Schumann: Das kammermusikalische Werk

  • Im Rahmen meiner derzeitigen Schumann-Phase kommt natürlich auch die Kammermusik wieder zu ihrem Recht. Anders als die Sinfonik oder Klaviermusik, hatte ich keinen unmittelbaren Zugang zu ihr. Heute weiß ich, dass das normal (für mich) ist. Die oft komplexere Form der Musik (besonders in den Streichquartten) erfordert ein Einhören und längeres Kennenlernen. Ausnahme war so ein bisschen das Klavierquintett, in seiner frischen und eingängigen Art.


    Im Thread habe ich gelesen, dass durchaus einige ein bisschen länger brauchen, um an Schumanns Kammermusik ranzukommen. Inzwischen bin ich größtenteils vertraut mit dieser Musik.

    Bei den Violinsonaten gefällt mir besonders die 2. Violinsonate Op. 121, mit ihrem herrlichen Kopfsatz. Nach schwerer und langsamer Einleitung, entwickelt sich ein toller Zwiegesang zwischen beiden Instrumenten. Wie sie sich hier gleichberechtigt die Phrasen hin und hergeben und innig verschmelzen ist ganz große romantische Musik.

    Die Klaviertrios gefallen mir alle recht gut, ich habe allerdings innerhalb der Kammermusik auch eine besondere Schwäche für diese Besetzung. Besonders das 1. Klaviertrio Op. 63, mit seinem dunklen, fließenden Charakter hat es mir angetan. Clara schätzte und spielte besonders gerne das etwas lichtere Zweite. Das 3. Klaviertrio Op. 110 teilt die innere Unruhe mit dem ersten Beitrag Schumanns.

    Die drei Streichquartette Op. 41 hatten (und haben) einen besonders schweren Stand bei mir. Die Einleitung des 1. SQ ist z.B. bezwingend, aber die Entwicklung ist durchaus komplex und bedarf vielfachen Hörens um wirklich Gefallen zu finden. Mehr als bei Beethoven, Schubert oder Brahms. Zumindest bei mir. Das empfinde ich ausdrücklich nicht als Nachteil oder Schwäche - im Gegenteil: Ich habe oft die Efahrung gemacht, dass es sich lohnt am Zugang zu bestimmten Werken, die einem zunächst nicht 'liegen' zu arbeiten. Der Gewinn ist mitunter sehr groß!

    Gegenteilig geht es mir (und scheinbar den meisten) mit dem Klavierquartett Op. 47 und dem Klavierquintett Op. 44. Diese Werke ermöglichen einen unmittelbareren Zugang, zeigen klangliche Brillanz und exzellente Kompositionsweise.

    Dazu kommen noch die ganzen kleineren Formen, von denen mir die Märchenbilder Op. 113 besonders gut gefallen.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Schumanns Kammermusikwerk hat sich auch mir erst viel langsamer erschlossen als seine reine Klaviermusik. Dazu empfand (und empfinde manchmal immer noch) ich die Streichquartette als besonders schwierig. Clara hat sich nicht nur postiv über die Werke geäußert, sondern war im Vorfeld besonders skeptisch, weil Robert hier Werke ohne Beteiligung des Klavieres komponiert.


    Schumanns kontrastreiche und in sich widerspruchsvolle Musik bietet sich für das Klavier eben an. Höre ich dann aber seine Trios und Sonaten für Violine und Klavier, bin ich dann doch hingerissen. In diesem Zusammenhang hat sich nicht nur Eric Le Sage stark gemacht, sondern neuerdings auch die Truppe um Pierre Fouchenneret. Es handelt sich bei beiden Aufnahmen um Liveeinspielungen. Tatsächlich kommt völlig ohne Husten und andere gerne bei Richter beigemischten Ingredienzien diese Stimmung wundervoll rüber. Man muss halt den Beifall am Ende ertragen. Ich tue das aber gerne :)





    Bei der Einspielung der Violinsonaten erhält man noch das Konzert dazu, was ich bisher aber noch nicht gehört habe. Ich hätte dann auch kaum Vergleiche. :(

  • Die drei Streichquartette Op. 41 hatten (und haben) einen besonders schweren Stand bei mir. Die Einleitung des 1. SQ ist z.B. bezwingend, aber die Entwicklung ist durchaus komplex und bedarf vielfachen Hörens um wirklich Gefallen zu finden. Mehr als bei Beethoven, Schubert oder Brahms. Zumindest bei mir. Das empfinde ich ausdrücklich nicht als Nachteil oder Schwäche - im Gegenteil: Ich habe oft die Efahrung gemacht, dass es sich lohnt am Zugang zu bestimmten Werken, die einem zunächst nicht 'liegen' zu arbeiten. Der Gewinn ist mitunter sehr groß!

    Gegenteilig geht es mir (und scheinbar den meisten) mit dem Klavierquartett Op. 47 und dem Klavierquintett Op. 44. Diese Werke ermöglichen einen unmittelbareren Zugang, zeigen klangliche Brillanz und exzellente Kompositionsweise.

    Dazu kommen noch die ganzen kleineren Formen, von denen mir die Märchenbilder Op. 113 besonders gut gefallen.

    Das Klavierquintett ist natürlich ein Knaller, gegen den kaum ein anderes Werk ankommt. Es ist aber fast mehr konzertant in der Gegenüberstellung von Klavier & Streichern, während das KlavierQUARTETT weit mehr Integration, "echte" kammermusikalische Schreibweise, aufweist.


    Bei den Quartetten kann ich nicht nachvollziehen, dass sie schwieriger als Beethovens oder Brahms' sein sollten (sicher sind sie nicht komplexer), aber es sind halt keine rein klassizistischen Stücke, sondern sehr originell und unverkennbar Schumanns. Zwar kann ich das im Detail nicht beurteilen, aber sie klingen für mich nicht unidiomatisch, so greift Schumann m.E. nicht oder kaum zu Methoden, ein Quartett orchestraler klingen zu lassen (viele Doppelgriffe oder Tremoli o.ä. Effekte) wie zB Grieg oder Franck. Allein beim Finale des A-Dur-Quartetts finde ich, dass der etwas monomanische Rhythmus an Klavierstücke Schumanns erinnert und vielleicht nicht ideal passt.


    U.a. finde ich zwei Punkte bei Schumanns Kammermusik sehr beachtlich: Er hat die "kleine Form", Fantasiestücke o.ä. erfolgreich auf die Kammermusik übertragen (opp. 70, 73, 88, 94, 102, 113, 132). Leider blieb das bis zum Beginn des 20. Jhds. eher selten.

    Und der 2. Satz des Quartetts op.41/3 ist eine der seltenen Fälle, wo jemand mit dem Scherzo/Intermezzo mal was Neues gemacht hat, nämlich hier eine Art Scherzando-Variationensatz.

    Struck by the sounds before the sun,
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    (Bob Dylan)

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    Das Arcana-Label scheint bei Kammermusik Garant für hohe Qualität zu sein...

    So ist das. Ich hatte mir den Discus damals auf Pius' Anregung hin zugelegt; leider erinnere ich mich nicht mehr an seine persönliche Einschätzung, für mich jedenfalls gilt: alle drei Werke sind hier sehr melodiebetont. Selten erreichen sie bei mir ähnlich elektrisierende und ekstatische Wirkung wie Schuberts D956 - dennoch fühle ich mich in dieser teils melancholischen, teils aberwitzigen Musik sehr daheim. Sie klingen alle ein wenig harmoniesüchtig und sind natürlich arg fein von Familie Kuijken eingespielt. Die Werke sind größtenteils recht introvertiert - was ja bei Kammermusik kein Fehler ist.


    Man könnte diese CD auf mich bezogen als eine Art Streichquartett-Konfirmation bezeichnen. Ganz besonders gefällt mir übrigens das wilde Scherzo des a-moll-Quartetts op. 41 Nr. 1 sowie der 2. Satz des A-Dur-Quartetts op. 41 Nr. 3 - aber natürlich auch die jeweils langsamen Sätze.



    Die Terpsycordes spielen im Vergleich zu den Kujikens filigraner und transparenter, weniger aggressiv, leichter, nicht so erdig, aber mit häufigem Bodenkontakt. Der romantische Ton ist hier ausgeprägter und passt zu den Werken ungemein. Jedenfalls begeistert mich die Interpretation der Terpsycordes auf ihre eigene Weise ebenso wie jene der Kujikens - ich vermag da keine "gelungenere" oder "bessere" zu verorten.


    Der evidente Unterschied scheint mir die Erdverbundenheit zu sein, die bei den Kujikens ausgeprägter ist; wer es lieber etwas weniger sonor und dafür luftiger und frühlingshafter mag, sollte vielleicht eher zu den Terpsycordes greifen, zumal es bei der Wahl der Tempi kaum nennenswerte Differenzen gibt...

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  • Op. 44 ist hier zu finden:



    Der Klang des Ensembles La Gaia Scienza scheint mir im Vergleich zu deren Schubert-Alben (Claviertrios; enbedingte Empfehlung!) insgesamt noch etwas ruppiger: es werden andere Violinen verwendet und richtiger Weise auch ein etwas später hergestelltes Fortepiano (Sebastien Érard, Paris 1842), das sich mit meinem persönlichen Geschmack einhunderprozentig deckt.


    Was mir besonders behagt, ist die kontrapunktische Verknüpfung im letzten Teil des Finales, in dem über das (eigentlich bereits verräterische) Thema des Finalsatzes jenes des 1. Satzes gelegt und zu einem großartigen Doppelfugato verarbeitet wird. Der Effekt ist ganz ähnlich dem in gleicher Tonart stehenden Clavier-Trio Franz Schuberts, der allerdings ohne Verwendung des Kontrapunktes einen großen Bogen über sein Werk spannt.


    Ein gleichwertiges op. 47 ist mir leider noch nicht begegnet (gleichwohl haben La Gaia Scienza das Werk in einer wie gewohnt obskuren UriCane-Produktion verwurstet, die für sich betrachtet toll ist; man kann aber leider nicht das 'reine' Werk genießen).


    Unter dem Titel 'Für meine Clara' werden außerdem die (sechs) Stücke in kanonischer Form op. 56 auf einem Conrad-Graf-Flügel aus dem Jahre 1827 dargeboten. Die Stücke sind ursprünglich für Pedalflügel komponiert worden, weshalb Lorenzo Ghielmi eine dritte notwendige Hand beisteuert.

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  • Bei den Quartetten kann ich nicht nachvollziehen, dass sie schwieriger als Beethovens oder Brahms' sein sollten (sicher sind sie nicht komplexer), aber es sind halt keine rein klassizistischen Stücke, sondern sehr originell und unverkennbar Schumanns.


    leider erinnere ich mich nicht mehr an seine persönliche Einschätzung, für mich jedenfalls gilt: alle drei Werke sind hier sehr melodiebetont. Selten erreichen sie bei mir ähnlich elektrisierende und ekstatische Wirkung wie Schuberts D956 - dennoch fühle ich mich in dieser teils melancholischen, teils aberwitzigen Musik sehr daheim.


    Ich habe mir heute alle drei Quartette Schumanns noch einmal vom Emerson Quartet angehört,



    um meine Schwierigkeiten zu verstehen. Sie haben absolut nichts mit einer Komplexität zu tun. Gegengehört habe ich Mendelssohns Jugendwerk Op. 12 und sein reifes Op. 44/2 (etwa vergleichbar vom Alter her mit Schumanns Werk). Schumanns Werk beinhaltet viel Melodiöses und auch sehr schöne Stellen.


    Bei allem, was jetzt kommt, hänge ich mich weit aus dem Fenster. Aber wenn man keinen Gegenwind bekommt, lernt man auch nichts. :)


    Wahrscheinlich verstehe ich die Schumannsche Konstruktion nicht richtig. Mir will es immer vorkommen, dass er jede Idee gerne durch jede Stimme ausprobieren will, um den Effekt zu studieren. Das führt nicht selten bei mir zu einer gewissen Langeweile und Verwunderung. Wo muss ich da hinhören, um den Reiz zu verstehen. Wenn ich den an sich schönen elegischen Anfang, also die Introduzione von Op. 41/1, anhöre, vermisse ich bei den Stimmen kontrapunktische Kunst (ich verstehe schon - Schumann will das nicht - aber was ist dann der Reiz? ) Dann das zweite Thema in Schumannscher Kontrastart, aber auch da nachher eine gewisse repitorische Langeweile ...


    Ich habe das Gefühl, dass schon der junge Mendelssohn in seinem Op. 12 im Quartettsatz Schumann weit abhängt. Dann ist der erste Satz Op. 44/2 von einer kontrapunktischen Rafinesse mit einer Behandlung der Streicher, dass es einem förmlich den Hut vom Kopf bläst, so man einen hat :). Mir will es so vorkommen, als seien Schumanns Ideen im Vergleich nicht ganz so ideal für die Streichquartettbesetzung.


    Nehmen wir das reizvolle Scherzo, den zweiten Satz von Op. 41/1.



    und vergleichen diesen Satz mit Mendelssohns Scherzo aus Op. 44 Nr. 2



    Ich meine bei letzterem eine unvergleichlich großartige Verarbeitung feststellen zu können, die mich durchgehend fesselt, während mir bei Schumann alles ein wenig einfacher vorkommt. Natürlich lässt einen das die Melodiebögen und die rhythmischen Besonderheiten der Melodie besonders wahrnehmen, aber mich fesselt das nicht annähernd so stark.


    Natürlich ist auch das Schumannsche Quartett sehr gut gemacht, aber es hält IMHO den Vergleich mit dem Werke seines Freundes Mendelssohn nicht wirklich aus. Was verstehe ich nicht oder höre ich falsch?

  • Wenn ich den an sich schönen elegischen Anfang, also die Introduzione von Op. 41/1, anhöre, vermisse ich bei den Stimmen kontrapunktische Kunst


    Meine entzündeten Augen sehen (was meine Ohren bestätigen können) in der Introduzione, zumindest was die ersten beiden Takte betrifft, einen strengen Kanon, mindestens jedoch eine Scheinimitation in Kanonform. Danach geht es etwas beliebig(er) weiter. Der Kanon ist zwar bloß eine Satztechnik, gehört aber streng genommen zur Satzlehre = Kontrapunkt.


    11. Februar 1838 an Clara: „Auf die Quartette freue ich mich selbst, das Klavier wird mir zu enge, ich höre bei meinen jetzigen Kompositionen oft noch eine Menge Sachen, die ich kaum andeuten kann, namentlich ist es sonderbar, wie ich fast alles kanonisch erfinde.“


    Die drei Quartette op. 41 hat Schumann übrigens Mendelssohn gewidmet.


    Besonderen Reiz hat für mich das dritte Quartett in A-Dur, insbesondere der 2. Satz (Assai agitato - Un poco Adagio - Tempo risoluto). Der Satz beginnt in lacrymosahaftem fis-moll, ist seufzerdurchflutet und erinnert mich spontan an das Thema des Allegroteils von Schuberts Fierrabras-Ouvertüre. Schubert ist in diesem Quartett irgendwie omnipräsent, denn auch im Finalsatz höre ich plötzlich Elemente aus den drei Clavierstücken D946: das Thema im Finalsatz, das Schumann mit Quasi Trio (F-Dur) überschreibt, ähnelt in der Umsetzung der Harmonien und der Begleitfiguren (Quinten im Bass) an sich D956 Nr. 3 ab. T. 51. Der später folgende E-Dur-Teil, der sich desselben thematischen Materials bedient, wird ganz ähnlich wie D956 Nr. 3 ab T. 74 behandelt. Ob Schumann diese drei (sogenannten letzten) Clavierstücke Schuberts überhaupt kannte, entzieht sich meiner Kenntnis (die Print-Erstausgabe stammt jedenfalls aus 1868, 40 Jahre nach Schuberts und 12 Jahre nach Schumanns Tod).

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  • Der Vorzug der Nachgeborenen ist, die Gesamtheit der Musikgeschichte zu überblicken und Beziehungen zu schaffen, die den Komponisten zu Lebzeiten nicht bewusst oder bekannt waren. Wenn man ein musikalisches Gedächtnis besitzt, das Relationen zwischen unterschiedlichen Werken erkennt oder schaffen kann, erschliessen sich die Werke.


    Ich habe heute eine CD gehört, die Robert Schumanns Carnaval Op. 9 mit Werken von Komponisten aus verschiedenen Epochen der Musikgeschichte in Beziehung setzt. Ich war überrascht, wie ich durch die geschickte Auswahl des Pianisten hörend eine Spiegelung musikalischer Gedanken von Komponisten unserer Gegenwart oder eine Reaktion Schumanns auf die Werke früher lebender Komponisten erleben durfte.


    Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen:
    so unbildlich und real fällt sie in uns ein. Wir weinen, ohne zu wissen warum; Theodor W. Adorno - 1928




  • Der Vorzug der Nachgeborenen ist, die Gesamtheit der Musikgeschichte zu überblicken und Beziehungen zu schaffen, die den Komponisten zu Lebzeiten nicht bewusst oder bekannt waren. Wenn man ein musikalisches Gedächtnis besitzt, das Relationen zwischen unterschiedlichen Werken erkennt oder schaffen kann, erschliessen sich die Werke.


    Ich habe heute eine CD gehört, die Robert Schumanns Carnaval Op. 9 mit Werken von Komponisten aus verschiedenen Epochen der Musikgeschichte in Beziehung setzt. Ich war überrascht, wie ich durch die geschickte Auswahl des Pianisten hörend eine Spiegelung musikalischer Gedanken von Komponisten unserer Gegenwart oder eine Reaktion Schumanns auf die Werke früher lebender Komponisten erleben durfte.

    Treffend formuliert; mir geht es oft so (ohne daß Interpreten das bewußt machen). Ständig verknüpfen meine Synapsen Werke miteinander, z.B. - um beim Komponisten zu bleiben - Schumanns 2. mit Schuberts "Großer" ... das kann kein Zufall sein, zumal Schumann der Wiederentdecker Schuberts (Sinfonie) war.

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  • Meine entzündeten Augen sehen (was meine Ohren bestätigen können) in der Introduzione, zumindest was die ersten beiden Takte betrifft, einen strengen Kanon, mindestens jedoch eine Scheinimitation in Kanonform.


    Das stimmt natürlich, aber verglichen mit Mendelssohns Start in sein Streichquartett wirkt es doch bescheiden. Nicht, dass das grundsätzlich etwas Schlechtes bedeuten muss. :)

    Besonderen Reiz hat für mich das dritte Quartett in A-Dur, insbesondere der 2. Satz (Assai agitato - Un poco Adagio - Tempo risoluto). Der Satz beginnt in lacrymosahaftem fis-moll, ist seufzerdurchflutet und erinnert mich spontan an das Thema des Allegroteils von Schuberts Fierrabras-Ouvertüre.

    Vielen Dank für den Hinweis. Ich werde versuchen, es mir heute nocheinmal in Ruhe anzuhören.


    Die Fouchennerets haben übrigens noch eine weitere Schumann-Kammermusik-Scheibe im Angebot. Diesmal seine Musik für Bläser



    Diese Werke haben alle eine besonderen Charme. Ganz besonders möchte ich auf Andante und Variationen WoO 10/1 aufmerksam machen, Es ist eine sehr reizvolle Komposition für zwei Klaviere, 2 Celli und Horn. Schumann gab sie später als OP. 46 für zwei Klaviere raus, aber diese Kammermusikversion hat was!

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  • Wie schon gesagt wurde, ist der Beginn etwa des a-moll-Quartetts op.41/1 durchaus ein Beispiel für "gelehrt" (dass das bei einem Romantiker wie Schumann kein Selbstzweck ist, ist klar, wobei Schumann ähnlich viele Fugen, Fughetten, "Kanonische Studien" u.ä. komponiert hat wie Mendelssohn).

    Selbst wenn Mendelssohns op.44 eine Anregung für Schumann war, finde ich op.41 in praktisch jeder Hinsicht überlegen, da mir Mendelssohns op.44 ein "Rückfall" in einen ziemlich glatten Klassizismus ggü. den herausragenden "Jugendwerken" op.12+13 scheint.

    41/1 ist zB sehr ungewöhnlich in seinen Tonarten, da der Hauptsatz nach der Einleitung in F-Dur steht. A-Dur spielt dagegen bis zum Ende des Finales kaum eine Rolle.


    Und der 2. Satz von 41/3 ist völlig einzigartig. Mir ist kein einziger ähnlicher Satz bekannt, ein Scherzando-Satz in Variationen mit mehrfachen Takt- und Tempowechseln. Vielleicht findet man im 20. Jhd. etwas ähnliches, aber mir ist kein Stück bewusst. Am nächsten kommen vielleicht einige Allegretto-Sätze Haydns (zB in op.64/1 oder der Sinfonie 63), die sind aber heiter oder volkstümlich und vertreten den langsamen Satz, wie auch die Scherzandi (allerdings keine Variationensätze) in Beethovens op.18/4 oder der 8. Sinfonie.


    Oder, eine letzte Anmerkung, weil ich anderswo gerade einen Hinweis darauf gelesen habe: Häufige rhythmische Widerborstigkeit/Verunsicherung: in op.41/3 die übergebundenen "Auftakte" am Beginn der Sätze 2 u. 4, die Synkopen in der Begleitung des Cello-Seitenthemas im Kopfsatz.

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  • Wenn ich den an sich schönen elegischen Anfang, also die Introduzione von Op. 41/1, anhöre, vermisse ich bei den Stimmen kontrapunktische Kunst (ich verstehe schon - Schumann will das nicht - aber was ist dann der Reiz? )


    Wie schon gesagt wurde, ist der Beginn etwa des a-moll-Quartetts op.41/1 durchaus ein Beispiel für "gelehrt" (dass das bei einem Romantiker wie Schumann kein Selbstzweck ist, ist klar, wobei Schumann ähnlich viele Fugen, Fughetten, "Kanonische Studien" u.ä. komponiert hat wie Mendelssohn).

    Würde Haydn jetzt hier mitlesen und -schreiben können, schröbe er: "Derley Kritik habe ich längst zur Kenntnüß genommen und umgesetzt" (oder so ähnlich, jedenfalls). :/ Seine Kontrapunktischen Arbeiten in den Quartetten op. 20 beruhen gerade auf dieser Art Vorwurf, durch den sich Haydn bitterlich gekränkt sah. Nur war dem damaligen Kritiker Johann Christoph Stockhausen nicht bewusst, daß der strenge Satz zu jener Zeit nicht mehr á la mode war; und das (Streich-) Quartett sich von der Kirchensonate bereits gelöst hatte. Trotzdem Danke an Herrn Stockhausen und den säuerlich gestimmten Haydn für diese großartigen Quartette. Nach dem radikalen Kometeneinschlag namens "Beethovens Große Fuge" scheint es auch kaum noch möglich (gewesen) zu sein, Vergleichbares zu schaffen; zu schweigen von "eins oben drauf setzen".

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  • Ich möchte das "Wagnis" eingehen, einen eignen thread zu den Streichquartetten habe ich hier nicht gefunden. Deshalb hätte ich gerne ein CD Empfehlung zu den Quartetten. Die genannte Doppel CD wäre gebraucht günstig. Also Cherubini oder das Fine Arts Quartett wären meine Favoriten um die Quartette kennen zu lernen.


    Danke im Voraus.


    Kalli

  • Wie schon gesagt wurde, ist der Beginn etwa des a-moll-Quartetts op.41/1 durchaus ein Beispiel für "gelehrt" (dass das bei einem Romantiker wie Schumann kein Selbstzweck ist, ist klar, wobei Schumann ähnlich viele Fugen, Fughetten, "Kanonische Studien" u.ä. komponiert hat wie Mendelssohn).

    Ich muss zugeben, dass meine etwas geringschätzige Meinung dann doch mit der Einspielung durch das Emerson Quartett zusammenhängt. Da kommt keine romantische Stimmung auf. ;)


    Gerade das dritte Streichquartett von den Modiglianis gehört und ein ganz klein wenig Begeisterung regt sich. Ich begreife jetzt ein wenig, wie es gemeint sein könnte ...



    Momentan würde ich diese Einspielung den Emersons vorziehen (vorausgesetzt die Streichquartette 1 +2 überzeugen ähnlich) . Die anderen Einspielungen, die bisher im Thread erwähnt wurden, sagen mir leider nichts.


    Und der 2. Satz von 41/3 ist völlig einzigartig. Mir ist kein einziger ähnlicher Satz bekannt, ein Scherzando-Satz in Variationen mit mehrfachen Takt- und Tempowechseln.

    Ja, die Begeisterung kann ich bei den Modiglianis nachvollziehen. Bei den Emersons (Ich mag dieses Ensemble an sich sehr) denke ich leider nur ans 20. Jahrhundert ... :(

  • Danke schon mal,


    aber das ist mir für das "Wagnis" etwas preislich zu hoch. Aber wenn es sein muss....


    Ein Rezensent im großen Fluss meint zu der Cherubini Aufnahme:

    " Die Streichquartette in dieser Aufnahme sind ordentlich aber nicht herausragend. Der Tonfall ist einfühlsam-romantisierend mit schönen Streichern - es fehlt aber dem Ganzen etwas an Binnenspannung oder Expressivität. Die Musik bekommt hierdurch insgesamt etwas harmlos-beiläufiges. + Die Streichquartette sind etwas direkter aufgenommen mit einem angenehmen, leicht sonoren und die Homogenität des Spiels betonenden und zur Interpretation passenden - schönen - Klang. "


    Darf man das eigentlich zitieren ?


    Harenberg empfiehlt auch diese Aufnahme...

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  • Ich gestehe, daß ich ein ähnliches Problem habe.

    Als ich mich gestern ein wenig beteiigen wollte, fiel mir auf, daß ich überhaupt keine Erinnerung an Schumanns Streichquartette habe. Nunn stellte sich die Frage: Welch Einspielung habe ich in meiner etwa 7000 CDs umfassenden Sammlung ? Die Antwort war einfach: GAR KEINE

    Ich habe dann ein wenig recherchiert - aber die meisten Einspielungen, die mir gefallen hätten sind bereits gestrichen.(Quatuor Ysaye)oder haben nur 2 Quartette auf der CD(Quatuor Renoir- hervorragend- aber nur 1&3 enthalten.Bleb noch das Emerson Quartett oder das Fine Arts Quartet. Zu guter Letzt fiel dann meine Wahl auf das Doric-Quartett.


    mfg aus Wien

    Alfred

    Die Tamino Moderation arbeitet 24 Stunden am Tag - und wenn das nicht reicht - dann fügen wir Nachtstunden hinzu.....



  • Quatuor Ysaye und das Doric-Quartett habe ich jetzt auch gefunden, aber beide sind mir zu teuer - da ich ja nicht weiß ob mir die Quartette zusagen. Ich tendiere jetzt zum Fine Arts Q. - wäre eine recht neue Aufnahme.

  • Cherubini ist eine solide Aufnahme und man kriegt das Quintett als Bonus.

    Ähnlich günstig gebraucht auf einer CD wäre zB Philharmonia Quartett Berlin (thorofon).

    Das "Irrlichternde" findet sich bei beiden Aufnahmen nicht in der Weise wie zB beim Hagen Quartett.

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  • Klingt für mich ehrlich gesagt weniger überzeugend (habe die Naxos-Aufnahme aber selbst nicht gehört). Ich weiß nicht, ob die MM-Angaben in den Noten von IMSLP authentisch sind, aber die sind (bei den schnellen Sätzen) ziemlich rasant.

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  • Mir schien die Naxos Aufnahme ein wenig zu "brav" und ich wolle ausnahmsweise was aggressiveres haben. Aber ein "Fehlkauf" ist die Naxos-Aufnahme mit Sicherheit nicht.

    Ich tendiere jetzt zum Fine Arts Q. - wäre eine recht neue Aufnahme.

    Hervohebung von mir: Na ja, was man halt so unter "neu" versteht - sie ist 18 Jahre alt - was aber keine Rolle Spielt in der Zwischenzeit gabs keine Klangverbesserungen......


    mfg aus Wien

    Alfred

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  • Naja,


    Die Cherubini Aufnahme ist ist von 1991/92 also noch älter - auch DDD. Und ich möchte keine zu schnelle Aufnahme - eher "brav" das spräche für das Cherubini Q. Die sind noch langsamer als Fine Arts - und die gehören auch nicht zu den schnellen. Ich lasse es mir noch durch den Kopf gehen. Gefunden habe ich noch die schon erwähnte Aufnahme der Terpsycordes. Siehe Beitrag 94 von Ulli, was er schreibt hört sich gut an. Vielleicht ordere ich die und die Cherubini Aufnahme - beide gäbe es bei momox günstig, also nur einmal Versandkosten. Ich denke die wären schon unterschiedlich.

  • die schon erwähnte Aufnahme der Terpsycordes. Siehe Beitrag 94 von Ulli, was er schreibt hört sich gut an.

    Damit machst Du sicher keinen Fehler.

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  • Na dann,


    Cherubini + Terpsycordes sind bestellt, und da mir das Klaviertrio 3 vom Florestan Trio noch fehlte konnte ich den Warenkorb auffüllen ( mit dem Haydn ) ....unter 20€ für alle, fast schon beschämend.



    Und als Beifang:



    Nochmals meinen herzlichen Dank an alle !

  • Angesichts meiner Verständnisblockade den Schumannschen Streichquartetten gegenüber will ich doch noch ein paar Worte verlieren. Wie hier auch schon mehrfach gesagt wurde, sind die Schumannschen Quartette Op. 41 innovativer als Mendelssohns Op. 44. Für mich war in diesem Fall der Einstieg über die Einspielung des Emerson Quartettes nicht optimal. Der sachliche Stil ließ die sehr intime Behandlung der Stimmen etwas karg gegenüber den Mendelssohnschen Werken erscheinen, denen man sofort eine ungeheure Meisterschaft im Quartettsatz anhören kann.


    Überzeugt hat mich gestern nun bei allen drei Quartetten die Einspielung der des britischen Doric String Quartettes. Die Musiker holen hier aus der schon erwähnten teilweisen kanonhaften Behandlung musikalische Spannung heraus, so dass die melodischen Qualitäten, aber auch auch die "Emotionssprünge" beeindruckend zur Geltung kommen.



    Danach musste ich das dritte Quartett noch einmal von der Emersons hören ... und siehe da, sind Ohren und Gehirn erstmal kalibriert, gelingt auch das :)


    Und die schon häufig erwähnte Regel, wem wie mir das theoretische Rüstzeug fehlt, der muss hören, hören, hören ..... (schade ... spielen wäre wahrscheinlich schöner!)

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  • Inzwischen besitze auch ich die gezeigte Aufnahme mit dem Doric Quartett. Dessen suggestive Wiedergabe ändert allerdings nichts daran, daß Schumann - einmal mehr - nicht für meinen Gesschmack komponiert hat. Es hat mich - heute, pardon, gestern, gefreut zu sehen, daß ich hier nicht der einzige bin. Ich bin allerdings nicht der Typ, der sich so was um jeden Preis erarbeiten will. Irgendwie hatte ich den Eindruck, daß man hier Schumanns Geisteskrankheit bereits im voraus erahnen kann. Aber das kann nicht sein, denn nachneuesten Erkenntissen war er gar nicht geisteskrank. Die These eines Psychiaters, er habe lediglich eine Alkoholdelirium erlebt und Clara wäre irrgendwie erleichtert ihn los zu sein, passt zu meinem Eindruck es wäre eine einseitige fordernde und bevormundende Liebe von Seiten Schumanns gewesen, die in Clara vorzugsweise die Ehefrau und nicht die einst berühmte Pianistin und sie immer wieder drängt zu komponieren. Nach seinem Tob komponierte sie kaum mehr etwas.

    Zu den Streichquartetten: Eigentlich wollte ich nur schnell hineinzappen um mir ein Bild zu machen. Aber dann passierte etwas eigenartiges. Obwohl sie mich eher unangenehm berührten konnte ich die Hörsitzung nicht abbrechen. Ich war wie unter Hypnose und konnte mich nicht aufraffen aufzustehen und die CD abzuschalten. So hielt ich tapfer 74 Minuten durch und entweder ist das Sterichquartett Nr 3 anders gestrickt oder ich habe mich an die Machart gewöhnt. Plötzlich entdeckte ich harmonische Passagen. Am Ende der Hörsitzung war ich wie gerädert.

    Ich bereue nicht, die Aufnahme gekauft zu haben, denn sie war in irgendeiner Form doch ein Erlebnis. Was immer man drüber sagen kann: Gelangweilt habe ich mich nicht.

    Anmerkung: Das Doric Quartett spielt bei dieser CHANDOS CD- Aufnahme in der Besetzung von 2010, inzwischen gab es einige Umbesetzungen, nun sind es 2 Männer und 2 Frauen die hier spielen, wobei die Männer offenbar noch der Gründergeneration angehören


    Hier nun eine Kostprobe:

    Robert Schumann: Streichquartett op. 41 Nr.3 - 4. Satz

    Es spielt das Doric String Quartet in der Besetzung von 2013



    mfg aus Wien

    Alfred

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  • Lieber Alfred Schmidt


    So unterscheiden sich die Geschmäcker. Robert Schumann ist mein Leib- und Magenkomponist. Ich höre seine Musik mit grösstem Vergnügen und ich bin nach einer Hörsitzung im positivem Sinne musikalisch angeregt.


    Bevor du dich mit den grossen Brocken der Quartett-Literatur beschäftigst, empfehle ich dir die kleineren Formen der Kammermusikwerke. Diese Scheibe mit Werken für Violine und Klavier hatte ich bereits erwähnt. Wenn man den günstigen Preis dieser Doppel-CD berücksichtig, hält sich der Schaden auf deinem Konto in Grenzen. Die zweite Scheibe enthält einiges, das auch dem Ohr schmeichelt. Die Bläserfassungen spiele ich mit grossem Vergnügen.


    Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen:
    so unbildlich und real fällt sie in uns ein. Wir weinen, ohne zu wissen warum; Theodor W. Adorno - 1928




  • Kammermusik für Bläser und Klavier bietet diese Scheibe. Jedes Werk wird meinem einem anderen Instrument ausgeführt: Oboe, Klarinette, Fagott und Horn.


    Das Quintett für Streichquartett und Klavier Op. 44 erklingt in einer überzeugenden Fassung für Bläser und Klavier.


    Es spielen Musiker des Ensemble Aventure.


    Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen:
    so unbildlich und real fällt sie in uns ein. Wir weinen, ohne zu wissen warum; Theodor W. Adorno - 1928