Impressionen einer Italienreise - Felix Mendelssohn-Bartholdy: Sinfonie Nr 4 in A-dur "Italienische"

  • Ich besitze von MENDELSSOHN's wunderbarer "Italienischen" eine höchst individuelle, ja singuläre Aufnahme, nämlich die live-Aufnahme des MARLBORO FESTIVAL ORCHESTRA unter PABLO CASALS , die auch ein hochinteressantes Dokument von CASALS als Dirigenten darstellt. Diese Aufnahme, die bei "Columbia" erschien, und die heute meines Wissens - leider - nicht als CD existiert - enthält auch noch BEETHOVEN's Achte. Die Aufnahme entstand kurz vor CASALS' 90. Geburtstag!


    Das Orchester besteht aus 50 Einzelkünstlern, Konzertmeistern bedeutender Orchester, namhaften Kammermusikern, Hochschulprofessoren, Solisten, die sich zu Ehren von PABLO CASALS zusammengefunden hatten, darunter klanghafte Namen wie ZIVI ZEITLIN, JAIME LAREDO, Violine, Herman BUSCH + LYNN HARRELL, Cello, MYRON BLOOM, Horn und viele andere. Die hohe Virtuosität dieser z. T. illustren Künstler tritt nicht aufdringlich in den Vordergrund, sondern ihr Spiel bildet trotz der wenigen Proben eine so erstaunliche Einheit und Homogenität, so daß man annehmen könnte, daß diese schon jahrelang zusammen musizierten. Die immer noch erstaunliche Frische, spontane Lebendigkeit, Leidenschaft, Eindringlichkeit und das Gefühl für Rhythmik, die von dem greisen PABLO CASALS immer noch ausging, wurde in bewundernswerter Weise auf die zusammengewürfelten Einzelkünstler übertragen. Eine sehr wertvolle Momentaufnahme aus dem Leben dieses großen Künstlers, aber für mich auch eine mitreißende Aufnahme von MENDELSSOHN's "Italienischer" !



    Symphony No. 8 / Symphony No. 4 [Vinyl LP]


    Symphony No. 8 / Symphony No. 4 [Vinyl LP]

    von Pablo Casals, Marlboro Festival Orchestra, Ludwig van Beethoven, Felix Mendelssohn-Bartholdy

    Vinyl
    €16,57


    wok

  • Hallo lieber wok, die gibt doch auch auf CD.....;)



    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • lieber wok, die gibt doch auch auf CD..

    Hallo wok,


    ja, so ist es, aber sie ist da nicht mit Beethovens Achter gekoppelt, sondern enthält als "Zugabe" die Hebriden-Ouvertüre. D.h. für mich, daß die CD max. 35-38 Minuten Spielzeit hat, das ist schon ein bißchen unverschämt! Und der Preis (bei Amazon) ist auch nicht gerade niedrig.


    Ich besitze die CD allerdings nicht. Mich persönlich hat das Marlboro Festival Orchester auf meiner einzigen Aufnahme ziemlich enttäuscht:

    die ich mir vor allem wegen der Solisten Rudolf Serkin (Beethoven) und Isaac Stern (Brahms) gekauft habe. Die sind auch, wie erwartet, große Klasse, aber m.E. hört man dem Marlboro Orchestra an, daß es eben kein ständig spielendes Ensemble, sondern eine mehr oder weniger zufällige Ansammlung von 50 Solisten = Einzelkämpfern darstellt, und so spielt es denn auch. Der Dirigent, Alexander Schneider, war ja hauptberuflich auch eher ein Solist (Geiger), jedenfalls hat er seine Truppe nicht im Griff. Schade um die ansonsten vorbildliche Interpretation der drei Solisten Serkin, Laredo und Parnas.

    Wie großartig hingegen spielt das Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy im Brahms-Doppelkonzert! Da hört man deutlich den Unterschied zwischen einem homogenen, aufeinander abgestimmten und eingespielten Ensemble zu einem ad-hoc-Orchester, bei dem ich den Eindruck nicht loswerde, als ob jeder einzelne sich ganz persönlich bemerkbar machen wollte. Vielleicht hatte ja Pablo Casals dieses Orchester besser in seiner Gewalt, als es Alexander Schneider gelingt. Ich kann es nicht beurteilen, weil ich von Casals nur Cello-Aufnahmen habe.


    LG Nemorino


    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Zitat von nemorino

    aber sie ist da nicht mit Beethovens Achter gekoppelt, sondern enthält als "Zugabe" die Hebriden-Ouvertüre

    So ist es, habe ich allerdings nicht erwähnt, weil es hier um Mendelssohn ging, Sorry!


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Hallo Nemorino,


    Danke für Deine so prompte Reaktion auf meinen Betrag


    Die Aufnahme mit dem MARLBORO FESTIVAL ORCHESTRA unter ALEXANDER SCHNEIDER kenne nun ich wieder nicht. Man kann diese wohl auch nicht direkt mit der Einspielung unter PABLO CASALS vergleichen, die kurz vor dessen 90. Geburtstag entstand, und bei der sich vermutlich alle Beteiligten ganz besonders anstrengten, um den Meister zu diesem Anlaß gebührend zu würdigen. Für mich war es jedenfalls ein Wunder, daß es PABLO CASALS schaffte, so viele hochkarätige Solisten, und auch Individualisten, zu einem - zumindest in der von mir kommentierten Aufnahme - so überzeugenden geschlossenem Ganzen zusammenzuführen. Das MARLBORO-ORCHESTRA spielte sicher auch nicht immer mit den gleichen Orchestermitgliedern, da die ganz großen Solisten, wie in diesem Fall, sicher niciht immer für jede Aufnahme bereitstanden und verfügbar waren. Da unsere Ansichten ja sonst meist nicht sehr stark differieren, kann ich nur annehmen, daß die von Dir erwähnte Aufnahme unter ALEXANDER SCHNEIDER doch nicht mit jener unter CASALS unmittelbar vergleichbar ist. Jedenfalls gab es wohl kaum jemals wieder einen Klangkörper, der sich aus so vielen großen Einzelkönnern auf ihrem Instrument für eine so denkwürdige Einspielung zusammenfand, und das Ergebnis ist für mich ein höchst interessantes und am Ende doch überzeugendes.


    Beste Grüße

    wok

  • Jedenfalls gab es wohl kaum jemals wieder einen Klangkörper, der sich aus so vielen großen Einzelkönnern auf ihrem Instrument für eine so denkwürdige Einspielung zusammenfand

    Lieber wok,


    und genau diese "vielen großen Einzelkönner" scheinen mir das Problem zu sein.

    Wie gesagt, ich kann die Aufnahme der "Italienischen" unter Casals nicht beurteilen, weil ich sie nicht kenne. Doch wenn ich die vielen berühmten Namen lese, aus denen sich das Orchester zusammengesetzt hat, so werde ich skeptisch. Solisten sind nun einmal Einzelkämpfer, die keine fremden Götter neben sich dulden bzw. vertragen können. Das ist zumindest die Regel, und bei mir hat sich der Eindruck beim Abhören von Beethovens Tripelkonzert verfestigt, daß hier eine Anzahl hochqualifizierter Musiker versammelt war, die aber kein geschlossenes Ganzes bilden konnten oder wollten, oder es hat an der Leitung durch den Violinisten Alexander Schneider gelegen, der nicht die erforderliche Disziplin unter den Ausführenden herzustellen vermochte.

    Es gibt ja auch Beispiele, wo sich berühmte Künstler ad hoc zu einem Streichquartett oder Trio zusammengefunden haben; die Namen verkauften sich natürlich besser als irgendeine Formation, deren Mitglieder eben anonym, d.h. unter dem Namen ihres Ensembles, auftraten. In den meisten Fällen war das Ergebnis aber nicht so überzeugend wie bei einer aufeinander eingespielten Vereinigung.

    Oder nehmen wir die legendäre Aufnahme des Beethoven-Tripelkonzerts von 1969 unter Karajan, mit den weltberühmten Solisten Svjatoslav Richter, David Oistrach und Mstislav Rostropowitsch (EMI). Da waren vier der größten Musiker der Welt unter einem Dach vereinigt; herausgekommen ist ein Edelprodukt, das sich zweifellos hören lassen kann, aber ich persönlich finde z.B. die Aufnahme mit dem Beaux Art Trio vollkommener, homogener, eben weil keiner der "Klassenerste" sein wollte, und weil diese Musiker über viele Jahre zu einer Einheit geworden waren, wo jeder auf den anderen hört und ihn nicht zu übertrumpfen versucht:

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    und Bernard Haitink trägt mit seiner zurückhaltenden, aber trotzdem souveränen Leitung des Orchesters zum positiven Gesamteindruck bei.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Das ist schon alles richtig, lieber Nemorino, aber es ist da schon ein Unterschied, ob sich die berühmte Solisten-Crème in einem Trio bzw. Quartett zusammentut, oder in einem großen Orchester von 45 Spielern, wo man dann auch als Berühmtheit nur einer unter vielen sein kann, und als solche - und als verantwortungsbewußter Musiker -kaum den Drang verspüren dürfte, aus einem so großen Ensemble besonders hervorzustechen. PABLO CASALS kannte die vielen Instrumentalisten-VIPs in Marlboro sehr gut, vermutlich besser als ALEXANDER SCHNEIDER, und hatte vermutlich ein sehr enges Verhältnis zu den meisten von ihnen, so daß es für diese Aufnahme sicher nicht zu vieler Proben bedurfte.


    Ich habe heute fast zufällig eine Besprechung dieser Aufnahme durch Peter Gutmann entdeckt, die ich Dir einmal im Original übermittle, und die eigentlich dieser Aufnahme ein sehr gutes Zeugnis ausstellt.


    Viele Grüße

    wok


    • "Pablo Casals, Marlboro Festival Orchestra (1963, Columbia LP, Sony CD, 29:00)

    Casals was a mere 86 but he, too, embraced new challenges, closing his sweeping career by guiding the orchestra at the annual Marlboro music festivals which selflessly melded the wisdom, enthusiasm and devotion of present and future superstars. Their Italian manages to fully capture the personality of the composer – gentle but not precious, finely detailed but not self-conscious, energetic without a macho edge, vivid without aggression. The nimble ensemble of 45 players crafts chamber cohesion and balances, every phrase shaped and voiced with utmost precision yet vibrant with Casals's paramount humanity and fully steeped in the setting of natural splendor. The Andanteis patient and hypnotic, the finale enchanting with delicate filigrees, their spare textures anticipating the trend of historically-informed performances yet to emerge."


  • Lieber wok,


    ich sende Dir Grüße ins hoffentlich sonnige Málaga; hier regnet es seit letzter Nacht in Strömen! Doch der Regen ist dringend nötig, die Trockenheit der vergangenen Monate muß irgendwie ausgeglichen werden.


    Vielen Dank für Deine Nachricht. Ich bezweifle nicht, daß es sich bei der "Italienischen" unter Casals, mit seinem Marboro Orchestra, um eine großartige Aufnahme handelt. Wie schon gesagt, ich kenne sie nicht und habe mit dem Marlboro Festival Orchestra nur das weiter oben erwähnte Beethoven-Konzert, und da hatte ich nicht den besten Eindruck von dem Ensemble. Casals wird seine Mitstreiter wohl besser zu führen gewußt haben als Sascha Schneider. Peter Gutmanns Besprechung sagt das ja auch klar aus. Danke für die Übermittlung.


    Nun wünsche ich noch einen schönen Sonntag!


    LG, Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Lieber Nemorino,


    Vielen Dank für Deine Mail und Deine guten Wünsche! . Leider konnte ich nicht früher antworten, weil mein Computer streikte. Er sprang einfach nicht mehr an. Wahrscheinlich wurde es ihm die ganze Zeit schon zu heiß, denn die Raumtemperatur war ständig um die 30 Grad. Wir haben leider keine Klimaanlage im Haus, und er brummte immer lauter. Plötzlich geht er wieder! Man merkt erst, wenn man ohne Computer ist, wie "aufgeschmissen" man ist!


    Ja, Regen könnten wir hier in Málaga auch einmal brauchen. Seit Mai gab es keinen Regen mehr, und da muß man sich schon fragen, wo überhaupt das Trinkwasser noch herkommt. Gestern regnete es zum ersten Mal 10 Tropfen, für heute war eigentlich 50% Regen gemeldet, doch es wurde wieder über 30 Grad heiß. Die letzten Wochen hatte es schon meist an die 35 Grad. Die nächsten 2 Wochen soll es lt. Wetterbericht auch wieder nicht regnen und ca. 27 Grad heiß werden.


    Ja, meine Aufnahme mit dem MARLBORO FESTIVAL ORCHESTRA unter PABLO CASALS ist wirklich gut, auch was das Zusammenspiel anbetrifft. Ich hatte nach Deinem Bericht über Deine Aufnahme unter ALEXANDER SCHNEIDER ( nicht SASCHA!!) schon etwas an mir gezweifelt, doch hat mich PETER GUTMANN's Besprechung dann jetzt doch wieder in meiner Wahrnehmung bestärkt.


    Ich wünsche Dir nun eine gute neue Woche. Bei Euch - zumindest in Oberfranken, wo ich herkomme - soll es ja ab Dienstag wieder um die 20 - 22 Grad warm werden.


    Beste Grüße

    wok

  • Lieber Nemorino,


    dass Dir die Aufnahme des Tripelkonzerts mit Richter, Rostropowitsch, Oistrach und Karajan weniger gefällt, ist ganz sicher kein Zufall. Die russischen Solisten verstanden sich mit Karajan nicht und sie verstanden sich auch untereinander nicht. Darüber erfährt man von Svjatoslav Richter in seiner Biographie, der sich selbstkritisch wie er war mit der Aufnahme auch nicht zufrieden zeigt. Die Chemie zwischen den Beteiligten stimmte einfach nicht. Sie zusammengebracht hat die Plattenfirma, die primär an den Verkaufserfolg wegen der großen Namen dachte.


    Schöne Grüße

    Holger

  • es wurde wieder über 30 Grad heiß. Die letzten Wochen hatte es schon meist an die 35 Grad. Die nächsten 2 Wochen soll es lt. Wetterbericht auch wieder nicht regnen und ca. 27 Grad heiß werden.

    Lieber wok,


    ich bewundere Dich ohnehin, daß Du es den ganzen Sommer über in Málaga aushältst! Als ich noch 20 Jahre jünger war, hieß meine Devise "Lieber fies warm wie schön kalt", doch inzwischen kann ich die Hitze nicht mehr gut vertragen, und ich war richtig erleichtert, als die letzte Hitzewelle dieses Sommers sich verzogen hatte. Wärme mag ich immer noch, aber so ab höchstens 30° ist für mich Schluß mit lustig. Momentan zeigt hier das Thermometer nur 13°, das läßt schon an den kommenden Winter denken:huh:. Ich wohne übrigens im Rheinland, da ist es meist 1-2 Grad wärmer als am Fichtelgebirge, bringt aber in den Wintermonaten auch nicht viel.



    ALEXANDER SCHNEIDER ( nicht SASCHA!!)

    Alexander Schneider ist der korrekte Name des Geigers/Dirigenten, aber er wurde allgemein Sascha genannt (so steht es auch im Lexikon). Warum ich gestern "Sascha" geschrieben habe, ist mir aber selber schleierhaft.


    Ich wünsche Dir eine gute Woche und nicht zu heiße Tage in Málaga.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • dass Dir die Aufnahme des Tripelkonzerts mit Richter, Rostropowitsch, Oistrach und Karajan weniger gefällt, ist ganz sicher kein Zufall. Die russischen Solisten verstanden sich mit Karajan nicht und sie verstanden sich auch untereinander nicht.

    Lieber Holger,


    so schlecht, wie Richter die Aufnahme macht, ist sie m.E. nun wirklich nicht, aber es stimmt schon, daß sie ihre Entstehung nur den großen Namen verdankt, die hier versammelt wurden. Denn es wurde nur eine gute Aufnahme unter vielen, und es gibt in der Tat etliche bessere, auch welche mit bedeutenden Solisten. Ich nenne aus meinem Fundus nur zwei:

      

    Am besten gefällt mir immer noch die Aufnahme mit dem Beaux Art Trio und Haitink. Es gibt übrigens eine weitere, später produzierte Aufnahme, mit dem Beaux Art Trio:

    doch die kenne ich nicht.


    Richter war besonders ärgerlich auf Karajan, der ihm eine Korrektur in der Aufnahme nicht gewährte, sondern die Fotografie für das Cover wichtiger fand. Und dieses Foto hat den Pianisten wohl am meisten gewurmt, weil sich Karajan ganz vorne in Pose setzte und "die Solisten als dumm grinsende Statisten" im Hintergrund beließ.

    Doch Aufnahme hin und Foto her: Die Verkaufszahl belief sich in den ersten 5 Jahren nach ihrem Erscheinen immerhin fast auf eine halbe Million! Wenn das kein Erfolg ist ….


    LG Nemorino


    P.S.: Eigentlich gehört dieser Beitrag in den Thread "Beethoven Tripelkonzert". Ich weiß aber nicht, wie man ihn überträgt. Vielleicht kann die Moderation helfen?

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Lieber Nemorino,


    am besten, wir diskutieren das später im Thread über das Tripelkonzert. Dann sichte ich meine Aufnahmen und zitiere auch aus der Richter-Biographie. Ich glaube allerdings, dass ich die Aufnahme mit Richter und auch die mit Haitink und den Beaux-Arts-Trio leider nicht habe. :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber Holger,


    ich bin gespannt, was Richter noch alles zu der berühmt-berüchtigten Aufnahme zu sagen hat. Er war ja wohl derjenige, der am meisten auszusetzen hatte. Ich denke, das hatte auch damit zu tun, daß hier zwei Götter zusammentrafen, und das geht selten gut. Rostropovitsch war eigentlich, wie man liest, ganz zufrieden, und Oistrach übte weitgehend Zurückhaltung.

    Die Aufnahme mit dem Beaux Art Trio und Haitink habe ich übrigens nur auf LP, die die ist z.Zt. schwer zugänglich.


    Gerne können wir im Thread über das Tripelkonzert weiter diskutieren.


    LG, Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Um hier wieder die Kurve zu Mendelssohn zu kriegen, möchte ich noch eine weitere Aufnahme der "Italienischen" vorstellen, die bisher hier noch keine Beachtung gefunden hat:

    Guido Cantelli dirigiert das Philharmonia Orchestra London (Aufnahme: 1955, London, Mono).

    Cantelli war ein vielversprechender Künstler, der vielfach als der natürlich Nachfolger Toscaninis gehandelt wurde, der 1954 seine Karriere endgültig beendet hatte. Leider kam Cantelli am 24.11.1956 bei einem Flugzeugunglück in Paris ums Leben, nur 36 Jahre alt.

    Immerhin hat uns der italienische Künstler einige bemerkenswerte Aufnahmen hinterlassen, die seinen Ruhm bis heute wachhalten. Darunter befindet sich auch die "Italienische" von Mendelssohn. Die beiden gekoppelten Sinfonien von Schubert und Schumann sind künstlerisch ebenfalls wertvoll, wobei Schuberts "Unvollendete" den Vorzug genießt, bereits in Stereo produziert worden zu sein.

    Seit ihrem ersten Erscheinen gilt Cantellis Version von Mendelssohn Nr. 4 bei vielen Musikfreunden als Geheimtip; das mag allerdings auch damit zusammenhängen, daß die Aufnahme sozusagen ein Vermächtnis darstellt. Doch Vermächtnis hin oder her, ich würde dieser Version auch heute noch eine Spitzenposition zuerkennen, wegen ihrer Frische und ihres italienischen Flairs. In manchen Details erinnert sie an die berühmte Toscanini-Aufnahme (RCA), die nur ein Jahr zuvor, am 28.2.1954, in New York aufgezeichnet wurde, allerdings mono. Es ist eines der letzten Tondokumente Toscaninis.


    Für mich rangiert die oben gezeigte Cantelli-Aufnahme auf einer Höhe mit den bekannten Aufnahmen von Karajan, Maazel (beide mit den Berliner Philharmonikern, DGG) und Szells legendärer Auslegung mit dem Cleveland Orchestra (CBS). Zu Karajans Interpretation habe ich mich im Beitrag 58 ausführlich geäußert.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Nun mal wieder zusammen mit nemorino zurück zum Thema Mendelssohn - Sinfonie Nr.4 !

    =O Seit Beitrag 63 - 75 geht es grösstenteils um Beethoven Tripelkonzert ...




    Wenn ich meine zahlreichen Aufnahmen aus den vergangenen Jahrzehnten zusammenfasse, so bleiben 4 Aufnahmen für die Italienische übrig, die ich an die absolute Spitze stellen würde:

    1. Szell / Cleveland Orchestra (SONY)

    2. Dohnanyi / WPO (Decca)

    3. Maazel / Berliner PH (DG)

    4. Solti / CSO (Decca)


    ;) Karajan (DG) ist bei mir bei den Sinfonien Nr. 3 und 5 an der Spitze ! Die Sinfonie Nr.4 in seiner DG-GA enthalten und für meine Vorstellungen "zu nobel".

    8) Alles Andere an CD-Material für die Italienische ist bereits weitergegeben / entsorgt / verramscht !

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • dann Karajan (DG) !
    Ich hatte bisher den Eindruck, Karajan würde dem italienischen Temprament nicht gerecht !??! Doch wenn ich den heute gehörten 1. und 4.Satz beurteile, kann ich nur sagen - die Aufnahme hat alles was die Italienische braucht: Einen sehr sinfonischen Klang mit gut positionierten Pauken. :?: Ich weis gar nicht, was ich daran jemals auszusetzen hatte ...

    Lieber Wolfgang,


    das stand in Deinem Beitrag #56 zu diesem Thread! Und genau der hat mich veranlaßt, eine alte Rezension der Karajan-Aufnahme in meinem Eintrag 58 zu zitieren. In meiner Rangordnung steht Karajan gleich nach Szell an zweiter Stelle, gleichauf mit dem jungen Maazel, dem eine ebenfalls ganz großartige Auslegung gelungen ist. Mich hat in der Kritik Horst Koeglers von 1974 vor allem der Satz "eine Italienische, nach der man sich wie in einem Jungbrunnen gebadet fühlt" beeindruckt. Wie auch immer, auch Karajan hat IMO eine großartige Interpretation dieser herrlichen Sinfonie hingelegt. Das typisch italienische Idiom hat er sehr gut getroffen; besser noch als in Tschaikowskys "Capriccio Italien" ("Bianca"^^), Du weißt schon!


    Übrigens, eine sehr schöne Version der Sinfonie hat auch Ansermet erstellt; die habe ich mir kürzlich für ein paar Cent "abgerungen".


    Ich wünsche Dir noch einen angenehmen Tag!

    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Geschätzter nemorino,


    ich glaube, da unterlief Dir ein kleiner Fehler: Einzig Schuberts Unvollendete ist in Stereo, der Schumann und der Mendelssohn sind noch in Mono.


    Zitat der National Library of Australia: "Recorded in Kingsway Hall, London, Aug. 16-18, 1955 (Schubert), May 15 & 21, 1953 (Schumann), & Aug. 12-13 & 16, 1955 (Mendelssohn). The Schubert is a stereo recording, the others are mono."


    Ich habe vorhin reingehört und kann das bestätigen. Das ist wieder das Kuriose, dass in dieser Zeit nur teilweise die Stereo-Aufnahmegeräte zur Verfügung standen, wie wir bereits an anderer Stelle diskutierten. Bei den Aufnamesitzungen zwischen 12. und 16. August 1955 für den Mendelssohn liefen sie nicht, für diejenigen des Schubert zwischen 16. und 18. August 1955 hingegen schon.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • ich glaube, da unterlief Dir ein kleiner Fehler: Einzig Schuberts Unvollendete ist in Stereo, der Schumann und der Mendelssohn sind noch in Mono.

    Lieber Joseph II.,


    1: 0 für Dich! Ja, ich hätte zweimal hinschauen sollen, bevor ich schrieb. Ich habe die Aufnahme lange nicht gehört und hatte irgendwo im Hinterkopf, daß eine von den drei Sinfonien Stereo war, und da tippte ich auf Mendelssohn 4. Ich werde gleich meinen Eintrag korrigieren, falls das noch möglich ist. Jedenfalls vielen Dank für Deinen Hinweis.



    Das ist wieder das Kuriose, dass in dieser Zeit nur teilweise die Stereo-Aufnahmegeräte zur Verfügung standen, wie wir bereits an anderer Stelle diskutierten.

    Das hatte ganz bestimmt mit Walter Legge zu tun, der ein ausgesprochener Stereo-Skeptiker war, wie auch Beecham, Jochum und noch etliche andere. Jochum hat angeblich bis zu seinem Lebensende eine Stereo- nicht von einer Monoplatte unterscheiden können! Das lag aber wohl auch daran, daß seine Frau ihm nicht erlaubte, die Lautsprecher auf Ohrenhöhe zu stellen, sondern sie mußten hinter den Gardinen verschwinden:D! So hat es jedenfalls mal ein Techniker berichtet, der von Jochum ins Haus bestellt wurde, um seine Anlage richtig aufzustellen. Nachdem das Werk vollbracht war, kam die Hausfrau von ihrem Einkauf zurück und ordnete ohne Umschweife an, die Lautsprecher wieder hinter den Gardinen verschwinden zu lassen ….

    Wie schon an anderer Stelle berichtet, heißt es in dem Booklet zu einer Aufnahme aus der "Karajan-Collection": …. ob ein Werk in Stereo aufgenommen wurde oder nicht, war reiner Zufall: Wenn das Stereo-Aufnahmegerät nicht verfügbar oder funktionsbereit war, war das nicht weiter schlimm - die Mono-Aufnahme ging dessen ungeachtet weiter. Deshalb entstanden zwischen 1955 und 1957 in den Londoner EMI-Studios nur einige Stereo-Einspielungen."

    Da gibt es noch eine kuriose Geschichte: Als 1957/58 die Oper CAPRICCIO von R. Strauss unter Sawallisch aufgenommen wurde, entstand ein heftiger Streit zwischen zwei Sängern, genau zwischen Fischer-Dieskau und Eberhard Waechter, die sich nicht grün waren. Es ging um deren Plazierung vor dem Mikrophon. Keiner wollte benachteiligt werden; da entschied Legge, der Produzent, kurzerhand, die ganze Aufnahme in Mono aufzuzeichnen! Aus seiner Sicht vielleicht ein salomonisches Urteil, aber die Aufnahme hatte es auf dem Markt schwer, denn ab 1960 verkauften sich Monoplatten nur noch sehr schleppend. Jedenfalls ist es schade, daß das Werk in der einmaligen Traumbesetzung technisch antiquiert ist.

    Umgekehrt war es so, daß manchmal ohne Wissen Legges in einem separaten Raum ein Stereo-Aufnahmegerät mitlief, so daß z.B. Karajans "Rosenkavalier" von 1956 oder Beethovens Siebente unter Klemperer nach Legges Tod in Stereo neu herausgegeben werden konnten. Dank an den EMI-Tonmeister Christopher Parker, der Legges Anweisungen einfach unterlief. Vor einigen Jahren tauchte sogar Beethovens Neunte aus der Londoner Karajan-Serie in Stereo auf; das Stereo-Tonband wurde zufällig in einem Archiv entdeckt und 2014, fast 60 Jahre nach der Aufnahme, auf CD veröffentlicht:

    Die Angabe "Wiener Philharmoniker" auf dem Cover ist ein Irrtum! Es spielt das Philharmonia Orchestra London, der mitwirkende Chor ist allerdings der Chor der Gesellschaft der Musikfreunde, Wien; die Aufnahme wurde als einzige der Serie deshalb in Wien produziert, die übrigen acht in London.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).