Traumhafter Don Carlo in München 15.01.2012

  • Ja, wo soll ich beginnen?
    Am Sonntag war es wieder so weit. Nach zwei Jahren besuchte ich wieder eine der seltenen Aufführungen von Verdis Don Carlo an der Münchner Oper. Da Don Carlo schon immer zu meinen absoluten Lieblingsopern gehörte, freute ich mich auch riesig auf die Vorstellung:-)!
    Die Inszenierung dieses Don Carlo ist ebenfalls erträglich, sodass einem ungestörten Verdi-Genuss nichts im Wege stand: Im Mittelpunkt der Aufführung stand diesmal vor allem Anja Harteros, die ich schon vor zwei Jahren in dieser Oper gehört hatte. Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Frau Harteros gab eine mustergültige Elisabetta voller Noblesse, die alle Anforderungen an diese Rolle ohne geringste Einschränkung erfüllte und durch ihr ehrliches und engagiertes Spiel zu berühren vermochte. Ihre letzte Arie sang sie mir engelsgleicher Stimme und traumhaften Piani. Ebenfalls vermochte Jonas Kaufmann in der Titelrolle zu faszinieren zu faszinieren: Jede Minute seiner Darbietung war ein einziger Genuss! Einfach perfekt!!!! keine Wünsche liess auch der grossartige Rene Pape offen. Das war ein König, wie man es sich nur Wünschen kann. Bravo!!!! Anna Smirnova stiegerte sich nach verhaltenem Beginn und beschenkte das Publikum mit einem gewaltigen Don Fatale, das mir noch lange in Erinnerung bleiben wird! Etwas blass, aber immer noch gut besetzt war der schönstimmige Einspringer-Posa von Boaz Daniel, wöhrend der Inquisitor von Eric Halvarson seine stimlich besten Zeiten schon hintersich hat, aber darstellerisch ein furchteinflössender buckliger Inquisitor war. Asher Fish leitete etwas routieniert durch den Abend, was aber bei dieser sensationellen Besetzung nicht weiter schlimm war....
    Jürgen Rose, der sich für Regie und Ausstattung verantwortlich zeigte, hatte vor ca. 12 Jahren eine eher schlichte Produktion geschaffen, mit der er sich voll und ganz in den Dienst von Komponist und Werk stellte. So wurde die Handlung nicht aktualisiert, sondern in der vom Libretto vorgegebenen Zeit belassen. In einem schwarzen Einheitsbühnenbild mit hohen Türen und einem riesigen Kreuz auf der linken Seite, wurden die Spielorte durch wenige Requisiten und Lichteffekte angedeutet. Die Kostüme sind auch überwiegend schlicht und schwarz gehalten. Am Ende des 1. Aktes, wenn Elisabetta ihrer politischen Ehe mit Filippo zustimmt, gönnt Herr Rose dem Publikum ein Kostümspektakel vom Allerfeinsten mit Flaggen, Ritterrüstungen für die Herren und prächtigen historischen Kostümen für Frauen in diversen Grüntönen.
    Ähnlich geschieht es im Finale des 3. Akts: Auch hier inszeniert Rose ein großes historisches Spektakel, in dem er die Augen des Publikums mit erlesenen Kostümen und prunkvollen Prozessionswagen verwöhnt. Wenn am Ende des Aktes noch der Scheiterhaufen spektakulär angezündet wird, ist das wirklich das szenische Highlight des Abends!
    Leider kommt nach der Pause dann nicht mehr viel. Hatte die erste Szene des 4. Akts mit dem Bett des Königs noch zu überzeugen vermocht, so begann das Auge spätestens in der Kerkerszene zu ermüden. Ab hier ist die Bühne nur noch schwarz, die Kostüme ebenso. Herr Rose hätte wissen müssen, dass eine so lange Oper wie Don Carlo von einem einzigen Bühnenbild nicht alleine getragen werden kann. Durch das Dauerschwarz begannen nicht nur meine Augen zu ermüden. Die Sänger haben in diesem Rahmen absoluten Freiraum - von der Originalregie war nicht mehr viel übrig, jeder tat gestern was er wollte!!! :D
    Es war ein höchst gelungener, traumhafter Opernabend, wie man ihn in München eigentlich in letzter Zeit eher selten erlebt!!!

    Liebe Grüße,
    Figarooo

  • Hallo, Figarooo!


    Auch Don Carlos gehört zu den Opern, die ich unbedingt mal wieder auf einer Opernbühne erleben möchte. Da nähme ich auch eine "dauerschwarze" Bühne für in Kauf, solange die Inszenierung stimmt. Ich möchte da keine Darsteller und Sänger in Raumfahreranzügen erleben. Was den Großinquisitor betrifft, der sollte auch einen etwa 90 jährigen Greis darstellen. Da störte mich auch die vielleicht schon etwas müde gewordene Stimme von Halvarson nicht, der aber ansonsten ein großartiger Sänger ist. Warum gibt es solche Aufführungen bei uns im Rheinland nicht mehr?



    Gruß Wolfgang

    W.S.

  • Lieber Figaroo, könntest Du bitte noch ein paar Wort nachlegen zur Fassung der Aufführung. "Don Carlo" deutet ja schon mal auf eine italienische Version hin. Ansonsten Dank für Deinen leidenschaftlichen Bericht. Gern würde auch ich diese Vorstellungen gesehen haben. In Berlin hatte Frau Harteros neulich leider alle Auftritte als Elisabetta in der hiesigen Produktion absagen müssen.


    Grüße von Rheingold

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent


  • Lieber Wolfgang,


    du kannst ab dem 21.Januar den "Don Carlo" in Mönchengladbach, und in der kommenden Spielzeit in Krefeld erleben. Sicher kann unser Theater nicht mit Harteros, Kaufmann und Pape auftrumpfen, aber auch unsere Besetzung hört sich interessant an. Zur Inszenierung kann ich allerdings noch nichts sagen. http://www.theater-krefeld.de/160-8-6587.htm.


    Liebe Grüße MosesKR1

  • Ich freue mich schon auf den Livestream am 22.1 vom Don Carlos aus der Bayerischen Staatsoper. Hoffentlich klappt diesmal technisch alles.

  • @Rheingold 1876: Es wird die dankenswerterweise die fünfaktige italienische Fassung gespielt, die Verdi 1886 für Modena zusammengestellt hatte. Allerdings wird vor dem Volksaufstand im vierten Akt auf ein längeres Finale der französischen Fassung zurückgegriffen, dessen Melodie Verdi auch im Requiem verwendet hat, in der Carlo und Philip gemeinsam Posas Tod beklagen. Das war Dank Pape und Kaufmann wirklich ein magischer Moment!

    Liebe Grüße,
    Figarooo

  • Danke für die Infos, die sehr interessant sind. Das Lacrymosa also! Ich glaube sofort, dass das ein magischer Moment war.

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Hallo, MosesKR1!


    Ich habe mir die Anfangszeiten von DON CARLOS mal angesehen. Bei Beginn 19.30h bin ich erst in den frühen Morgenstunden wieder zu Hause. Da muß ich erstmal schauen, ob Sonntag Morgen kein Termin meiner Kleinen ansteht. Trotzdem freue und bedanke ich mich über deine Nachricht!



    Herzliche Grüße


    Wolfgang

    W.S.

  • Lieber Figarooo,


    wenn du schon begeistert bist, kann man sicherlich von einer gelungenen Aufführung sprechen, die in München wohl die Ausnahme ist. Es muss auch kein pompöses Bühnenbild sein, Hauptsache, es kann dem Zuschauer Ort und Zeit der Handlung vermitteln. Leider neigt man heute vielfach zu einem Einheitsbühnenbild, dabei bietet doch die moderne Bühnentechnik heute mehr denn je die Möglichkeit, ein Bühnenbild mit geringem Aufwand zu verändern. Na, wenigstens die Kostüme scheinen ja abwechslungsreich gewesen zu sein. Vielleicht bekommt man die Inszenierung auch mal auf Bayern alpha zu sehen.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Hallo Gerhard,
    am 22.1. 2012 überträgt die Bayerische Staatsoper den Don Carlos per Livestream auf ihrer Homepage, Du musst nur den neusten Flash Player installiert haben , dann dürfte es mit dem Livestream keine Probleme geben. Beginn ist um 17 Uhr.
    Und leider sind die späten Anfangszeiten in Krefeld immer ein Problem, wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Die Frage habe ich mir schon immer gestellt, warum die Anfangszeiten in Krefeld immer erst so spät sind, sind ja schon fast südländische Verhältnisse . Vielleicht hat ja jemand von euch darauf eine Antwort.

  • Dieser Carlo ist übrigens die einzige sehenwerte Verdi-inszenierung in München....Wenn ich mir überlege, was sich hier die letzten Jahre hier für ein Murks im Repertoire angehäuft hat kann man nur den Kopf schütten. Was Verdi betrifft, ist München wirklich ganz weit hinten. Eine Inszenierung ist schlimmer als die andere..... :(

    Liebe Grüße,
    Figarooo

  • Wenn man auf die Homepage der Bayerischen Staatsoper kommt. Ich wollte grade auf die Homepage und bekomme die Fehlermeldung wie beim letzen Mal: Proxy Error. Nachtrag: die Homepage und der Livestream scheinen zu funktionieren.

  • Grade ging der erste Akt zu Ende. Die Inszenierung und Kostüme bis jetzt grauenhaft. Und natürlich wird auch wieder mal am Licht gespart. Es tut mir leid aber ich kann mit dem ganzen Hype um Herrn Kaufmann nicht viel anfangen. Er hat , genau wie Cura, das Glück das er gut aussieht. Ansonsten ist er ein eher durchschnittlicher Tenor, mit deutlich hörbaren Problem bei den Höhen .Mir gefällt Roberto Alagna wesentlich besser als Carlos. Sehr beeindruckt war ich vom Dirigat , das kann sich hören lassen. Und der Mönch war auch sehr gut. Grade singt Eboli ihr Schleierlied. Boaz Daniel fand ich bislang auch nur mitttelprächtig. Ich kann nicht beurteilen wie seine gesanglichen Leistungen in Wien sind, da ich ihn noch nicht live gesehen habe. Eboli scheint aber gut bei Stimme zu sein.

  • Lieber Figaroo, vielen Dank für diesen, abermals tollen Link.


    Lieber Rodolfo39, wenn das ein durchschnittlicher Tenor ist, bin ich ein Zwergkaninchen (die haben übrigens auch Ohren). Die Figurenführung scheint mir wenig durchdacht (etwa die Geste, mit der Elisabeth Philipp ein Ehrenzeichen der Gräfin d´Aremberg zurückgibt - das zerstört das Kräfteverhältnis; Elisabeth wirkt nicht wie ein machtloses Opfer voll Güte; und die verheulte Gräfin macht es auch nicht runder).


    Und Posa hat keine Ahnung, wovon er singt.


    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Die Inszenierung wirkt im Stream noch dunkler als sie eigentlich ist - die schönen Kostüme am Ende des Fontainebleau-Akts kamen gar nicht heraus!

    Liebe Grüße,
    Figarooo

  • der satirische Zug des Autodafés ist unverkennbar; gefällt mir natürlich, diese wundervollen Kunstkerzen, diese Madonnen ...


    :hello:

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  • Daß der Macho-Philipp seinen Sohn "entwaffnend" zu Boden schleudert, ist auch so eine gut gemeinte, aber völlig unsinnige Regieidee


    :hello:

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  • dormiro sol ... das ist das anzügliche Motto von Philipps Monolog (man sieht auch das Bett und das erbrochene Kästchen)


    und jetzt kommen die drei Panzerknacker ...


    :hello:

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  • In Essen am Aalto Theater im Don Carlos vollzog Phillipp mit Eboli den Beischlaf bevor er seine Arie sang. Trotzdem grandios Rene Pape als Phillipp . Die Kronen sehen aus wie die von einer amerikanischen Fast Food Kette, die es beim Kinder Menü dazu gibt. Wieso müssen alle Großinquisitoren blind sein ? Das war bislang in allen Don Carlos Inszenierungen so die ich gesehen habe.

  • der inquisotore ist eben blind. Und das mit Eboli steht bei Schiller (nix dormiro sol)


    also ich weiß nicht, dieses Ehepaar in Nachthemden .. Pape ist sehr viril, und er bleibt darstellerisch hinter seinen Möglichkeiten zurück; er ist ja gar nicht gebrochen, bloß hart. Außerdem bevorzuge ich den Strich zwischen "confessar l´osate a me!" und "Adultera consorte!". Und dieses "Soccorso la regina!", wie hat Boris Christoff das gesungen. Nö, so is dat nix


    :hello:

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  • Posa mit Brille ... er sieht aus, wie ich mir Pierre aus Woina i mir vorstelle. Und die Freunde scheinen auch für Thomas-Mann-Leser auf Schillers Spuren ein wenig lau. Das Sterben findet keine Vokalfarbe (wie etwa bei Gobbi). Dieskau läßt grüßen.


    Und daß Philipp am Boden kniet und betet, ist reine Bigotterie - katholisches Ringen nimmt man ihm nicht ab.


    :hello:

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  • Der Beifall nach Posas Tod hielt sich auch in Grenzen. Aber ist das nicht die Inszenierung, wo der Regisseur vor der Premiere gestorben ist und und dann der Regieassistent eingesprungen ist , denn das Ganze wirkt irgendwie sehr unfertig.

  • zwischendurch (Philips Gloria a te; Elisabetta im Trench, mit dem Immortellenstrauß) sah es nach Tosca aus. Aber am Ende obsiegt Don Giovanni - der Komtur ex machina.


    :hello:

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  • Das das ganze nach Tosca aussieht hab ich im ersten Akt schon gedacht. Ist aber praktisch, dann kann Herr Kaufmann sein Don Carlos Kostüm auch als Cavaradossi anziehen.

  • Elisabetta, von Philipp verstoßen, startet eine zweite Karriere als Sängerin Floria. Sie liebt heimlich einen Maler ("il ritratto di Carlo!"), empfindet aber eine wahnhafte Eifersucht auf ihre Nebenbuhlerin Eboli-Attavanti. Der Scheintote Posa kann aus der Escorial-Engelsburg entfliehen, doch Scarpia (eine dämonische Verschmelzung von Philipp und Inquisitor) bringt alles zu Fall.


    :hello:

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  • Grade ging der erste Akt zu Ende. Die Inszenierung und Kostüme bis jetzt grauenhaft. Und natürlich wird auch wieder mal am Licht gespart. Es tut mir leid aber ich kann mit dem ganzen Hype um Herrn Kaufmann nicht viel anfangen. Er hat , genau wie Cura, das Glück das er gut aussieht. Ansonsten ist er ein eher durchschnittlicher Tenor, mit deutlich hörbaren Problem bei den Höhen .Mir gefällt Roberto Alagna wesentlich besser als Carlos. Sehr beeindruckt war ich vom Dirigat , das kann sich hören lassen. Und der Mönch war auch sehr gut. Grade singt Eboli ihr Schleierlied. Boaz Daniel fand ich bislang auch nur mitttelprächtig. Ich kann nicht beurteilen wie seine gesanglichen Leistungen in Wien sind, da ich ihn noch nicht live gesehen habe. Eboli scheint aber gut bei Stimme zu sein.

    Einverstanden - nur ich würde sagen dass Kaufmann ein Bariton mit Höhen ist und wenn er auf Kopfstimme oder Falsetto wechselt klingt nicht schön. Anja Harteros für mich absolut Hörens und sehenswert - exzellent. Miss Peggy - Smirnova , die Stimme klingt ungleich und der Flucht auf seiner Schönheit produziert nur Grinsen. Pappes Stimme ist unzureichend für diese Partie aber er hat auch gelungene Momente. Posa ?? welcher Posa, da konnte Levente Molnar ihn viel besser vorstellen, aber er musste ein "fiamingo" mitmachen. Die Regie erträglich aber konnte tatsächlich ein bisschen heller sein. Das Orchester OK aber die Balance mit der Bühne lässt noch wünschen - oder war wegen der Übertragung?


    :hello:

    Pourqoi me reveiller....