ADRIANO – eine vielseitige schillernde Dirigentenpersönlichkeit

  • Dann darf ich vielleicht eine andere Meinung zu der Gesantaufnahme hier posten:


    Zitat von Amazon

    Ich kenne die Musik von Fritz Brun schon durch die Einzelveröffentlichungen; nun bin ich auch in den Besitz der Gesamtbox gelangt, was dazu geführt hat, dass ich mir viele Werke dieses Komponisten abermals angehört habe. Und inzwischen gefallen mir seine Kompositionen außerordentlich gut! Ich muss zugeben, dass es mir beim ersten Hören nicht leicht gefallen ist, die Musik von Fritz Brun gänzlich zu verstehen, obwohl ich gleich deren Vielschichtigkeit und Kunst erkannt habe. Seine Musik ist keine Musik zum Zurück-Lehnen sondern verlangt intelligentes Zuhören; zumindest aber mehrfaches Hören, bis sich einem die Werke erschließen. Insofern wundert es mich nicht, wenn man sich mit der Musik zunächst schwer tut. Es ist aber absolut ungerecht aus diesem Grund der Musik von Fritz Brun Qualität abzusprechen, im Gegenteil: Je intensiver man sich mit seiner Musik beschäftigt, desto mehr wird man von ihr gefesselt; und hinterher wundert man sich, weshalb man sich zunächst etwas schwer mit der Musik getan hat, erscheint einem doch nach mehrmaligem Hören die Musik verständlich und nachvollziehbar zu sein.

    Ich kann also jeden Musikliebhaber nur dazu ermutigen sich mit der Musik dieses außergewöhnlichen Komponisten zu beschäftigen.

    Die Aufnahmen scheinen mir auch (obwohl es kaum Vergleiche gibt) Referenzcharakter zu haben, da sich Adriano wie kein anderer mit dessen Musik auseinandergesetzt hat, was die Lektüre seiner 164-seitigen Online-Dokumentation zu den Werken beweist. Zudem musste er sich intensiv mit dem Notenmaterial auseinander setzen und es zum Teil wieder rekonstruieren.

    Bleibt also nur zu wünschen, dass die Musik von Fritz Brun entdeckt- und einer breiteren Masse an Musikliebhabern auch durch öffentliche Konzerte zugänglich gemacht wird.

    Liebe Grüße und eine schönen Ausklang deines Geburtstages, lieber Adrano


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Danke sehr, William und Holger :-)

    Habt Ihr auch die erste, ebenfalls negative Amazon-Kundenrezension von Andreas Wittkopf gelesen? Wenn man seine egomanische Webseite konsultiert - dann versteht man, dass es nichts anderes zu erwarten gibt von diesem Pfarrerssohn, der nur Beethoven "gross" findet. Sein Posting haben zwei weitere Amazon-Kunden empört kommentiert. Der Pfarrerssohn hat bloss kurz hineingehört in die Musik und, weil ihm sie nicht gefiel, hat er sie einfach schlecht gefunden. Daraufhin habe sogar ich mich bemüht, einen Kommentar zu verfassen. Diese gleiche Rezension musste er dann noch unter dem großkotzigen Pseudonym "L. v. B." bei jpc posten, wo meine Reaktion ebenfalls veröffentlicht wurde. Ein Höhepunkt seines Ergusses:

    "Es wabert eben alles nur vor sich hin, ohne die zündende Idee eines markanten Themas oder wenigstens Motivs... "

    Ist halt nicht bloss ta-ta-ta: Da braucht es schon experimentierfreudigere und geduldigere Hirnzellen, wenn man sich mit Brun auseinandersetzen möchte...

  • Hallo lieber adriano, ich habe mir diese......


    Carlo Gaifa, Roland Herman, Gastone Sarti, Coro e Orchestra della Radiotelevisione della Svizzera Italiana, Marco Balderi


    ....Einspielug von dem jungen Respighi zugelegt >Christus< , bin ziemlich begeistert was ist deine Meinung dazu!?


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • So wurde diese claves-CD von 1992 ganz ans Label der Bottega Discantica lizensiert. Das war damals eine Co-Produktion.

    Ich mag das Stück, obwohl der typische Respighi noch nicht voll da ist :-)

    Claves/Discantica haben damals drei weitere CDs mit unbekannterer Respighi-Musik herausgegeben - unter anderem seine (heute unnötige und zu stark gekürzte) Bearbeitung von Monteverdis "Orfeo" für "romantisches" Symphonieorchester. Zwei dieser 4 CDs sind mit dem Violinisten Ingolf Turban: Stücke mit Orchester oder mit Klavier.

  • Zitat von adriano

    Ich mag das Stück, obwohl der typische Respighi noch nicht voll da ist :-)

    Aber man hört es schon das da Respighi drin ist :love:, das sind ja ungeheuere Klangmassen die auf einen einstürzen, und es wird prächtig gesungen!

    Bin gerade beim dritten Durchlauf! :pfeif:

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Diese gleiche Rezension musste er dann noch unter dem großkotzigen Pseudonym "L. v. B." bei jpc posten, wo meine Reaktion ebenfalls veröffentlicht wurde. Ein Höhepunkt seines Ergusses:

    "Es wabert eben alles nur vor sich hin, ohne die zündende Idee eines markanten Themas oder wenigstens Motivs... "

    Ist halt nicht bloss ta-ta-ta: Da braucht es schon experimentierfreudigere und geduldigere Hirnzellen, wenn man sich mit Brun auseinandersetzen möchte...

    Lieber Adriano,


    diese Rezension ist einfach unqualifiziert und zeugt nur von der mangelnden Bereitschaft, sich mit dem Werk eines kaum bekannten Komponisten auseinanderzusetzen. Er reproduziert da schlicht ein Klischee von "Spätromantik", das auf Brun so passt wie die berühmte Faust aufs Auge. Wenn man nur die 3. Symphonie z.B. hört, dann kann man feststellen, dass Brun mit seinem auf Klarheit und Durchsichtigkeit gehenden Orchesterklang im Anschluss an Brahms in Richtung von Schönbergs "Kammersymphonie" geht - also gerade nicht den klassisch-romantischen Orchesterapparat im Sinne einer das Diffuse suchenden Rauschmusik ins Uferlose ausweitet. Und es ist wirklich erschreckend, dass die Rezensenten unfähig sind, die Mammutaufgabe eines solchen Projektes zu würdigen, der Du Dich da gewidmet hast und den Möglichkeiten, die es da gibt und nicht gibt. In diesem Stil hat auch Adorno - der natürlich eine andere Qualität hat als ein solcher Schreiber - Sibelius mit ein paar Worten abgefertigt, auch aus der mangelnden Bereitschaft heraus, sich mit dieser Musik überhaupt zu beschäftigen. Das ist eine rein weltanschauliche, geschmäcklerische Kritik, die den Namen einfach nicht verdient!


    Kannst Du nochmals den Link von Deiner 120 Seiten-Dokumentation einstellen? Erst habe ich sie gefunden auf einer Rezensionsseite, aber wenn ich auf Deine Webseite gehe, finde ich sie nicht!


    Liebe Grüße

    Holger


  • Dank Adriano entdecke ich einen Komponisten, der mir bislang gar nichts sagt: Martin Scherber!


    https://en.wikipedia.org/wiki/Martin_Scherber


    Erst einmal ist das Booklet lobend zu erwähnen mit einem ausführlichen Essay über Scherber mit einer Analyse der 1. Symphonie von Christoph Schlüren sowie allen Liedtexten. Das ist vorbildlich!


    Scherber komponierte praktisch privat - in Weltabgeschiedenheit sozusagen. Musik als in sich abgeschlossenes Geisterreich im romantischen Sinne. Das ist eine Welt für sich - Kontakte zur realen Außenwelt der Jetzt-Zeit gibt es keine, jedenfalls sind sie nicht auffällig in die Musik einkomponiert. Scherber war stark von Steiners Anthroposophie beeinflusst, von Goethes Metamorphose-Gedanken und von Anton Bruckner. Die Symphonie beginnt so auch mit einem Brucknerschen Choral-Thema. Ich finde aber die Unterschiede zum Vorbild Bruckner aufschlussreich. Bei Scherber hat man das Gefühl, dass die Musik in ihrer Abgeschiedenheit in einer metaphysischen Ruhe lebt, wo die Zeit stillsteht. Dagegen ist Bruckners Symphonik viel "dramatischer". Bezeichnend ist der eher lapidare, völlig unbombastische Schluss der 1. Symphonie. Während Bruckner gewaltige Final-Apotheosen komponiert als Ergebnis einer dramatischen Steigerung, fehlt bei Scherber genau diese dramatische Entwicklung und Affirmation, die Konstitution eines Symphonisch-"Erhabenen". Der innere Frieden, der sich im Choral ausspricht, ist nicht etwas Hoch-Erhabenes, was vom Menschen in den Niederungen weltlichen Unfriedens und von inneren Kämpfen gequält mühsam erkämpft oder errungen werden muss, er wird einfach gelebt. Das ist sozusagen Bruckner auf dem Totenbett, der seinen Frieden gefunden hat und nicht mehr kämpfen muss: Choral-Frieden als Erfüllung statt als romantisches Objekt der Sehnsucht. Scherber komponiert keine Symphonie als Musikdrama, sondern eine "tönend bewegte Form", reduziert Bruckners Symphonik entsprechend auf den reinen Entwicklungsgedanken. Scherber selber hat Bezüge zu Schönbergs Zwöltonkomposition hergestellt, obwohl seine Musik rein tonal ist, eher auf der Linie von Ernest Ansermet liegt, der meinte, mit der "Tonalität" sei die musikalische Entwicklung der Menschheit an ihrem absoluten Endpunkt angelangt. Die Beziehung zu Schönberg enthüllt aber etwas Wesentliches: Symphonische Musik wird bei Scherber zum Symbol eines philosophischen Gedankens, des Entwicklungsgedankens des "Alles aus Einem". Scherbers antiwagnerianische Anti-Dramatik ist einerseits modern (auch Debussys "Jeux" hat eigentlich keinen Schluss mehr, verzichtet auf eine Finalwirkung, die Musik bricht einfach ab), aber auch irgendwie sehr esoterisch weltabwesend. Die großen Zweifelsfragen der Menschheit, die Katastrophen und Kriege des 20. Jhd., nichts davon spiegelt sich in Scherbers Musik. Das ist "absolute" - von allem Irdisch-Weltlichen abgelöste - Musik im wahrsten Sine des Wortes - und man fragt sich, wie man dies deuten soll. Ist das Protest, innere Emigration, durch die Rettungsinsel der Musik autark nur in sich selbst hineinhörend das "Unzerstörbare im Menschen" (Franz Kafka) in einer kaputten und korrupten Welt zu finden? Die Lieder auf der CD sind wirklich wunderschön - nur klingen sie so, als sei die Zeituhr der Welt irgendwann bei Schumann stehen geblieben. Interessanter Weise hat er auch das "Urlicht" vertont, das sich in Mahlers 2. Symphonie findet. Bei Scherber ist das ein schönes romantisches Lied. Mahler hat da doch andere Dimensionen: Mahlers Vertonung zeigt die Distanz des Epischen im Lyrischen, macht die Naivität der Sehnsucht, das Illusionäre und eigentlich Unmögliche des kindlichen Wunsches, vorzeitig in den Himmel zu kommen, ausdrücklich. Bei Scherber dagegen ist das Urlicht Zeichen der Gewissheit, in Gott geborgen zu sein. Da gibt es keine Modalisierungen, sondern eben in sich ruhende Gewissheit. Das macht das Hören seiner Musik finde ich zwiespältig: Einerseits ist das wunderschöne Romantik, aber genau diese zeitenthobene Vergangenheitsorientierung wirkt auch etwas befremdend.


    Es bleibt festzustellen, dass die Symphonie von den Musikern aus Bratislava unter Adrianos sachkundiger Leitung wieder einmal wunderbar musikalisch präsentiert wird! :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber Holger :-)


    Diese Rezension ist ein Musterbeispiel an Intelligenz, Fachkunde und Niveau. Da können Dir Dutzende Rezensenten kein Wasser reichen.

    Viele herzlichen Dank. Dem Sponsor (Brucknerkreis Nürnberg) werde ich eine Kopie senden, die Mitglieder werden sich sehr darüber freuen!

  • Danke, lieber Adriano! :) Dabei hat es die Symphonie verdient, dass ich mich da noch etwas mehr rein vertiefe! Bei mir ist das Problem im Moment der notorische Zeitmangel, was die Möglichkeit zum Musikhören angeht. Jetzt sind allerdings Schulferien, und so wird es hoffentlich etwas besser. Dann hoffe ich auch, dass wir vielleicht auch über Ansermets Buch und Auffassung über Musik etwas diskutieren können - und natürlich über Brun! :hello:


    Liebe Grüße

    Holger

  • Zu Martin Scherber gibt es sogar einen eigenen Thread hier im Forum, in dem ich mich auch positiv über die erste Symphonie geäußert habe. Die 3. besitze ich auch, die 2. fehlt mir aber.


    Eine website über den Komponisten gibt es auch.


    Liebe Grüße

    Lutz

    :hello:

  • Lieber, verehrter Adriano


    Verspätet aber von Herzen gratuliere ich zu deinem Geburtstag und wünsche dir, dass du deine Projekte umsetzen kannst.


    moderato



    Post Scriptum


    Zu Beitrag 149 und Herr Steffens Kritik in pizzicato resp. in Tagblatt Lëtzebuerg fällt mir ein Zitat Kurt Tucholskys ein.


    "Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses. Ich habe Ihre Kritik vor mir. Bald werde ich sie hinter mir haben."


    .

    Die Beschäftigung mit Musik, selber spielend, hörend, im Nachdenken über sie und in der Diskussion im Forum soll Freude bereiten.

    Den Bratschenklang liebe ich wie der anderer tief klingender Instrumente: Bariton-Saxophon, Bassklarinette, Fagott, Kontrabass spiele ich neben anderen selber. Schubert ist mein Lieblingskomponist. Musik geniesse ich.

    .

  • Danke sehr, moderato, für Deine Wünsche! Das Merkwürdige ist, dass sich dieser Herr Steffen nun bei mir gemeldet hat, und hofft, mich mal persönlich zu treffen. Was soll denn das?? Hatte der Redaktion nämlich auch eine kurze Protest-Mail geschrieben zu seiner Rezension. Von ihm gibt es zahlreiche Interviews mit Weltstars (auch in Buchform), da kann er mit mir erst recht nicht rechnen; zu dieser Kategorie gehöre ich ja nicht...

    Tucholsky zitiert übrigens Max Reger, doch es gibt anscheinend keine hunderprozentige Beweise, dass er es wirklich war, der diesen tollen Satz geschrieben hat :-)

    Morgen beginnen die Endproben zu einem Gottfried-Keller-Konzert, dessen Programm ich zusammengestellt habe und am kommenden Freitag stattfindet. Alles meine Arrangements. Allerdings wär mir ein Septett lieber gewesen als ein Quintett, aber es muss gespart werden...

    https://www.zuerich.com/de/bes…keller-zum-200-geburtstag

  • Morgen beginnen die Endproben zu einem Gottfried-Keller-Konzert, dessen Programm ich zusammengestellt habe und am kommenden Freitag stattfindet. Alles meine Arrangements. Allerdings wär mir ein Septett lieber gewesen als ein Quintett, aber es muss gespart werden...

    https://www.zuerich.com/de/bes…keller-zum-200-geburtstag

    Lieber Adriano,


    ein wunderbares Programm aber trotz der ärgerlichen Sparmaßnamen! Dann viel Erfolg! Leider ist Zürich von Münster zu weit weg. Sonst wäre ich natürlich auch da! ;( Tolle Solisten hast Du - Dimitri Ashkenazy lese ich u.a. :)


    Liebe Grüße

    Holger

  • Erscheint am 10. Januar:

    https://www.naxos.com/catalogue/item.asp?item_code=8.574168


    Es ist die Wiederveröffentlichung einer CD von 2010 des Labels "Inedita" (das es nicht mehr gibt).

    Nachdem ich auf Marco Polo eine erste CD mit Werken Pilatis eingespielt hatte, wollten die keine zweite mehr haben, also wanderte ich auf "Inedita". Nun aber will sie Naxos doch noch...

    Die beiden von mir eingespielten CDs bilden Pilatis Gesamtwerk für Orchester.

  • Hier der Link zum Werbepartner.....



    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Von ihm gibt es zahlreiche Interviews mit Weltstars (auch in Buchform), da kann er mit mir erst recht nicht rechnen; zu dieser Kategorie gehöre ich ja nicht...

    Schau mal wie viel Aufrufe DEIN Thread hat: 19.000 in drei Jahren !!!!


    mfg aus Wien

    Alfred

    Wer Beethoven-Sinfonien fälscht oder gefälschte in Umlauf bringt, wird mit dem Anhören eines Endlosbandes aller Werke von Schönberg bestraft; von der Dauer 1 Woche bis zu 4 Wochen

  • Na ja, Alfred, als "Weltstar" bezeichne ich vor allem Berühmtheiten, die im Konzertsaal auftreten dürfen - und dazu gehöre ich eindeutig nicht...

    Aber trotzdem vielen Dank

  • Adriano Impertinent Concertino for Harpsichord and strings

    Adrianos Sendungen aus der Schweiz beglücken mich immer wieder: So viele neuartige Hörerlebnisse habe ich bekommen, so viele Komponisten, Kompositionen und Interpreten habe ich inzwischen durch ihn kennengelernt, die meinen Horizont erweitern. Dafür kann ich mich nur ganz herzlich bei ihm bedanken! Darunter sind auch etliche seiner wirklich sehr hörenswerten eigenen Kompositionen. Besonders angetan hat es mir sein Impertinent Concerto for harpsichord and strings, das er zuletzt in Bratislava aufgenommen hat mit dem Solisten Jory Vinikour – mit Booklet und schönen Fotos von den Aufnahmesitzungen habe ich es von Adriano aus der Schweiz erhalten!


    Gleich beim ersten Hören hat mir Adrianos Cembalokonzert sehr gefallen – inzwischen habe ich es mehrfach gehört mit meinen neuen Lautsprechern und gestern Abend dann auch mit meinem ebenfalls neuen Kopfhörer. Gerade bei diesem Werk hat das etwas für sich – man kann sich unter dem Kopfhörer sehr gut auf die Satztechnik und Instrumentierung konzentrieren und schließlich in Ruhe in der Abgeschlossenheit des Kopfhörer-Hörens auch die Struktur erfassen. Die Kombination des Cembalos mit einer Streichorchester ist an sich schon sehr reizvoll – die „gezupften“ Töne und die Legato-Flächen der Streicher bilden einen wunderbaren Kontrast. Adrianos Instrumentierung ist unglaublich kunstvoll – nicht nur klangvoll, sondern auch ist die Instrumentierung weit entfernt von einem traditionellen Soli-Tutti-Schema. Es tritt also nicht einfach das Cembalo einen Orchesterblock gegenüber, sondern es gibt diverse Dialoge der einzelnen Instrumente miteinander – mit und ohne Cembalo. Das ist sehr abwechslungsreich und ungemein reizvoll. Klanglich ist das wunderschön – mit wechselnden Tonfarben. Man entdeckt – überraschend – bei jedem Hören etwas Neues. Und die Tontechnik ist hervorragend, so dass ich die Aufnahme gleich auch verwendet habe, die neuen Komponenten meiner Anlagen „auf Herz und Nieren“ zu prüfen.


    Wenn ich – etwas unbedarft und ohne „Analyse“ – die höchst originelle und wirklich bis ins Detail durchdachte – Komposition beschreiben soll, dann würde ich den Titel seines Klarinettenquintetts nehmen: Thoughts and Associations, das ich auch noch hören werde und mich schon darauf freue. (Sein Onde Martenot-Konzert ist auch ganz wunderbar, das Instrument war gar nicht in meinem musikalischen Horizont zuvor – darüber werde ich ebenfalls noch schreiben, ich habe es bislang nur einmal hören können.) Jacques Handschin unterschied zwischen dem „architektonischen“ und dem „logischen“ Hören. Adrianos Stück würde ich als für das „logischen“ Hören bestimmt verorten. Es gibt eine einfache „Fomel“ als Urzelle, die sehr kunstvoll und mit schier unendlichen Stimmungswechseln variiert wird. Zum Schluss schließt sich das Stück mit der Rückkehr zum Anfang wie ein in sich zurücklaufender Kreis. Es ist also eine Art „Momentform“, die statt einer Architektur eine Logik des ständigen Um-sich-selber-kreisens umschreibt. Das ist sehr streng „durchkomponiert“, aber ungemein elegant und ohne die Schwerfälligkeit einer Satzarchitektur – was den Eindruck von Beweglichkeit macht und die kunstvolle Instrumentierung mit ihrem dialogischen Wechselspiel der aus dem Ganzen hervortretenden und wieder in es zurücktretenden Instrumente um so mehr zur Geltung bringt. Das passt auch zu der eher fahlen Stimmung des Stücks mit einem Hauch von Tristan-Schwüle in eher kühler Luft, die an Schönbergs „Verklärte Nacht“ und den langsamen Satz aus Bartoks 3. Klavierkonzert erinnert. Das „Gedankliche“ dieser musikalischen Logik einer sich ständig verändernden Urzelle weckt „Assoziationen“ – die dann auch musikalisch als Zitatschnipsel hörbar werden wie Wagners Tristan und der Beginn des 1. Tschaikowsky Klavierkonzertes. Das passt auch, weil Stimmungsbilder und das formalhafte motivische Material Assoziationen wecken. Das „Abschweifen“ der Fantasie ist von Adriano somit „einkomponiert“ – die musikalische Logik ist keine aufdringliche, die sich in den Vordergrund spielte, sondern unauffällig dazu bestimmt, das Hören zu leiten.


    Es wäre zu wünschen, dass sich auch andere Cembalisten für dieses wunderschöne Werk interessieren! Es ist wirklich eine Werbung für das Instrument und diese selten zu hörende Gattung! Mit diesen Links kann man Adrianos Werk hören:





    Als nächstes werde ich neben seinen eigenen Werken Adrianos Aufnahme der Werke von Mario Pilati hören – ein Komponist, der mir bislang völlig unbekannt war – und dann kommt wieder Brun dran!


    Also noch einmal ganz herzlichen Dank, lieber Adriano! :)


    Ein schönes Wochende wünschend mit lieben Grüßen aus Münster

    Holger