Oper im Kino

  • Heute Abend um 19 Uhr wird in ausgewählten Kinos die Oper Adriana Lecouvreur von Francesco Cilea live aus der MET übertragen. Falls Interesse besteht, werde ich darüber berichten.

    :hello:

  • Bin noch ziemlich aufgewühlt von der großartigen Sängerleistung der Protagonisten. Leider waren die Lautsprecher auf volle Pulle,dass mein Gehör Erholung braucht.

    Da sage noch einer, Kino und Opernhaus wäre gleichwertig. Da muss schon ein ordentlicher Dachschaden vorliegen.

    Später mehr. Gute Nacht!

  • Lieber Siegfried,


    was meinst du mit "Dachschaden"?? Hat hier jemand behauptet, dass Kino gleich Opernhaus wäre? Aber der Begriff "Oper" ist für mich derselbe, ob sie nun im Opernhaus oder im Kino, wo es ja auch eine Übertragung aus dem Opernhaus ist, abläuft. Inzwischen finde ich aber das Erlebnis im Kino noch weit unmittelbarer.

    Auch ich war gestern in der Oper (als Übertragung aus der MET).

    Nicht nur ich, sondern alle, mit denen ich sprach, waren von den sängerischen, aber auch von den schauspielerischen Leistungen begeistert. Und hier im Kino war die Lautstärke einigermaßen angepasst. Hervorragend vor allen natürlich Anna Netrebko und Piotr Beczala, der mich bisher in allen Rollen, die ich mit ihm gesehen habe, mitgerissen hat. Ich besitze zwei Inszenierungen dieser Oper, eine ältere aus der Mailänder Scala (mit Mirella Freni und Peter Dvorsky) und eine aus Covent Garden (mit Angela Gheorghiu und Jonas Kausmann). Diese Inszenierung aus der MET hat mich aber weit mehr von Stuhl gerissen. Auch Anita Rachvelisvili machte (selbst äußerlich) eine gute Figur als Fürstin und Ambrosio Maestri als Michonnet fand ich großartig. Die weiteren Rollen (etwa die des Abbé) waren nach meinem Empfinden ebenfalls gut besetzt.

    Wer behauptet, konventionelle Inszenierungen seien langweilig, liegt in meinen Augen völlig daneben. Dem kann ich nur entgegenhalten, was einige Zuschauer - ohne dass ich sie danach gefragt hätte - aussagten: Es war sehr kurzweilig, uns ist die Zeit wie im Fluge vergangen. Die Zeiten - darüber haben wir dann gesprochen - sind doch schon längst vorbei, in denen ein Sänger auf die Bühne trat, seinen Part absang und dann wieder ging. Heute muss ein Sänger auch schauspielerisch weit mehr leisten. Und gerade das kommt im Kino noch besser zur Geltung.

    Die Vorstellung war bis auf wenige Plätze in der ersten Reihe (sehr nah an der großen Leinwand, die man von dort - wie ich durch Probesitzen festgestellt habe - auch mit ständig erhobenem Kopf nicht völlig übersieht) total ausgebucht. (Ob die Leute wohl alle einen "Dachschaden" haben?)

    Für mich und für viele andere wieder einmal ein Fest für Auge und Ohr!


    Liebe Grüße

    Gerhard

    https://www.metopera.org/globa…685/1600x685_adriana4.jpg

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

    Einmal editiert, zuletzt von Gerhard Wischniewski ()

  • Hier noch ein paar Auszüge aus der wundervollen Inszenierung von gestern Abend:




    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Leider waren die Lautsprecher auf volle Pulle,dass mein Gehör Erholung braucht. Da sage noch einer, Kino und Opernhaus wäre gleichwertig. Da muss schon ein ordentlicher Dachschaden vorliegen.

    was meinst du mit "Dachschaden"?? Hat hier jemand behauptet, dass Kino gleich Opernhaus wäre?

    Wie sagt man? Getroffener Hund bellt

    :untertauch:

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

  • Nachzutragen ist noch die Besetzung:

    Regie: David McVicar

    Dirigent: Gianandrea Noseda

    Maurizio: Piotr Beczala

    Il Principe di Bouillon: Maurizio Muraro

    L'Abate di Chazeuil: Carlo Bosi

    Michonnet: Ambrogio Maestri

    Adriana Lecouvreur: Anna Netrebko

    La Principessa di Bouillon: Anita Rachvelishvili



    Da ich sowohl die Atmosphäre einer MET-Aufführung vor Ort und neuerdings auch die im MET-Kino kenne, außerdem Anna Netrebko wie Piotr Beczala live und im Kino singen hörte, möchte ich auf die Unterschiede beider Erlebnisformen etwas näher eingehen.


    Als Besucher des Opernhauses hat man die Bühne stets in der Totalen vor Augen und hört die Musik direkt bei ihrem Entstehen. Im Kino sieht man die Darsteller mit den Augen des Kameramannes überwiegend im Großformat und von unten aus der Dirigentenperspektive. Bei so übergewichtigen Personen wie Anita Rachvelishvili und Ambrogio Maestri wirkt das aufgrund fehlender Distanz auf Dauer unästhetisch, weil deren Körperfülle den Zuschauer überproportional erfasst. Das sagt nichts über sie sängerische Qualität aus. Auch Anna Netrebko ist seit geraumer Zeit recht füllig anzuschaun, was nach Expertenmeinung eine Ursache ihrer stimmlichen Ausnahmequalitäten ist.


    Die Akustik einer Aufführung im Opernhaus ist zwangsläufig der Wiedergabe in einem Kinosaal weit überlegen. Genau genommen kann man beides gar nicht miteinander vergleichen. Warum es wie hier bei Tamino immer wieder doch gemacht wird, erschließt sich mir nicht.

    Ein 5.1 Dolby Surround Sound System ersetzt eben nicht den original erzeugten Ton von Stimme und Instrument. Die dem Hörer aufgezwängte Lautstärke tut ein übriges, solchen Kunst"genuss" nur eingeschränkt genießen zu können.


    Abschließend möchte ich noch auf die Sängerleistungen eingehen:

    Die Nebenrollen des Fürsten und des Abate waren mit Maurizio Muraro und Carlo Bosi rollendeckend ordentlich besetzt. Ambrogio Maestris Theaterinspizient Michonnet zeigte bisweilen Ermüdungserscheinungen, doch er hielt wacker durch.

    Die beiden Rivalinnen Adriana und Fürstin schenkten einander nichts. Sowohl Anna Netrebko als auch Anita Rachvelishvili waren bestens bei Stimme und konnten ihre Register in Höhe und Tiefe gleichermaßen voll ausschöpfen. Sehr beeindruckend Netrebkos Phädra-Monolog zum Ende des 3. Aktes. Das erzeugte Gänsehaut.

    Für mich überragend war jedoch Piotr Beczala als Maurizio. Seine gesamte Partie, zwischen Verismo und Belcanto angesiedelt, verlangt dem Sänger übergroße Standfestigkeit ab, die er diesmal bis zum letzten Ton aufrecht erhalten konnte. Sein Des Grieux vor ein paar Jahren an gleicher Stelle schwächelte damals dem Ende zu merklich. Seit seinem allseits anerkannten Lohengrin (Dresden und Bayreuth) hat er an Kondition und Strahlkraft zugewonnen, ohne dass seine Stimmschönheit darunter gelitten hätte. Ab Februar wird der Ausnahmetenor als Cavaradossi an der Wiener Staatsoper zu hören sein.


    Mein Fazit: Der Kinobesuch einer Opernaufführung bietet Besuchern die Möglichkeit, Aufführungen mit Weltstars zu akzeptablem Preis erleben zu können. Den Besucherzahlen nach scheint das Konzept auch aufzugehen. Ob ich davon nochmals Gebrauch machen werde, vermag ich heute noch nicht zu sagen.

  • Lieber Siegfried, vielen Dank für Deinen differenzierten und aufschlußreichen Bericht. - Ich denke auch, Oper im Kino ist eine echte Alternative, wenn der Besuch eines Opernhauses tatsächlich nicht möglich ist. Dass man dort dann die allfälligen Stars zu sehen bekommt, liegt dann wohl in der Natur der Sache, da anderfalls garnicht erst übertragen werden würde; d.h. das Konzept der Oper im Kino ist per se ein "Starvehikel". Da ich in der glücklichen Lage bin, ein Opernhaus "direkt ums Eck" zu haben (Hamburgische Staatsoper), komme ich hier allerdings kaum in die Verlegenheit und sage natürlich jedem, der die Möglichkeit hat: Geht in die Opernhäuser! ;)

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

  • Die dem Hörer aufgezwängte Lautstärke tut ein übriges, solchen Kunst"genuss" nur eingeschränkt genießen zu können.

    Das muss nicht sein. Anscheinend ist es so, dass sich das moderne Kinopublikum größere Lautstärken wünscht oder gewohnt ist, weil solche Lautstärken heutzutage häufig auch im Alltag angewandt werden. Ich habe bei meinem ersten Besuch einer Oper im Kino mit dem Leiter des Kinos gesprochen und ihn auf die Lautstärke hingewiesen, worauf nach der Pause die Lautstärke etwas reduziert wurde. Am Ende habe ich mich bei ihm bedankt und gesagt, dass es so angenehm gewesen wäre. Eine jüngere Frau, die dabeistand, konstatierte allerdings, dass es ihr zu leise gewesen wäre. Dennoch: in den weiteren Übertragungen, die ich im Kino besucht habe, habe ich die Lautstärke als angemessen empfunden.

    Von den Zuschauern, die ich im Kino treffe, hat sich bisher noch niemand über die Lautstärke beschwert.

    Was die Ästhetik anbetrifft, das mag jeder anders sehen. Ich habe weder Anita Rachvelishveli noch Ambrogio Maestri als unästhetisch empfunden. Da müsste man manche großen Sänger wie Pavarotti oder Caballé selbst auf der Bühne als unästhetisch empfunden haben. Unästhetisch sind für mich höchstens Personen, die in schlampigem Outfit oder Klamotten auftreten, was mir in Regisseurstheater-Inszenierungen - auch auf der Bühne - ein paar Mal aufgestoßen ist, so z.B. einen dickbäuchigen Nero, der - nur mit Unterhose bekleidet - aus einem auf der Bühne aufgestellten Kasten kroch.

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Von den Zuschauern, die ich im Kino treffe, hat sich bisher noch niemand über die Lautstärke beschwert.

    "War es dir zu laut?" - "Was?" :D

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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