Simon Rattle- Meine liebsten Aufnahmen

  • Aus meiner Sicht ist Rattle einer der letzten "Universaldirigenten - oder schon wieder einer der ersten ? Natürlich gibt es diskographischen Lücken - aber seine Karriere ist ja noch nicht abgeschlossen.
    Wenn ich MICH nun nach "Lieblingsaufnahmen mit diesem Dirigenten frage, dann fallen mir keine ein - es gibt einfach keine.
    Das soll nun kein vernichtendes Urteil sein, es gibt durchaus gelungene Aufnahmen - aber auch die wurden immer wieder durch eine andere, noch bessere übertrumpft, welche ein anderer Dirigent gestaltete,


    Wenn ich sowas sage, dann heiist das ja nicht unbedingt, daß das generell so sein muß, Rattle ist ja nicht grundlos zum Chef der Berliner Philharmoniker geworden. Auch seine früheren Aufnahmen - und vielleicht besonders jene - wurden immer wieder von der Kritik gelobt.


    Und nun die gewohnte Frage: Welches sind Eure Lieblingsaufnahmen mit Rattle am Pult ???


    mfg
    aus Wien
    Alfred

    Die Tamino Moderation arbeitet 24 Stunden am Tag - und wenn das nicht reicht - dann fügen wir Nachtstunden hinzu.....



  • Zitat


    Original von Alfred
    Wenn ich MICH nun nach "Lieblingsaufnahmen mit diesem Dirigenten frage, dann fallen mir keine ein - es gibt einfach keine. Das soll nun kein vernichtendes Urteil sein, es gibt druchaus gelungen Aufnahmen - aber auch die wurden immer wieder durch eine andere, noch bessere übertrumpft, welche ein anderer Dirigent gestaltete, Wenn ich sowas sage, dann heiist das ja nicht unbedingt, daß das generell so sein muß, Rattle ist ja nicht grundlos zum Chf der Berliner Philharmoniker geworden


    Er ist ein grosser Spitzenkönner seines Fachs, gerade auch auf dem Gebiet der Moderne kennt er sich meines Wissens gut aus. Am Pult dieses Premium-Orchesters steht man ganz sicher nicht einfach so.
    Auch wenn es um die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis etwa für die Barockmusik geht, ist er diesen gegenüber ebenfalls aufgeschlossen ( aber sind das heute nicht nahezu alle, vielleicht ohne Thielemann...?)
    Ein mir bekannter Komponist, der ihn live erlebt hat, sagte mir, dass er durch seine unglaubliche deutliche Körpersprache in jedem Moment wusste, was musikalisch gemeint war, obwohl er ihn ganz vorne sitzend nur von hinten sehen konnte.


    Jetzt komme ich zu den Aufnahmen und zu dem oben angeführten Zitat.
    Vielleicht auch aufgrund des von mir gehörten Repertoires muss ich Alfred jedenfalls aus meiner Perspektive zustimmen.
    Es geht mir da recht ähnlich. Ich habe auch keine unbedingte Lieblingsaufnahme, die ich allen anderen vorziehe.
    Wie gesagt, Bartok, Szymanowski oder Britten höre ich privat so gut wie nie ( sicher eine Bildungslücke).
    Wer sich in diesem Repertoire besser auskennt, wird da möglicherweise auch eine Rattle-Aufnahme als Referenz ansehen. Vorstellen kann ich mir das.


    Wenn es um den Bereich geht, denn ich besser kenne, dann hat m.E. seine im TV mehrfach gesendete Johannes-Passion von Bach viele gute Elemente gehabt.
    Man merkte auch, wie fasziniert er von den Ergebnissen der Kollegen Harnoncourt oder Koopman ist.Trotzdem überzeugte es mich insgesamt nicht vollends.
    Die hoffnungslos überinterpretierten Choräle werde ich z.B. nie vergessen, sein immer begeistertes Dirigat allerdings auch nicht.


    Seinen Mozart finde ich auch ziemlich gut.
    Bei einem im TV übertragenen Mozart-Klavierkonzert mit Uchida als Solistin ist mir aber aufgefallen, dass sie auf ihrer DGG-DVD dasselbe Konzert meinem Eindruck sogar nach noch besser dirigierte, als es Rattle mit den sicherlich auch sehr flexiblen Berlinern vermochte.


    Mir ist ansonsten nur eine als CD erhältliche Mozart-Aufnahme mit Rattle bekannt, nämlich diese hier:



    Das ist schon ziemlich gut, und man sieht auch, das er ein HIP-Orchester gut dirigieren kann. Der entscheidende Pluspunkt dieser CD ist m.E. aber dann doch die Sängerin, was allein schon durch die eingesungenen/eingespielten Werke bedingt ist.


    Gäbe es nicht die Aimard/Harnoncourt-Aufnahme der Klavierkonzerte Beethovens, wäre diese Aufnahme wenigstens im Kreise jener CDs in meinen Augen anzusiedeln, die ich jenseits von Harnoncourt zur Spitzengruppe von insgesamt vier mir bekannten Einspielungen zähle:



    Auch hier ist es naturgemäss nicht nur der Anteil des Dirigenten, sondern auch des Pianisten, der es ausmacht, dass ich diese Aufnahme für gelungen halte. Rattle zeigt hier aber durchaus ein eigenständiges Profil.


    Einiges finde ich von Rattle also sehr gut, hochkarätig ist es so gut wie immer. Das Dumme ist nur, dass es bisher immer wieder Alternativaufnahmen von Dirigentenkollegen gegeben hat, die mich dann doch noch mehr überzeugen konnten.


    Gruss :hello:
    Glockenton

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

  • Wie ich sehe ist die Divergenz zwischen Glockenton und mir nicht allzu groß. Wenngleich ich mich mit folgendem Satz doch eine wenig vom Thema des Threads wegbewege, so will ich es trotzdem tun:


    Zitat

    Auch hier ist es naturgemäss nicht nur der Anteil des Dirigenten, sondern auch des Pianisten, der es ausmacht, dass ich diese Aufnahme für gelungen halte. Rattle zeigt hier aber durchaus ein eigenständiges Profil.


    Durchaus - und ich würde ihm zugestehen, daß dieser Anteil des Dirigenten ein sehr großer ist, haben wir doch Vergleichsaufnahmen von Brendel, wo er die Klavierkonzerte unter anderen Dirigenten eingespielt hat, nämlich unter Haitiink und unter Levine....


    mfg aus Wien
    Alfred

    Die Tamino Moderation arbeitet 24 Stunden am Tag - und wenn das nicht reicht - dann fügen wir Nachtstunden hinzu.....



  • Ich habe nur eine einzige CD mit Simon Rattle. Die jedoch habe ich sehr bewusst nach seinem Eröffnungskonzert gekauft, weil er mit einer großartigen Aufführung der 5. Symphonie von Mahler seinen Einstand geboten hat. Es ist seitdem meine Lieblingsaufnahme dieser Symphonie:




    Gustav Mahler: Symphonie Nr. 5
    Berliner Philharmoniker, Simon Rattle



    Es handelt sich um das Konzert, mit dem sich Rattle als neuer Chefdirigent der Berliner eingeführt hat. Es ist von der Tendenz her eher ein "schöner" Mahler. Die Feststimmung dieses Tages kann man - so bilde ich mir ein - aus dieser Einspielung heraushören. Es ist eine lebendige und ausdrucksstarke Einspielung, sie ist transparent und gut durchhörbar, Einzelheiten werden gut wahrnehmbar und: das Adagietto ist jenseits von Kitsch und Langeweile so aufgeführt, dass man auch diesen Ohrwurm konzentriert und aufmerksam hören muss. Besonders gut gefällt mir der letzte Satz.


    Freundliche Grüße, Andrew

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

  • Bei Simon Rattle gilt für mich: Je früher, desto besser.


    Seinen neue(re)n Aufnahmen kann ich wenig abgewinnen. Bei ihnen (z.B. den Beethoven-Sinfonien oder dem "Deutschen Requiem" von Brahms) entdecke ich wenig individuelles, wenig, bei dem ich dauerhaft "hängen bleibe" und interesseirt weiter höre.


    Deswegen eine Empfehlung aus 1987:



    Im Berliner Philharmoniker - Ein Orchester im Takt der Zeit -Thread schrieb ich


    Zitat

    -Sir Simon Rattles erstes Konzert mit dem Orchester vom 14./15.11.1987. Gespielt wurde Mahlers 6.


    Man begreift nach dieser Aufnahme, weswegen die Berliner Philharmoniker Rattle zum Chefdirigenten wählten. Der zum Zeitpunkt der Aufnahme 32-jährige überraschte mit einer sehr detailreichen und individuellen Leseart der Sinfonie. Er dirigierte mal rhythmisch präzise, mal die Schönheiten der Musik auskostend, aber nie vulgär, oberflächlich oder resignativ. Sein Mahler verströmt Hoffnung und bietet im vierten Satz keine "Hinrichtung" (wie etwa bei Solti).


    Ebenfalls positiv in Erinnerung habe ich



    Allerdings habe ich diese Einspielung lange nicht mehr gehört. Also hole ich das nach und melde mich dann wieder... ;)

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Als Neuling sollte ich nicht zuviel rumnölen (Raunzen), meine ich. Das kommt schon noch ;) ....


    Also, obwohl Sir Simon fast in Sichtweite wirkt, gilt zwar für mich (nachdem ich ihm sicherlich 4-5 Chancen gab, mich zu erobern): Noch nicht einmal ignorieren!


    Aber aus eingangs genannten Erwägungen, und nach dem Grundsatz: Das Positive zuerst, habe ich eine Aufnahme gefunden, die hier erwähnenswert ist:






    Viele Grüße aus der Stadt der Berliner Philharmoniker.

  • Leos Janácek:
    Glagolithische Messe
    Sinfonietta


    Label: EMI

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Zitat

    Leos Janácek:
    Glagolithische Messe
    Sinfonietta


    Stimmt, eine sehr schöne Aufnahme - leider verwendet Rattle hier eine relativ problematische Edition, sodass ich hier für mich leider nicht von einer Referenzaufnahme der Glagolitischen Messe sprechen kann. :motz:


    Zitat

    Bei Simon Rattle gilt für mich: Je früher, desto besser.


    Dem kann ich (leider) nur zustimmen.


    Aber Moment - da fällt mir doch noch eine neuere Aufnahme ein, die mich ziemlich begeistert hat:


    Benjamin Britten
    Les Illuminations Op.18
    Serenade Op.31
    Nocturne Op. 60


    Ian Bostridge
    Radek Baborák
    Berliner Philharmoniker
    Sir Simon Rattle

    "Phantasie ist unser guter Genius oder unser Dämon."
    - Immanuel Kant (1724-1804)

  • Hier wurde ja wirklich seit Ewigkeiten nichts mehr geschrieben. Zeit, das zu ändern.


    Die beste Rattle-Aufnahme, die ich von ihm und den Berliner Philharmonikern kenne, ist folgende:



    Obwohl Sir Simon nicht gerade im Rufe steht, ein Bruckner-Dirigent zu sein, kann man diese Einspielung getrost als Referenz für die vollständige Fassung bezeichnen.

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Zum derzeitigen Rattle-Hipe im Tamino-Forum will ich auch einen kleinen Beitrag leisten. Besonders gefallen hat mir diese Einspielung:

    Maurice Ravel (1875-1937):
    Die lyrische Phantasie "L'enfant et les sortilèges" und das Ballett "Ma mère l'oye"


    Diese Aufnahme wurde noch nicht erwähnt. Sie zählt in meiner Einschätzung zum Feinsten, was es von Rattle und den Berliner Philharmonikern als Aufnahmen gibt. Zu hören sind neben der Ehefrau Magdalena Kozena auch Nathalie Stutzmann, Sophie Koch, Jose van Dam und François Le Roux. Der Rundfunkchor Berlin trägt zum gelungenen Gesamtbild bei.
    .

    Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen:
    so unbildlich und real fällt sie in uns ein. Wir weinen, ohne zu wissen warum; Theodor W. Adorno - 1928




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  • Es gibt zwei Rattle-Aufnahmen, die für mich wirklich alleinstehende Referenzen darstellen.


    Zunächst Haydn, Symphonien Nr. 88-92



    Hier wird klassische Ausgewogenheit mit Spielfreude, Klangschönheit und historische informierter "sprechender" Spielweise verbunden, wobei Rattle nicht den (historisch anfechtbaren) Fehler begeht, den Vibratoverbieter zu geben.


    Noch wichtiger und wertvoller ist mir die Emi-Gesamteinspielung der 4 Symphonien von Johannes Brahms:



    Ich habe diese Aufnahme schon oft im Tamino-Forum gepriesen und werde nicht müde, es weiterhin so zu halten, denn sie ist wirklich in jeder Hinsicht ausserordentlich gut gelungen.


    Der Grund für mein Posting ist eigentlich, dass ich die DG-Neuaufnahme Thielemanns (den ich ja sehr schätze, vor allem bei Beethoven) gerade eben einmal mit einigen anderen Aufnahmen (u.a. auch Rattle) verglich, und zwar leider nur in den Ausschnitten, da ich die CDs bzw. Blue-rays der Thielemann-Produktion ja nicht besitze.
    Bei allen angespielten Sätzen, die ich ja sehr gut kenne, kam ich zum eindeutigen Ergebnis, dass mir Rattles Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern einfach am besten gefällt.
    Der Klang des Orchesters ist hier besonders warm, voll und gross, dennoch gehen keineswegs Details in einem allgemeinen, dicken Brei unter - ganz im Gegenteil. So mancher würde wahrscheinlich bei einem Blindvergleich tippen, dass hier Thielemann (der ja als Spezialist für das das romantische Repertoire aus Deutschland in der Öffentlichkeit dargestellt wird) am Pult steht. Das ist hier jedoch nicht der Fall.
    Die gewählten Tempi überzeugen mich, die kammermusikalische und detailreiche Spielfreude der Solisten ist beeindruckend, dabei immer mustergültig eingebaut in den grossorchestralen Zusammenhang. Rattle trifft hier m.E. den Brahmschen Ton sehr genau, seine Phrasierungen wirken atmend und einleuchtend. Auch das klare Herausarbeiten von klanglichen Registrierungen und Gegenüberstellungen ( wie bei einer Orgel) höre ich derart plastisch und bewegend nur hier. Agogische Mittel wirken vollkommen logisch und integriert, niemals aufgesetzt. Spielfreude, Temperament kommen zusammen mit Entspanntheit, mit gebrochenen Herbstfarben, mit Weichheit, Altersweisheit und Milde. Es sind im besten Sinne des Wortes liebevolle Interpretationen.


    Wer sich für diese Brahmsmusik im dunklen deutschen Orchesterklang wirklich interessiert, dem kann ich einfach nur diese o.g. CDs also nur sehr dringend ans Herz legen. Genau jenes Herz kann einem nämlich beim Anhören dieser Brahms-Interpretationen aufgehen.
    Man kann auch die Tracks einmal im Netz mit anderen Aufnahmen vorab vergleichen. Wer das mit offenem Sinn und offenen Ohren tut, für den wird sich das lohnen, meine ich.
    Für Leute mit guten Anlagen sei gesagt, dass Rattles Aufnahme aufnahmetechnisch alle anderen sich in meinem Besitz befindenden Aufnahmen der Brahms-Symphonien übertrifft. Es ist auch vom audiophilen Standpunkt eine Freude, hier zu lauschen.


    Es macht wirklich nicht allzu viel Sinn, darüber noch weiter zu reden. Besser ist es, zu hören.


    Gruss
    Glockenton

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)