Hier sitz' ich zur Wacht - Wer war der beste Hagen

  • Obwohl sich bei mir beim Prädikat " die/der Beste" wegen der Absolutheit der Aussage immer ein gewisses Unbehagen regt, will ich den Titel übernehmen, weil alle anderen auch so benannt sind.
    Die Partie des Hagen in Wagners "Götterdämmerung" ist besonders gesanglich äußerst schwierig. Deshalb haben viele große Bassisten diese Partie nie gesungen.
    Große Interpreten waren und sind:


    Emanuel List (schwarz und grimmig)


    Ludwig Hofmann (dramatische Wucht mit eigenem Profil)


    Ludwig Weber (schallgewaltig)


    Josef Greindl (die Neu- Bayreuther Institution in dieser Rolle)


    Gottlob Frick (trotz aller Stimmgewalt tonschön. Kein
    eindimensionaler Bösewicht. Facettenreiche und
    differenzierende Darstellung)


    Matti Salminen (die Inkarnation des Bösen. Enorme Bühnenwirkung)


    Kurt Rydl (darstellerisch mit eigenwilligen Effektenz. B. in der
    Mannenszene)


    Hans-Peter König (der aktuelle Bayreuther Hagen. Vokales
    Kraftpaket. Besonders im schweren Wagnerfach
    ein Hoffnungsträger)


    Herzlichst
    Operus
    :hello:

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Super! Vielen Dank, lieber Operus, Du greifst mir voraus. :jubel:


    Vom "Ring" kenne ich im Vergleich noch nicht so viele Aufnahmen, entsprechend kurz ist daher meine Liste fürs erste:


    - Gottlob Frick
    - Friedrich Dalberg


    Unbedingt brauche ich meinen Lieblingsbaß Josef Greindl noch in dieser Rolle, wohl in einem der Kna-"Ringe" aus den 50ern (der Stereo-Keilberth von '55 ist mir noch zu teuer).


    Lieber Operus, welche Aufnahmen mit Greindl als Hagen kennst Du, wenn ich fragen darf? M. W. sang er den Hagen in mindestens den folgenden "Götterdämmerungen":


    - Keilberth '52
    - Keilberth '53
    - Krauss '53
    - Keilberth '55
    - Knappertsbusch '56
    - Knappertsbusch '57
    - Knappertsbusch '58
    - Böhm '67
    - Maazel '69


    Liebe Grüße
    :hello:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Eine treffliche Auswahl, lieber Operus! Etwas erstaunt hat mich lediglich die gewählte Reihenfolge, doch ich schätze dein Bemühen um Objektivität sehr.


    :hello:

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Hallo,
    hätte Wagner Gottlob Frick gehört , dann hätte er die "Götterdämmerung" in "Hagen" umbenannt.
    Viele Grüße
    Santoliquido

    M.B.

  • Lieber Siegfried,


    ich habe die großen Darsteller des Hagens versucht, in einer zeitlichen Reihenfolge darzustellen. Eine Wertung in punkto Qualität habe ich bewußt vermieden, zumal alle die von mir aufgeführten Sänger große Interpreten dieser Partie waren.
    Um mich allerdings etwas aus der Deckung zu wagen: Ich würde der äußerst positiven Stellungnahme bei der Würdigung von Gottlob Frick von santoliquido nicht widersprechen.
    Herzlichst
    Operus
    :hello:

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  • Lieber Joseph II.,


    Du hast bei den Aufnahmen der Bayreuther "Götterdämmerung"-Aufführungen mit Josef Greindl gründlich recheriert. In jedem Fall würde ich Dir eine der frühen Aufnahmen empfehlen. Wobei der "Ring" unter Keilberth 55 besonders positiv aufgenommen wurde. Keilberth und Knappertsbusch sind m. E. in jedem Fall Garanten für hohe musikalische Qualität in allen Wagner-Aufführungen.
    Herzlichst
    Operus

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  • Lieber Heldenbariton, Du erweist Dich wieder einmal als profunder Kenner der älteren Sängergeneration. Es ist richtig, dass Ivar Andresen in die Reihe der ganz großen Interpreten des Hunding und des Hagens gehört.
    Zumal Andresen für Fricks sängerische Entwicklung eine Rolle spielte und es erstaunliche Parallelen zwischen den beiden Bassisten gibt. Als Anfänger in Coburg wurde Gottlob Frick nach einer Premiere als Gremin in "Eugen Onegin" von Fürst Ferdinand von Bulgarien, der ihm seinen Rolls-Royce samt Chauffeur zur Verfügung stellte, nach Bayreuth geschickt, um sich die großen Bässe anzuhören. Dort erlebte er Alexander Kipnis, Josef von Manowarda und Ivar Andresen, der ihn am meisten beeinddruckte. Andresen war auf den Tag genau, geb. 28.7.1896, 10 Jahre älter als Frick. Das Repertoire der beiden Sänger ist weitgehend identisch. Auch in Stimmfarbe, Tonumfang und Bassschwärze gibt es erstaunliche Übereinstimmungen.
    Herzlichst
    Operus
    :hello: :hello:

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  • Kurzer Vorbericht. Hans-Peter König soll im 1. Ring-Zyklus im Bayreuth wieder einen phänomenalen Hagen gesungen haben. Ich bin in der nächsten "Götterdämmerung" und werde dann berichten. Allerdings in dem Hans-Peter König gewidmeten Thread.
    Herzlichst
    Operus

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  • Peter Meven hat mir eigentlich sehr zugesagt.
    Aber ich lebe von den Erinnerungen an Bühnenauftritte.

    mit freundlichen Grüßen
    Martina
    Auf dem Rohre taugt die wonnige Weise mir nicht!

  • Mein persönlicher Lieblings-Hagen ist Roland Bracht aus dem Stuttgarter Ring (DVD). Stimmlich und darstellerisch finde ich ihn ausgesprochen gut.
    Zweiter ganz heißer Favorit ist Matti Salminen, auch wenn manchmal sein Deutsch zu wünschen übrig lässt. Stimmlich ist Salminen aber fast unschlagbar !!

  • Auf folgende Aufnahme möchte ich aufmerksam machen:


    Götterdämmerung ~ Hier sitz’ ich zur Wacht
    Josef Greindl RIAS SO Berlin Leopold Ludwig, 1958 Berlin Jesus-Christus-Kirche LP: DGG 19063 LPEM


    Ob sie derzeit erhältlich ist, weiß ich nicht. Eine unglaublich intensive Schilderung auch und gerade durch das Orchesterspiel.

  • Habe mir heute mal Ludwig Weber (unter Moralt 1949) angehört.


    Mein Eindruck bleibt etwas zwiespältig. Für sich genommen auf jeden Fall sehr gut. Aber wenn ich das mit Greindl (ich muß betonen: mit dem alternden Greindl unter Böhm 1967) vergleiche, sehe ich große Unterschiede: Greindl hat die viel machtvollere, "bösere" Stimme, ist also insbesondere als Hagen noch besser geeignet. So jedenfalls mein Eindruck.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ich habe heute nochmal den Mannenruf von Frick und Greindl verglichen.
    Die "schönere" Stimme hatte zweifellos ersterer, aber muß ein Hagen "schön" klingen? Natürlich erfaßt Frick die Rolle hervorragend und trifft jeden Ton über jeden Zweifel erhaben. Aber mir sagt das "brüchigere", "unschönere", "finsterere" Organ Greindls zumal in dieser Partie mehr zu, selbst wenn er in späteren Jahren minimale Probleme mit der Höhe hatte (Bayreuth 1955 scheint hier wohl idealer als 1967).
    Mich wunderte daher auch, daß, wenn die beiden großen Bassisten gemeinsam als Riesen auftraten, meist Frick den Fafner sang, und nicht Greindl. Diese Kombination erschiene mir an sich logischer.
    Ich will die Leistung Fricks in keinster Weise herabwürdigen, dies will ich nur noch einmal betonen. ;)

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Interessanterweise werden Karl Ridderbusch, John Tomlinson, Manfred Schenk und Fritz Hübner nicht genannt. Persönlich habe ich nur John Tomlinson gesehen und gehört, die andern sind bei mir auf Tonträgern verewigt. Sie haben alle mehrfach in Bayreuth gesungen, reichen aber offenbar nicht an die erwähnten Frick und Greindl heran.

  • Hallo, Joseph II !


    Da sieht man mal wieder, wie die Meinungen doch auseinandergehen. Das brüchigere Organ schreibe ich eher Gottlob Frick zu, und Josef Greindl die schönere Stimme. Auch die Besetzung Frick als Fafner und Greindl als Fasolt finde ich ideal. Das soll die Leistung von Frick nicht schmälern, da ich ein großer Fan von ihm bin und fast alle Aufnahmen besitze. Nur Meinungen und Geschmack sind halt unterschiedlich, und das ist auch gut so. Ich würde auch Karl Ridderbusch noch in diesen Rollen dazuzählen.

    W.S.

  • Hallo Wolfgang,


    freut mich, daß du dich hierzu äußerst. Ist doch schön, wenn es nicht jeder gleich sieht. ;)


    Übrigens ist mein (noch) aktueller Favorit als Hagen ganz eindeutig Matti Salminen.
    Was dieser Mann noch mit Mitte 60 vollbringt, ist schier unglaublich. Im "Valencia-Ring" (2008, glaube ich) ist er stimmlich noch genauso beeindruckend wie fast 20 Jahre (!) zuvor unter Levine an der MET. Von der Bühnenwirkung ganz zu schweigen. Sagenhaft und absolut Weltklasse. Schön, daß er in solch vorgerücktem Alter noch singt, und vor allem noch so gut singt. (Ich hatte das Glück, ihn schon mal als Fasolt live zu erleben.) Hierin ja auch Frick nicht unähnlich, der, wie wir wissen, auch mit fast 70 noch grandiose Auftritte absolvierte.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Liebe Foristi,


    was haltet Ihr von:


    Eric Halfvarson, Philip Kang oder Taras Stonda? In einer Zeit, in der grosse Wagnerpartien nicht mehr mit drei deutschen Garnituren besetzt werden können, ist eigentlich nicht die Frage, wer der grösste deutsche Hagen war, sondern wer es werden kann. Von den "Alten" ist es für mich eindeutig Gottlob Frick, der Bass, an den niemand anders je heranreichte.

  • Neben der Frage nach dem "besten" Hagen, die nur schwierig und subjektiv zu beantworten ist, stellt sich die Frage nach der Auffassung der Gestaltung dieser eminent schweren Rolle. Gottllob Frick hat sich lebenslang auch durch Geschichtsstudium, ausführliche Gespräche und Briefwechsel mit Regisseuren wie z. B Rennert, Arnold und Wolfgang Wagner mit dem schillernden Charakter der Figur auseinandergesetzt. Er kam zu der Auffassung, dass der Hagen nicht nur eindimensional böse gesungen werden darf. Selbst dieser intrigante Finsterling zeigt zumindest mit der betrogenen Brünnhilde so etwas wie Mitgefühl. Klar belegt am Ende der Mannenszene wenn Hagen die Mannen aufruft. " Traf sie ein Leid rasch seid zur Rache". Meines Erachtens ist genau die Hinzufügung dieser weiteren Dimension eine wesentliche und wichtige Erweiterung der Hagen-Interpretation. Außerdem könnte man noch sehr darüber diskutieren, welchen Anteil die Belastung die "bösen Gene", die er vom Vater Alberich erbte, auf die freie Selbstbestimmung des Hagen hatte. Freud hätte sicherlich mit Lust diese schicksalshaften Verstrickungen analysiert und gedeutet.


    Rennert realisierte diese Problematik in einer Münchner Inszenierung der "Götterdämmerung" ungemein realistisch, indem er Alberich und Hagen zum Verwechseln ähnlich, wie Zwillinge erscheinen ließ. Dadurch wurde das Nachtgespräch zwischen Alberich und Hagen zu einer psychologisch überzeugenden Schlüsselszene des ganzen Dramas. Leider wurde diese grandiose Idee überdeckt , weil beide Figuren optisch fatal an Hitler erinnerten. Publukum und Presse reagierten auf diesen Aspekt leider weit mehr als auf die tiefere Bedeutung dieser inszenatorischen Auslegung.


    Und da wir gerade bei dieser Diskussion sind. Würde mir bitte einmal jemand sagen, was böses Singen, das immer wieder angeführt wird, eigentlich ist ? Danke!


    Herzlichst


    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Gottlob Fricks vermutlich bester Hagen ist live und von 1955. In der vielgelobten Aufnahme der "Götterdämmerung" aus dem Prinzregententheater München liefert Frick eine schlichtweg sensationelle Interpretation. Die kongeniale Begleitung wurde an anderer Stelle schon hinreichend besprochen. Mir gefällt er hier jedenfalls um einiges besser als bei Solti im Studio.


    Danke für die Werbung, lieber Operus!


    :hello:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Interessanterweise werden Karl Ridderbusch, John Tomlinson, Manfred Schenk und Fritz Hübner nicht genannt. Persönlich habe ich nur John Tomlinson gesehen und gehört, die andern sind bei mir auf Tonträgern verewigt. Sie haben alle mehrfach in Bayreuth gesungen, reichen aber offenbar nicht an die erwähnten Frick und Greindl heran.


    Die Wiener Staatsoper kündigt für Mai 2013 tatsächlich Sir John Tomlinson als Hagen an (neben Stephen Gould und Nina Stemme). Ich wußte nicht, daß Tomlinson diese schwere Rolle noch singt und bin gespannt, ob er sie mit dann fast 67 Jahren noch bewältigt.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Keine Frage: Gottlob Frick ist und bleibt für mich DER Hagen meines Lebens!


    Heute finde ich Matti Salminen in dieser Partie als ganz Großen seines Fachs.

    Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)