Beethoven: Klaviersonate cis-moll Nr. 14 op.27/2 "Mondschein-Sonate" - CD-Rezensionen und Vergleiche (2013)

  • Die Diskussionen um den Stellenwert Alfred Brendels haben die Entstehung dieser Threadserie zwar nicht verursacht - wohl aber beschleunigt. Gleichfalls wurde die Organisation insofern geändert, daß wie nicht - wie ursprünglich geplant - mit der Sonate Nr 1 sondern mit der allseits gut bekannten Sonate Nr 14 op 27 Nr 2 "Mondschein-Sonate" begonnen wird, weil hier allfällige Interpretationsunterschiede auch für den einigermaßen interessierten Laien relativ gut zu erkennen sind.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred Schmidt

    Interpreten SIND Sklaven !

  • ich habe lange überlegt ob ich mit Brendel beginnen soll - und habe mich trotz aller Einwände DAFÜR entschlossen. Ich ermuntere alle, die sich berufen fühlen, auch etwas über diese Aufnahme zu schreiben. Und damit sind wir beim Thema -Die von mir gehörte Aufnahme stammt vom April 1993 Reitstadel, Neumarkt für Philips.
    Brendel nimmt den ersten Satz geringfügig schneller, als ich es gewohnt bin, er verzichtet hier auf einen Effekt, der den Kontrast zu den anderen Sätzen erhöht. Eigenartigerweise habe ich das zwar registriert, nicht aber als Mangel empfunden, der bekannte Zauber des Satzes stellt sich dennoch ein. Brendel spielt ihn entspannt und gelöst, ohne besondere Effekte hervorbringen zu wollen. Wieder sind wir beim unterschwelligen Gefühl angelangt: So und nicht anders - aber aus Hörerfahrung heraus wohl wissend, daß man diesen Satz durchaus auch anders überzeugend spielen kann - vermutlich ein Verdienst des Genies Beethoven.
    Der kurze Mittelsatz macht in Sachen Tempo keine Ausnahme. Brendel spielt ihn ohne jeglichen aufgesetzten Akzent.
    Der Finalsatz wird mit dem gebotenen Zuwachs an Kraft gespielt, aber ohne "Löwenpranke", kein "Inferno", keine Übertreibung, sondern immer klug kalkuliert und wohl dosiert. Da gibt es keine Aggression, kein "da schaut her" Brendel ist kein "haudrauf" um es mal flapsig zu formulieren sondern gehört eher in die Gruppe der "Philosophen am Flügel" deren es im Laufe der Tonaufzeichnung wohl einige gab, aber jeder hatte irgend etweas spezifisches, unverwechselbares, das ihn selbst von "Seelenverwandten" unterscheidet. Mal sehen ob wir in der Lage sind die Unterschiede zu analysieren, zu erkennen und mit allgemein verständlchen Worten zu artikulieren. Alles in allem hören wir hier eine sehr ausgewogene und überzeugende Aufnahme, die natürlich nicht "neutral" sondern subjektiv gefärbt ist - Brendel sei Dank.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred Schmidt

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Wie der so Zufall spielt, habe ich seit einigen Tagen intensiv die Monscheinsonate vergleichgehört. Ich bin mit dem Notizenmachen noch nicht fertig, daher werde ich heute noch nichts konkretes schreiben. Der Vergleich soll schlussendlich folgende Aufnahmen umfassen:


    Brendel I, II, III
    Gould
    Gulda
    Buchbinder I, II
    Schiff
    Kempff
    Pommier


    Leider habe ich Gould, Brendel I und III noch nicht zuhause. Die Aufnahmen sind bestellt - allerdings bei jpc und das kann etwas dauern. Wahrscheinlich werde ich also die nächsten Tage eine vorläufige "Studie" posten. Grundlage für meine Kommentare ist die Urtextausgabe der Sonate erschienen beim Henle-Verlag. Eines kann ich allerdings jetzt schon verraten: vorne sind bei mir Gulda und Schiff.

  • Lieber Felix,
    Wir haben keine Eile. Das Projekt soll letzlich ALLE Beethoven Sonaten umfassen, nicht jeder wird sich an allen beteiligen wollen, manch einer aber mit mehreren Pianisten, die unter Bezugnahme zueinander aber möglichst in einzelnen Threads untergebracht werden sollten. Der Übersicht zuliebe. Auch ich selbst werde bei der Sonate Nr 14 mehrere Pianisten zu beschrieben versuchen, wobei es sich natürlich um subjektive Eindrücke handelt. Daher ist es durchaus Erwünscht, daß sich viele beteiligen und es auch verschiedene Standpunkte zu ein und derselben Aufnahme gibt, welche einander auch widersprechen dürfen. Das ist einer der Vorteile, die wir gegenüber den Klassikfachzeitschriften haben. Weder müssen wir eine eindeutige Aussage treffen, noch sind wir zu absoluter Neutralität verpflichtet. Eine "Rezension" egal auf welchem Niveau sagt ja zumeist über den Geschmack des Rezensentern mehr aus als über die Aufnahme an sich. Man muß nur herausfinden, welche "Autoren" mit einem auf einer Linie liegen - und schon ist es ganz leicht die für einen selbst passende Aufnahme herauszufiltern.....


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred Schmidt

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Den Beschluss ein paar Sonaten ganz genau mit Notentext vergleichzuhören habe ich schon vor einigen Tagen getroffen, und zwar natürlich angeregt von der Brendeldebatte, die mich wirklich beschäftigt. Dementsprechend hatte ich mir einen etwas größeren Ansatz zurechgelegt. Keineswegs muss aber jeder in diesem Thread so verfahren! Ich werde wohl aus Zeit- und vor allem Geldgründen nicht alle Sonaten so durcharbeiten können. Da Mondschein, Pathetique und Appassionata sehr oft auf einer CD gekoppelt sind (zumeist Ausgliederungen aus Gesamtaufnahmen), werde ich mich zunächst auf diese Sonaten konzentrieren. Hier besitze ich nämlich die bei weitem größte Zahl an Aufnahmen.

  • Ich habe mir überlegt, welche Aufnahme ich zuerst vorlegen soll und bin dann auf Michael Korstick gekommen, von dem ich weiß, dass er es vor allem liebt, langsame Tempi besonders langsam, aber auch besonders spannungsreich zu spielen:

    So der erste Satz, der mit "Adagio sostenuto" überschrieben ist, langsamer zu spielen als ein "normales" Adagio, wobei die Töne länger gehalten werden sollen und mehr Gewicht bekommen. In der Tat ist Korstick auch von allen, die ich mir zum Vergleich herangezogen habe, am langsamsten, aber mein Gott, mit welchem Ergebnis. Die Töne kommen in der Tat so gewichtig und so klar, dass es eine Freude ist. Jeder einzelne Ton hat seinen Platz und braucht seine Zeit.
    Und es geht Korstick sicher nicht darum, den Unterschied zwischen dem Kopfsatz und dem Finale zu vergrößern, das ergibt sich von ganz allein aus den Vortragsbezeichnungen "Adagio sostenuto" und "Presto (agitato)". Ich habe das "agitato" hier in Klammern gesetzt, weil es nur in den hier bereit gelegten Aufnahmen von Arrau und Gilels so steht, während bei Brendel und bei Korstick nur "Presto" steht. Doch ich finde, dass auch bei ihnen beiden ein "agitato " durchaus berechtigt ist, was mir beim Gegenhören des Schlusssatzes durch Brendel auch aufgefallen ist.
    Auch im Mittelsatz gibt es keine einheitlichen Satzbezeichnungen. Während es bei Brendel, Arrau und Gilels "Allegretto" heißt, heißt es bei Korstick "Allegro".Die temporalen Unterschiede sind hier jedoch nicht allzu groß, wie die untenstehende Übersicht zeigen wird.


    Warum jedoch Korstick dieses Presto agitato wörtlicher nimmt als die anderen drei, hört man vom ersten Tone an. "Der Hut flog mir vom Kopfe", heißt es in dem Lied "Am Brunnen vor dem Tore" aus der Winterreise. So fühlte ich mich fast, als Korstick im Finale lospreschte. Aber auch das beherrscht er aus dem Eff-Eff. Ebenso wie er langsame Sätze (s.o.) ähnlich wie Richter mit extrem langsamem Tempo extrem spannungsreich gestalten kann, ist er in der Lage, solche schnellen Sätze wie dieses Presto agitato Ton für Ton klar und äußerst mitreißend zu Gehör zu bringen. Brendel spielte der Satz auch agitato aber hörbar nicht so schnell.
    So kann man also wie so oft bei Beethoven zu dem Schluss kommen, dass sowohl ein aus den Satzbezeichnungen hervorgehender großer Gegensatz ebenso berechtigt ausgedrückt werden kann wie ein Vortrag, der die Extreme etwas abmildert, wie es Brendel tut. Vielleicht wäre es interessant, einmal alle drei Versionen Brendels aus den 60er, 70er und 90er jahren hier zu vergleichen, um zu sehen, ob und vielleich wie sich das bei ihm geändert hat.


    Korstick: 7:17-2:11-6:46 -- 16:14 min.;
    Brendel: 5:43-2:18-7:31 -- 15:42 min.;
    Arrau: 6:46-2:25-7:41 -- 16:52 min.;
    Gilels: 6:06-2:32-7:08 -- 15:46 min.;


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Der zweite Satz ist definitiv mit "Allegretto" überschrieben, wobei alle Interpreten ihn sehr schnell nehmen, wenn man bedenkt, dass das Stück in Vierteln und Halben notiert ist. Für mich ist das dann de facto Allegro. Der letzte Satz hat die Überschrift "Presto" und das agitato ist eine sekundäre Vortragsangabe über die Sechzehntel der linken Hand notiert. Ob das eine sinngebende Bedeutung hat, ist mir nicht bekannt. Ich muss allerdings sagen, dass Arrau und Brendel gut ein Stück langsamer sind als die anderen, die ich höre. Korstick ist nur ein wenig schneller als Gulda (6:53) oder Buchbinder 1980 (6:59).

  • Danke für die Tipps. lieber Felix, ich bin, was die Musikpraxis angeht, ein absoluter Laie. Ich habe zwar auch eine sogenannte Urtextausgabe der Sonaten aus dem Tandemverlag aus Königswinter, die es mal, man glaubt es kaum, vor Jahren bei Aldi gab. Ich tue mich sehr schwer damit, die Noten bei schnellen Sätzen wie dem Presto zu verfolgen.


    Liebe Grüße


    Willi :)

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    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich tue mich sehr schwer damit, die Noten bei schnellen Sätzen wie dem Presto zu verfolgen.


    Das geht auch bei mir ziemlich an die Grenze :D Da ich den Satz aber die letzten Tage sicher 30 x durchgehört habe, bin ich schon richtig gut geeicht. Aber nach dem Vergleich reicht's mir mit der Sonate wieder für ein paar Jährchen.

  • Nun, dann will ich auch mal mein Glück damit versuchen. Beim Kopfsatz und beim Allegretto (das steht tatsächlich auch in meiner Ausgabe so) geht es ja noch. Mal schaun, wie es im Presto klappt.


    Liebe Grüße


    Willi :)

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  • Sagitt meint:


    Wer ist denn op. 18? Jedenfalls keine Klaviersonate von Beethoven.


    Vergleiche ich Horowitz und Gould mit dem dritten Satz von op. 27 Nr. 2 , ist Gould zwar gefühlt der schnellere, aber es klingt nicht so gehetzt wie bei Horowitz. Bei langsamen Sätzen fällt Gould ja meist nichts ein. Die werden oft zerhackt.

  • Bei langsamen Sätzen fällt Gould ja meist nichts ein. Die werden oft zerhackt.


    Das soll kein Gould-Thread werden, aber hier sei deutlicher Widerspruch doch gestattet. Gould spielt manche langsamen Sätze Bachs oder Brahms so schön wie niemand sonst. Die "Zerhackungen" sind immer eine gewählte Interpretation und rühren nicht daher, dass er nicht wüsste, wie Adagios zu spielen seien. Gerade den ersten Satz der Mondscheinsonate kann wirklich absolut jeder - genauer: jeder, der Noten lesen kann - so spielen, dass es gut klingt. Die Angaben sind klar, die Schwierigkeit ist geringer als die eines typischen Anfängerstücks.

  • Die Mondscheinsonate gehört sicherlich zu den zwei oder drei berühmtesten Klavierkompositionen Beethovens und wurde dementsprechend oft aufgenommen. Das Werk ist als „Sonata quasi una Fantasia“ bezeichnet, was auch durch den ungewöhnlichen Aufbau des Werkes reflektiert wird. Der erste Satz ist nämlich ein getragenes Adagio („Adagio sostenuto“), das unvermittelt (attacca) in den zweiten Satz, ein graziles Menuett, übergeht. Der zweite Satz wirkt fast wie erdrückt zwischen dem verträumten Adagio (daher der Name „Mondschein“) und dem stürmischen Finalsatz, der als archetypisch für beethovenschen Furor gilt. Der Finalsatz ist ein ausgedehnter Sonatensatz mit einer konzertähnlicher Kadenz am Schluss. Meines Wissens wurden die „Leiden des jungen Werther“ als Hintergrundprogramm der Mondscheinsonate suggeriert. Dies ließe sich halbwegs mit dem Notentext vereinbaren, muss aber schließlich doch nur Spekulation bleiben.


    Mir liegen zur Zeit folgende Einspielungen vor:


    Wilhelm Kempff, 1965
    Friedrich Gulda, 1968
    Alfred Brendel, 1972
    Rudolf Buchbinder, 1980 und 2010
    Jean-Bernard Pommier, 1992
    András Schiff, 2007


    Brendels Aufnahmen aus den 1960ern und 1990ern und Glenn Goulds Einspielung sind bestellt. Deren Besprechungen werden nachgereicht.


    Das Gehörte verglich ich mit der Urtextausgabe der Sonate, erschienen im Henle-Verlag.



    Kempff, 1965 (6:00/2:19/5:30):


    Der erste Satz gelingt Kempff sehr gut. Das Adagio ist gefühlvoll gespielt ohne wirkliche Besonderheiten aufzuweisen. Ebenso der zweite Satz, den Kempff ganz nah an den Vorgaben ausführt. Die Besonderheiten – leider negative – finden sich erst im Finale, dessen Anfang Kempff völlig misslingt. Es handelt sich hier um eine Liveaufnahme des späten Kempff, also sind technische Mängel nicht wirklich überraschend. Die linke und rechte Hand laufen zu Beginn nicht synchron und das Klangbild bleibt auch weiterhin intransparent. Die Wiederholung der Exposition lässt Kempff aus. Daher auch nur 5:30 für den Schlussatz. Bei ausgeführter Wiederholung käme man wohl auf 7:30 o.ä. Fazit: für Fans.



    Gulda, 1968 (6:29/2:31/6:53):


    Entgegen der üblichen Charakterisierung Guldas Spiel als „kaltschnäuzig“ oder „brutal“, spielt er den ersten Satz wunderbar verhalten und zart. Auffallend ist die Prominenz der linken Hand, die manchmal die Oktaven im Bass anspielt wie einen „Ruderschlag“. Für mich entsteht so ein wenig der Eindruck einer Bootsfahrt bei Mondenschein. Der zweite Satz gerät Gulda so zart und grazil wie er eben sein soll. Im Finale braust er dann so richtig los, was ihn aber bei seiner stupenden Technik vor keinerlei Probleme stellt. Das Klangbild ist völlig transparent, der Bass klopft so richtig schön und die dynamischen Anweisungen Beethovens werden bis ins kleinste Detail beachtet. Keinerlei Ritardandi. Fazit: eine rundum gelungene Aufnahme.



    Brendel, 1972 (6:01/2:25/7:31):


    Brendel legt im Adagio großes Gewicht auf Klangschönheit in der rechten Hand. Brendel versucht Beethovens Vorgabe, das Stück ohne Dämpfer zu spielen, weitgehend zu folgen. Die Stimmung, die dadurch entsteht ist tatsächlich sehr nokturn. Auffällig ist, dass er im chromatischen Bogen genau in der Mitte des Satzes ein Crescendo spielt. Das ist durchaus wirkungsvoll, allerdings von Beethoven nicht vorgesehen. Trotzdem, das ist für mich die gelungenste Stelle in Brendels Interpretation dieser Sonate. Der zweite Satz ist nämlich durchaus weniger gelungen: Brendels Anschlag ist viel zu weich, das vorgeschriebene staccato praktisch nicht herauszuhören. Folglich verliert der Satz völlig seine Grazilität und wird schwerfällig. Auch im Finalsatz spielt Brendel des öfteren abweichend vom Notentext. Vorgeschriebene Crescendi ignoriert er gerne und in den Passagen mit punktierten Achteln nimmt er zumeist die Spannung heraus. Sehr schön spielt er aber den Legatobogen des Expositioneils in den Takten 19-20. Insgesamt gerät Brendel der Satz vergleichsweise gemütlich. Fazit: der erste Satz kann mit einigen Highlights aufwarten. Die übrigen Sätze haben mich weniger überzeugt.



    Buchbinder, 1980 (4:46/1:53/6:59):


    Des is nix! Der erste Satz viel zu schnell und uninspiriert. Detto der zweite, der völlig verhuscht wird. Das Trio wird geradezu in die Tasten gehämmert. Einzig der Finalsatz weiß zu überzeugen und ist der Interpretation Guldas sehr nah. Fazit: die am wenigsten empfehlenswerte Aufnahme, die mir, so weit, vorliegt.



    Pommier, 1992 (6:12/2:02/7:36):


    Das ist eine gute, ordentliche Interpretation ohne viele Besonderheiten. Der erste Satz gelingt Pommier zart und ansprechend. Der zweite Satz ist vielleicht ein kleines bisschen schnell, aber nicht übertrieben schnell, und geschmackvoll umgesetzt. Einige Besonderheiten weist der Finalsatz auf, denn Pommier gönnt sich einige rhytmische Freiheiten, indem er in den Passagen mit punktierten Achteln (bspw. T42 ff.) die jeweils erste Note etwas gedehnt spielt. Ein durchaus angenehmer Effekt. In der Coda bei „Tempo I“ spielt er als einziger pp statt p (was allerdings nicht vorgeschrieben ist). Auch dies durchaus effektvoll. Fazit: eine gelungene Aufnahme.



    Schiff, 2007 (4:28/2:25/7:28):


    Diese Interpretation ist mit Abstand die ungewöhnlichste, denn Schiff spielt den ersten Satz, wie von Beethoven verlangt, tatsächlich ohne Dämpfer (d.h. durchgehend mit Pedal). Zu diesem Zweck muss er sehr schnell spielen, um das Stück nicht auseinanderfallen zu lassen. Das Ergebnis kann sich aber trotzdem hören lassen, denn es entsteht so eine Art Klangwolke, die die Stimme in der rechten Hand noch mehr zur Begleitstimme macht als gewohnt. Dadurch klingt der Satz dennoch nach einem Adagio und nicht verhetzt (wie bei Buchbinder 1980). Im zweiten Satz spielt Schiff sehr markantes staccato und kann dem Satz noch mehr Grazilität verleihen als seine Kollegen. Schiff ist wirklich ein „Anschlagwunder“. Auch im Finale bedient er sich einer sehr feinen Klinge, die Läufe geraten fast staccato – auch der Legatobogen in Takt 19 klingt wie gebundenes staccato (so etwas ist normalerweise nur mit einem Streichinstrument möglich). Immer wieder schöne Feinheiten wie die Phrasierung der Achtel in Takt 147 – 149. Fazit: eine absolute Meisterleistung. Aufgrund der besonderen Interpretation des Adagios würde ich Schiff aber nur als ergänzende Einspielung empfehlen.



    Buchbinder, 2010 (6:43/2:11/7:10):


    Der Buchbinder von 2010 ist ein ganz anderer als der aus 1980, was man gleich an den Spielzeiten sieht. Der erste Satz ist jetzt zart und gefühlvoll, aber auch eigenwillig. Buchbinder spielt hier sehr viel rubato, etwas, was ich bei vorromantischen Werken nicht sehr mag. Für Freunde des Rubato ist aber diese Interpretation aber sicherlich ein „gefundenes Fressen“. Der zweite Satz gelingt Buchbinder vortrefflich. Ebenso der dritte Satz mit einer markanten linken Hand. Der Anschlag ist gegenüber der älteren Aufnahme einen Tick runder. Insgesamt von Guldas Deutung kaum zu unterscheiden. Fazit: sehr hörenswert mit Besonderheiten im ersten Satz.




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    Von den sieben hier vorgestellten Interpretationen haben mir Gulda (1968) und Schiff (2007) am besten gefallen. Nicht empfehlenswert ist die erste Einspielung Buchbinders (1980), während Kempff (1965) einfach spielerische Schwächen hat. Brendels Interpretation weist sowohl Stärken als auch Schwächen auf. Als Referenz sehe ich sie jedenfalls nicht.

  • Soeben habe ich (zum zweiten Mal) die Einspielung von Paul Badura Skoda (Wiener Konzerthaus Oktober 1969) gehört. Badura Skoda wird ja oft als Schöngeist, Akademiker, gesehen, der den Werken eher sanft begegnet, Insider zählen ihn indes zu den ganz großen Interpreten der Wiener Klassik. Interessant was hier herauskommt, wenn er die Mondschein Sonate auf einem Bösendorfer Imperial Konzertflügel spielt, dem ja ein weicheres Klangbild nachgesagt wird, als dem öfter eingesetzten Steinway.
    Badura Skoda spielt den Eingangssatz merklich langsamer als Alfred Brendel, setzt aber immer wieder Akzente indem daß er zeitweis fast unmerklich das Tempo anhebt, ditto die Lautstärke, er verleiht stellenweise diesem an sich ruhigen Satz etwas unterschwellig drängendes - und nimmt es immer wieder zurück, ein Kunstkniff, den ich schon bei Karl Böhms Interpretationen beobachtet habe. Der zweite Satz ist ja Lediglich eine Art Puffer oder Überleitung zum dritten Satz. Dennoch - Badura Skoda entlockt ihm einige Dynamische Nuancen, die ansonsten weniger ausgeprägt sind.
    Der Dritte Satz wartet mit Überraschungen pur auf. Badura spielt ihn schneller und trockener als Brendel - er galoppiert förmlich und überrascht mit fast aggressivem Zugriff. In der Tat Presto AGITATO Von Weichheit beim Bösendorfer keine Spur, er grollt und tobt sich aus, fast brutal, rastlos, nervös und unbarmherzig dem Ende des Werks entgegeneilend.
    Dennoch - auch wenn es paradox erscheinen mag - entlockt Badura Skoda dem Instrument, jenen singenden Klang für den es berühmt ist. Ein Spagat......

    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred


    Anmerkung: Die jpc Soundsamples geben die Bässe gegenüber der Original-CD etwas abgeschwächt wieder....

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Ich kann momentan (und wohl auch noch ein paar Wochen) nicht wirklich vergleichend hören und muss zugeben, dass die "Mondschein" nicht gerade zu meinen Favoriten zählt (und noch nie hat, ich mochte auf meiner ersten MC sofort op.13 und op.57 viel lieber).


    Aber wie ich schon mal in einem Thread zu diesem Werk schrieb, sind für mich die beiden mit Abstand sinnvollsten Interpretationen des ersten Satzes die von Schnabel und Schiff, die beide etwa ein bis zwei Minute(n) schneller sind als üblich (Gould ist dann wieder ein bißchen zu schnell und dekonstruiert die Stimmung vermutlich absichtlich). Besonders die choralartige Basslinie kommt da weit deutlicher als eigenständig heraus als bei den meisten anderen Interpretationen. Bei den häufig zu hörenden knapp 7min dominiert die "Begleitung" der Triolen, den Bass nimmt man kaum als melodische Linie wahr und die Oberstimmenmelodie droht ebenfalls zu zerfallen. Es ist eh nicht mein Lieblingsstück, aber als weiches Stimmungsbild kann ich kaum etwas damit anfangen.


    Ich frage mich, ob Beethoven hier vielleicht weniger ein prä-romantisches Stimmungsbild als eine Reminiszenz an eines der großartigsten und "romantischsten" Klavierstücke Bachs, nämlich das Präludium in cis-moll aus dem WTK I im Sinn hatte (die Fuge liefert Beethoven dann ein Vierteljahrhundert später nach... mit dem Beginn von op. 131).


    Das "Allegretto" im Mittelsatz bezieht sich auf ganze 3/4-Takte, nicht auf Viertel. Daher sind ca. 80 Zählzeiten/Min. hier ein mäßiges Tempo, "Allegro" würde für Beethoven vermutlich ein Scherzo-Tempo von eher 100-112 bedeuten. Wie man an den angebenen Spieldauern sieht, sind sich die Interpreten bei diesem Sätzchen ("Blume zwischen zwei Abgründen" nannte es Liszt? Von Bülow?) ziemlich einig, während beim Kopfsatz sich ein in meinen Ohren zu breites Tempo breitgemacht hat.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Das "Allegretto" im Mittelsatz bezieht sich auf ganze 3/4-Takte, nicht auf Viertel. Daher sind ca. 80 Zählzeiten/Min. hier ein mäßiges Tempo, "Allegro" würde für Beethoven vermutlich ein Scherzo-Tempo von eher 100-112 bedeuten. Wie man an den angebenen Spieldauern sieht, sind sich die Interpreten bei diesem Sätzchen ("Blume zwischen zwei Abgründen" nannte es Liszt? Von Bülow?) ziemlich einig, während beim Kopfsatz sich ein in meinen Ohren zu breites Tempo breitgemacht hat.

    mMn geht sich 80/min nicht aus, ich würde eher von 100/min oder mehr ausgehen. Die Variation ist übrigens größer als man glaubt, denn sie beträgt bei meinen 7 Interpretationen bis zu einer guten halben Minute (d.h. +/- 25%). Das ist nicht weniger als bei den anderen beiden Sätzen.



    Zitat

    Ich frage mich, ob Beethoven hier vielleicht weniger ein prä-romantisches Stimmungsbild als eine Reminiszenz an eines der großartigsten und "romantischsten" Klavierstücke Bachs, nämlich das Präludium in cis-moll aus dem WTK I im Sinn hatte (die Fuge liefert Beethoven dann ein Vierteljahrhundert später nach... mit dem Beginn von op. 131).

    Die linke Hand spielt schon verdammt viel Orgelpunkt, z.B in den Takten 28 - 39. Für Bach ist das ein wenig zu heftig. Einen guten Kompromiss zwischen dem Radiakalansatz Schiffs und dem Brendelschen "Claire de la lune" findet Gulda, der eine sehr gute, klare linke Hand spielt.

  • Diese Sonate gehört auch nicht zu meinen "Lieblingen". Aber wenn schon ein Vergleichshören meines Lieblingskomponisten angesagt ist, muss ich meinen unerheblichen Senf dazu geben.


    Gerhard Oppitz


    Er spielt auch völlig ohne Dämpfer, was dem ersten Satz richtig gut tut, hier kann das Instrument richtig zur Geltung kommen. Der zweite Satz ist nicht schlecht, im letzten Satz kollidieren aber Klangvolumen und Tempo zu deutlich, die Läufe wirken gepresst, ohne "Luft zum atmen", eine der nicht so gelungenen Aufnahmen in der GA.


    Ronald Brautigam


    Er spielt auf einem Hammerklavier und die Sonate ist wirklich ein Hammer. Natürlich kann er gerade im ersten Satz nicht mit dem Klangvolumen eines Flügels mithalten, dafür gibt es eine ganz eigene Atmosphäre. Aber der zweite und besonders dritte Satz sind einfach fantastisch. Wie Brautigam hier das Klangbild des Klavieres ausnutzt und schnell und klar spielt, ist unglaublich.


    Steven Lubin


    Auch er spielt ein Hammerklavier und schafft es, im ersten Satz mehr Ausdruck und Emotion zu bringen als Brautigam. Auch hier fasziniert wieder der Klang des Instrumentes, ich denke, wenn man mal die Musik Beethovens nah an der Entstehungszeit hören möchte, kann in etwa einen Eindruck bekommen, wie sich die Musik für Beethoven angehört haben könnte.


    Im zweiten Satz fällt der doch eher dünne Klang des Instrumentes auf, er wirkt zu gedämpft, die Töne kommen nicht richtig zur Geltung, eine Manko, unter dem auch der dritte Satz leidet, es ist so ähnlich wie bei Oppitz, nur ohne Klangvolumen.


    Fazit: Brautigam zeigt, das man auch mit einem Hammerklavier hervorragende Interpretationen der Sonaten liefern kann, echter Kauftip.



    clck 241

  • Jetzt erst fällt mir auf, dass ich ganz vergessen habe, eine Aufnahme mit Hammerklavier mithineinzunehmen! Das war wirklich wenig durchdacht, denn gerade beim ersten Satz spielt das Instrument sicherlich eine große Rolle. In diesem Sinne, Thomas, war dein "Senf" alles andere als "unerheblich" für mich.....

  • Heute will ich die Mondscheinsonaten von zwei Pianisten interpretiert, die erstaunliche Ähnlichkeiten in ihren Lebensdaten aufweisen und darüber hinaus die Sonate auch im gleichen Jahr im Abstand von nur 6 Monaten aufgenommen haben:


    Claudio Arrau (06. 02. 1903 – 09. 06. 1991)


    AD: Juni 1962, Spielzeiten: 6:46-2:25-7:41 – 16:42 min.;


    Claudio Arrau wählt im Adagio sostenuto m. E. ein genügend langsames Tempo. Ich habe mich bemüht, den Vortrag mit den Noten zu vergleichen. Mit scheint in der rechten Hand für ein pp fast ein wenig kräftig, aber ich bin ja blutiger Laie und lass mich da gerne eines Besseren belehren. Allerdings finde ich seinen Vortrag sehr eindrucksvoll, die Stimmung des Satzes durch das dunkle, sonore Klangbild sehr gut eingefangen. Soweit ich es beurteilen kann, sind auch die moderaten Crescendi und Decrescendi gut herausgekommen, und auch das in einer anderen Rezension (ich glaube, es war Brendel 1972 von Felix Meritis) angemahnte Crescendo in der Satzmitte (Takt 34 – 37)
    konnte ich hier nicht feststellen.
    Jetzt konnte ich nach einem Probelauf sogar die Noten im Allegretto verfolgen. Was die Dynamik betrifft, habe ich mal etwas heruntergeschraubt. Vielleicht war sie ja auch im Kopfsatz zu hoch eingestellt. Jedenfalls kam durch Arraus bedachtsames Spiel der ¾ - Takt des Allegrettos wunderbar zum Tragen, und auch die Stakkati und die Sforzati kamen gut heraus.
    Im Presto agitato hat Arrau m. E. die Vortragsbezeichnungen, jedenfalls, soweit ich den Notentext mit verfolgen konnte, eingehalten, sowohl was das Tempo betrifft, als auch die Dynamik, z.B. die Sforzati an den Taktenden (Takt 2, 4, 6, 7, 8, 16, 18). Sogar das Crescendo in Takt 7 ist mir aufgefallen. Von der Dauer des Satzes (s.o.) ausgehend und vom Tempo des Presto, das Arrau anschlägt, ist davon auszugehen, dass er alle Wiederholungen gespielt hat, jedenfalls, soweit ich das beurteilen kann. Bei Brendel war es ja auch wohl so, denn in seinen drei Aufnahmen, die insgesamt 32 Jahre auseinander lagen, lag er ja fast sekundengenau gleich bei etwa 7:30 min.
    Wenn ich später mir die Brendelaufnahmen vornehme, werde ich mal besonders darauf achten, ob ich von ihm im Presto keine Crescendi höre.



    Rudolf Serkin (28. 03. 1903 – 08. 05. 1991)


    AD: Dezember 1962, Spielzeiten : 6:30 - 2:17 - 6:57 – 15:44 min.;


    Rudolf Serkin wählt ein ähnliches Tempo wie Arrau. Die nur geringfügig kürzere Spieldauer konnte ich so nicht bemerken. Auch bei ihm schien die Dynamik in der rechten Hand geringfügig höher, obwohl ja dort auch wie für die linke Hand ein pp vorgeschrieben ist. Aber das hat mich nicht gestört, zumal ich ja die Sonaten vorher nicht mit zeitgleichem Lesen in der Partitur gehört habe. Auch die Crescendi und Decrescendi waren gut zu verfolgen. Obwohl der Satz ja eine dunkle Grundstimmung hat, erzeugt er in mir positive Gefühle, bei Arrau wie bei Serkin.
    Serkin ist im Allegretto nur geringfügig schneller als Arrau, aber genau so präzise im Spiel und lässt den Satz entspannt sich wiegen.
    Wow, jetzt bin ich mit dem Lesen sogar ganz durchgekommen, obwohl ich nicht im Geringsten beurteilen kann, ob der Pianist alle Noten richtig gespielt hat, aber ich hatte den Eindruck.
    Serkin legt im Presto ein doch signifikant höheres Tempo vor als Arrau vor, bleibt aber immer, soweit ich das beurteilen kann, präzise und spielt auch die Legatobögen schön aus. Seine Sforzati kommen messerscharf und seine Triller ebenso wie die Arraus ganz natürlich und gut vernehmbar. Auch die Crescendi und Decrescendi konnte ich gut ausmachen.
    Die alten Meister hatten es wirklich drauf.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • und auch das in einer anderen Rezension (ich glaube, es war Brendel 1972 von Felix Meritis) angemahnte Crescendo in der Satzmitte (Takt 34 – 37) konnte ich hier nicht feststellen.


    Angemahnt ist ein bisschen zu hart ausgedrückt, denn ich habe genau diese Stelle als besonders schön in Brendels Interpretation hervorgehoben. Es ist halt so, dass er sich hier über Beethovens Vorschreibungen hinwegsetzt. Ich freue mich schon auf die Gould-Einspielung, denn die wird vor Einschnitten nur so strotzen.....


    Gespannt bin ich schon auf Deine Einschätzung der frühen und späten Brendeleinspielungen - vor allem wie sich sich zur 1972-Version verhalten! Leider wurde meine bestellten Aufnahmen immer noch nicht abgeschickt.....

  • Zitat

    Felix Meritis: Angemahnt ist ein bisschen zu hart ausgedrückt...

    Ist schon recht, aber ich war froh, dass ich das überhaupt herausgehört habe.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • aber ich war froh, dass ich das überhaupt herausgehört habe.


    Liebe Grüße


    Willi :)


    Und das von jemandem, der bei Symphonievergleichen die Nachtigallen trapsen hört :D


    Aber ernsthaft: die Noten helfen einem sehr, sonst hat man ohne langes Training kaum eine Chance solhe Feinheiten herauszuhören. Zumindest bewusst herauszuhören - was unser Unterbewusstsein macht, wissen wir nicht.

  • Zitat

    Felix Meritis: Aber ernsthaft, die Noten helfen einem sehr, sonst hat man ohne langes Training kaum eine Chance, solche Feinheiten herauszuhören.

    Das stimmt, und als ich eben gesehen habe, dass Alfred nun Waldstein auf uns losgelassen hat, habe ich gleich mal in den Noten nachgeschaut. Mein Gott, das ist aber ein Hammer.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • In meiner Sammlung sind - und hier noch nicht besprochen:


    Arthur Schnabel, Arthur Rubinstein, Vladimir Horowitz, Lazar Berman, Maurizio Pollini.


    In Kürze melde ich mich mit Einzelbesprechungen (auch zu Brendel!) :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • Brendel, 1972 (6:01/2:25/7:31):


    Brendel legt im Adagio großes Gewicht auf Klangschönheit in der rechten Hand. Brendel versucht Beethovens Vorgabe, das Stück ohne Dämpfer zu spielen, weitgehend zu folgen. Die Stimmung, die dadurch entsteht ist tatsächlich sehr nokturn. Auffällig ist, dass er im chromatischen Bogen genau in der Mitte des Satzes ein Crescendo spielt. Das ist durchaus wirkungsvoll, allerdings von Beethoven nicht vorgesehen. Trotzdem, das ist für mich die gelungenste Stelle in Brendels Interpretation dieser Sonate. Der zweite Satz ist nämlich durchaus weniger gelungen: Brendels Anschlag ist viel zu weich, das vorgeschriebene staccato praktisch nicht herauszuhören. Folglich verliert der Satz völlig seine Grazilität und wird schwerfällig. Auch im Finalsatz spielt Brendel des öfteren abweichend vom Notentext. Vorgeschriebene Crescendi ignoriert er gerne und in den Passagen mit punktierten Achteln nimmt er zumeist die Spannung heraus. Sehr schön spielt er aber den Legatobogen des Expositioneils in den Takten 19-20. Insgesamt gerät Brendel der Satz vergleichsweise gemütlich. Fazit: der erste Satz kann mit einigen Highlights aufwarten. Die übrigen Sätze haben mich weniger überzeugt.

    Die Zeiten:


    1. 6.01
    2. 2.18
    3. 7.47


    Das Adagio sostenuto: Mit sehr "pastosem", aber höchst kunstvollem Pedalspiel. Die Sechzehntelbewegungen nimmt er schlicht ohne Phrasierungen hineinzulesen. Keine Komplexität, dafür hat das aber Stimmung. So dominiert eindeutig ein homophones Klangbild: Begleitung und Melodiestimme, die wirklich mit einem wunderbar singenden und blühendem Ton gespielt ist, der den Meister verrät.


    Das Scherzo ist federleicht (!) und beschwingt - da muß sich seine spätere Auffassung geändert haben. Das Presto-Finale ist nicht auf Virtuosität gespielt, aber sehr klar und textgenau, mit schön ausgesungenden Melodiebögen. Eine sehr klassisch entspannte Sicht, wo das Finale den Charakter eines Kehraus-Finales noch erahnen läßt. Ich finde diese Brendel-Aufnahme sehr gelungen - völlig untadelig und in ihrer Ausgewogenheit und Tonschönheit ist sie im Niveau weit über jedem Durchschnitt.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Zitat

    Dr. Holger Kaletha: Das Scherzo ist federleicht(!) und beschwingt - da muss sich seine spätere Auffassung geändert haben.

    Das wird ganz sicher so sein, lieber Holger. Er hat ja bekanntlich in späteren Jahren die frühen VOX-Aufnahmen in einem anderen (schlechteren) Licht gesehen als viele seiner Anhänger wie du und ich. Auch ich finde (nicht nur) diese frühe Aufnahme sehr gelungen, und er hat viele seiner Beethoven-Aufnahmen mit 31 Jahren anders interpretiert als in den letzten zehn Jahren seiner aktiven Konzerttätigkeit, als ich das Vergnügen hatte, ihn jährlich live zu erleben. Gleichwohl hat sich seine "innere Uhr" in all den Jahren kaum geändert, wie die nachfolgende kleine Tabelle zeigt:
    Brendel 1962: 6:01-2:18-7:34 -- 15:53 min.;
    Brendel 1972: 6:03-2:25-7:28 -- 15:56 min.;
    Brendel 1994: 5:43-2:18-7:29 -- 15:30 min,;
    Warum nun ausgerechnet das Adagio sostenuto 1994 doch deutlich kürzer ist, werde ich auch noch herausbekommen.


    Liebe Grüße


    Willi :)?(

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich habe jetzt mal die Takte 1 - 22 des Adagios gegengehört, und da ist das Tempo doch fast gleich (1:48-1:52-1:47). Da der Satz jedocvh attacca endet, liegt in der Tat der Hauptzeitunterschied darin, dass er in den 1962er und 1972er Aufnahmen bein letzten Ton das Pedal länger drückt und das Allegretto eben nicht "Attacca subito il seguente" folgt.
    Also hat sich seine innere Uhr auch im Adagio nicht nennenswert verändert.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • ich zitiere mich mal selbst, hatte das vor einigen jahren geschrieben:


    hallo,


    ich habe den sonntag genutzt um ( als laie ) die monscheinsonate im vergleich
    a) kempff
    b) gilels
    c) pizarro
    zu hören.


    1.satz
    k: gleichmässig fließend, weniger dramatisch, eher nobel und durchsichtig, nachdenklich und zurückhaltend aber nicht verschleppt.
    g: ähnlich kempff aber variabler in tempo und betonung, praktisch gleiche zeit.
    p: deutlich länger, eigenwilligere akzenturierung, wirkt ( durch den blütnerklang ? ) deutlich düsterer.


    2.satz
    k: betont sehr schön details, fast tänzerische anmut
    g: gewichtet mehr, aber nicht egozentrisch.
    p: etwas schneller als die beiden , interpretation näher bei gilels


    3.satz
    k: über eine minute schneller als die folgenden, vorwärtsdrängend, klang im diskant etwas scharf, virtuos mit großem bogen - wie aus einem guss.
    g: der langsamste der "drei" - wirkt aber nicht so, passagenweise sogar schneller als kempff, sehr wuchtige akkorde, grössere tempovariationen , mehr pedaleinsatz.
    p: sehr wuchtiger, stellenweise fast monumentaler klang - tempo gleichmässiger als bei gilels.


    ich erlaube mir keine wertung, alle gefallen mir sehr gut. die pizarroaufnahme sticht durch die stärkere bassbetonung und den weicheren diskant heraus - klanglich sehr , sehr gut ( ich habe die sacd stereospur gehört ) .
    dem einsteiger würde ich auch angesichts des lächerlichen preises zu kempff raten. außer konkurrenz habe ich noch radu lupu gehört



    - der langsamste im vergleich , aber kein bisschen langweilig, auch eine grossartige aufnahme, der cd klang weicher und dadurch für mich besser ( meine anlage ist sehr neutral, eher analytisch klingend ) als bei kempff und gilels. man verzeihe mir wenn ich es nicht besser beschreiben kann - ich erhoffe erhellende kommentare.


    es grüßt


    kalli


  • Spielzeiten: 6:01-2:18:7:34 – 15:53 min.;


    Ich habe soeben Brendels Aufnahme aus 1962 durchgehört und dabei im Kopfsatz auch den Eindruck gehabt, dass die rechte Hand trotz pp-Vorschrift lauter klingt als die linke. Ist das generell so. Bis auf das nicht vorgeschriebene Crescxendo in Takt 34 – 37 meine ich gehört zu haben, dass Brendel ansonsten die dynamischen Vorschriften weitgehend beachtet hat, deren es ja nicht wenige gibt, vor allem Crescendi-Decrescendi innerhalbe eines einzigen Taktes. So klingt der ganze Satz rund und organisch.
    Im Allegretto meine ich auch die Staccati genügend deutlich herausgehört zu haben, vielleicht nicht so messerscharf wie bei anderen, aber doch von den Legato-Tönen deutlich zu unterscheiden. Auch die viel Sforzati gelingen ihm gut, sodass der Satz mit dem nötigen Schwung im Dreivierteltakt und im nicht zu schnellen Tempo daherkommt.
    Im Finale wiederum geht er imm Vorwärtsdrang zu Werke mit den energisch gespielten Sforzati in der Exposition. Allerdings muss ich Felix Meritis Recht geben, dass die Crescendi in Takt 7, 19 und 24 nicht so herauskommen bzw. recht spät zu vernehmen sind. Spätere wie in Takt 39 und 49 sind dann m. E. besser getroffen. Dennoch ist dieser Satz abgesehen von den interpretatorischen Freiheiten, die sich Brendel hier genehmigt, ebenfalls als gelungen zu bezeichnen.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).