"Dunkel war er und fremd wie die Nacht, und doch war mir so wohl dort!" - Der Komponist Leos Janácek

  • Lieber Harald, ich habe nie daran gezweifelt. Aber ich habe Schallis E-Mail-Adresse, und von wem? Von Zeus Alfred!!

    Der Wolf frisst auch gezählte Schafe (Martin Luther)

  • Ich habe jetzt die neue englische Janacek - Box gekauft (Chamber Music - Orchestral Works) und gehört und verglichen mit den anderen Aufnahmen, die ich von jedem Werk, was da drauf ist, besitze. Um es gleich zu sagen: das beste an dieser Box ist der Preis. Trotz Charles Mackerras erscheint mir die Liebe der Engländer zu Janacek etwas unglücklich. Hörenswert sind nur die "Sinfonietta" und "Taras Bulba", das sind alte Aufnahmen und von Mackerras selbst dirigiert. Sehr schön auch die Kinderreime, auch das ist eine alte Aufnahme, wobei ich mich frage, woher die üppige Besetzung kommt. Ich habe das selber schon gesungen und kenne nur die Besetzung Klavier, Chor und Viola/alternativ Klarinette. Alle anderen Kammermusikwerke sind gut gespielt, einfach tadellos; aber das ist das Problem. Sie sind alle zu brav, zu spannungslos. So spielt man Janacek heute nicht mehr. Besonders ärgerlich ist das bei den beiden Streichquartetten. Verglichen mit dem Alban-Berg-Quartett, dem Hagen - Quartett oder Villa Musica ist das eine Musik vom Gabrieli - Quartett, die in Schönheit stirbt.
    Ein Wort noch zum letzten Stück, der "Glagolitischen Messe" unter Chailly. Auch hier das gleiche Bild, alles etwas zahnlos. Der Chor(der slovakische Philharmonische Chor) klingt grob und undifferenziert, Eva Urbanovas Sopran ist etwas dünn. Den Vogel schießt der Tenor Vladimir Bogachov ab. Hier vereinigen sich eine unschöne Stimme mit mangelhafter Technik. Die Höhen sind die tiefen Stellen dieser Interpretation. Ich frage mich ja oft, wieso renommierte Dirigenten sich so schlechte Sänger leisten (bei René Jacobs gibt es dieses Problem auch manchmal, auch Gerd Albrecht hat "Rinaldo" von Brahms mit einem dänischen Tenor zum Fürchten eingespielt).
    Fazit: lieber andere Aufnahmen kaufen!

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  • Lieber Harald, ich habe nie daran gezweifelt. Aber ich habe Schallis E-Mail-Adresse, und von wem? Von Zeus Alfred!!

    Lieber dr Pingel,


    ich hoffe nicht, wir müssen Dir den Mund mit Seife auswaschen!


    Es sind auch keineswegs nur die Dackel, denen kurze Beine gewachsen sind und was hier zu kurz, wird dort zu lang, wie das bedauernswerte Schicksal des Pinocchio uns vor Augen führt.




    Ein sehr besorgter Mitmensch spricht zu Dir.

  • Den Vogel schießt der Tenor Vladimir Bogachov ab. Hier vereinigen sich eine unschöne Stimme mit mangelhafter Technik. Die Höhen sind die tiefen Stellen dieser Interpretation.


    Ich frage mich, wie solche Besetzungen zustande kommen, ob Chailly diesen Sänger überhaupt kannte. Bei ein wenig Kenntnis sowohl des Stücks als auch dieses Tenors müsste man eigentlich zu der Erkenntnis kommen, dass beides nicht zusammen passt. Der Tenorpart der Glagolitischen Messe ist unagenehm hoch notiert bzw. hat exponierte Höhen, und Bogachov ist ein recht dunkel timbrierter Sänger mit Rollen wie Otello, Radamès und Canio, also kaum der ideale Interpret für dieses wunderbare Stück.


    Gruß, Peter

  • Also zur Janacek-Box mit den Instrumentalaufnahmen muss ich natürlich sagen, dass ich persönlich Janaceks Werke (außer Sinfonietta, Taras Bulba und Glagolithische Messe) damit kennengelernt habe, es war für mich das erste Mal, dass ich die restlichen Werke hörte, demnach kann ich nichts dazu sagen, wie da interpretiert wurde...mir gefallen vor allem die Klavierstücke. Um jetz die Qualität zu beurteilen, müsste ich ja Vergleichaufnahmen haben. Aber wenn Dr. Pingel sagt, da gibt es gerade bei den Streichquartetten Besseres, dann glaube ich ihm das.
    Bei der Chailly-Aufnahme der Glagolithischen Messe stimme ich allerdings zu, die Aufnahme von Mackerras ist eindeutig besser, nicht nur was die Solisten angeht, Mackerras merkt man eben an, dass er seinen Janacek liebt.
    Bezüglich dieses Werkes kenne ich noch zwei weitere Versionen, ein tschechische Aufnahme unter Karel Ancerl mit der tschechischen Philharmonie, die ich auf Platte habe, und eine Auffühung, die im TV übertragen wurde (leider weiß ich den Dirigenten nicht mehr), aber zumindest war es in Luzern.

    "Die Glücklichen sind neugierig."
    (Friedrich Nietzsche)

  • Liebe SchallundWahn, du hast nichts falsch gemacht, denn insgesamt ist die Box in Ordnung. Sinfonietta, Taras Bulba und die Kinderreime sind erste Wahl, die Kammermusikwerke sind sehr gut zum Kennenlernen, können aber im Laufe der Zeit durch bessere Aufnahmen ersetzt werden. Der einzige richtige Flop ist die Glagolitische Messe. Der Chor ist nicht gut, die Solisten schwach, das Orchester ok., aber mehr nicht (z.B. die Pauke, immer eines der wichtigsten Instrumente im Janacekschen Orchester, ist viel zu dumpf). Ich habe den Eindruck, dass Chailly das Werk nur oberflächlich kennt; jedenfalls trifft er den Janacek-Ton nicht. Tja, und ein Dirigent, der keinen Einfluss auf die Sängerauswahl hat oder sie vorher nicht kennt...was soll man davon halten!
    Zu den Klavierstücke kann ich nichts sagen, weil ich davon zu wenig verstehe. Die Referenzaufnahme ist hier die Gesamtaufnahme mit Rudolf Firkusny, die auch die Sonate 1910 enthält.
    P.S. Wenn die Glagolitica aus Luzern kam, könnte es Abbado sein, ein großartiger Janacek - Dirigent, wie du am Totenhaus bald erfahren wirst.

    Der Wolf frisst auch gezählte Schafe (Martin Luther)

  • JANÁČEK, L.: Glagolitic Mass / Sinfonietta 8.572639 (CD) / NBD0026 (Blu-Ray Audio)
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    MŠA GLAGOLSKAJA GLAGOLITHIC MASS


    [2] Gospodi pomiluj Kyrie


    Gospodi pomiluj Lord, have mercy upon us
    Chrste pomiluj Christ have mercy upon us
    Gospodi pomiluj Lord, have mercy upon us


    [3] Slava Gloria


    Slava vo vyšńich Bogu Glory be to God on high,
    i na zeml’i and peace on earth
    mir človekom blagovol’enja. to men of good will.
    Chvalim Te, blagoslovl’ajem Te, We praise Thee, we bless Thee,
    klańajem Ti se, slavoslovim Te. we adore Thee, we glorify Thee
    Chvali vozdajem Tebě we give Thee thanks
    velikyje radi slavy tvojeje. for Thy great glory.


    Bože, otče vsemogyj, Lord God, heavenly King,
    Gospodi Synu jedinorodnyj, Isuse God, the Father Almighty.
    Chrste! Lord Jesus Christ, the only-begotten Son,
    Gospodi Bože, Agneče Božij, Lord God, Lamb of God,
    Synu Oteč! Son of the Father,


    Vzeml’ej grěchy mira, Thou, who takest away the sins of the world,
    pomiluj nas, have mercy upon us;
    primi mol’enija naša receive our prayer.
    Sědej o desnuju Otca, Thou, who sittest at the right hand of the Father,
    pomiluj nas! have mercy on us.


    Jako Ty jedin svět, For Thou alone art holy,
    ty jedin Gospod, Thou alone art Lord,
    ty jedin vyšńij, Thou alone art most high,
    Isuse Chrste. Jesus Christ,
    Vo slavě Boga Otca Together with the Holy Ghost,
    so Svetym Duchom in the glory of God the Father.
    Amin. Amen.


    [4] Věruju Credo


    Věruju v jedinogo Boga, I believe in one God, the Father Almighty,
    Otca vsemoguštago, tvorca nebu i maker of heaven and earth,
    zeml

  • Vom Dr. Pingel diese Woche eine Doku über Janacek erhalten, die mal auf Arte gelaufen ist...eine wunderbare Hommage auch an diesen Komponisten (wenn auch die meisten Ausschnitte von Opernaufführungen mir weniger zugesagt haben). Es wurde nicht nur seine Biografie nachgezeichnet, sondern vor allem sein Werk, besonders die Opern, gewürdigt. Namhafte Dirigenten und Regisseure kamen zu Wort, u.a. Charles Mackerras, Gerd Albrecht, Harry Kupfer, und ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich ein paar Tränen in den Augen hatte, als zum Ende des Films hin, alle ihre Gefühle gegenüber Janaceks Musik und ihrer innewohnenden Botschaft erläutert haben, weil sie mir direkt aus der Seele gesprochen haben.
    Drei Regisseure sagten zB Folgendes :
    Für mich ist das eine sehr, sehr menschliche, eine sehr ehrliche Musik, es ist keine Effektmusik, sie ist nicht gemacht, sie ist nicht artifiziell, sie kommt aus irgendeinem Urgrund heraus und hat dadurch eine Glaubwürdigkeit, die mich mehr und mehr, je älter ich wurde, fasziniert hat“ (Nikolaus Lehnhoff)


    „Ich glaube, zu den erstaunlichen Dingen, die er in seinem Werken erreicht hat, gehört etwas, das im 20. Jahrhundert kaum einem anderen Künstler gelungen ist, Optimismus auszudrücken, ohne dabei banal zu sein.“ (David Pountney)


    „Ich glaube, vielleicht das Geheimnis seiner Größe und auch seines Erfolges, ist seine Wahrhaftigkeit." (Willy Decker)



    Weiterhin noch eine Aufführung der Oper "Aus einem Totenhaus" aus Salzburg unter Claudio Abbado.
    Im Opernführer hat Dr. Pingel ja bereits einen Vergleich zwischen den beiden Totenhaus-Aufführungen unter Abbado und Boulez, jeweils in der Inszenierung von Grüber und Chereau eingestellt, der dort gelesen werden kann und dem ich grundsätzlich nicht viel hinzuzufügen habe. Abbado und die Wiener Philharmoniker sind meistens nicht nur kräftiger als Boulez und das Mahler Chamber Orchester, sondern auch ergreifender, packender (die Wiener kennen eben ihren Janacek), aber ich würde die Boulez-Version auch nicht als misslungen bezeichnen, sie ist eher zergliedert, weniger "rund", aber durchsichtig. Die Sänger sind in beiden Produktionen tadellos, da gibt es nichts zu meckern (außer bei Boulez und da hat Dr. Pingel auch drauf hingewiesen, ist es mir unerklärlich, warum aus der Sopran- oder Mezzo-Rolle von Aleja hier ein Tenor gemacht wurde...näheres dazu weiter unten), hier gibt es im Großen keinen Favoriten, Einzelheiten entscheidet dann wohl der Geschmack. Trotzdem ich also größtenteils beipflichte, will ich doch noch etwas zu den Inszenierungen und einzelnen Sängern sagen.
    Im ersten Moment war ich überrascht (weder im Positiven noch im Negativen, sondern ganz neutral), das die Grüber-Inszenierung auch modern ist...ich hatte etwas Traditionelles erwartet (das Nikolai Ghiaurov sich wirklich diese Halbglatze schneiden lässt, hätte ich nicht erwartet). Das Karge des Bühnenbildes passt sehr zum Inhalt und es wirkt auch sehr so, als seien die Sänger wirklich draußen, wogegen bei Chereau dieses Gefühl nie aufkommt, vielleicht sollte so die Enge besser dargestellt werden, aber gerade in den ersten beiden Akten finde ich das eher an der Situation der Oper vorbei. Die Krux beider Inszenierungen empfinde ich gerade in diesen beiden Ambivalenzen. Bei Grüber ist alles eher weit, was ich jedoch im 3.Akt eher störend empfinde, während Chereau dort mit der Enge punkten kann, während sie eben im Rest der Oper unpassend wirkt. Aber gerade der Kontrast zwischen diesen beiden Faktoren Weite und Enge macht für mich die besondere Intensität und Intimität des 3.Aktes aus, der für mich so etwas wie der Eintritt in die Seelen der Protagonisten ist. Das ist auch der Grund, warum für mich hier wichtig ist, dass eine gewisse Dunkelheit herrscht (mir kommt es immer vor, als ob die Gefangenen erst im Schutz dieser Dunkelheit und manche im Angesicht von schwerer Krankheit oder gar baldigen Tod ihre Seelen öffnen können). Und genau in dem Punkt, in dieser Szene, finde ich Chereaus Inszenierung ungemein packend, das Abgedunkelte, der Hintergrund ist nur noch schemenhaft im Schwarzen zu erkennen, erzeugt für mich eine nicht nur melancholische Stimmung, sondern den passenden, beklemmenden Rahmen zum großen Höhepunkt der Opern, nämlich Schischkows Erzählung (auch wenn hier die Bild-Regie an sich hätte noch mehr draus machen können). Bei Grüber wirkt das auf mich zu abstrakt, zu weit und das alles in ein bläuliches Licht getauscht wird, macht für mich keine Tragische, sondern eine hauptsächlich kalte Stimmung und auch wenn es schließlich um ein schreckliches Verbrechen geht, widerspricht es doch ,meiner Meinung nach, der Intension Janaceks gesamten Werkes , nämlich die tiefe Humanität gegenüber seinen Figuren, ganz egal, was sie auch Schlimmes getan haben. Grüber ist mir in dieser Szene zu steril, zu „unmenschlich“, zu weit von den Figuren. Dr. Pingel hat ja nun auch erwähnt, wenn es im Totenhaus überhaupt eine Hauptrolle gibt (wenn nicht die des Orchesters), dann ist es Schischkow, und da kann ich nur zustimmen. Seine Erzählung ist nicht nur das Herzstück der Oper, sie ist eine Abhandlung über das Menschsein-an-sich und all seine düsteren Seiten und dem was Menschen einander antun, weil sie mit ihren Gefühlen nicht umgehen können, erwärmt aber immer wieder durch die in der Erzählung vorkommende Figur des herzensguten Mädchens Akulka, die bei Schischkow und seinem Rivalen Filka im Inneren den Funken von wahren Gefühlen hervorruft (nur das diese Gefühle eben nie an die Oberfläche gelassen werden, was letztlich der Grund dafür ist, warum die Geschichte so tragisch endet). Akulka ist es ja letztlich, die beide menschlich-warm macht. Das Schischkow erzählt, gibt der Geschichte natürlich einen subjektiven Anstrich, er „spricht“ auch für alle 3 Figuren und hier kommt nun der Aspekt der Aleja-Rolle zum Tragen, was sich weiter oben schon andeutete. Nach Schischkows Schilderung, dass er Akulka getötet hat, schreit im Lazarett der fiebirge Junge Aleja auf, und Michal Ewans hat in seinem Buch, dass ich im Thread schon vorgestellt habe, scharfsinnig angeführt, dass hier quasi Akulkas Schmerz und Leiden assoziiert und nachvollzogen wird, ein genialer Einfall von Janacek, der aber nur seine Wirkung zeigt, wenn Aleja (wie von Janacek beabsichtigt) auch von einer Frau gesungen wird und nicht wie bei Boulez mit Tenorstimme. Das ist der Minuspunkt dieser Szene bei Chereau. Was nun Schischkows Hauptrollen-Aspekt angeht, es ist ja auch bezeichnend, dass Janacek ihm den großen Monolog vor dem Ende gibt, der seit der „Jenufa“ zum festen Bestandteil für seine Opern wird. Speziell auf die Sänger in den beiden besprochenen Aufführungen bezogen; bei Abbado Monte Pedersen, bei Boulez Gerd Grochowski (ich habe beide noch nie in anderen Rollen gehört); wie gesagt, jeweils sehr gut gesungen, aber mir ganz persönlich gefällt Gerd Grochowski dann noch etwa besser (aber das ist wirklich nur Geschmackssache), weil ich seine Stimme noch passender finde und mich seine Darstellung auch mehr ergriffen hat (was aber vielleicht auch mit den Inszenierungen zu tun haben kann).
    Auch die Rolle von Gorjantschkow ist sowohl von Nikolai Ghiaurov als auch Olaf Bär sehr gut gesungen, wobei ich Ghiaurov allerdings als etwas gehobenen-väterlichen Typ (vor allem gegenüber Aleja) passender finde, wenn mich seine Besetzung in dieser Bariton-Partie auch gewundert hat. Ebenso der Luca/Filka, der mir von Stefan Margita bei Boulez auch mehr gefällt als sein Pendant bei Abbado.
    Letztlich sind beide Aufführungen gut und ich fände quasi eine Kombination von beiden am besten, eine Mischung aus Grüber- und Chereau-Inszenierung mit Gerd Grochowksi als Schischkow, Ghiaurov als Gorjantschkow, Stefan Margita als Filka, Philip Langridge als Skuratow und einem Hosenrollen-Aleja, orchestriert von den Wiener Philhamonikers unter Abbado.
    Aber diese Version wird es nicht geben (gut, dass ich ja jetzt beide habe) :)



    @Hami
    Hast du die oben von dir erwähnte Naxos-Aufnahme der Glagolithischen Messe und kannst etwas dazu sagen?

    "Die Glücklichen sind neugierig."
    (Friedrich Nietzsche)

  • Hast du die oben von dir erwähnte Naxos-Aufnahme der Glagolithischen Messe und kannst etwas dazu sagen?

    Nein, habe ich nicht. Es soll aber eine interessantere Aufnahme geben: Warschauer Philharmonie unter Antoni Wit.


    Angeblich war es ein klerikaler Freund, den der Mangel an Kirchenmusik in Tschechien veranlasste , den antiklerikalen Janáček zur Komposition einer Messe zu überreden.
    Dass er damit Erfolg hatte, verwundert sicher jene, die Janáčeks Einstellung gegenüber den christlichen Kirchen vor Augen haben:
    "Konzentrierter Tod. Gräber unter dem Fußboden, Beine auf dem Altar und Bilder voll von Folter und Sterben.
    Rituale, Gebete Gesänge- Tod und nichts als der Tod.
    Ich will damit nichts zu tun haben.“


    Janáček beschrieb im November 1927 in der Zeitung „Lidové noviny“ ein Erlebnis im Badeort Luhačovice,
    wo er gewöhnlich seine Sommer verbrachte, als aktuelle Inspiration zur Messe.


    In einer Gewitternacht, blieb die einzige Erinnerung vom Versuch das elektrische Licht an der Zimmerdecke anzuknipsen,
    die Wahrnehmung einer verzweifleten Gemütsverfassung zu den Worten:"Gospodi pomiluj" (Herr, erbarne Dich) und schließlich der freudige Ausruf: "Slava, Slava" (Gloria).


    Der Großteil der Messe kam dann auch in Luhačovice zustande.


    Der ihr zu Grunde liegende Text ist nicht wie gewöhnlich der lateinischen Liturgie entnommen,
    sondern der altslavischen Übersetzung des „Ordinarium Missae“, die in der altslavischen Schrift aufgezeichnet war.


    Die Slavenapostel Kyrrillus und Methodius, hatten diese Schrift, die sich nahe an das griechische Alphabet anlehnt,
    zur Unterstütung ihrer von Saloniki ausgehenden Missionsarbeit entwickelt.
    Glagol bedeutet im slavischen Sprachraum so viel wie „Wort“ oder auch im engeren Sinne "Verbum".
    Die altslavische Sprache wurde übrigens etwas der tschechischen Aussprache angepasst, unter anderem wurde auf die Nasallaute verzichtet, die es im Tschechischen nicht gibt.


    Janáček wäre aber nicht Janáček, würde seine Messe einem althergebrachten Muster folgen.
    Nicht das übliche "Memento mori“ steht im Fokus, sondern die Hymne an das Leben, das den Tod überwindet.
    So gesehen erscheint mir die Glagolitische Messe ideemäßig mit dem "Schlauen Füchslein“ verwandt.


    Wer weiß, wollte der Komponist seinem klerikalen Freund einen kleinen Streich spielen?



    Viele Grüße
    hami1799

  • Liebe SchallundWahn, ich bin ganz gerührt über deinen Artikel hier, der zeigt, wie tief und gut du Janacek verstanden hast, und der mich ganz glücklich macht darüber, was mein kleines Paket bewirkt hat.
    Auch deine Besprechung des Totenhauses hat mich noch einmal über die beiden Videoproduktionen nachdenken lassen und enthielt einige Aspekte, die ich so vorher nicht bedacht hatte.
    In einem Punkt möchte ich aber standhaft bleiben: das Orchester (Boulez) in der Chereau - Fassung ist ganz unzulänglich, auch wenn ich heute weiß, dass dies dem Fernsehregisseur zu verdanken ist und in der Live-Aufnahme so nicht war!

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  • Danke, lieber Doktor und fühle dich übrigens nicht genötigt, wegen meines Kommentars von deinem Standpunkt abzuweichen. Ich wollte lediglich anmerken, das ich die Boulez-Version auch musikalisch zumindest für akzeptabel halte, zum Kennenlernen von Janacek, da hast du Recht, ist es aber allein schon wegen dieser Seite nicht empfehlenswert, weil sie evtl. ein verzerrtes Bild von Janaceks Musik widergibt (mit dem ich leben kann, weil ich weiß, wie es wirklich und besser klingt).

    "Die Glücklichen sind neugierig."
    (Friedrich Nietzsche)

  • Nun habe ich vom Doktor gleich 4 verschiedene Brouceks bekommen, aber habe gerade erst geschafft eine Aufnahme davon zu hören.
    Den unter Frantisek Jilek


    Ich gebe zu, dass ich wahrscheinlich seit ich Michael Ewans Kommentar zum Broucek gelesen habe (siehe Beitrag 17) nicht mehr völlig vorurteilsfrei an dieses Werk heran gehen konnte. Ewans schätzt das Werk nicht sonderlich, er hält es zwar nicht für dezidiert schlecht, jedoch in Anbetracht der anderen Janacek Opern als zweitrangig, vor allem natürlich musikalisch. Natürlich habe ich versucht ganz neutral daran zu gehen, aber wenn ich nach dem Hören das Gefühl hatte, mir fehle etwas, schiebe ich das eventuell auf diese Vorprägung, weniger auf Tatsachen.
    Erstmal ist Broucek natürlich im Opernschaffen Janacek einzigartig, weil es eine Komödie ist (zwar ist "Vec Makropoulos" vom Schöpfer Capek auch als groteske Komödie konzipiert, aber Janacek lässt diesen Aspekt in seiner Verarbeitung fast völlig außen vor). Vielleicht ist das ein Punkt an den ich mich noch gewöhnen muss, der lustige Janacek.
    Den Beginn des Broucek, die Szenen im zeitgenössischem Prag , die sind mir sogar äußert sympathisch, denn sie strahlen wirklich etwas urbanes und gleichzeitig heimeliches auf...da ich schon mal in Prag war, habe ich mich beim Hören gleich in die alten Gassen versetzt gefühlt.
    Doch sobald das fantastische Element hinzukommt, zuerst die Reise auf den Mond, dann ins 15. Jh., verliert die Musik für mich an Charme. Manches Mal wirkt die Musik für mich geradezu hilflos, im dem Sinne, dass ihr nicht nur Janaceks typisches Flair fehlt, sie wirkt auf mich teilweise beliebig, so als ob der Komponist selbst nicht recht wusste, was er eigentlich komponieren wollte.
    Auch dramaturgisch schwächelt es hier äußerst, die Episodenhaftigkeit kommt Janacek glaube ich nicht entgegen, es wird keine Art von Spannung oder innerem Drang erzeugt, die Geschichte plätschert etwas dahin. Auch den (angeblichen) Witz finde ich schal, aber das mag zeitbedingt so sein. Dazu kommt noch (aber das ist ja nicht Janaceks Schuld), dass sich keine Form von Beziehung zu den Figuren aufbaut, auch nicht zur Hauptperson Broucek (der sowieso kein Sympath ist).
    Letztlich gibt es sicher noch Opern, die ich persönlich, schlechter bzw. langweiliger finde, aber für "meinen" Janacek ist mir das dann doch etwas wenig.


    Natürlich muss ich mir erstmal noch die 3 anderen Aufnahmen anhören, vielleicht reißen die es dann ja noch raus und es lag am Ende nur an der Version. Mal sehen...

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    (Friedrich Nietzsche)

  • Liebe SchallundWahn,
    ich hätte dir zu den Brouceks noch einen Hörtipp geben sollen. Mach es wie ich: fang mit der deutschen Fassung von Gutheim an, das kann ich ja nicht mehr sagen. Mach dort weiter! Der Text ist witzig, die Sänger grandios (Fehenberger, Wunderlich, Wilma Lipp); gerade die Mondmusik ist überirdisch schön! Hier findest du im Mondbild die schönsten Walzer(neben dem Rosenkavalier) der ganzen Operngeschichte. Auch dass Broucek ein Unsympath ist, stimmt so nicht. Das hat Janacek zwar gewollt, aber es ist ihm zum Glück nicht gelungen. Gegenüber all den Fundamentalisten bewahrt Broucek seinen gesunden Menschenverstand. Auf dem Mond: die Mondmenschen ernähren sich von Bildern. Broucek: "Hier riecht es wie auf´m Friedhof. Ich ess jetzt meine Würstln!" Bei den Hussiten: Er hat keine Lust für einen Glauben zu kämpfen, den er nicht versteht; also versteckt er sich unter dem Bett!
    Fazit: der Broucek ist für mich eine späte Liebe, aber eine umso intensivere. Ich kann ihn fast auswendig!
    Übrigens wird dir das vielleicht mit Osud genauso gehen. Die Oper hat keine gute Presse; aber ich weiß nicht, ob ich sie nicht besser als Jenufa finden soll!

    Der Wolf frisst auch gezählte Schafe (Martin Luther)

  • Nun gut, jetzt werde ich deinem Tipp folgen und als nächstes die deutsche Version hören. Wie gesagt wollte ich sowieso erstmal abwarten bis ich alle Aufnahmen gehört habe, um eine mehr oder minder breit aufgestellte Meinung zu entwickeln. Vielleicht wird es bei mir ja auch so eine späte Liebe wie bei dir.
    Was den Broucek selbst als Sympath angeht...ja, die Nebenfiguren mögen noch unsympathischer in ihrem Fanatismus sein (was nur in den außerweltlichen Episoden gilt), aber das macht mir Brouceks garstige Wurstigkeit auch nicht sympathischer ;)
    Übrigens "Osud" finde ich wirklich sehr gut, obwohl ich zugeben muss, das ich da einige Startschwierigkeiten hatte und anfangs ebenfalls etwas gedämpfter war, mittlerweile steht sie bei mir aber vollkommen in einer Reihe mit den anderen.

    "Die Glücklichen sind neugierig."
    (Friedrich Nietzsche)

  • Sonntag,21. Oktober 2012, 20:05 Uhr
    im WDR III


    Die Ausflüge des Herrn Brouček
    Oper von Leoš Janáček


    Mathias Brouček, Hausbesitzer in Prag: Vilém Pribyl
    Mazal/Mazalum: Miroslav Svejda
    Der Sakristan von Sankt Veit/Lukristan/Der Glöckner der Teynkirche: Bohuslav Marsik
    Málinka/Lunamali/Amalka: Jana Jonasová
    Würfl, Gastwirt/Präsident Würflun/Kostka, Ratsherr: Richard Novák
    Piccolo in Würfls Gasthaus/Kultusminister/Ein Scholar: Jirina Marková
    Fanny Nowak/Ernährungsminister/Frantischka: Libuse Marová
    Tschechischer Philharmonischer Chor
    Tschechische Philharmonie
    Leitung: Frantisek Jílek

    mfG
    Michael

  • Ich bin am WE via Bildschirm gleich in den Genuss von zwei "Jenufa"-Inszenierungen gekommen :


    1.





    Roberta Alexander Jenufa
    Anja Silja The Kostelicka
    Philip Langridge Laca
    Menai Davies Grandmother Buryja
    Mark Baker Steve
    Robert Poulton Foreman at the mill
    Gordon Sandison The Mayor
    Linda Orminston Mayor's Wife
    Alison Hagley Karolka
    Sarah Spring Barena
    Lynnie Davies Jano
    Helen Cannel The Kostelnicka's maid
    Deirdre Crowley Aunt


    The London Philharmonic Orchestra lead. David Nolan dir. Andrew Davis
    The Glyndebourne Chorus maestro del coro Ivor Bolton
    rec. 1989



    2.



    Liceu Barcelona, 2005. Produktion: Olivier Tambosi.
    Nina Stemme (Jenůfa)
    Eva Marton (Kostelnička)
    Jorma Silvasti (Laca)
    Pär Lindskog (Števa)
    Dirigent: Peter Schneider

    Ich mag beide, wenn mir auch das Dirigat von Colin Davies definitiv mehr zusagt (auch wenn die Aufnahmequalität bzw. Abmischung Nachteile hat), da es eckiger, straffer und Janacektypisch kleinteiliger ist, was besonders bei der Dramatik im großartigen 2. Akt zum Tragen kommt. Die Sänger sind bei beiden Produktionen durch die Bank äußerst hörenswert, absolut kein Ausfall, wenn ich auch trotzdem einige Favoriten habe. Anja Siljas Küsterin unter Davis muss man einfach erlebt haben, da kommt Eva Marton einfach nicht gegen an, auch wenn sie definitiv nicht schlecht ist. Die beiden Lacas nehmen sich sängerisch definitiv nichts, nur Langridge macht auch abseits davon eben eine bessere Figur. Mark Bakers Steva ziehe ich auch dem vom Per Lindskog vor, sein Impetus entspricht für mich mehr dem Bild, das ich von der Figur habe, aber das ist wirklich geschmäcklerisch. Und die Jenufa? Auch hier gefallen mir beide, allerdings trumpft Nina Stemme am Ende nochmal so richtig auf, das macht Eindruck, darstellerisch hat sie meiner Meinung nach auch etwas mehr zu bieten.
    Was die Inszenierungen angeht, hier braucht niemand Angst vor RT zu haben, beide Produktionen sind naturalistisch gehalten, wobei die Davis-Version sogar äußert naturalistisch ist, leider ist hier das Bild ingesamt etwas dunkel. Wie schon erwähnt, ist bei Davis auch der Ton seltsam abgemischt, kaum tiefe Töne, sehr in die Höhe, was manches Mal etwas zu Ungunsten des Dirigat zu gehen scheint.
    Letztlich aber finde ich beide Versionen absolut empfehlenswert, mit keiner macht man was falsch.


    Wer mal reinschauen will, beide gibt es bei youtube :


    Davis :



    Schneider :


    "Die Glücklichen sind neugierig."
    (Friedrich Nietzsche)

  • noch einmal ein paar weitere Worte zu Janaceks "Broucek"-Opern, die ich nun schon des öfteren sn mein Ohr gelassen habe. Im Gegensatz zu den ersten Malen hat sich immerhin eine Linie entwickelt, an der ich mich langhangeln kann, aber der große Knoten ist bei mir noch immer nicht gelöst.
    Der zweite Teil bei den Hussiten gewinnt für mich immer mehr an Profil, vor allem was die Chorbehandlung angeht und die Aussage, die hinter dieser Episode steht.
    Jedoch die Mond-Episode dagegen für mich immer mehr an Substanz verliert. Alles wirkt auf so wenig tief und wahrhaftig, wie ich es von Janacek gewohnt bin und was ich so sehr an seiner Musik liebe. (mal davon abgesehen, dass ich nun, wo ich auch die deutsche Version gehört habe, den Witz auch nicht sonderlich zündend, sondern eher bemüht finde).
    Ich werde den Gedanken nicht los, dass Janacek selbst nicht ganz an diese Geschichte geglaubt hat, was ich in seinem Fall für ein großes Manko halte, da davon eigentlich seine großen Werke so schillernd leben.
    Noch immer gefallen mir am besten die Prag-Szenen, die mich musikalisch wenigstens dezent an die Tonsprache in "Osud" erinnern.

    "Die Glücklichen sind neugierig."
    (Friedrich Nietzsche)

  • Liebe Schall und Wahn,
    ich freue mich natürlich an dem Interesse, das du für den Broucek entwickelt hast; ich glaube, dass ich nicht ganz unschuldig daran bin. Mir geht es aber gerade umgekehrt wie dir. Ich empfinde den Hussiten - Akt als musikalisch sehr gelungen, aber doch zu patriotisch, um nicht zu sagen, nationalistisch -tschechisch. Wir wissen ja, dass Janacek in Punkto Nation ein Fanatiker und antideutscher Fundamentalist war.
    Dagegen ist der Mondakt zeitlos schön, romantisch, elegisch, im besten Sinne sentimental, vor allem, wenn hier Sänger wie Fritz Wunderlich und Wilma Lipp am Werke sind, wie in der deutschen Bearbeitung unter Keilberth. Zudem ist dieser Akt das Stück Musik in der Operngeschichte, das neben dem Rosenkavalier die schönsten Walzer hat. Vielleicht vermisst du den normalen ernsthaften Janacek, ich aber bin begeistert, wie unglaublich leicht er auch komponieren konnte. Geh in dich, Schall und Wahn! (Nein, das ist nicht ernst gemeint! Entdecke, was du entdecken musst!).
    Noch eins: überlege, was Janacek in der Ouvertüre zitiert. Es sind die zarten, geheimnisvollen Klänge des Mondaktes, nicht die martialischen des Hussitenaktes.
    Ähnlich wunderbare, geheimnisvolle Musik hat Janacek nur noch im Füchslein komponiert.

    Der Wolf frisst auch gezählte Schafe (Martin Luther)

  • ich freue mich natürlich an dem Interesse, das du für den Broucek entwickelt hast; ich glaube, dass ich nicht ganz unschuldig daran bin.

    Da hast du auf jeden Fall Recht, lieber Doktor. ^^



    Ich empfinde den Hussiten - Akt als musikalisch sehr gelungen, aber doch zu patriotisch, um nicht zu sagen, nationalistisch -tschechisch

    Das ist er sicherlich, aber für die Zeit damals machte das in gewisser Weise einen tieferen Sinn, dass tschechische Volk und seine Unabhängigkeit waren ja noch frisch und erkämpft...heute mag das natürlich anders wirken. Wie gesagt, finde ich in dem Akt vor allem die Chore als solche, weniger deren Inhalte, als sehr gelungen.


    Was die Mond-Musik angeht, ich stimme dir auf jeden Fall zu, dass Wunderlich und Lipp das wunderbar singen und ich finde die Musik auch nicht schlecht, aber sie berührt mich nicht im Gegensatz zur anderen Musik von Janacek, sie kommt mir ein wenig seelenlos vor, schön, aber leer.

    "Die Glücklichen sind neugierig."
    (Friedrich Nietzsche)

  • Heute vor 85 Jahren ist er in Mährisch-Ostrau 74jährig gestorben:



    Leoš Janáček (* 3. Juli 1854 in Hochwald (Mähren), heute Hukvaldy; † 12. August 1928 in Moravská Ostrava infolge einer Herzlähmung nach einer Lungenentzündung) war ein tschechischer Komponist.


    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Leos Janacek wurdeam 3. Juli 1854 geboren und starb am 12. August 1928. Zu seinem Geburtstag habe ich diese CD ausgesucht:



    Heute ist die 161. Wiederkehr seines Geburtstages.



    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Da warst du erheblich schneller als ich, lieber William, der ich gerade erst meinen Computer angeworfen habe, um das Datum einzustellen. Umso besser!
    Ich möchte aber die Gelegenheit nutzen, um auf weniger bekannte Werke Janaceks aufmerksam zu machen. Es ist eine Trias von Kantaten, die man auch Miniopern nennen könnte. Zu allen drei Werken gibt es Klavierauszüge mit deutschem und tschechischem Text und auch eine Reihe von Aufnahmen, die man bitte selbst heraussuchen möchte.
    1. Tagebuch eines Verschollenen (hierzu wurde eine Orchesterfassung, die nicht von Janacek, aber grandios ist, hergestellt; Abbado hat sie aufgenommen)
    2. Amarus (William hat das im Bild zitiert, es gibt auch eine deutsche Fassung vom WDR)
    3. Das ewige Evangelium (hier habe ich eine Fassung aus dem Radio aufgenommen -Dirigent ist Herbert Blomstedt)

    Der Wolf frisst auch gezählte Schafe (Martin Luther)

  • Amarus (William hat das im Bild zitiert, es gibt auch eine deutsche Fassung vom WDR)


    Ach! Die würde mich sehr interessieren. Ist die irgendwo zu haben auf CD oder als Download? Hast Du den deutschen Text zur Hand, lieber Dr. pingel? Könntest Du den mal hier einstellen? So umfangreich ist er ja nicht. Ich schätze "Amarus" sehr. Obwohl die Kantate vor den Werken entstand, die als die Meisterwerke gelten, ist darin schon alles angelegt. Von einer "Minoper" zu sprechend, ist sehr gut beobachtet. Die Aufnahme, die jetzt bei Praga Digitals erschienen ist, finde ich wunderbar.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Ich denke, dass im Namen "Amarus" sowohl die Nuance "der Bittere" wie die "der Verbitterte" mitschwingt. Goethe hat das in seiner "Harzreise im Winter" (ein Teil vertont als "Altrhapsodie" von Brahms) treffend so formuliert: "Erst verachtet, nun ein Verächter..."
    Hier nun der deutsche Text. Es ist nicht der Text, den ich im Kopf aus der Kölner Aufnahme habe, sondern der deutsche Text des Klavierauszuges bei Bärenreiter Praha von Zdenek Král.


    I Im Kloster von Kindheit an.
    Wie kam er dahin?
    Selbst wusst´er s nicht.
    Und da er einst in Sünde geboren ward,
    war Amarus sein Name.


    II War groß und war blässlich,
    immer nachdenklich still,
    so als sucht er nach Unbekanntem!
    Einmal sprach er zu Gott,
    im Mondschein schimmert´sein Gitterfenster
    und flutete seine Zelle:
    für alle Qualen, Leiden und Entsagungen,
    für verlorenes Leben:
    nur eine Gnade verlang ich von dir:
    Sag, wann sterb´ ich?
    Kaum dachte er´s zu Ende,
    schon flog ein Engel sachte nieder
    und er vernahm ein leises Flüstern:
    du stirbst in der Nacht noch,
    da du vergessen,
    die Altarlampe mit Öl zu füllen.


    III Tage flohn und Jahre
    und einsam war Amarus und traurig;
    still lebte wie sonst Amarus.
    Wenn er die Lampe mit Öl wieder füllte,
    so sprach er:
    "Ich entzünde meine Seele!"
    mit wehmutsvollem Lächeln.
    Es war Frühling,
    da wollte er wieder einmal Öl nachgießen.
    Auf der Kniebank, am Säulenfuß, unter dem Marienstandbild,
    sah er zwei Liebende.
    Stand dahinter und hielt den Atem an.
    Als sie zu End gebetet, eilte er ihnen nach.
    Ihn fasste eine Sehnsucht, sonderbare Sehnsucht.
    Im Klosterkirchhof blieb er stehen.
    Voll Flieder und Traubenkirsche die Luft.
    Ein berauschender Duft stieg ihm jäh in den Kopf;
    im Busche sang ein Vogel,
    zwei Schmetterlinge wie zwei belebte Blüten
    flatterten plötzlich um seine Brauen.
    Da ging er weiter.
    Auf einem Grabe, längst vom Gras bewachsen,
    im Wald des blühenden Flieders halb verloren,
    dort saßen sie, so glücklich.
    Sein Haupt ruhte auf ihrem Busen,
    in ihre schwarzen Haare schwer
    streute der Flieder taufeuchte Blüten
    Der Vogel ganz nahe sang, im Grase spielte der Tau.
    Da dacht Amarus an die Mutter,
    ihm unbekannt,
    der er zu danken hatte
    für dieses bittre Leben.


    IV Heut füllte nicht Amarus jene Lampe,
    stand unbewegt da;
    der Vogel sang noch immer.
    Am andern Tag, als dann die Brüder kamen,
    da war die ewige Lampe erloschen
    und von Amarus keine Spur zu sehen.
    Im Kirchhof auf dem Grabe,
    auf dem verwachs´nen Grab seiner Mutter,
    lag er.
    Das Antlitz nach dem Flieder, nach der blühenden Traubenkirsche,
    auf dem Grab der Mutter,
    so lag er.
    Und über ihm sang noch der Vogel.


    V Amarus sein Name.


    (Dichter: Jaroslav Vrchlický; gesetzt für Soli - Sopran, Tenor, Bariton - 4st. Chor und Orchester)

    Der Wolf frisst auch gezählte Schafe (Martin Luther)

  • Edit: erledigt

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Keine neuen Beiträge mehr von mir außerhalb meiner Besetzungsrubriken! (seit 5.11.2019)

    (Die Gründe kann man in diesem Forum beinahe täglich in Beiträgen einiger User immer wieder nachlesen.)

  • Danke, hab ich nachgeholt!
    Die Aufnahme in deutsch ist bei mir zu bekommen, wenn ihr es schafft, mit mir irgendwie Kontakt aufzunehmen!

    Der Wolf frisst auch gezählte Schafe (Martin Luther)

  • Lieber dr. pingel, ganz herzlichen Dank für den deutschen Amarus-Text. Ich bin sehr gerührt und froh, ihn nun besser verstehen zu können. Ob es je gelingt, über die Aufnahme der Kantate in deutscher Sprache in Kontakt zu treten, weiß ich nicht. Das Forum lässt es nicht zu. So werde ich am Ende wohl ohne diese Aufnahme bleiben müssen. :(

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Das Forum lässt es durchaus zu. Frag mal bei bachiania, Theophilus, Seicento oder Zeus Alfred nach meiner E-Mail-Adresse, dann ist die Sache ein Kinderspiel. Ich würde dir eine CD schicken, die "Amarus" auf deutsch, "Tagebuch eines Verschollenenen" in der Orchesterfassung (Abbado) und das "Ewige Evangelium" (Blomstedt) enthielten, also alles schwer zu bekommende Raritäten; in diesem Fall leicht zu bekommende Raritäten.

    Der Wolf frisst auch gezählte Schafe (Martin Luther)

  • Heute ist Leos Janaceks Todestag. Dazu habe ich aus meiner Sammlung diese CD ausgesucht:



    Heute ist sein 87. Todestag.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • "Vixen Sharp-Ears" heißt das schlaue Füchslein im Englischen, obwohl nach dem Tschechischen die Oper "Die Abenteuer der Füchsin Schlaukopf" heißen müsste.
    Bei einem Musikaustauschnachmittag mit musikwanderer (wir leben in derselben Stadt) hat er mir ein Füchslein-CD verehrt, die ich nicht kannte. Sie stammt aus den 80ern und wurde 2003 auf CD veröffentlicht. So wie Charles Mackerras "Osud" auf englisch (Wales!) hat spielen lassen, so macht es auch Simon Rattle. Aber ich kann weder den englischen noch den tschechischen Text, weiß aber immer, worum es geht. Ich weiß nicht genau, wann Rattle nach Berlin kam, aber ich denke, das Füchslein ist vor dieser Zeit. Chor, Kinderchor und Sänger singen auf hohem Niveau; die Sänger kamen mir etwas laut vor. Aber nach dem Abhören war mir klar, warum das so war. Das Orchester war ebenfalls lauter als gewöhnlich, aber immer gut durchhörbar und differenziert. Die Schlüsselstelle (das Pingelsche Rasiermesser) ist hier die vorletzte Szene, wo man sich in Paseks Wirtschaft trifft und einen Brief des Pfarrers liest, der versetzt wurde und jetzt vor Heimweh bald umkommt. Dann kommt ein Orchesterstück, zum Heulen schön, wenn ich mal so salopp sagen darf. Und das gelingt Rattle meisterhaft (alle Janacek-aficionados kennen diese Stelle).
    Die Idee Rattles, so scheint mir, ist diese: das Füchslein als große Oper zu spielen; und siehe da, das geht. Eine meisterhafte Aufnahme, die sich in meinem Schrank zu den anderen wunderbaren Füchsen gesellen wird. Dabei erinnere ich mich noch gut, dass ich vor einiger Zeit hier einen thread hatte, in dem man jede Woche eine Oper ausscheiden musste. Mein Sieger war damals: Lischka Bystrouschka.


    Der Wolf frisst auch gezählte Schafe (Martin Luther)