Wolfgang Windgassen - "Mein Held"

  • Interessant, dass hier hinsichtlich Windgassens Auftritten im "Ring" die doch recht späten Aufnahmen unter Böhm (1966/67) genannt werden. Da würde ich dann doch eher zu seinen 50er-Jahre-Auftritten unter Keilberth und Knappertsbusch neigen, unter klanglichen Gesichtspunkten natürlich besonders zum noch heute konkurrenzfähigen Stereo-"Ring" von 1955, in dem Windgassens Siegfried für mein Dafürhalten noch wirklich jugendlich herüberkommt. Den Loge hat er in Bayreuth hingegen tatsächlich erst ab 1965 überhaupt gesungen (1969 zum letzten Mal).

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Interessant ist übrigens, wie zurückhaltend sich Wegbegleiter wie Wolfgang Wagner (der ihn in seinen Memoiren kaum erwähnt) oder Astrid Varnay (die sich schmallippig über seine stimmlichen Möglichkeiten äußertum anschließend ausführlicher und wohlwollend über seinen Vater Fritz zu berichten) über Windgassen äußern.

    Diesen Eindruck habe ich eigentlich nicht gewonnen, lieber Otello. Kollegen bzw. Wegbegleiter, deren Erinnerungen ich gelesen und ich meinem Bestand habe, äußern sich sehr wohlwollend. Jess Thomas erwähnt ihn sehr oft und nennt in seinen Freund, auch James King ist voller Hochachtung für den Kollegen. Die Nilsson, mit der er sehr oft zusammenarbeitete ist voller Dankbarkeit, Hotter preist seine hervorragenden sängerischen Qualitäten. Ich könnte weitere Namen nennen. In der Wieland-Wagner-Literatur hat Windgassen seinen unverrückbaren Platz. Was Wolfgang anbelangt, so sollte bedacht werden, dass seine "Lebens-Akte" primär kein Buch über Sänger ist. Dennoch findet er darin überdurchnittlich oft sehr anerkennend Erwähnung. Kein Wunder. Ohne den vielseitigen und zuverlässigen Windgassen ist das Nachkriegs-Bayreuth gar nicht denkbar.

    Es grüßt Rheingold1876

    2 Mal editiert, zuletzt von Rheingold1876 ()

  • Zitat von Operus:


    Lieber Hansl Hopf verzeih. Ich höre mir dafür oft Deinen Radames, Pedro und Escamillo an


    Lieber Operus,


    kann es sein, dass Dir bei Hans Hopf als Escamillo ein kleiner Irrtum unterlaufen ist? Hopf war ja Tenor und Escamillo in "Carmen" ist eine Baritonpartie. Ich denke, dass Du Hopf in "Carmen" als Don José, der eine Tenorpartie ist, gehört hast. Kann das sein?


    Herzliche Grüße


    Lustein

  • Natürlich, war es die Tenorpartie des Don Josè, in der Hopf brillierte. Danke für den Hinweis.

    Herzlichst

    Operus (Hans)

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  • Zitat von Peter:


    Um Dich besser verstehen zu können, möchte ich gerne wissen, auf welcher Grundlage Du zu Deinem Urteil kommst - durch das Hören von Tondokumenten oder durch Bühnenaufführungen?


    Lieber Peter,


    mein Urteil über Windgassen basiert ausschließlich auf dem Hören von Tondokukumenten. Das reicht aber gänzlich aus, um sich über seine Stimme ein abschließendes Urteil zu bilden. Die CDs, die ich mit Windgassen habe, sind alle von guter Tonqualität. Und da hört man sehr gut, dass er überhaupt nicht im Körper singt und eine vorbildliche italienische Technik gänzlich vermissen lässt. Um das zu hören, muss ich ihn nicht live erlebt haben, was bei mir nicht der Fall ist. Dafür bin ich noch zu jung.


    Herzliche Grüße


    Lustein

  • Zitat von Joseph II:


    Wie man auf der einen Seite Wolfgang Windgassen abwerten und auf der anderen Seite ausgerechnet Jess Thomas als Musterbeispiel benennen kann, werde ich auch nicht verstehen. Letzterer ist bekanntlich bereits der Schwachpunkt in der Kempe-Einspielung des "Lohengrin",


    Lieber Joseph,


    wenn Du dieser Meinung über Jess Thomas bist, sei Dir das unbenommen. Aber er hat wenigstens vorbildlich im Körper gesungen, was man von dem arg dünn singenden Windgassen nun wirklich nicht behaupten kann. Ich finde auch nicht, dass Jess Thomas in der Lohengrin-Aufnahme unter Kempe der Schwachpunkt ist. Der absolute Schwachpunkt dieser Einspielung ist vielmehr Dietrich Fischer-Dieskau als Telramund. Mit Fischer-Dieskau habe ich auch erhebliche Probleme. Seine gleich Windgassen überhaupt nicht im Körper sitzende, kopfige, gekünstelte, hochgestellte und vielleicht auch etwas manirierte Stimme gefällt mir überhaupt nicht. Neben Fischer-Dieskau ist der ebenfalls nicht im Körper singende Otto Wiener ein weiterer Schwachpunkt dieser Einspielung. Jess Thomas halte ich jedenfalls mit seinem schönen körperverankerten Gesang nicht für den Schwachpunkt dieser Aufnahme. Die Leistungen von Wolfgang Windgassen in den Bayreuther Lohengrin-Aufnahmen von 1953 und 1960 waren da schon um einiges mäßiger.


    Herzliche Grüße


    Lustein

  • Windgassen ist einfach einer jener Sänger, bei dem man sich von den Tondokumenten her fragt "Warum war der damals so berühmt"? wenn man als Nachgeborener nicht die Gelegenheit hatte, ihn auf der Bühne zu erleben. Solche Fälle gibt es, zumal seine bekanntesten Aufnahmen auch nicht alle zu seinen besten gehören. In den weit verbreiteten Ringen von Solti und Böhm und im Bayreuther Tristan ist das teilweise schon arg trocken. Dagegen waren die Bayreuther Liveaufnahmen der fünfziger jahre lange etwas für Spezialisten, weil man nicht so ohne weiteres heankam. Auch so etwas verschiebt das Bild.

  • Das ist vollkommen richtig, lieber Perikles. Es gibt eine große Zahl von Sängern, denen die Tonkonserve nicht gerecht wird. Wenn man sie auf der Bühne erlebt hat, war der Eindruck ein wesentlich stärkerer, als sie meist viele Jahre später von der Konserve wieder zu hören.


    Erich

    Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht durch Tatsachen.

  • Dagegen waren die Bayreuther Liveaufnahmen der fünfziger jahre lange etwas für Spezialisten, weil man nicht so ohne weiteres heankam.

    "Lohengrin" (1953) und "Parsifal" (1951) aus Bayreuth waren aber doch schon ziemlich frühzeitig und offiziell bei Teldec zu haben.

    Windgassen ist einfach einer jener Sänger, bei dem man sich von den Tondokumenten her fragt "Warum war der damals so berühmt"?

    Ich habe mich das auch immer gefragt. Allerdings mit offenem Ausgang. Also ohne, dass die Antwort schon feststeht. Wenn ich mich heute so umhöre, wie gemein und ordinär Wagner oft gesungen und gebrüllt wird, fliehe ich förmlich zu Windgassen Platten. Auf der Bühne erlebt habe ich ihn allerdings auch nicht erlebt. Ich habe auch Caruso nicht auf der Bühne erlebt. ;)

    Es grüßt Rheingold1876

  • Auf der Bühne erlebt habe ich ihn allerdings auch nicht erlebt. Ich habe auch Caruso nicht auf der Bühne erlebt. ;)

    Je länger ein Sänger von uns gegangen ist, bleibt all denen, die den Künstler nicht mehr auf der Bühne erlebten, nichts anderes für die Beurteilung übrig als die Tonaufzeichnung. Insofern tut man auch Jürgen Kesting unrecht, wenn kritisiert wird, dass er fast nur auf -grund von Tonaufnahmen urteilt. Was bleibt ihm denn sonst übrig?

    Im Fall von Wolfgang Windgassen hatte ich das Glück ihn sehr häufig auf der Bühne zu erleben. In guten und in weniger guten Aufführungen. Er war jedoch unbestreitbar, die gelungene Inkarnation des neuen Wagner-Tenors und Wagner Stils, der von Bayreuth aus angestrebt und initiiert wurde. Wessen Ideal allerdings ein hochkarätiger Heldentenor ist, der wird Sänger wie Melchior, Lorenz, Suthaus, Treptow, Hans Hopf und sogar Hans Beirer usw. bevorzugen.

    Herzlichst

    Operus (Hans)

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