Joly Braga Santos, der Sinfoniker aus Portugal

  • Hallo Musikfreunde,
    heute wäre es vermessen "Braga Santos-Freunde" zu schreiben, denn den kennt keiner !?!


    Eine Sinfonie aus Portugal ?
    Wer soll die den geschrieben haben ?
    (Da denkt man doch eher an Algarve und Urlaubsbuchung.)


    Es ist Joly Braga Santos (1924-1988..), der mit seinen 6 Sinfonien zu den bedeutensten Sinfonikern Portougals gehört. Ein Land, das im sinfonischen Schaffen im 18. und 19.Jhd unbedeutend war.
    Er war Dirigierschüler von Herrmann Scherchen.


    Ich habe die Sinfonien Nr. 1 (1946), Nr.4 (1950) und Nr.5 (1965/6) und die Sinfonischen Variationen (1951) auf
    dem Label MARCO POLO vorliegen und stelle fest, das da ein Komponist des 20.Jahrhunderts schlummert, der gehört werden muß.



    MARCO POLO, 1997, DDD



    MARCO POLO, 2001, DDD


    Braga Santos bewegt sich weitgehend in tonalem Rahmen in sehr spätromantischer Prägung. Für seine Zeit ist er freilich ein "unzeitgemäßer Zeitgenosse", der sich nicht an Nono, Boulez, Berio, Stockhausen und ähnlichen "Kaoten" orientiert - wie wohltuend !


    Die Sinfonie Nr.1 ist dreisätzig und zeigt den zeigt den 22jähigen Komponisten mit einer bereits reifen und hörenswerten mannhaft starken Sinfonie.


    Die Sinfonie Nr.4 ist viersätzig und hat nicht nur durch ihre Länge von 53Minuten brucknersches Format.


    Seine Vorliebe für die Verwendung von reichhaltigem Schlagzeug zeigt sich in allen Sinfonien, ist aber besonders in seiner Sinfonie Nr.5 sehr ausgeprägt.
    :yes: Salopp gesagt: "Der Junge hats voll drauf !"
    Die Sinfonie Nr.5 ist die von den bisher gehörten am modernsten wirkende. Hier öffnet sich Braga Santos den europäischen Strömungen der Moderne mehr. Sie hat den Untertitel Virtus Lusitaniae (Tugned/Kraft Portugals).
    Braga Santos scheint seinen Stil gefunden zu haben. Dieses Werk wurde vom internationalen Musikrat der UNESCO ausgezeichnet.
    Mit unbändiger Kraft, die den Hörer fesselt, gestaltet er die 4 Sätze (31Minuten Spieldauer)
    1. Largamente
    2. Moderato
    3. Largo
    4. Alegro energico e appassionato



    Um mehr über Braga Santos zu schreiben, muß und werde ich mich noch näher mit diesen und weiteren lohnenden Werken von ihm beschäftigen.
    :angel: Ich fand meinen Erstkontakt mit Joly Braga Santos aber so eindrucksvoll, dass ich hier bei TAMINO diesen unbekannten Komonisten nicht länger ohne Thread Leben lassen wollte.


    :hello: Ich hoffe aber auch auf Taminos, die Braga Santos kennen und sich hier einbringen werden.

  • Tja, zu so einem weltbekannten Komponisten kann ich doch auch mal was beitragen! :D


    Ich kenne von Braga Santos nur ein einziges Stück, nämlich sein Streichquartett Nr. 2 in a-moll von 1956, das man auf dieser CD hören kann:



    Ein sehr reizvolles Stück, das sich leicht erschließt. Stilistisch schien es mich beim ersten Hören ständig an etwas bekanntes zu erinnern, ich konnte aber den Finger nicht so recht darauf legen, was es war. Möglicherweise ein bisschen wie Vaughan Williams oder Walton? Insgesamt macht die Musik auf mich wirklich eher einen keltischen Eindruck als einen portugiesischen (auch wenn ich von portugiesischer Musik eigentlich gar keine so klare Vorstellung habe).


    Jedenfalls wird das Quartett vom Eosander-Quartett, das sich aus Mitgliedern des Orchesters der Deutschen Oper Berlin zusammensetzt, sehr klangschön und mitreissend dargeboten.

  • Hallo Wolfgang,


    auch ich bin von den Symphonien Braga Santos' in den von Dir genannten Marco Polo-Einspielungen, die ich vor einigen Jahren durch einen guten Freund kennenlernte, stark begeistert. Und zwar ebenfalls am meisten von der V.


    Die ersten vier, in rascher Folge komponierten Symphonien (I. D-dur 1946; II. h-moll 1948; III. c-moll 1949; IV. e-moll 1950) bewegen sich - wie Du ganz richtig herausgestellt hast - in gänzlich tonalem Rahmen. Hier ist der in Lissabon geborene Braga Santos noch vollends geprägt vom spätromantischen Erbe seines Mentors Luis de Freitas Branco (1890-1955).


    Den Höhepunkt dieser frühen Phase stellt die IV. Symphonie in e-moll dar, die sich dem Hörer in ihrer klaren Gestaltung, ihrer unbeschwerten Stimmung und emotionalen Unmittelbarkeit sehr leicht erschließt. Auf einen von sonnigem Gemüt geprägten 1. Satz folgt im 2. (Andante) ein Trauermarsch mit einer Ostinato-Melodie von ergreifender Schönheit, dann ein eindeutig von Sibelius beeinflußtes Scherzo (Allegro tranquillo), um sich im letzten Satz (Lento) in einer erhabenen und zu Herzen gehenden Hymne (mit Ohrwurmqualitäten) allmählich zu einem wahrlich bewegenden Finale zu steigern.


    Mit der etwa 15 Jahre später entstandenen Symphonie Nr. 5 (1965/66) hat sich Braga Santos' Stil grundlegend verändert. Das iberische Kolorit ist einem geradezu Mahlerschen Fatalismus und die spätromantische Klangfülle einer von vitaler Rhythmik und Motorik (eines Strawinsky oder Prokofiew) geprägten dissonanteren, in manchen Teilen außerordentlich schroffen Klangsprache gewichen.


    Besonders faszinierend, wie der Komponist im 2. Satz 'Zavala: Moderato' mithilfe von 2 Vibraphonen, 2 Harfen, Cembalo und Klavier sowie den immer wieder bedrohlich einfallenden Blechbläsern ganz neue Klangfarben von hypnotisierender Wirkung zaubert.
    Der durch ein reiches Schlagzeuginstrumentarium (Pauken, kleine und große Trommel, Glocken, Gong, Peitsche usw.), seine wilde Rhythmik sowie gewaltige klangliche Steigerungen geprägte letzte Satz 'Allegro enérgico ed appassionato' ist zweifellos der fesselndste der Symphonie. An einer Stelle jedoch bricht der Rhythmus unvermittelt ab und verklingt in einem geheimnisvollen Cluster, und ganz allmählich entwickelt sich aus einer sehnsuchtsvollen Melodie von zunächst einer Violine, dann jedoch des gesamten Streicherensembles ein Sog, der sich stetig intensiviert. Schließlich wird das ganze Orchester in einer immer lichter werdenden Steigerung zu einem verblüffenden triumphalen Höhepunkt in F-dur geführt.


    Eine noch weiter in Richtung Moderne vorangeschrittene Klangsprache erreicht Braga Santos schließlich in der letzten - seiner Symphonie Nr. 6 von 1972. Geprägt ist diese von noch knapperen Formen (sechs dicht komponierte und ineinander übergehende Sätze mit einer Gesamtlänge von nur 26 Minuten), einer herberen Harmonik (Atonalität) und kargeren Orchestrierung als in der vorangegangenen V. In den beiden letzten Sätzen tritt noch ein gemischter Chor und ein Solosopran hinzu, in denen Braga Santos - nun in tonale Gefilde zurückgekehrt - einen Text des portugiesischen Nationaldichters Luís Vaz de Camões aus dem 16. Jahrhundert vertont.


    Schöne Grüße
    Johannes

  • Mahlzeit allerseits.


    Ich habe mir gestern anlässlich dieses Threads ein paar Symphonien von Braga Santos angehört, und potz blitz, ich war beeindruckt. Gut, die Dritte hatte ich schon in guter Erinnerung, aber die Zweite hat mich dann doch überrascht - was für eine kraftvolle, romantische, melodische Musik, in den langsam Sätzen auch nachdenklich. Den sollte ich mir vielleicht doch noch öfters anhören.


    Jedenfalls habe ich mir gestern die Vierte gleich noch bestellt, dann habe ich seine Symphonien komplett :D


    rolo :hello:

    Schenke deinen Mitmenschen ein Lächeln, und du bekommst ein Lächeln zurück.
    The Smiler

  • Hallo,
    dies sind meine Eindrücke zu seiner Sinfonie Nr. 2 und was ich in/an ihr interessant finde.


    1. Satz: Wie vorsichtig tastend, noch ohne Thema, sind Bläser zu hören. Dann entwickelt sich - unter den dynamisch wachsenden Bläsern, mit einem machtvollen Thema, das doch auf den Tastversuchen fußt - ein rhythmisches Ostinato, anfangs nur in den Streichern; es folgen Pauke und Trommel, die dann zeitweise die Streicher ablösen. Und zwischen den Bläsern/Thema und dem Rhythmusostinato bewegt sich der Rest des Orchesters, anfangs wie orientierungslos, aber dann das Rhythmusostinato mit zusätzlichen, aber eingebundenen Impulsen verstärkend. Es folgend lyrische Episoden, aber fast stets in Hintergrund, zeitweise wie versteckt, das Ostinato, das sich aus einer inzwischen vereinfachten Form wieder zu seiner Ursprungsform steigert. Der 1. Satz endet mit einer teilweisen und dabei variierten Wiederholung des Anfangs.


    2. Satz: Die Flöte – dann auch die Oboe - tragen, dynamisch sehr zurückhaltend, ein sehr verträumtes, lyrisches Thema vor, vom Orchester akkordisch begleitet. Das volle Orchester wiederholt dies. Mit der Klarinette kommt die träumerische Wiederholung des Beginns und dann hat die Pauke das vereinfachte Rhythmusostinato des 1. Satzes. Aus dem verträumten Thema ist inzwischen, durch die ansteigende Dynamik und große Orchestrierung, eine melancholisch-bedrückte Stimmung in kräftigen Orchesterfarben entstanden. Mit dem Wegfall des Ostinatos kehrt die melancholische Stimmung zurück, dem ein sehr markanter Bläsersatz des Themas folgt als Einleitung zum großen Orchestersatz, was sich wiederholt und auch das Blech - tief und hoch – trägt das Thema vor. Der Satz endet in einem sich verlierenden ppp-Klang – sehr verträumt melancholisch.


    3. Satz: Die Oboe trägt ein sehr bewegtes tänzerisches Thema vor, eine Variation des Themas aus dem 1. Satz, auch hier ein Rhythmusostinato (als Variante aus Satz 1) in unterschiedlicher Besetzung und Klangfarben. Dies zusammen erzeugt einen heiteren, fröhlichen (Piccoloflöte) kurz auch mächtigen Klang, der auch länger anhält und immer wieder von kurzen lyrischen Episoden (meist ohne Übergang) unterbrochen wird – das Ostinato bekommt immer wieder einen „tonangebenden“ Anteil.


    4. Satz: Der Beginn ist vom Charakter her identisch mit dem Beginn des 1. Satzes, nur sind es diesmal die Streicher, das Holz schließt sich an und übernimmt die melancholische Stimmung des 2. Satzes. Eine ostinatoähnliche Phrase des Bleches leitet zu einem großen Orchesterpart über, auch die Rhythmusostinati kehren wieder. Die Verarbeitungen und Variationen des Themas incl. der Stimmungen und Klangcharaktere wechseln nun in sehr rascher Folge, sodass für mich ein leicht zerrissener Eindruck entsteht, dabei aber mit einer äußerst abwechslungsreichen Orchestrierung und großer Dynamikbreite. Die Pauke hat das vereinfachte Ostinato zu einem sich mächtig steigernden Orchesterschluss.


    Es hat etwas gedauert, bis ich das Werk mit Freude gehört habe. (1874)


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Die Symphonien von Braga Santos haben mich vor einigen Jahren auch angesprochen, zumindest die ersten vier, die noch weitgehend tonal sind. Ich muss sie mal wieder hervorholen.



  • Hallo,


    die Nr. 1 auf dieser CD sind "Symphonische Variationen über ein Volkslied aus dem Alentejo". Ich bin mir relativ sicher, dieses markante Thema nicht aus einem Volkslied zu kennen - aber wo? Bitte, kann mir Jemand helfen. Danke im Voraus


    Viele Grüße
    zweiterbass




    https://www.youtube.com/watch?v=_PTc-tcEwMQ
    Auf diesem YouTube-Link sind sie zu hören - es ist ein Ausschnitt aus obiger CD.

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Hallo,


    auf der in Beitrag Nr. 5 vorgestellten CD gib es noch eine 5-sätzige Ballettmusik – „Encruzilhada/Crossroads“.


    Für alle fünf Tanzsätze war es Braga Santos wichtig, dass nach ihren Rhythmen getanzt werden kann, es liegen ihnen also portugiesische Volkstänze zugrunde; aber nicht in der ursprünglichen Harmonik (die ist nur teilweise zu hören), sondern es geht polytonal zu, d. h. die ursprüngliche Harmonik wird durch leiterfremde Akkorde verändert. Dadurch entstehen Klangformationen, die zwar gewöhnungsbedürftig sind (für Volkstänze!), aber anregend wirken.


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Hallo,


    zu der in Beitrag Nr. 7 vorgestellten CD nun noch zur Sinfonie Nr. 4 von Braga Santos (Track 2-5)


    1. Satz Lento
    Über einem tiefen Orchesterostinato in pp bringt das Englischhorn wie in einer Vorbereitung das Thema, das Orchester steigt in höhere Lagen, die Dynamik steigert sich und erst bei 1:17 erklingt das Thema in ff im Blech mit vollem Orchester – das hat fanfarenähnliche Wirkung und ebbt ganz allmählich ab. Das Thema wird variiert, sehr piano mit Harfeneinsatz, steigert sich dann wieder, anfangs mit pastoralem Klangcharakter, wird dann rhythmisch abgewandelt und das Blech bringt zum Rhythmus die Klangpracht in f. Dieser laufende Wechsel in Orchestrierung, Harmonik, Klangausdruck, Dramatik, Rhythmus und Dynamik bestimmt den 1. Satz. Bei 10:20 erneut in ff das Thema, was dann unter Augmentation (Notenwerte verdoppelt) zu einem sehr prachtvollen Schluss führt.


    2. Satz Andante
    Über einem Orchesterostinato wird aus dem Thema des 1. Satzes das Thema des 2. Satzes entwickelt, anfangs vom Fagott und Klarinette dann vom gesamten Holz vorgetragen. Ab 5:10 starke Rhythmisierung des Themas, bei anziehendem Tempo und dramatischer Klangentfaltung. Bei der weiteren Themaverarbeitung sehr getragen. Bei 9:10 wird die starke Rhythmisierung vorbereitet, was sich dann bei 10:00 vollendet. Der Satz endet mit dem schweren Rhythmus in p.


    3. Scherzo
    Auch das Scherzo beginnt mit der gleichen Struktur wie die Sätze 1 und 2 – incl. der Themaentwicklung aus dem Thema des 1. Satzes. Ein tänzerisch leichter Mittelteil, wobei die Harfe und die Flöte großen Anteil daran haben und die Trompeten die Dynamik „anheizen“. Der Satz endet in ff mit einem sehr überraschenden Schlussakkord.


    4. Lento -- Allegro con brio -- Epilogo : Largamente maestoso, ma non troppo lento
    Ein weihevoller ruhiger Beginn mit Harfenklängen und schwerem Rhythmus, der sich behutsam steigert zum – Allegro con brio in ff, freudigem Dur, überzeugenden Bläserpassgen und sehr festlich rhythmisch betont, die Harmonik mit überraschenden Wendungen gibt ihr Teil dazu. Die Wiederholungen ab 7:45/9:05/10:00 überschäumen vor nicht enden wollender Freude in glanzvoller Orchestrierung und hinreißend, taktwechselndem Rhythmus (ein musikalisches Freudenfest habe ich so noch nicht gehört, es ist eine wahre Freudenorgie). Epilogo: Alle Themen, die aus dem Thema des 1. Satzes abgeleitet sind, erklingen wie in einem festlich-weihevollen, harmonischen Reigen, nur der Rhythmus ist kein „con brio“, das verleiht der Musik m. E. zum Ende etwas pompöses (ich fände das Allegro con brio ab 7:45 als Satzende passender, es gäbe damit aber wohl strukturelle Probleme).


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Die 4. Symphonie scheint ja das Opus magnum von Braga Santos zu sein. Mir gefällt die Symphonie von 1950 sehr, sehr gut. Sie wirkt fast so, als käme sie ein halbes Jahrhundert zu spät, erinnert eher an den Anfang des 20. Jahrhunderts (für mich ein Vorteil). Ich stellte Anklänge an Sibelius fest, ohne dass es wie eine bloße Kopie wirkt. Vielmehr scheint mir durchaus auch portugiesisches Flair vorhanden zu sein.


    Es gibt neben der bereits mehrfach genannten Einspielung von Álvaro Cassuto für Marco Polo aus dem Jahre 2001 noch eine andere:


    [timg]http://ecx.images-amazon.com/i…41hfp4j-6hL.jpg;n;300;300[/timg]


    Philharmonischer Chor "George Enescu"
    Rumänisches Rundfunk-Sinfonieorchester
    Silva Pereira
    Aufnahme: Studio des Rumänischen Rundfunks, Bukarest, November 1978


    Spielzeiten (in Klammern die bei Cassuto):


    I. 13:16 (13:41)
    II. 11:45 (12:15)
    III. 6:02 (11:00)
    IV. 16:13 (16:09)


    Die Spieldauer ist überall außer im Scherzo sehr ähnlich, was mich zu dem Schluss veranlasst, dass Peirera eine Wiederholung ausließ.


    Auch wenn man meinen könnte, durch die Neuaufnahme sei diese obsolet geworden, bietet sie eindeutig einen Vorteil gegenüber der neueren: Die Hymne in der Coda des Finalsatzes wird tatsächlich von einem Chor gesungen! Cassuta sprach sich, anders als Pereira, gegen die Chorversion aus, obwohl Braga Santos diese absegnete (die Aufnahme entstand ja auch noch zu seinen eigenen Lebzeiten). Ich finde, man sollte durchaus auch die Chorfassung gehört haben. Die interpretatorische Qualität ist hervorragend (das Orchester geht bis an seine Grenzen), die Tonqualität angesichts des Alters gut (an leisen Stellen etwas verzerrt).


    Hier noch der Text der "Hymne an die Jugend" auf Portugiesisch:


    Hino à Juventude


    Juventude, pura juventude,
    A Manhã, o Amor,
    Tão do fundo Pátria vertical
    A crescer em esplendor.


    Levemente num caminho novo
    Onde o cântico é dom,
    Poderoso dom de ser-se leve,
    Alva flor de som.


    Juventude pássaros no sangue,
    Ó incêndios de luz!
    P'la distância inda mais além
    Que à distância conduz.


    Labaredas no Destino onde
    Jovens ó por Amar!
    Destruindo o barro que vos esconde
    Com um só vosso olhar.


    Amor, ó Dom,
    Indestrutível Dom, mais além,
    Oh, no escaço Amar!


    — Text: Artur de Vasconcelos Sobral

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Epilogo: Alle Themen, die aus dem Thema des 1. Satzes abgeleitet sind, erklingen wie in einem festlich-weihevollen, harmonischen Reigen, nur der Rhythmus ist kein „con brio“, das verleiht der Musik m. E. zum Ende etwas pompöses (ich fände das Allegro con brio ab 7:45 als Satzende passender, es gäbe damit aber wohl strukturelle Probleme).


    Auch wenn man meinen könnte, durch die Neuaufnahme sei diese obsolet geworden, bietet sie eindeutig einen Vorteil gegenüber der neueren: Die Hymne in der Coda des Finalsatzes wird tatsächlich von einem Chor gesungen! Cassuto sprach sich, anders als Pereira, gegen die Chorversion aus, obwohl Braga Santos diese absegnete


    Hallo Josef,


    heute habe ich mir die fabelhafte Sinfonie Nr.4 erneut angehört.
    Im Finale - im Epilog-Teil habe ich mir mal vorgestellt, wenn dort (wie auch möglich vorgesehen) ein Chor vorhanden wäre ! Zweiterbass meint ja (gem.Zitat), dass ihm der Finalschluss sehr pompös vorkommt; das ist richtig - und dass er sich den Allegro-Teil als Finale alleine vorstellen könnte. Aber (keine Frage), mir kommt die chorfreie Version von Cassuto sehr entgegen. Warscheinlich würde dieser mich sogar deutlich stören !
    Ich empfinde das Gegebene einfach als eine herroische Verlängerung des Satzes - portugisischer Nationalstolz wird zelebriert ... muss auch sein - ;) auch ohne Chor !

  • Natürlich ist auch die reine Instrumentalversion des Finales der 4. Symphonie schon höchst beeindruckend.


    Die Chorfassung ist auch bei YouTube zu finden:



    Für einen ersten Eindruck wohl durchaus hilfreich.


    Mein Empfinden ist, dass diese Coda wie eine Apotheose auf die portugiesische Geschichte ist, die ja durchaus einige Höhepunkte aufzuweisen hat und ein weltumspannendes Imperium umfasste.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Sinfonien Nr.3 (1949) und Nr.6 (1972)

    Joly Braga Santos gehört zu den in unseren Breiten sehr vernachlässigten und unterschätzten Komponisten des 20.Jhd. Dabei hat er diese geringe Beachtung wirklich nicht verdient.

    Ich selber habe nun nach vielen Jahren diese Woche jetzt erst die Serie seiner 6 Sinfonien (die von 1946 bis 1972 entstanden) mit der abgebildeten MarcoPolo-CD komplett gemacht ... und bin erneut sehr positiv begeistert - von den mir bisher noch unbekannten Sinfonie Nr. 3 und 6.


    Braga Santos bleibt in seinen Sinfonien auf tonalem Boden und schert sich nicht darum, was in seinem Umfeld in Europa in Richtung Avantgarde abgeht. Das Ergebnis sind wohlkliongende moderne Sinfonien mit Spannung und Gehalt.

    Die Sinfonie Nr.3 hat 4 klassische Sätze mit einer Spieldauer von rund 39Minuten:

    1. Lento-Allegro moderato

    2. Lento (= ein sehr gefühlvolles Adagio)

    3. Tempo diScherzo ma non troppo vivace

    4. Adagio - Allegro


    Erst in der Sinfonie Nr.6 (1972) schlägt er "zeitgemässe" Töne an, die auch atonale Einsprengsel vorsehen, aber dann letztendlich doch den tonalen Boden im Hintergrund behalten um echte Gefühle in Klang zu setzen / setzen zu können !

    Die Sinfonie Nr.6 ist (vergleichbar mit Sibelius Sinfonie Nr.7) einsätzig (mit Untergliederungen in 6Teile) gehalten und sieht am Ende noch eineChor mit Sopran-Solo vorsieht.

    Die Kritiken zu der CD gehen deutlich in Richtung Bevorzugung der Sinfonie Nr.3. Ich finde die moderne Tonspache der Sinfonie Nr.6 aber sehr spannend und den kurzweiligen Aufbau angemessen, sodass ich diese Sechste als nicht minder schätzenswert empfinde. 8) Zudem wartet Braga Santos hier mit saftigen Pauken undatmosphärischen Orchesterfarben auf !


    Marco Polo, 1997, DDD


    Das Portugese SO unter dem bewährten Braga-Santos-Spezialisten Alvaro Cassuto geben ihr Bestes mit Nationalbewustsein und geben den Anlass hier ein Spitzenorchester zu vernehmen. Diese Sinfonien _ GA unter Cassuto wurde mit 3 unterschiedlichen Orchestern geamacht: die anderen sind das Bournemouth PO und das National SO of Ireland.

  • Klavierkonzert op.52 (1973) / Variationen für Orchester (1976) und Sinfonische Ouvertüren Nr.1 - 3 (1946/1947/1954)


    Meine persönliche Erweiterung des Braga-Santos-Repertoires kann mit zwei ausgezeichneten NAXOS-CD`s des Braga-Santos-Spezialisten und portugisischen Landmannes Alvaro Cassuto weiter gehen.

    *** Es wird sehr lohnendes neues Orchestermaterial geboten, was bisher unbekannt blieb !


    Seit wenigen Monaten steht eine neue NAXOS-CD mit dem Klavierkonzert (1973) und weiteren hochinteressanten Orchesterwerken von Joly Braga Santos zur Verfügung. Zuerst ab es bei NAXOS, die vom Label MarcoPolo übernommenen Aufnahmen der Sinfonien, die mich schon einmal voll für den Komponisten eingenommen haben.

    Auf der CD mit dem Ballett Alfama (1956) finden sich auch die fantastischen Variationen für Orchester (1976).

    Dieser ansonsten eher spätromantische, aber hier beim Klavierkonzert und der Variationen weit modernere späte Braga Santos, steht vom Stil her zwischen Prokofieff und Bartok. Mit Bartok hat er gemein, dass er in seinen Werken folkloristische Elemente einbringt.


    :love: Die Variationen (1976) und das Klavierkonzert (1973) sind für mich Neuentdeckungen, die viele Neuentdeckungen der letzten Jahre an Hörspass und Qualität deutlich übertreffen.

    In den moderenen Variationen bedient sich Braga Santos einem Spektrum von Klangfarben, die er offenbar bei seinem Studien-Aufenthalt in Darmstadt in den 70ern "mitgebracht" hat. Ein Kurzwerk von knapp 13 Minuten, das mich als Hörer "vom Hocker haut". Von packender Dramatik über fabelhaft instrumentierten Klangballungen ist alles dabei --- so etwas nenne ich >>Meisterwerk<< !

    Ebenso das kurzweilige Klavierkonzert, mit den 3 Sätzen (Allegro vivace - Largo - Allegro moderato), das in seiner modernen aber tonalen Tonsprache ebenso überzeugt und auf den Spielplänen der Konzertsääle deutlich fehlt !


    Das Alfama -Ballett (1956) wurde vom Dirigenten Cassuto für diese Aufnahme selber arrangiert. Es ist sehr nette tänzerisch rhythmische Musik, die mir aber schon zu "schön" ist ... eben nette Tanzmusik, die ich mir als Ballett auf einem portugisischen Dorfplatz vorstellen könnte.

    Dafür überzeugen die 3 Sinfonischen Ouvertüren (hier zeigt sich Braga Santos in seinem spätromantischen Stil, den man schon von den Sinfonien her kennt) aber deutlich mehr. Die Sinfonische Ouvertüre Nr.2 hat den Titel Lisboa (Lisabon) und ist eine Homage an seine Heimatstadt.


    Die Drei Sinfonischen Sketche (1962) - Allego - Lento - Allegro sind ebenfalls rhytmische und positive Musik, die ich ebenfalls als lohnende Neuentdeckung einstufe.


    Das Klavierkonzert, die Sinfonischen Ouvertüren Nr. 1 und 2, die Variationen und das Ballett Alfama und weitere Kurzwerke finden hier auf den CD´s ihre Weltersteinspielungen unter Alvaro Cassuto (siehe Rückseiten der CD´s).


    (Auf den beiden Naxos-CD´s finden sich weitere Kurzwerke (auf die ich hier nicht eingegangen bin) ... :thumbup:aber alles hörenswertes Material ... )



    Dass Cassuto mit dem Royal Scottish National Orchestra und dem Royal Liverpool PO ausgezeichnete Int, klanglich absolut aktuell bereitstellt, braucht eigentlich nicht mehr erwähnt zu werden.


    NAXOS, 2017, DDD


    51h-SPopmjL._SX300_.jpg

    NAXOS, 2011, DDD