Skandal in der Musik

  • Von Kopfschütteln bis Schreien, Toben, Pfeifen, Türenknallen, Handgreiflichkeiten reichen die Missfallensbekundungen, die in der Geschichte der Musik für einen Skandal stehen.


    Gibt man das Wort "Skandal" in der erweiterten Suchfunktion des Forums ein, werden 50 Seiten mit Beiträgen angezeigt. Für die Oper gibt es einen entsprechenden Thread. Skandal in der Oper - Wenn Sänger oder Publikum ausrasten


    Ein Skandal bezeichnet laut Wikipedia "ein Aufsehen erregendes Ärgernis und die damit zusammenhängenden Ereignisse oder Verhaltensweise . Das Wort ist im Deutschen seit dem Ende des 16. Jahrhunderts belegt. Das abgeleitete Adjektiv skandalös mit der Bedeutung „ärgerniserregend, anstößig“ sowie „unerhört, unglaublich“ findet sich seit Anfang des 18. Jahrhunderts."


    Das Überschreiten von Grenzen gehört in der Musik zum Fortschreiten, zur Entwicklung. Was früher ein Skandal war, ist heute anerkannter Kanon.


    in diesem Thread soll es um den Skandal in der Musik gehen. Was brachte in der Vergangenheit das Blut in Wallung? Was ist für uns heute ein Ärgernis?

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    Knochen sind Bausteine. Sie bedeuten nicht den Tod, aber fallen ohne Fleisch auseinander.

    Enno Poppe

  • Mein größter erlebter Skandal war 2008 Lohengrin in Gera.

    Obwohl musikalisch großartig, gab es nach jedem Akt und besonders zum Schluß Applaus für die Sänger und besonders den kurzfristig eingesprungenen Dirigenten Thomas Wicklein sogar Ovationen.

    Beim Auftritt des Regieteams verstummte jede Beifallskundgebung. Im Haus war nur ein einziger Buhorkan zu hören, es kam zu Tumulten und Schmährufen gegen den Regisseur. Den Regisseur hat das kalt gelassen, er hat nur gelacht.

    Das Haus war ausverkauft, anwesend waren auch Gäste verschiedener Richard-Wagner-Vereine aus ganz Deutschland.

    Ich weiß nicht, ob ich Rechte verletze, deshalb stelle ich den Link nicht ein. Er ist aber lesbar unter "Florian Lutz - Regisseur". Auch ich hatte darüber berichtet, siehe nachstehenden Link, #38.

    Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann! - VOl 1


    Herzlichst La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Auch ich hatte darüber berichtet, siehe nachstehenden Link, #38.

    Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann! - VOl 1

    Oh, da ging es aber sehr hoch her in diesem thread...

    Der Forenbetreiber hat ihn seinerzeit geschlossen, weil er seiner Ansicht nach der Reputation des Forums "in keiner Weise" nütze. (Die Ankündigung, ihn zu löschen, wurde freilich nicht umgesetzt.) Was ist jetzt genau deine Motivation ihn Jahre später wieder hochzuholen?

  • Ich hätte auch über Tannhäuser in Paris schreiben können, oder den Sacre in Paris oder die Salome bzw. Czardasfürstin in Dresden. Aber da hättest Du berechtigterweise sagen können, daß ich nicht dabei war. Ich gehe davon aus, daß der Threaderöffner nicht nur davon ausgeht, über nicht erlebte Historie zu berichten, sondern eigenes Erleben auch willkommen sei.

    Weitere von mir selbsterlebte Skandale oder Skandälchen beziehen sich eigentlich immer auf Regieleistungen der neueren Art (z.B. Rosenkavalier in Dessau, Gräfin Mariza und Bauernstaat in Gera. Kann fortgesetzt werden.). Dabei habe ich noch nie erlebt, daß klassische Inszenierungen ausgebuht wurden, wobei die in der Klammer genannten Beispiele eigentlich keine Skandale waren, sondern ein Duell zwischen Ablehnern und Befürwortern der Inszenierung, ausgetragen mit Worten, Pfeifen, Buh- oder Bravorufen und maximal dem Stinkefinger. In Dessau kam es auch zu kleineren Rangeleien.

    Im Konzert war mir eine skandalöse Aufführung nicht beschieden, obwohl ich mehr Konzerte als Opern besucht habe. Bauernstaat war übrigens ein Schauspiel, wo Rentner verunglimpft wurden.

    Ich glaube aber, daß diese Auseinandersetzungen heutzutage relativ harmlos sind. Faule Eier u.a. Utensilien der Ablehnung sind (leider?) aus der Mode gekommen.


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Ich gehe davon aus, daß der Threaderöffner nicht nur davon ausgeht, über nicht erlebte Historie zu berichten, sondern eigenes Erleben auch willkommen sei.

    Wenn du den Eröffnungsbeitrag nochmal ganz genau liest, wirst du vielleicht erkennen, dass es dem Thread-Starter gerade nicht um das Wiederkäuen von Operntumulten geht (er hat ja auf den entsprechenden Thread zur Oper selbst verwiesen), sondern um Musik und nur um Musik, nicht um Musiktheater und Oper. Es soll ein Parallelthread zur Oper sein und sich auf Musik beschränken. Steht eigentlich alles ganz genau da.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Ich bin zu jung, um musikalische Skandale selbst erlebt zu haben. Manchmal kann man sich aufregen (siehe hier i Forum die Reaktionen aus Operninszenierungen), aber Skandale gibt es heutzutage in dem Bereich kaum noch. Deshalb finde ich das Buch

    Klingende Eklats: Skandal und Neue Musik Histoire, Bd. 118: Amazon.de: Anna  Schürmer: Bücher

    hochinteressant. Anna Schürmer ist Kulturwissenschaftlerin und Musikjournalistin mit besonderem Fokus auf Klangkunst und Soundexperimente. Ich kam auf dieses Buch, weil ich mich mit Malerei und Musik im Futurismus beschäftigte (im Kapitel: Die Krise der Jahrhundertwende, ab Seite 34) war aber so fasziniert, dass ich darüberhinaus noch e inige andere Kapitel gelesen habe (insgesamt hat das Buch 357 Seiten).


    Man muß das Buch auch gar nicht für ca. 40,- € kaufen, sondern kann es als pdf unten downloaden oder online lesen.

    Anna Schürmer - Klingende Eklats

    Verlag [transcipt]Histoire

    Orfeo wünscht euch allen, dass ihr gesund bleibt

  • In Brüssel kam es am 25. August 1830 nicht nur zu einem Eklat oder Skandal, sondern zu einer veritablen Revolution. Das überwiegend katholische Belgien wurde zu der Zeit von dem protestantischen niederländischen König Wilhlem I. regiert.

    Im dritten Akt der Oper "La muette de Portici" singt Masaniello mit einer Axt in der Hand: „Laufet zur Rache! Die Waffen, das Feuer! Auf dass unsere Wachsamkeit unserem Leid ein Ende bereite!“ Daraufhin erhob sich das Publikum und rief „Aux armes! aux armes!“ (Zu den Waffen! Zu den Waffen!). Die nach der Vorstellung ausgelösten Unruhen gegen die niederländische Herrschaft führten zur Belgischen Revolution und schließlich zur Unabhängigkeit Belgiens.


    Text im Original.

    Mieux vaut-il mourir que rester misérable!

    Pour un esclave est-il quelque danger?

    Tombe le joug qui nous accable

    Et sous nos coups périsse l'étranger!


    Amour sacré de la patrie

    Rends-nous l'audace et la fierté

    A mon pays je dois la vie,

    Il me devra la liberté!


    Orfeo wünscht euch allen, dass ihr gesund bleibt

  • Francis Poulenc "glückte" noch 1961 mit seinem Gloria ein Uraufführungsskandal.

    Heute, auch rückwirkend für 1961, kaum mehr vorstellbar, dass im scheinbar so durchsäkularisierten Frankreich sich noch so viele katholische Befindlichkeiten rühren konnten. Ich würde gerne genaueres über diesen angeblichen Skandal erfahren. Lösten die munter dreisten falschen Textbetonungen die Verärgerung aus oder lag es an etwas anderem? Heute wird Poulencs Kirchenmusik ja durchaus als aufrichtig gemeint verstanden und eher nicht mehr als Provokation.

    Sport lässt Menschen besser aussehen - Wein aber auch.

  • In seinen Anfangsjahren hat Francis Poulenc mit Freude seine Hörer provoziert und vor den Kopf zu stossen, wie z.B. mit seinem frühen Bühnenwerk " Les Mamelles de Theresias " von 1944.

    "In Poulenc wohnen zwei Seelen, die eines Mönchs und die eines Lausbuben" schrieb ein Kritiker. Somit hatte Francis Poulenc eine Gemeinsamkeit mit Mozart. Beide hatten Sinn für musikalischen Schabernack. So erklärte Poulenc das provokant-frech geratene «Laudamus te» in seinem Chorstück «Gloria» mit der Inspiration durch fussballspielende Mönche und Barockengelchen, die sich die Zunge zeigen. «Gloria» führte bei der Uraufführung 1961 zu einem Skandal, da die Erwartungen, die man an sakrale Musik eines katholischen Komponisten hatte, nicht erfüllt wurden.


    Orfeo wünscht euch allen, dass ihr gesund bleibt