Janáceks "Totenhaus" in Wien

  • Da kann ich mich (nach zwei "live"-Besuchen) nur anschließen:


    Unbedingt ansehen!


    - Und bei Gelegenheit die angekündigte DVD kaufen.


    Peter



  • Ich schaue mir eher selten Oper im Fernsehen an, aber in diesem Fall musste ich eine Ausnahme machen.


    Und es hat sich gelohnt. Janaceks Totenhaus bleibt für mich die radikalste, erschreckendste, bewegendste Oper des 20. Jahrhunderts, dessen schwärzeste Seite auch in Dallapiccolas Prigioniero oder im letzten Akt von Schostakowitschs Lady Macbeth nicht annähernd so zum Sprechen gebracht wird. Dieser totale Bruch mit fast allen aus dem 19. Jahrhundert überkommenen Opernkonventionen ist jedesmal aufs Neue faszinierend. Die Dringlichkeit des Werks springt einen auch via Mattscheibe sofort an.


    Die in Aix aufgezeichnete Produktion ist, wie oben schon mehrfach beschrieben, grandios. Das Dirigat von Boulez stellt die klanglichen Extreme, die gleißende Härte heraus, wie ich es noch nicht gehört habe (hervorragend das Mahler Chamber Orchestra). Das Geschehen auf der Bühne scheint von Chéreau vollständig durchchoreographiert worden zu sein - faszinierend, wie sich das Gefangenenkollektiv auf der Bühne bewegt, wie sich die Individuen aus der Masse lösen und wieder in ihr verschwinden. Stellvertretend sei hier Olaf Bär in der Rolle des Gorjantschikow genannt, der hier (dem Libretto gemäß) betont als adliger Intellektueller gezeichnet und dessen physische und psychische Misshandlung mit ungeheurer Eindringlichkeit geschildert wird (wie virtuos ist allein schon der Umgang mit dem szenischen Detail der Brille des Protagonisten!). Ein unglaublicher Theatercoup gelingt Chéreau, wenn mit dem letzten Akkord des ersten Aktes sich aus dem Theaterhimmel ein Müllregen über die Bühne ergießt - ein apokalyptisches Bild, das auch die ersten Minuten des zweiten Aktes prägt, wenn die Gefangenen den Abfall aufsammeln.


    Nur kleine, fast beckmessernde Einwände: Der dritte Akt gelingt Chéreau nicht ganz so eindringlich wie die beiden ersten - er tappt hier m.E. mit den aufgestellten Betten fast zu sehr in die "Realismusfalle". Die unglaubliche, verstörende Erzählung Schischkows verfehlt zwar auch hier nicht ihre Wirkung, erscheint aber nicht ganz so dringlich wie in der ebenfalls grandiosen Frankfurter Mussbach-Inszenierung von 1994 (in der die zunächst ungeordnet auf dem Boden liegenden Gefangenen im Laufe der Erzählung sich immer mehr "schlafwandelnd" auf den erzählenden Schischkow zubewegten, bis sich in dieser Menschentraube die Klimax des Aktes entlud). Auch den Sänger des Schischkow (Gerd Grochowski) fand ich szenisch und gesanglich etwas zu undifferenziert. Schließlich spielte Boulez für meinen Geschmack über die wenigen lyrischen Inseln im zweiten und dritten Akt etwas zu schnell hinweg, was aber sicher Teil des Konzepts war.


    Diese minimalen Kritikpunkte ändern aber nichts daran, dass hier eine Produktion gelungen ist, die sich turmhoch über normaler Opernhausroutine bewegt und - ich wiederhole mich - eines der faszinierendsten und ungewöhnlichsten Werke der Gattung Oper mehr als adäquat vermittelt.


    Nach dem Abspann wurde auf die DVD mit dieser Produktion hingewiesen, die in Kürze bei der DG herauskommen soll.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Nach dem Abspann wurde auf die DVD mit dieser Produktion hingewiesen, die in Kürze bei der DG herauskommen soll.


    Beim Schreiben im allgemeinen Janacek-Thread ist mir wieder eingefallen, dass ich diesen Thread nochmal reaktivieren sollte: die DVD mit der Boulez/Chéreau- Produktion ist seit über zwei Monaten auf dem Markt. Aus der Flut mehr oder weniger überflüssiger Opern-DVDs ragt sie aus den oben vielfach benannten Gründen heraus. Selbst für DVD-Verächter, die nur hören wollen, und für Opern-Skeptiker uneingeschränkt empfehlenswert:





    Viele Grüße


    Bernd

  • Prima! Ich hoffe allerdings, dass es unserem designierten Operndirektor Meyer wirklich gelingt, diese Produktion für seinen geplanten Janacek-Schwerpunkt an die WSO zu holen!
    lg Severina :hello:

  • Liebe Severina,
    nur wird Boulez dann nicht mehr dirigieren, er hat sich ja aus der Oper verabschiedet und will überhaupt seine Dirigententätigkeit langsam ausklingen lassen. Und Boulez' sehr kluge und keineswegs kühle Interpretation der Partitur war ein wesentlicher Träger dieser Aufführung. Man müßte versuchen, einen Dirigenten wie Nagano für das Projekt zu gewinnen, damit nicht auf der Bühne eine Meisterleistung stattfindet und im Orchestergraben die Gemütlichkeit herrscht...
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Man müßte versuchen, einen Dirigenten wie Nagano für das Projekt zu gewinnen, damit nicht auf der Bühne eine Meisterleistung stattfindet und im Orchestergraben die Gemütlichkeit herrscht...


    Oder vielleicht Michael Gielen? Den habe ich vor Jahren mit ebendiesem Werk in Stuttgart erlebt - so knochenhart, beklemmend und konsequent unromantisch-ungemütlich habe ich das Totenhaus noch nie gehört, selbst die CD-Aufnahme mit dem von mir hochgeschätzten Charles Mackerras kommt da nicht ganz hin.


    Aber auch Gielen hat vermutlich andere Pläne...


    Boulez und Janácek? Davon wußte ich noch nichts - danke für den Hinweis! Interessieren würde mich in diesem Zusammenhang, worin sich Boulez und Mackerras hier unterscheiden. Kennt jemand beide Totenhaus-Einspielungen, die oben von Bernd genannte DVD und diese hier (aus dem Jahr 1980):


    ?

  • Hallo Gurnemanz,


    Zitat

    Original von Gurnemanz


    Oder vielleicht Michael Gielen? Den habe ich vor Jahren mit ebendiesem Werk in Stuttgart erlebt - so knochenhart, beklemmend und konsequent unromantisch-ungemütlich habe ich das Totenhaus noch nie gehört, selbst die CD-Aufnahme mit dem von mir hochgeschätzten Charles Mackerras kommt da nicht ganz hin.


    Aber auch Gielen hat vermutlich andere Pläne...



    ja, leider. Gielen wird nach eigener Aussage auch keine Oper mehr dirigieren, nur noch Konzerte.


    Die Stuttgarter Produktion mit Gielen habe ich 1994 auch erlebt, musikalisch großartig, szenisch (Regie: Wolfgang Engel) leider eine totale Pleite. Gielen selbst berichtet in seinen Memoiren sehr ungnädig über die Produktion und die Bedingungen, die er in Stuttgart vorfand. In ihrer Gesamtheit war die Frankfurter Produktion von Cambreling/Mussbach im gleichen Jahr deutlich überlegen.



    Zitat

    Boulez und Janácek? Davon wußte ich noch nichts - danke für den Hinweis! Interessieren würde mich in diesem Zusammenhang, worin sich Boulez und Mackerras hier unterscheiden. Kennt jemand beide Totenhaus-Einspielungen, die oben von Bernd genannte DVD und diese hier (aus dem Jahr 1980):


    ?



    Ja, ich kenne beide. Mit der Mackerras-Einspielung habe ich das Werk kennengelernt. Mackerras ist wie in seinem ganzen Janacek-Opern-Zyklus natürlich großartig, aber beim "Totenhaus" sind die zweifellos großartigen Wiener Philharmoniker mit ihrem philharmonisch-gepflegten Klang dann doch im falschen Werk gelandet. Das ist mir am Anfang, als ich noch keine andere Interpretation kannte, gar nicht so aufgefallen - aber nach Kenntnisnahme von Cambreling, Gielen, Boulez habe ich doch gemerkt, dass man das Werk härter, schroffer, gewissermaßen "ohne Pedal" erklingen lassen muss. (Nebenbei: Man hört das sehr gut, wenn man die beiden Aufnahmen der "Katia Kabanova" mit Mackerras im Vergleich hört, einmal mit den Wienern, einmal mit der Tschechischen Philharmonie: das sind zwei verschiedene Klangwelten). Trotzdem bleibt das Mackerras-Totenhaus natürlich eine vorzügliche Aufnahme.


    Boulez interpretiert das Werk eher so wie Du (zu Recht) Gielens Interpretation beschrieben hat - kompromisslos, schroff, dabei sehr genau. Auch rein akustisch, ohne die Szene von Chéreau, m.E. die beste Version, die auf dem Markt ist. Boulez ist, wenn ich mich richtig an einige Postings von Edwin erinnere, auch den Notentext nochmal kritisch durchgegangen und macht einiges anders als Mackerras. Dazu kann evtl. Edwin noch etwas sagen.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Die Stuttgarter Produktion mit Gielen habe ich 1994 auch erlebt, musikalisch großartig, szenisch (Regie: Wolfgang Engel) leider eine totale Pleite. Gielen selbst berichtet in seinen Memoiren sehr ungnädig über die Produktion und die Bedingungen, die er in Stuttgart vorfand.


    Danke für Deine Erläuterung, klingt recht plausibel. Und merkwürdig: An die großartige musikalische Leistung Gielens und des Württembergischen Staatsorchesters meine ich mich noch recht deutlich zu erinnern: eindrücklich war das, wie beschrieben. Von der Szene dagegen ist in meinem Gedächtnis nichts hängengeblieben (offensichtlich erfolgreich verdrängt), im Unterschied zu anderen Inszenierungen aus den 90ern.


    Edwins Meinung zu Boulez - Mackerras - Janácek würde auch mich sehr interessieren.


    Diabolus in Opera: Die von Dir angeführte historische Aufnahme kenne ich nicht.

  • Der Unterschied ist schon einmal in der Lesart der Partitur: Mackerras nimmt ausschließlich Janáceks Noten und korrigiert lediglich offensichtliche Schreibfehler. Boulez geht natürlich auch vom unbearbeiteten Original aus, korrigiert aber nicht nur offensichtliche Schreibfehler, sondern auch offensichtliche Unwahrscheinlichkeiten - wenn etwa der Chor permanent mehrstimmig geführt ist, aus unerfindlichem Grund aber plötzlich einstimmig weitergeht, läßt Mackerras tatsächlich einstimmig singen, während Boulez eine "Kurzschrift" Janáceks vermutet und die Harmonien weiterführt. Wir dürfen nicht vergessen: Janácek war unkonventionell, kühn, einzigartig, aber nicht unlogisch. Ebenso geht Boulez bei der Tempowahl vor: Die Logik wird zum Prinzip erhoben, während Mackerras ein wenig dazu tendiert, den extrem schwer lesbaren Notentext, von dem man nicht genau weiß, ob er fragmentarisch ist oder nicht, als unveränderlich zu nehmen.
    Es gibt Stellen, die mir rein von der Lesart her bei Mackerras besser gefallen, der Gesamteindruck bei Boulez ist für mich aber stärker, weil weniger Mitleidsgestus herrscht als Unerbittlichkeit und aus ihr resultierende Verzweiflung.
    Man höre sich nur das Vorspiel an: Bei Mackerras ein warmes Aufrauschen (das liegt auch an den viel zu wohlig weich spielenden Philharmonikern), bei Boulez ein eisig starrer Klang, aus dem sich die Solovioline in völliger Vereinsamung heraushebt, als sei sie die letzte Scherbe Menschlichkeit.
    Gerade dieser Kontrast zwischen Starre und Kälte auf der einen Seite und berührenden Momenten, die wie einzelne wärmespendende Flammen aufzucken, erzeugt bei Boulez eine unglaubliche Spannung, während Mackerras von Anfang an viel weicher agieren läßt.
    Beide Aufnahmen sind absolut top - und ein wunderbarer Beweis, wie weit zwei Interpreten bei einem Meisterwerk auseinanderliegen können, ohne daß der eine richtiger oder besser wäre als der andere.
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    [...] bei Boulez ein eisig starrer Klang, aus dem sich die Solovioline in völliger Vereinsamung heraushebt, als sei sie die letzte Scherbe Menschlichkeit.
    Gerade dieser Kontrast zwischen Starre und Kälte auf der einen Seite und berührenden Momenten, die wie einzelne wärmespendende Flammen aufzucken, erzeugt bei Boulez eine unglaubliche Spannung [...]


    vielen Dank, lieber Edwin, das das sind Sätze, die mich überzeugen - die Boulez-DVD wandert auf meine Wunschliste.