Otto Klemperer - Ein Gigant

  • Selbstverständlich ist Klemperer einer der ganz großen Pultmagier. dies wurde von den Taminos durch verschiedene Beispiele bereits hervorragend herausgearbeitet.
    Ich möchte als Beleg für seine Größe seine beiden exemplarischen Aufnahmen von Beethovens "Fidelio" anführen. Zum einen die Gesamtaufnahme von 1961 London, Covent Garden und die im Februar 1962 ebenfalls in London, Kings Hall entstandene Studio-Aufnahme. In beiden Aufnahmen einmal mit Chor und Orchester Covent Garden, in der anderen mit dem Philharmonia Chor und Orchester London wird die dirigentische Größe von Klemperer sichtbar. Die Tempi sind gemäßigt, aber nie schleppend. Beide Dirigate überzeugen durch Spannung und großartige Steigerungen bei Herausarbeitung der Höhepunkte. Grandios jeweils der Schluß, tatsächlich: Namenlose Freude. Außerdem ist Klemperer ein sängerfreundlicher Dirigent. Trotz aller Klangwucht werden die Sänger kaum zugedeckt. Insgesamt entsteht dadurch ein vorbildliches homogenes Klangbild.
    Schwierig wird die Frage, welche der beiden brillanten Aufnahmen zu bevorzugen ist. Mir scheint die Aufnahme aus Covent Garden mehr lebendige Bühnenatmosphäre zu vermitteln. Die Studioaufnahme dagegen wirkt noch ausgefeilter und perfekter. In beiden Aufnahmen überzeugt Jon Vickers durch einen ungemein Energie ausstrahlenden, intensiven Florestan. Rocco - wie könnte es in der damaligen Zeit auch anders sein - ist in beiden Aufnahmen Gottlob Frick. Bei aller Wertschätzung von Christa Ludwig spricht mich der warme Herzenston von Sena Jurinac als Leonore in der Covent Garden Aufnahme noch mehr an. In der Besetzung dieser Aufnahme wurden bewährte Kräfte des Londoner Opernhauses eingesetzt. Bei der Studio-Aufnahme wurden mit Franz Crass (Don Fernando), Walter Berry (Don Pizarro), Ingeborg Hallstein (Marzelline) und Gerhard Unger (Jaquino) doch die international bekannteren Sänger aufgeboten.
    Klemperer also in zwei Aufnahmen als überragender "Fidelio"-Dirigent.
    Ähnliche Größe erreicht wahrscheinlich nur Wilhelm Furtwängler bei seiner " Fidelio"-Gesamtaufnahme 1953 in Wien.
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Zitat

    Original von operus
    Ähnliche Größe erreicht wahrscheinlich nur Wilhelm Furtwängler bei seiner " Fidelio"-Gesamtaufnahme 1953 in Wien.


    Bei aller Wertschätzung für Klemperer (von dem ich etliche Aufnahmen in meiner Sammlung habe und den ich durchaus schätze). Aber Furtwängler ist eine andere Liga. Mit Dirigenten wie Klemperer gar nicht zu vergleichen, so gut diese auch (in ihren Bereichen, z.B. Mahler) waren. Furtwängler ist bei jedem Werk, das er angefasst hat, der Beste aller Zeiten gewesen.

  • Zitat

    Original von Swjatoslaw


    Furtwängler ist bei jedem Werk, das er angefasst hat, der Beste aller Zeiten gewesen.


    ?(

  • Ich habe Furtwängler ebenfalls seine ebenfalls überragende Stellung bei meinem "Fidelio"- Vergleich bescheinigt. In aber als "bei allem, was er anfaßt, als den Besten aller Zeiten" zu bezeichnen ist zumindest gewagt.
    Ich finde es jedoch schön, dass es solch glühende Verehrer des großen Dirigenten gibt.
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Hallo operus,
    ich bin nun mal sehr eindeutig positioniert, was meinen Lieblingsdirigenten betrifft :D. Mir ist aber klar, dass es in diesem Thread nur um Klemperer geht, daher kein weiteres Wort von mir zu diesem Thema. Bruckner Nr. 6 sowie Mahler Nr. 2, Nr. 9 und das "Lied von der Erde" sind für mich absolute Spitzenaufnahmen, die Klemperer vorgelegt hat. Ich mag ihn aber auch, wenn er (für ihn) eher atypisches Repertoire beackerte: z.B. de Fallas "Nächte in spanischen Gärten" oder die Sinfonietta von Janacek

  • Hallo - guten Tag,
    leider muß ich gestehen,daß ich gegen Klemperer lange Zeit alles was an Vorurteilen bestand sublimierte und ohne weitere Überprüfung mir zu eigen machte,ohne auch nur einmal den Versuch zu unternehmen anhand der zahlreichen Aufnahmen mir ein eigenes Bild zu machen.
    Schuld daran war wohl auch das einzige persönliche Erlebnis mit Klemperer,als er Ende der Sechziger-Jahre das Symphonieorchester des BR im Herkules-Saal in München dirigierte - dirigierte ?.
    Aufgeführt wurde u.a. Mendelssohns Sommernachtstraum (mit Edith Mathis und Brigitte Fassbaender) - Klemperer , ein von seiner Krankheit schwer gezeichneter Mann ,wurde mehr auf das Podium getragen als er es betrat.
    Der Eindruck war so schockierend für mir,daß ich künftig Aufnahmen dieses Dirigenten mied,um nicht an das damalige Ereignis erinnert zu werden.
    Umso berührter war ich,als ich vor einigen Wochen im Radio ein kurzes Interviev mit Josef Merz,dem langjährigen Solocellisten und Mitglied des Koeckert-Quartetts hörte.
    Mit welcher Liebe und Achtung Merz mit seinem Kuchl-Böhmisch von "Glemberer" sprach war überwältigend.
    Ich versuche die Aussage aus dem Gedächtnis in etwa wiederzugeben:
    "Ja der Glemberer , das war uns einer von den Liebsten.Vor dem Konzert rief er die Konzertmeister zu sich,und ging das Stück nochmals kurz durch.- Und da machens bitte a Pause - (Ja,da mach mer schon a Pause) - machens bitte a längere Pause - und lassens mich nicht im Stich"
    Ich glaube sympathischer läßt sich das Verhältnis der Musiker zu Klemperer nicht beschreiben.
    Viele Grüße
    Santiliquido

    M.B.

  • Zitat

    Ich mag ihn aber auch, wenn er (für ihn) eher atypisches Repertoire beackerte: z.B. ..... die Sinfonietta von Janacek


    Klemp hat die deutsche Erstaufführung in Wiesbaden 1927 geleitet, sein Eröffnungskonzert in Berlin, September 1927, enthielt als erstes die Sinfonietta mit dem Komponisten im Saal, der lt. Heyworth im Tagebuch notierte. "Das Werk hat sich durchgesetzt."
    Das, was wir oft als Repertoire begreifen, wurde seit den 50igern von den Plattenfirmen diktiert! Deren Einfluss (bringt es Geld??) kann gar nicht hoch genug bewertet werden.


    Beispiel Mahler: Er wurde in den 50igern fast regelmäßig in Deutschland von Rundfunkorchestern gespielt (Rosbaud, Scherchen, Schuricht, Klemperer, auch Barbirolli und sogar Mitropoulos konnten in der BRD Mahler mit Rundfunkorchestern aufführen,- wunderbarerweise heute als CDs erhältlich. Die Limies, die mussten allerdings Horenstein ertragen, hahahaha)
    Und die großen Plattenfirmen?..... Fehlanzeige. Das kam viel später.


    Gruß S.


    PS. Noch ein Wort zu Furtwängler.
    Es gibt ein Foto mit den beiden auf Alpentour (1928 Engadin)
    Schon da überragte Klemp Furtwängler.
    Es sollte so bleiben!

  • Zitat

    Original von s.bummer
    Klemp hat die deutsche Erstaufführung in Wiesbaden 1927 geleitet, sein Eröffnungskonzert in Berlin, September 1927, enthielt als erstes die Sinfonietta mit dem Komponisten im Saal, der lt. Heyworth im Tagebuch notierte. "Das Werk hat sich durchgesetzt."


    In der Tat. Ich lese bei http://www.leos-janacek.org/lex/1k2.htm#klemperer:

    Zitat

    Hingegen hat Klemperer in einem Konzert in der Kroll-Oper Js "Sinfonietta" dirigiert (29.09.1927), wo J anwesend war. Die "Sinfonietta" hat er auch in Wiesbaden (1926), New York (04.03.1927) und Moskau (1929) aufgeführt.


    Außerdem lese ich dort über Klemperer:

    Zitat

    dt Dirigent, der als einer der ersten J-Opern ausserhalb der Tschechoslowakei aufführte: dt EA der Oper "Jenufa" in Köln am 16.11.1918, dt EA von "Kát'a Kabanová" in Köln am 8.12.1922; hingegen hat er die Oper "Die Ausflüge des Herrn Brouek" nicht realisiert (wie dies Brod vermerkt, Brod-Br, 21/a7), ebensowenig "Die Sache Makropulos". Js letzte Oper "Aus einem Totenhaus" hat er zwar als musikalischer Leiter der Kroll-Oper in den Spielplan aufgenommen und gegenüber den Behörden auch durchgesetzt, dirigiert wurde die Aufführung aber von Fritz Zweig.


    Klemperer hatte also einen größeren Bezug zu Janacek, als mir dies von seinen veröffentlichten Aufnahmen bekannt war.


    Zitat

    Original von s.bummer
    PS. Noch ein Wort zu Furtwängler.
    Es gibt ein Foto mit den beiden auf Alpentour (1928 Engadin)
    Schon da überragte Klemp Furtwängler.
    Es sollte so bleiben!


    Klar, die Körpergröße von Klemperer ist unbestritten. In der WELT vom 15. Mai 2010 (S. 34) lese ich z.B. in dem Artikel "Der Jahrhundertdirigent" von Kai Luehrs-Kaiser: "Lange Jahre dirigierte Klemperer im Sitzen, weil er sich für seine Körpergröße genierte". Lotte Lehmann beschrieb ihn als "baumlangen Mann". Folglich überragte er natürlich Furtwängler im Jahre 1928. Und das "sollte so bleiben", wie Du richtig schreibst. Jedenfalls ist nicht überliefert, dass durch Schrumpfen des einen und/oder plötzliches Nachwachsen des anderen der rein körperliche Größenunterschied irgendwann nivelliert wurde.

  • Beide waren ja etwa gleich alt, (Mai 1985 - Januar 1886) und machten schnell Karriere.
    Klemperer: Prag, Hamburg, Straßburg, Wiesbaden, Köln, dann Berlin wobei er durch einen Zwischenfall in HH seine Karriere für ca. ein Jahr unterbrechen musste. (Die Libido kam ihm in die Quere.)
    Furtwängler: Straßburg, Lübeck, Mannheim, Wien und dann Berlin.
    Wobei Furtwängler bereits 1922 in Berlin "eintraf," während Klemp erst 1927 folgte.
    Die beiden kannten sich recht gut und kamen wohl auch bis beide in Berlin waren, recht gut miteinander aus. So fuhr man noch 1928 gemeinsam auf Wandertour ins Engadin.
    Dann aber gab es, so muss man wohl sagen, Fanclubs.
    Und Berlin war geteilt in Furtwängler Fans und Klemperer Fans. die anderen zu der Zeit in Berlin arbeitenden Dirigenten (Walter, Kleiber, Blech) waren quasi "draußen" vor.
    Das, was wir heute von Furtwängler aus den späten 30igern wissen, die Eifersucht auf "das Wunder" Karajan und später nach dem WKII die Intrigen gegen HvK und vor allem Celibidache, das kam dann auch gegen Klemperer, wobei der zurückgab, wo er konnte.
    So setzte man die selben Werke in kurzen Zeitabständen aufs Programm, nur um zu zeigen, wer der Chef war.
    Der Kampf ging zu ende, als die Kroll Oper dicht gemacht wurde.
    Klemp "flog aus Deutschland, wenn auch nicht mit dem Flugzeug" (so er selbst).
    Dann sah man sich nie wieder!


    Allerdings gab es 1953 eine Episode, die erwähnenswert ist.
    Klemperer hatte von 1946 - 1950 die Budapester Oper geleitet, ein Engagement, welches ihn gewissermaßen aus der Hartz IV Existenz in den USA, bedingt durch eine Hirnop mit anschließenden Lähmungen und dem totalen Ruin der Karriere durch sein Verhalten, gerettet hatte.
    Ende 1951 brach er sich in Montreal die Hüfte, brauchte lange zur Genesung und konnte dann zunächst kaum mehr auftreten.


    Er war somit mittellos und zudem war ihm die McCarthy Administration auf den Fersen, weil er ja im Kommunismus als amerikanischer Staatsbürger....
    Engagements in Nordamerika waren sehr selten. Keiner wollte ihn mehr haben.


    In dieser Notsituation lies er bei Furtwängler anfragen, ob dieser ihm in der BRD helfen könne.
    Die Antwort war kühl: (Ich zitiere einen Brief Furtwänglers an Käthe Schröder Aufrichtig 19.6.1953)

    Zitat

    ....Und ich fürchte, daß in dem so eng gewordenen Westdeutschland, in dem die eigenen Musiker schon bei weitem nicht mehr den Platz finden wie früher, für einen Mann wie Klemperer, der so lange draußen war, wenn auch er als Künstler noch sehr viel Kredit besitzen mag, wenig Platz ist.


    Dabei wurde im Original das Wort "kein" Platz durch "wenig" Platz ersetzt.


    Klemp schaffte es doch im Januar 1954 nach Deutschland, genauer nach Köln, wo ihm sein alter Freund Eigel Kruttge das Entre verschaffen konnte.
    Aßerdem, das darf man nicht vergessen, hatte er seit Ende 1951 einen Vertrag mit Walter Legge, den dieser trotz der langen Wartezeit nicht storniert hatte.


    Dann starb Furtwängler 1954, Toscanini trat nicht mehr auf und Klemp war auf einmal der letzte der Großen aus der 1. Hälfte des Jahrhunderts und sein "Indian Summer" begann.
    Doch das ist eine andere Geschichte und sehr kompliziert, weil sie eben niemals gradlinig verlief.


    Gruß S.

  • Hallo,
    ich bin selten so euphorisch ob einer Neuerscheinung oder "Ausgrabung" gestimmt gewesen.


    Aber nachdem die bekannte und hochgelobte Einspielung Klemperers von Mahler 2 mit dem Concertgebouw Orchester Amsterdam vom Juli 1951 unter sehr schlechter Klangqualität leidet, gibt es nun bald folgende Aufnahme vom Mai 1951 in anscheinend deutlich besserer Qualität.
    Aufgenommen am 40igsten Todestag des Komponisten.



    Das ist eine Aufnahme aus der letzten "wilden" Periode Klemperers.
    Damit wird die Aufnahme zu einer einzigen Tour de Force. Wer die Aufnahme vom Juli kennt, weiß was ich meine!
    Frau Rössl.Majdan war zu der Zeit erheblich besser, als die leider schon zu sehr kranke Kathleen Ferrier im Juli 1951. Daher dürfte auch das URLICHT sehr gut werden.
    Ich bin sehr gespannt.
    Klangproben gibt es schon im Internet, die stimmen mich optimistisch.
    Gruß S.

  • Tamino Beethoven_Moedling Banner
  • Wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe,
    Mahler 2
    unterscheidet sie sich von der Münchener Aufnahme in der Anlage nur durch
    - linear höheres Tempo ca. 6%
    - etwas schärfere Gegensätze
    - aber deutlich miesere Klangqualität und teilweise
    - Fehler des Orchester in der Intonation.
    Daher ist sie meines Erachtens nur was für Fans.
    Freunde von Mahler 2, die auch mal Klemp hören wollen, sind mit der Münchener oder der "Standard-EMI" Aufnahme besser bedient.


    Gruß S.

  • Zitat

    Original von s.bummer
    Aber nachdem die bekannte und hochgelobte Einspielung Klemperers von Mahler 2 mit dem Concertgebouw Orchester Amsterdam vom Juli 1951 unter sehr schlechter Klangqualität leidet (...)
    Freunde von Mahler 2, die auch mal Klemp hören wollen, sind mit der Münchener oder der "Standard-EMI" Aufnahme besser bedient.


    Ich habe die EMI-Aufnahme mit Schwarzkopf, Rössl-Majdan und dem Philharmonia Orchestra in meiner Sammlung und bin damit sehr zufrieden. Die Aufnahme mit Kathleen Ferrier, Jo Vincent und dem Concertgebouworkest



    hatte ich auch mal gekauft, aber das reichte nicht annähernd an die EMI-Aufnahme heran. Jedenfalls die von mir abgebildete Edition dieses Mitschnitts war tonqualitativ unter aller Würde (möglicherweise gibt es bessere Überspielungen am Markt, das weiß ich nicht). Auch wenn ich normalerweise nicht so sehr auf Klangqualität achte, war da bei mir doch eine Grenze überschritten, so dass ich die CD gleich wieder ausgesondert habe. Und obwohl diese Edition inzwischen im Marketplace für weniger als einen Euro (!) verramscht wird (als ich sie bei Zweitausendeins kaufte, war ihr Preis noch 2,99 €), rate ich vom Kauf ab. Lieber ein paar Euro drauflegen und die von s.bummer empfohlenen CDs kaufen.

  • sind alle für die "Wurst".
    die 2. aus Amsterdam gibt es hoch offiziell von DECCA.

    Die klingt wenigstens gut hörbar. Aber arg historisch.
    Deshalb hatte ich mir von der oben erwähnten Testament-Aufnahme viel versprochen. Doch die ist nur marginal besser!
    Recht gut gelungen dagegen ist folgende Aufnahme, auch historisch.
    Da ist ne Eroica drauf, die einen aus den Socken haut.


    Gruß S.

  • Hallo,
    der Film von Philo Bregstein: "Otto Klemperers Long Journey " ist aktuell in 7 Abschnitten auf You Tube zu sehen.
    Ich habe 30 Jahre darauf gewartet, den Film wieder zu sehen.


    Klemp erzählt sein Leben, dazu ne Probe der 2. Mahler und noch andere Liveaufnahmen. Wunderbar!!


    Einfach anschauen! Wunderbar. Man erfährt so viel! :jubel:


    Gruß S.

  • Nachtrag:
    Und leider ein paar Fehler und Auslassungen.
    Die Probe zu Mahler 2 ist nicht zum 14.5.1965 dem 80igsten, sondern zum 14.5.1971, dem 86. Geburtstag und 60igsten Todestag Mahlers.
    Was er während der "dunklen" Jahre zwischen 1939 und 1945 in den USA angestellt hat, wurde sehr sanft geschildert und manche Kleinigkeit mehr.
    Man beachte. Seine letzten Dirigate sind als Probenausschnitte dabei. Haydn 92 und Mozart, sowie Brahms 3 vom September 1971.
    Das wichtige sind aber die Beiträge zu der Zeit vor 1933.
    Gruß S.

  • Mal 'ne Frage an die Klemperer-Experten:


    Es gibt doch von ihm auch alle vier Schumann-Symphonien. Wie beurteilt ihr die? Und von wann sind sie?



    Ich kenne nur Miniauszüge von YouTube (Finale der 2.). Die Tempi sind offenbar extrem gedehnt, die Pauken gehen irgendwie ziemlich unter. Kann aber sein, daß das nicht dieselbe Aufnahme ist!


    LG
    Joseph

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Hallo Joseph,


    die 1. Sinfonie stammt von 1965, die 2. von 1968, die 3. von 1969 und die 4. von 1961.


    Je weiter fortgeschritten das Alter, desto langsamer dirigierte Klemperer in der Regel.
    So auch bei Schumann. Abgesehen von der 4., bei der Klemperer "Biß" zeigte (und die für mich zu den schlüssigsten Interpretationen der Sinfonie gehört), empfinde ich die Interpretationen der anderen drei Sinfonien als bleischwer und schwunglos. "Fehlinterpretationen auf hohem Niveau" sozusagen.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Hallo Norbert,


    danke für die schnelle Info!



    Apropos: Ich habe rausgefunden, daß es die bereits genannte Mahler-Zweite von 1971 mit beinahe 100 Min. mal bei Arkadia auf CD gab:



    Anne FINLEY
    Alfreda HODGSON


    New Philharmonia Chorus
    New Philharmonia Orchestra


    Otto KLEMPERER


    Live
    ARKADIA (2CDHP 590)
    May.16.1971


    Amazon listet sie zwar noch, aber offenbar ausverkauft.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Diese Aufnahme ist nur mit Vorsicht zu genießen.
    Sie ist, weil sie so langsam ist (linear langsamer als die anderen! ca. 99 Minuten) nicht mehr konkurrenzfähig.
    Mehr was für Klemp-Fans, die sich partout nicht abbringen lassen.
    Die Proben dazu gibt es bei You Tube. Klemperers Long Journey.


    Gruß S.

  • Daß diese Mahler-Zweite "sehr speziell" ist, macht sie auch interessant.
    Natürlich würde ich sie gerne mal hören. Nur wie? Die Aufnahme ist offenbar vergriffen.
    Vielleicht lädt sie ja mal irgendwer im Netz rauf.


    Apropos: Seine 2. von 1965 mit dem BRSO hab ich mir neulich angehört. Sicherlich eine sehr große Interpretation. Was auffällt, ist, daß Klemperer jeden Hypersentimentalität vermeidet. Anders als Lenny wird er in der genialen Coda des letzten Satzes sogar schneller, nicht langsamer. Unemotional zieht er das Ding durch. Irgendwie dachte ich mir am Ende: Irgendwas fehlte mir. Vielleicht bin ich zu "Bernstein-verseucht". Wie macht er das denn 1971? Bei den extremen Tempi zieht er den Satz doch viel länger hin, oder?


    LG
    Joseph

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Tamino Beethoven_Moedling Banner
  • Joseph!
    Klemp hat seine Lesart der 2. wenig verändert, nur wurde er immer langsamer!
    Das hat zur Folge, dass die 2. von 1971 dann sehr "schwarz" wirkt. Aber da die Temporelationen dieselben sind, wirkt die Aufnahme eben nur dunkler. Du wirst nichts besonders Neues wahrnehmen.
    Obwohl diese Schwärze auch etwas sehr Eigenes hat. Ich wünschte, sein LvdE von 1970 würde irgendwann auftauchen.

    Zitat

    Was auffällt, ist, daß Klemperer jeden Hypersentimentalität vermeidet. Anders als Lenny wird er in der genialen Coda des letzten Satzes sogar schneller, nicht langsamer. Unemotional zieht er das Ding durch

    Wenn man das, so wie ich -zig mal gehört hat, geht es garnicht anders mehr. Auch der 1. Satz ist wichtig, so wie er das durchzieht!
    Ich bin das so gewöhnt, ich mag kaum (ich) anderes mehr.
    Zufällig habe ich heute Lennie (DGG) mit der 2. im 1. Satz gehört. Ich habe abgeschaltet, zu langsam, zu viel "Stop and Go". Manche Momente sind sicherlich groß, aber ich mag den flüssigen Zugang (wie auch bei Neumann oder Steinberg) eben viel lieber. Obwohl Lennie noch erträglicher ist als Tennstedt live. Das geht für mich garnicht mehr.
    Gruß S.


    PS. Als .mp3 kann ich Dir die Aufnahme gerne zur Verfügung stellen, es gibt ja keine besonderen Urheberrechte.

  • Eine "schwarze" Auferstehung – das hört sich natürlich spannend an.


    Es gibt das LvdE auch noch in einer Spätest-Aufnahme? Nicht mal die einschlägigen Diskographien führen das auf (was nichts heißt, da etwa auch Horensteins Bruckner 5. mit dem BBC Northern SO nicht vorkommt, sie aber existiert).


    Wo ist denn eigentlich Bruno Walter einzuordnen? In dem berühmten Interview von 1960 sagt Klemp ja: "Bruno Walter is a moralist. I am an immoralist, absolutely!" Tendiert Walter also bei der 2. von Mahler auch eher Richtung Bernstein? (Ich muß gestehen, ich kenne diese bekannte Aufnahme nicht ...)


    Ad P.S.: Dankesehr! Am einfachsten wohl per Mail: Zesarewitsch[at]googlemail.com


    LG
    :hello:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Zitat

    Zitat von s.bummer

    Da du, lieber s.bummer, in Sachen Otto Klemperer ja ziemlich bewandert zu sein scheinst und auch sonst in einigen Dingen, z. B. temporales Binnenverhältnis von Sätzen einer Sinfonie in mehreren zeitlich länger auseinanderliegenden Aufnahmen eines und des selben Dirigenten, auf meiner Linie liegst, was ja auch deine o.a. Ausführungen belegen, frage ich dich, was du denn von der Aufnahme Klemperers der zweiten Mahler aus 1961/62 mit Elisabeth Schwarzkopf, Hilde Rössl-Majdan und Philharmonia Chorus und Orchestra hältst.
    Da ja jetzt auch die Live-Aufnahme von Tennstedt erschienen ist, bin ich gespannt auf den Vergleich.


    Viele Grüße


    Willi ?(

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Zum LvdE von 1970.
    Irgendwo hatte ich schon geschrieben (lt. Heyworth Live and Times) (Man muss ja heutzutage korrekt zitieren, sonst gewinnt man noch nen Adelstitel ^^ ), dass zum 85. von Klemp dieser das LvdE mit Janet Baker und Richard(?) Lewis und dem New Philharmonia aufgeführt hat.
    Der Eindruck soll überwältigend gewesen sein. Janet Baker mit dem Abschied ist ja immer etwas ganz besonderes gewesen. Nur hat die BBC anscheinend nicht mitgeschnitten.
    Egal, ich schicke Dir ne Mail wg. der 2. von 1971.


    Zur Aufnahme von 1961

    Hier als Doppellp, ein Kauf von 197x, meine erste Mahler LP, nachdem ich alle Sinfonien bereits auf Tonband mitgeschnitten hatte. Beim NDR III wurden damals alle 9-ne + LVdE und 10 Adagio gesendet.
    Sie ist insgesamt sicherlich die beste Mahler 2, die Klemp gemacht hat, auch wenn die von 1965 teilweise spannender, die 1951er (alle drei Wien Studio, Live und Amsterdam mit Kathleen Ferrier) wilder und exzentrischer sind. Aber sie ist ausgewogen und hat kaum Schwachstellen. Nicht umsonst ist sie also seit Erscheinen nie aus den Katalogen verschwunden. Sie ist eben ein historisch wichtiges Dokument.
    Heute würde ich sie immer noch empfehlen, auch wenn die Konkurrenz sehr groß geworden ist.
    Im Moment regiert bei mir William Steinberg immer da wo keine Solisten zu hören sind. Aber das geht wieder vorüber. Und dann grabe ich Klemp wieder aus.


    Zu Tennstedt mag ich mich nicht recht mehr äußern: Ich bitte nur einmal den Anfang der 2. zu vergleichen und zwar den Einstieg bis zur Wiederholung des Anfangsthemas. Ich meine, dass Tennstedt, der ja für den 1. Satz mehr als 25 Minuten braucht, hier bereits fast doppelt so lange braucht wie Klemp. Daher entsteht ein ganz anderer Eindruck, der sich übrigens durch die gesamte Sinfonie zieht. Und diese Lesart gefällt mir eben nicht.


    Gruß S.

  • Ein paar Bemerkungen zu Klemperer und seinen Tempi.
    Grob kann man seine Karriere nach dem 2. Weltkrieg in folgende Phasen einordnen und zu diesen passt auch sehr gut das jeweils eingeschlagene Tempo seiner Interpretationen. Die Grundhaltung der jeweiligen Interpretation hat sich kaum geändert. Beispiele dafür sind Mahler 2, die Eroica oder Mozart 29. Werke, die er immer wieder dirigiert hat.
    Wohlgemerkt, es gab in jeder Phase Ausnahmen, ich schildere nur einen Trend, den man auch nachrechnen kann.


    Phase 1: 1946 - 1951
    Es gibt zwar nur wenige Studio Dokumente, aber doch einige Liveaufnahmen.
    Alle zeugen davon, dass er rasend schnell unterwegs war. (Bruckner 4, Mozart aus Budapest, Fidelio aus Budapest, Beethoven 7 aus Amsterdam)
    Die Phase endete mit einem Unfall in Montreal: Hüftbruch und lange Krankheit.
    Psychisch wechselte er von manisch zu depressiv. (Er litt an sog. bipolaren Störungen)


    Phase 2 1954 - 1958
    Die erste Hochphase: Brahmszyklus, Beethovenzyklus, viele Konzerte, die alle Live dokumentiert sind.
    Durchweg zügige Tempi, wenn auch langsamer als Toscanini oder Karajan, aber viel schneller als Kna auch als Jochum.
    Die Phase endete damit, dass er sich Ende 1958 aus Versehen in Brand setzte und für ca. 1 Jahr ausfiel.
    Psychisch meist depressive Stimmungen.


    Phase 3 Ende 1959 - Ende 1962
    Etwas langsamer als Phase 2, aber deutlich schlechtere Qualität. In London war man sogar der Meinung, dass die Karriere zuende sei (Heyworth).
    Die Musiker meinten, er sei nicht mehr fähig, komplexere Rhythmen zu dirigieren.
    Auf Schallplatten war das zwar kaum spürbar (Legge war der Produzent), aber die Konzerte waren jedes mal ein Wechselbad. mal super, mal schlecht und unkonzentriert. Psychisch wieder eine manische Phase


    Phase 4 1963 - 1967
    Wieder in erheblich besserer Form, wenn auch deutlich langsamer als 1954 - 1957. Qualitativ wieder hervorragende Konzerte und Studioaufnahmen (Missa Solemnis, Lied von der Erde, Bruckner 6, Tschaikowsky 5, vieles von Mozart, Mahler 2 in München)
    Die Phase endete mit einem Unfall auf Grund eines Hüftbruches.


    Phase 5 1968 - 1971
    Erst hier wird er richtig schildkrötenhaft langsam. Konzerte unterschiedlichster Qualität ( Mahler 9 in Edinburgh: "A musical Non-Event"; Beethoven 3 in Bonn "No other conductor can rival today") und ebensolche Aufnahmen (1970: Figaros Hochzeit lt. HiFi Stereophonie (10,10, 10, 10) dagegen wurde Petruschka nicht mehr zu Lebzeiten veröffentlicht. Einiges hätte unterbleiben können. Bruckner 8 oder Mahler 7 und Beethoven 7)


    Diese letzte Spätphase, sie dauerte bis Ende September 1971 als er sich zurückzog, ist aber vielen in Erinnerung geblieben.
    Ursache dafür sind wohl auch die vielen Bilder, die dem 1970iger von der BBC gefilmten Beethoven Zyklus entnommen wurden.


    So, ich hoffe, damit etwas zur Einordnung des Themas "Klemp und Tempo" beigetragen zu haben.


    Gruß S.

  • Danke für die tolle Einteilung. Die würde ich, soweit ich Aufnahmen aus den jeweiligen Phasen kenne, auch größtenteils unterschreiben. Aus Phase 1 kenne ich die Budapester "Meistersinger" von 1949 (auf ungarisch!), aus den übrigen Phasen viel mehr. In der 2. Phase haben wir ja wunderbare Live-Dokumente von etwa Beethoven ("Eroica" 1954 und 1958 z. B.), die ich den eher sterilen Studio-Aufnahmen vorziehen würde. Auch in der Phase 3 hat er aber m. E. tolle Aufnahmen gemacht: Tschaikowsyks "Pathétique" 1961 etwa (gewiß, extrem speziell). In Phase 4 gibt's dann wirklich vieles, was man noch nennen müßte: den "Messias" von 1964 oder die h-Moll-Messe von 1967. In der letzten Phase unbedingt erwähnenswert: "Der fliegende Holländer" 1968, 1. Akt der "Walküre" 1969, Bruckners 5. 1968, der ganz späte Beethoven (1968-70), Mahlers 2. (1971, wieder sehr exzentrisch) usw. Epochenübergreifend der späte Haydn (1960-71).


    LG
    Joseph
    :hello:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Öha, ich bezog mich ja auf die schon sehr gute Studio-Aufnahme. Live gab es also auch was. Wow! Klingt spannend!

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Danke für den Link. Vielversprechend!


    Das bringt mich auf das Thema: Was sind denn die ganz späten Opernaufnahmen von Klemperer?


    Herausfinden konnte ich bisher "Le nozze di Figaro" (1970) und "Così fan tutte" (1971), womit die Da-Ponte-Opern vollendet wurden (nach der "Zauberflöte" von 1964 und dem "Don Giovanni" von 1966, die beide problemlos erhältlich sind im Gegensatz zu den erstgenannten).




    LG
    Joseph
    :hello:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

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