Hanns Eisler – der Liederkomponist

  • Dieser Thread befasst sich mit dem Liedschaffen des Komponisten Hanns Eisler (1898-1962)
    Er gilt – wegen seiner formalen österreichischen Staatsbürgerschaft bei WIKIPEDIA als Österreicher – aber ich überlasse den DDR-Staatskünstler auf Wunsch gerne Deutschland….


    Eislers Lebenslauf, seine Beziehung zu Brecht, seine diversen Übersiedlungen, seine Verhör wegen „unamerikanischer Umtriebe“ – und natürlich seine Kompositionen ausserhalb des Liedschaffens das alles verlangt nach einem „allgemeinen“ Eisler-Thread – den wir – bei Bedarf zeitnah starten können (Das muß ja nicht unbedingt ich machen)
    DIESER Thread soll jedoch WEITGEHENDST dem LIEDSCHAFFEN gewidmet sein –wobei hier Abweichungen vermutlich nicht ganz vermeidbar sein werden. Eisler ist eben nicht Schubert. Ein ebenfalls angedachter Threadtitel war ja: Hanns Eisler - Lieder eines Unbequemen.
    Es ist schwierig – aber auch reizvoll – über einen Komponisten einen Thread zu starten, den man persönlich nicht mag, und von dem man keine einzige Aufnahme besitzt. Noch dazu über ein Spezialgebiet, nämlich seine Lieder. Immerhin schrieb er deren an die 500 – Aber ich kann überhaupt nicht einschätzen ob die heute noch jemand kennt, geschweige denn in der Sammlung hat. Eislers Lieder – einige habe ich doch gehört – werden vorzugsweise dazu ge- bzw mißbraucht (eine Frage des Standpunkts) seine weltanschauliche Überzeugung darzulegen, wobei er die ungeschriebenen Regeln des Kunstlieds missachtete und sich oft in die Bereiches des politischen Chansons, des ebensolchen Couplets begab – und darüber hinaus. Die Bezeichnung „Kampflied“ ist entlarvend.
    Unbestritten sei, dass dieser streibare und unbequeme Geist auch ein sehr gescheiter Kopf war, der zu seinen Überzeugungen stand, sie begründete und zu verbreiten verstand.


    Ich hoffe, dass dieser Thread doch auf einiges Interesse stösst
    Und bitte nicht enttäuscht zu sein, wenn dies nicht der Fall sein sollte


    Mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

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  • Eislers Liedschaffen ist sehr komplex. Es umfasst etwa 230 Lieder, die aber – ja nach der Zeit ihrer Entstehung – sehr unterschiedlich sind. Es finden sich vielerlei Formen darin: Von der Auseinandersetzung mit der Form des romantischen Klavierliedes über die Ballade bis hin zum Chanson, dem Song und der Gattung des Arbeiterliedes. Auch die Liedsprache selbst ist überaus uneinheitlich. In den beiden „Elegien“ nach Bertolt Brecht aus dem Jahre 1937 – deren Betrachtung aus meiner Sicht hier lohnenswert wäre – wendet er zum Beispiel die Zwölftontechnik an.


    Das Exil bringt ohnehin einen wichtigen Einschnitt für Eislers Liedschaffen mit sich. Denn er hatte sich mit seinem Liederzyklus „Zeitungsausschnitte“ im Jahre 1927 in ironischer Weise vom herkömmlichen Kunstlied verabschiedet. Nun aber greift er dessen Tradition wieder auf und setzt sich kritisch damit auseinander.


    Gespannt bin ich darauf, welche Beiträge zu Eislers Liedern hier eingehen. Ich werde sie mit großem Interesse lesen, möchte mich meinerseits aber – aus guten Gründen - mit eigenen Betrachtungen zu einzelnen Liedern zurückhalten.

  • Hanns Eisler (Sohn des in Wien geborenen österreichischen Philosophen Dr. Rudolf Eisler) war nicht nur dem Pass nach Österreicher sondern er fühlte sich zeitlebens als Wiener, da er seine Kindheits- und Jugendjahre in Wien verbrachte. Zwar kam er in Leipzig auf die Welt, von dort aus zog er im Alter von 2 oder 3 Jahren mit seinen Eltern nach Wien, wo er aufwuchs. Als Liebingsschüler von Arnold Schönberg wohnte er zeitweilig in dessen Haus, einige seine Mitschüler waren waren Max Deutsch und Jascha Horenstein. Mit Alban Berg und Anton Webern(beide ebenfalls Schüler Schönbergs), gehört Hanns Eisler zur "Zweiten Wiener Schule".
    Die letzten 13 Jahre seines Lebens hielt sich Eisler in der DDR auf. Dort komponierte er die Nationalhymne, deren Text später bei offiziellen Anlässen nicht mehr gesungen wurde, weil "Auferstanden aus Ruinen ist das deutsche Vaterland" und "Deutschland einig Vaterland" der Auffassung der DDR von der Existenz zweier deutscher Staaten widersprach. (In der BRD wird er Text der Nationalhymne "Deutschland, Deutschland über alles","Von der Maas bis an die Memel" aus naheliegenden Gründen auch nicht gesungen. Man singt nur die 3. Strophe.)



    Das "Lied des Arbeitslosen" sollte eigentlich millionenmal auf Deutschlands Gassen zu hören sein, aber "stempeln gehen" muß in der heutigen Zeit Dank Hartz 4-Überweisung aufs Girokonto niemand mehr. Der Liedtext "Ohne Arbeit, ohne Bleibe biste null und nischt." erinnert mich wieder an den Slogan der Stadtsparkasse Köln in meiner Jugendzeit "Sparst Du was,hast Du was - Hast Du was,bist Du was." Und da ich nicht "null und nischt" sein wollte, habe ich meine Pfennige zur Sparkasse gebracht.
    Im grossen und ganzen ist das Lied der Arbeitslosen aktueller denn je, auch wenn man an die Arbeitslosenstatistik der südeuropäischen EU-Länder Italien, Spanien, Griechenland denkt.

    mfG
    Michael

    Einmal editiert, zuletzt von Schneewittchen ()

  • Daß dieser Thread nicht zum Laufen kommt, ist leicht verständlich. Kaum jemand der Forenmitglieder dürfte etwas von diesem Komponisten besitzen.
    Dabei wären MANCHE seiner Lieder, vorzugsweise jene, die man als "Couplets" fürs Cabaret bezeichnen könnte durchaus hörenswert, womit "interessant" meine - nicht etwa schön - beileibe nicht. Aber das hat ja jener unbequeme Querdenker auch gar nicht beabsichtigt,


    Die abgebildete CD kann man allenfalls als "politische Musik" bezeichnen - meist nach Texten von Brecht - und so klingt sie auch. Dabei sitzt jeder Ton dort wo er den Text am Besten zur Geltung bringt - Die Musik ist lediglich Vehikel um den Text zu betonen, nicht um den Hörer zu erfreuen. Ich nehme an, Fischer-Dieskaus Interpretationen wären Eisler zu kultiviert gewesen.
    Man kann sich fragen, warum gerade ich diese CD besitze. Die Antwort ist einfach: Nicht aus Gründen weil sie mir gefällt oder mir ihre weltanschaulichen Inhalte nahestehen. Es ist rein historisches Interesse.......


    mfg aus Wien
    Alfred

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  • Zit: "Daß dieser Thread nicht zum Laufen kommt, ist leicht verständlich."
    Ist es das wirklich?, - "leicht verständlich"?
    In einem anderen Thread - jenem, der mit dem kuriosen Titel "Aufnahmen" versehen ist - wurde eben diese CD schon mal abgebildet. Man besitzt sie in diesen Forumskreisen also. Aber man hat dazu nichts zu sagen.
    Da liegt das Problem. Und nicht im "Nicht-Besitzen" von Aufnahmen. Die haben anscheinend für viele hier nur die Funktion, mit ihren Covers hier ins Forum gestellt zu werden.

  • Ich besitze diese CD mit Eislers Lieder aus seinem amerikanischen Exil 1942-1948. Die CD ist identisch mit der 2002 herausgebrachten Apex-CD, das Teldec-Cover mit dem Portrait Fischer-Dieskaus finde ich allerdings ansprechender. Für mich hat die CD nur einen Nachteil - die Lieder sind zu kurz. Aber was soll es, interessant finde ich sie auf jeden Fall. Vielleicht erinnern mich diese Lieder an Schuberts Lieder, weil sie von Fischer-Dieskau, dem genialen Schubert-Interpreten gesungen werden? Ich würde zu gerne wissen, wie es dazu kam, dass Fischer-Dieskau die Lieder von Eisler aufgenommen hat. Ob Aribert Reimann, der Fischer-Dieskau auf dem Klavier begleitet hat, ihn dazu angeregt hatte? Schliesslich galt Fischer-Dieskau auch als Förderer der Musik des 20.Jahrhunderts und von Aribert Reimann, den er zur Oper "Lear" anregte und die Titelrolle bei der Uraufführung übernahm.

    mfG
    Michael

  • Eine schöne Geschichte hatte ich mir heute ausgedacht. Ein Liedfreund und Leser des Tamino-Forums stößt auf die – dort mehrfach abgebildete, aber nicht näher kommentierte - Anzeige der CD mit Eisler-Lied-Interpretationen von Dietrich Fischer-Dieskau. Er kauft sie sich und studiert erst einmal den Inhalt. Da stößt er unter Take 7 auf das Lied „An den Schlaf“.


    Schlaf! süßer Schlaf! obwohl dem Tod wie du nichts gleicht,
    Auf diesem Lager doch willkommen heiß ich dich!
    Denn ohne Leben so, wie lieblich lebt es sich!
    So weit vom Sterben, ach, wie stirbt es sich so leicht!


    Sofort erinnert er sich, denn er ist ja nicht nur ein Liedfreund, sondern auch ein Liedkenner (was nicht unbedingt dasselbe ist), dass dieses Mörike-Gedicht auch von Hugo Wolf vertont wurde. Das nun kennt er sehr genau. Und er weiß:
    Man weiß nicht recht, wie man dieses „Ach, wie stirbt es sich so leicht“ hören soll. Drückt diese fallende melodische Linie nur Müdigkeit aus? Oder liegt darin ein stilles Einverständnis mit dem Tod? Die chromatischen Akkorde im Klaviersatz, die ja ansteigen, während die melodische Linie der Singstimme wie zum Ruhepunkt hinstrebend herabsteigt, legen eigentlich letzteres nahe. Und die harmonische Auflösung, die die chromatischen Vorhalte permanentverlangen, ohne dass sie ihnen gewährt wird, tritt mit den letzten E-Dur-Akkorden tatsächlich ein.


    Dies im Kopf hört er sich als erstes Lied eben diese Vertonung von Hanns Eisler an. Er kannte bislang kein einziges Lied von diesem Komponisten.
    Und da geht ihm eine ganze Menge Licht über diesen auf. Es mündet in die Erkenntnis, dass da einer offensichtlich ein ganz und gar moderner Liedkomponist ist. Einer, dem es – im Unterschied zu Hugo Wolf - nicht darum geht, das in Musik zu setzen, was der Dichter sagt, sondern darum, dessen lyrischen Text dazu zu benutzen, mit musikalischen Mitteln seine eigene Lebenshaltung und Weltanschauung zum Ausdruck zu bringen.


    Eine Stunde lang habe ich an dieser Geschichte geschrieben. Es hat mir Freude gemacht. Dennoch habe ich sie dann nicht hier eingestellt, sondern gelöscht.
    Sie schien mir plötzlich ganz und gar unrealistisch.

  • Zitat

    Dennoch habe ich sie dann nicht hier eingestellt, sondern gelöscht.
    Sie schien mir plötzlich ganz und gar unrealistisch.


    Dazu fällt mir leider kein Kommentar ein. :(


    LG
    Alfred

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  • Zit.: "Dazu fällt mir leider kein Kommentar ein."


    Ich freue mich auch über sieben Worte Nicht-Kommentar.


    Dieses Lied Eislers auf das Gedicht von Mörike mutet auf den ersten Höreindruck hin wunderlich an. Der Schlaf wird bei Mörike ja ausdrücklich als „süß“ bezeichnet, und sein Kommen wird begrüßt, - allerdings mit dem Wissen um die Nähe des Schlafs zum Tod. Auf diese dem lyrischen Text eigene Ambivalenz reagiert Hugo Wolf mit einer zwar an Modulationen reichen Harmonik, - aber einer die in ihrem Pendeln zwischen Dur und Moll ebenfalls ambivalent ist.


    Bei Hanns Eislers Vertonung ertrinkt die melodische Linie der Singstimme förmlich in atonaler Chromatik. Das fängt schon mit dem Vorspiel an: In fallender, atonaler Linie angeschlagene Einzeltöne münden in einen chromatisch verfremdeten Akkord. Eigentümlich mutet die Vokallinie des zweiten Verses an: Sie ist in der Art der Bewegung der Singstimme der von Hugo Wolf ähnlich. Aber es fehlt ihr jegliche Anmutung von Lieblichkeit, sie meidet den Bogen, der bei Wolf am Ende zu vernehmen ist und ist durchweg von einem Klageton geprägt. Das „doch“ im dritten Vers wirkt mit dem überraschenden Tonsprung so, als habe des lyrische Ich sich das Begrüßen des Schlafs abgetrotzt. Und dazu passt, dass die Vokallinie am Ende dieser Melodiezeile auf einer tonalen Ebene verharrt.


    Bei den Worten „wie lieblich lebt es sich“ macht die melodische Linie große Sprung- und Fallbewegungen und gipfelt bei dem Klageruf „ach“ in hoher Lage auf. Der letzte Vers, jener, der vom „so leichten Sterben“ handelt, wirkt klanglich mit der aus der Höhe des „ach“ kommenden Fallbewegung der Vokallinie, als wolle das lyrische Ich sich das, was der lyrische Text sagt, einreden, ohne wirklich daran glauben zu können. Der verminderte Quartfall auf dem Wort „leicht“ scheint darauf hinzuweisen.
    Den „leichten Tod“ gibt es nicht.

  • Ein paar ungeordnete Assoziationen zu dem bisher Geschriebenen.


    "Kunstlied" - schon das Wort muss für Eisler ab Mitte der 1920er-Jahre die schiere Provokation dargestellt haben. Dabei begann er - nach einem bereits umfangreichen Liedwerk 1917-21 (welches seit einigen Jahren im entsprechenden Gesamtausgabenband lückenlos dokumentiert ist) - als "öffentlicher" Komponist eben u. a. mit komplexen, eindringlichen, ausdrucksstarken Kunstliedern, nämlich op. 2, nach Texten von Matthias Claudius(!), Hans Bethge und Klabund, 1922 und 1923. Dieses op. 2 widmete der Schönberg-Schüler dem 15 Jahre älteren Schönberg-Schüler Anton Webern. M. E. ist die Tonsprache bei aller Schärfe in sich stimmig, und sie hat Charakter. Ab Mitte der 1920er-Jahre strebt Eisler nach einem ganz anderen Ausdruck...


    Im sog. Hollywooder Liederbuch, das viele, viele Brecht-Lieder enthält, aber auch die im Forum schon mal gestreiften Hölderlin-Fragmente und anderes mehr, stehen einige Eisler-Fakturen in exemplarischer Weise vor uns. Er zeigt immer wieder Interesse an einer dodekaphonischen Anlage, ABER: er will sie EINFACHER halten als Schönberg, weniger punktuell als Webern, auch weniger binnenromantisch als Berg. Auch in diesen, durch die Zwölfton-Anlage ja einheitlicher wirkenden Liedern liebt Eisler die "Brüche" - realisiert sie z.B. durch plötzliche Schreck-Momente. Wieder so einer wie Strawinsky, dem "Musik, die man mit geschlossenen Augen hört, verdächtig" ist... Aber auch der Eisler der (Verzeihung das unschöne Wort) der "kaputten Tonalität" ist reichlich vertreten: ein Lied beginnt scheinbar "romantisch", das geht sogar manchmal verdächtig lang "gut", aber irgendwann kommt er, der radikale gestische, stilistische Bruch. Das "Romantische" wendet Eisler auch zu gerne in seicht geführtem Bar-Musik-Idiom an; um es als "verbraucht" zu entlarven. Dies ist halt eine Musik, die fast ausschließlich auf wachen Mitvollzug hin angelegt ist und so gar nicht zum Genießen... Nur wird glaub ich auch dem "feindselig" gewordenen Hörer klar: Dieser "Querdenker" (Zitat aus dem Forum) weiß stets, was er will. Zu Bert Brechts Lyrik passt dieses musikalische Verfahren jedoch zeitweise so verblüffend genau, dass man nicht umhin kann, von einer Art Höherer Stimmigkeit zu sprechen, nach einigen durchmessenen dialektischen Spiralen.


    Soviel zu Teilaspekten des Lied-Komponisten Eisler. Was ich Euch wirklich empfehle zu hören, ist sein wahrscheinlich stärkstes Kammermusikwerk, 1941 aus einem ursprünglichen Filmmusik-Projekt herausdestilliert und 1944 Arnold Schönberg zum 70. Geburtstag gewidmet, in der "Pierrot lunaire"-Besetzung Flöte, Klarinette und Klavierquartett (aber OHNE Sprechgesang): "14 Arten den Regen zu beschreiben". 12 Minuten derart spannender, frischer, avancierter, aber nie hermetischer Musik, dass man ihrem Schöpfer fast verzeihen will, wie barbarisch er anderen Orts mit Hölderlins Lyrik umsprang, indem er sie wie im Gemischtwarenhandel für seine Zwecke besorgte, zerstückelte etc. ...


    Und abschließend will ich doch noch auf drei Lieder hinweisen, in welchen diesem absichtsvollen Komponisten quasi durch die Hintertür doch einmalig organische Lieder gelingen. Mein erstes Beispiel überrascht vielleicht. Es ist "Die letzte Elegie" aus dem Hollywooder Liederbuch, Juli 1942 entstanden, unmittelbar nach der Entstehung von Brechts Gedicht "Über die vier Städte". Klar, kein "schönes" Gedicht, aber ein stimmiges. Und Eisler gelingt m.E. das wirkliche Kunststück, einerseits genau diesem Gedicht den idealen musikalischen Rahmen zu geben, andererseits in derart AUSGEHÖRTER Zwölftonalität doch auch eine Transformation des Gedichts zu leisten - ich habe keine Sprache dafür, aber nach vielen, vielen Aufführungen dieses Liedes ist es mir merkwürdig ans Herz gewachsen. - Die anderen Lieder gehören der DDR-Zeit an, beide 1955 komponiert. "Im Blumengarten", wiederum nach Bert Brecht. Endlich mal ein "einfach schönes" Lied; aber die Klavier-Rahmung bewahrt es vorm Abgleiten. Schließlich "L'Automne prussien", wo Eisler selbst den kurzen Text verfasst hat. Für mich pure Magie. Ein Nebenwerk, ein großes Kleinod.


    Fazit: Ich möchte ihn mit dabei haben in der Liedgeschichte, diesen Leipziger Wiener, diesen Hollywooder Ostberliner, diesen wachen, empfindsamen, provokanten Musiker.


    Robert Klaunenfeld

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    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

    Einmal editiert, zuletzt von Rheingold1876 () aus folgendem Grund: Beitrag hat sich inhaltlich erledigt und wurde deshalb gelöscht.

  • Eisler wurde in Leipzig geboren und wuchs in Wien auf, hatte einen österreichischen Vater und eine deutsche Mutter, war von daher also Deutsch-Österreicher, und das ganz unabhängig von allen vorhandenen oder nichtvorhandenen Pässen.


    Manchmal können fehlende Pässe freilich lebensrettend sein, so jedenfalls beim großen Eisler-Interpreten Ernst Busch, Anfang der 1940er Jahre in Berlin:


    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Bis auf weiteres keine neuen Beiträge mehr von mir außerhalb meiner Besetzungsrubriken!

    Einmal editiert, zuletzt von Stimmenliebhaber ()

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    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Ich danke Dir und Stimmenliebhaber für die erhellenden Antworten. :)

    Und ich danke dir für die Wiederbelebung dieser Rubrik, die eröffnet wurde, als ich nicht Mitglied dieses Forums war. Mir ist das Liedschaffen Hanns Eislers durchaus wichtig.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Bis auf weiteres keine neuen Beiträge mehr von mir außerhalb meiner Besetzungsrubriken!

  • Zu Eislers „Hollywooder Liederbuch“:

    Fragt man nach den liedkompositorischen Intentionen Eislers und der ihnen zugrundliegenden Motivation, so liefern die annähernd 50 Klavierlieder seines Hollywooder Liederbuchs eine Fülle an Informationen. Dabei ist ein Sachverhalt besonders interessant und vielsagend:
    Die Tatsache, dass er neben den Themen, die mit der allgemeinen weltpolitischen Lage, dem Krieg insbesondere, seiner eigenen Exil-Situation und der ihn umgebenden fremdsprachlich-amerikanischen Lebenswelt zusammenhängen, deutsche Lyrik vertonte. Achtundzwanzig Kompositionen haben Brecht-Lyrik zur Grundlage, daneben finden sich u.a. aber auch Vertonungen von Hölderlin (sechs Fragmente), Eichendorff, Goethe, Blaise Pascal und Rimbaud. Auf dem Autograph des Hölderlin-Fragments „An eine Stadt“ bringt er – und das ist bemerkenswert – die Notiz an: „Franz Schubert gewidmet“.

    Warum dieser Griff nach deutscher Lyrik und eine solche Widmung,- dort im Deutschland so fernen Exil?
    Ist das als Ausdruck von Heimweh zu verstehen? Oder handelt es sich eher um eine dialektische Auseinandersetzung mit repräsentativen Elementen deutscher und europäischer Kultur?
    Wohl beides ist der Fall. Er selbst hat später, in seinen „Gesprächen mit Hans Bunge, diese Vertonungen mit den Worten kommentiert:
    „Stellen Sie sich vor: Ich sitze als alter Kommunist, emigriert, in Amerika; ich sehe die Panzerschlachten und schreibe ein Gedicht zur Verherrlichung Deutschlands. Sie müssen zugeben: Wenn es Dialektik gibt, ist das Dialektik.“.

    Es spricht geradezu Bände, wenn Eisler Eichendorffs Gedicht „In der Fremde“ vertont, dabei aber mit dem vierten Vers abbricht und diesen umformuliert in: „Es kennt mich dort niemand mehr“. Zugleich ist dieser Abbruch aber auch ein typisches Strukturmerkmal seiner Liedvertonungen ganz generell. Viele enden entweder in einem schroffen Schlussakkord oder weisen gar ein offenes Ende auf.
    Der Musikwissenschaftler Fritz Hennenberg bezeichnet diese Liedschlüsse als „verräterisch“ und führt dazu im einzelnen aus:
    „Besonders verräterisch sind die Schlüsse, die nämlich in der Regel keinen Punkt setzen, also die Tonalität bestätigen, sondern offenbleiben, sie mithin in der Schwebe lassen, als sollte damit ausdrücklich werden, daß ein Weiterdenken, ein Zu-Ende-Denken erforderlich ist. Der Mittel dazu gibt es viele: Dissonanzcluster (>Frühling<), dynamischer Schock (>An eine Stadt<), unaufgelöster Vorhalt (>Despite these miseries<), abgerissene Motorik (>Vom Sprengen des Gartens<), aufgefaltete Dissonanzen (>2. Anakreontisches Fragment<)“.

    Ganz offensichtlich ist dies das Brechts Konzept des epischen Theaters, hier auf die Liedkomposition übertragen. Man soll sich nicht in die Liedmusik hineinziehen lassen und darin in Wohlgefühl aufgehen. Vielmehr kommt es darauf an, dass sie – und dazu diese verschiedenen Formen des offenen, bzw. schroffen Schlusses – ihren Rezipienten einen Impuls gibt, sie gleichsam weiterzudenken und damit in einen eigenständigen kognitiven Prozess überzugehen.

  • https://www.ardmediathek.de/ar…tYTIwOS04Y2E4MDIzNzU3MGM/


    Da es keinen allgemeinen Thread über den österreichischen* Komponisten Hanns Eisler gibt, stelle ich diese intertessante Dokumentation hier ein.


    * Ich will keinen alten Streit neu anfachen. Aber ich halte Eisler nach wie vor für einen deutschen Komponisten. So wird er auch in allen Büchern geführt, die mir im Moment zur Verfügung stehe.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Ich danke für diesen hochinteressanten Link zu dieser für mich sehr lohnenden Sendung.


    Nochmal zur Frage, ob Eisler ein deutscher oder ein österreichischer Komponist ist? Er ist in Deutschland (Leipzig) geboren und in Österreich (Wien) aufgewachsen, der Vater war Österreicher, die Mutter Deutsche, den Großteil seines Lebens und Wirkens verbrachte er in Deutschland. Wenn man schon unbedingt meint kategorisieren zu müssen, ist er meines Erachtens am ehesten ein deutsch-österreichischer Komponist, ein deutschsprachiger Komponist. So wichtig finde ich aber solche Kategorisierungen nicht. Sie verstellen viel eher den Blick auf den Künstler und sein Werk, als dass sie ihn erhellen.


    Bemerkenswert finde ich den Satz des Liedinterpreten Holger Falk: "In Deutschland hat es seit Schubert keinen gegeben, der solche Melodien schreiben kann wie Eisler" (ab 11:30).


    Besonders dankbar bin ich für die kurzen Ausschnitte, in denen "Rolli" (Rolf Ludwig) den Beginn von den "Igeln in der Abendstunde" singt - und "Irmchen" (Irmgard Arnold, die in wenigen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre) den Beginn vom "kleinen Radioapparat" singt. Beides kannte ich bislang noch nicht.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Bis auf weiteres keine neuen Beiträge mehr von mir außerhalb meiner Besetzungsrubriken!

  • Eine neue Aufnahme mit Eisler-Liedern ist erschienen: Vier CDs (die vierte ist ab Donnerstag dieser Woche lieferbar), Interpret ist der Barition Holger Falk, er wird begleitet von Steffen Schleiermacher.
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    Diese Aufnahme fand eine ausführliche Würdigung in einem langen, von Gerald Felber verfassten Artikel in der gestrigen FAZ (11.11.2019), betitelt mit „Schmerz, der Aphorismus wird“ und den ergänzenden Worten: „Klarer und deutlicher als bei Fischer-Dieskau: Die Edition der Lieder von Hanns Eisler mit Holger Falk und Steffen Schleiermacher lässt einen verletzlichen Kämpfer hervortreten – durch Schlichtheit.“

    Die Initiative zu dieser bislang umfangreichsten und – wie mir nach erstem Hineinhören erscheint – voll und ganz gelungenen Edition der Eisler-Lieder ging von dem Leipziger Komponisten und Pianisten Steffen Schleiermacher aus, der Hanns Eisler für einen der wenigen großen Liedkomponisten jüngerer Zeit hält und das „Hollywooder Liederbuch“ als „den wohl bedeutendsten Liederzyklus des zwanzigsten Jahrhunderts“ bezeichnet.

    Zu Holger Falks gesanglicher Interpretation merkt der Rezensent an:
    „Andererseits“ – diese einleitende Einschränkung bezieht sich auf die Tatsache, dass, da nur ein Sänger eingesetzt wurde, Transpositionen erforderlich wurden (was ich auch bedauere) – „vermag der Sänger seiner Stimme so viele Nuancen zwischen Zerbrechlichkeit und Wucht abzugewinnen, dass sich gerade wegen dieser stets identischen Ausgangspalette die chamäleonhafte Wandlungsfähigkeit der Eisler´schen Ausdruckswelt besonders gut erschließt.“

  • Hallo lieber HH.....


    0760623212623.jpgKlick ab Freitag!


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Danke, lieber Fiesco!

    Ganz im Stillen hatte ich gehofft, dass mir ein freundlicher Tamino unter die - diesbezüglich nach wie vor untauglichen - Arme greift.

    Du bist derselbe, - und das ja nicht zum ersten Mal, wie mir sehr wohl bewusst ist.

  • Lieber HH immerwieder gerne:!:

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Zu einer kleinen, meinen obigen Bericht über die neue Eisler-Lied-Edition ergänzenden Anmerkung drängt es mich doch noch. Ich konnte sie dort nicht machen, weil ich in der reinen Bericht-Haltung zu verbleiben hatte.

    Dass Eislers "Hollywooder Liederbuch" der "wohl bedeutendste Liederzyklus des zwanzigsten Jahrhunderts“ sei, an dieser These sind wohl Zweifel erlaubt. Schon allein deshalb, weil es sich dabei ja gar nicht um einen "Liederzyklus" handelt, sondern um eine Sammlung von Liedkompositionen, die, was Inhalt und liedsprachlichen Stil anbelangt, bunter und vielgestaltiger gar nicht sein könnte.

    Aber darauf möchte ich später, wenn ich mich etwas weiter in diese vier CDs vertieft habe, noch näher eingehen.