Wie naht man sich einem Werk intensiver ? ? ?

  • Hallo liebe Taminos und Paminas!


    In mir ist in den vergangenen Tagen dieser Gedanke hervorgekommen...Man 'kennt' ein Werk schon einige Zeit, hat es hier und da recht gern gehört, doch auf einmal gibt es den Auslöser, welcher dir den Auftrag vermittelt, dich doch einmal intensiver mit diesem Werk zu befassen. Dich mehr hineinzudenken, es umfassender in dich aufzunehmen...


    Erlebt habe ich dies unter der Woche mit Dvoráks 5.Symphonie, als ich die Aufnahme Mariss Jansons in einem CD-Überraschungspaket mit dabei war.
    Das Hören dieser Interpretation war mein Auslöser, welcher den Schalter im Kopf umgelegt hat: Dieses Werk muss ich jetzt genauer kennen lernen.


    Wenn man es auch einmal allgemeiner betrachten möcht: Im nächsten Jahr möchte ich mich sowieso eingehender mit manchen Werken in meiner Sammlung beschäftigen, um diese mal besser kennen zu lernen.


    Was macht ihr, wenn es euch so ergeht?
    Einfach nur viel hören? Greift ihr auf verschiedene Interpretationen zurück, um mit Hilfe der unterschiedlichen Ansätze weitere Facetten des Werkes zu enthüllen? Notiert ihr euch Eindrücke und Bemerkungen beim Hören - wenn ja, in welche Richtung gehen solche Randbemerkungen? Oder greift die Mehrheit - auch Laien wie meine Wenigkeit - eher auf die Partitur zurück, um sich 'Auge in Auge' mit dem Werk gegenüber zu stehen? Reicht es dem einen oder anderen auch aus, wenn er neben dem Hören die biografischen Hintergründe studiert und sich somit mehr in die Entstehung und Hintergedanken der Komposition denken kann?


    Viele Fragen, viele Möglichkeiten...


    Eines meiner Ziele - gerade dann auch für das nächste Jahr - ist es, in diesem Zusammenhang, mehr Melodien der Stücke einzuprägen: eben durch diese Intensität das Werk aufsaugen.
    Für mich sicherlich kein schwieriges unterfangen...nur soll dies ein erhoffter Effekt sein.


    Mit den besten Grüßen,
    Maik

    Wie ein Rubin auf einem Goldring leuchtet, so ziert die Musik das Festmahl.


    Sirach 32, 7

  • Einfach nur viel hören.
    Am besten bei völliger Dunkelheit am Abend in aller Ruhe mit Kopfhörern.


    Die Fünfte von Dvorak habe ich übrigens eher lieben gelernt als die Siebte, sie gehört zu meinen 10 Lieblingssymphonien.
    Vorallem der Schluss des Finales ist wirklich ergreifend.

  • Tja, wie nähert man sich einem Werk intensiver, dass ist auch für mich immer wieder die Frage aller Fragen. Das Problem ist, dass es einfach so ungeheuer viel großartige Musik gibt, die ich bisher nur sehr oberflächlich kenne, wenn überhaupt. Und je mehr ich mich ins Musikhören hineinbegebe, desto klarer wird mir, wie wenig ich bisher weiß und kenne.


    Da bleibt aus meiner Sicht nichts anderes übrig, als sich aus der riesigen Menge einfach mal ein Stück oder eine Werkreihe herauszugreifen, um sich intensiver damit zu beschäftigen. Natürlich müssen das Werke sein, die mich, aus welchem Grund auch immer, schon ohne genauere Kenntnisse tief ergreifen, so dass ich einfach mehr wissen will. Bei Bachs Matthäuspassion war das zum Beispiel so. Und seit einigen Monaten sind auch die Kantaten noch hinzugekommen. Eigentlich ist das schon mehr als genug. Zumal ich es - wenn schon, denn schon - dann auch wirklich genau wissen will. Das bedeutet nach Möglichkeit, die Partitur zu lesen und mir über die Strukturen klar zu werden. Bei den Bachkantaten geht das leider nicht, die Partituren sind für mich zu teuer. Aber man kann glücklicherweise auch schon mit dem Dürr-Handbuch einiges anfangen.


    Und dann sind, warum weiß ich selber nicht so genau, auch noch die Streichquartette von Beethoven hinzu gekommen. Die mir keineswegs alle auf Anhieb gefallen. Die mich aber trotzdem immer mehr interessieren und faszinieren. Ein Grund ist sicher auch, dass ich nun endlich eine mich ansprechende Interpretation gefunden habe. Und nun sitze ich da, zähle Takte, lese das Handbuch von Gerd Indorf, markiere bestimmte Stellen in unterschiedlichen Farben in der Partitur, höre das eigentlich bisher nicht von mir besonders geschätzte op. 18, 3 immer wieder an und es gefällt mir mit jedem Mal besser (jedenfalls die ersten beiden Sätze).


    Und ich finde diese Art der Beschäftigung auch weder trocken noch langweilig, noch nimmt sie mir die Freude an der Musik. Ganz im Gegenteil, diese Freude wird mit der analytischen Beschäftigung immer größer.


    Mit Gruß von Carola

  • Lieber Maik,


    da sprichst Du natürlich ein Problem an, welches mit mannigfaltigen individuellen Lösungen aufwartet.
    So, wie es auditive, visuelle, kommunikative und motorische Lerntypen gibt, ist auch die Herangehensweise an ein Werk, eine Werkgruppe oder einen Komponisten von solchen Faktoren, begründet in der eigenen Veranlagung und Erfahrungswelt und mit unterschiedlicher Gewichtung, abhängig.
    Hören, dazu lesen, mit anderen darüber sprechen (oder schreiben), die Noten vor Augen haben, und das vor, während oder nach dem Hören, die Vibrationen der Musik spüren, haptische Erlebnisse damit verbinden - da muss wohl jeder seine eigene Kombination finden.


    Ich für meinen Teil glaube eigentlich ein sehr visueller Mensch zu sein. Auswendig lerne ich jedoch am besten, wenn ich mir, egal ob Musik oder Texte, die Sachen passiv-aggressiv-akustisch eintrichtere.
    So auch, wenn ich neue oder gerade schwerer verständliche Musikstücke kennen lernen möchte, die nicht mit emotionalen Vorschusslorbeeren geschmückt sind: Ich lasse mich erst einmal penetrant berieseln, bis mein Unterbewusstsein einige Eckpunkte gefunden hat, an denen es sich festhalten kann. Von da aus geht’s dann kognitiver weiter: Themen verfolgen, Strukturen aufspüren, Vergleiche anstellen. Dann erst dazu lesen, es sei denn, ich wäre durch das Lesen darauf gestoßen, und die Partitur steht, wenn überhaupt, an letzter Stelle. Wann in diesem Prozess Gefühle oder „akademisches Interesse“ einsetzen, ist sehr unterschiedlich.


    Aber, wie gesagt, hier ist jeder Knecht seiner eigenen Umstände.
    Walter Gieseking konnte sich mittags mit der Partitur eines ihm unbekannten Stückes ins Flugzeug setzten und es abends im Konzert spielen. Beneidenswert…


    Gruß,


    audiamus

  • Hallo audiamus!




    Schade, dass sich trotz der Mannigfaltigkeit an Lösungen nicht viele zum Thema geäußert haben Wahrscheinlich weil eh alle denken, dass man aufgrund der Individualität keine Tipps geben kann - aber ich denke allein mit gemachten Erfahrungen können andere etwas für sich mitnehmen...


    Und deshalb ein herzlichen Dank an Christoph!
    Ich habe mich schon öfter aufs Bett gelegt und einfach der Musik gelauscht - eventuell noch das Libretto verfolgt.
    Die Idee, dies in vollster Dunkelheit zu praktizieren habe ich am vergangenen Montag gemacht und das war mal was! Dadurch sind eigentlich alle Reize auf die Musik gelenkt - nichts, was einen ablenken kann, außer hier und da Gedanken die kommen und gehen.
    Diese Art, sich einem Werk noch intensiver zu nahen, wir mir sicherlich helfen - und ohne den Thread hätte ich es voraussichtlich nicht mit dieser finsteren Methode versucht...


    Gut, also mit hat dieser Thread schon mal etwas gebracht - vielleicht kommen ja doch noch einige ganz individuelle Vorschläge hier ans Licht, die sich andere Hörer zu Herzen und Ohren nehmen können.


    Lieben Gruß, Maik

    Wie ein Rubin auf einem Goldring leuchtet, so ziert die Musik das Festmahl.


    Sirach 32, 7

  • Lieber Maik,


    hierzu noch ergänzend meine Alternative zur einsamen bzw zweisamen Dunkelheit (die ich auch sehr schätze).
    Allerdings ist dies nicht jedermanns Sache.


    Mein IPod ist mir ständiger Begleiter, kombiniert mit guten In-Ear-Kopfhörern. Die, hat man sich an sie gewöhnt, schirmen einen akustisch so von der Umwelt ab, dass sich man sogar in geräuschvoller Umgebung voll auf die Musik inclusive begleitender Gedanken konzentrieren kann.


    So ermöglicht die Kombination aus umfangreichem, flexiblem Speichermedium, exzellenter Tonqualität und Mobilität das Vielhören, welches es manchmal zur Erschließung eines Werkes braucht.


    LG,



    audiamus

  • Wiederholtes konzentriertes Hören ist sicher unabdingbar. Die Partitur mitverfolgen kann selbst bei Laien hilfreich sein, weil dann sichergestellt ist, dass man nichts anderes tut und den Geist nicht abschweifen läßt, was mir bei Dunkelheit eher passiert. (Es kann aber den Anfänger auch überfordern und er kann kaum zuhören, weil er immer sehen muß, dass er in den Noten dranbleibt).


    Als Jugendlicher habe ich manche Werke so oft gehört, dass ich sie fast "auswendig" konnte. Das ist aber nicht nötig (und man kann sie auch auswendig können, aber vieles nicht verstanden haben). Man sollte aber mit der Zeit die Erfahrung haben, sowohl den groben Aufbau eines Stücks recht schnell zu überblicken (das ist natürlich am einfachsten bei solchen, die sich an einigermaßen festumrissene Formen halten), als auch die wichtigsten Klangestalten, seien es Motive, Melodien, was immer zu identifizieren und wiederfinden zu können, und hoffentliche hören, was mit ihnen geschieht. Dazu hilft sowohl Partitur, aber auch ein guter Konzertführer, der auf bestimmte Merkmale aufmerksam macht.
    Ob man sich Aufbau und Struktur anhand der üblichen Kategorien oder auf private Weise (in dem man sich eine Geschichte dabei denkt oder irgendwelche anderen Assoziationen) verdeutlicht, ist wohl zweitrangig. Ersteres erleichtert natürlich die Kommunikation. Aber auch das ist genaugenommen noch ein recht früher Schritt. Das Besondere an einem Kunstwerk ist ja das Besondere, nicht das Allgemeine (also z.B. Liedform, Fuge, Sonatensatz usw.). Es hilft aber weiter, denn der dramatische und emotionale Inhalt ist ja normalerweise nicht unabhängig von den formalen Merkmalen...


    Ich gebe aber gern zu, dass ich viele Stücke zwar ganz gut kenne, aber gemessen an den genannten Zugangsweisen immer noch recht oberflächlich höre. Es ist auch wenig gegen oberflächliches Hören einzuwenden. Aber ein verbreitetes Problem hierbei (so ging es mir jedenfalls als Anfänger) ist, dass man sich von einer "schönen Stelle" zur nächsten hangelt, ein Werk letztlich nur wegen einiger Melodien oder Höhepunkte hört und das "dazwischen" als Durststrecke überstehen muß. Auf Dauer finde ich das ein eher frustrierendes Hörerlebnis, wobei sich glücklicherweise auf Dauer meistens automatisch die Erkenntnis einstellt, dass es sich nicht um ein paar schöne Stellen mit Füllseln dazwischen handelt.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Eigentlich werden bei mir meistens, wenn ich die "schönen Stellen" entdeckt habe, die Passagen dazwischen auch gleich mit schön. Kann nicht erklären, warum.


    Ich habe meine Probleme bei modernen, nicht melodiebetonten Werken. Ich brauche eigentlich immer starke Thematik, damit mir ein Werk gefällt. Diese finde ich z. B. bei Bartok und Prokofjew, nicht aber (oder selten) z.b. bei Strawinski (nicht wertend, aber ich finde (noch) keinen Zugang...).

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Zitat

    Original von audiamus
    ...bis mein Unterbewusstsein einige Eckpunkte gefunden hat, an denen es sich festhalten kann.


    Zitiere mich mal selbst.


    Solche "Eckpunkte" müssen nicht zwangsläufig "schöne" (eh schwierig zu definieren) Stellen, sie können formal wie inhaltlich interessant, markant, assoziativ, eindrucksvoll, ausdrucksvoll, witzig, traurig, sonstwie emotionsgeladen oder auch "gäßlich" sein.
    Auch mehren sie sich mit der Zeit, die weißen Flecken auf der Landkarte verschwinden, "Füllsel" werden zu verstehbarer Struktur, die Zusammenhalt gibt.



    audiamus



    .

  • Hallo,


    die wichtigsten Methoden, ein Werk kennenzulernen und sich weiter vertiefend anzueignen, wurden bereits genannt.


    Ein für mich ganz wesentlicher Punkt kommt jedoch noch hinzu: es ist das, wie soll ich sagen, eigene Gestalten, oder gewissermaßen: eigene kompositorische Erfassen des bereits bestehenden Werks. Das ist bei mir fast nur möglich, nachdem ich zu dem betreffenden Werk, mit dem ich mich vorher schon sehr beschäftigt habe, Distanz aufgebaut habe.


    Meist geschieht dies, wenn ich einige Zeit weder Musik gehört noch Partituren gelesen habe. Häufig beim Spazierengehen, wenn ich alleine bin, gehe ich das Werk in meinem Kopf durch. Anfangs sind es womöglich konkrete Passagen, konkrete mir bekannte Interpretationen, die mir durch den Kopf gehen. Dann aber entferne ich mich nach und nach mehr vom Konkreten und Kleinen und gehe gedanklich ins Grobe, bis es gelingt, das Ganze annähernd "zeitlos" zu erfassen. In und nach solchen Zuständen wird mir ziemlich klar, worum es MIR in diesem Werk geht.


    Nach diesen intensiven Erfahrungen wächst das Gefühl, das Werk zu kennen, sehr, gleichzeitig die Erwartungen an möglichen Interpretationen - obwohl das Werk "gedanklich hören" fast wichtiger wird als es "akustisch hören".


    Gruß,


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)