Tips für zeitgenössische französische Musik

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Nun, wichtig ist, dass man sich beschränkt, irgendeine Art von "Zustand" allmählich in einen anderen überzuführen - dabei wird sicher fleißig konstruiert, keine Ahnung, wie (ebenso wie ich nicht weiß, ob man jetzt einen konkret aufgenommenen Klang als Basis der Akkorde hat oder nicht).


    Der Aufsatz hat wohl nur den Zweck, denen, die wissen, worum es geht, auf die Schulter zu klopfen ...
    :rolleyes:


    Hallo KSM,
    den Eindruck hatte ich auch. Man liest und ist anschließend ungefähr so klug wie vorher. Zumindest mir geht das so...
    Herzlichst,
    Medard

  • Hallo Kurzstückmeiste und Klawirr,


    danke für den Link, aber wirklich weitergeholfen hat er mir leider nicht. Scheinbar ist es ein spektraler Text, denn die Definition erscheint mir doch auch sehr "wolkenförmig" und sehr wenig greifbar.


    Leider ist das mein Problem mit allen mir bekannten Erklärungsversuchen und komme irgendwie nicht weiter.


    Aussagen wie: "die Teiltöne beim Ein- oder Ausschwingvorgang, das sich ständig fortentwickelnde dynamische Profil der Klänge" oder "Sie kümmert sich nur noch um winzige Schwankungen, um Rauheiten, um Texturen" kann ich vielleicht ansatzweise aus meinen Hörerfahrungen nachvollziehen, aber das gilt doch auch für viele Komponisten, die man sonst nicht mit spektraler Musik in Verbindung bringt (Lachenmann z.B.)


    Wahrscheinlich verzehre ich mich selbst in der Hervorbringung von unadäquaten Erklärungen :pfeif:


    Nun denn, vielleicht kann ja Edwin noch etwas erhellendes beisteuern.


    Viele Grüße,


    Melanie

  • Liebe Mela,
    ich will's einmal versuchen.


    Spektrale Musik basiert ganz simpel auf den Obertönen eines bestimmten Tons, der für einen Abschnitt oder auch für das ganze Stück die Grundlage ist. D.h., die Harmonik basiert ausschließlich auf dem Teiltonspektrum.


    Nun wissen wir aber, daß nicht nur jeder Ton Obertöne hat, sondern daß diese auch bei jedem Instrument anders hervortreten, was zur spezifischen Farbe des Instruments führt. Was übrigens auch für Geräusche gilt.


    Der "spektrale Komponist" führt also z.B. ein normales C mit gleich starken Obertönen durch Verstärkung bzw. Abschwächung bestimmter Obertöne in den Klang einer Glocke auf C über, schaltet dann nach und nach Geräuschhaftes dazu, bis das Spektrum dem eines Wasserfalls entspricht und läßt dieses wieder in das C des Anfangs übergehen.


    Während die Harmonik also durch die Teiltonspektren geregelt ist und die Melodie, sofern sie stattfindet (es gibt spektrale Werke ohne herkömmliche Melodie!) in diese Spektren eingeschrieben ist, also aus Tönen der Spektren besteht, ist der Komponist rhythmisch ungebunden. Die meisten "spektralen Komponisten" denken sich für die Organisation von Rhythmus und Abschnittslängen mathematische Verfahren aus oder wenden vorhandene Zahlenreihen an. Beliebt sind dabei besonders die Fibonacci-Folge und der Goldene Schnitt.


    Der Sinn der spektralen Musik ist eine Neuordnung der Harmonik (in der Drittel-, Viertel- und Sechsteltöne vorkommen) auf einer Basis, die weder funktionstonal noch tonartenfrei ist. Der Klang wird dabei von einem Stadium in ein anderes übergeführt, die klangliche Veränderung tritt an die Stelle der motivischen Arbeit (zumindest in der "reinen Lehre" - aber auch Grisey schreibt den Spektren Melodien und Motive ein).


    Da die Basis der Klänge auf den Obertonspektren beruht und diese für das Ohr weitgehend konsonant klingen, hat man die Spektrale Musik auch als "Neue Konsonanz" bezeichnet. Ausgangspunkt der "spektralen Komponisten" ist übrigens Olivier Messiaen, zu dessen harmonischem Inventar die Färbung eines liegenden Tons durch das Zuschalten unterschiedlich dichter bzw. unterschiedlich resonierender Akkorde gehört, denen sehr oft auch eine geräuschkomponente (Triangel, Tamtam etc.) beigemischt wird.


    Ich hoffe, ich habe mich halbwegs klar ausgedrückt - wenn nicht, bin ich zu einem nächsten Versuch gerne bereit. :D


    :hello:

    ...

  • Hallo Edwin,


    vielen Dank für Deine Erklärung. Das ist tatsächlich die beste Erklärung, die ich bisher gelesen habe (ich liebe dieses Forum :) )


    Wenn ich richtig verstehe, ist der Grundbaustein einer spektralen Komposition (oder jedenfalls eines Teils) das Obertonspektrum eines bestimmten Klanges, während die übrigen Elemente eigentlich sehr frei behandelt werden können. Interessant, dass sich die Komponisten oft mathematische Modelle suchen, um Strukturen & Regeln zu definieren, wobei die Fibonacci-Reihe vielleicht nicht extrem originell ist... Erzwingt die extreme Freiheit die Kontrolle durch die "strenge" Mathematik?


    Nach der Erklärung hätte ich eigentlich befürchtet, dass die Musik sehr statisch klingt, was sie - jedenfalls bei den mir bekannten Beispielen - eigentlich nicht tut. Aber fließende Übergänge von einem "Klangzustand" in einen anderen beschreiben die Kompositionen auf der oben erwähnten Murail-Platte eigentlich ganz gut.


    Auch die Aussage zur "Neuen Konsonanz" deckt sich mit meinen Höreindrücken, in der Regel wirken die Stücke auch eher meditativ und klangschön. Bei Murails Stück "Le Lac" gibt es am Anfang eine Stelle, die klanglich sehr an Regentropfen auf einer Wasserfläche erinnert, möglicherweise hat er entsprechende Spektren als Material benutzt. Eigentlich assoziiere ich während des ganzen Stücks Schwarz-Weiss Fotos von Seelandschaften im Regen (OK, das liegt vermutlich am Cover-Foto...)


    Jetzt zurück zur Musik, mal sehen, ob sich mein Höreindruck nach dieser Erklärung ändert (das ich das Spektrum oder die Struktur bewusst höre, halte ich aber für ausgeschlossen).


    Vielen Dank noch mal für die Erklärung,


    Melanie

  • Liebe Melanie,
    danke für die Blumen. :O


    Mein Problem mit den spektralen Stücken ist, daß sie für mich relativ austauschbar sind. Hugues Dufourt und Tristan Murail klingen fabelhaft, und die Klangveränderung läßt sich schön mitvollziehen, aber mir erscheinen viele ihrer Werke einfach zu lang für die Substanz. Grisey geht wesentlich virtuoser zu Werk, scheint mir aber auch relativ eingeengt durch den kompositorischen Ansatz.


    Sehr interessant erscheint mir hingegen Dufourts bisher letzte Periode, vor allem "Lucifer d'après Pollock": Da schimmern die Spektren nur noch im Hintergrund durch, es gibt wieder klare melodische Linien und Harmonien, aber eben definiert durch einen spektralen Ausgangspunkt.


    :hello:

    ...

  • Hallo Edwin,


    dann werde ich wohl Dufourt auf meine Wunschliste aufnehmen müssen...


    Auf JPC finde ich aber nur diese Platte:



    Ist das aus der späten Periode?


    Viele Grüße,


    Melanie

  • Liebe Mela,
    nein, hier bekommst Du Dufourts spektrales Opus magnum.
    Ich rate Dir, auf http://wwww.amazon.fr nach dieser Aufnahme Ausschau zu halten:

    Da bekommst Du den "Lucifer", mit dem Dufourt am spannendsten in seine neue Richtung geht. Wobei ich nur anmerken möchte, daß auch "Les hivers" nicht übel ist... :D
    :hello:

    ...

  • In den vergangenen Tagen hatte ich bei einem Freund Gelegenheit, mehrere zeitgenössische Franzosen zu hören.


    Einmal Christian Clozier (*1945 in Compiegne) mit "Lettre a une Demoiselle" (in 3 Sätzen, 1969) und "Dichotomie" (1970). Der andere war Jacques Lejeune (*1940) mit "Petite Suite" (1970) und "D'une multitude en fete" (1969).


    Beide gehören - im Internet habe ich nicht sehr viel gefunden - zu den Vertretern der elektronischen Musik. Zumindest Clozier ist sehr aktiv in diesem Bereich, auch als Organisator von Musikfestivals.


    Auf http://www.electrocd.com sind von Lejeune etliche Alben zu kaufen. Von Clozier habe ich keine CD gefunden.


    Inwieweit die Stücke für das Schaffen der zwei repräsentativ sind, vermag ich nicht zu sagen. Auf der LP-Hülle waren die beiden Werke von Lejeune allerdings als oeuvres principales gelistet.


    Sie bestehen jedenfalls aus zusammengefügten Klang-, Stimm- und Geräuschfetzen. Die LP-Hülle enthielt in franz Sprache zwar Erläuterungen für alle Stücke, aber ich hatte (trotz meiner eingeschränkten Französischkenntnisse) nicht den Eindruck, daß diese wirklich zwingend sind. Warum man zB mit den "Lettres" einen alten vergilbten Briefbogen assoziieren soll, erschließt sich mir nicht. Ebensogut könnte man das Stück auch mit jedem beliebigen anderen Begriff in Verbindung bringen.


    Ohne die beiden in Bausch und Bogen disqualifizieren zu wollen, empfinde ich ihre Aneinanderreihung diverser Klangfetzen als recht langweilig und ermüdend. Nach einmaligem Hören ist die Luft raus, von künstlerischer Substanz spüre ich wenig. War das nicht auch der Vorwurf von Boulez an die eletrktronische Musik?

  • Ähnlich entäuschend wie das eben geschilderte Hörerlebnis verlief der Kontakt mit Francois Bayles "Erosphere", gehört von LP.


    Mich eriinnerte das an die Musik in frühen SF-Fernsehserien oder aus einem schlechten Jess Franco - Film (Halt, "schlechter Film" und "Jess Franco" sind synonym :D ), etwas psychedelisch angehaucht, blubbernd und wabernd, aber letztlich substanzlos und langweilig.


    Nur für Hardcore-Fans elektronischer Musik...

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister


    Ich arbeite dran ...


    Viel Vergnügen... :hello:


    Ich werde diese Richtung jedenfalls nicht mehr verfolgen, dazu ist mir meine Zeit zu schade.


    Als ähnlich langweilig empfand ich Claude Baliffs "Un coup de des" und Pierre Henrys "Orphee".


    Bei Grisey und Murail höre ich derzeit noch, das klingt alles wesentlich spannender. Im Vivier-Thread werde ich bald meinen Höreindruck von "Cinq chansons pour percussions" schildern. Was für tolle Musik!

  • Hallo,
    naja, alle paar Jahre höre ich mal kurz rein bei ihm ...


    Pierre Henry ist aber nun schon ein anderer Fall, dem und seiner Türe stehe ich weniger gleichgültig gegenüber. Außerdem ist sein geistiger Papa Pierre Schaeffer als Geburtshelfer auch nicht zu verachten. Aber da ist es schon wieder so historisch, dass ich nicht von "zeitgenössischer Musik" mehr sprechen würde, sondern von Hauptvertretern einer wichtigen Strömung der Mitte des vergangenen Jahrhunderts.


    Die Spektralisten brauchen auch dringend einen Thread ...
    :hello:

  • Ich beginne mich gerade ein bischen in Gérard Grisey einzuhören.


    Das war nichts für mich:



    "Le Noir de l´Etoile" - halt so Getrommel, eher gleichbleibend und mit vielen, mir zu vielen Pausen. Im Textheft steht was Pulsaren, Kosmologie, Sphärenharmonie á la Pythagoras und Kepler, Schamanismus..... - na, so was hätte ich fast vermutet. Der Text würde auch zu einer dieser Anzeigen, wie es sie früher auf der Wiesenseite der taz gab, passen: "Trommeln und Schamanenmäntel Nähen in der Toskana!" :D


    Dann habe ich den 1974-85 entstandenen Zyklus Les Espaces Acoustiques in folgender Aufnahme, die mir sehr gut erscheint, gehört:



    Das erste Stück, Prologue (1976) für Solo Viola bleibt für mich auch nach wiederholtem Hören langweilig, Périodes (1974) für 7 Instrumentalisten ist aber dann schon viel interessanter. Es wird spannend zu hören, welche Mischklänge entstehen und wie diese ineinander übergehen. Die weiteren 4 Stücke des Zyklus, in zunehemnd größerer Besetzung, wurden dann für mich immer interessanter. In Partiels (1975) gefallen mir besonders die Übergänge zwischen grollender Posaune, Hörnern und Kontrabass (ziemlich in der Mitte). In Modulations (1976/77) entsteht der Eindruck eines beständigen Fließens, wobei ständig Spannung aufgebaut und wieder zurückgenommen wird, Klangfarben sich verschieben und erweitern und von Homophonie zu Heterophonie von Klangblöcken und zurüch gewechselt wird. Was ich darüber nachlesen kann, klingt nach superkomplexen Kompositionsverfahren, aber das Ergebnis ist für mich sehr gut und spannend zu hören. Dies gilt auch für die letzten beiden Stücke des Zyklus: Transitoires (1980/81) für großes Orchester ist von der Klangentwicklung vielleicht durch die große Form noch interessanter. Faszinierend, wie sich aus der komplexen Klangentwicklung am Ende eine sehr einfache Wiegenliedmelodie herausschält, die Prologue vom Anfang wieder aufgreift, zuletzt auch wieder mit Solo- Viola. Im Epilogue (1985) schließen 4 Hörner in geradezu traditioneller Solistenrolle diekt ebenfalls an den Anfang des Zyklus an. Das große Orchester spielt flirrende, sich viel schneller als im Rest des Zyklus verändernde Klangflächen dazu, unterbrochen vom Schlagzeug und teilweise begleitet von den Kontrabässen. Es passiert noch mal richtig heftig was. :D


    Ab dem zweiten Stück gefällt mir dieser Zyklus richtig gut. Ich schließe vorläufig für mich daraus, bei Grisey gilt: Je größer die Besetzung, desto besser! In diesem Sinne habe ich Lust bekommen, Grisey weiterzuverfolgen und bin natürlich für Anregungen dankbar.


    :hello: Matthias

  • Zitat

    Original von Matthias Oberg
    Ich schließe vorläufig für mich daraus, bei Grisey gilt: Je größer die Besetzung, desto besser!


    Das könnte ja mit dem Spektren-Konzept zusammenhängen. Um ein "künstliches" Spektrum aufzubauen, braucht man viele Instrumente (sofern es keine Akkordinstrumente sind).

  • Hallo KSM,


    bin ich ja froh, von dir zu hören. Dann ist meine rein für mich persönlich gezogene, weitgehend noch bloß auf dem Höreindruck beruhende Schlußfolgerung, vielleicht gar nicht so blöd.


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    Hallo Edwin,


    deine Erklärung weiter oben, was Spektralismus ist, fand ich übrigens das klarste, nachvollziebarste, was ich bislang dazu gefunden habe. :jubel:


    :hello: Matthias

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Da gibt es doch noch so einen Franzosen mit elektronischer Vergangenheit, teilweise der musique concrete nahestehend.
    Auch er scheint bis in die Gegenwart beachtet zu werden.
    Leider habe ich noch nichts von ihm gehört.
    Kennt ihn jemand?


    Von Ballif, Ferrari und Boucourechliev ist jedenfalls einiges auf CD verfügbar, während ich Amy, Eloy und Mache umsonst gesucht habe.


    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Von Boucourechliev kenne ich nur nicht-elektronische Musik - ziemlich interessant, oft mit nicht-synchronisierten Schichten gearbeitet. Der Nachteil ist, daß mitunter das Material nicht prägnant genug ist, um die Schichten hörbar werden zu lassen, was mitunter in einen Klangbrei mündet - aber bei Live-Aufführungen wäre das sicher durchhörbarer als auf Platte oder CD.


    Dieses Forum!! :no: Da möchte man auf einen interessanten Komponisten aufmerksam machen, einen neuen thread eröffnen und gibt sicherheitshalber in der Suchmaske den entsprechenden Namen ein: und siehe da - es kommen einem dieser Kurzstückmeister und ein gewisser Baumgartner zuvor - fast 3 Jahre!! :no:


    Dafür möchte auf die sehr ansprechend gemachte Homepage des Komponisten hinweisen, die einen Werke des Komponisten spielerisch entdecken lässt. Fährt man mit dem Mauszeiger über die Kategorien der Seite (Bibliography, Diskography etc.) erklingen Ausschnitte unterschiedlicher Werke, die ich als hochspannend empfinde. :yes:


    "http://www.boucourechliev.com/flash_eng/" - kann ich nur empfehlen!!


    Dann möchte ich auf eine CD hinweisen, die sehr gute Kritiken erhielt:



    Mit auf der CD enthalten ist der Archipel II - der zweite Teil einer Folge von fünf Instrumentalwerken für unterschiedliche Besetzung - die Komposition mit der sich B. einen Namen machen konnte.


    Bouchourechliev erklärt zu seiner Komposition, daß die ausführenden Schiffsleute, wenn sie der Karte der "offenen Formen" folgen, bei jeder Ausführung neue Durchfahrten zwischen den Inseln und unerwartete Buchten und Vorgebirge entdecken werden.


    :hello:
    Wulf