Gustav Freytag: Die Ahnen



  • Der Romanzyklus "Die Ahnen" von Gustav Freytag gehört zu den sogenannten Professorenromanen der Mitte des 19. Jahrhunderts wie zum Beispiel auch "Ein Kampf um Rom" von Felix Dahn. Hier will Freytag am Beispiel einer thüringischen Familie 1500 Jahre deutsche Geschichte vermitteln, und zwar nicht aus der Sicht auf die Reichen und Mächtigen, sondern indem er die Geschicke von Einzelmenschen darstellt, die wichtige historische Bruchstellen durchleben und sich darin orientieren müssen.




    Die ersten beiden Bände beschäftigen sich mit dem Geschick einer thüringischen Adelsfamilie durch die Jahrhunderte.

    Im ersten Band "Ingo" geht es um einen vandalischen Königssohn, den es nach Kämpfen mit anderen Germanenstämmen gegen die Römer ins Thüringische verschlägt, wo er sich ein neues kleines Königtum gründen kann. Das Ganze spielt, kurz bevor die sogenannten Völkerwanderung Ende des vierten Jahrhunderts beginnt, der Hunneneinfall steht noch bevor. Aber die Bedingungen, unter denen die Germanen in dieser Zeit lebten, erfasst Freytag den historischen Quellen folgend recht genau und beschreibt am Beispiel Ingos die Unbehaustheit jener Zeit und das Streben danach, sich irgendwo neu zu verankern.


    Der zweite Band "Ingraban" spielt im 8. Jahrhundert. Ingraban, ein Nachfahre Ingos, ist ein schlachtenerprobter Krieger, der im Thüringischen den Rabenhof besitzt und dort Kriegsrosse züchtet, wenn er nicht auf Heerfahrt ist. Er, der treu dem alten Glauben der Germanen anhängt, wird als Begleiter für den angelsächsischen Winfried angeworben, als Bischof Bonifatius genannt, eine historische Person, die später heiliggesprochen wurde und viel für die Verbreitung des Christentums unter den germanischen Stämmen geleistet hat. Obwohl er dessen Glauben ablehnt und ihn sogar als Feind empfindet, befreit Ingraban in seinem Auftrag später verschleppte Frauen und Kinder aus sorbischer Gefangenschaft, unter denen sich auch seine heimliche Liebe Walburg befindet. Später bekehrt er sich auch zum Christentum und findet zusammen mit Bonifatius bei einer Bekehrungsfahrt zu den heidnischen Friesen den Märtyrertod. Hier steht der Umbruch vom Heiden- zum Christentum im Mittelpunkt und wird in den inneren Konflikten Ingrabans lebendig.


    Freytags Deutsch in diesen beiden Bänden ist sehr altertümelnd und zeitgebunden äußerst patriarchalisch orientiert: Die Menschen leben auf einer "Männererde" und Frauen haben eine deutlich untergeordnete Stellung, welches Letztere ja nun aber leider auch so war und wahrscheinlich realistischer ist als die ganzen unwahrscheinlich emanzipierten Frauen in den historischen Romanen aus unserer Zeit. Dennoch nervt der Ton manchmal, wenn von den Männern stets als Helden gesprochen wird und die Kinder der Germanen stets blondgelockt daherkommen. Aber Freytag war ein Liberaler, der am Vormärz und der Revolution von 1848 viel Anteil nahm. Ich fühlte mich gut unterhalten und habe einiges über die dargestellten Epochen dazu gelernt, weil mich solche Lektüren auch immer zu weiteren Recherchen anhalten.


    Heutige historische Romane der Massenware sind deutlich schwächer.


    Die Handlung von "Ingo" lag zwei Opern zugrunde:

    - einer "großen Oper in vier Akten" (op. 35) von Philipp Bartholomé Rüfer, als Klavierauszug von Max Reger veröffentlicht 1895
    - einer "Oper in zwei Teilen - vier Aufzügen" von Bernhard Scholz, Libretto veröffentlicht im Selbstverlag 1898


    Ob diese Werke jemals aufgeführt wurden, entzieht sich meiner Kenntnis.


    Ich werde in loser Folge hier die weiteren Bände des Romanzyklus vorstellen.

  • Ich werde in loser Folge hier die weiteren Bände des Romanzyklus vorstellen.

    Das ist ein guter Plan. Ich freue mich darauf.

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Danke, @Rheingold. Der Roman steht auf meiner Vorhabenliste, zehn klassische historische Romane dieses Jahr zu lesen. Allerdings kann ich den Freytag wegen seiner manchmal doch arg zopfigen Sprache nicht am Stück lesen. Aber die Einzelromane bringen ein unter anderem hohes Anregungspotential, sich mal mehr mit der dargestellten Epoche zu beschäftigen.

  • Diese Buchvorstellung weckt Erinnerungen, denn mein Vater war ein großer Liebhaber dieses Romanzyklus und hat oft davon gesprochen. Ich habe ihn allerdings nie lesen wollen. Ich glaube, irgendwo liegt noch ein altes Buch von Freytag. Allerdings in Fraktursatz, den ich nur sehr mühsam lesen kann.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Hallo tukan,


    ich danke für diesen Hinweis. Außer "Soll und Haben" kenne ich keinen Roman von Freytag. Im Deutschunterricht komme ich zwar regelmäßig auf ihn und seine Dramentheorie zu sprechen, aber abgesehen davon und von dem oben erwähnten Opus, habe ich in Sachen Freytag nichts auf der Platte. Ich habe auch sehr, sehr, sehr lange nicht mehr daran gedacht, etwas von ihm zu lesen. Dein Beitrag hat das gerade geändert. Die von Dir gezeigte Ausgabe ist ja sehr preiswert über jpc zu beziehen und geht zusammen mit der nächsten CD-Bestellung 'raus.


    "Soll und Haben" hatte mich übrigens seinerzeit - während des Studiums - wenig angesprochen. Ich gebe Freytag jetzt aber eine neue Chance.


    Ich denke, ich bestelle gleich die gesamten "Ahnen", da ist "Ingo und Ingraban" ja mit enthalten.


    Grüße

    Garaguly

  • Lieber tukan, Du hast mich wieder auf Freytag gebracht. Vor Jahren hatte ich angefangen, etwas zu lesen von ihm, blieb dann aber stecken. Das soll sich ändern.

    Ich habe auch sehr, sehr, sehr lange nicht mehr daran gedacht, etwas von ihm zu lesen. Dein Beitrag hat das gerade geändert.

    Durch Garaguly fühle ich mich bestätigt.


    Nun holte ich mir "Soll und Haben" - etwas anderes gab es bei mir bisher nicht - aus einem der Regale hervor und stelle fest, dass diese Ausgabe aus dem Lingen Verlag Köln - wie es im Vorwort heißt - "gestrafft" worden sei. Ich würde es ehr zensiert nennen, denn - so weiter: "Allzu altertümliche Ansichten, Vorteile und Gefühlsausbrüche wurden behutsam gekürzt und damit Passagen, die auf den Leser von heute befremdend und lächerlich wirken würden, gestrichen." Das macht natürlich ehr neugierig, als dass zumindest bei mir Verständnis für dieses Verfahren aufkommen würde. Kurz um. Ich habe gestern die 16-bändige Ausgabe der Werke Freytags in erster und zweiter Serie bestellt. Sie soll schon morgen eintreffen. Da ich gern Fraktur lese, stört mich der Satz auch nicht. Ich hoffe, noch in dieser Woche zunächst mit "Soll und Haben" beginnen zu können.


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    Es grüßt Rheingold1876


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  • Ach, das freut mich aber, dass der gute alte Freytag auf solches Interesse stößt. Ich bin durch ein Geschenk daran gekommen, vor ca. zehn Jahren hat mir ein Freund eine antiquarische Ausgabe der Werke Freytags geschenkt. Bei mir muss alles erstmal gut abhängen, aber ifür dieses Jahr habe ich mir die ersten beiden Bände vorgenommen. "Soll und Haben" interessiert mich auch sehr. Ich finde es, wie du @Rheingold, unschön, Klassiker überhaupt zu kürzen und erst recht problematisch unter der Vorgabe, heute politisch nicht Korrektes herauszukürzen. "Soll und Haben" hat Passagen, die als antisemitisch zu verstehen und sicherlich auch sind, im Rahmen der Vorurteile, die auch im 19.Jahrhundert leider - wie in den Jahrhunderten zuvor - gegenüber den Juden geherrscht haben. Das finden wir aber in vielen Romanen dieser Zeit, z.B. auch bei dem Mundartschriftsteller Fritz Reuter. Dennoch sind gerade Freytag und Reuter des aggressiven Antisemitismus unverdächtig, da sie sich in ihrem Leben vor allem für freiheitliche Ziele eingesetzt haben. Man sollte also solche Werke mit historischem Verständnis lesen und auch auf die Nuancen achten, dann sieht man, dass keineswegs alle Vertreter des Judentums über einen Kamm geschoren werden.

    Ich würde mich sehr freuen, wenn es hier zu einem Austausch über "Die Ahnen" und in einem anderen Thread vielleicht über "Soll und Haben" kommen würde, Garaguly, Bertarido und @Rheingold.

  • Eine sehr schöne Diskussion, die auch mir Lust auf Gustav Freytag macht, wenngleich ich aktuell meine Impulse gut genug im Zaum habe, mir nicht gleich wie du, werter Rheingold1876, eine schöne Werkausgabe zu bestellen. Was einerseits daran liegen mag, dass ich gegenwärtig keinen Alkohol trinke (Wein und ZVAB, KEINE gute Kombination, außer für die Antiquare), und an schlichten Platzproblemen im Regal. Andererseits: „Die Ahnen“ interessiert mich gerade sehr. Hm...

    "...man darf also gespannt sein, ob eines Tages das Selbstmordattentat eines fanatischen Bruckner-Hörers seinem Wirken ein Ende setzen wird."



  • Ergänzung: Ich wäre dann auch dabei.


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    "...man darf also gespannt sein, ob eines Tages das Selbstmordattentat eines fanatischen Bruckner-Hörers seinem Wirken ein Ende setzen wird."



  • Doch ein Schlückchen oder ein unablehnbares Angebot, hasiewicz ?

    Übrigens habe ich, @Rheingold, auch keine Schwierigkeiten mit der Fraktur, nach einer kurzen Eingewöhnungszeit kommt es auch nicht mehr zu lustigen Missverständnissen wegen der Ähnlichkeiten des kleinen s und f und des großen K und R.

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  • Nein, ganz nüchtern wollte ich dabei sein bei eurem Freytags-Bund. Und 17 Euro für eine so schöne Ausgabe war ein gutes Angebot, ja.

    "...man darf also gespannt sein, ob eines Tages das Selbstmordattentat eines fanatischen Bruckner-Hörers seinem Wirken ein Ende setzen wird."



  • Ich freue mich auch über tukans Vorstellung; ich möchte das Buch auch gerne lesen, allerdings wird es noch eine Weile dauern, bis ich dafür die Zeit haben werde. Wer jedoch Platz sparen möchte, die Frakturschrift meiden möchte und elektronische Bücher nicht scheut (ich lese auch gerne mal ein Buch auf dem Tolino zum Beispiel), der wird hier fündig:


    http://www.zeno.org/Literatur/…e+Ahnen/Ingo+und+Ingraban


    und das kostenlos noch dazu.

  • Übrigens habe ich, @Rheingold, auch keine Schwierigkeiten mit der Fraktur, nach einer kurzen Eingewöhnungszeit kommt es auch nicht mehr zu lustigen Missverständnissen wegen der Ähnlichkeiten des kleinen s und f und des großen K und R.

    Eigentlich habe ich diese Schrift immer viel interessanter gefunden als das, was ich dann in der Schule gelernt habe. Mein eigenes Schriftbild ist bis heute problematisch geblieben. Das verwandte Sütterlin ließ ich mir schon als Kind beibringen. Als ich dann eine Hausaufgabe in dieser Schrift erledigte, wurde mein Mutter vom Klassenlehrer zum Gespräch einbestellt. ;) Man machte sich wohl ernsthaft Sorgen.


    Heute kam meine Freytag-Ausgabe an.:jubel:

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Ich habe gestern Abend bereits mit der Lektüre auf meinen Kindle begonnen. Die Akteure sprechen wahrlich bühnenreif - man könnte es direkt als Textvorlage eines Heldendramas nehmen. Gefällt mir aber.

    "...man darf also gespannt sein, ob eines Tages das Selbstmordattentat eines fanatischen Bruckner-Hörers seinem Wirken ein Ende setzen wird."



  • Ich habe gestern Abend bereits mit der Lektüre auf meinen Kindle begonnen. Die Akteure sprechen wahrlich bühnenreif - man könnte es direkt als Textvorlage eines Heldendramas nehmen. Gefällt mir aber.

    Es wird aber irgendwann ein bisschen viel, wenn sich alle kriegerisch ausgebildeten Männer als "Helden" ansprechen. Über die vielen erwachsenen, teilweise schon ergrauten "Knaben" - von Freytag ethymologisch richtig als Stamm der Bezeichnung "Knappe" benutzt - habe ich mich dagegen immer wieder amüsiert. Allerdings hat er hier den Stand des (Schild-)Knappen aus dem Hochmittelalter in die Vor-Völkerwanderungszeit versetzt, ob das so ganz hinkommt, ist eine andere Frage.

  • Der zweite Band der „Ahnen“ – nach „Ingo und Ingraban“ – „Das Nest der Zaunkönige“ erschien 1873. Ca. 250 Jahre sind seit der Handlung des „Ingraban“ verstrichen, und wir befinden uns nun im Jahr 1003, zur Zeit der beginnenden Herrschaft Kaiser Heinrichs des Zweiten, der zu dieser Zeit aber erst König war, kurz vor seinem ersten Italienzug.

    Immo, ein Nachfahre Ingos und Ingrabans – man bemerke die Is, erinnert ein wenig an ein Stutbuch – ist der älteste von sieben Söhnen aus dem gleichen alten freien thüringischen Adelsgeschlecht und von den Eltern zur Buße einer Schuld der Kirche versprochen worden. Dafür eignet sich der wilde Immo aber gar nicht und versetzt als fast fertiger Schüler das hessische Kloster durch Streiche und kriegerische Unternehmungen in ziemliche Aufregung. Schließlich weist ihn der Abt aus dem Kloster, bedient sich seiner aber gleichzeitig als Boten zu König Heinrich. Es ist die Zeit, in der Adelige und auch hohe Geistliche versuchen, möglichst viel von der Königsmacht abzuknapsen und sich selbst einzuverleiben. Heinrichs Regierungszeit ist eine der Konsolidierung der Königsmacht und des Einsetzens der Geistlichkeit zu Verwaltungszwecken.


    Immo nun mausert sich unter Heinrich und später unter dem Sachsenherzog zu einem großen Kriegshelden, von dem überall im Lande die Spielleute singen. Seine Brüder, ihm zuerst feind, weil er das Ältestenrecht für sich fordert, obwohl er ja eigentlich als Geistlicher aus der Erbfolge gefallen war, versöhnen sich mit ihm und helfen ihm, seine geliebte Hildegard, die Tochter eines intriganten Grafen, die er noch auf seinen Eskapaden als Klosterschüler kennen gelernt hat, vor dem Schleier zu retten, den sie auf Geheiß ihres Vaters und des Königs als Genugtuung für die Sünden des Grafen nehmen soll. Im Finale des Buches entscheidet sich endlich vor einem großen Königsgericht, wie es für die „Zaunkönige“ – die sieben freien, noch nicht einmal dem König lehenspflichtigen Brüder – weitergeht und ihre Mühlenburg, dem „Nest“.


    Dieser Roman folgt wieder einem ähnlichen Schema wie die beiden vorigen: Es zeichnet sich ab, dass Freytag kriegerische Helden mit goldenem Herzen als Protagonisten liebt, die sich mit den Problemen der Zeit – hier mit der Auseinandersetzung zwischen Geistlichkeit, Erbadel und Königtum – arrangieren müssen und dabei natürlich noch eine schöne Frau gewinnen. Dennoch hat auch dieser Band wieder viele Farben, viel Lokalkolorit, das vor allem Lesern gefallen dürfte, die sich in Thüringen auskennen, und große Fabulierlust. Immo ist mir noch sympathischer als seine Vorgänger, weil er diesen jugendlichen Überschwang hat und durch seine naive Gradlinigkeit für die hohen Herren zu einer echten Seelenprüfung wird. Und wieder habe ich eine interessante Epoche in einer Region kennen gelernt, über die in den modernen historischen Romanen wenig zu finden ist. Außerdem hat man bei Freytag das Gefühl, dass er uns die Denkweise der Epoche, insbesondere die Ängste in Bezug auf das Jenseits und die diesen entgegenstehenden weltlichen Interessen, sehr einfühlsam schildert.


    Zu einer musikalischen Umsetzung dieses Bandes habe ich leider gar nichts gefunden.

  • Nach lämgerer Pause, bedingt durch saisonale Arbeitsspitzen, bin ich wieder bei den "Ahnen" gelandet und habe den dritten Band - nach Zählung der Einzelerstveröffentlichungen - "Die Brüder vom Deutschen Haus" gelesen.

    Darin geht es um einen der letzten reichsfreien Adeligen Thüringens, der sich unter Friedrich II. in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gegen die Übernahme seines Eigentums durch mächtige Territorialfürsten wehrt, spätter an einem Kreuzzug und dann, als er sein Anwesen schließlich doch verliert, an der Landnahme des Deutschen Ordens im Osten teilnimmt, eien Bruderschaft, die der Autor sehr positiv darstellt. Ich bin nicht fit in der Geschichte der deutschen Ostkolonisation, glaube aber nicht so recht, dass diese "Brüder vom Deutschen Hause" wirklich soviel besser waren als die Templer und Johanniter.. Auch
    hier kommt der Professorenroman aus dem 19. Jahrhundert ein wenig heimat- und deutschtümelnd rüber. Aber die Menschen anderen Glaubens, denen die Hauptperson Ivo beim Kreuzzug begegnet und deren Gegner, die Kreuzzugsteilnehmer, werden differenziert beschrieben und auch die Greueltaten und die egoistischen Motive vieler Kreuzzugsteilnnehmer werden nicht verschwiegen: Kann man also auch heute noch gut lesen und ist darüber hinaus auch noch spannend. Nebenher spielt im ersten Teil des Romans auch die Zeit der Minnesänger eine Rolle: Ivo besingt eine hochrangige Adelige, eine Cousine des Kaisers Friedrich, heiratet aber später die Tochter eines freien Bauern. Mit diesem Roman steigt die Dynastie auch aus dem Adel aus. Wir erfahren am Ende noch, dass der tapfere Kämpfer und Ostsiedler Ivo von seinen Nachbarn und Bewunderern "König" genannt wird, ein Ehrentitel und zugleich eine Reminiszenz des Autors an Ivos Vorfahren des ersten Bandes, den vandalischen Königssohn Ingo. Im vierten Band geht es dann mit dem bürgerlichen "Markus König" weiter.
    Auch hier liegen mir keine Informationen über eine Vertonung vor.

  • Nach längerer Zeit habe ich wieder einen Band geschafft:




    "Markus König", den vierten oder nach Handlung fünften Band des Romanzyklus.

    Die Handlung verlagert sich nun von Thüringen, in dem, zumindest hauptsächlich, die ersten vier Bände spielten, an die Weichsel, in die deutsche Stadt Thorn, die früher dem Deutschorden und nun, zu Beginn der Handlung, dem polnischen König untersteht.

    Markus König, ein angesehener Kaufmann und Mitglied des "Artushofes", einer Art Ehrengemeinschaft der Honoratioren von Thorn, trauert auch in seinen reifen Jahren den Zeiten nach, in denen Thorn dem Deutschherrenorden unterstand, und will diese Herrschaft mit Geld wieder herstellen, das er dem derzeitigen Hochmeister, Albrecht von Brandenburg-Ansbach, zur Verfügung stellt und für das ihm dieser den Eid leistet, sich auf keinem Fall dem polnischen König unterzuordnen. Die kriegerischen und diplomatischen Auseinandersetzungen enden dennoch mit der Machterhaltung des polnischen Königs, der dafür Albrecht als weltlichem Herzog über das alte Ordensland das Lehensrecht überträgt.

    Zornig und zutiefst verbittert begibt sich der alte Markus König auf eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela, kann aber auch so nicht den inneren Frieden finden.

    Parallel zu dieser Handlung geht es um das Umsichgreifen der Reformation in Deutschland, und Freytag setzt mit diesem Roman Martin Luther ein großes Denkmal.

    Noch während des Konflikts des Hochmeisters mit dem polnischen König spielt die Handlung um den Sohn Markus Königs, den jungen Georg, der ein Brausekopf ist und viel Unsinn macht, der ihn zum wiederholten Male vor den Thorner Stadtrat führt und seinen Vater erzürnt. Dies besonders, nachdem sich Georg mit seinem Lateinlehrer und dessen Tochter angefreundet hat und die beiden, als der Lehrer, weil er die in den Augen der katholischen Priester und Mönche Thorns ketzerischen Schriften Luthers weiter verbreitet, angegriffen werden, gegen einen polnischen adeligen Katholiken verteidigt und diesen dabei schwer verwundet.

    Georg wird aus der Stadt verbannt, gerät bei einem Schiffsüberfall ebenso wie der Lateinlehrer und Anna, seine Tochter, in die Gewalt von Landsknechten, von denen einige dem Hochmeister, andere dem König von Polen dienen. Um Anna vor Übergriffen zu schützen und weil er sie seit langem liebt, heiratet Georg sie, wird von dem Hauptmann der Landsknechte als Fähnrich gewonnen, weil ihm in seinem rechtlosen Zustand nichts anderes übrigbleibt.

    Zum Schluss kommen alle, nachdem es unter Luthers Einfluss zu einer Versöhnung zwischen Vater und Sohn gekommen war und der alte Markus von seinen Wallfahrten zurückkehrt, kurz vor dessen Tod auf der Festung Coburg in Thüringen, die alte Idisburg aus den ersten Bänden der "Ahnen", und Luther kann endlich dem Vater seine Verbitterung nehmen und ihn dazu bringen, dem Herzog seinen Eidbruch zu verzeihen.


    Mir hat dieser Band bisher am wenigsten gefallen: Er beinhaltet - neben dem interessanten Konflikt zwischen Reformation und Restauration im Weichselland - viel frommes Geschwurbele, Deutschtümeleien, und die Liebesgeschichte zwischen Anna und Georg zieht sich nach Courths-Mahler-Manier züchtig in die Länge, bis endlich der Knoten platzt. Danach wird es interessanter. Aber die ersten hundert Seiten waren ein echte Prüfung.

  • Und wieder hat es einige Zeit gedauert:


    „Die Ahnen“, Band 5 „Die Geschwister“ von Gustav Freytag ist der vorletzte Band des Romanzyklus und wie der erste Band ein Doppelroman, dessen beide Handlungen ca. 70 bis 100 Jahre auseinanderliegen.


    In der ersten Hälfte geht es um den „Rittmeister von Altrosen“ Bernhard König, der in den letzten Jahren des Dreißigjährigen Krieges als Offizier eines Regimentes dient, das, nachdem sein Feldherr, der Herzog von Weimar verstorben ist, den Franzosen zugeschlagen wurde. Damit unzufrieden setzt das Regiment seine bisherigen adeligen Offiziere ab, wählt seine eigenen, wie eben jenen Bernhard König, und sucht sich selbstständig einen neuen Feldherren, zunächst den Bruder des Verstorbenen, der aber ablehnt, dann den deutschen General in schwedischen Diensten, Königsmarck. Bernhard hat eine Schwester, die er im Tross mit sich führt und die aus der Vergangenheit für ihre scheinbar prophetischen Gesichte bekannt ist, die sie im Schlaf hat. Aufgrund dessen kommt sie bei dem Herzog von Sachsen-Gotha unter, wenn dieser auch das Kommando über das Regiment seines verstorbenen Bruders ablehnt. Auf dem Weg zu diesem Herzog treffen die beiden Geschwister auf vor marodierenden Soldaten und Kriegsplünderern geflüchtete Bewohner eines thüringischen Dorfes. Eine der Bewohnerinnen, die mit den Geschwistern in ihr Dorf zurückkehrt, ist Judith, selbst mit ihrem Vater aus dem Erzgebirge vertrieben. Zwischen der heil- und kräuterkundigen Judith und Bernhard entspinnt sich eine Liebesbeziehung, weshalb ein abgewiesener Verehrer Judith der Hexerei beschuldigt. Sie kann in letzter Sekunde durch Bernhard gerettet werden, doch nachdem sie geheiratet und einen Sohn bekommen haben, werden sie durch die Kugeln eines militärischen Konkurrenten Bernhards beide zu den letzten Opfern des Dreißigjährigen Krieges. Das Kind kommt zu der Schwester, die inzwischen einen Pastor im Herrschaftsgebiet von Sachsen-Gotha geheiratet hat.


    Der Enkel dieses Kindes wiederum hat zwei Söhne, die sich mit den harten Sitten und Ungerechtigkeiten des Militärs unter dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm von Preußen und dem Sachsen- und Polenkönig August dem Starken herumschlagen müssen. Der jüngere Sohn August wird aus erzieherischen Gründen vom Vater zum preußischen Militär geschickt, wo er charakterlich geformt werden soll. Allerdings kann der rasch zum „Freikorporal bei Markgraf Albrecht“ Aufgestiegene sich nicht wieder vom preußischen Militär lösen, als sein Vater stirbt und die Mutter ihn zur Verwaltung ihres Gutes braucht, weil der preußische König ihm den Abschied verweigert. Nachdem alle Fürsprachen nichts nützen, versucht es sein groß gewachsener älterer Bruder Friedrich, der die geistliche Laufbahn eingeschlagen hat, der aber bei dem König Begehrlichkeiten für die Verwendung bei seinen langen Kerls weckt. Nur im Tausch ist dieser bereit, August ziehen zu lassen. So kommt es dann auch, aber Friedrich schafft es durch seinen Mut und seine Standhaftigkeit gegenüber dem König, dass er nicht in den aktiven Dienst kommt, sondern zunächst wie sein Vater zum Feldprediger wird und später eine märkische Pfarre bekommt. Natürlich gibt es auch wieder zwei Liebesgeschichten mit reizenden Jungfrauen für die beiden Geschwister, aber sie spielen für das Fortlaufen der Handlung eine untergeordnete Rolle. August schließlich fällt in sächsischen Diensten im Konflikt zwischen Kursachsen-Österreich auf der einen und Preußen auf der anderen Seite 1745 in der Schlacht bei Kesselsdorf. Auch hier nimmt wieder das Geschwister, nämlich der ältere Bruder, Witwe und Kinder bei sich im märkischen Pfarrdorf auf.


    Zunächst finde ich diesen Doppelband von allen bisher gelesenen „Ahnen“-Romanen am schwächsten und am schwierigsten zu lesen, letzteres insbesondere bezogen auf den ersten Band, weil diese ganzen Regiments- und Hoheitskonflikte sehr verwirrend sind und nur für ausgewiesene Militärhistoriker ohne intensive Begleitlektüre verständlich, ersteres weil die ganzen Liebesgeschichten Gartenlaube-Niveau haben und der Kontrast zwischen strammen Kerls beim Militär und züchtigen, frommen Jungfrauen für heutiges Verständnis schwer zu schlucken ist.

    Andererseits habe ich viel über die militärischen Strukturen, politische Überlegungen der Feldherren und die Ungerechtigkeiten der Militärhierarchien mit dem unbedingten Gehorsamsgebot gegenüber Vorgesetzten, insbesondere, wenn sie adelig sind, erfahren. Was mir dabei gut gefallen hat, ist, dass Freytag im ersten Teil die Überlegungen der Feldherren, denen das Regiment des verstorbenen Fürsten angetragen wird, sehr klar und deutlich vermittelt werden und man genau wie die Bedürfnisse der einfachen Soldaten auch durchaus versteht, mit welchen Entscheidungen und deren Konsequenzen sich die Machthaber herumschlagen müssen. Im zweiten Teil fand ich die Willkür der Soldatenkönigs, wenn es darum geht, seinen Besitzstand an militärischem Personal zu wahren, sehr gut und eindrücklich dargestellt, ebenso wie die Willkür Augusts des Starken, der für die Zufriedenstellung seiner Mätresse seinen Leutnant zur Schnecke macht, obwohl der völlig richtig nach Dienstvorschrift gehandelt hatte.


    Fazit also: Die Lektüre hat weniger Vergnügen gemacht als die der vorherigen Bände, aber ich habe einen – wie ich glaube – recht authentischen Einblick in die politischen und militärischen Verhältnisse der beiden dargestellten Zeiträume bekommen. Die kitschigen Verschnörkelungen mit den Liebesgeschichten hätte sich der Autor gerne sparen können.

  • Nun habe ich den Zyklus abgeschlossen.

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    Die Ahnen 6 – Aus einer kleinen Stadt / Schluss der Ahnen

    Der letzte Band der „Ahnen“ von Gustav Freytag erschien 1880, spielt in einer kleinen fiktiven Stadt in Schlesien und umfasst die Zeit der Eroberungskriege Napoleons bis nach der Völkerschlacht bei Leipzig, 1805 bis nach 1813.

    Ernst König, der Enkel von Friedrich König aus dem zweiten Teil der „Geschwister“, kommt als junger Arzt in die Stadt, um dort eine Praxis zu eröffnen. Mit dem Zolleinnehmer, einem unangepassten liberalen Geist und großem Jean Paul-Verehrer, erlebt er die Zeit der Besatzung durch napoleonische Truppen und den murrenden Gehorsam der Bevölkerung angesichts von Ausbeutung und Truppenwillkür.

    In einem Pfarrdorf der Umgebung, dem gleichen wie dem von Judith aus dem ersten Teil der „Geschwister“, verliebt er sich in die Tochter eines Landgeistlichen, Henriette. Diese wird fast ein Opfer von bayerischen Besatzungstruppen im Gefolge Napoleons und nur durch das Eingreifen eines französischen Offiziers, Dessalle, vor einer Vergewaltigung gerettet. Dieser jedoch benennt sie gegenüber den Bayern als seine Verlobte und tauscht mit ihr gegen ihren Willen Ringe. Henriette fühlt sich dadurch an ihren Retter gekettet, obwohl sie den Arzt liebt. Der enttäuschte und patriotische Ernst schließt sich dem unbenannten Grafen (Friedrich Wilhelm von Götzen), dem Anführer noch unbesetzter Gebiete mit drei Festungen um die Stadt Glatz an und betreut die widerständigen Truppen ärztlich. Dem Grafen gelingt es, das Gebiet für Preußen zu halten.

    Der von vielen als schmählich empfundene Friedensschluss Frankreichs mit Preußen, der Frieden von Tilsit (1807), und das darauf folgende Bündnis gegen Russland prägen die nächste Zeit und führen dazu, dass Ernst König schließlich, nach dem misslungenen Russlandfeldzug Napoleons, als Aktiver an der Völkerschlacht bei Leipzig teilnimmt. Dort trifft er auch auf Dessalle und in der Folge löst dieser die Verlobung mit Henriette auf. Die beiden Liebende heiraten und nehmen nun wieder das ruhige, wenn auch an anstrengende Leben in einem Arzthaushalt auf.

    In dem Appendix „Schluss der Ahnen“ erleben wir aus der Sicht des Sohnes Viktor die Studentenzeit im Berlin der 1830er Jahre und das anschließende Aufblühen des Widerstands gegen Zensur und Unterdrückung bis zur Märzrevolution 1848. Die Familie König reist mit Schwiegersohn Henner von Ingersleben, dessen Abstammung wohl auf den thüringischen Teil der Saga anspielt, zur Festung Coburg, im ersten Band noch ohne Festung der Ort von Ingos Burg und Tod aus dem ersten Band. Ein in der Festung vom Schwiegersohn aus dem Nachlass einer Tante übergebenes Buch weist auch auf die Zeit der Begegnung von Markus König aus dem vierten Band mit Martin Luther zurück.

    Mit einer pathetischen und idealistischen Beschwörung der Kraft des Volkes endet der Romanzyklus.


    Mit „Aus einer kleinen Stadt“ kommt Freytag seiner Lebensgeschichte sehr nahe, denn auch er engagierte sich um 1848 als Journalist politisch gegen Repressalien z.B. gegen die schlesischen Weber und musste daher politische Verfolgung hinnehmen.


    Auf uns Heutige wirkt die Anrufung der deutschen Widerstandskraft und der Kraft des Volkes befremdlich und sogar gefährlich, ist aber wohl den Zeitumständen des Vielvölkerstaates aus der Lebenswirklichkeit des jungen und mittelalten Freytags zu schulden.

    Insgesamt fand ich diesem Band zwar wieder von der Schilderung der historischen Umstände her sehr interessant, aber doch auch recht zopfig und an manchen Stellen sehr an den „Gartenlauben“-Ton erinnernd.

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  • Lieber tukan, als Thüringer muß ich zu meiner Schande gestehen, Freytag zwar namentlich zu kennen und auch sein Hauptwerk schon in den Händen gehalten zu haben. Vom Lesen abgehalten hat mich der Umfang des Werkes. Das Gesamtwerk mag wohl knapp 3000 Seiten umfassen, und dazu fehlt mir die Geduld.

    Dabei sollte es mir doch am Herzen liegen, das Werk zu lesen, denn die zu den "Drei Gleichen" gehörende Ruine Mühlburg (außerdem die Veste Wachsenburg und die Burgruine Gleichen) gehört zu meinen früher besonders bevorzugten Wandergebieten. Jetzt wollen die alten Knochen die etwa 18 km umfassende Wanderung mit immerhin 3 anstrengenden Steigungen nicht mehr so lange kraxeln. Aber immerhin sind diese 3 Berge mit den 3 Burgen/Ruinen für alle Autofahrer auf der A4 im Herzen Thüringens ein Wahrzeichen und im Dreieck Erfurt - Gotha - Arnstadt schon vom Weiten sichtbar. Immer, wenn ich aus Westen kommend die Parade der Burgen sah, wußte ich mich bald zu Hause.Drei Gleichen um 1900, (v. l. n. r.:) Wachsenburg, Burg Gleichen, Mühlburg. Kamerastandpunkt war der Röhnberg.

    Dieses historische Bild zeigt links hinten die Wachsenburg, im Vordergrund Burg Gleichen und rechts die Mühlburg. Die heutige A4 verläuft zwischen der Burg Gleichen und den beiden anderen Burgen


    Danke für Deine Beiträge, sie haben mir das Riesenwerk näher gebracht ohne es lesen zu müssen.


    Herzlichst La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.