Franz Schubert - arm, verkannt und als "Schwammerl" verhöhnt ?

  • Rheingolds Bedenken halte ich für berechtigt. Ich habe mir diese diese filmische Produktion damals im Fernsehen - einfach aus Neugier - auch angeschaut. Sie ist gut gemacht und gut gespielt, und sie entgeht weitgehend - aber leider nicht ganz und gar - der bei der Figur Schubert üblichen Gefahr der Sentimentalisierung.

    Wer von dem Menschen und musikalischen Künstler Schubert ein wenig verstehend erfassen will, und das ohne den üblichen musikwissenschaftlichen Ballast einer Biographie, der sollte, meine ich, das hier lesen:


    Die aus - meiner Sicht - immer noch beste, weil tief ins musikalische Werk vordringende Biographie Schuberts ist dieser hier:

  • Ich gestehe offen, daß ich Verfilmungen über das Leben von historischen Personen ganz und gar kritisch gegenüberstehe, bzw sie ablehen, ditto biographische Romane. Sie bringen einem die betreffende Persson IMO nicht näher, sondern zeichnen eine entstellendes Abbild (oft in gutem Glauben)

    Zu einer Person gehört immer der Dialekt, die Stimme, die Sprachmelodie - und natürlich die Gesichtszüge, sowie die Mimik, die Art des Ganges und andere Eigenheiten.Um eine Person näher "kennenzulernen" sind - so vorhanden - Briefe - das beste mitel, Und zwar sowohl solche, die im Mottelpunkt stehende Person an andere geschrieben hat, als such solche, die sie empfangen hat, und ebenso solche, wo Zeitgenossen untereinander Informationen und Meinungen über die betreffende Person ausgetauscht haben.

    mfg aus Wien

    Alfred


    Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.

    (stammt von Oscar Wilde - Hätte aber auch von mir sein können....)


  • Ich gestehe offen, daß ich Verfilmungen über das Leben von historischen Personen ganz und gar kritisch gegenüberstehe, bzw sie ablehen, ditto biographische Romane. Sie bringen einem die betreffende Persson IMO nicht näher, sondern zeichnen eine entstellendes Abbild (oft in gutem Glauben)

    Das kann ich leider gut nachvollziehen. Ich habe, obwohl nur in meiner Kindheit einen Schubertfilm gesehen, sehr lange so ein biedermeierliches Kitschbild von ihm herumgetragen. Das passt natürlich kaum zu Kompositionen wie der Winterreise oder etwa der gestern gehörten 4-händigen f-Moll Klavierfantasie ....


    Vielleicht ganz passabel das Folgende:



    Stegemann spricht auch über Zeit Franz Schuberts mit Blick auf den Komponisten


  • 1977 brachte die Musikwissenschaftlerin Brigtte Massin (1927-2002) ihr Buch über Franz Schubert heraus. Es ist in französischer Sprache geschrieben und ein "Taschenbuch" mit 1417 Seiten. Es erschien bei Fayard. Der Verleger musste überzeugt werden, ein Buch von diesem Umfang zu editieren. Auch wenn es vor 55 Jahren herauskam und die Schubert-Forschung neue Erkenntnisse erbracht hat, zähle ich dieses Buch zu den unentbehrlichen der Schubert Literatur. Ich bedaure, dass es (noch) keine deutsche Übersetzung gibt.


    Die Autorin hat zusammen mit ihrem Mann Jean Werke zu Beethoven, Mozart, Messiaen, zur orientalischen Musik, geschrieben. Für das Schubert-Projekt war sie auf sich allein gestellt, weil ihr Gatte mit anderen Arbeiten beschäftigt war.


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    Mir liegt die revidierte Fassung von 1993 vor. Wenn ich nicht schon die französisch Sprache beherrschen würde, für diese Edition würde ich sie erlernen, so hoch stufe ich den Wert dieser Publikation ein. Sie hat das Werk ihren drei Kindern gewidmet, das während deren Adoleszenz entstanden ist. Ich gehe davon aus, dass das Schreiben sie über viele Jahre beschäftigt haben muss.


    Das Buch ist bis aufs Äusserste detailreich und genauestens recherchiert. Da die Autorin Musikwisenschaftlerin war und um den wissenschaftlichen Standard wusste, bekommt man eine vertiefte Auseinandersetzung in Leben und Werk des Komponisten. Das Buch entstand auf der Schreibmaschine zu einer Zeit, als es noch keinen Computer gab. Sie muss sich bestens in die Literatur eingearbeitet haben. Die zahlreichen deutschen Zitate hat sie ins Französische übersetzt. Die Autorin geht streng zeitlich vor. Für jedes Werk, sei es ein Ländler oder eine Sinfonie, jedes Jahr und jedes relevante Datum ist ein Eintrag vorhanden. Es ist gespickt mit Originalzitaten (in französischer Sprache). Jedes Werk wird ausführlich von ihr beschrieben. Die Fussnoten sind in einer eigenen Spalte auf jeder Seite erwähnt, was die Leserlichkeit stark erleichtert.


    Das Buch hat folgende Teile:


    Vorworte, Seite 15 bis Seite 19


    Zeittafel, Seite 21 bis Seite 22


    Biografie, Seite 23 bis 487


    Geschichte der Werke, Seite 489 bis 1294


    Benutzte Literatur, Seite 1295 bis 1304


    Kataloge der Werke, Seite 1305 bis 1386

    (in chronologischen Listen mit Seitenangaben zur Erwähnung im Buch, die nach unterschiedlichen Gesichtspunkten geordnet sind)

    nach Zeit der Entstehung,

    nach dem Verzeichnis von Otto Deutsch,

    nach Opuszahlen,

    nach Gattungen,

    nach Titeln der Lieder


    Index der Personen, Seite 1387 bis 1417


    Inhaltsverzeichnis

    .

    Früher war ich morgens froh, des Abends weint´ ich

    Jetzt da ich älter bin

    beginn ich zweifelnd meinen Tag

    doch heilig und heiter ist mir sein Ende.


    Friedrich Hölderlin

  • ... zähle ich dieses Buch zu den unentbehrlichen der Schubert Literatur ...

    Ist nicht wichtig!

    Aber diese Bemerkung macht für mich die Feststellung erforderlich:

    Dieses Buch von Brigitte Massin, so spektakulär es in seinem Umfang ja sein mag, spielt im deutschsprachigen musikwissenschaftlichen Diskurs und in der zugehörigen Fachliteratur zu Franz Schubert keine Rolle.

    Und das gewiss nicht, weil die sich mit der Musik Schuberts beschäftigenden Musikwissenschaftler in Österreich und Deutschland es etwa nicht kennen.


    Die jüngste umfangreiche Buch-Publikation zum Thema "Schubert", sie tritt, verfasst von dem Musikwissenschaftler Gernot Huber, mit dem Titel auf "Schubert. Schubert?", ist 2016 im Bärenreiter-Verlag erschienen und bemüht sich um eine neue Sichtweise auf Schubert und führt das Massin-Werk zwar im Literatur-Verzeichnis auf, nimmt aber an keiner Stelle Bezug auf seinen Inhalt.

  • Lieber Helmut Hofmann


    Dass ein Buch über Schubert im französischer Sprache im deutsprachigen Raum keine Verbreitung findet, verstehe ich. Auch wenn es für Musikwissenschaftler in ihrem Diskurs keine Rolle spielt. Liest man die Sternerezensionen bei einem Online-Anbieter sind es nur Lobeshymnen zufriedener französischer Kunden.


    Für mich als interessierter Laie erhalte ich im Schubert Buch von Brigitte Massin Informationen zu Werken, denen in der Regel keine Beachtung geschenkt wird. Es zählt in meiner auf dem Regal 1.80 Laufmeter umfassenden Schubert Literatur und Partituren zu den unverzichtbaren Titeln, zu denen ich immer wieder greife, wenn ich mich informieren möchte. Wer es besitzt, weiss, wovon ich spreche. Der Preis von unter 40 Euro ist gerechtfertigt.


    Das Buch von Gernot Gruber Schubert Schubert? verfolgt einen gänzlichen anderen Ansatz und steht auch in meiner Bibliothek.


    Wenn man auf die nicht erhältlichen Bücher von Gernot Gruber klickt erscheint das Cover. Dort in der URL-Zeile ganz oben findet man am Schluss die Bestellnummer.


    Früher war ich morgens froh, des Abends weint´ ich

    Jetzt da ich älter bin

    beginn ich zweifelnd meinen Tag

    doch heilig und heiter ist mir sein Ende.


    Friedrich Hölderlin

  • Ein Beispiel, wie schnell man Informationen erhält und wie profund Brigitte Massin gearbeitet hat, sind die 5 Menuette und 6 Trios für Streichquartett D. 89. Sie dürften den wenigsten Schubert-Liebhabern bekannt sein oder vielleicht den Hörern des ORF, denn der Deutsche Nr. 1 wurde als Kennung einer beliebten Sendung benutzt.


    ich kenne keine Abhandlung über diese Stücke, die dieser Beschreibung nahe kommt. Unter dem Verzeichnis von Otto Deutsch unter D. 89 ist die Seite 534 angegeben. Der Eintrag ist schnell im Teil, der den Werken gewidmet ist, gefunden und umfasst zwei Seiten. Komponiert wurden die Tänze am 19. November 1813. Ein bedeutsamer Tag im Leben des jungen Franz Schubert, denn er musste das Konvict verlassen. Neben der Trauer um das Zurücklassen der Freunde ist in der Musik auch eine Befreiung spürbar.

    Für jeden der 11 Tänze wird die Tonart und die Tempobezeichnung erwähnt. Damit nicht genug. Der formale Aufbau wird genau beschrieben wie auch die Wirkung der einzelnen Stücke.

    Im biografischen Teil liest man über die Zeit im Konvikt von Schuberts Eintritt 1808 bis zum Verlassen 1813 auf den Seiten 39 bis 87. Das ist mit Zitaten seiner Freunde und dem Quellenstudium der Akten des Konvikts belegt. Als Musikwissenschaftlerin geht Brigitte Massin genau und ohne Spekulation vor.


    Auf die 5 Deutsche D. 90 wird mit einer eigenen Datumsangabe verwiesen, denn sie befinden sich im gleichen Manuskript. Da sie aber eine andere Deutsch Nummer besitzen, erhalten sie eine eigene Beschreibung. Ein Beispiel für die konsequente und systematische Arbeit, wenn man jedes der über 998 im Deutsch-Verzeichnis überlieferten schubertschen Werke beschreibt.

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    Früher war ich morgens froh, des Abends weint´ ich

    Jetzt da ich älter bin

    beginn ich zweifelnd meinen Tag

    doch heilig und heiter ist mir sein Ende.


    Friedrich Hölderlin

  • Danke, lieber moderato, für das Einstellen des Covers von Gernot Grubers Schubert- Buch.

    Ich habe die diesbezügliche Passage in meinem vorangehenden Beitrag gelöscht.

    Dass Du Massins Schubert-Biographie so sehr schätzt, verstehe ich gut. Ich kenne sie auch und wollte ihren Wert mit meinem Verweis auf den deutschen musikwissenschaftlichen Schubert-Diskurs ja auch in keiner Weise infrage stellen.

  • Mein bestes Schubert-Bild bekam ich von dem bereits hier von Alfred an anderer Stelle empfohlenen „Schubert – Die Erinnerungen seiner Freunde“ ,herausgegeben auf fast 600 Seiten von Otto Erich Deutsch (leider nicht beim Werbepartner gefunden). Ich kenne nicht die o.a. Bücher. Nichts gegen Gernot Gruber, den ich schon immer für manche Radiobeiträge und interessante Kommentare in bestimmten Podcasts schätzte. Aber er kann sich zwecks eines Schubert-Bildes auch nur vorwiegend auf solche Überlieferungen, sowie den Briefverkehr beziehen, es sei denn er hat ähnliche Fähigkeiten wie einst Rosemary Brown. ;)


    So bekomme ich Eindrücke von Menschen die mit ihm persönlich in Kontakt standen. Natürlich lassen solche Andekdoten auch immer den nicht unberechtigten Einwand zu, dass hier Verfälschungen (bewusst oder durch Irrtümer und falsche Erinnerungen auch unbewusst) nicht ausgeschlossen sind. Aber bei so vielen Erinnerungen verschiedenster Personen gibt es doch auch voneinander unabhängige, übereinstimmende Aussagen hinsichtlich bestimmter Merkmale seiner Person betreffend.


    Von daher lässt sich auch vermuten, dass auch Fritz Lehner sich auf diese Sammlung verschiedenster Dokumente (Briefe, Tagebuchnotizen, Gastkommentare in Zeitungen,…) gestützt hat, da er bestimmte darin beschriebene Wesenszüge zumindest in gewisser Weise mit berücksichtigt zu haben scheint. Schubert wird von mehreren Freunden bzw. Bekannten als nicht sonderlich redseliger, sondern als ein eher tief in seinen Gedanken versunkener, aber auch nicht unfreundlicher Mensch beschrieben. Mit Geld konnte er nicht umgehen und auf Hygiene scheint er angeblich nicht sonderlich viel Wert gelegt zu haben (nun ja da wäre er ja in beiden Punkten nicht der einzige bekannte Komponist) Wenn ihn etwas aus der Fassung bringen konnte, dann musikalische Urteile die er nicht teilen konnte. Aber auch eine gewisse Labilität und Hörigkeit gegenüber vertrauten Freunden (Stichwort Schober) wird hier in manchen Erinnerungen thematisiert. Lehner hat sich eventuell darauf bezogen, als er im Film zeigte, wie Schober (der auch in Deutsch seiner Publikation von mind. zwei Personen als schlechter Einfluss bezeichnet wird) seinen Freund ins Rotlichtmilieu mitschleppte und Schubert sich darauf die Syphilis zuzog. Das ist natürlich Fantasie, da man natürlich nicht weiß, wo genau Schubert sich diese eingehandelt hat. Aber man kann sagen, dass diese Möglichkeit zumindest nicht vollkommen unrealistisch erscheint.


    Das soll jetzt aber nicht als Plädoyer für diesen Film verstanden werden, denn ich stehe diesem insgesamt auch eher kritisch gegenüber. Ich habe den Eindruck dass er sich, wohl auch der Dramaturgie und dem künstlerischen Anspruch Lehners geschuldet, zu sehr nur auf die negativen Aspekte konzentriert. Wenn Schubert aus seiner überwiegend schweigsamen Innenwelt wieder in die Außenwelt tritt, dann sind es meist gleich Tobsuchtsanfälle oder einer „Biedermeier-Swingerparty“ und dem begleitenden Vollrausch geschuldete Übermütigkeiten (wonach es zum. im Film aussieht). Da bekommt der Begriff „Schubertiade“ eine ganz neue Definition. :D Lichtblicke und normale Konversationen gibt es selten. Schubert, sein Leben als ein einziges Requiem bzw. Trauerspiel verfilmt. Ist eine Möglichkeit das so im Film darzustellen. Aber auch wenn Lehner sich gut informiert zu haben scheint, spielt trotzdem seine subjektive, man muss sagen selektive Deutung sehr hinein (Quasi, sein Leben eine einzige Winterreise). Ich halte mich dann lieber an Schuberts Musik und diesem speziellen Charakteristikum dass viele seiner Werke durchzieht, das dichte beeinander und Wechelspiel von Melancholie und Heiterkeit bzw. Zuversicht. So stelle ich mir persönlich Schubert vor.

    „Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

  • MIch kenne nicht die o.a. Bücher. Nichts gegen Gernot Gruber, den ich schon immer für manche Radiobeiträge und interessante Kommentare in bestimmten Podcasts schätzte. Aber er kann sich zwecks eines Schubert-Bildes auch nur vorwiegend auf solche Überlieferungen, sowie den Briefverkehr beziehen, es sei denn er hat ähnliche Fähigkeiten wie einst Rosemary Brown. ;)

    Aber es geht ihm doch gar nicht um ein rein biographisches "Schubert-Bild".

    Zur reinen Lebensgeschichte Schuberts gibt es nichts Neues mehr zu sagen. Die ist bis in den kleinsten Winkel erforscht, und für den heutigen Schubert-Biographen stellt sie nur ein Pflichtpensum dar, auf das er sich nun halt mal einlassen muss, wenn er eine "Biographie" verfasst. Leser, die sich mit Schubert und seinem kompositorischen Werk bereits näher befasst haben, springen, wenn sie eine neue Biographie lesen, über die einschlägigen Kapitel zur reinen Lebensgeschichte hinweg. So bin ich zum Beispiel bei Gernot Grubers Buch "Schubert. Schubert?" verfahren. Denn was eine gute Schubert-Biographie ausmacht, ist die Deutung des kompositorischen Schaffens von Schubert in Relation zu seinem Leben.


    Es ist zum Beispiel umstritten, wie weit und in welchem Grad der Verlauf von Schuberts Leben Einfluss auf sein kompositorisches Werk hatte. In meinem Thread Franz Schubert. Liedkomposition nach existenziell tiefgreifender Lebenskrise vertrat ich zum Beispiel die Auffassung, dass es diesen im Bereich der Liedkomposition sehr wohl gegeben habe und versuchte das auch nachzuweisen. Gernot Gruber sieht das aber ganz anders. Er meint:

    "Schubert hat nicht im Herbst 1822 bei Ausbruch einer schweren Erkrankung einen völligen Umbruch seines Lebens und seiner Kunst erfahren. Auch ist die starke Fixierung im heutigen Repertoire und bei der theoretischen Interpretation auf Werke aus einen letzten sechs Lebensjahren vom Gesamt-Oeuvre her nicht recht verständlich. (...) Seine Verhaltensweisen als Komponist und eine gewisse Ausrichtung seines Ausdrucksbedürfnisses blieben von Anfang an auffällig stabil."


    Was Gernot Grubers Buch aus meiner Sicht so interessant macht, ist der seiner Deutung des Werks zugrundliegende hypothetische Ansatz. Er deutet den im Vorwort mit den Worten an:

    "Vielmehr gehe ich im zweiten Teil meines Buches insofern aufs Ganze, als ich zwei radikal gegensätzliche Erklärungsmodelle, die mit den Begriffen der >Utopie< und des >poetischen Nihilismus< arbeiten, so sachlich, wie mir nur möglich, durchspiele. Meines Wissens hat es noch niemand gewagt, das Abgründige Schuberts, die Entschlüsselung seiner Konflikte, seines Erleidens von Repression, seines kritischen Potentials soweit zu treiben, dass letztlich ein nihilistischer Zerstörer aller Illusionen vor uns stünde."

    Gruber will aber noch einen dritten Interpretationsansatz durchspielen, den er mit "Antithetik als Lebensprinzip" bezeichnet.

    Der Reiz seines Buches besteht für die Leser darin, zu verfolgen, wie er dabei vorgeht und was dabei herauskommt. Meines Erachtens verfährt er dabei zuweilen arg spekulativ. Aber darauf nun näher einzugehen, verbietet sich hier an dieser Stelle.

  • Tamino Beethoven_Moedling Banner
  • Hallo Helmut Hofmann,


    was ich damit sagen wollte ist, dass man bei seiner musikalischen Analyse hinsichtlich des Menschen Schubert auch an seine Grenzen stößt und sich tatsächlich wie du es selbst schreibst in bestimmte spekulative Mutmaßungen begibt, begeben muss.

    Es ist zum Beispiel umstritten, wie weit und in welchem Grad der Verlauf von Schuberts Leben Einfluss auf sein kompositorisches Werk hatte. (...) Meines Erachtens verfährt er dabei zuweilen arg spekulativ.

    Auch wenn ich es natürlich auch in meinem vorletzten Satz getan habe, denn hätte die Musik rein garnichts mit der Persönlichkeit des Komponisten zu tun so müsste ja zum. Komponisten gleicher Epoche ja vom emotionalen Ausdruck ziemlich identisch klingen und auch wenn das bei Leuten mit wenig Hörerfahrung vielleicht so sein mag ist es ja nicht wirklich so. Aber mehr Evidenz über gewisse Wesensmerkmale, Eigenheiten im Alltag und im sozialen Umgang mit anderen bieten natürlich schon mehr solche Überlieferungen der Zeitgenossen wie in der von mir erwähnten Zusammenstellung von Deutsch. Zumal es bei ähnlichen Urteilen mehrerer Personen zu intersubjektiven Rückschlüssen hinsichtlich dieser genannten Aspekte kommen kann. Deren Basis sind schließlich direkte Beobachtungen, während ja die Musik ein künstlerischer und konstruierter (kein spontaner) Ausdruck des Menschen ist, also hier andere Maßstäbe bei einer Analyse angelegt und auch anders eingeordnet werden müssen.


    Da es ja um den Film ging und sich Fritz Lehner allem Anschein nach auch auf solche Aussagen bezogen hat, wollte ich ihn auch daran messen, denn von der Musik alleine kann man meiner Meinung nach schwer bestimmte, vor allem soziale Verhaltensmuster die in eine Filmhandlung präsentiert werden im Detail herausarbeiten. Weil hier Biographie mit ins Spiel gebracht wurde. Ich ordne solche schriftlichen bzw. mündlich geäußert und schriftlich festgehaltenen Erinnerungen nicht zwingend als biographisch ein. Zumindest was mein persönliches Verständnis davon betrifft. Für mich haben rein biographische Daten immer einen faktischen, zweifellosen Quellenbezug, etwa durch verschiedenste Lebensdokumente aus Archiven (zB Schriftstücke von Schubert selber oder in denen von Behörden etwas festgehalten wurde) Wie bereits thematisiert ist der Wahrheitsgehalt von Anekdoten immer fraglich und kann nur umso wahrscheinlicher angenommen werden, je mehr übereinstimmende ähnliche Aussagen verschiedener Personen gemacht wurden. Eine übliche Biographie ist diese Sammlung von solchen Anekdoten ja nicht, denn würden alle Biographen die darin vorkommenden, umfassenden Details einbauen (das ist ja nicht gerade ein kleines Büchlein) müssten deren Biographien ja im Regelfall dicke Wälzer im vierstelligen Seitenbereich sein, da ja noch die bereits erwähnten gesicherten Fakten ja erst noch hinzukommen. Deutsch hat sich zwar im Anhang immer zu den jeweiligen Überlieferungen auch geäußert, aber das betrifft natürlich immer nur das was in diesen Erzählungen thematisiert wurde und ist bekanntlich auch nicht auf dem aktuellsten Stand der Forschung. Somit bleib ich dabei, um Schubert als sozialen Menschen näher zu kommen (das tiefste Innere kann ja möglicherweise auch ergänzend anhand der Musik erschlossen werden) ist das die beste Möglichkeit die man hat.


    Und ich werde irgendwann wenn ich wieder mehr Zeit habe sicher auch die erwähnte Publikation von Gruber zulegen. Ich habe übrigens auch darüber nachgedacht, was Fritz Lehner eigentlich an einem Schuberbild vermittelt, kann man eigentlich auch als einen Confirmation Bias, einen Bestätigungsfehler bezeichnen. Darunter versteht man wenn man seine Informationen nach den eigenen Vorannahmen selektiv auswählt bzw. interpretiert. Ich glaube er wollte bewusst mit frontaler Härte dem damals noch stärker vorherrschenden "Schwammerl"-Image von Schubert etwas entgegensetzen, einen Kontrast dazu schaffen. Da wäre ein ausgewogeneres Bild wohl nicht dientlich dafür gewesen. Wo die Wahrheit genau liegt ist schwer zu sagen, zwar in keinem der beiden überzeichneten Darstellungen aber sicher wohl eher Tendenz zur Lehner-Darstellung.

    „Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

  • Lieber, liebe âme


    Im letzten Beitrag schreibst du:


    Wo die Wahrheit genau liegt ist schwer zu sagen, zwar in keinem der beiden überzeichneten Darstellungen aber sicher wohl eher Tendenz zur Lehner-Darstellung.


    Der Regisseur Fritz Lehner hat das Drehbuch zu seinem Schubert Film Mit meinen heissen Tränen in der Reihe Fernsehspiel Bibliothek, herausgegeben vom ORF, im Verlag Edition Wien veröffentlicht. Beim Studium des sehr differenzierten Textes nimmt man wahr, wie einzelne Szenen gedacht waren sowie, was nicht in der endgültigen Fassung des Filmes erscheint.


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    Der österreichische Musikwissenschaftler Dr. Theophil Antonicek (1937-2014) hat ein klug verfasstes Nachwort aus seiner beruflichen Sicht verfasst. Titel: Was die Wissenschaft weiss. Darin setzt er die musikwissenschaftlichen Erkenntnisse zum Leben Franz Schuberts in Bezug zum künstlerischen Gehalt des dreiteiligen Fernsehfilms und die Freiheiten, die sich der Regisseur nimmt. Ich werde zu einem späteren Zeitpunkt darauf zurückkommen.


    Gerald Szyszkowitz (*1938) war, so klärt uns Wikipedia auf, Chefdramaturg des Österreichischen Rundfunks und leitete ab 1973 dessen Hauptabteilung Fernsehspiel. Hierbei für den ORF Leiter der Buchreihe Fernsehspiel-Bibliothek. Diese Funktion übte er erfolgreich bis 1994 aus; zahlreiche seiner Produktionen erhielten in- aus ausländische Fernsehpreise. In dieser Zeit entstanden unter anderem "Die Alpensaga" (Regie Dieter Berner), "Schöne Tage" und "Das Dorf an der Grenze" (Regie jeweils Fritz Lehner) sowie "Eine blassblaue Frauenschrift" und "Radetzkymarsch" (Regie jeweils Axel Corti). Allesamt Meilensteine in der Fernsehgeschichte.


    Er würdigt den Regisseur Fritz Lehner in einem Portrait als radikalen Filmschaffenden und beschreibt, wie die Idee zum Schubert-Film entstanden ist. In einer Diskussion tauchte die Idee auf, das Leben eines österreichischen Komponisten zu verfilmen. Johann Strauss, Gustav Mahler und Franz Schubert standen zu Wahl.


    "Gut", sagte er, "ich höre mir die ganze Musik an, die es gibt von ihm, und dann rufe ich dich an, ob ich das machen kann." Vier Jahre hat seitdem Fritz Lehner an nichts anderes mehr gedacht, als an seinen Schubert, ... "


    Fritz Lehner hat zunächst hörend Zugang zum Komponisten gefunden. Das finde ich bemerkenswert. Erst danach hat er sich an der historischen Faktenlage orientiert und den Film in künstlerischer Freiheit geschaffen.


    Dr. Theophil Antonicek schreibt: Lehner ringt geradezu um die Erkenntnis Schuberts: um ihn, den Verleugneten, Verkannten, Verdrängten.



    Früher war ich morgens froh, des Abends weint´ ich

    Jetzt da ich älter bin

    beginn ich zweifelnd meinen Tag

    doch heilig und heiter ist mir sein Ende.


    Friedrich Hölderlin

  • Lieber Moderato,


    vielen Dank für die interessanten Ausführungen. Es bestätigt sich was ich wie bereits beschrieben vermutet habe. Fritz Lehner hat sich auf jeden Fall mit Schubert näher auseinandergesetzt. Sein Schubert-Bild ist mit einigen Ausführungen seiner Freunde in bestimmten Aspekten druchaus stimmig wenn auch in gewisser Weise selektiv, einseitig in Richtung Tragödie radikalisiert. Der von dir eingebrachte Satz beschreibt das recht gut:

    Erst danach hat er sich an der historischen Faktenlage orientiert und den Film in künstlerischer Freiheit geschaffen.

    Die künstlerische Freiheit die eben auch mit sich bringt gewisse Merkmale übertreibend darzustellen und wiederum andere außen vor zu lassen. Vielleicht war das wie bereits schon geschrieben bei dem damals noch gängigen Schubert-Klischee auch notwendig. Es musste wohl ein Film sein der polarisiert und Aufmerksamkeit erzeugt, sonst wäre er vielleicht schnell wieder in Vergessenheit geraten und hätte sich auch nicht deutlich genug vom anderen Schubert-Bild distanziert. Und in seiner Machart und seinem angedachten Weg ist er schon sehr konsquent. Alfred schrieb über die "Passione" von Haydn sinngemäß wenn man nicht schon depressiv ist dann wird man es spätestens beim anhören dieser Musik. So ähnlich ist es wohl bei diesem Film, keine einfache Kost aber genau das will er auch sicher nicht sein. Wahrscheinlich versteht er sich auch nur als Alternativvorschlag und nicht als akkurat, historische Persönlichkeitsdarstellung. Glaube das war Lehner schon bewusst, er war ja sicher bei Sinnen und wusste was er tat und wie sehr er nur all die Fakten heranzog die seiner Idee dienlich waren. Wie hier schon an anderer Stelle geschrieben wird es immer nur dann problematisch wenn Menschen (ähnlich wie bei anderen Verfilmungen historischer Persönlichkeiten) dies auch als 100%ig wahrheitsgetreue Lebensverfilmung betrachten. Solche gibt es nämlich nach meiner Erfahrung halt auch.


    :hello:

    „Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)