Die E-Gitarre in der Neuen Musik

  • Da das Thema andernorts angedeutet wurde und insbesondere die Frage danach, wohin das Thema im Forum gehören könnte, eröffne ich hier einen Thread dazu.

    Die E-Gitarre ist heute bei "avantgardistischen" Komponisten ein gängiges Instrument, als auf entsprechende "Geräuschmusik" spezialisierter Musiker ist insbesondere Yaron Deutsch bekannt, der im vierköpfigen Ensemble Nikel neben Schlagzeug, E-Klavier und Saxophon werkt.

    Auf der CD-Edition der Donaueschinger Musiktage 2012 ist einiges Einschlägiges zu hören, insbesondere das von der Kritik hochgeschätzte "Generation Kill" von Stefan Prins.

    Historisch gesehen ist der Einsatz der E-Gitarre in Karlheinz Stockhausens Orchesterwerk "Gruppen" aus den seriellen 50ern jedermann im Ohr ... freilich ganz ohne Geräusch und so klassisch gespielt, wie das Saxophon bei Georges Bizet.

  • Vielen Dank für das Eröffnen des Threads und die Empfehlungen. Vielen Dank auch an Alfred_Schmidt für das neue Forum im neuen Jahr! Geben wir dem Kind eine Chance :)  kurzstueckmeister Die beiden CDs sind gerade in den Bestellkorb gewandert. Man kann sie aber schon über Streamingdienste hören.


    Historisch gesehen ist der Einsatz der E-Gitarre in Karlheinz Stockhausens Orchesterwerk "Gruppen" aus den seriellen 50ern jedermann im Ohr

    Na klar :). Ich hätte wirklich gedacht, dass Jimi Hendrix da ein motivierendes Element gewesen wäre, aber Stockhausen ..... auch gut! Und natürlich ohne Wah-Wah ;)


    Ich habe mir Stefan Prins angehört und brauche da wahrscheinlich ein wenig Hilfe. Hier fehlen mir doch Hinweise auf wichtige Elemente, auf die ich mich beim Hören konzentrieren muss. Völlig anders der George Lentz. Da bin ich sofort zuhause. Hendrix lässt grüßen.


    Da würde ich gerne auf die musikalische Zerstörung der amerikanischen Flagge durch Hendrix während des Vietnamkrieges aufmerksam machen. Das kann nur eine E-Gitarre



    ist aber wahrscheinlich bekannt. Auch der Titel "Geräuschmusik" interessiert mich. Was steckt dahinter? eine Idee?


    Ein Marathonwerk der Rock-Musik für E-Gitarre ist Metal-Machine-Music von Lou Reed aus den frühen Siebzigern, eine gewaltige Wanderung auf der "wilden Seite". Eine Stunde mit vier kleinen Unterbrechungen reine Gitarrenmusik, wo er intensiv mit Feedbackschleifen arbeitet. Melodien, wie bei Hendrix sind aber nur schwer zu erkennen...



    Teil eins ist hier zu hören





    Ist das Geräuschmusik, in dem von Dir angesprochenen Sinne?

  • Ich habe das ja extra unter Anführungszeichen geschrieben - ich meinte, dass den Instrumenten vorrangig Geräusche = Klänge ohne bestimmbare vorherrschende Frequenzen/Einzeltöne entlockt werden, am bekanntesten etwa Helmut Lachenmann. Und ich kann mich kaum erinnern, von Yaron Deutsch in einem Konzert jemals einen normalen E-Gitarrenton gehört zu haben ...


    Mir persönlich gefällt ja von den genannten Scheiben die mit Musik von Romitelli mit Abstand am besten, die gibt es offenbar bei jpc nicht mehr. Seine Version eines quasi von Geräuschmusik in Deinem Sinne - nämlich Populärmusik - "verschmutztem" Spektralismus finde ich sowohl konzeptuell nachvollziehbar als auch unmittelbar wirksam beim Anhören. (Der Prins ist mir auch noch eher fern ...)

  • Eigentlich bin ich durch einige Komponisten wie Bryce Dessner und Rebecca Saunders auf die Thematik gestoßen, dass die E-Gitarre irgendwo in der ernsten Musik (ich das mal jetzt so ... blöder Begriff!) angekommen sein müsste.


    Besonders das Stück Vermilion von Rebecca Saunders hat es mir da angetan, obwohl sie die Möglichkeiten dieses Instrumentes noch in geringem Umfang ausnutzt, aber in ihrem Interview auf die Benutzung eingeht. das Stück ist für Klarinette, E-Gitarre und Cello.


    Eine Einspielung mit dem ensemble musikFabrik (den Namen lese ich immer öfter, gehört wahrscheinlich in das Forum mit Ensembles ?) mit Link



    oder für die, die sich das Stück genre live anhören mit dem mir unbekannten Disfractfold Ensemble. Die Aufzeichnung ist in London im Café OTO entstanden. Atmosphäre wie in der Jazzgalerie in Bonn. Das geht natürlich gerade nicht mehr .....



    Ich finde dieses Stück fantastisch, ohne erklären zu können wieso. Die klanglichen Reibungen zwischen der Klarinette, dem Cello und derE-Gitarre stimulieren mich richtig. ... Welchen Nerv Saunders auch trifft. Es ist bei mir der richtige ...

  • Doch, das geht mir ähnlich.

    Bei R.S. immer wieder.


    Und mit Lachenmann beschäftige ich mich derzeit, u.a. um von der seriellen Musik weg zu etwas anderem zu kommen, das ich vor allem gut haben/ hören kann und das mich spontan oder etwas später anzieht und gleichzeitig näher interessiert. R.S. will, glaube ich, einen Zusammenhang, zwischen Stimmen, Klängen und Geräuschen herstellen, mit den hierzu geeigneten Instrumenten, im kammermusikal. Bereich. Sie kann das anscheinend.


    Während der Hendrix das amerikanische Banner mit dessen unendlicher Wichtigkeit musikalisch "demontieren" (in Zeitlupe herunterreissen) wollte, unbewusst aber die immanente Lösung/ Fortgang der Bedeutungen/ des Feelings der Hörenden/ Tanzenden/ Wartenden beschworen hat, hat er - wie konkret auch immer- ein unsichtbares Zeichen gesetzt, dass es für fast alle weitergehen wird, vielleicht sogar besser als bisher (so ist eben nun mal Musik)


    So habe ich es damals empfunden, wünsche mir sowas ähnliches auch für unser Land. Nun ja.


    Um nun wieder etwas konkreter abzuschliessen:

    von den Seriellen ist mir bisher nur Messiaen ans Herz gewachsen. Vielleicht wegen bekannten Vorgaben für seine/ deren Kompositionen. Und auch "Variationen über ein Rezitativ", ein Spätwerk von A. Schönberg, und wenige andere. Postseriell Cerha, auch Henze, welche ich aufsuche.


    Ein wichtiger Punkt ist noch meine Einschätzung der E- Gitarrenmusik unter der Voraussetzung, dass E- Gitarren- Musik eben zu 98,572 %8o in der Popmusik vorkommt, als Grobschnitt präsentiert und belohnt wird, gleichwohl aber auch mitreissend sein kann (wie hier im Forum einige immer wieder freudig dokumentieren, mich ein bissle eingeschlossen !:untertauch:)


    Nicht überflüssig zu sagen: ich höre sehr gerne John Scofield.

  • Dank der Erwähnung des Namens von Rebecca Saunders durch "astewes" vor einigen Tagen hatte ich mich schlau gemacht über die Komponistin und u.a. dieses Musikbeispiel gefunden, von dem ich sagen muss, dass es mich beschäftigt, was aber noch nicht heißt, dass es mir gefällt - was sich aber durchaus noch ändern kann.



    dazu Rebecca Saunders' Notenbuch für E-Gitarre

    683516-detail-00.jpg

    Alles Gute und einen Gruß von Orfeo

  • Auch der US-amerikanische Komponist Morton Feldman hat 1966 ein kleines Werk für elektrische Gitarre geschrieben. Es trägt den etwas verwirrenden Titel The possibility of a New Work for Electric Guitar. Um das Werk gibt es noch eine kleine Story.


    The piece was written in 1966 for the musician and composer Christian Wolff. Feldman described it as an attempt to write a piece for electric guitar which could "overcome" the instrument, using trial and error to produce sounds which didn’t sound like an electric guitar. The piece was thought to be lost when the score was stolen along with Wolff’s guitar case a year later in 1967, but a recording of Wolff playing the piece was unearthed from the archives of the KPFA radio station in Berkeley in 2007.




  • Der französische Komponist Tristan Murail (*1947) war ein Schüler Olivier Messiaens. Er sieht aber für sich auch einen Einfluss von Giacinto Scelsi bei dem er auch studiert hatte.


    Er schrieb 1977 mit Tellur ein Stück für klassische Gitarre und 1984 mit Vampyr! ein Stück für elektrische Gitarre. Ich möchte hier das Stück in zwei Versionen zur Verfügung stellen.


    Die erste Einspielung ist eine Live-Performance des Pianisten-Gitarristen Miki Skuta



    Faszinierender, aber wahrscheinlich auch etwas einengender ist die Interpretation von Flavio Virzi aus dem Jahre 2011. Da kommen Rockwurzeln zum Vorschein, die man in der anderen nicht hört ... ;)


  • Der us-amerikanische Gitarrist und Rockmusiker Bryce Dessner steigt mittlerweile tief in die Gebiete der Klassik ein. Es gab Aufträge vom Kronos-Quartett und anderen Institutionen. Zusammen mit dem Gitarristen David Chalmin und dem Klavierduo der Geschwisetr Labeque bildet er temporär das Quartett Minimlaist Dream House, für das die folgende Komposaition für 2 Klavier und zwei Gitarren geschrieben wurde. Der Titel ist Haven



    Er findet sich auch auf der Scheibe mit Dessners Kompositionen für zwei Klaviere




    Hier noch ein kleines Interview mit Bryce Dessner in der Elbphilharmonie während einer Aufnahme zu einem Projekt mit Thom Yorke von Radiohead.



  • Beim Murail höre ich keine Rock-Wurzeln. Und beim Dessner nicht so viel "Klassik", aber auch egal.

    Sorry, habe mich wohl etwas verwirrend ausgedrückt. Dessner steigt ein. Das hier gezeigte Stück Haven gehört da sicher nur teilweise rein.


    Bei Murail finde ich den Rock nur in der zweiten Interpretation. Wieweit die nun "Rockwurzeln" der Komposition freilegt oder dazuaddiert kann ich nicht beurteilen.

  • Kannst Du das noch etwas genauer anzeigen (welche Sekunde)? Die Tonhöhenverläufe haben ja mit Rockmusik gar nichts zu tun (hab's aber nicht komplett gehört).

  • Kannst Du das noch etwas genauer anzeigen (welche Sekunde)?

    Es waren weniger die Tonhöhen, sondern das Rhythmusgefühl des Gitarristen. Ich meine Rockstücke zu kennen, die die rhythmisch sehr ähnlich sind (zumindest teilweise). Das ist aber schon, wie ich finde ganz am Anfang zu hören, wenn man die Interpretationen von Miki Skuta und Flavio Virzi vergleicht. Vielleicht ist es aber auch nur ein "Feeling" was der zweite Gitarrist hat und was nicht Gegenstand der Komposition an sich ist. Ich schaue mal, ob ich das mir vorschwebende Stück finde, was aber eher zufällig sein dürfte :(

  • Der Kontrabassist des Klangforum Wien Uli Fussenegger hat eine Komposition für Saxophon, Cello, Kontrabass und E-Gitarre geschrieben. Im Hintergrund wird Tonbandmaterial von Giacinto Scelsi gespielt. Das Werk trägt den Titel San Teodoro 8.


    Zu finden ist es auf der CD Scelsi Revisited vom Klangforum Wien.



    Hier spielt der oben schon erwähnte Gitarrist Yaron Deutsch. Auch im Internet findet sich das Stück. Gitarrist ist hier Martin Siewert


  • Es waren weniger die Tonhöhen, sondern das Rhythmusgefühl des Gitarristen. Ich meine Rockstücke zu kennen, die die rhythmisch sehr ähnlich sind (zumindest teilweise). Das ist aber schon, wie ich finde ganz am Anfang zu hören, wenn man die Interpretationen von Miki Skuta und Flavio Virzi vergleicht. Vielleicht ist es aber auch nur ein "Feeling" was der zweite Gitarrist hat und was nicht Gegenstand der Komposition an sich ist. Ich schaue mal, ob ich das mir vorschwebende Stück finde, was aber eher zufällig sein dürfte :(

    Beim ersten hört man den Rhythmus auf dem unteren Ton ja kaum - was auch an Saalakustik/Aufnahmetechnik liegen kann.