Die besten Orchesterwerke der 50er Jahre

  • wer zwischen "Lieblings-", "besten" und "bedeutendsten" differenziert, kann das ja machen, es können aber auch die fetzigsten sein.


    :pfeif:


    Bei mir ist das momentan ganz klar:
    Die Führung übernehmen:
    John Cage: Klavierkonzert
    Karlheinz Stockhausen: Gruppen

    Die großen sinfonischen Altmeister, die gar so alt noch gar nicht waren, wirken plötzlich recht bärtig (und kommen erst nach einem kleinen Respektabstand):
    Karl Amadeus Hartmann: 6. Sinfonie
    Dmitri Schostakowitsch: 10. Sinfonie

    In nächster Zeit muss ich mir noch öfter zu Gemüte führen:
    Giacinto Scelsi: Quattro Pezzi
    Sehr gerne höre ich einige späte Milhaud-Sinfonien, aber die kämen mir hier doch nicht mehr ganz recht am Platze vor. Jetzt bin ich schon neugierig auf die Strawinsky-Box!
    :yes:

  • Ein Werk, dass mich nachhaltig beeindruckt, ist die 1958 entstandene Pittsburgh Symphony von Paul Hindemith. Vor allem der langsame Satz ist absolut genial und erreicht in seiner atmosphärischen Dichte durchaus Bartók-Niveau. Trocken ist diese Musik keinesfalls, wie man Hindemith gerne nachsagt. Überhaupt erschint mir Hindemith langsam als einer der unterschätztesten Komponisten überhaupt. Sehr vieles, von dem, was ich bisher gehört habe, hat mit ganz hervorragend gefallen.


  • Mit Prokofjews siebenter Symphonie kann ich persönlich überhaupt nichts anfangen, ein schönes Werk aber ist das Symphonische Konzert für Cello und Orchester op. 125, welches Prokofjew kurz vor seinem Tod beendete. Diese ausgedehnte, lyrische Komposition steht ziemlich im Schatten seiner anderen Konzerte, was ich - vor allem im Vergleich mit seinen Violinkonzerten - für nicht gerechtfertigt halte. Das Stück ist trotz seines geleassenen Grundcharakters wesentlich weniger systemkonform als die siebente Symphonie.


    Ich habe eine Aufnahme von Lynn Harrell und Vladimir Ashkenazy aus dieser Box:

  • hat hier zwei wichtige Werke beigetragen: Das Ballett Agon, das zwar bereits serielle Techniken verwendet, aber noch viel aus der vorigen Schaffensperiode weiterführt und daher dem "normalen" Klassikhörer nicht so viele Schwierigkeiten machen wird, und die Movements für Klavier und Orchester, die eher an Carter oder Boulez/Stockhausen erinnern. "Trockenheit" kann ich diesen Werken auch nicht anmerken und es wäre schön, wenn sie öfters anzutreffen wären.

  • Als ich heute früh bei wikipedia nachsah, was ich so aus den 1950ern kenne, fiel mir ebenfalls "Agon" ein, dann war ich aber u.a. nicht sicher, ob Ballette bei Orchesterwerken mitgemeint waren.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • und auf später DG : -->
    SONY, 1960-61, ADD ..................................................................... DG, 1981-82, DDD


    Hallo Lutgra,


    von mir kannst Du zu den West Side Story - Sinfonischen Tänzen (1957) nur Zustimmung (und keine Prügel) ernten.
    Ich möchte aber noch das weit unbekanntere Musik zu dem Film "Die Faust im Nacken", aus der Bernstein die o.g. Suite für den Konzertgebrauch geschrieben hat, unbedingt als für mich beinahe gleichwertiges Stück erwähnen.
    :angel: Das ist beides Musik, die voll meinen Geschmacksnerv trifft.


    Ich habe hier als Ergänzung zu Deiner DG-CD Abb, die Aufnahmen beider Werke (West Side Story und On the Waterfront) abgebildet.
    *** Während ich die genial gute DG-Aufnahme der West Side Story - Sinf-Tänze mit dem Los Angeles PO (DG) genau so gut und packend finde, wie die mit den New Yorker PH, muss ich bei On the Waterfront unbedingt zu der New Yorker Aufnahme (SONY) raten. Die späte DG-Aufnahme mit dem Israel PO ist für sich genommen auch nicht schlecht, aber im Vergleich zu den New Yorkern merkt man doch, dass da einiges an Details und der nötigen Spielkultur fehlt, die das Werk so packend machen.


    Die megapreiswerte RPO - CD mit Carl Davis (RPO, 1996, DDD) beider Werke, ist ebenfalls eine Hammeraufnahme, die Bernsteins o.g. Aufnahmen eignedlich nicht nachsteht. ;) Und dann noch in absolutem audiophilen Sound.

  • Nachdem die Sinfonien Nr.10 und 11 bereits durch KSM und Lutgra abgegrast (genannt) sind, möchte ich unbedingt das
    Cellokonzert Nr.1 op.107 (1959) erwähnt finden.


    Am liebsten in meiner Lieblingsaufnahme mit dem Widmungsträger Mstislav Rostropowitsch unter Ormandy:

    SONY, 1960, ADD

  • Ein weiteres grosses Konzert / Orchesterwerk aus den 50er Jahren ist die o.g. Serenade, die ihre Inspriration thematisch durch Platos Symposium erhielt: Die 5 Sätze sind Phaedros, Aristophanes, Erixymathos, Agathon, Socrates überschrieben.


    Hier sind es wiederum beide Bernstein-Aufnahmen die nicht nur solistisch voll überzeugen:
    Einmal die Aufnahme von 1965 mit dem grossartigen Zino Francescatti und die fabelhaft fetzige Aufnahme mit dem perfekten Gidon Kremer. Bernstein holt hier alles aus dem Israel PO heraus. (Weder Hilary Hahn noch A.S.Mutter können im Vergleich an diese beiden TOP-Aufnamen anknüpfen.)



    SONY, 1965, ADD

  • Dieses dreisätzige Klavierkonzert Nr.2 ist besonders durch die Kompositionstechnik - in variablen Metren für die Freunde moderner Orchesterwerke sehr interessant. Das Konzert hört man nicht mal eben so zwischendurch - aber es ist trotz der Modernität voll geniessbar. Ebenfalls ein tolles Werk aus den Fufzigern.


    Grossartige Blacher-CD:

    BerlinClassics, 1982, ADD
    (Auf Thorophon mit Horst Göbel liegen alle 3 KK auf CD vor !)


    Weit promblemloser sind dagegen zwei Klavierkonzerte von Bohuslav Martinu aus den 50er Jahren:
    Aber mindestens genau so hörenswert -
    Klavierkonzert Nr.4 "Incantations" (1956)
    Klavierkonzert Nr.5 "Phanasia Concertante" (1958)

  • "Beste Orchesterwerke der 50er Jahre" ist hier vielleicht etwas übertrieben. Aber zu den Interessantesten der 50er gehört es auf jeden Fall.


    Liebermann schrieb dieses Werk im Auftrag des SWF Baden-Baden und für das Jazz-Ensemble Kurt Edelhagen zu den Donaueschinger Musiktagen im Oktober 1954. Seine Worte: "Mein Konzert soll ein versuh sein, einen teil der heute gebräuchlichen Tänze in Kunstmusik einzubeziehen. Das Jazzorchester wird in Anlehnung an an Vorklassische Funktionen als Concertino eingesetzt, während das SO begleitende Funktion und eigene Aufgaben in Zwischenspielen übernimmt."
    8 Sätze



    NAXOS, 2001, DDD

  • Bohuslav Martinu wurde hier schon angeführt, ich tue es aber gerne noch einmal. Soeben habe ich mir sein 4. Klavierkonzert H 358 angehört:



    Das hat wirklich Biss und ist von einer extrem hohen Qualität! Vom Charakter her erinnert das Werk ein wenig an die ersten beiden Klavierkonzerte von Bartók, obwohl es schon etwas zugänglicher und insgesamt weniger hintergründig ist. Bis jetzt hat mir alles, was ich von Martinu gehört habe, sehr gut gefallen. Technisch ebenso gut wie Hindemith aber mehr melodische Ideen. Neukäufe stehen an.....

  • Hallo, John Doe!


    Aber der Säbeltanz war doch in allen Versionen dabei und Du hast Dich nur ungeschickt ausgedrückt, oder?


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    Hier mein Beitrag zur Musik der Fünfziger:


    Bernd Alois Zimmermann: Trompetenkonzert (1954) (Nobody knows ...)


    Für unerreicht halte ich dabei die Aufnahme(?n) des Uraufführungssolisten Adolf Scherbaum - allerdings schwerer zu erwerben als etwa die abgebildete Einspielung.


    :hello: Wolfgang

  • Hallo Wolfgang,


    Aber der Säbeltanz war doch in allen Versionen dabei und Du hast Dich nur ungeschickt ausgedrückt, oder?

    In der Erstfassung von 1938 mit ihrer Agiprop-Handlung war er noch nicht dabei, soweit ich weiß ist er erst 1942 dazugekommen und zwar deswegen, weil der Direktor des Kirow-Ensembles noch eine weitere Nummer für das Schlussbild haben wollte. Chatschaturjan lehnte zuerst ab, hat sich zu Hause aber dann doch hingesetzt und innerhalb einer Spätschicht den Säbeltanz komponiert, der dann am nächsten Tag bei der Generalprobe auch gleich das erste Mal zur Aufführung kam.


    Viele Grüße
    John Doe
    :hello:

  • Wenn auch Chor und Solisten erlaubt sind, dann muss natürlich Nonos Il Canto Sospeso unbedingt genannt werden - habe ich gestern im Eröffnungskonzert von Wien Modern gehört, war sehr beeindruckend. Mir war bislang nicht so klar gewesen, wie zwingend seine Lösung ist, in diesem (auch im Orchester) gebrochenen Gesang der Klage der zum Tod Verurteilten Stimme zu verleihen, wie die Schwierigkeiten, die Töne hervorzubringen sowohl zum Reichtum der Farbe als auch zum notwendigen Ausdruck beiträgt, wie durch die Zersplitterung in eine Einzeltonlandschaft durch das Zusammenfließen aller Stimmen in ein gemeinsam serielles Gebilde die "Zeitlosigkeit" der Anklage/Aufforderung unterstützt wird.


    Der Eröffnungsredner nannte 5 Stücke als zentrale Werke der 50er Jahre: Natürlich Nonos Canto, Boulez' Marteau und Stockhausens Gruppen, auch nicht überraschend Cages Klavierkonzert, aber dann auch Xenakis' Pithoprakta. Eine gute Wahl ... ich habe das vor ein paar Jahren ebenfalls im Konzerthaus erleben dürfen und habe glücklicherweise einen Platz mitten im Orchester ergattern können. Hier wird aus der Einzeltonlandschaft ein Gewitter oder Hagelschauer, und wenn man mitten drinnen sitzt, dann weiß man, dass das wohnzimmerliche CD-Hören nicht alles ersetzen kann.