Die Tote Stadt in Gelsenkirchen

  • Über die Oper will ich hier selbst nichts schreiben - außer, dass sie mir trotz vielfacher Kritik immer noch gefällt. Die Inszenierung in Gelsenkirchen ist gewöhnungsbedürftig, aber konsequent und schlüssig. Ich hätte es lieber etwas eleganter gehabt - fin de siècle war Weltschmerz auf hohem Niveau - und nicht so schmuddelig. Chor, Kinderchor, Orchester, Dirigent, Nebenrollen -untadelig. Den Paul sang Burkhard Fritz, der früher hier Tenor war - er machte seine Sache sehr gut, schon physisch ist Paul ja ein Wahnsinn. Majken Bjerno, dänische Sopranistin, hatte ihre starken Seiten im piano (besonders als Marie), in der Höhe etwas schrill. Leider ließ ich mich verleiten, zu einer weiteren Aufführung einen Freund einzuladen, der dann das Desaster miterlebte: bis auf das Dirigat die gleiche Besetzung, als Paul aber Norbert Schmittmann. Von diesem Tenor hatte ich noch nie gehört - und das wird auch so bleiben. Oft war er nicht zu hören, sogar den Piano - Schluss hat er gescjmissen - auch ein piano sollte aus der Kraft und nicht aus der Entkräftung kommen. Der Mann tat mir leid, buhen wollte ich nicht, ich bin dann so gegangen. Am letzten Samstag sang dann wieder Burkhard Fritz und hat diese Pleite wieder wettgemacht.
    Worauf ich hinauswill, ist dies: Schmittmann war nicht indisponiert, sondern inkompetent, mit dieser Rolle überfordert. Da muss man dann den Verantwortlichen (ich denke, Dirigent und Intendant) einen Vorwurf machen, ihn überhaupt "aufgestellt" zu haben. Die "Tote Stadt" wird noch vier Mal gespielt. Gelsenkirchen ist meine Lieblingsbühne, ich bin da auch im Förderverein, aber eine Tote Stadt mit Norbert Schmittmann ist eine untote Aufführung, vor der ich nur warnen kann.

    Der Fanatismus ist die einzige "Willensstärke", zu der auch die Schwachen und Unsicheren gebracht werden können (Nietzsche)

  • 20.3.2009 TOTE STADT in Gelsenkirchen


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    Liebe Taminoeaner/innen,
    Meine etwas ungewöhnliche Anrede > Taminoeaner/innen <
    ist eine Anspielung auf > Trojaner/innen <
    eine von zwei relativ neuen Lieblingsopern, die sich in den letzten zehn Jahren in meiner persönlichen Hitliste einen festen Platz unter den TOP TEN erobert haben.
    Die TROJANER vor ca 2 Jahren in Gelsenkirchen waren eine Katastrophe, bezogen auf die musikalische und die inszenatorische Seite. Der damalige Dirigent Samuel Bächli hatte vielleicht zu den TROJANERN keinen Zugang...........


    vor wenigen Stunden ging das Dirigat von Heiko Mathias Förster zu Ende. Im Moment kann ich nicht mal sagen, ob er Bächlis Nachfolger oder 1.Kapellmeister im "Musiktheater im Revier" ist.
    Insgesamt war es eine sehr gute Vorstellung, mit einer mehr als befriedigenden Leistung von Dirigent und Orchester,
    einer nicht ganz konsequenten aber in vielen Punkten durchaus gelungene Inszenierung von Thilo Reinhardt, bei der etwas WENIGER Aktionismus auf der Bühne MEHR gewesen wäre, im Sinne von weniger Ablenkung.......


    denn es sang der beste "Paul" den ich jemals gehört habe:
    BURKHARDT F R I T Z.
    Vor wenigen Wochen habe ich in Frankfurt meinen Lieblingstenor K-F Vogt in derselben Rolle gehört, war auch toll gesungen, es gibt keinen anderen so extrem lyrischen Tenor mit einer solchen großen, schönen Stimme....


    aber die sauber und mühelos intonierte Attacke von Burkhard Fritz heute abend war einmalig. In Bonn Lutric (200 , in Karlsruhe (2000) + Zürich (2005) Schmittberg (seine letzten Aufführungen in anderen Städten kamen da nicht mehr mit) Torsten Kerl in Amsterdam (2004) Stephen Gould, DOB unter Thielemann (2003) Robert Dean Smith letztes Jahr in Paris.......alle waren sie hervorragend................
    doch was dieser FRITZ an Differenzierung von lyrischen Anteilen und auch bei diesem wahnsinnigen "Dauerforte" zustande gekriegt hat, dem gilt die Krone.


    Die Marie/Marietta der mir unbekannten Majken Bjerno war okay. Ihre Stärke war in den Duetten mehr zu hören als in ihren Solopassagen.
    Björn Waag, als Frank und Fritz war für mich eine große Überraschung, denn er sang einfühlsam und meistens auch klangschön, während ich ihn aus einem Basler TRISTAN (vor einigen Jahren) als Kurvenal doch einseitig als dauerforte röhrenden Hirsch in Erinnerung habe.
    Als Freund des modernen Musiktheaters fuhr ich heute mit dem etwas anderen Gefühl nach Hause, daß trotz einer insgesam guten Neuinszenierung,


    das Salz in der Suppe, der "Paul" von Burkhard FRITZ, mich nicht nur beglückt hatte, sondern ich sogar eine "Olle-Kamellen-Inszenierung heute ausgehalten hätte.


    Gruß............."Titan"

  • Zitat

    Original von dr.pingel
    Leider ließ ich mich verleiten, zu einer weiteren Aufführung einen Freund einzuladen, der dann das Desaster miterlebte: bis auf das Dirigat die gleiche Besetzung, als Paul aber Norbert Schmittmann. Von diesem Tenor hatte ich noch nie gehört - und das wird auch so bleiben. Oft war er nicht zu hören, sogar den Piano - Schluss hat er gescjmissen - auch ein piano sollte aus der Kraft und nicht aus der Entkräftung kommen. Der Mann tat mir leid, buhen wollte ich nicht, ich bin dann so gegangen. Am letzten Samstag sang dann wieder Burkhard Fritz und hat diese Pleite wieder wettgemacht.
    Worauf ich hinauswill, ist dies: Schmittmann war nicht indisponiert, sondern inkompetent, mit dieser Rolle überfordert. Da muss man dann den Verantwortlichen (ich denke, Dirigent und Intendant) einen Vorwurf machen, ihn überhaupt "aufgestellt" zu haben. Die "Tote Stadt" wird noch vier Mal gespielt. Gelsenkirchen ist meine Lieblingsbühne, ich bin da auch im Förderverein, aber eine Tote Stadt mit Norbert Schmittmann ist eine untote Aufführung, vor der ich nur warnen kann.


    Also so geht es NICHT, Herr Pringel
    Wenn man Sänger nicht kennt, dann ist es halt so...auch wenn es sich bei Norbert Schmittberg um einer der führenden Deutschen Tenöre der letzen 10 Jahre handelt. Frau Merkel nennt man auch nicht Frau Ferkel, selbst wenn man mit ihrer Politik nicht einverstanden ist. Ich war ja am vergangenen Samstag (20.3.2010) in Gelsenkirchen und habe mir bewußt die letzte Vorstellung telefonisch erfragt in der FRITZ singt, da ich auch noch nicht LIVE in dieser Rolle gehört habe. Bereits letztes Jahr in Nürnberg war Schmittberg in einigen Vorstellungen in der Höhe nicht mehr konstant......da ich ihn in seit seinem 1. Paul vor 10 oder 11 Jahren in Karlsruhe fast ein Dutzend Mal in verschiedenen Städten gehört habe.......wollte ich FRITZ hören. Nur wenige Monate vor Nürnberg hat er über Ostern im Weimarer RING einen fantastischen Götterdämmerung-Siegfried gesungen. Seinen Zürcher "Paul" gibt es auf DVD, zusammen mit Emilee Magee und da ist er in der Tat "erstklassig". In meinem Artikel schreibe ich ja über ZWEI "neue" Lieblingsopern...die andere (neben der "TOTEN STADT" ist Berlioz "Les Troyens"...........Von den vielen Sängern des Aeneas, die ich seit Frankfurt 1980 gehört habe (William Cochran) war der BESTE in Dortmund vor ca 12 Jahren NORBERT SCHMITTBERG !!!
    In Bezug auf seine "Höhenprobleme" in den letzten ca 3 Jahren, will ich nichts beschönigen. Er sollte den "Paul" vielleicht nicht mehr singen.


    Gruß........................."Titan"

  • @ Dr. Pingel


    So schlecht kann Herr Schmittberg (nicht Schmittmann) eigentlich gar nicht gewesen sein, dass man davon laufen muss, auch wenn seine beste Zeit vorbei ist.


    Pfitzners 'Der arme Heinrich' gibt es auf CD - Delta Musik spielte sie 2002 in Dortmund ein - so dass man sich von Herrn Schmittberg eine Vorstellung machen kann, wenn man zeitlich bedingt, an der Stimmqualität ein paar Abstriche macht und der Protagonist in die Kopfstimme geht, wo er schmettern sollte.


    Eine CD mit Norbert Schmittberg


    Es ist natürlich korrekt, dass das Duett 'Glück, das mir verblieb' nur von hochkarätigen Solisten gesungen werden sollte, die sich an stimmlicher Potenz die Waage halten und in der Höhe eine unwahrscheinliche Leuchtkraft besitzen. Die 'Tote Stadt' gehört zum Schönsten, was jemals komponiert wurde. Ich besitze alle drei Einspielungen (Leinsdorf, Latham-König und Segerstam) und würde 'Die tote Stadt' als meine Lieblingsoper bezeichnen.



    Wenn Leontine Price - ziemlich am Ende ihrer Laufbahn - in ihrem Sängerporträt mit rauher, rauchicher Stimme (Hilde Knef lässt grüßen) die Bögen spannt, schwimme ich jedesmal weg.


    Nun ist es so, wenn ein kleineres Theater sich an ein solch großes Werk hernamacht und nicht alle sängerischen Erwartungen erfüllen kann, sollte man bei der Beurteilung nicht pingelich sein und den Mut und guten Willen loben, es versucht zu haben, das Publikum mit diesem Werk zu beglücken.



    Jonas Kaufmann kann sich nicht vierteilen und Hans Dampf in allen Gassen sei! Ihn würde ich in dieser Partie gern hören, doch auch er muss sich zumindest an zwei seiner dokumentarisch belegten Vorbilder messen. lassen. Kann ja sein, dass er den Sieg davon tragen wird.


    Mit freundlichen Grüßen
    :angel:
    Engelbert

  • Zum Thema möchte ich noch drei Anmerkungen machen. Zum einen: im Eifer des Gefechts habe ich den Namen Norbert Schmittbergs mit "Schmittmann" falsch wiedergegeben. Das ist ein richtiger Fauxpas, für den ich mich ausdrücklich entschuldige. TITAN hat mich hart dafür getadelt (Merkel-Ferkel), dummerweise hat er meinen Namen, das Pseudonym "dr.pingel", in "Herr Pringel" verschrieben. Da lacht das Glashaus, und man kann sehen, wie schnell das geht. Zum zweiten aber bin ich froh, das Tamino-Forum zu haben, denn TITAN mit seinem Erfahrungsschatz mit den Aufführungen der "Toten Stadt" und ENGELBERT mit seiner Übersicht über die Aufnahmen haben meinen Horizont beträchtlich erweitert; ihre Beiträge habe ich ausgedruckt und zu meinen Tote-Stadt-Unterlagen gelegt. Vielen Dank dafür! In diesem Zusammenhang wüsste ich noch gerne, wie sich Torsten Kerl auf der DVD als Paul schlägt. Ich kenne ihn aus seiner Gelsenkirchener Zeit als hervorragenden lyrischen Tenor und wüsste gerne, ob er den Paul gemeistert hat.
    Zum dritten: in der Sache, dass nämlich der Tenor Norbert Schmittberg an jenem Abend als Eisberg die Titanic "Tote Stadt" versenkt hat, möchte ich hart bleiben. Da nützt es mir nicht, nicht zu wissen, dass er "der führende Tenor der letzten 10 Jahre war" - offensichtlich mehr in Süddeutschland als hier. Unser Lieblingssänger Adi Preißler von der Oper Dortmund (nein, er war Fußballer) hat dazu das Entscheidende gesagt, und es gilt für den Fußball wie für die Oper:" Wichtig is aufm Platz!". Und in einem Fußballspiel wäre Schmittberg ausgewechselt worden. Neben meinem Freund und mir waren auch ein befreundetes Ehepaar (mit insgesamt 200 Jahren Opernerfahrung) sehr enttäuscht, und ich hatte noch das Handicap, Burkhard Fritz vorher gehört zu haben. ENGELBERT gibt den tröstlichen Rat, dass eine kleine Bühne manchmal Abstriche machen muss. Das gilt für Gelsenkirchen sonst aber gerade nicht, hier wird schon auf Qualität geachtet. Daher möchte ich mich TITAN anschließen, der meint, dass Schmittberg den Paul nicht mehr singen sollte. Im übrigen geht von allem natürlich die Welt nicht unter, ich konnte zusammen mit TITAN noch einmal Burkhard Fritz lauschen und werde auch in Zukunft in Gelsenkirchen unter dem Sternenhimmel in einem der Schwalbennester sitzen.

    Der Fanatismus ist die einzige "Willensstärke", zu der auch die Schwachen und Unsicheren gebracht werden können (Nietzsche)

  • Also dass Norbert Schmittberg einer der führenden Tenöre in Deutschland war, möchte ich auch anzweifeln. Sicher ist der Mann sehr umtriebig, hatte zu Beginn seiner Heldentenor-Karriere recht gute, zuweilen sogar überschwängliche Kritiken bekommen.
    Doch mittlerweile ist sein Ruhm doch arg gebröckelt und immer öfter liest von ziemlich versäbelten Vorstellungen.
    Die Höhen-Probele, die Ttitan benennt, sind doch ziemlich groß.

  • Danke! Harald Kral, bist wirklich ein Premium-User!
    Normalerweise bekommt man so einen Artikel nicht in die Hand, wenn man weit weg ist.

  • der Tenor Norbert Schmittberg ist der lebende Beweis dafür, was aus guten Stimmen werden kann, wenn der "Stimmbesitzer" permanent über seine fachlichen Möglichkeiten hinaus singt. Ich kenne N.S. auch seit vielen Jahren, er hat in "meinem" Chor als Solist gesungen und ich habe ihn mehrfach in verschiedenenn Opernhäusern gehört. Grade als "Paul" in der Toten Stadt war er einmal wirklich sehr gut, aber sein Tristan in Münster oder sein Florestan in Bielefeld vor einigen Jahren waren schon katastrophal.
    Er ist ja noch gar nicht so alt , also altersbedingt kann sein Abstieg eigentlich noch nicht sein.


    übrigens : einen Tenor mit dem Namen Schmidtmann gab es auch socn mal (Paul S.) , allerdings ist der schon lange tot !

  • Zitat

    Original von Gunter Hämel
    der Tenor Norbert Schmittberg ist der lebende Beweis dafür, was aus guten Stimmen werden kann, wenn der "Stimmbesitzer" permanent über seine fachlichen Möglichkeiten hinaus singt. Ich kenne N.S. auch seit vielen Jahren, er hat in "meinem" Chor als Solist gesungen und ich habe ihn mehrfach in verschiedenenn Opernhäusern gehört. Grade als "Paul" in der Toten Stadt war er einmal wirklich sehr gut, aber sein Tristan in Münster oder sein Florestan in Bielefeld vor einigen Jahren waren schon katastrophal.
    Er ist ja noch gar nicht so alt , also altersbedingt kann sein Abstieg eigentlich noch nicht sein.


    übrigens : einen Tenor mit dem Namen Schmidtmann gab es auch socn mal (Paul S.) , allerdings ist der schon lange tot !


    Hallo Günter und Taminoeaner/innen


    Ich habe die Stimme , das Timbre von Schmittberg geliebt....seitdem ich vor ca 12 Jahren seinen Aeneas in Dortmund gehört habe, da war die Dido eine damals ebenfalls wunderbare Sängerin, namens Jayne Casselman...die ihre Stimme mit Isolden und Brünnhilden noch mehr ruiniert hat als Schmittberg.
    Ich habe Norbert Schmittberg vor 1 Jahr im Weimarer RING als Siegfried in der Götterdämmerung gehört.....er war großartig, allerdings liegt die Partie bis auf zwei Stellen auch nicht so hoch. Der "Paul" (Tote Stadt) ist mörderischer als der "Tristan".


    Gruß............"Titan"

  • ICh kenne SChmittberg auch aus Dortmund und hab ihn eigentlich als einen ganzu guten Tannhäuser oder Andrea Chenier in Erinnerung. Aber meistens werden die Sänger von ihren Agent schlecht beraten, die nur auf Geld aus sind. Das beste lBeispiele dafür ist Alexandra von der Weeth aus Düsseldorf die eine wirklich große Karriere vor sich hatte und ein Publikumsliebling war, dann aber in einer Spielzeit die Norma und Lucia gesungen hat und sich dadurch ihre Stimme ruiniert hat.