Eigene Aufnahmen - Hört ihr euch selber gerne?

  • Dies ist eigentlich eine Frage an alle ausübende Musiker hier bei Tamino.


    Hört ihr,wenn es mitgeschnitten wurde, nach einem Konzert noch einmal die Aufnahme?


    Also ich für meinen Teil mache es nicht. Würde ich es tun, dann fände ich 100 Stellen, wo ich es besser hätte machen können. Da regt sich der Beckmesser in mir.


    Jedes Mal, wenn auf WDR 3 oder WDR 4 etwas von mir gesendet wird, möchte ich in den Erdboden versinken, weil ich immer etwas an mir auszusetzen habe.


    Wie ergeht es euch?

  • ...ich höre so selten Radio...


    :pfeif:

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Ich werde zwar nicht im Radio übertragen, höre mir aber grundsätzlich meine rein privaten Aufnahmen an, um daraus zu lernen.
    Bekanntlicherweise hört man die eigene Stimme beim Singen ja ganz anders, als sie in von aussen klingt und ich finde es unglaublich wichtig, sich regelmässig kritisch zu kontrollieren, um nciht völlig falschen Vorstellungen aufzusitzen.
    Fûr mich ist die Selbstkontrolle per Aufnahme unverzichtbar, so frustrierend das auch immer wieder sein mag.
    Wer nicht ertragen kann , nicht perfekt zu sein , darf m.E. gar nicht erst anfangen Musik/Kunst zu machen, denn diesen Anspruch erfüllen nun mal die Allerwenigsten.
    Manischer Perfektionszwang ist oft auch eine Art von Feigheit, sich der "unperfekten" Realität zu stellen. Kunst ist für mich immer ein Wachstums-Prozess und kein Endergebnis.(womit natürlich hier nciht Moses, den ich ja gar nicht kenne gemeint ist!)


    Manchmal ist es ja auch beglückend, Dinge , die man beim Singen als misslungen empfindet ,dann plötzlich als sehr schön zu hören und Fortschritte zu vergangenen Jahren festzustellen.


    F.Q.

  • Hallo,
    ich höre meine Aufnahmen gerne mal wieder an.
    Ich bin froh, dass die heutige Zeit uns diese Möglichkeiten der Reflektion ermöglicht.
    Es ist keine Selbstverliebtheit sondern eine Orientierung, wie man sich im Umfeld der Veröffentlichungen einzureihen versteht.
    Ich stimme aber MosesKR1 zu, die Suche nach möglichen Fehlern und Ungereimtheiten trüben den lockeren Hörgenuss.
    Im eigenen Hören darf man auch mal Narziss sein, oft beschwören wir die Großen der Zunft und sollten uns auch mal auf die Schulter klopfen dürfen.
    Dies sage ich gerne stellvertretend für alle, die nicht in der ersten Reihe musizieren.


    Das Thema der Selbstkontrolle durch Aufnahme ist hilfreich aber das eigene Analysieren bleibt im Glaskasten und man läuft Gefahr, sich zu oft selbst analysieren zu wollen - man macht es aber !


    LG rugero

    Die Stimme, das wohl vollkommenste Instrument.

  • Aufnahmen, vor allem in Form von Live - Mitschnitten, haben die Eigenschaft, gnadenlos alles zu dokumentieren, jede "Ecke und Kante" und vor allem auch Stellen, die nicht wie gewollt gelungen sind. Der Prozess, das dann anzuhören, ist für mich daher auch zuweilen quälend, aber unbedingt erforderlich. Ich habe ja eine Vorstellung davon, wie ich mir selbst den Klang der Stimme und vor allem die Interpretation wünsche und nur die Reflexion über eine Selbstaufnahme macht es möglich, sozusagen Wunsch und Wirklichkeit abzustimmen, letzteres vor allem durch "Arbeiten daran". Es kann aber auch vorkommen, dass der Wunsch verändert wird, da die Aufnahme auch Varianten offenbaren kann, die sich als tragfähiger erweisen als die vorige Konstruktion im Kopf.


    Trotzdem: Wie der Themenstarter schon andeutete: Irgendwie wühlt das Hören der eigenen Produktion auf und mich verunsichert das auch zuweilen. Ich befürchte, dass mir daher die Psyche böse Streiche spielt. Meistens empfinde ich das erste Hören als mittlere Katastrophe, beim zweiten Mal blende ich wohl das Negativempfinden aus und es ist dann doch ganz schön, und so geht das hin und her. Selbst bei den Studioaufnahmen, die ich kürzlich gemacht habe - die ja von sämtlichen Störgeräuschen etc. befreit sind - ist das so.


    Außerdem habe ich festgestellt, dass je nach Abspielgerät verschiedene Klangvarianten möglich sind. Das trägt auch nicht gerade zur Beseitigung innerer Verwirrungen bei.


    Fazit: Ein lehrreiches Unterfangen unter Blut, Schweiß und Tränen (naja, so weit kam es bisher nicht)



    LG
    :hello:
    Ulrica

  • Ich finde das sich selber ahören sehr wichtig und habe es auch meinen Schülern immer empfohlen. Es mag für manche Sänger nicht so toll sein die Fehler zu hören, doch man lernt auch daraus. Aufnahmen nach langer Zeit anhören, zu erkennen dass die Technik fortgeschritten ist, bringt dann wieder ein Erfolgserlebnis.

  • Ich verstehe diejenigen Sänger, die sich nicht anhören mögen, durchaus. Es ist wohl ein längerer Prozess, bis man sich mit der eigenen Stimme, die das innere Ohr ja ganz anders hört, anfreundet.


    Andererseits bin ich dankbar für die Möglichkeiten der Technik, die eine Selbstkontrolle von Aussen möglich macht. Ich schneide viel mit (früher mit Hi-Md, nun mit Edirol und seit Weihnachten befindet sich auch ein H2-Zoom in unserem Haushalt) und bemühe mich, das auch tatsächlich anzuhören. Besonders Unterricht, Masterclasses, Arbeit mit dem Korrepetitor bis hin zum Konzert. Nicht zur privaten Nabelschau, sondern zur Analyse - wie passen Empfindungen und Resultate zusammen.


    Noch gemeiner ist es allerdings, sich auch noch anzuschauen - ich habe noch nie so viel gelernt, wie beim Anschauen von Videomitschnitten. Es ist schmerzlich ja - aber sehr lehrreich.


    Liebe Grüsse sendet Ines

  • Ob das gesungene oder gesprochene Wort (eigene Lyrik, Lesungen), auch ich bin sehr selbstkritisch und höre mir meine Vorträge stets aufmerksam an! Nur so habe ich die Möglichkeit meine Rezitationen zu korrigieren und durch eine ausgewogenere Betonung die Aussagekraft meiner Werke noch deutlicher hervor zu heben.
    Natürlich habe ich vor Sendebeginn gewisse Bedenken, denn ich kenne meine Schwächen. Dennoch werde ich auch in Zukunft nicht darauf verzichten wollen.


    Mit lieben Grüßen,
    Diotima. :hello: