Die russische Pianistenschule - europäisch und international

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    Lew Kopejew (1912-1997)


    Zur Einleitung ein persönliches Erlebnis aus meiner Studienzeit an der Bergischen Universität Wuppertal. Damals weilte der In Kiew geborene Germanist Lew Kopejew - ein Dissident in der damaligen Sowjetunion und Freund von Heinrich Böll - an der Wuppertaler Universität und hielt Gastvorlesungen. Aus aktuellem Anlass von Putins verbrecherischem Krieg gegen die Ukraine ist insbesondere dieser Teil seiner Biographie von besonderer Bedeutung (Quelle: Wikipedia):


    "Während des Einmarsches der Roten Armee nach Deutschland im Januar 1945 wurde er Zeuge zahlreicher Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung Ostpreußens, die ihn zutiefst erschütterten und ein starkes Gefühl der Scham in ihm auslösten. Mit seinen Versuchen, die unfaire Behandlung von NKFD-Angehörigen sowie weitere Gräueltaten zu verhindern, erntete er nur Unverständnis und Feindseligkeit bei seinen Kameraden und Vorgesetzten und wurde deshalb bei dem sowjetischen Militärnachrichtendienst SMERSCH angezeigt. Wegen „Propagierung des bürgerlichen Humanismus, Mitleid mit dem Feind und Untergrabung der politisch-moralischen Haltung der Truppe“ wurde er zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Es gelang ihm zunächst, die Vorwürfe gegen sich zu entkräften, sodass er nach der Untersuchungshaft noch einmal für wenige Monate in Freiheit lebte. Nach Ablauf dieser Frist wurde er erneut verhaftet und ein weiteres Mal zu Lagerhaft verurteilt. Dieses Mal wurde er tatsächlich in ein Arbeitslager des GULag geschickt.


    Im Gefangenenlager lernte Kopelew unter anderem Alexander Solschenizyn kennen, der ihn in seinem Buch Der erste Kreis der Hölle als Lew Rubin auftreten lässt."


    Lew Sinowjewitsch Kopelew – Wikipedia


    Aber nun der eigentliche Grund, warum ich mit Kopejew beginne: Er ist eigentlich Ukrainer und kein Russe. In einer Podiumsdiskussion mit ihm, die ich erlebte, fiel von ihm der folgende Satz (ungefähr dem Sinne nach): "Was mich am meisten betrübt, ist, dass man Russland nicht zu Europa zählt!"


    Es gibt kaum ein Beispiel, das besser demonstriert als die russische Pianistenschule, wie Recht Lew Kopejew hat. Schon die Gründung dieser Schule ist kein rein russisches Ereignis, sondern eine russisch-europäische Angelegenheit. Als die beiden Gründerväter gelten der Komponist und Pianist Anton Rubinstein und Theodor Leschetitzky.


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    Anton Rubinstein

    (Portrait von Ilja Repin 1886)


    Anton Grigorjewitsch Rubinstein – Wikipedia


    Anton Rubinsteins (1829-1894) Vater stammte aus Bessarabien in der heutigen Ukraine, seine Mutter war eine Deutsche (geb. Löwenstein), gebürtig aus Breslau in Ostpreußen. 1862 gehörte er zu den Mitbegründern des St. Petersburger Konservatoriums, dessen Direktor er dann wurde und dieses Amt bis 1867 innehatte.


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    Theodor Leschetizky – Wikipedia


    Theodor Leschetitzky (1830-1915) wurde in Lancut in Galizien geboren, was im heutigen Polen liegt. Zunächst ging Leschetitzky nach Wien, siedelte dann aber 1854 nach St. Petersburg über, wo er 1862 mit Anton Rubinstein das dortige Konservatorium gründete. Er lehrte dort bis zu seiner Rückkehr nach Wien 1878 und heiratete eine seiner Schülerinnen, Anna Jessipowa. Der Kreis seiner zahlreichen Schüler, zu denen u.a. Artur Schnabel, Elly Ney, Paul Wittgenstein, Jan Paderewsky, Ignaz Friedman, Mieczyslav Horszowski, Benno Moisewitsch und Marc Hambourg gehörten, zeigt die europäische und weltweite Ausstrahlung der russischen Pianistenschule.


    Es ist auch keineswegs so, dass die Wirkungsstätte der russischen Pianistensichule auf St. Petersburg (bzw. Leningrad in der Zeit der Sowjetunion) und Moskau beschränkt geblieben wäre. Natürlich kennt man Heinrich Neuhaus, den Lehrer von Emil Gilels, Svjatoslav Richter und vielen anderen weltbekannten Pianisten, der am Moskauer Konservatorium lehrte. Zahlreiche bedeutende Vertreter der russischen Schule lehren bis heute im Westen, insbesondere in Deutschland.


    Zu Beginn drei Beispiele:


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    Rudolf Kehrer (1923-2013)


    Rudolf Kehrer – Wikipedia


    Kehrer entstammte einer schwäbischen Klavierbauer-Familie, die nach Georgien auswanderte. Kehrer lebte zuletzt in Deutschland - übernahm ab 1990 eine Gastprofessur in Wien. Sein Schüler war u.a. unser Tamino-Pianistenmitglied Markus Schirmer - der anlässlich seines Todes auch einen persönlichen Nachruf auf seinen Lehrer hier postete:


    Rudolph Kehrer


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    Ilja Scheps (geb. 1956)


    Ilja Scheps – Wikipedia


    Scheps lehrte zunächst am Moskauer Konservatorium - 1992 siedelte er über nach Deutschland. Nach Lehraufenthalten in Rostock, Dortmund und Darmstadt lehrt er seit 2003 als Professor an der Hochschule für Musik und Tanz Aachen/Köln und gibt regelmäßig internationale Meisterkurse. Seine Tochter Olga Scheps gehört zu den derzeit bekanntesten Pianistinnen ihrer Generation:



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    Van Cliburn (1934-2013)


    Ein besonderes Beispiel ist Van Cliburn, der als US-Amerikaner 1958 sensationell den ersten Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb gewann. In der Jury saßen u.a. Svjatoslav Richter und Emil Gilels. Auch er ist ein Spross der russischen Klavierschule! An der Juilliard School studierte er bei Rosina Lhevinne - der Ehefrau von Josef Lhevinne, eines der größten Virtuosen aller Zeiten, mit dem sie ein damals berühmtes Klavierduo bildete.


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    Rosina Lhevinne (1880-1976)


    Rosina Lhévinne – Wikipedia


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    Josef Lhevinne (1874-1944)


    Josef Lhévinne – Wikipedia


    Fortsetzung folgt!


    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber Holger, eine gute Idee, diesen Thread über die russische Pianistenschule aufzulegen, wo viele derzeit nicht gut auf Russen zu sprechen sind. Die Russen können sich glücklich schätzen,. über viele sehr gute Pianisten/innen verfügen zu können. Spontan fallen mir nur Richter, Gilels und Leonskaja ein. Besonders freut mich , dass hier Rudolf Kehrer genannt wird. Über ihn gab es mal vor längerer Zeit eine gute Fernsehsendung (arte?) , die ich leider nicht mehr habe. Darin wurde auch geschildert, dass er es als Deutsch-Russe sehr schwer hatte und lange nicht als Pianist tätig sein durfte. In meiner Jugendzeit erlebte ich ihn in einem Konzert mit dem Berliner Rundfunksinfonieorchester im (Ost-) Berliner Metropol-Theater. Davon war in der Sendung ein Ausschnitt zu sehen. Kehrer spielte Beethovens 5. Klavierkonzert, da ich noch jung war, fehlten mir sicher die Vergleiche, aber ich war begeistert von seinem ausdrucksvollen Spiel. Leider ist er im Westen unbekannt geblieben, was ich persönlich schade finde.

    :hello:

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • eine gute Idee, diesen Thread über die russische Pianistenschule aufzulegen, wo viele derzeit nicht gut auf Russen zu sprechen sind

    Das war keine "gute Idee", sondern eine die quasi in der Luft lag - ein zu erwartender Protest.

    Ich habe ihn de facto schon seit etlichen Tagen erwartet - quasi als Protest gegen meinen Thread.

    Spontan fallen mir nur Richter, Gilels und Leonskaja ein.

    Das wäre ja kein Überhang, sondern ein wohl ausgewogenes Verhältnis (na ja schon ein wenig unausgewogen) - Aber die Realität ist, daß wie von russischen Pianisten gradezu verseucht sind - Überall sitzen sie:In den Konzerthäusern, in der Tonträgerszene, an den Musikhochschulen und was weiss ich sonst noch.

    Davon wird die französische und deutsche Klavierschule fast an die Wand gedrückt, englische Pianisten spiele fast ausschliesslich für englische Labels, und von amerikanischen Pianisten liest man höchstens in der New York Times. Um einigermaßen gerecht zu bleiben - auch aus Koreo, Japan und China überschwemmt uns eine Pianistenwelle, israel und Polen hatten immer schon einen bevorzugten Platz.

    Das ist alles nichts neues: Im 18. Jahrhundert wurde im Bereich Komponisten, die gesamte Welt von Italienern überschwemmt, wobei dann die heimischen Komponisten - vor allem in den nordischen Ländern auf der Strecke blieben , bzw sie wurden meist gar nicht wahrgenommen. Österreich war hier eine Ausnahme: Alle Tschechen und Polen kamen nach Wien und hatten hier das Sagen - Die Briefe der Herrn Leopold Mozart sind hier ein Zeitzeugnis.


    Es wird interessant sein, zu beobachten , wie sich die Lage entwickelt.

    Ich halte 2 Szenarien für möglich:

    a),Russische Pianisten werden gemobbt und ziehen sich nach und nach zurück

    b) Russische Pianisten verlassen ihre Land und setzen sich hier fest

    Das Problem ist lediglich, daß jeder immigirerte Russe ein Spion sein kann .....


    Vor rund 50 Jahren war das noch kein Problem.

    Ich hatte ein Konzert der russischen Pianistin Elisabeth Leonskya gehört.

    Einige Tage später erschien jemand in dem Photogeschäft in der Innenstadt wo ich damals arbeitete, und gab Fotos zum Entwickeln ab

    "Auf welchen Namen" ?

    "Leonskaya"

    "Wie die Pianistin?"

    "ich BIN die Pianistin"

    "Oh - ich hatte gedacht - sie sind Russin ?"

    "Ja - aber ich lebe jetzt in Wien"


    So dürfte ich einer der ersten gewesen sein, der das erfahren hatte.....


    Und damls freuten wir uns natürlich über solch einen Zuzug.


    mfg aus Wien

    Alfred


    Jeder, der versucht aus der großen Herde, die da heißt ›Gesellschaft‹, auszubrechen, ruft das Mißfallen der Herde hervor.

    Francesco Petrarca (1304-1374)


  • Besonders freut mich , dass hier Rudolf Kehrer genannt wird. Über ihn gab es mal vor längerer Zeit eine gute Fernsehsendung (arte?) , die ich leider nicht mehr habe. Darin wurde auch geschildert, dass er es als Deutsch-Russe sehr schwer hatte und lange nicht als Pianist tätig sein durfte. In meiner Jugendzeit erlebte ich ihn in einem Konzert mit dem Berliner Rundfunksinfonieorchester im (Ost-) Berliner Metropol-Theater. Davon war in der Sendung ein Ausschnitt zu sehen. Kehrer spielte Beethovens 5. Klavierkonzert, da ich noch jung war, fehlten mir sicher die Vergleiche, aber ich war begeistert von seinem ausdrucksvollen Spiel. Leider ist er im Westen unbekannt geblieben, was ich persönlich schade finde.

    :hello:

    Lieber Timmiju,


    da hast Du die tolle Erinnerung, die Du wie ein Schatz hüten kannst! Leider habe ich Kehrer im Konzert nicht erlebt. Ein Freund von mir war einmal als Zuschauer bei einer seiner Meisterklassen in Hamburg. Er erklärte dort an einem Beispiel aus Grieg Klavierkonzert, was die allermeisten Pianisten da alle falsch machen. Er war als Lehrer sehr begehrt und hoch geschätzt! :) :hello:

    Aber die Realität ist, daß wie von russischen Pianisten gradezu verseucht sind - Überall sitzen sie:In den Konzerthäusern, in der Tonträgerszene, an den Musikhochschulen und was weiss ich sonst noch.

    Davon wird die französische und deutsche Klavierschule fast an die Wand gedrückt, englische Pianisten spiele fast ausschliesslich für englische Labels, und von amerikanischen Pianisten liest man höchstens in der New York Times. Um einigermaßen gerecht zu bleiben - auch aus Koreo, Japan und China überschwemmt uns eine Pianistenwelle, israel und Polen hatten immer schon einen bevorzugten Platz.

    Ein schönes Beispiel für die "Realität", lieber Alfred. Du hast gerade einen Thread über Lucas Debargue aufgemacht - in der Tat eine interessante Persönlichkeit, von dem ich auch eine CD habe. Man sollte meinen, er ist ein Spross der französischen Pianistenschule. Aber was lesen wir:


    Lucas Debargue – Wikipedia


    "Debargue wandte sich 2010 wieder dem Klavier zu, studierte in der Klasse von Philippe Tamborini am Konservatorium in Beauvais und schloss mit einem Diplom in Klavier und Kammermusik ab. 2011 wurde Debargue Student an der Musikschule Rueil-Malmaison und später an der École Normale de Musique de Paris – jeweils in den Klassen von Rena Schereschewskaja.[4]"


    Wer ist Rena Schereschewskaja?


    Rena Schereschewskaja – Wikipedia


    "In Russland geboren, begann sie das Klavierspiel im Alter fünf Jahren in einem russischen Konservatorium, danach im Tschaikovski Konservatorium in Moskau. Dort studierte sie unter anderem bei Lev Vlassenko. Im Alter von 22 Jahren erhielt sie den Abschluss mit Auszeichnung als Solist, Kammermusiker und Lehrer.


    Von 1991 bis 1993 leitete sie die Klavierabteilung an der Musikhochschule Ippolitow-Iwanow in Moskau.


    Im Jahr 1993 wurde sie nach Colmar eingeladen, eine Professur am Konservatorium zu übernehmen. Sie hat Meisterkurse auf der ganzen Welt erteilt (Frankreich, USA, Kanada, Italien etc.). Sie bereitete den französischen Pianisten Lucas Debargue auf den 15. Tschaikowski-Wettbewerb vor, wo er von einer Außenseiterposition aus den 4. Preis und den Publikumspreis errang."


    Die nationalistische Betrachtung ist also künstlich - die Klavierschulen heute sind nicht mehr isolierbar nach Nationalitäten wie vor 70 oder 100 Jahren, sondern sehr komplex vernetzt. Europäer, Amerikaner studieren bei Russen und Deutschen, ebenso studieren Russen nicht nur bei Russen, sondern auch bei deutschen Klavierpädagogen oder Amerikanern oder Japanern (wie viele russische Schüler haben Ushida z.B. oder Jerome Rose?). Beispiel: Olga Scheps. Ihre Karriere verdankt sie nicht etwa ihrem Vater Ilja Scheps, der Klavierprofessor in Köln/Aachen ist (s.o.!). Entdeckt mit 15 Jahren und gefördert hat sie Alfred Brendel!


    Dagegen richtet sich dieser Thread - gegen die absurde Vorstellung, man könnte die russischen Pianisten oder Klavierpädagogen ausgrenzen. Der Nationalismus im Zeitalter der Globalisierung und globalen Vernetzung ist ein Anachronismus, eine Ideologie von gestern. Er wird benutzt, um Kriege zu führen mit politischen Vorstellungen, die ebenfalls nicht mehr in unsere Zeit gehören. Die Kultur mit ihrer Komplexität und Vernetzung der Nationalitäten entlarvt diese Denkweise schlicht als realitätsfern - und als eine große Lüge! Ein solches illusionistisches Denken sollte auch ein Kulturforum wie Tamino nicht befördern.

    Es wird interessant sein, zu beobachten , wie sich die Lage entwickelt.

    Ich halte 2 Szenarien für möglich:

    a),Russische Pianisten werden gemobbt und ziehen sich nach und nach zurück

    b) Russische Pianisten verlassen ihre Land und setzen sich hier fest

    Das Problem ist lediglich, daß jeder immigirerte Russe ein Spion sein kann .....


    Da wäre eine Umfrage interessant, wer denn bereit ist, Geld für Konzertkarten auszugeben, wenn statt Grigory Sokolov oder Arcadi Volodos oder Yevgeny Kissin irgendeiner von den in Deinem anti-russischen Thread genannten nahezu namenlosen Pianisten eingeladen wird, die sie angeblich alle ersetzen können und in Zukunft ersetzen werden. Meine Prognose: Die Konzerthallen werden leer bleiben!


    Zum Thema Spionage: Da müsste man mal den BND ansetzen, welche russischen Pianisten Werksgeheimnisse von Yamaha an russische Klavierbauer verraten! (Das war ein Scherz!) ^^ :hello:


    Von mir wird es demnächst ausführliche Beiträge über zwei russische Pianisten geben: Yuri Egorov und Yevgeny Sudbin. Die sind für mich interessanter als 100 und mehr der in Deinem Thread genannten sicher alle auch guten Pianisten, die aber eben nicht zur absoluten Weltspitze gehören. In der Kultur und im Musikbetrieb wie in der Wissenschaft zählt letztlich die Qualität. Und die spricht für die Russen! ;)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Da wäre eine Umfrage interessant, wer denn bereit ist, Geld für Konzertkarten auszugeben, wenn statt Grigory Sokolov oder Arcadi Volodos oder Yevgeny Kissin irgendeiner von den in Deinem anti-russischen Thread genannten nahezu namenlosen Pianisten eingeladen wird, die sie angeblich alle ersetzen können und in Zukunft ersetzen werden. Meine Prognose: Die Konzerthallen werden leer bleiben!

    Deine Prognose ist - wie viele Deiner Aussagen - eine sophistische


    Ich gestehe, daß ich nicht weiß ob und wie viele der von Dir hier genannten drei Pianisten ich in meiner Sammlung habe, vermutlich aus Gründen der Vollständigkeit je ienen.

    Das hat zum Teil mit dem Repertoire zu tun, ich bin Mozartianer und höre zahlreiche Komponisten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts - fürs Forum natürlich auch anderes.

    Zum anderen Teil bin ich kein Fan irgendeines Künstlers. Natürlich hab ich meine Vorlieben und (wenige) Abneigungen - vor allem wenn Interpreten meinen ihre Wertvorstellung verbreiten zu müssen und politisch werten (und da gibt es einige)


    Die Konzertsäle waren auch nicht leer als keine - oder nur wenige Russen dort auftraten.

    All die Großen Stars sind mehr oder weniger PR-Produkte - und - sehr gut an der Streichpolitik der Plattenfirmen zu sehen - wer nicht spurt wird aussortiert. Wer zur Konkurrenz wechselt, dessen Aufnahmen werden zum Schandpreis abverkauft und diskreditieren den Künstler - machen ihn zum Billigprodukt, für dessen CDS niemand mehr wird Vollpreis zahlen wollen.


    Einst waren es Polen, die ganz oben in der Hierarchie der Pianisten standen. Sie sind zumeist vergessen -und kaum jemand will sie hören,obwohl sie auf Welte-Mignon verewigt sind, ein Verfahren, das ihr Spiel unbeeinträchtigt von der Verfärbung der Schallplatte wiedergibt. Sie haben keine Lobby mehr, kein schützendes Label.

    Man kann beobachten, daß jene Pianisten (und andere Interpreten) schneller die Karriereleiter emporklettern, die bei einem bekannte Label untergebracht sind, als jene von independent Labels, ganz zu schweigen von "Labelhoppern", die jede Aufnahme mit einem anderen - oft unbekannten - Label machen.

    Und natürlich ist "Berühmtheit" eine Frage der Nationalität, oder besser gesagt der Mentalität.

    Introvertierte Künstler - so sie es nicht zum Markenzeichen erheben und vermarkten können - haben sclhechtere Karten als robuste. Und die Robustheit gewisser Nationen und die Penetranz anderer lässt sich ja wohl nicht leugnen, jene Stehaufmännchen, die jegliche Mißerfolge locker (zumindest nach aussen) wegstecken und eine ausserurdentliche Zähigkeit beweisen, bei gleichzeitig guter Vernetzung.

    Dagegen gibt es andere Interpreten, die zear nicht schlechter sind, aber weniger bekannt, weil es ihnen zuwider ist in Flugzeuge zu steigen und solcherart gefährlich zu leben, jede Nacht in einem anderen Hotel zu verbringen - immer mit dem Koffer in der Hand. Die sitzen in ihren Musikmetropolen und verlassen sie kaum, weil sie dort ihr gutes Leben führen können und vom heimischen Publikum ausreichend bejubelt werden. Hin und wieder machen sie eine CD oder treten mit einem Rundfunkorchester auf. Sie müssen sich nicht mit dem Management ihrer Plattenfirma und den Wünschen ihres Agenten herumärgern. Sie spielen Klavier - und das wars dann.

    Aber ich möchte hier nicht im einzelenen darüber diskutieren, weil der Thread möglichst nicht gestört werden soll. Im Gegensatz zu anderen will ich niemanden von meiner Meinung oder meinen Ansichten überzeugen (weil es mir im Prinzip gleichgültig ist ) sondern ich stelle sie nur lakonisch in den Raum. Das sollte schon genügen.

    Also macht weiter mit Euren russischen Pianisten. Sie stören mich nicht - aber ich würde sie auch nicht vermissen, wenn sie nicht mehr präsent wären...


    mfg aus Wien

    Alfred


    Jeder, der versucht aus der großen Herde, die da heißt ›Gesellschaft‹, auszubrechen, ruft das Mißfallen der Herde hervor.

    Francesco Petrarca (1304-1374)


  • Die Konzertsäle waren auch nicht leer als keine - oder nur wenige Russen dort auftraten.

    All die Großen Stars sind mehr oder weniger PR-Produkte

    Niemand, lieber Alfred, heute nicht und in der Vergangenheit nicht, hat jemals gezählt, wie viele der "Stars", welche die Konzertsäle füllen, welcher Nationalität ist. Bis Ivo Pogorelich ist noch kein Pianist aus dem ehemaligen Jugoslavien international hervorgetreten. Pogorelich war als Pogorelich ein Star, und nicht als Jugoslave. Das PR-Produkt ist die Verpackung. Zu jeder Verpackung gehört aber ein Inhalt. Nur mit der Verpackung lässt sich kein Produkt vermarkten. Pavarotti einst oder Jonas Kaufmann heute müssen schon eine große Stimme (gehabt) haben, um als "Stars" die großen Säle zu füllen. Entsprechendes gilt für die großen Tastenkünstler.

    Einst waren es Polen, die ganz oben in der Hierarchie der Pianisten standen. Sie sind zumeist vergessen -und kaum jemand will sie hören,obwohl sie auf Welte-Mignon verewigt sind, ein Verfahren, das ihr Spiel unbeeinträchtigt von der Verfärbung der Schallplatte wiedergibt.

    Das wäre mir neu, dass es irgendwann eine "Hierarchie" der Pianisten bzw. Pianistenschulen gegeben hätte. Und was Du sagst, stimmt einfach nicht. Wenn ganz junge Pianisten, die längst "Stars" sind, gefragt sind, welche Pianistengrößen der Vergangenheit sie verehren, fallen nicht nur Namen wie Artur Rubinstein oder Horowitz, sondern auch Josef Hofmann...

    Dagegen gibt es andere Interpreten, die zear nicht schlechter sind, aber weniger bekannt, weil es ihnen zuwider ist in Flugzeuge zu steigen und solcherart gefährlich zu leben, jede Nacht in einem anderen Hotel zu verbringen - immer mit dem Koffer in der Hand.

    Das ist ein allgemeines Problem. Die größte Zahl guter Pianisten lebt nicht davon, dass sie eine internationale Konzertkarriere gemacht haben. Das gilt auch für Russen. Die überwiegende Mehrheit der zahlreichen russischen Pianisten ist nicht weniger kaum bekannt wie das für Franzosen, Italiener, Ungarn, Amerikaner etc. auch gilt.


    Schöne Grüße

    Holger

  • Ein schönes Beispiel für die Präsenz der russischen Pianistenschule in Deutschland ist der junge Hamburger Pianist Alexander Krichel, der ECHO-Klassik-Preisträger wurde und einen Exklusivvertrag bei Sony hat inzwischen:



    https://www.ksta.de/sote-alexa…2804544?cb=1651212680910&


    Wer waren seine Lehrer (Quelle: s.o.!)?


    "Alexander Krichel studierte in Hannover bei dem großen russischen Pianisten und Pädagogen Wladimir Krainjew bis zu dessen Tod, zurzeit setzt er sein Studium bei Dmitri Alexeev am Royal College of Music in London fort."


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    Vladimir Krainjew (1944-2011)


    https://de.wikipedia.org/wiki/…r_Wsewolodowitsch_Krainew

    https://www.rcm.ac.uk/Keyboard/professors/details/?id=02242


    "Wladimir Krainew erhielt an der Musikschule Charkow Unterricht und studierte ab 1962 am Moskauer Tschaikowski-Konservatorium, unter anderem bei Heinrich Neuhaus. Es folgte ein Aufbaustudium bei dessen Sohn Stanislaw Neuhaus mit dem Diplom 1969. Krainew gewann Preise bei mehreren internationalen Klavierwettbewerben, so in Leeds 1963 (2. Preis), Lissabon 1964 (1. Preis, gemeinsam mit Nelson Freire) und 1970 beim 9. Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau den 1. Preis (gemeinsam mit John Lill). Später fungierte er selbst häufig als Jurymitglied wichtiger Musikwettbewerbe (etwa als Vorsitzender des Tschaikowski-Musikwettbewerbs 2002 in Moskau).


    Als Solist konzertierte er in Europa, den USA und Fernost, auch gemeinsam mit Orchestern und Kammermusikpartnern wie Natalia Gutman, Gidon Kremer, Heinrich Schiff oder dem Borodin-Quartett. Alfred Schnittke widmete Krainew sein Konzert für Klavier und Streicher, das dieser 1979 uraufführte. Ab 1992 lehrte Krainew an der Hochschule für Musik und Theater Hannover, wo er seit 1994 eine Professur für Klavier innehatte."


    Krainjew lernte ich kennen in meiner Studentenzeit, als ich ein Konzert von ihm aus Prag mit u.a. Prokofieff im Radio hörte und das auch mit dem Cassettenrecorder aufnahm.


    Immer noch sehr hörenswert und empfehlenswert von ihm (die Aufnahme besitze ich):


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    Dmitri Alexeev (geb. 1947)


    https://www.rcm.ac.uk/Keyboard/professors/details/?id=02242



    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber Holger

    Ein interessantes Thema. Aber ich frag mich,ob es da Thema ist, welches Du hier haben wolltest.

    Pogorelich war als Pogorelich ein Star, und nicht als Jugoslave.

    Er war ein Star, weil er blendend aussah UND daß es seinetwegen bei einm Klavierwettbewerk zu einem Streit in der Jury gekommen ist

    Das PR-Produkt ist die Verpackung. Zu jeder Verpackung gehört aber ein Inhalt. Nur mit der Verpackung lässt sich kein Produkt vermarkten.

    Hier sind wir uns einig. Aber es gibt zahlreiche Pianisten, denen zum "Star" lediglich die Verpackung fehkt - und/oder die Persönlichkeit, die man von einem Star erwartet,

    Die darf in Einzelfällen durchaus unangenehm oder verschroben sein. Erstklassige Beherrschung des HAND Werks ist natürlich Voraussetzung


    Wenn ganz junge Pianisten, die längst "Stars" sind, gefragt sind, welche Pianistengrößen der Vergangenheit sie verehren, fallen nicht nur Namen wie Artur Rubinstein oder Horowitz, sondern auch Josef Hofmann...

    Das mag sein. Aber das Publikum von heute kennt Josef Hofmann gar nicht mehr - Trotz Präsenz auf Welte Mignon. Zudem war er Pole - was mein Statment dazu nur unterstreicht.


    Die größte Zahl guter Pianisten lebt nicht davon, dass sie eine internationale Konzertkarriere gemacht haben.

    Man lebt von Tonaufnahmen - Von einigen Ausnahmen abgesehen sind aber hierzu auch internationale Auftritte mit Spitzenorchestern fast unabdingbar.

    Es gibt aber auch Interpreten, die sich ausgerechnet haben, daß Aufnahmen mit guten Mittelklasseorchestern - und das in ausreichender Stückzahl - zu moderaten Gagen einträglicher und bequemer ist als das Leben eines "reisenden Pianisten" mit (knebelndem ?) Exklusivvertrag. Die sind dann bei Kennern "bekannt und geschätzt" aber der Hauch der "lebenden Legende" umweht sie meist nicht.

    wenn statt Grigory Sokolov oder Arcadi Volodos oder Yevgeny Kissin irgendeiner von den in Deinem anti-russischen Thread genannten nahezu namenlosen Pianisten eingeladen wird, die sie angeblich alle ersetzen können und in Zukunft ersetzen werden. Meine Prognose: Die Konzerthallen werden leer bleiben!

    Diese Interpreten sind HIERORTS namenlos, aber in ihren Heimatändern sind sie (oft) Stars.

    Ich kann Deine Einschätzung gut verstehen, denn etliche Namen die ich genannt habe, waren mir bislang nicht bekannt. Aber, so man sie agieren sieht (eigenartigerweise ist das wichtiger als ich dachte) oder ein Interview mit ihnen hört, dann verschieben sich oft die Relationen. Einige treten plätzlich klar umrissen hervor, entpuppen sich als Stars. Andere legen keinen Wert darauf oder sind den psychischen Anforderungen (nicht pianistischen !!!) an eine "Gallionsfigur der Musik" einfach nicht gewachsen. Ich jedenfalls hab durch meinen eigenen Thread zahlreiche neue Namen kennengelernt, die sich in den nächsten Monaten/Jahren (so ich es erlebe)in meiner Sammlung wiederfinden werden.

    Persönlich tue ich es mir leicht mit dem Verzicht auf Russische Pianisten. Es sind nur wenige in meiner Sammlung - nicht aus Abneigung - sondern weil ich mit Brendel, Badura-Skoda, Kempff, Backhaus, Triendl, Howard, Hough in Anbetracht auf das von mir bevorzugte Repertoire besser bedient bin.


    Aber nun mach weiter mit "Deinem Thema"


    mfg aus Wien

    Alfred


    Jeder, der versucht aus der großen Herde, die da heißt ›Gesellschaft‹, auszubrechen, ruft das Mißfallen der Herde hervor.

    Francesco Petrarca (1304-1374)


  • Noch ein weiteres Beispiel für die Prägung durch die Russische Schule ist der blutjunge Spanier Juan Pérez Floristán, den ich erst erst gestern entdeckt habe.


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    Seine Lehrer waren, außer seiner Mutter María Floristán, seit seinem 16. Lebensjahr Elisabeth Leonskaja, dann Galina Eguiazarova, die schon Maria Stembolskaya, Radu Lupu, Yelena Eckemoff, Stanislav Ioudenitch, Marina Tchebourkina, Alexey Shmitov, Arcadi Volodos, Juan Pérez Floristán, Luis Fernando Pérez, Martín García García, Chih-Han Liu und Pierre Delignies Calderón unterrichtet hatte, und in Berlin Eldar Nebolsin.

    2009 debütierte er im Alter von 16 Jahren in Sevilla, 2015 gewann beim "Paloma O'shea Piano Wettbewerb", 2021 beim "Arthur Rubinstein Wettbewerb" jeweils den ersten Preis


    Zahlreiche Hörbeispiele gibt es hier: https://juanperezfloristan.com/en/discografia/


    und bei YT https://www.youtube.com/result…z+Florist%C3%A1n%E2%80%8B


    Alles Gute und einen Gruß von Orfeo

  • Es wurde von mir in keiner Weise bestritten, daß die "russische Pianistenschule" hier weit verbreitet ist .

    Im Gegenteil - ich hab sogar beklagt, daß sie unsere Breiten geradezu unterwandert.

    Gegen die Qualität gibt es nichts zu sagen - sie ist robust und Auftrumpfend, aber irgendwie erinnert mich ihr Vormarsch an jenen der Klaviermarke Steinway, die mehr oder weniger alles überrollt hat was dereinst im Klavierbau führend war und auf diese Weise ein Quasi-Monopol erreicht hat.

    Auf der Strecke bleibt die Vielfalt.


    mfg aus Wien

    Alfred


    Jeder, der versucht aus der großen Herde, die da heißt ›Gesellschaft‹, auszubrechen, ruft das Mißfallen der Herde hervor.

    Francesco Petrarca (1304-1374)


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  • Noch ein weiteres Beispiel für die Prägung durch die Russische Schule ist der blutjunge Spanier Juan Pérez Floristán, den ich erst erst gestern entdeckt habe.

    Lieber Orfeo,


    Danke für das tolle Beispiel - weiter so! :) Die Laureate Series von Naxos verdienten einen eigenen Thread! :hello:



    Aber die Realität ist, daß wie von russischen Pianisten gradezu verseucht sind - Überall sitzen sie:In den Konzerthäusern, in der Tonträgerszene, an den Musikhochschulen und was weiss ich sonst noch.

    Es wurde von mir in keiner Weise bestritten, daß die "russische Pianistenschule" hier weit verbreitet ist .

    Im Gegenteil - ich hab sogar beklagt, daß sie unsere Breiten geradezu unterwandert.

    Lieber Alfred,


    Deine Sprache suggeriert, als ob von den russischen Pianisten eine Begrohung ausginge oder von lebensgefährlichen "Krankheitserregern" oder dass sie unerwünschte Eindringliche seien, die eine "feindliche Übernahme" im Geheimen vornehmen ("unterwandern"). Die Vorstellung dahinter: Deutsche Hochschulen gehören den Deutschen, französische den Franzosen, russische den Russen. Die Realität ist, dass der Musikzirkus heute längst nicht mehr national, sondern international ist - und Hochschulen sind es schon sehr lange auch. Wer nicht in der lokalen Bedeutungslosigkeit versinken will, muss Anschluss halten an die internationalen Standards. Wenn an den besten Hochschulen auf der Welt viele russische Lehrer berufen werden, dann deshalb, weil sie nunmal in ihrem Fach zu den Besten gehören. Das ist für die Hochschulen erst einmal eine Auszeichnung. Ganz einfach: Wer besser ist, besetzt auch die besseren Plätze! Denn die Hochschulen sind völlig frei, welche Lehrkräfte sie auf Professorenposten und Dozentenstellen berufen. Die Gesetzmäßigkeit ist doch ganz einfach zu durchschauen: Zwischen den Hochschulen herrscht eben auch Konkurrenz und ein Wettbewerb. Wer die besten Lehrkräfte auf der Welt beschäftigt, bekommt auch den besten Zulauf: nämlich den besten Nachwuchs an Studierenden, die aussichtsreichsten Kandidaten für Wettbewerbe und eine internationale Karriere. Sonst gehen die Hochbegabten anderswo hin. Sie suchen sich nämlich in der Regel ihre Lehrer selbständig aus. Manchmal werden sie auch von Förderern gedrängt, dort hinzugehen, wo die Lehrer sitzen mit den besten Beziehungen... Und das sind beileibe nicht nur Russen, wer die Szene kennt. Du bemühst hier eine ziemlich abenteuerliche Verschwörungstheorie. Mit der Realität hat das reichlich wenig zu tun. ^^


    Zudem ist die "russische Pianistenschule" alles Andere als ein monolithischer Block. Schon zu Zeiten von Richter, Gilels und Berman war es ein himmelweiter Unterschied, ob man in Moskau bei Heinrich Neuhaus oder Alexander Goldenweiser studiert. Die verkörpern ganz unterschiedliche Weltanschauungen, was Klavierspiel und Interpretation angeht. Die Vorstellung, dass die "vielen Russen" an Musikhochschulen eine Uniformisierung und Einschränkung bedeuten, was die Vielfalt an klavierpädagogischen Ansätzen bedeutet, ist einfach abwegig. Die Biographien von vielversprechenden jungen Talenten zeigt zudem, dass sie ganz bewusst mehrere Lehrer aussuchen und nicht nur bei einem einzigen hocken. Ebenso falsch und realitätsfern ist, dass russische Lehrer und russische Manager nur Russen fördern würden.


    Es gibt aber auch Interpreten, die sich ausgerechnet haben, daß Aufnahmen mit guten Mittelklasseorchestern - und das in ausreichender Stückzahl - zu moderaten Gagen einträglicher und bequemer ist als das Leben eines "reisenden Pianisten" mit (knebelndem ?) Exklusivvertrag.

    Auch da komme ich nicht mehr mit. In der Regel suchen sich die Orchester und der Generalmusikdirektor die Solisten aus, die sie verpflichten für Konzerte - und nicht umgekehrt. Die Musikkonzerne haben Verträge. Die schauen danach, dass die Paarungen zustande kommen, wo alle Beteiligten mit ihnen unter Vertrag sind. In der bequemen Position, nach eigenem Gutdünken sich da etwas nach eigenen Wünschen auszusuchen, ist der Solist schlicht und einfach nicht. Weißt Du, wie hoch die Saalmieten in den großen Städten sind? Ortsansässige Musiker, die keine internationalen "Stars" sind, können sich die großen Säle schlicht nicht leisten (selbst die kleinen sind schon unverschämt teuer!), weil sie keine zureichend gesicherte Perspektive haben, dass sie nicht roten Zahlen produzieren, weil zu wenig Publikum kommt. Meist finden in den großen Städten mehrere Konzertveranstaltungen gleichzeitig statt. Da braucht nur eine dabei zu sein, wo ein zugkräftiger "großer Name" dabei ist, dann ist der finanzielle Misserfolg für den Namenlosen programmiert - die Leute kommen nicht. Kein Konzertveranstalter geht ein unkalkulierbares Risiko ein. Es gibt natürlich verschiedene Lebensmodelle bei Musikern. Die meisten verdienen ihr Geld als Musikpädagogen - und alle Andere kommt dann dazu.


    Er war ein Star, weil er blendend aussah UND daß es seinetwegen bei einm Klavierwettbewerk zu einem Streit in der Jury gekommen ist

    Die Geschichte ist bekannt. Pogorelich spielte überragend Klavier beim berühmten Chopin-Wettbewerb in Warschau, aber auf eine unangepasste eigenwillige Art. Solche Wettbewerbe - insbesondere in der damaligen Zeit - sind sehr konservativ. Wer sich inicht brav an die Regeln hält, wird ausgemustert. Originalität wird eher bestraft. Der Skandal war, dass man ihn nicht in die Endrunde zugelassen hat. Dagegen hat von den Jurymitgliedern vor allem Martha Argerich protestiert. Es ging also nicht darum, dass er den Werttbewerb hätte gewinnen sollen! Das alles hat ihm zur Karriere verholfen - und dass er sich als "anders" inszeniert hat. Da passte er in die Zeit, entsprach einem Bedürfnis beim Publikum. Beim großen Manieristen Pogorelich kommen mehrere Dinge zusammen. Sicher ist: Sein Habitus allein hätte nicht gereicht, wenn er nicht so ein begnadeter Pianist wäre. Und das ist er - unzweifelhaft und unbestreitbar.


    Das mag sein. Aber das Publikum von heute kennt Josef Hofmann gar nicht mehr - Trotz Präsenz auf Welte Mignon. Zudem war er Pole - was mein Statment dazu nur unterstreicht.

    Publikum ist nicht gleich Publikum. Wer kennt die Sängergrößen von gestern, interessiert sich für Fritz Busch, Furtwängler oder Mengelberg? Natürlich nicht der Konzertgänger, der mal eine Beethoven-Symphonie hören will, sich aber ansonsten für die Interpreten kaum interessiert. Der Kreis der Kenner ist aber groß genug. Sonst gäbe es nicht Labels, die sehr erfolgreich aufwendig historische Aufnahmen remastern und neu auflegen und sie auch gut verkaufen. Gerade junge Musiker, die eine Karriere als Konzertpianist vor sich haben, interessieren sich sehr für die großen alten Pianisten.


    Diese Interpreten sind HIERORTS namenlos, aber in ihren Heimatändern sind sie (oft) Stars.

    Der Scherz ist gut! Also Volodos, Sokolov und Kissin sind in Wien unbekannt und nur in Russland bekannte Lokalgrößen??? Das ist wirklich zum Brüllen! :D :D :D



    Das große Konzert, was Arcadi Volodos im Wiener Musikvereinssaal gab, wurde im Fernsehen und Rundfunk - auch in Österreich - sogar mehrfach übertragen und die CD wie auch die DVD groß vermarktet. Arcadi Volodos ist zudem mit einer Spanierin verheiratet und lebt in Spanien. Auch bei Volodos zeigt sich die Internationalität der Pianistenschulen und Ausbildung heute. Volodos hat nämlich nicht nur in Moskau bei Galina Jegiasarowa und Dmitri Baschkirow studiert, sondern auch in Paris bei Jacques Rouvier, d.h. er ist als Russe sowohl von der russischen als auch der französischen Pianistenschule beeinflusst.


    Schöne Grüße

    Holger

  • Eine Spurensuche nach der russischen Klavierschule


    Russische Klavierschule – von Rubinstein bis Schostakowitsch

    von Thomas Meyer

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    Der russische Pianist Anton Rubinstein gab zum Abschluss seiner Konzertlaufbahn 1885/86 eine Reihe von “Historischen Konzerten”. Rubinstein spielte dabei sieben Mammutprogramme von je vier Stunden Dauer und erfüllte damit das Klischee, das wir von russischen Pianisten haben: Es sind Tastenlöwen, die Schwierigstes bzw. Schwerstes bewältigen. Eine Spurensuche nach der russischen Klavierschule.


    Zum Abschluss seiner Konzertlaufbahn 1885/86 gab der russische Pianist Anton Rubinstein in seiner Heimat und in Europa eine Reihe von "Historischen Konzerten". Rubinstein, den man seines Äusseren wegen als zweiten Beethoven bezeichnete, spielte dabei sieben Mammutprogramme von je vier Stunden Dauer, wie es heutzutage wohl kaum mehr jemand wagen würde.

    Zwei Dinge daran sind beachtlich: Zum einen die Dimension dieses Unternehmens, das von Rubinstein kräftemässig das Letzte gefordert haben soll. Kaum verwunderlich verlor er in Paris einmal vor Erschöpfung das Bewusstsein. Das passt zu einem Bild und auch einem Klischee, das wir von russischen Pianisten haben: Es sind Tastenlöwen, die Schwierigstes bzw. Schwerstes bewältigen. Diese russische Klavierschule gibt es – und gibt es natürlich nicht. Sie hat unterschiedliche Wurzeln – und zeitigte unterschiedliche Triebe.


    Die russische Klavierschule entdeckt die Weite der Landschaft

    Negativ formuliert türmt die russische Klavierschule gern Akkorde, neigt sie zu kraft- und sattklangvollem Spiel und zuweilen zu willkürlichen Rubati. Positiv umgedeutet heisst das: Sie verdichtet die Harmonik, öffnet Räume und entdeckt die Weite der Landschaft. Das ist vielleicht sogar das Zentrale am Spiel russischer Pianisten: die Entdeckung der Weite, einer Seelenlandschaft, die sich ins Unendliche aussingt.

    Zum anderen wichtig ist die Tradition: Mit seinen Programmen bezog sich Anton Rubinstein auf eine lange Geschichte des Klavierspiels, die bis zu den englischen Virginalisten und den französischen Clavecinisten, zu Bach und den Wiener Klassiker zurück reicht. Die anderen Programme stellten Beethoven (acht Sonaten!), Schubert/Mendelssohn und Schumann und die grossen Komponistenpianisten des 19. Jahrhunderts (inklusive viel Liszt) ins Zentrum. Die letzten Konzerte waren Chopin und schliesslich Eigenem und russischen Zeitgenossen gewidmet. (Dass er dabei das grösste Genie der russischen Musik, Modest Mussorgsky, ausliess, kann man ihm kaum vorwerfen: Dessen "Bilder einer Ausstellung" erschienen erst 1886 im Druck.)


    Die russische Klavierschule fördert und fordert mit Strenge.

    Das war programmatisch. Die russische Klavierschule zeigte sich als legitime Nachfolgerin der grossen europäischen Klaviertradition. Die von Anton Rubinstein und seinem Bruder Nikolai Rubinstein geleiteten Konservatorien in St. Petersburg und Moskau setzten neue Massstäbe. Sie begründeten damit die russische Klavierschule, die höchste Ansprüche setzte, ausserordentliche Talente entdeckte, förderte und forderte – durchaus mit Strenge und einer gewissen Unerbittlichkeit.

    Eine zweischneidige Sache: Ich war beim Gesprächen mit russischen Künstlern oft erstaunt, mit welchem künstlerischen Selbstbewusstsein, ja Sendungsbewusstsein sie einem entgegen traten. Nichts da von der Lockerheit westlicher Kollegen. Ein russischer Künstler hat sich vor einer Tradition zu verantworten, er leistet Ausserordentliches und er kann scheitern. Erinnert sei an die Konflikte, denen die Grössten darunter ausgesetzt waren: Sergei Rachmaninow ebenso wie Vladimir Horowitz, die sich beide für Jahre vom Konzertbetrieb zurückzogen.


    Ausserordentliche Pianisten sind oft Grenzgänger

    Sergei Rachmaninow neigte ohnehin zur Melancholie. Er verstummte kompositorisch, als seine 1. Sinfonie von der Kritik in der Luft zerrissen wurde. Nur dank einer Hypnosebehandlung wagte er es, sein 2. Klavierkonzert in Angriff zu nehmen und zu vollenden, das ihm zu Ruhm verhalf. Er verkörpert vielleicht auf ideale Weise alles, was diese russische Klavierschule enthält. Eine Weite des Erzählstroms, ein Vielfalt harmonischer, schliesslich Ausdruckstiefe. Der Tod, verkörpert durch Glocken und vor allem durch den immer wieder zitierten Totenchoral "Dies irae", geistert ständig durch sein Werk. So komponierte er in seinen "Paganini-Variationen" (die gleichsam dem berühmten Geigenvirtuosen gewidmet sind) ebenfalls diesen Totenchoral ein. Der ausserordentliche Pianist, so die Aussage, ist ein Grenzgänger.


    Alexander Skriabin: "Ich bin Gott."

    Das stimmt auch für den wenig älteren Alexander Skriabin, der sich jedoch in eine andere Richtung “erlöste”, hin zur Ekstase, zum Mystizismus. Wenn er spielte, schien er elektrische Funken zu versprühen. “Fliegen” war eines seiner Lieblingsworte. Er war ein Feuergeist, unstet lodernd, etwas seltsam Entmaterialisiertes und auch Labiles prägt sein Wesen und seine Musik. So übersteigerte er seine Musik mit einer Mystik, die durch pantheistische Schriften, aber auch durch das Übermenschentum Nietzsches geprägt war. Der Subjektivismus von Skriabin gipfelte in Sätzen wie “Ich bin Gott.” Diese Loslösung von der Schwere der herkömmlichen Harmonik machte ihn zum visionären Vorreiter. Immer noch zuwenig bekannt ist, dass eine von ihm inspirierte russische “Futuristen”-Avantgarde kurz darauf zu neuen Ufern aufbrach. Leider gingen diese Komponisten entweder im Sowjetregime unter oder ins Exil.


    Im Stalinismus galten die Pianisten als "Gottesnarren"

    Es folgte die Unterdrückung: Die darauf folgende jüngere Generation mit Igor Strawinski, Sergei Prokofjew und schliesslich Dmitri Schostakowitsch trat zwar frech und geradezu leicht auf, sie besass Witz, spielte mit der Parodie und dem Neoklassizismus und setzte auf ihre Weise die russische Pianistentradition fort.

    Prokofjew und Schostakowitsch jedoch gerieten im Stalinismus unter immensen Druck. Wie sie diese Ära unbeschadet überstehen konnten, ist vielleicht nur damit zu erklären, dass sie als "Gottesnarren", als unantastbare Sonderlinge galten, Schostakowitsch gerade, aber auch seine Schülerin Galina Ustwolskaja, die abseits von allen Strömungen ein singuläres Oeuvre geschaffen hat.

    In ihren einzigartigen Klaviersonaten behandelt Galina Ustwolskaja das Instrument manchmal mit brutaler Härte. Da findet sich die eingangs erwähnte Klanggewalt wieder, aber es scheint, als schlage nun jemand verzweifelt mit einem Hammer gegen die Enge der Mauern.


    https://pdfcoffee.com/russisch…stakowitsch-pdf-free.html

    Alles Gute und einen Gruß von Orfeo

  • Lieber Orfeo . Vielen Dank für den Artikel. Zitate aus dem von Orfeo in #12 verlinkten und zitierten Artikel


    Ich war beim Gesprächen mit russischen Künstlern oft erstaunt, mit welchem künstlerischen Selbstbewusstsein, ja Sendungsbewusstsein sie einem entgegen traten. Nichts da von der Lockerheit westlicher Kollegen. Ein russischer Künstler hat sich vor einer Tradition zu verantworten, er leistet Ausserordentliches und er kann scheitern.


    Das stimmt auch für den wenig älteren Alexander Skriabin, der sich jedoch in eine andere Richtung “erlöste”, hin zur Ekstase, zum Mystizismus. Wenn er spielte, schien er elektrische Funken zu versprühen. “Fliegen” war eines seiner Lieblingsworte. Er war ein Feuergeist, unstet lodernd, etwas seltsam Entmaterialisiertes und auch Labiles prägt sein Wesen und seine Musik. So übersteigerte er seine Musik mit einer Mystik, die durch pantheistische Schriften, aber auch durch das Übermenschentum Nietzsches geprägt war.



    Das Zitierte ist ziemlich genau eine Vorstellung von Kunst, die mir persönlich überhaupt nichts bedeutet. Pathetisches Überhöhen führt in einen Dunstraum, wo man nicht mehr klar sieht und irgendwo auch das Hirn auf der Strecke bleibt. Und diese seltsame Verantwortung scheint mir auch diskutabel. Selbstverständlich steht heutige Kunst in der Tradition vergangener, das ist aber eben "selbstverständlich" und liegt nicht in der Verantwortung eines Künstlers .... ;)


    Wenn man sich die Produkte russischer Schulen anhört (soweit mir bekannt), findet man ja duchaus interessante Interpretationen, aber auffallend ist auch der ziemlich enge Rahmen an Musik der da propagiert wird.


    Dunst und Nebel mag einem großen Publikum gefallen und lässt sich vielleicht auch gut verkaufen, aber es ist sicher die nicht die einzige Vorstellung von Kunst, und ob es die beste ist, will ich hier nicht thematisieren.

  • Eine Spurensuche nach der russischen Klavierschule


    Russische Klavierschule – von Rubinstein bis Schostakowitsch

    von Thomas Meyer

    Lieber Orfeo,


    ganz herzlichen Dank für den schönen Artikel! :) Dazu gibt es natürlich viel zu sagen - wozu ich auch noch kommen werde, habe ich mir vorgenommen! :hello:

    Das Zitierte ist ziemlich genau eine Vorstellung von Kunst, die mir persönlich überhaupt nichts bedeutet. Pathetisches Überhöhen führt in einen Dunstraum, wo man nicht mehr klar sieht und irgendwo auch das Hirn auf der Strecke bleibt.

    Jetzt bringst Du Dich aber in Erklärungsnot, mein lieber Axel! Scriabins Mystik ist für Dich also hirnlos und irrationaler Dunst, aber zur gleichen Zeit öffnest Du gleich mehrere Threads über Karlheinz Stockhausen. Stockhausen schätzte Scriabin sehr - und vertrat ein ganz ähnliches Konzept von Musik als extatischer Bewusstseinserweiterung. Also warum ist für Dich nicht auch Stockhausen ein hirnloser Mystizist und Irrationalist? Ist da vielleicht der Grund ein Vorurteil oder eine Abneigung gegenüber Russen oder russischer Künstler? Das würde mir erklären, warum Du kein Problem damit hast, Dich an dem parallelen Thread zu beteiligen, der russische Pianisten zu unerwünschten Personen macht, nur weil sie Russen sind.

    Und diese seltsame Verantwortung scheint mir auch diskutabel. Selbstverständlich steht heutige Kunst in der Tradition vergangener, das ist aber eben "selbstverständlich" und liegt nicht in der Verantwortung eines Künstlers .... ;)

    Der Artikel sagt doch, dass diese Traditionsverpflichtung eine ambivalente Sache ist. Jedenfalls ist das sehr respektabel und auch nachvollziehbar. Tradition verpflichtet - das Bewusstseins haben übrigens auch Wissenschaftler, wenn sie einen berühmten Lehrstuhl übernehmen.

    Wenn man sich die Produkte russischer Schulen anhört (soweit mir bekannt), findet man ja duchaus interessante Interpretationen, aber auffallend ist auch der ziemlich enge Rahmen an Musik der da propagiert wird.

    Welche "Produkte russischer Schulen"? Welche Schulen? Also die herausragenden interpretatorischen Leistungen eines Svjatoslav Richter, Emil Gilels oder Vladimir Ashkenazy werden von Dir als "interessant" herabgewürdigt (Spitzenköche nennen bekanntlich ein Gericht "interessant", wenn es nicht so richtig stimmig ist)? Und dann unterstellst Du pauschal allen Vertretern der russischen Pianistenschule einen eingeschränkten musikalischen Horizont. Bei Vladimir Ashkenazy, dem das nun nicht wirklich nicht vorhalten kann, ist das schlicht eine Unverschämtheit. Wie weit Du daneben liegst auch in Bezug auf "Neue Musik", zeigt etwa Anatol Ugorsky. Nicht nur machte er eine ganze Reihe Uraufführungen russischer Komponisten vor seiner Emigration nach Deutschland, sondern führte in Russland Schönberg, Messiaen, Berg und Boulez auf. Das hat übrigens in Russland Tradition. Schon unmittelbar nach der Oktoberrevolution wurde in Leningrad von den Leningrader Philharmonikern Anton Webern gespielt.

    Dunst und Nebel mag einem großen Publikum gefallen und lässt sich vielleicht auch gut verkaufen, aber es ist sicher die nicht die einzige Vorstellung von Kunst, und ob es die beste ist, will ich hier nicht thematisieren.

    Zwei Bemerkungen dazu: Scriabin war ein Mystiker und zugleich ein ganz großer Konstruktivist. Scriabins 9. oder 10. Klaviersonate werden nie etwas für das "große Publikum" sein - das ist Musik für "Kenner". Wenn Du Scriabin als einen hirnlosen Irrationalisten hinstellst, ist das einfach nur grotesk. Im Scriabin-Haus war übrigens schon zu Sowjetzeiten ein Studio für elektronische Musik untergebracht. Die Scriabinsiten galten in Russland schon immer als die Modernisten.


    Zweite Bemerkung: Es ist ein - freilich legitimer - Versuch, die russische Klavierschule durch eine nationale Eigenart zu beschreiben. Es ist aber auch nur ein Versuch und ganz sicher nicht erschöpfend, um der phänomenalen Vielfalt der russischen Schule gerecht zu werden. Es gibt eben auch Goldenweiser und Lyriker wie Igor Shukov oder Anatol Ugorsky, die von dem Bild des russischen Pianisten, der eine Klanglandschaft mit extremen Kontrasten etc. auf dem Klavier entfaltet, nicht unerheblich abweichen. Darum beschäftigst Du Dich bezeichnend nicht, sondern pickst Dir den "Dunst und Nebel" heraus bzw. was Du dafür hältst, um die gesamte russische Klavierschule als irrationalen Nationalismus mit eingeschränktem musikalischen Horizont (nach dem Motto: Russen spielen nur Rachmaninow und Scriabin und können im Prinzip nichts Anderes) zu diskriditieren. (Das hast Du nicht offen gesagt, aber eben "durch die Blume" angedeutet.) Du wirst verstehen, dass ich ausgerechnet in diesem Thread das nicht so stehen lassen kann!


    Schöne Grüße

    Holger

  • Jetzt bringst Du Dich aber in Erklärungsnot, mein lieber Axel! Scriabins Mystik ist für Dich also hirnlos und irrationaler Dunst, aber zur gleichen Zeit öffnest Du gleich mehrere Threads über Karlheinz Stockhausen. Stockhausen schätzte Scriabin sehr - und vertrat ein ganz ähnliches Konzept von Musik als extatischer Bewusstseinserweiterung. Also warum ist für Dich nicht auch Stockhausen ein hirnloser Mystizist und Irrationalist?

    Ich hoffe nicht, dass ich in Erklärungsnot komme. Skrjabins Mystik ist tatsächlich nichts für mich und ich sehe auch Stockhausens Sirius-Thematik eher unter Märchengesichtspunkten, als dass ich da für mich konkrete Bewusstseinserweiterung ableiten möchte. Gurus kann ich in meinem Weltbild nicht sinnstiftend unterbringen. Aber das mag für andere völlig anders sein.


    Ich mache aber eine starke Trennung zwischen Skrjabins und Stockhausens Musik und deren eigenen Vorstellungen davon. Es für mich ein Unterschied zu erkennen zwischen dem vom Künstler Gewollten und dem Kunstwerk selbst. Das macht den Unterschied zwischen einem wirklichen Kunstwerk und, sagen wir, einem AgitProp-Song aus.


    Skrjabin (seine Musik!) höre ich durchaus regelmäßig, ebenso Stockhausen und das alles mit Genuss ohne auch nur einen Gedanken an Esoterisches zu verschwenden. Bei Scelsi gibt es übrigens eine ähnliches Phänomen.


    Ist da vielleicht der Grund ein Vorurteil oder eine Abneigung gegenüber Russen oder russischer Künstler? Das würde mir erklären, warum Du kein Problem damit hast, Dich an dem parallelen Thread zu beteiligen, der russische Pianisten zu unerwünschten Personen macht, nur weil sie Russen sind.


    Ich hege nicht die geringste Abneigung gegen Russen oder russische Künstler! (Tatsächlich arbeite ich mit recht vielen sehr gut zusammen!) (Also bitte keine Unterstellungen) Ich hatte schon an diversen Stellen betont, dass es sich bei diesem Thread um eine Bestandsaufnahme handelt. Weiteres hineinzugeheimnissen ist zumindest für meine Person völlig fehl am Platz.


    Wie man ja an diversen Diskussionen in der Öffentlichkeit sehen kann, passiert genau das, was Alfred_Schmidt und ich vorhergesehen haben, dass der von Putin angestoßene Krieg zu einer Globalverurteilung des Russischen führt. Die Gründe sind hier nicht zu diskutieren. Für mich ist das Niveau dieser öffentlichen Auseinandersetzung nicht diskutabel, oder, um mit Karl Marx zu sprechen, unter aller Kritik.


    Der Artikel sagt doch, dass diese Traditionsverpflichtung eine ambivalente Sache ist. Jedenfalls ist das sehr respektabel und auch nachvollziehbar.


    Das mit der Tradition ist ein schwieriges Kapitel und, ja, der Artikel sagt auch aus, dass es sich um zweischneidiges Schwert handelt. Ich wollte hier noch einmal betonen, dass ich meine, man solle sich nicht zu stark von der Tradition belasten lassen, Traditionen entstünden von ganz alleine.


    Tradition verpflichtet - das Bewusstseins haben übrigens auch Wissenschaftler, wenn sie einen berühmten Lehrstuhl übernehmen.

    Ich habe nun eine Wissenschaft studiert, die, was Pflege von Traditionen angeht, so ziemlich allen anderen etwas vormachen kann. Trotzdem bin ich da vorsichtig.


    Vielleicht als Beispiel der Lucasische Lehrstuhl in Cambridge. Newton, als Inhaber, prägte den berühmten Satz (sinngemäß) "Wenn ich weiter geblickt habe als andere, dann nur, weil ich auf den Schultern von Riesen stand". Meines Erachtens bezog sich das ziemlich direkt auf Galilei und Kepler (eventuell noch Brahe), deren Beitrag zur Newtonschen Mechanik unverkennbar ist. In moderner Sprache löste Newtons Gravitationsgesetz die Keplersche Differentialgleichung....


    Dazu muss man anmerken, dass Wissenschaft ja geradezu den Anspruch hat, aufeinander aufzubauen, was IMO in die Kunst nicht direkt übertragbar ist. Zudem wird Hawking die Tradition des Lehrstuhles so verstanden haben, dass er versucht, der Bedeutung Newtons gerecht zu werden und nicht seine Physik fortzusetzen, was dann durchaus respektabel und auch nachvollziehbar ist, aber im Endeffekt auch wenig über den Inhalt seiner Physik aussagt...


    Welche "Produkte russischer Schulen"? Welche Schulen? Also die herausragenden interpretatorischen Leistungen eines Svjatoslav Richter, Emil Gilels oder Vladimir Ashkenazy werden von Dir als "interessant" herabgewürdigt (Spitzenköche nennen bekanntlich ein Gericht "interessant", wenn es nicht so richtig stimmig ist)?


    Ich bin keine Spitzenkoch (wirklich nicht!) und verwende die Vokabel anders. Mit "interessant" meine ich, dass mich deren Interpretationen beschäftigen und ich versuche sie zu verstehen.


    Richter und Gilels sind schon lange Geschichte und waren von mir überhaupt nicht gemeint. Ich schätze beide sehr. Wenn man jetzt auf das Spektakel um deren Personen zu sprechen kommen möchte, sollte man die politische Situation dieser Zeit nicht vergessen. Mal durften sie kommen, mal nicht, dann sagt Gilels, dass hinter dem eisernen Vorhang ein Pianist spielt, der noch besser sei als er .... das ist doch gefundenes Fressen für die Boulevardpresse und macht jeden Auftritt gleich zu einem Ereignis der besonderen Qualität. Dass sie nebenbei noch ganz hervorragende Pianisten sind, spielt dabei nur noch eine untergeordnete Rolle.


    Ich bin gespannt auf die jüngere Generation dieser Schule und was und wie sie spielen ....


    Und dann unterstellst Du pauschal allen Vertretern der russischen Pianistenschule einen eingeschränkten musikalischen Horizont.

    Wenn Du noch einmal genau hinsiehst, wirst Du eine einschränkende Bemerkung lesen können. Meine durchaus eingeschränkten Kenntnisse zeigen mir neben Bach und Händel (Richter und Gawrilov) meistens eine Richtung von Beethoven über die Romantik bis zur russischen Spätromantik mit Abstechern zu Schostakowitsch und Prokofieff. Schon bei Ustwolskaja wird es dünn.... (soweit meine Kenntnisse)


    Bei Vladimir Ashkenazy, dem das nun nicht wirklich nicht vorhalten kann, ist das schlicht eine Unverschämtheit.


    Was hätte den Askenazy darüberhinaus pianistisch eingespielt? Er hat eine immense Menge an Musik eingespielt, aber das einzige, was ich kenne, was nicht in das Muster passt, ist eine Einspielung des Klavierkonzertes von Rautaavara. Hast Du andere Beispiele?


    Wie weit Du daneben liegst auch in Bezug auf "Neue Musik", zeigt etwa Anatol Ugorsky. Nicht nur machte er eine ganze Reihe Uraufführungen russischer Komponisten vor seiner Emigration nach Deutschland, sondern führte in Russland Schönberg, Messiaen, Berg und Boulez auf. Das hat übrigens in Russland Tradition.


    Mit Ugorski hast Du recht. Für mich klingt dieser Pianist aber tatsächlich so, als wäre er nicht ganz linienkonform. Er hat zum Beispiel Messiaens Vogelkatalog eingespielt. Gibt es andere Beispiele aus der russischen Klavierschule?


    Auch seine Diabellivariationen klingen für mich etwas eigenwillig, sehr interessant, aber nicht wirklich so, als verstünde er die russische Klaviertradition als ästhetisch bindend. Wenn man in youtube nach seiner Lehrerin in Petersburg sucht, findet man eine Menge Einspielungen barocker Musik, was ich wiederum interessant finde ...


    Mit Maria Judina gibt es noch eine weitere Pianistin in Russland, die einen sehr eigenwilligen Weg ging, und sich schon sehr früh für Werke von Hindemith (ich meine sogar Krenek gehabt zu haben ?) Milhaud und Honegger einsetzte. Selbstverständlich spielte sie auch Skrjabin :).


    Ich habe leider keine Ahnung ob die von Die erwähnten Lehrer Kehrer und Scheps das ähnlich taten. Von Kehrer habe ich nur eine Scheibe mit Skrjabin ....


    Schon unmittelbar nach der Oktoberrevolution wurde in Leningrad von den Leningrader Philharmonikern Anton Webern gespielt.


    Die Zeit nach der Oktoberrevolution ist sicher eine extrem künstlerisch wertvolle Zeit in der Sowjetunion gewesen. Sie wurde aber nach dem Tode Lunatscharskis schnell beendet. Ich bin mir auch nicht sicher, ob damals Aufgeführtes und Komponiertes (Lourié, Mossolow etc.) eng mit der russischen Pianistentradition verflochten war.



    Zwei Bemerkungen dazu: Scriabin war ein Mystiker und zugleich ein ganz großer Konstruktivist. Scriabins 9. oder 10. Klaviersonate werden nie etwas für das "große Publikum" sein - das ist Musik für "Kenner".


    Volle Unterstützung! Selbstverständlich ist Skrjabin einer der interessantesten Komponisten der frühen Moderne.



    Wenn Du Scriabin als einen hirnlosen Irrationalisten hinstellst, ist das einfach nur grotesk. Im Scriabin-Haus war übrigens schon zu Sowjetzeiten ein Studio für elektronische Musik untergebracht. Die Scriabinsiten galten in Russland schon immer als die Modernisten.

    Hier lässt Du Deinen Gedankenfluss das überrennen, was ich wirklich gesagt habe .... Das steht nicht so da


    Zweite Bemerkung: Es ist ein - freilich legitimer - Versuch, die russische Klavierschule durch eine nationale Eigenart zu beschreiben. Es ist aber auch nur ein Versuch und ganz sicher nicht erschöpfend, um der phänomenalen Vielfalt der russischen Schule gerecht zu werden. Es gibt eben auch Goldenweiser und Lyriker wie Igor Shukov oder Anatol Ugorsky, die von dem Bild des russischen Pianisten, der eine Klanglandschaft mit extremen Kontrasten etc. auf dem Klavier entfaltet, nicht unerheblich abweichen. Darum beschäftigst Du Dich bezeichnend nicht, sondern pickst Dir den "Dunst und Nebel" heraus bzw. was Du dafür hältst, um die gesamte russische Klavierschule als irrationalen Nationalismus mit eingeschränktem musikalischen Horizont (nach dem Motto: Russen spielen nur Rachmaninow und Scriabin und können im Prinzip nichts Anderes) zu diskriditieren. (Das hast Du nicht offen gesagt, aber eben "durch die Blume" angedeutet.) Du wirst verstehen, dass ich ausgerechnet in diesem Thread das nicht so stehen lassen kann!

    Mir ist völlig unklar, was Dich dauernd dazu treibt, meine Beweggründe zu analysieren "Darum beschäftigst Du Dich bezeichnend nicht...". Ich glaube, dass Du da bisher nicht viel Erfolg hattest. (Du liest manchmal leider auch nicht genau genug, was da wirklich steht und scheinst das alles in eine Richtung fortzudenken, die mit dem Intendierten nicht mehr viel zu tun hat) Wir hatten schon anderer Stelle festgestellt, dass Du mich nicht verstehst. Belassen wir es Doch dabei! Ich will ja auch nicht Dich verstehen.



    Bleiben wir also bei der Sache, das scheint mir konstruktiver zu sein. Goldenweiser und Schukow sagen mir tatsächlich ein wenig. Mir sind aber von diesen Pianisten keine besonderen Repertoireerweiterungen über das oben Gesagte hinaus bekannt. Aufklärung täte hier dann not.


    Es gibt in youtube zwei nette Filme zur russischen Klavierschule. Im ersten Ausschnitt sehen wir Heinrich Neuhaus und späten Goldenweiser unterrichten. Goldenweiser schaut so, dass ich wahrscheinlich das Spiel aufgegeben hätte ;)



    Den ganzen Film gibt es auch (leider nur auf russisch) Ein paar Sachen kann ich verstehen, leider nur einen geringen Anteil


  • Ich liefere mal einen Pianisten, den man wahrscheinlich der russischen Schule zuordnen kann, und den ich ausgesprochen interessant finde. Es ist Wladimir Feltsman. Hört man ihm zu (in Gesprächen;)), ist er ein streitbarer und durchaus kluger Kopf. Er versuchte 1979 die Sowjetunion zu verlassen, was aber nach einigen Querelen erst 1987 möglich wurde.


    ein wunderbares Album von ihm ist



    Er gehört damit zu den wenigen Russen (die ich kenne), die sich dieser Musik angenommen haben.


    Im Jahr 2017 wurde ein Interview mit ihm zur sowjetischen Kultur zusammen mit Josef Horowitz aufgenommen.


  • Ich mache aber eine starke Trennung zwischen Skrjabins und Stockhausens Musik und seinen eigenen Vorstellungen davon. Es für mich ein Unterschied zwischen dem vom Künstler Gewollten und dem Kunstwerk. Das macht den Unterschied zwischen neinem Kunstwerk und einem AgitProp-Song aus.


    Skrjabin (seine Musik!) höre ich durchaus regelmäßig, ebenso Stockhausen und das alles mit Genuss ohne auch nur einen Gedanken an Esoterisches zu verschwenden.

    Wenn Du diese Trennung machst - wie wohl die meisten Hörer von Scriabins und Stockhausens Musik - warum hebst Du dann nur diesen Aspekt hervor, wenn Du einen Versuch kommentierst, die russische Klavierschule zu charakterisieren? Das ist zumindest merkwürdig. Zudem ist eine "strikte" Trennung weder bei Scriabin noch bei Stockhausen möglich. Kunstwerke sind Resultat eines geistigen Prozesses, aus dem sie entstehen. Man kann die höchst ungewöhnliche Behandlung der Sonatenform der 5. Klaviersonate nicht verstehen, wenn man sich nicht vergegenwärtigt, dass dies der Gang der Extase im Sinne Scriabins ist. Das traditionelle Handwerkszeug ("Sonatensatzform" etc.) reicht dazu nicht. Dazu kommen noch die exzessiven Spielanweisungen Scriabins im Notentext. Am Ende der 7. Sonate steht z.B. "wie im Delirium". Sowohl bei Scriabin als auch bei Stockhausen gibt es einen harten philosophischen Kern - wenn man die Esoterik abzieht - den ich die Konzeption der Bewusstseinserweiterung genannt habe. Die hat ihre Tradition - von der mystischen Theologie über die romantische Natur- und Musikphilosophie bis hin zu Nietzsche. Da ist es einfach ziemlich billig, die in Bausch und Bogen als Spinnerei abzutun.

    Ich hege nicht die geringste Abneigung gegen Russen oder russische Künstler! (Tatsächlich arbeite ich mit recht vielen zusammen!) (Also bitte keine Unterstellungen) Ich hatte schon an diversen Stellen betont, dass es sich bei diesem Thread um eine Bestandsaufnahme handelt. Weiteres hineinzugeheimnissen ist zumindest für meine Person völlig fehl am Platz.

    Wenn der Sinn einer solcher Bestandsaufnahme die Ausgrenzung von Russen ist, dann richtet sich das explizit gegen Russen, nur weil sie Russen sind. Alle bei Tamino haben das als diskriminierend verstanden (Christian B. hat das "Rassismus" sogar genannt) - nur Du nicht.

    Dazu muss man anmerken, dass Wissenschaft ja geradezu den Anspruch hat, aufeinander aufzubauen, was IMO in die Kunst nicht direkt übertragbar ist.

    Warum nicht? Kunst - auch Pianistik - ist nicht zuletzt die Vermittlung eines Handwerks. Ob es sich da nun um das eines Orgelbauers oder Pianisten handelt - Handwerkskunst ist eine Tradition, die weitergegeben wird und werden kann.

    Richter und Gilels sind schon lange Geschichte und waren von mir überhaupt nicht gemeint. Ich schätze beide sehr. Wenn man jetzt auf das Spektakel um deren Personen zu sprechen kommen möchte, sollte man die politische Situation dieser Zeit nicht vergessen.

    Du hältst Richter und Gilels für überschätzt und ihre Bedeutung ist für Dich nur Spektakel? Das ist nun wirklich ein krasses, geradezu groteskes Fehlurteil.

    Dass sie nebenbei noch ganz hervorragende Pianisten sind, spielt dabei nur noch eine untergeordnete Rolle.

    Gilels und Richter sind nicht nur "hervorragende" Pianisten, sondern gehören zu den größten Pianisten des 20. Jhd. und aller Zeiten. Darüber sind sich die allermeisten Kenner und auch die Pianistenkollegen einig. Darüber gibt es auch keine Diskussion und kann keine geben.

    Wenn Du noch einmal genau hinsiehst, wirst Du eine einschränkende Bemerkung lesen können. Meine durchaus eingeschränkten Kenntnisse zeigen mir neben Bach und Händel (Richter und Gawrilov) meistens eine Richtung von Beethoven über die Romantik bis zur russischen Spätromantik mit Abstechern zu Schostakowitsch und Prokofieff. Schon bei Ustwolskaja wird es dünn.... (soweit meine Kenntnisse)

    Bei Richter ist es so, dass er von Berio, Boulez, Stockhausen usw. fasziniert war, sie zu interpretierten aber den Spezialisten überlassen hat. Das als Argument gegen die russische Pianistenschule zu verwenden, dass sie die Zwölftonmusik kaum berücksichtigt, ist wiederum tendentiös, denn das gilt für alle Pianisten und Pianistenschulen, die etwas zu sagen haben. Pollini und Aimard sind die Ausnahme von der Regel, dass Zwölftonmusik in der Regel von Spezialisten aufgeführt wird und nicht den international führenden Pianisten.

    Was hätte den Askenazy darüberhinaus pianistisch eingespielt? Er hat eine immense Menge an Musik eingespielt, dass einzige was ich kenne, was nicht in das Muster passt ist eine Einspielung des Klavierkonzertes von Rautaavara. Hast Du andere Beispiele?

    Ashkenazy der Pianist und Ashkenazy der Dirigent sind nicht voneinander zu trennen. Da gibt es bei Ashkenazy weit mehr, was "nicht in das Muster passt". Wenn man nur nachforscht, wird man überrascht sein, was er alles dirigiert und gespielt hat...

    Mit Ugorsky hast Du recht. Für mich klingt dieser Pianist aber tatsächlich so, als wäre er nicht ganz linienkonform. Er hat zum Beispiel Messiaens Vogelkatalog eingespielt, gibt es andere Beispiele aus der russischen Klavierschule?

    Im Sowjetstaat war auch eine Sofia Gubaidulina nicht "linienkonform". Das sind aber Gründe, die mit der Ideologie des Sowjetstaates zu tun haben und nicht mit der russischen Pianistenschule, die älter ist als die Sowjetunion. Du kannst ja mal die Zeit nach 1990 durchforsten, wie viele russische Pianisten sich mit nichtrussischer Musik des 20. Jhd. beschäftigen.

    Auch seine Diabellivariationen klingen für mich etwas eigenwillig, sehr interessant, aber nicht wirklich so, als verstünde er die russische Klaviertradition als ästhetisch bindend. Wenn man in youtube nach seiner Lehrerin in Petersburg sucht, findet man eine Menge Einspielungen barocker Musik, was ich wiederum interessant finde ...

    Was hat das mit der russischen Pianistenschule zu tun? Auch Pletnev z.B. ist eine eigenwillige Persönlichkeit. Wieso wird Individualität von der russischen Schule verboten? Und wie sieht denn die Konvention der russischen Schule aus, die Diabelli-Variationen zu spielen? Du nimmst hier eine nicht nachvollziehbare Verallgemeinerung vor.


    Schöne Grüße

    Holger

  • Leider beschäftigt ein Großteil Deiner Replik mit mir als Person. Das halte ich aus zwei Gründen für nicht konstruktiv. Erstens kennst Du mich nicht wirklich und mutmasst beliebige Dinge, die in meinen Augen nicht stimmen. Und was ich meine oder denke, weiß ich wahrscheinlich besser als Du. Zweitens bringt meine Person als solche zum Thema keinen Beitrag. Entweder stimmen die Aussagen oder eben nicht .... Ich werde im Folgenden diese Beiträge einfach ausklammern. Nur lasse ich mir von Dir keinen Rassismus unterstellen. Beiträge dieser Qualltät haben in diesem Forum IMO nichts zu suchen.


    Zudem ist eine "strikte" Trennung weder bei Scriabin noch bei Stockhausen möglich. Kunstwerke sind Resultat eines geistigen Prozesses, aus dem sie entstehen.

    Völlig richtig, trotzdem kann man sie rezipieren ohne diese Zusammenhänge zu kennen. Das ist eben ein geistiger Prozess, wie man sie wahrnimmt. Das wird besonders deutlich, wenn man sich Kunstwerken nähert, wo diese Zusammenhänge des Entstehens gar nicht bekannt sind.


    Wenn der Sinn einer solcher Bestandsaufnahme die Ausgrenzung von Russen ist, dann richtet sich das explizit gegen Russen, nur weil sie Russen sind.


    Der Sinn dieser Bemerkung erschließt sich mir nicht. Wenn man eine Bestandsaufnahme nicht-russischer Pianisten machen will, darf man das wohl, ohne als Rassist zu gelten. Was da andere denken, berührt micht nicht. Ich weiß selbst am besten, was ich da denke....


    Warum nicht? Kunst - auch Pianistik - ist nicht zuletzt die Vermittlung eines Handwerks. Ob es sich da nun um das eines Orgelbauers oder Pianisten handelt - Handwerkskunst ist eine Tradition, die weitergegeben wird und werden kann.

    Das Problem ist eben, wenn man sein Handwerk beim Bestreiten von Beethoven und Chopin lernt, hilft einem das nicht unbedingt für das Interpretieren von Boulez Stockhausen oder Barraqué. Hier muss neu gedacht werden. Gleiches gilt für Cage und Feldman.

    Du hältst Richter und Gilels für überschätzt und ihre Bedeutung ist für Dich nur Spektakel? Das ist nun wirklich ein krasses, geradezu groteskes Fehlurteil.


    Du liest meine Sätze nicht und unterstellst mir irgendwas. Das macht einen sinnvollen Diskurs fast unmöglich. Das, was Du schreibst, ist von mir weder gesagt noch gemeint worden. Und selbstverständlcih gab es um diese Personen ein ziemliches Spektakel ....


    Bei Richter ist es so, dass er von Berio, Boulez, Stockhausen usw. fasziniert war, sie zu interpretierten aber den Spezialisten überlassen hat. Das als Argument gegen die russische Pianistenschule zu verwenden,


    Ich weiß wirklich nicht, was Du Dir da zusamenspintisierst. Ich argumentiere nicht gegen irgendwelche Schulen. Ich stelle nur fest, dass das eingespielte Repertoire "für meine Begriffe" eng ist und vieles , was mich zum Beispiel interessiert, nicht beinhaltet. Ob Richter die Sachen gut findet oder nicht ist doch völlig unerheblich.



    Ashkenazy der Pianist und Ashkenazy der Dirigent sind nicht voneinander zu trennen.

    Warum? Wenn ich mich für Klaviermusik interessiere, schaue ich auf die veröffentliche Klaviermusik von Ashkenazy, was ja nicht gerade wenig ist. Und da sehe ich nicht viel, was vom Schema abweicht.


    Wenn man nur nachforscht, wird man überrascht sein, was er alles dirigiert und gespielt hat...

    Wenn man mal vom Dirigieren absieht, wäre es wirklich interessant, hier noch etwas zu sehen oder besser zu hören. Hast Du mal nachgeforscht?


    Du kannst ja mal die Zeit nach 1990 durchforsten, wie viele russische Pianisten sich mit nichtrussischer Musik des 20. Jhd. beschäftigen.

    Das sehe ich ein wenig als Aufgabe dieses Threads an. Zumindest wäre das ein Teil, der mich wirklich interessieren würde.

    Was hat das mit der russischen Pianistenschule zu tun? Auch Pletnev z.B. ist eine eigenwillige Persönlichkeit. Wieso wird Individualität von der russischen Schule verboten? Und wie sieht denn die Konvention der russischen Schule aus, die Diabelli-Variationen zu spielen?


    Je stärker auf Tradition gebaut wird, um so weniger Spielraum gibt es für Eigenwilliges und Neues. Das ist nicht nur in der Musik so. Wenn es diesen großen Spielraum in der russischen Schule geben sollte, was ich nicht weiß, wäre es auch hier interessant, diese Beispiele kennenzulernen.



    Du nimmst hier eine nicht nachvollziehbare Verallgemeinerung vor.


    Das ist völlig zusammenhanglos und konfus. Sorry. Ich schreibe, dass Ugorski Diabelli eigenwillig interpretiert, und ich es interessant finde, dass seine Lehrerin Barockmusik liebt. Diese Beurteilung dessen, was ich damit tue, kommt wohl aus den Sternen ;)

  • Noch ein interessantes Interview eines bekannten russischen Pianisten, den man wohl auch der russischen Schule zuordnen kann. Boris Berman studierte bei Lev Oborin, der seinerseits bei Elena Gnesina studierte, einer Schülerin von Ferruccio Busoni, dessen Bild von Musik ja bekanntermaßen _seeehr_ weit gefasst war.


    !973 verließ er die Sowjetunion, um nach Israel zu reisen und 1979 migrierte er in die USA, wo er seitdem sesshaft ist.


    Er hat eine sehr schöne und volständige Einspielung der Prokofieff -Sonaten bei Chandos gemacht.



    Bei Naxos gibt es von ihm aber auch John Cage



    Er war Cembalist in einem HIP-Ensemble der Sowjetunion, aber führte eben auch als einer der ersten Werke von Schoenberg, Stockhausen, Berio und Ligeti in der Sowjetunion auf.


    Hier spricht er über diese Zeit


  • Nur lasse ich mir von Dir keinen Rassismus unterstellen. Beiträge dieser Qualltät haben in diesem Forum IMO nichts zu suchen.

    Christian B. hat es "Rassismus" genannt, wenn ein Thread aufgemacht wird, der das Ziel hat, Russen auszugrenzen. Das habe ich zitiert. Nicht mehr und nicht weniger. Man kann das auch Diskriminierung durch Ausgrenzung nennen, wenn man den Begriff "Rassismus" vermeiden will. Die Problematik ist nunmal nicht zu leugnen, auch nicht dadurch, dass man sie persönlich nimmt.

    Der Sinn dieser Bemerkung erschließt sich mir nicht. Wenn man eine Bestandsaufnahme nicht-russischer Pianisten machen will, darf man das wohl, ohne als Rassist zu gelten. Was da andere denken, berührt micht nicht. Ich weiß selbst am besten, was ich da denke....

    Wie naiv bist Du eigentlich oder tust Du nur so? Anlass und Kontext der Eröffnung des Threads ist, dass russische Künstler ihre Positionen im Westen verlieren, ihre Engagements storniert und bestehende abgesagt werden, Konzertprogramme mit russischer Musik geändert werden. Der Threadersteller (Alfred) hat auch klar bekundet, worum es geht: Die "Bestandsaufnahme" soll zeigen, dass die westliche Kultur auch ohne die Russen auskommt, die dort aufgelisteten nichtrussischen Pianisten die Russen ersetzen können. Das wird als eine positive Möglichkeit gesehen, die Präsenz von Russen als "Durchseuchung" und "Unterwanderung" bezeichnet. Also die Präsenz der russischen Pianistenschule im Westen ist eine Art Krankheit und Seuche, die bekämpft werden muss. Genau deshalb ist Deine Haltung total unglaubwürdig. Du beförderst mit diese russenfeindlichen Intentionen, auch wenn Du all das ignorierst. Was wäre, wenn Jemand einen Thread eröffnet: "Aktuelle Pianisten - aber ohne Juden oder Schwarze"? Würdest Du da auch sagen: Kein Problem, mich da zu beteiligen, ich bin kein Antisemit oder Rassist, es geht ja nur um eine Bestandsaufnahme? Ich kann mich vor so viel - Entschuldigung - Ignoranz einfach nur wundern.

    Das Problem ist eben, wenn man sein Handwerk beim Bestreiten von Beethoven und Chopin lernt, hilft einem das nicht unbedingt für das Interpretieren von Boulez Stockhausen oder Barraqué. Hier muss neu gedacht werden. Gleiches gilt für Cage und Feldman.

    Das sind alles sehr seltsame Vorstellungen. ^^ Dazu ein Lektüretip:


    Du liest meine Sätze nicht und unterstellst mir irgendwas. Das macht einen sinnvollen Diskurs fast unmöglich. Das, was Du schreibst, ist von mir weder gesagt noch gemeint worden. Und selbstverständlcih gab es um diese Personen ein ziemliches Spektakel ....

    Wenn es Künstler gab, die völlig unspektakulär waren und Spektakel mieden, dann waren es Gilels und Richter. Richter hat sogar in Scheunen gespielt. Damals war die Zeit des "Eisernen Vorhangs". Eine Sensation war, dass große Künstler wie Gilels und Richter im Westen auftreten durften und dass man sie nun endlich hören konnte im Konzert. Das war ganz am Anfang, als sie zum ersten Mal außerhalb Russlands spielten. Alles was danach kam, war völlig unspektakulär. Ihre "Bedeutung" haben Gilels und Richter durch ihr Können gewonnen, die sie als absolute Ausnahmepianisten ausgewiesen hat durch ihre Präsenz in Konzerten und ihre Aufnahmen über viele Jahre. Die verdanken sie nicht irgendeinem Spektakel.

    Ich weiß wirklich nicht, was Du Dir da zusamenspintisierst. Ich argumentiere nicht gegen irgendwelche Schulen. Ich stelle nur fest, dass das eingespielte Repertoire "für meine Begriffe" eng ist und vieles , was mich zum Beispiel interessiert, nicht beinhaltet. Ob Richter die Sachen gut findet oder nicht ist doch völlig unerheblich.

    Dass Pianisten ein bestimmtes Repertoire nicht spielen, heißt noch lange nicht, dass sie sich damit nicht beschäftigt hätten. Das war das Beispiel Richter - Claudio Arrau wäre ein anderes. Eigentlich habe ich doch klar gesagt, worum es geht: Man kann nicht Russen und der russischen Schule etwas vorhalten, was generell gilt. In der Regel ist Zwölftonmusik etwas für Spezialisten.

    Warum? Wenn ich mich für Klaviermusik interessiere, schaue ich auf die veröffentliche Klaviermusik von Ashkenazy, was ja nicht gerade wenig ist. Und da sehe ich nicht viel, was vom Schema abweicht.

    Ich weiß nicht, worauf Du schaust - den sehr rege aktiven Kammermusiker Ashkenazy hast Du z.B. vergessen. Ashkenazy hat sehr viel in seinem Repertoire, was abseits des Mainstreams ist. Das Klavierwerk von Sibelius z.B., oder Josef Suk, zeitgenössische skandinawische Musik (beileibe nicht nur Rautavaara). In einem Konzertprogramm aus seiner Berliner Zeit hatte ich mal entdeckt, dass er sogar Rihm aufgeführt hat, es aber gerade nicht gefunden. Oder das hier, was nun wirklich "vom Schema abweicht":


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    Je stärker auf Tradition gebaut wird, um so weniger Spielraum gibt es für Eigenwilliges und Neues. Das ist nicht nur in der Musik so. Wenn es diesen großen Spielraum in der russischen Schule geben sollte, was ich nicht weiß, wäre es auch hier interessant, diese Beispiele kennenzulernen.

    Die russische Pianistenschule stammt aus dem 19. Jhd. - aus der Romantik. Und in der Romantik erwartete man von einem Künstler vor allem Individualität. Individualität zu zeigen ist also romantische Tradition. Das gilt natürlich auch für die Persönlichkeit des Lehrers, was und wie er lehrt.

    Das ist völlig zusammenhanglos und konfus. Sorry. Ich schreibe, dass Ugorski Diabelli eigenwillig interpretiert, und ich es interessant finde, dass seine Lehrerin Barockmusik liebt. Diese Beurteilung dessen, was ich damit tue, kommt wohl aus den Sternen

    Was hat die Tatsache, dass Ugorskis Lehrerin Barockmusik liebt, mit der Art zu tun, wie Ugorski die Diabelli-Variationen interpretiert? Da kann ich nun keinen Zusammenhang erkennen. Du hattest behauptest, dass Ugorskis Eigenwilligkeit sich nicht in Einklang mit der Tradition der russischen Schule befände. Da habe ich gesagt, dass eine solche Bewertung auf einer unausgewiesenen Verallgemeinerung beruht.

    Völlig richtig, trotzdem kann man sie rezipieren ohne diese Zusammenhänge zu kennen. Das ist eben ein geistiger Prozess, wie man sie wahrnimmt. Das wird besonders deutlich, wenn man sich Kunstwerken nähert, wo diese Zusammenhänge des Entstehens gar nicht bekannt sind.

    Man kann das Verhältnis Rezipient (Hörer) - Werk - Komponist als eine Kommunikationssituation beschreiben. Vom Komponisten (also dem Sender) aus betrachtet will der Komponist mit Hilfe seines Werks mit seinem Hörer (als Empfänger) kommunizieren. Der Hörer (als Empfänger) wiederum kommuniziert mit dem Werk und tritt dadurch mit dem Komponisten (dem Sender) in Verbindung. Diese Kommunikation über das Werk funktioniert, wenn entweder (a) sich die Botschaft des Senders für den Empfänger im Werk befindet und ihm als Ausdrucksgehalt entnommen werden kann oder (b) der Sender in Form von Aussagen, etwa Programmen, Hilfestellungen gibt, wie das im Werk Ausgedrückte richtig zu verstehen ist. Diese Kommunikationssituation gilt insbesondere für Kunst aus der Romantik, wo sich ganz ausdrücklich das Künstlersubjekt ausdrücken und mitteilen will. Beispiel: Die Dante-Sonate von Liszt. Liszts Programm bezieht sich nicht auf Dante direkt, sondern auf die Dante-Lektüre von Victor Hugo. Bei Hugo steht der entscheidende Satz: Die bei Dante geschilderten Höllenqualen sind eigentlich meine Qualen als Künstler. D.h. Liszt präsentiert sich hier seinem Hörer als Künstler-Subjekt mit seinen Qualen, was aber durch die Musik nur deutlich wird, wenn man die programmatischen Bezüge mit dazu nimmt. Das zu ignorieren ist ungefähr so sinnvoll wie einen autobiographischen Roman zu lesen und zu sagen: Mich interessiert aber die Biographie des Autors nicht. Beim späten Scriabin ist es im Prinzip genauso wie bei Liszt. Die Sonaten haben ein poetisches Programm. Hinweise darauf geben die Spielanweisungen im Notentext. Nur im Hinblick auf die Idee der Extase lassen sich Form und Inhalt der Musik verstehen. Bei der 5. Sonate ist das evident - die Extase als offene Form einer Spirale, die sich immer höher schraubt.


    Im 20. Jhd. gibt es allerdings starke Tendenzen, das Subjekt und den subjektiven Sinn aus der Musik zu eliminieren. So bei Cage: Musik soll nichts bedeuten, sondern nur als reines Klangereignis wahrgenommen werden. Musik drückt also nichts mehr aus, hat also keinen "Bedeutungsüberschuss" mehr - und somit auch keine Subjektivität. Dann funktioniert die Kommunikationssituation auch nur zwischen Werk und Rezipient - der Komponist wird sozusagen ausgeschaltet. Damit braucht der Hörer auch nichts mehr davon zu wissen, was der Komponist meint und sagen wollte, sondern alles ist mit den Klangereignissen gesagt, die er unmittelbar wahrnimmt. So ist das auch bei Stockhausens Klavierstück IX. Anders ist das allerdings bei der Licht-Oper. Die "Weltanschauung" des Komponisten ist eine Reflexionsebene, die sich natürlich auf das Werk einerseits bezieht, in dieses eingeht - und darüber hinausgeht. Es gehört zur Kreativität des deutenden Hörers, das aufzunehmen, was zum Sinnverständnis der Musik wirklich förderlich ist. Das hat auch etwas Befreiendes. Er muss nicht alle weltanschaulichen Ambitionen des Komponisten teilen - sondern kann eben selektieren, was wirklich für das Verständnis der Musik erforderlich ist und was nicht. Bei Scriabin ist es die Erlösungssehnsucht, die Problematik der Selbstüberwindung des Subjekts. Wenn man das nicht heraushört, versteht man vom Sinn dieser Musik einfach nichts. Scriabin ist eben nicht Cage!


    Schöne Grüße

    Holger

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  • Werter Axel - in allen Ehren für Deine Bemühungen und Deine Geduld! Aber es wird Dir nichts nützen! Es gibt Mechanismen, die Du mindestens so schnell durchschaust, wie ich das einst getan habe. Deine Geduld, Deine Ruhe, Deine Sachlichkeit, die hatte ich nicht. Damit sich Geschichte [:P] indes hier nicht wiederholt, verspreche ich mein Schweigen in diesem Thread hinfort, gleich, was als mögliche Antwort(en) jetzt kommen sollte(n) oder auch nicht.


    Eins vielleicht noch, weil es für mich relativ neu ist: Politische Unterstellungen der unfeinen Art gehören jetzt auch zum Konzept.


    Sachlich habe ich zur russischen Pianistenschule längst nicht so viel beizutragen wie Ihr zwei Kadetten. Ein bisschen was weiß ich schon, aber Du wirst verstehen - gleich ob meine Positionen sich eher Deiner oder eher der Deines Kontrahenten annähern sollten - dass ich keine Lust habe ...


    :hello: Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Damit sich Geschichte [ :P ] indes hier nicht wiederholt,

    Das brauchen wir wirklich nicht. Die Atmosphäre ist schon vergiftet genug. BTW Danke für den freunlichen Beitrag.


    Eins vielleicht noch, weil es für mich relativ neu ist: Politische Unterstellungen der unfeinen Art gehören jetzt auch zum Konzept.


    Ich verstehe wirklich nicht, was das soll. Wenn alles gut geht, stehe ich irgendwann vor dem jüngsten Gericht. Dann handele ich meine Sünden mit dem Kollegen vor Ort aus. Das sollte reichen. Zweitklassige Belehrungen zur Moral brauche ich nicht.


    Wie naiv bist Du eigentlich oder tust Du nur so?


    Ich werde auf diesen Ton nicht mehr eingehen. Um den von Dir gestarteten Thread, den ich durchaus interessant finde, nicht weiter zu gefährden, werde ich auf das in meinen Augen Verwertbare in einem zweiten Posting antworten.

  • Oder das hier, was nun wirklich "vom Schema abweicht":

    Diese CD von Ashkenazy kannte ich nicht. Danke für den Hinweis. Das ist genau das, was ich suchte. Ich kenne nun wirklich einiges, was er eingespielt hat, aber das ist mir noch nicht aufgefallen.


    Man kann das Verhältnis Rezipient (Hörer) - Werk - Komponist als eine Kommunikationssituation beschreiben. Vom Komponisten (also dem Sender) aus betrachtet will der Komponist mit Hilfe seines Werks mit seinem Hörer (als Empfänger) kommunizieren. Der Hörer (als Empfänger) wiederum kommuniziert mit dem Werk und tritt dadurch mit dem Komponisten (dem Sender) in Verbindung. Diese Kommunikation über das Werk funktioniert, wenn entweder (a) sich die Botschaft des Senders für den Empfänger im Werk befindet und ihm als Ausdrucksgehalt entnommen werden kann oder (b) der Sender in Form von Aussagen, etwa Programmen, Hilfestellungen gibt, wie das im Werk Ausgedrückte richtig zu verstehen ist.

    Das erinnert mich ein wenig an das Kommunikationsmodell aus der Schule (irgendwie Anfang Oberstufe oder so)

    Etwas wirklich Gutes, was ich zu dem Thema später mal gelesen habe ist das Buch von Claude Shannon



    Das würde ich aber für die Kunstrezeption nicht gerade als weittragend ansehen. Kunst lebt ja gerade nicht wenig von dem nicht Ausgedrückten, eventuell dem Angedeuteten (zum Beispiel in der Lyrik)


    Die Möglichkeit des Rezipienten, das Werk im eigenen Kontext deuten zu können ist ja gerade, was den Genuss aumacht. Zu verstehen, was der Dichter oder der Komponist eventuell bezweckt, soweit das überhaupt ermittelbar ist, hat dann schon etwas Akademisches. Für den Interpreten kann das natürlich sinnvoll sein, wenn er dem "Text" sonst nichts abgewinnen kann oder seine Interpretation anreichern möchte.


    Liszt präsentiert sich hier seinem Hörer als Künstler-Subjekt mit seinen Qualen, was aber durch die Musik nur deutlich wird, wenn man die programmatischen Bezüge mit dazu nimmt

    Das wäre wahrscheinlich das, was mir dann Liszt ungenießbar machen würde. Das interessiert mich einfach nicht.

  • Zweitklassige Belehrungen zur Moral brauche ich nicht.

    Ich will das jetzt nicht weiter vertiefen, nur noch ein Gedanke dazu: Alfred hat selbst bemerkt, dass dieser besagte Thread von allen Taminos boykottiert wird offenbar - bis auf Deine rege Beteiligung. Mit so einer Bemerkung disqualifizierst Du alle moralischen Bedenken, die andere Taminos wie auch ich haben, sich an einem solchen Thread zu beteiligen, als "zweitklassig". Dass Du für Dich selbst moralische Bedenken auf diese Weise verdrängen kannst, ist Deine Sache. Nur die damit verbundene indirekte Herabwürdigung von Anderen und ihren Ernst gemeinten Motiven steht Dir eigentlich nicht zu. Ich lasse mir jedenfalls nicht abstreiten, dass ich gute moralische Gründe habe für meine Entscheidung, diesen besagten Thread nicht zu unterstützen, dessen Eröffnung im übrigen rein politisch motiviert ist. Denn sachliche Gründe gibt es keine, die russischen Pianisten vom Rest der Welt zu isolieren. Aber nichts für Ungut. Ich bin nur für deutliche Worte. Jeder hat seinen Standpunkt glaube ich genügend klar gemacht! 8o

    Das erinnert mich ein wenig an das Kommunikationsmodell aus der Schule (irgendwie Anfang Oberstufe oder so) Das würde ich aber für die Kunstrezeption nicht gerade als weittragend ansehen. Kunst lebt ja gerade nicht wenig von dem nicht Ausgedrückten, eventuell dem Angedeuteten (zum Beispiel in der Lyrik)

    Das Kommunikationsmodell ist sicher nicht erschöpfend. Auf der Schule konnte ich das kaum ausstehen. ^^ Nur hier ist es durchaus hilfreich, wo es um den romantischen Klaviervirtuosen in der Personalunion Komponist-Pianist geht, der sich und seine Subjektivität dem Publikum präsentiert. Anders sieht es natürlich beim Symbolismus aus. Der steht ja auch auf der Schwelle zur Moderne, wo die Subjektivität zurücktritt. Die Ambivalenz gibt es schon in der Romantik, einerseits die Subjektivität zu feiern und sie andererseits transzendieren zu wollen. "Ich bin nichts, Gott ist alles" heißt es bei C. G. Carus.

    Die Möglichkeit des Rezipienten, das Werk im eigenen Kontext deuten zu können ist ja gerade, was den Genuss aumacht. Zu verstehen, was der Dichter oder der Komponist eventuell bezweckt, soweit das überhaupt ermittelbar ist, hat dann schon etwas Akademisches. Für den Interpreten kann das natürlich sinnvoll sein, wenn er dem "Text" sonst nichts abgewinnen kann oder seine Interpretation anreichern möchte.

    Es gibt die schöne Anekdote, die Horowitz erzählt, als seine Mutter mit ihm Alexander Scriabin persönlich einen Besuch abstattete. Da sagte Scriabin zu ihr: Ihr begabter Knabe dürfe nicht nur Klavier spielen, er müsse so viel wie möglich Literatur lesen, ins Theater gehen usw. In der Romantik, die die Einheit von Kunst und Leben propagierte, ist die Rezeption eines Werkes nie voraussetzungslos, sondern verlangt die Rezeption des kultruellen Hintergrundes. Das ist nichts Akademisches, sondern zeugt davon, dass Kunst Ausdruck des Lebens ist.

    Das wäre wahrscheinlich das, was mir dann Liszt ungenießbar machen würde. Das interessiert mich einfach nicht.

    Dann ist das für Dich einfach die falsche Musik! ;) ^^


    Schöne Grüße

    Holger

  • Ich will das jetzt nicht weiter vertiefen, nur noch ein Gedanke dazu: Alfred hat selbst bemerkt, dass dieser besagte Thread von allen Taminos boykottiert wird offenbar - bis auf Deine rege Beteiligung. Mit so einer Bemerkung disqualifizierst Du alle moralischen Bedenken, die andere Taminos wie auch ich haben, mich

    Auch ich will das nicht weiter vertiefen. Aber bitte hör auf mit dem moralinsaueren Geschwafel.

    Es sind immer die Moralisten, die Mörder vor Todesstrafe schütten, die Kriminelle als "gestrandete Mitmenschen" sehen, die man nach 15 Jahre Gefängnis "resozialisieren kann, die gegen "Rassismus" auftreten und gegen anständige Leute mit durchaus realistischen Betrachtungen der Welt agieren (Gott - nicht die Rassisten hat die Rassen und unterschiedlichen Eigenschaften von Völkern geschaffen - und sie durch klar erkennbare Merkmale gezeichnet. Und wen das Wort "Gott" stört, der ersetze es meinetwegen durch "Natur" - das ist dasselbe.

    Es ist durchaus legitim, Kräfte auszugrenzen, die man für eine Bedrohung für sich selbst hält - und in einem solchen Fall ist sich jeder selbst der nächste.

    Und - entgegen den "moralisierenden" Tamino Mitglieder die meinen Thread boykottieren, weil linksliberal so chick und in Mode ist - ist die Zahl der dort mitliest - mit bislang 5400 Seitenaufrufen in nicht mal 2 Monaten- geradezu phantastisch.

    Und der INTERNATIONALE Boykot von Russen ist ein klares Signal, wie die Einschätzung WELTWEIT ist.

    Wie immer dieser Krieg enden mag. - Russlands Reputation - wenn es ja eine hatte - wird auf Generationen zerstört sein.

    Das ist meine ÜBERZEUGUNG. - aber die ist nicht so wichtig. Wichtiger ist indes, daß es die WAHRHEIT ist. - oder - wer da widersprechen will - zumindest das Bild sein wird , das Russland und seine Bevölkerung in Hinkunft stigmatisieren und diskriminieren wird.

    Über "Gutmenschen" werden die Realisten das machen, was sie immer schon gemacht haben: lachen.

    Genauso, wie es lächerlich ist, einen Thread zu boykottieren. Da gibt es natülich diese winzige, aber immer laut Agierende Minderheit, wo man den Eindruck haben könnte, sie sei eintscheidend. Aber in Wahrheit ist es das Jammern eines kleinen Häufchens, das nicht akzeptieren kann wie die Welt nun mal beschaffen ist.


    Ich habe diesen Thread zuglassen -völlig neutral

    Ich lasse aber keine Kritik an meiner Person und meiner Weltanschaung zu !!!


    mit freundlichen Grüßen aus Wien, der Welthauptstadt der Musik

    Alfred Schmidt - Forenbetreiber


    Jeder, der versucht aus der großen Herde, die da heißt ›Gesellschaft‹, auszubrechen, ruft das Mißfallen der Herde hervor.

    Francesco Petrarca (1304-1374)


  • Ich will das jetzt nicht weiter vertiefen, nur noch ein Gedanke dazu: Alfred hat selbst bemerkt, dass dieser besagte Thread von allen Taminos boykottiert wird offenbar - bis auf Deine rege Beteiligung. Mit so einer Bemerkung disqualifizierst Du alle moralischen Bedenken, die andere Taminos wie auch ich haben, sich an einem solchen Thread zu beteiligen, als "zweitklassig". Dass Du für Dich selbst moralische Bedenken auf diese Weise verdrängen kannst, ist Deine Sache. Nur die damit verbundene indirekte Herabwürdigung von Anderen und ihren Ernst gemeinten Motiven steht Dir eigentlich nicht zu. Ich lasse mir jedenfalls nicht abstreiten, dass ich gute moralische Gründe habe für meine Entscheidung,

    Wenn Du hier genau lesen würdest, würdest Du sehen dass es um zweitklassige Belehrungen und nicht um die Moral geht. Im Gegensatz zu manchem anderen maße ich mir nicht an, die Moral meiner Kollegen zu bewerten. Jeder soll es so handhaben, wie er es für richtig hält.

  • Es gibt die schöne Anekdote, die Horowitz erzählt, als seine Mutter mit ihm Alexander Scriabin persönlich einen Besuch abstattete. Da sagte Scriabin zu ihr: Ihr begabter Knabe dürfe nicht nur Klavier spielen, er müsse so viel wie möglich Literatur lesen, ins Theater gehen usw. In der Romantik, die die Einheit von Kunst und Leben propagierte, ist die Rezeption eines Werkes nie voraussetzungslos, sondern verlangt die Rezeption des kultruellen Hintergrundes. Das ist nichts Akademisches, sondern zeugt davon, dass Kunst Ausdruck des Lebens ist.

    Ich findes es interessant, dass vieles von dem von Dir Gesagten sich gerade auf romantische Kunst bezieht. Das erklärt an manchen Stellen auch meine Schwierigkeiten mit dieser Richtung.

  • Auch ich will das nicht weiter vertiefen. Aber bitte hör auf mit dem moralinsaueren Geschwafel.

    Ich auch nicht! Aber Du solltest Dir klar darüber sein, dass etliche Taminos ganz genau so denken wie ich, es nur nicht offen aussprechen.

    Über "Gutmenschen" werden die Realisten das machen, was sie immer schon gemacht haben: lachen.

    Genauso, wie es lächerlich ist, einen Thread zu boykottieren.

    "Gutmensch" war mal Unwort des Jahres in Deutschland. Für mich ist das eine Frage des Anstandes. Natürlich, für alle Zyniker der Welt, die ihre Haltung als "Realismus" verkaufen, sind so etwas wie Anstand und Prinzipien eine reine Lächerlichkeit.

    Wenn Du hier genau lesen würdest, würdest Du sehen dass es um zweitklassige Belehrungen und nicht um die Moral geht. Im Gegensatz zu manchem anderen maße ich mir nicht an, die Moral meiner Kollegen zu bewerten. Jeder soll es so handhaben, wie er es für richtig hält.

    Du erliegst hier einem fundamentalen Irrtum. Was Du proklamierst ist eine solipsistische Privatmoral. Jeder tut, was er für richtig hält und ist nur sich selber verpflichtet. Genauso wenig, wie es aber eine Privatsprache gibt und geben kann (Wittgenstein), gibt es eine solche Privatmoral. Die humanistische Tradition seit Platon ist das "logon didonai" (dt. "Rechenschaft geben aus Gründen"). Moral ist, dass man sein Handeln gegenüber Anderen durch Gründe rechtfertigen können muss und entsprechend zulässt, dass wiederum der Andere nach Gründen für das eigene Handeln kritisch fragt. Das ist keine Anmaßung, sondern moralische Pflicht. "Zweitklassig" ist, diesem Begründungsanspruch vor dem Anderen auszuweichen und statt Gründe zu liefern nur eine pejorative Bewertung abzugeben ("zweitklassige Belehrungen") um sich dem moralischen Rechtfertigungsdruck zu entziehen.


    Aber mehr sage ich nicht dazu. Es bringt ohnehin nichts. Siehe Des Antonius von Padua Fischpredigt :D

  • Ein Hinweis, der gut zu diesem Thread über die russsiche Pianistenschule passt. Ich möchte auf das Label RCD aufmerksam machen, das Einspielungen russischer Interpreten der Vergangenheit veröffentlicht.


    Es lohnt, etwas unter den beim Werbepartner erhältlichen CDs zu stöbern. Dazu das eingestellte Cover anklicken und auf die blauen Buchstaben RCD klicken.


    .

    Früher war ich morgens froh, des Abends weint´ ich

    Jetzt da ich älter bin

    beginn ich zweifelnd meinen Tag

    doch heilig und heiter ist mir sein Ende.


    Friedrich Hölderlin



  • Maria Grinberg (1908-1978) stammte aus einer jüdischen Familie. Bis 1917 hatte ihre Familie ein ruhiges Leben. Mit der Machtergreifung der Kommunisten änderte sich dies.

    Bis zu ihrem 18. Lebensjahr nahm Maria Klavierunterricht bei Odessas bestem Lehrer David Aisberg. Schliesslich wurde sie Schülerin von Felix Blumenfeld, dem Lehrer von Vladimir Horowitz.

    Als phänomenale Virtuosin hatte Maria Grinberg jedes Recht, eine bedeutende Figur der russischen Klavierschule zu werden. Die Zeitumstände verhinderten dies. 1937 wurden sowohl ihr Mann als auch ihr Vater als „Volksfeinde“ verhaftet und hingerichtet. Die Pianistin wurde von der staatlichen Leitung gefeuert und bekam eine Stelle als Korepetitorin. Bald konnte sie wieder Tritt fassen. Sie wurde zu einer gefragten Pianistin in Moskau, mit Konzerten in Städten in der ganzen Sowjetunion. Mit 50 Jahren, erst nach Stalins Tod 1953, durfte sie ins Ausland reisen. Insgesamt unternahm Maria Grinberg 14 Tourneen – 12 Mal in den Ländern des Sowjetblocks und zweimal in Holland, wo sie zu einer landesweit gefeierten Persönlichkeit wurde. Kritiker verglichen ihre schillernden Leistungen begeistert mit denen von Horowitz, Rubinstein und Clara Haskil . Die sowjetischen Medien druckten diese lobenden Kritiken jedoch nie nach und ignorierten ihre Erfolge.


    Maria Grinberg war wahrscheinlich eine der größten Pianistinnen des 20. Jahrhunderts. Leider gelang es ihr nicht, ihre eigene künstlerische Karriere zum Laufen zu bringen. Sie war ein enormes Talent und im Westen praktisch unbekannt. Erst im Alter von 55 Jahren wurde ihr ihr erster – und letzter – Ehrentitel des sowjetischen Staates verliehen. Erst mit 61 erhielt sie eine Professur des Gnessin-Instituts für Musik. Aber weder das Moskauer Konservatorium noch die Jury des Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerbs boten ihr einen Platz an.

    Von staatlicher Seite wurde Maria Grinberg totgeschwiegen. 1970 brachte sie die erste Gesamteinspielung der Beethoven Sonaten der Sowjetunion heraus. Die sowjetische Musikpresse brachte kein einziges Wort über dieses einzigartige Ereignis. Nur drei Monate vor dem Tod der Pianistin im Jahr 1978 wurden diese Aufnahmen in der Zeitschrift Sovetskaya Muzyka als eine "eine wahre Kunstleistung" gwürdigt. Kein einziger Film von Grinbergs Live-Auftritten wurde für das Fernsehen aufgenommen.


    Maria Grinbergs Sinn für Humor war legendär. Das ist wohl in einem Klima der Repression eine Strategie die widrigen Umstände zu ertragen. Diejenigen, die sie kannten, erinnern sich an eine Geschichte. Ihr Patronym [der Name des Vaters, der üblicherweise in russischen Namen verwendet wird] war Israilyevna (d.h. "Tochter Israels", wobei letzteres der Vorname ihres Vaters ist). Während der Zeit der verschärften Feindseligkeiten zwischen der Sowjetunion und dem Staat Israel, die die Sowjets immer als „israelische Aggressoren“ bezeichneten, stellte sich Maria Grinberg immer als „Maria Aggressorowna“ vor.

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    Früher war ich morgens froh, des Abends weint´ ich

    Jetzt da ich älter bin

    beginn ich zweifelnd meinen Tag

    doch heilig und heiter ist mir sein Ende.


    Friedrich Hölderlin

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