schildert da, dass Celibidache komplett ausgerastet ist anschließend. ABM dagegen blieb stoisch ruhig und zog sich zurück. Hinterher ließ er dann mitteilen: "Garben soll sich entschuldigen!" Die Frage ist: Wie hat ABM das gemeint? War das nicht vielleicht der Versuch, seinen Freund Celi zu beschwichtigen, der einen Wutanfall bekam, indem Garben als Produktionsleiter die Verantwortung übernimmt? Aber offenbar war das Verhältnis ABM Garben ein spannungsreiches Lehrer-Schüler-Verhältnis, worunter Garben auch sehr gelitten hat und es deshalb persönlich nahm?


    Schöne Grüße

    Holger

  • Hallo Holger,


    in der Doku war für mich erkennbar, daß ABM wohl ein recht widersprüchlicher Mensch gewesen ist.


    Teils offen und hilfsbereit für seine Mitmenschen, teils eigensinnig und pedantisch.


    Was mir besonders aufgefallen ist, war die Szene, wo er dicht umringt vom Publikum spielt.


    Ich denke schon, daß er - wenn möglich - für sein Spiel diese direkte Annäherung und Atmosphäre gesucht hat und damit seine ganz persönliche Gesamtinszenierung schuf.


    Das ist für mich nichts Negatives, das kam nicht aus Eitelkeit, das hat ihn wohl irgendwie beflügelt.


    Es grüßt


    Karl

  • Ich denke schon, daß er - wenn möglich - für sein Spiel diese direkte Annäherung und Atmosphäre gesucht hat und damit seine ganz persönliche Gesamtinszenierung schuf.

    Lieber Karl,


    es gibt ein berühmtes Buch von Erving Goffman mit dem Titel "Wir spielen alle Theater" (der Titel ist eine Übersetzung). Ein Auftritt ist natürlich eine Inszenierung, auch wenn die nicht bewusst und gewollt geschieht. Sie wirkt jedenfalls auch unfreiwillig so - ABM, der wie ein Gespenst in Düsseldorf auf die Bühne schlich. ^^ Nur ist eben die Frage, ob das Klavierspiel an sich eine Inszenierung ("Theatralisierung" wie das die Soziologen nennen) ist. Bei Horowitz´ Vortrag von Mussorgskys "Bildern" ist das evident, bei ABM leuchtet mir das so unmittelbar jedenfalls gar nicht ein. Da bin ich mal gespannt, wie Cord Garben das begründet. :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Hallo Holger,


    grundsätzlich ist ja jedes öffentliche Auftreten eine Art Inszenierung.


    Vergleiche ich ABM mit Clara Haskil, vergleiche ich ABM mit Horowitz, usw., komme ich für mich aber zu unterschiedlichen Ergebnissen.


    Und es gibt noch etwas anderes zu beachten.


    Menschen mit einer Ausstrahlung, mit Charisma, die einen unwillkürlich in den Bann ziehen.


    Da mag einer von Inszenierung sprechen, ich sehe das nicht so.


    Es grüßt


    Karl

  • Angeregt von dem Thread über remasterte Aufnahme und der dort angerissenen kuriosen Geschichte über Michelangelis Aufnahme der Preludes, bei der er neben dem Flügel einen zweiten stummen Flügel mit eingeklemmten Pedal positioniert hat, dessen Saiten mitschwingen konnten, habe ich mir das Buch von Jochen Köhler besorgt (bzw. in der "Stabi" ausgeliehen). Darin u.a. drei Interviews, die sehr lesenwert sind: mit seinem Schüler Bernd Goetzke über seinen Unterricht, mit Cord Garben und mit dem Steinway-Director E.W.Böckenholt. Wirklich alles sehr lesenwert und voller wunderbarer Anekdoten! Am kuriosesten ist wohl die Geschichte von der Intoniernadel, die im Hammerkopf stecken geblieben war - was Michelangeli als klangliche Unebenheit auffiel. Niemand wollte Michelangli glauben, bis sie dann tatsächlich dieses abgebrochene Stückchen gefunden haben! Das Buch ist alles andere als eine Götzenverehrung, Cord Garben bspw. nimmt sehr differenziert zu ihm Stellung, berichtet von den Umständen der Mozartaufnahmen, die ich mir jetzt noch einmal anhören werde (sie waren mir immer fremd geblieben). Das ist alles andere als ein Abrechnung - trotz einiger kritischer Anmerkungen -, sondern ein vielschichtiger Blick auf einen vielschichtigen Künstler.


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  • Angeregt von dem Thread über remasterte Aufnahme und der dort angerissenen kuriosen Geschichte über Michelangelis Aufnahme der Preludes, bei der er neben dem Flügel einen zweiten stummen Flügel mit eingeklemmten Pedal positioniert hat, dessen Saiten mitschwingen konnten, habe ich mir das Buch von Jochen Köhler besorgt (bzw. in der "Stabi" ausgeliehen). Darin u.a. drei Interviews, die sehr lesenwert sind: mit seinem Schüler Bernd Goetzke über seinen Unterricht, mit Cord Garben und mit dem Steinway-Director E.W.Böckenholt. Wirklich alles sehr lesenwert und voller wunderbarer Anekdoten! Am kuriosesten ist wohl die Geschichte von der Intoniernadel, die im Hammerkopf stecken geblieben war - was Michelangeli als klangliche Unebenheit auffiel. Niemand wollte Michelangli glauben, bis sie dann tatsächlich dieses abgebrochene Stückchen gefunden haben! Das Buch ist alles andere als eine Götzenverehrung, Cord Garben bspw. nimmt sehr differenziert zu ihm Stellung, berichtet von den Umständen der Mozartaufnahmen, die ich mir jetzt noch einmal anhören werde (sie waren mir immer fremd geblieben). Das ist alles andere als ein Abrechnung - trotz einiger kritischer Anmerkungen -, sondern ein vielschichtiger Blick auf einen vielschichtigen Künstler.

    Lieber Christian,


    das Buch hatte ich mir auch vor Monaten gekauft, bin aber noch nicht dazu gekommen, es zu lesen. Die Anekdoten stehen aber auch schon im ersten ABM-Buch von Cord Garben (das mit dem Hammerkopf und über die Mozart-Aufnahmen), daher kenne ich sie. :D Das zweite Buch von C. Garben habe ich (noch) nicht. :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • das Buch hatte ich mir auch vor Monaten gekauft, bin aber noch nicht dazu gekommen, es zu lesen.

    Es lohnt die Lektüre und liest sich zügig! Cord Garbens kritische Sicht auf Michelangelis Aufnahmen von Schubert- und Beethoven-Sonaten wird Dir freilich nicht gefallen, ich fand sie sehr treffend. Interessant auch, wo er ihm einen freien Umgang mit den Noten nachweist (u.a. Brahms Balladen - die Aufnahme findet er aber auch außergewöhnlich gelungen).

    Viele Grüße, Christian

  • Es lohnt die Lektüre und liest sich zügig! Cord Garbens kritische Sicht auf Michelangelis Aufnahmen von Schubert- und Beethoven-Sonaten wird Dir freilich nicht gefallen, ich fand sie sehr treffend. Interessant auch, wo er ihm einen freien Umgang mit den Noten nachweist (u.a. Brahms Balladen - die Aufnahme findet er aber auch außergewöhnlich gelungen).

    Lieber Christian,


    was Cord Garben schreibt finde ich auf der einen Seite sehr spannend - denn durch ihn erfährt man Dinge, die man sonst nie erfahren würde. Was seine Bewertungen der Interpretationen angeht, ist mein Eindruck sehr zwiespältig. Ich schätze gerade an ABM, dass er sperrig ist, sich nicht um Aufführungstraditionen schert und stur und konsequent seinen Weg geht. Er ist oft nicht leicht. Aber das gilt z.B. für Glenn Gould genauso. In dieser Hinsicht finde ich dann doch Cord Garben manchmal ein bisschen deutsch-bieder. Eine Rolle spielt sicher auch, dass er die Verletzungen aus dem persönlichen Umgang mit ihm davongetragen hat, auf diese Weise verarbeitet. Es war sicher nicht leicht, ABMs Schüler zu sein. Joachim Kaiser z.B. hatte auch immer Probleme mit ABMs Beethoven, hat sein Bild aber doch verändert, wie in seinem Nachruf zu lesen ist. Er schreibt, ABM gelinge das "Wunder", den deutschen Beethoven in eine romanische Welt zu versetzen. Auf dieses "philosophische" Niveau kommt Garben dann doch nicht. Ich würde das so beschreiben: ABM ging es um die Realisierung eines Klassizitätsideals. Das ist natürlich kein "historisch-richtiger" Beethoven genauso wenig wie Clara Haskils Mozart, die ebenfalls ein Klassizitätsideal zu verwirklichen sucht, "historisch" ist. Bezeichnend ist ABMs erste Aufnahme bei der DGG, Beethovens op. 7. Dafür fehlt Garben schlicht das Verständnis. Mein Lehrer hat diese Sonate im Konzertexamen gespielt, und obwohl er die Meisterklasse von Claudio Arrau besuchte, war für ihn das Schlüsselerlebnis ein Konzert von ABM mit genau dieser Sonate, die er seitdem für maßstabsetzend hält. Auch sehr bezeichnend ist Michael Korstick - wiederum die Meinung eines Pianisten. Er schrieb, dass er erst durch ABMs Aufnahme diese Sonate lieben gelernt habe - obwohl er insbesondere im ersten Satz eine ganz andere Auffassung hat. Wenn ABM diese Sonate nicht so singulär gespielt hätte, wäre sie - obwohl die zweitlängste nach der Hammerklaviersonate - wohl eine der eher unbekannten geblieben. Durch ABM ist sie zu einem "Juwel" geworden. Ich finde allerdings die Aufnahmetechnik der DGG nicht berauschend, die sehr distanziert ist. Es gibt aus derselben Zeit einen Mitschnitt aus Tokyo, der klangtechnisch weitaus besser ist und wo man das Konzept von ABM viel besser nachvollziehen kann - die extremen dynamischen Kontraste gerade im ersten Satz. In seiner letzten Aufnahme in London zeigt ABMs Spätstil, dass sich auch sein Beethoven-Bild gewandelt hat. Am deutlichsten bei op. 111. Ba liegen Welten zwischen der Konzertaufnahme von 1990 und der Studioaufnahme bei Decca 30 Jahre zuvor.


    ABMs Schubert ist völlig unorthodox - so spielt keiner der als "Schubert"-Pianisten bekannten Kollegen Schubert! Aber - abgesehen von der olympischen musikalischen und pianistischen Qualität - gerade hier ist ABM aufschlussreich. D 537 ist früher Schubert. Nur bei ABM merkt man, wie schwer es Schubert hatte, sich von seinem Vorbild, Übervater-Beethoven, zu lösen und seinen eigenen Weg zu finden. Das "Flussprinzip" hat er dann in D 664 verwirklicht -Liedthema und zweites Liedthema, das noch fließender ist als das fließende erste. Die Exposition in D 537 sieht eher so aus wie eine Beethoven-Sonate. Und wenn man in den Notentext schaut, glättet selbst ein Alfred Brendel die von Schubert notierten schroffen Forte-Piano-Kontraste. Nur ABM spielt sie genau so scharf heraus. Nur klingt das dann eben nicht "nach Schubert". Aber es ist eben die Frage, ob man bei allen Schubert-Sonaten denselben "typischen Schubert" hören muss. Bei der 3. Ballade von Brahms (ich sammle ja Aufnahmen der Brahms-Balladen, keine andere kommt finde ich an ABM heran) finde ich seine "Kritik" nur beckmesserisch. Zu Brahms Zeiten haben sich die Pianisten weit mehr Freiheiten erlaubt. Letztlich ist doch überzeugend, wie es klingt. Gott sei Dank hatte ABM diese innere Freiheit - ein Emil Gilels hatte sie übrigens auch. Auch er war kein Notentexttreue-Fetischist.


    Wenn Garben den Bruch seiner Beziehung mit ABM erzählt, verstehe ich sein Verhalten leider überhaupt nicht. Bei der Aufnahme des Ravel-Konzerts in München machte ein Beleuchter einen fatalen Fehler - ABM musste mit einer nur zur Hälfte beleuchteten Tastatur spielen. Celibidache kochte hinterher vor Wut. ABM blieb stoisch ruhig und meinte nur: "Garben soll sich entschuldigen!" Dazu war der aber nicht bereit. Er war aber der Aufnahmeleiter. Hier hat er die Verantwortung des Amtes - genauso wie ein Minister für das verantwortlich ist, was in seinem Ministerium schief läuft, auch wenn er keine persönliche Schuld daran hat. Er hätte sich also einfach als amtierender Aufnahmeleiter im Namen des Teams entschuldigen brauchen bzw. müssen. Den Weg hat ihm ABM aufgezeigt. Das hätte wohl auch Celi versöhnt. Statt dessen weigert er sich und ABM hat daraufhin die Zusammenarbeit nach Jahrzehnten beendet. Konnte Garben da nicht über seinen Schatten springen? Er muss doch als Manager wissen, dass Künstler Mimosen sind! :D


    Liebe Grüße

    Holger

  • Ich habe zwar nichts dagegen, wenn ABM den Schubert unorthodox spielt, dabei ragt er aber nicht automatisch über die "bekannten" erstklassigen Schubertinterpreten hinaus (was hier auch bisher keiner behauptet hat;)). (Von ABM besitze ich einige CDs, allerdings ohne den Wunsch, mir von ihm alles zu kaufen, was so erreichbar ist). Da gibt es doch Sternstunden (LP oder CD oder konzertmässig) über ABM hinaus, bzw. ohne an ihn zu denken. Sorry !

    Ein aufreizendes Thema für mich ist - so vorhanden - seine Wahl von langsamen Tempi. Das verändert dann die performance, speziell Ausdruck und Charakter der Stücke. Das scheint mir ein permanenter, eher interessanter Reizzustand zu sein und zu bleiben. Sein langsamer Carnaval (1972 ?) beeindruckt mich nach wie vor, jedenfalls mehr als seine Aufnahme von 1957.


    Was mich aber mächtig irritiert, ist wie ABM die Chopin- Mazurken interpretiert, meist langsam und breit- laut und überdies klangvoll und saftig. Das kann sich im Verlauf aber auch eher grob und unpersönlich anhören. Warum so mächtig im Ton ? Ich denke da schon auch an Eigensinn oder Weltfremdsein. (Rubinstein und Horowitz, und auch einige andere (auch junge) schmeicheln und entzücken uns mit ganz anderen Gefühlsschwüngen ???)


    Die Musik zu meinen Worten kommt von der neu angebotenen Box:




  • Ich habe zwar nichts dagegen, wenn ABM den Schubert unorthodox spielt, dabei ragt er aber nicht automatisch über die "bekannten" erstklassigen Schubertinterpreten hinaus (was hier auch bisher keiner behauptet hat ;) ).

    Lieber Damiro,


    ABM war kein "Schubert-Spezialist" - er soll außer D 537 im Konzert auch mal D 959 gespielt haben, wovon es aber kein Dokument gibt. Trotzdem halte ich seine Aufnahme der Schubert-Sonate D 537 für singulär, weil sie uns in die tieferen Probleme der Komposition dieser Schubert-Sonate gleichsam einweiht. Das tut schlicht keine andere der mir bekannten Aufnahmen - auch Kempff nicht und Brendel nicht, um nur zwei der berühmtesten Schubert-Spieler zu nennen. Bei so mancher sehr guten Gesamtaufnahme hat man das Gefühl, jede Sonate klingt gleich, ist im selben Stil gespielt. Das ist das Problem. Die Interpreten versuchen zu zeigen, Schubert ist kein Beethoven, er soll "nach Schubert" klingen und alle Sonaten werden dann gespielt in einem vereinheitlichten, immer gleichen Schubert-Stil. Bei ABM hört man, dass der frühe Schubert eigentlich noch kein richtiger Schubert ist, sozusagen sein Selbstfindungsprozess als Komponist noch nicht abgeschlossen ist. Dass man realisiert, dass ein Werk eigentlich noch kein wirklich perfektes Werk ist bei einem "großen Komponisten" - genau das wollen die meisten Interpreten vermeiden, indem sie uns die Illusion des perfekten Meisterwerks vermitteln. Darauf zu verzichten, diesen Mut - bei ABM geschieht das aus der Bemühung um Werktreue - haben nur ganz Wenige, wie etwa Glenn Gould. Dazu kommt sein Tiefsinn und eine schier unglaubliche Anschlagsfinesse und Perfektion. Was er da im langsamen Satz macht ist so ausgekocht, dagegen wirkt selbst ein Tastenkünstler wie Brendel grobschlächtig wie ein Bauer! :D

    (Von ABM besitze ich einige CDs, allerdings ohne den Wunsch, mir von ihm alles zu kaufen, was so erreichbar ist).

    Ich besitze alles von ihm und besorge alles, was erreichbar ist! Denn genau das widerlegt so viele Mythen, dass ABM angeblich alles über Jahrzehnte gleich spiele. Völlig falsch! Und man bekommt doch weit mehr, als die spärlichen Studioaufnahmen, gerade an Repertoire.

    Da gibt es doch Sternstunden (LP oder CD oder konzertmässig) über ABM hinaus, bzw. ohne an ihn zu denken. Sorry !

    Sternstunden über ABM hinaus? Es gibt Sternstunden natürlich auch von den anderen Klaviertitanen wie Horowitz, Gilels, Rubinstein, Richter... Aber über ABM hinaus? Ich glaube, ABM ist in der Tat ein Pianist, den man nicht übertreffen kann. Ich habe ihn leider nur einmal im Konzert erlebt - das andere mal hat er (es sollte einen Beethoven-Abend geben) abgesagt. Als "Einspringer" kam kein Geringerer als Claudio Arrau! Das waren noch Zeiten! Arraus Konzertabende möchte ich nicht missen. Die waren auch wirklich singulär! :)

    Ein aufreizendes Thema für mich ist - so vorhanden - seine Wahl von langsamen Tempi.

    Da ich so ziemlich alle Mitschnitte von ABM habe, kann ich sagen, dass das überhaupt nicht typisch für ABM ist. Wo das der Fall ist, ist bei S. Richter und beim späten Gilels. ABM neigt in seinem Bemühen um Purifizierung eher dazu, die etwas langsameren Tempi, die er sich schon mal in frühen Jahren ab und zu erlaubte, durch zügigere zu ersetzen. Beispiel, der langsame Satz von Beethoven op. 2 Nr. 3, den er nur bei dem - wirklich magischen - Arezzo-Konzert von 1952 wirklich langsam zelebriert, später dann, schon 1955 in Warschau, deutlich das Tempo anzieht.

    Was mich aber mächtig irritiert, ist wie ABM die Chopin- Mazurken interpretiert, meist langsam und breit- laut und überdies klangvoll und saftig. Das kann sich im Verlauf aber auch eher grob und unpersönlich anhören. Warum so mächtig im Ton ? Ich denke da schon auch an Eigensinn oder Weltfremdsein. (Rubinstein und Horowitz, und auch einige andere (auch junge) schmeicheln und entzücken uns mit ganz anderen Gefühlsschwüngen ???)

    Joachim Kaiser hält gerade ABMs Mazurken für eine Jahrhundertaufnahme. Da hat er Recht finde ich! Man kann die Mazurken allerdings sehr unterschiedlich interpretieren. ABMs Feinsinnigkeit und lyrische Intimität ist jedoch unvergleichlich. In seinem Nachruf auf ABM schreibt Joachim Kaiser über den schwer beeindruckenden Vortrag einer späten Mazurka durch ABM, der an Tiefsinn und tiefster Melancholie ihresgleichen gesucht habe. Interessant ist, was ein Pianist der jüngeren Generation, der Chopin-Preisträger Rafal Blechacz, über ABMs Mazurken sagt. Er findet sie gerade deshalb so außergewöhnlich und spannend, weil ABM sie nicht im Sinne der polnischen Tradition spielt, aus der er herkommt.


    Schöne Grüße

    Holger

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  • Was mich aber mächtig irritiert, ist wie ABM die Chopin- Mazurken interpretiert, meist langsam und breit- laut und überdies klangvoll und saftig. Das kann sich im Verlauf aber auch eher grob und unpersönlich anhören. Warum so mächtig im Ton ? Ich denke da schon auch an Eigensinn oder Weltfremdsein. (Rubinstein und Horowitz, und auch einige andere (auch junge) schmeicheln und entzücken uns mit ganz anderen Gefühlsschwüngen ???)

    Lieber Damiro Ich habe mir gerade diese Einspielung vor ein oder zwei Tagen angehört und war hin und weg... Ich mag es gerade so.

  • Ich sagte ja schon, dass du einen guten Geschmack hast, lieber asteves, und er hat genau meine. Und zusammen mit Holgers profundem Wissen, will ich schon gar nicht widersprechen.;)


    (Nein, kein aber...!)


    Als ich die ABM- Box (..."sämtliche" DGG- Aufnahmen) bekommen und teilweise abgehört hatte, musste ich hier im Forum was los werden, in Kenntnis von einigen anderen Chopin- Mazurken- Aufnahmen, darunter Cortot und Rubinstein und der Anna Gourari - nicht aber Richter. Ich war nämlich fassungslos, von ABM derart dicke, laute Akkorde und verbindende Basisläufe bei seinen Mazurken zugespielt zu bekommen (im Jazz würde man klanglich "fett" sagen). Davor und danach habe ich bei den anderen Interpreten nichts derartiges von Chopin gehört, noch nicht mal bei den Kl.Sonaten oder Polonaisen, z.B. bei der zweiten, die wahrlich satzmässige Schwächen hat.

    Da ich einen neuen Schrank habe, müssen die CDs teilweise umplaziert werden. Ich habe gefunden 1) die "zweite" Auflage der ABM - DGG- Einzel- CD, die 1971 aufgenommen worden war (zuletzt nicht wiedergehört), 2) Einzelaufnahmen mit obigen Interpreten, sowie 3) eine grüne 12 CD Chopin (only)- Box mit Mazurka- Aufnahmen von Raoul Koczalski, Ignazi Friedman, Cortot, ABM (von wann ?) und wenigen anderen.

    Jetzt waren mein Widerspruchsgeist und meine partielle Detailversessenheit herausgefordert und ich musste und muss hören.


    Und noch ein wichtiges Detail:

    Den Text im Booklet der vor ca. 10 bis 20 Jahren gekauften Einzel- CD hat R. Evidon verfasst. Von Anfang an geht es dabei um die Mazurken, die ABM offenbar 1971 aufgenommen hatte, und ihre Interpretation. Man mag meine Aussagen bezweifeln, jedoch hatte ich diesen Text noch nie gelesen --- und er hat genau meine Zweifel angesprochen bzw. bestätigt ! R. Evidon zitiert dann fortwährend Bruce Morrison von THE GRAMOPHONE, eine wahrhaft schwülstige und -leider- nichtssagende Rezension über eben diese Mazurken- Interpretation von ABM. Sowas schreibt jemand vermutlich unter Druck, wohl ist/ war er eine Kritiker- Autorität, die sich ihrer Aufgabe der Rezension irgendwie anständig und/oder schnell oder beidem entledigen wollte. (Er schrieb auch noch mehr, dessen Wirkung ich nicht weiter bedacht habe).


    Es ist heutzutage und schon seit langem einfach nicht möglich, unklare Dinge einfach mal stehen zu lassen !!! Mit all ihrer Widersprüchlichkeit. Wir brauchen dieses in unseren Musikbetrachtungen. :/:S;):love:

    Anna Gourari könnte da einen ganz natürlichen, unkomplizierten Blick für die Dinge haben. Oder ein anderer jüngerer Pianist.


    Im Moment für mich das wichtigste:

    was klingt wie ?! Was bewegt mich/ uns ? Was klingt ähnlich ? Sympathisch ? Gegensätzlich ? und: mein Urteil ist eigentlich unwichtig, aber warum das Herumgewichten der Akkorde und ihrer Zwischenverbindungen, durch ABM, bei den Mazurken ?


    Da ich jetzt sechs Tage abroad bin, meist ohne w-lan, freue ich mich auf meine Rückkehr..

    :hello::yes:8)


    Ja, und noch:

    Chopin ist für mich einer der grössten Komponisten überhaupt. Sein Werk ist von A bis Z homogen und originell, zuvorderst die Barcarole, mein Lieblingsstück, Wer konnte ahnen, dass seine Stücke Jahrzehnte und Jahrhunderte überdauern werden ? Ich will sein Leuchten und sein Drama möglichst alle paar Tage...



  • Ich war nämlich fassungslos, von ABM derart dicke, laute Akkorde und verbindende Basisläufe bei seinen Mazurken zugespielt zu bekommen (im Jazz würde man klanglich "fett" sagen). Davor und danach habe ich bei den anderen Interpreten nichts derartiges von Chopin gehört,

    :D dann höre mal, lieber Damiro, Vladimir Sofronitzky, Alexander Scriabins Schwiegersohn. Seine Aufnahmen der Mazurken gehören zu den berühmtesten und geschätztesten - hier gleich aus op. 30, die spielt ABM auch. Dann wirst Du gleich noch einen Schock bekommen ^^ :



    Das aus der Romantik verbreitete Klischee lautet: Chopin war immer kränklich, hatte eine schwache Konstitution, spielte nie Konzerte in großen Sälen sondern nur in intimen Salons. Sein Spiel sei kraftlos und unendlich zart gewesen, ohne große dynamische Kontraste, was für empfindliche Damen, die leicht in Ohnmacht fallen. Artur Rubinstein mit seinem gesunden, kraftvollen Chopin sagte man deshalb in jungen Jahren nach: Er solle doch besser de Falla und Albeniz spielen - aber er sei für eines wirklich völlig unbegabt: Chopin zu spielen! :D Es ist klar, dass sich ABM von diesem Chopin-Bild ganz gezielt distanziert und eben die Kontraste - wie sie im Notentext stehen - herausspielt. Chopin selbst sprach übrigens von den Mazurken als "meine Atelierbilder" - sie sind also hochartifizielle Kunstmusik und eines gewiss nicht: oberflächlich elegante, leichte Salonmusik zur Unterhaltung.


    Noch ein Detail: Man hört bei dieser DGG-Aufnahme den Dämpfungsfilz, wenn ABM das Pedal bewegt. D.h. die DGG hat bei dieser Aufnahme nicht wie in dieser Zeit bei ihr üblich die Mikros weit weg vom Flügel aufgestellt, sondern unter den Deckel gehängt. Dadurch ist der Klang natürlich viel unmittelbarer und direkter. Ein Forte kommt auch richtig im Forte über die Lautsprecher!

    Man mag meine Aussagen bezweifeln, jedoch hatte ich diesen Text noch nie gelesen --- und er hat genau meine Zweifel angesprochen bzw. bestätigt ! R. Evidon zitiert dann fortwährend Bruce Morrison von THE GRAMOPHONE, eine wahrhaft schwülstige und -leider- nichtssagende Rezension über eben diese Mazurken- Interpretation von ABM.

    Das ist ein so krasses Fehlurteil, dass es einfach nur kurios ist. Würde das stimmen, dann hätte ein Joachim Kaiser den falschen Beruf ergriffen. Cord Garben, der ansonsten ABM ja durchaus kritisiert, findet seine Mazurken übreigens auch überragend.


    Schöne Grüße

    Holger

  • habe ich mir das Buch von Jochen Köhler besorgt (bzw. in der "Stabi" ausgeliehen)

    Das habe ich diese Woche auch getan. Aus der Städtischen Musikbibliothek in meine Wohngebietsbibliothek für einen (!) Euro transferiert. (Straßenbahnfahrt oder Autofahrt hätten mich ein mehrfaches gekostet - auch an Zeit) Und es sieht ganz so aus, als sei ich der erste, der dies Exemplar überhaupt liest... Gespannt und neugierig...

    Ich habe eine "besondere" Verbindung zu Michelangeli. Vor langer Zeit war ich zu einem längeren Lehrgang zu langweiligen Themen in tiefer Provinz mit noch langweiligeren Nachmittagen und Abenden. Keine Bücher, nur einen CD-Player hatte ich, aber nur 3 CDs. Eine davon hat mich bei Laune gehalten:

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    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Das habe ich diese Woche auch getan. Aus der Städtischen Musikbibliothek in meine Wohngebietsbibliothek für einen (!) Euro transferiert.

    Ich lese das Buch gerade jeden Morgen im Zug. Sehr spannend! Darüber werde ich noch berichten!

    Ich habe eine "besondere" Verbindung zu Michelangeli. Vor langer Zeit war ich zu einem längeren Lehrgang zu langweiligen Themen in tiefer Provinz mit noch langweiligeren Nachmittagen und Abenden. Keine Bücher, nur einen CD-Player hatte ich, aber nur 3 CDs. Eine davon hat mich bei Laune gehalten:

    Die Aufnahmen sind selbst für ABM-Verhältnisse außergewöhnlich. Was für eine feurige Chopin Balllade g-moll! Und die unglaublichen Pausen da am Schluss! Wahrlich ein Ereignis!


    Schöne Grüße

    Holger

  • Für die Chopin- Mazurken fühle ich mich jetzt auf einem guten "Engramm- Level", nach ausgiebigem Sofronitzki hören. Für deinen YT- Clip jedenfalls herzlichen Dank, lieber Holger.

    (Überhaupt ist es bemerkens- und dankenswert, dass du mir und anderen öfter so ausführlich antwortest !)


    Verzeihung, aber Sofronitsky ist nun wirklich eine ganz andere Hausnummer als ABM, wie ich mit Überraschung zum ersten Male höre. Er versteht es, mich nochmals ganz neu für die Chopin- Mazurken zu fesseln. Und er ist Russe. Damit wäre ich sehr zufrieden, denn die Welt der Mazurka scheint/ schien mir nicht nur aufs Polnische begrenzt. Wenn ich nur wüsste, was aber Polen und Russen diesethalben voneinander unterscheidet ?


    Egal erstmal,

    Sofronitski schlägt eine neue Seite im "Mazurkenbuch auf, was meine Ohren angeht...

  • Verzeihung, aber Sofronitsky ist nun wirklich eine ganz andere Hausnummer als ABM, wie ich mit Überraschung zum ersten Male höre.

    Das freut mich ja, lieber Damiro, dass Dir Sofronitzky die Mazurken-Welt Chopins näher bringt! :) Zu ABM habe ich aber dann noch etwas zu sagen. Dazu muss ich aber etwas weiter ausholen - Beiträg kommt deshalb später!


    Sehr schön ist übrigens auch die Einspielung der Mazurken von Samson Francois! :jubel:


    Schöne Grüße

    Holger

  • ABM´s brüske Kontraste


    „Es ist in diesem Zusammenhang erwähnenswert, dass Michelangeli neben seinem absoluten Gehör und dem unglaublichen Feinsinn für Farben und Klänge – jenseits des absoluten Gehörs, das ja lediglich die Tonhöhe betrifft – auch eine Gabe hatte, die ich als „absolutes rhythmisches Gehör“ bezeichnen würde, also ein untrügliches Gespür für die Kombination von Metrum und Rhythmus, man kann auch sagen: das „Timing“. Wenn er ein Rubato spielte, dann verlor sich das Metrum nicht. Michelangeli hat die metrische und die rhythmische Ebene in ihrer Bezogenheit aufeinander offenbar immer gleichzeitig ganz stark empfunden.“


    (Bernd Goetzke)


    Was ABM´s Schüler Bernd Goetzke hier hervorhebt, kann man bewundern an seinem Vortrag der Chopin Mazurka op. 33 Nr. 4. Noch in meiner Zeit als Gymnasiast hörte ich auf WDR 3 ein Protrait über Michelangeli. Dort war ein zentrales Beispiel für die höchste pianistische Kunst Michelangelis wie auch das Ideal einer vollkommenen Interpretation eben dieser Mazurka. Hervorgehoben wurde ABM´s unglaubliche Kunst der Klangschattierung, wo jede Wiederkehr des Themas mit einer anderen Farbe versehen wird und sein ideal ausgewogenes Rubato Spiel. Wenn man zu der bekannten Studio-Aufnahme noch den faszinierenden Filmmitschnitt aus Paris von 1965 hinzunimmt und den späten Konzertmitschnitt aus London von 1990, dann wird die unglaubliche Verfeinerung der Kunstmittel von ABM deutlich. Die drei Aufnahmen sind sich ähnlich - aber doch so unterschiedlich. Und diese Unterschiede entstehen durch quasi mikroskopisch kleine Umgewichtungen des Rubito-Spiels als eine kleine Ursache mit größter Wirkung - besonders, was die Londoner Aufnahme angeht - ein überragendes Beispiel für ABM´s "rhetorischen" Spätspiel. Er phrasiert nun rhetorisch-pointierter. Damit schwindet die gleichsam objektivierende ästhetische Distanz und die Musik wird zum Subjektiv-Bekenntnishaften, bekommt also eine noch ganz andere Dimension. Geradezu überdeutlich wird dies bei der späten Mazurka op. 67 Nr. 2, die er bei der DGG aufnahm und dann 1985 in Bregenz vortrug. Das letzte Stück, was Chopin zurückgezogen auf seinem Zimmer komponierte, war eine Mazurka. Insbesondere die späten Mazurken bei Chopin sind Ausdruck eines "ich bin der Welt abhanden gekommen", des inneren Monologs, einer Zwiesprache der einsamen, gequälten romantischen Seele mit sich selbst. All das hört man in Bregenz 1985. Man denkt an Verlaine "un grand someil noir tombe sur ma vie", wenn man ABM zuhört. Da kommt sogar so etwas wie Überdruss und Lebensekel heraus. Diese Tiefendimension aufs höchste verletzlicher romantischer Subjektivität, eine gleichsam hermetische Intimität der Verzweiflung, erschließt kein anderer Interpret der Mazurken Chopins. Da ist ABM wahrlich einzig! Und genau das hat Joachim Kaiser in seinem Nachruf auf ABM auch zum Ausdruck gebracht.


    Diese Verinnerlichung hat er in der Studioaufnahme bei der DGG bereits vollzogen. Die Unmittelbarkeit der Tanzlust wird gebrochen und die Mazurka als seelisches Bild präsentiert. Das ist keine Tanzmusik zum Mittanzen mehr, sondern die sehr reflektiert-gebrochene und daher distanzierte Art der Empfindung, die man bei der ästhetischen Betrachtung einer Mazurka hat - ein "Atelierbild" von einer Mazurka, wie Chopin es selbst nannte. Und das entspricht auch sehr genau der ästhetischen Haltung der Romantik. Bei Wackenroder und Tieck gibt es die schöne Stelle, wo ein Tanzgeschehen aus der Ferne betrachtet wird und sich die Zuschauer darüber unterhalten, welche Empfindungen sie dabei haben. Das ist der Bruch der Romantik mit der Aufklärungsästhetik geselliger Konversion. Der Tanz verliert seinen unterhaltenden Charakter und wird zu einem Bild der Empfindung. Wie Ravels Valses nobles et sentimental, die ABM in Arezzo 1952 so unvergleichlich spielte, die keine Walzer, sondern Visionen von einem Walzer sind, geben entsprechend die Mazurken Chopins das romantisch-empfindsame Bild von einer Mazurka, sind also keine Tanzmusik zum Mittanzen mehr und auch nicht die Imitation einer solchen. Michelangeli hat das erkannt und dies als Interpret mit aller Konsequenz zuende gedacht. Er imitiert nicht das "Tänzerische" wie viele andere Interpreten, die dem Stück damit einen unterhaltenden Charakter geben, sondern präsentiert es als absolute Kunstmusik des Ausdrucks innerer Empfindungen.





    Aber noch ein anderer Aspekt fällt bei ABM heraus: die überaus scharf herausgespsielten Kontraste. Das kann manchen Hörer wie Damiro irritieren. ;) Schaut man in den Notenext:


    Chopin-Mazurka-op-33-no-4-page2-51c90bf722651.jpg


    dann sieht man einmal, dass nicht nur ein scharfer Piano-Forte-Gegensatz notiert ist, sondern auch noch mit Keilakzenten und Sforzati verstärkt wird. Allein schon daran erkennt man, dass es sich bei diesem Stück um Kunstmusik handelt. Denn Tänze haben zwar unterschiedlichen Charakter - es gibt lyrische, kraftvolle, verträumte, schnelle und langsame Tänze. Aber solche Tänze wechseln dann einander ab (wie beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmonker) - sie sind aber jeder für sich genommen immer einheitlich in der Stimmung und im Charakter. Chopin hat nun in seinem "Ateleierbild" die gegensätzlichen Tanzcharaktäre sozusagen aufeinanderprallen lassen. Und genau das arbeitet ABM sehr plastisch und drastisch heraus - was man natürlich als Interpret nicht unbedingt tun muss. Also warum tut er das?


    Dem kommt man glaube ich auf die Spur, wenn man sich anschaut, was Claude Debussy über das dritte der Preludes aus Heft 2 als Vortragsanweisung schreibt. Das hat der mit Debussy so intim vertraute ABM ("das war meine Musik von Anfang an") ganz sicher im Kopf. Auch dieses Stück ist ein Tanz, im Rhythmus einer spanischen Habanera geschrieben. ("La puerta del Vino" ist ein Tor der Alhambra in Granada.) Debussys Spielanweisung für das Stück lautet:


    „avec des brusques oppositions d’extrême violence et de passionnée douceur“ („mit brüsken Gegensätzen zwischen extremer Gewalt und leidenschaftlicher Süßigkeit“)


    Im Impressionismus verselbständigt sich der Bildeindruck gegenüber dem, was er abbildet. Van Gogh z.B. malt zwar eine Landschaft, aber mit den schärfsten Kontrasten, die es gibt: dem Komplementärkontrast. Damit entsteht auf dem Bild das, was Paul Cezanne eine "Harmonie parallel zur Natur" nannte, d.h. die Wirklichkeit wird im gemalten Bild nicht abgebildet, sondern sie entsteht mit rein artifiziellen, bildnerischen Mitteln der Kontrastwirkung sozusagen ein zweites Mal, noch einmal neu. Debussy will entsprechend die Kontraste brüsk und extrem herausgespielt haben, damit um Gottes willen nicht der Eindruck der Imitation einer volkstümlichen Habanera entsteht! Debussy will um keinen Preis "volkstümlich" sein! Debussy war nämlich ein Anhänger von Stephane Mallarmes Kunst, also des l´art pour l´art. Kunst ist für ihn hermetisch artifiziell - und von unterhaltsamer Pop-Kunst himmelweit entfernt. Ich bin mir sicher, dass ABM bei seiner Interpretation der Mazurken genauso denkt. Er spielt die Kontraste so brüsk heraus, um zu zeigen, dass die Mazurken eben "Atelierbilder" des Künstlers Chopin sind und keine Imitationen von volkstümlichen Tanzstücken. Das rückt die Mazurken in die Nähe der Preludes und Balladen. Da hat Chopin bezeichnend schroffe dynamische Gegensätze aufeinanderprallen lassen. Man denke nur an die Ballade Nr. 2.


    ABM hat im Konzert die "Eglogue" aus Liszts "Annees de Pelerinage" Bd. 1, der Schweiz, gespielt und als Einzel-Zugabenstück geradezu zelebriert. Unfassbar, was er da aus dieser schlichten Melodie an Tiefenschichtungen herausholt. Bezeichnend spielt er auch hier im Mittelteil den Kontrast brüsk heraus wie kein anderer Interpret! ABM war ein großer Liebhaber von Volksliedern, der Schweizer Coro della S.A.T hat die von ihm komponierten Volksliedarrangements auch gesungen. (Die CD habe ich!) Hier wollte er wohl zeigen: Diese Eglogue ist keine naive Pastorale - und entsprechend werden im Sinne von Debussy die Kontraste zu "brusques oppositions":



    Schöne Grüße

    Holger

  • Hallo Holger, liebe Mitleser und -hörer,


    bin wg. meines Urlaubs ein wenig aus dem Takt des Lesens und Miterlebens gekommen, was die Mazurkeninterpretationen ABMs (und anderer) angeht. Als erstes habe ich mit erheblichem Interesse und dann Befriedigung gelesen, ABM sei offenbar ein grosser Freund von (einiger) Volksmusik gewesen. Ich selber bin ein Freund des bayerischen Dreisangs, in dem ich (im guten Falle) immer wieder fantastische Wirkungen auf mich spüre, v.a. durch dessen agogische und auch melodische Momente und Wendungen. Natürlich sind es dort meist (nur ?) Attitüden und Effekte. Im Untergrund ist aber eine tänzerische Grundhaltung oft spürbar, Geziere hin oder her. Obwohl alle nur wohlwollend sitzen und hinüberschauen zu den feschen Musikannt*innen


    ABM spielt manche Mazurken in ihren Hauptteilen (ich habe sie nicht sehr analysiert) nahezu brutal, vielleicht insistierend und hart !, um dem dann ein extrem "zärtliches" Spiel folgen zu lassen, mit unglaublichen Tempoverzögerungen und leisen Stellen, bis fast hin zum klanglichen Absterben.

    Das Tänzerische ergibt sich aus der Forderung, den Takt zu halten und "weiterzukommen" - musikalisch meine ich (so aus den Äusserungen des ABM- Schülers Goetzke zu entnehmen). Also auf die Eins da zu sein, spätestens einen Takt später...


    (Und das liegt auch im Wesen des Jazz nach 1940)


    (Zu hören ist das auch bei Rachmaninows eigenem Klavierspiel selbst, der den exakten Rhythmus, das Zeitmass eines oder höchstens zweier Takte, mit all seinen Mikroschwankungen sozusg. im Blut hatte. Ich meine damit das, was man gerne als lebendiges Klavierspiel bezeichnet).

    :)

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