Leo Ornstein (1892 - 2002)

  • Nein, es ist kein Tippfehler 8o


    Der am 2.Dezember 1892 in Kremenchug (Russland) geborene Pianist und Komponist Leo Ornstein hat tatsächlich bis 2002 gelebt. Er wurde 109 Jahre alt!


    1907 ist die Familie in die USA emigriert, wo Ornstein von da an gelebt und gewirkt hat.






    Ornstein ist keiner der gängigen "Schulen" zuzurechnen, er war ein großer Verehrer J.S.Bachs, er ließ sich beim Komponieren nicht von irgendwelchen Theorien leiten, sondern hatte eine völlig intuitive Schreibweise, ähnlich wie Ives, Antheil, Satie.


    Ornsteins Sohn Severo hat umfangreiches Material über seinen Vater zusammengetragen und auf der Seite


    http://www.otherminds.org/ornstein/index.htm


    der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Es gibt dort auch viele Kompositionen von Ornstein zum freien Download als PDF-Datei.


    Die Website wurde übrigens von Ornsteins Enkel designt.


    So, jetzt die Frage:


    kennt wer Plattenaufnahmen mit Werken von Leo Ornstein, bzw. wer kennt den Komponisten überhaupt?


    Ich hatte bis heute auch noch nie was über diesen Komponisten gehört.


    Gruß
    Heinz

  • Hallo Heinz,


    habe mir gerade mal ein paar Partituren angesehen,
    so recht spielbar sieht mir das aber nicht aus, oder?


    Erstaunlich aber, dass fast sein komplettes Werk kostenfrei anzusehen ist. Und das trotz widriger Umstände mit der GEMA und dem Urheberrecht.



    Gruß, Peter.

  • Zitat

    Peter schrieb


    habe mir gerade mal ein paar Partituren angesehen, so recht spielbar sieht mir das aber nicht aus, oder?


    Die Noten sehen teilweise etwas furchteinflößend aus, ich hab aber mal ein bißchen dran herumgeklimpert, und es spielt sich überraschend gut =)

  • Salut,


    an den Musical Moments [after Schubert] sieht man, wie wenig Schubert eigentlich gefehlt hat, um "modern" zu sein... Nur ein paar klitzekleine Gewürzlein, und schon haben wir ein völlig anderes, aber sehr interessantes Werk!


    Liebe Grüße
    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Hallo Ulli,


    das Moment Musical ist tatsächlich sehr nah am Original, ein spieltechnisch etwas aufgepepptes Arrangement würde ich sagen. "Modern" im engeren Sinn des Wortes ist da schon eher der "Suicide in an Airplane" :stumm:


    Lieber Gruß
    Heinz

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  • Salut,


    schon, aber der f-moll-Schubert könnte durchaus ein 1920er-Jahre-Werk von Joplin sein... [in der Ornstein-Fassung versteht sich]. Das meinte ich eigentlich mit "modern"... [wobei das Wort natürlich unzutreffend gewählt wurde]. Ich fand's halt einfach umwerfend interessant, wie nah "man" manchmal am Heute ist, ohne es zu wissen [oder anders herum?]. :D


    Liebe Grüße
    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Zitat

    Zitat Ulli


    Das meinte ich eigentlich mit "modern"... [wobei das Wort natürlich unzutreffend gewählt wurde]


    Hmm, ja, was ist schon "modern"...


    Früher, ja, da wußte man noch, was mit "modern" gemeint war:
    laut, schrill, schräg


    Aber heute, im Zeitalter der Postmoderne, da weiß das niemand mehr so genau...


    Hab dich schon so verstanden, wie du's gemeint hast :yes:


    Lieber Gruß
    Heinz

  • Zitat

    kennt wer Plattenaufnahmen mit Werken von Leo Ornstein, bzw. wer kennt den Komponisten überhaupt?


    ich!


    (das war die antwort auf die zweite frage.) schleiermacher hat unter dem titel "the bad boys" werke von antheil, cowell und ornstein eingespielt (die in meinem regal steht), die cd scheint es zwar nicht mehr zu geben, dafür gibt es inzwischen ornstein-portrait-cds (sogar mit hamelin!)


    am besten finde ich die notre-dame-impressionen mit den glockenklang-imitationen auf dem klavier. mit cowell und antheil kann ornstein aber kompositorisch nicht mithalten.
    :hello:

  • Von Ornstein gibt es einiges auf CD:


    - auf Opus One das Nocturne für Klarinette und Klavier (mit anderen Komponisten)


    - auf New World sein Klavierquintett und das 3. Streichquartett


    - auf Hyperion eine ganze CD mit Klaviermusik von ihm (mit Hamelin!), darunter seine 8.Klaviersonate


    - auf Naxos American Classics die Klaviersonaten Nr. 4 und 7


    Einige kleinere Stücke sind auf anderen Compilations zu haben. Ich habe bisher nur A La Chinoise op. 39 für Klavier von ihm (Klavier:Jenny Lin). Hat mich nicht besonders beeindruckt, habe es allerdings auch noch nicht intensiv gehört...

  • ich habe mal in die hyperion-cd hineingehört. z.t. ganz interessant, z.t. abstrus und verworren .. insgesamt hat sie mich doch ziemlich kalt gelassen und wurde nicht gekauft ... da sind die neuen cds mit den unbekannten russen bei hyperion doch um einiges besser ...

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

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  • Ich besitze ein einziges Werk L. Ornsteins, nämlich auf folgender Compilation des Labels New World Records:


    1. Aaron Copland: Duo for Violin and Piano
    2. Philip Glass: Violin Solo Music from Einstein On The Beach
    3. Leo Ornstein: Sonata for Violin and Piano op. 31
    4. Richard Wernick: Cadenzas and Variations II (for Violin alone)


    In der Tat ein sehr gewöhnungsbedürftiges Werk, was mich auch nach mehrmaligem Hören in keinster Weise irgendwie begeistern konnte.


    Dafür gefiel mir sogar der Copland.


    LG
    Wulf.

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    am besten finde ich die notre-dame-impressionen mit den glockenklang-imitationen auf dem klavier. mit cowell und antheil kann ornstein aber kompositorisch nicht mithalten.


    Dabei bleibt es wohl.
    Formell ist vor allem die 2. "Impression" ziemlich problematisch - die Einfälle, die da aufeinander folgen, bilden eine lose Folge von Bildern, wobei man sich immer wieder wünscht, er hätte eine der Ideen weiter ausgesponnen oder etwas drangehängt, was besser dazupasst.


    Aber was er da macht, ist zum Teil großartig - vor allem, wenn man das Entstehungsdatum 1915 bedenkt und die Cowell-Stücke der Jahre davor im Hinterkopf hat, auf denen Ornstein aufbaut. Bei Ornstein beginnt eine Dimension dazuzukommen, die Klänge atmen sozusagen auf einer weiteren Ebene, es geht nicht mehr nur um kompositorische Einfälle und deren Verarbeitung sondern um Räume, Welten ... oder Glocken eben (um es profaner auszudrücken).


    Nur eben schade, dass er, wenn etwas so richtig zu "wachsen" beginnt, mit einer weniger originellen Cluster-Attacke dazwischendonnert und den Hörer etwas unsanft auf formelle Probleme zurückwirft.


    Sonst wäre ihm ein Platz neben den Größen Henry Cowell und George Antheil offen gewesen ...


  • Leo Ornsteins Auftritt in der Musikgeschichte war trotz seines biblischen Alters kurz und (zumindest bisher) nicht sehr nachhaltig. Ornstein studierte in Sankt Petersburg Klavier und Komposition u.a. bei Alexander Glasunow. 1906 musste die Familie vor antisemitischen Pogromen flüchten und landete in New York. Ab 1911 begann Ornstein eine Karriere als Pianist. Darüberhinaus begann er avantgardistische Klaviermusik zu komponieren, die ihn schnell zum Enfant terrible der damaligen Musikszene werden ließ. Zu der Zeit wurde zumindest in USA sein Name in einem Atemzug mit Stravinsky, Schönberg und Scriabin genannt. Ein Kritiker hielt ihn für den Größten in dieser Runde und sagte eine Weltkarriere voraus. Offensichtlich hat er sich geirrt. Nach seiner extrem dissonanten, atonalen Violinsonate - die ihn angeblich selbst erschreckte, als er sie das erste Mal hörte - wurde seine Musik gemäßigter, auch zog er sich von der Pianistenbühne zurück und wurde langsam vergessen.


    Die auf der brandneuen Hyperion-CD versammelten Werke entstanden Mitte bis Ende der 20er Jahre, zu einem Zeitpunkt als die wilde Phase schon vorbei war. Das dreisätzige, halbstündige 2. Streichquartett liegt für mich stilistisch irgendwo zwischen Bartok, Ravel und dem Schönberg der "Verklärten Nacht". Es ist weniger schroff als Bartok, selbst in den motorischen Teilen und eigentlich überwiegt lyrischer Ex- und Impressionismus. Ein Werk, das mir auf Anhieb gefällt, zumal es vom Pacifica Quartett sehr verführerisch dargeboten wird. Ich könnte mir vorstellen, dass sich weitere Quartette auch für dies Quartett interessieren könnten. Das Hauptwerk der CD - das Klavierquintett - muß ich noch hören. Ich werde berichten.

  • Nach seiner extrem dissonanten, atonalen Violinsonate - die ihn angeblich selbst erschreckte, als er sie das erste Mal hörte - [...]

    Das klingt sehr interessant ... allerdings scheint der Violinpart gar nicht so krass zu sein und passt nicht so recht zu dem clusterigen Klavierpart, soweit mir das die Internet-Hörschnipsel verraten. Jedenfalls wenn das op. 31 von 1915 gemeint ist.
    :hello:

  • Das klingt sehr interessant ... allerdings scheint der Violinpart gar nicht so krass zu sein und passt nicht so recht zu dem clusterigen Klavierpart, soweit mir das die Internet-Hörschnipsel verraten. Jedenfalls wenn das op. 31 von 1915 gemeint ist.


    Ja, die 2. Violinsonate von 1915 war gemeint. Ich kenne die aber nicht. Die einzige Aufnahme, die ich ausfindig machen konnte, ist diese hier:

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