Bohème (?) in Bonn

  • Ich hätte es wissen sollen: Wo Hilsdorf draufsteht, da ist auch...Hilsdorf drin. Bei seiner Bonner Bohème erkennt man den guten, alten Puccini nicht wieder: Da wird die arme Mimi zur Karriereleiter für die Künstler, ein Jack the Ripper meuchelt Prostituierte und in den Übertiteln gibt es kleine Hinweise auf das abstruse Geschehen. Das ist mal wieder genau die Art von Theater, die ich ablehne. Normalerweise meide ich ja auch gerade die Inszenierungen eines Herrn Hilsdorf, aber wenn's ein Geschenk ist... Wir haben alle etwas arg frustriert aus der Wäsche geschaut. Und: Gesanglich ist's auch nicht berauschend.


    LG,


    Christoph

  • N´Abend,


    Zitat

    Original von Knusperhexe
    Ich hätte es wissen sollen: Wo Hilsdorf draufsteht, da ist auch...Hilsdorf drin.


    Mir kannst Du die Vorfreude auf diesen Besuch nicht vermasseln - denn wo Knuspi drauf steht ist ja auch Knuspi drin :D


    Zitat

    ... und in den Übertiteln gibt es kleine Hinweise auf das abstruse Geschehen.


    Was meinst Du damit, sind die Übertitel Übersetzungen des Librettos oder handelt es sich bei den Übertiteln auch um Kommentare zum Geschehen? Letzteres gibt es auch bei Hilsdorfs` "Fidelio" in Essen und damit Streichung der gesprochenen Texte.

  • Was, wie hat man das denn in Essen ohne die Texte im Fidelio gemacht?


    So schlimm finde ich die übrigens gar nicht, aber, wenn man sie unbedingt so pathetisch, wie Schauspieler das leider tun, spricht, und nicht so normal wie Du und ich, dann klingen sie wirklich banal.


    Die Bonner Boheme werde ich mir kneifen, Puccini ist nicht so mein Fall.


    Lieben Gruß aus Bonn :hello:

    Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu

  • Zitat

    Original von Stabia
    Was, wie hat man das denn in Essen ohne die Texte im Fidelio gemacht?


    Wenn ich mich recht erinnere wurden viele (oder sogar alle?) Dialoge gestrichen und durch Kommentare in der Übertitelanzeige ersetzt. So wurde z.B. die Anfangsszene Marzelline / Jacquino mit Zitaten von Heine "Ein Jüngling liebt ein Mädchen" übertitelt, in der Szene mit Rocco wurden Zitate wie aus der Presse eingeblendet `in amerikanischen Gefängnissen werden keine Gefangenen gefoltert`. Der Besuch liegt sicher schon 5 Jahre zurück, die Inszenierung müßte schon weitaus älter sein weil es schon eine WA war.


    Zitat

    Die Bonner Boheme werde ich mir kneifen, Puccini ist nicht so mein Fall.


    Soviel kenne ich von Puccini noch gar nicht um ihn auszuschließen. Für die "Boheme" hat mich ein spontanter Besuch in Aachen eingenommen, dort läuft das Stück in einer Inszenierung von Ewa Teilmanns. Fasziniert hat mich die Gesellschaft, die in dieser Oper dargestellt wird. Die Liebesgeschichte nehme ich eher als Beiwerk wahr.

  • Zitat

    Original von S.Kirch
    .... Für die "Boheme" hat mich ein spontanter Besuch in Aachen eingenommen, dort läuft das Stück in einer Inszenierung von Ewa Teilmanns. Fasziniert hat mich die Gesellschaft, die in dieser Oper dargestellt wird. Die Liebesgeschichte nehme ich eher als Beiwerk wahr.


    Das ist eine interessante Aussage. Kommt doch in der Bohème die "Gesellschaft" nur in der Szene im Café Momus vor. Drei Viertel der Oper werden von zwei bis fünf Personen getragen und es geht fast ausschließlich um die zwei Liebesgeschichten...

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Mich wundert die Aussage von S.Kirch auch einigermaßen.
    Es geht hier doch wirklich um das Bohèmedasein von vier
    Personen, die mit schönen Stimmen ausgestattet sein sollten.
    Dann sind da noch die zwei Liebesgeschichten.Die Gesellschaft
    spielt bei Murger und auch bei Puccini keine besondere Rolle.
    Aber S.Kirch kann mir ihre Sicht am 19. vielleicht erklären.


    (In allen Pucciniopern geht es in erster Linie um Liebe)


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Zitat

    Original von Herbert Henn
    (In allen Pucciniopern geht es in erster Linie um Liebe)


    Lieber Herbert,


    selbst wenn es so wäre (Liebe ist ja ein weites Feld), so findet diese mit konkreten, auch zeitlich zu ortenden Personen statt, die Gesellschaft in der Oper konstituieren. Ohne gesellschaftliche Voraussetzungen hätten die Paare noch nicht einmal die Sprache, mit der sie sich einander anreden. Und die gesellschaftliche Verortung z.B. von Mimi ist doch alles andere als nebensächlich in der Bohème.


    LG Peter

  • Lieber Peter,


    das mag ja alles sein, aber ich kann nicht glauben, daß dieser Aspekt


    das Wesentliche in einer Oper von Puccini sein kann.


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Zitat

    Original von Herbert Henn
    das mag ja alles sein, aber ich kann nicht glauben, daß dieser Aspekt


    das Wesentliche in einer Oper von Puccini sein kann.


    Lieber Herbert,


    dafür kenne ich mich zuwenig bei Puccini aus, dass ich da nun schlankweg etwas behaupten würde. Es ging ja erst einmal um eine Sichtweise, die Sophia auf das Werk hat. Und diese halte ich aus den genannten Gründen für legitim. Um es mit etwas zu vergleichen, wovon ich inzwischen ein wenig mehr verstehe: auch die Sonette von Ronsard (das Buch heißt immerhin "Amours") handeln auf der offensichtlichen Ebene nur von Liebe. Aber - um sie zu verstehen, brauche ich doch umfangreiche Informationen über das Wissen der Zeit und über ihre gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten (Um mit dem Einfachsten zu beginnen: In welchem Rahmen sind etwa solche Gedichte an eine verheiratete Frau erlaubt? Was macht sie erlaubt - was wäre nicht mehr erlaubt?)


    Aus der (noch relativen) Ferne wäre doch die Frage nach der Abhängigkeit der Frauen in der "Bohème" erlaubt, wie sie ihren Unterhalt verdienen, welchen sozialen Status die Männer, welchen die Frauen haben. Das gibt doch auch erst einmal der Liebe Profil, bestimmt ihre Ausdrucksform, ihren Ausgangspunkt und ihr Ziel.


    LG Peter

  • Zitat

    Original von Theophilus


    Das ist eine interessante Aussage. Kommt doch in der Bohème die "Gesellschaft" nur in der Szene im Café Momus vor. Drei Viertel der Oper werden von zwei bis fünf Personen getragen und es geht fast ausschließlich um die zwei Liebesgeschichten...


    Mit Gesellschaft sind die 4 Bohemiens gemeint. Ihr Leben balanciert am Abgrund. Und die bewußte Doppelbödigkeit, mir der sie das vortragen finde ich erschreckend. Ein Beispiel dafür ist m.E. gleich in der ersten Szene, wenn das neueste Stück von Rodolfo im Feuer landet. Der Dialog beinhaltet sowohl die Geschichte, die da verbrannt wird als auch das Leben der Männer.


    Das wird Knuspi nun freuen :D , Hilsdorf` Arbeit hat mich nicht überzeugt. Er vermischt in der Aufführung den Roman von Murger (von dem ich den Inhalt und den veränderten Schluß nur aus der Sekundärliteratur kenne) in den Übertiteln und zeigt auf der Bühne Puccinis` Oper. Das paßt in vielen Aussagen nicht zusammen. Besonders auffällig wird das am Ende, wenn Hilsdorf den Schluß von Murgers` Roman per Übertitel projeziert, die Männer sich in ihrer Baracke aber scheinbar sauwohl fühlen und keinen Eindringling wie Mimi + Musette, bei sich dulden.

  • Zitat

    Original von pbrixius
    Es ging ja erst einmal um eine Sichtweise, die Sophia auf das Werk hat. Und diese halte ich aus den genannten Gründen für legitim.


    [...]


    Aus der (noch relativen) Ferne wäre doch die Frage nach der Abhängigkeit der Frauen in der "Bohème" erlaubt, wie sie ihren Unterhalt verdienen, welchen sozialen Status die Männer, welche die Frauen haben. Das gibt doch auch erst einmal der Liebe Profil, bestimmt ihre Ausdrucksform, ihren Ausgangspunkt und ihr Ziel.



    Dem kann ich nur zustimmen. Zumindest in Murgers Roman spielt die gesellschaftliche Komponente eine zentrale Rolle - die "Bohème" bezeichnet schließlich nichts anderes als eine urbane Subklultur, die sich nicht nur durch einen relativ freien Umgang mit den Themen Liebe und Sexualität auszeichnet, sondern auch sonst auf vielerlei Weise gegen das etablierte Bürgertum opponiert. Nun hat man Puccinis Oper bzw. dem Libretto von Illica/Giacosa ja schon des öfteren vorgehalten, dass gegenüber Murger die gesellschaftlichen Implikationen sehr stark zugunsten der Liebesgeschichten verkürzt worden sind. Aber es ist immer noch genug stehengeblieben; zudem ist - wie Peter oben sagt - das Thema "Liebe" ein sehr stark von sozialen Zwängen beherrschtes.


    Der Reihe nach: Armut - eines der zentralen Themen der Sozialkritik nicht nur des 19. Jahrhunderts - dominiert die Oper von Anfang an: Die in der Mansarde frierenden Künstler müssen ihre Manuskripte bzw. Materialien verbrennen, um überhaupt arbeiten zu können. Rodolfos Arie im ersten Akt lebt textlich vor allem vom Gegensatz zwischen materieller Armut und seelischem Reichtum ("l'anima ho milionaria"). Und so geht es weiter bis zur Mantelarie Collines im vierten Akt.


    Zudem werden gerade die beiden zentralen Liebesgeschichten letztlich von den materiellen Zwängen zerstört: Mimi und Musetta müssen sich quasi prostituieren und können nicht ihren eigentlichen Neigungen folgen - und zwar, um sich das nackte Überleben zu sichern.


    Von den den antibürgerlichen Passagen ist auch abseits dieser Thematik noch einiges übriggeblieben: Die (wenn auch nur kurzfristigen) Siege der Bohème über die Spießer Benoit und Alcindoro gehören dazu, auch manches in den Dialogen der Männer zu Anfang des ersten Aktes, ebenso die Zweckentfremdung einer Zeitung (bezeichnenderweise des "Costituzional") als Tischdecke.


    Das alles macht aus "La Bohème" noch kein Sozialdrama, zumal Puccini das musikalische Gewicht eindeutig auf die Liebesszenen verlegt. Trotzdem spielt der gesellschaftliche Aspekt eine wichtige Rolle, die eine Inszenierung noch verstärken kann, wenn sie das Thema der materiellen Not schonungslos zeigt, anstatt sich - wie so oft - auf putzige Dachkammerromantik zu beschränken. Wobei letztere ja in der Rezeptionsgeschichte eher dominiert und ab und zu auch von mir gern gesehen wird.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von S.Kirch
    Hilsdorf` Arbeit hat mich nicht überzeugt.


    HA! HaHaHaHa! Daher das Fragzeichen im Threadtitel! Trotzdem tut's mir leid, dass es Dir und uns nicht gefallen hat. War rausgeschmissenes Geld.