Bayreuth und das Sängertrauma

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    Original von Thomas Pape


    Na, da greife ich der zu gewärtigenden Antwort gerne vor: Früher war alles besser, gell??? ;)
    Herr Joho und Mitridate werden das gewiss gerne unterschreiben, oder habe ich da was falsch verstanden???


    Nun ja,
    was die Sänger angeht mit Sicherheit, dergleichen trifft zu, wenn man sieht, was heute für ein sinnentstellender Schrott als Inzienierung verkauft wird.
    Dann bitte auch konsequent sein und den Text und Musik der heutigen Zeit anpassen, und damit wird das ganze Opernspektakel, was heute über die Bühnen geht, eh ad absurdum geführt.


    Aber zurück zu den Sängern. Ich habe mir heute vormittag Rheingold unter Furtwängler von 1950 (RAI) mit u.a. F. Frantz, G. Treptow, J. Sattler, L. Weber, E. Höngen usw. angehört.


    Abgesehen von der schlechten Tonqualität dieser Aufnahme, sind die Leistungen der Sänger soviel besser, das ich an den akustischen Wahrnehmungsqualitäten vieler Resensenten und Mitglieder ernsthaft zweifeln muß, eben wenn angesichts solcher Aufnahmen (und deren gibt es noch sehr viele, siehe die Aufnahme, die m. joho zitiert) immer noch behauptet wird, heutige Sänger würden sich auf dem gleichen Niveau bewegen wie eben die Damen und Herren der 50-70er Jahre. :lips:


    Und leider ist der Abfall besonders krass, wenn es um den Wagner Gesang geht.
    Last but not least, Furtwängler hatte damals noch nicht mal Top Sänger für alle Partien zur Verfügung, so sind G. Trepkov und noch mehr J. Sattler sicherlich von anderen Sängern dieser Partien (z.B. Konya, Kmentt, Suthaus, Svanholm) später eindeutig übertroffen worden.


    Aber im direkten Vergleich zu der RAI Aufnahme sind die Herren Bieber und Bezuyen (von Dohmen möchte erst garnicht anfangen) von Bayreuth 2009 - platt ausgedrückt - unterirdisch. :rolleyes:

  • Zitat

    Original von Mitridate
    Ich rede hier nicht von den werkentstellenden "Interpretationen" des heutigen Bayreuth durch Schlingensief, Dorst & Co, die bei mir nur noch Würgereize :angry: hervorrufen;
    sondern von den grottenschlechten Solisten, die sich in Bayreuth, anscheinend bar jedlicher Selbstkritik, auf die Bühne stellen.


    Auch von meiner Seite Zustimmung in beiden Punkten.

  • Es geht doch gar nicht um die Frage einer Schuldzuweisung, wenn man konstatiert, dass grob gesagt der Wagner-Gesang der letzten 40 Jahre, von einzelnen Persönlichkeiten (wie z.B. Ihrem Namensvetter) abgesehen, ein steter Niedergang war. Bedauerlicherweise muss dasselbe auch bei Verdi, Puccini, Massenet usw. gesagt werden, die einzige Ausnahme dürfte heutzutage die Barockoper sein.
    Wenn man aber, um bei Wagner zu bleiben, die Tondokumente anhört, kann man folgendes konstatieren:
    Grauslich für heutige Ohren war der Sprech, bzw. Konsonanten-Spuckgesang der Cosima-Aera.
    In den 30/40er Jahren dürfte mit Sängern wie Melchior, Völker usw. ein gewisses Ideal erreicht worden sein.
    Die 5oer/60er Jahre dürften für heutige Ohren geradezu als "goldene Zeit" empfunden werden.
    Was hat sich seither verändert?
    Die heutigen, eher schmalbrüstigen Stimmen sind weitgehend nicht mehr im Stande die anspruchvollen Partien durchzuhalten und wenn man jemanden als fähig befindet einen Lohengrin zu singen, wird er unbarmherzig in Partien verheizt, die seine Fähigkeiten weit übersteigen. Ist ein Sänger nicht intelligent genug "nein" zu sagen, ist damit sein Niedergang schon angekündigt. Es tönt vielleicht wie ein Witz, aber sogar Sängern wie Alfredo Kraus oder heute Beczala wurde der Siegfried angeboten.
    Vielleicht wäre die einzige Rettung die, dass man mal einige Jahre die Opern des sog. dramatischen Faches nicht mehr spielt und das Festspielhaus wirklich für ein paar Jahre schliesst, in der Hoffnung dass dadurch dem Nachwuchs eine Chance zu reifen geboten wird.
    (Auch mir ist klar, dass dies Illusion ist und ich sehe viel eher, dass wir in den letzten Jahren sind, in welchen Oper, wenn auch unzulänglich, überhaupt noch gespielt wird. Regietheater hat die seriöse Sängerleistung, vielleicht notgedrungenerweise abgelöst.)

  • Noch ein Nachsatz sine ira et studio:


    es hat doch alles immer auch wenig mit dem Anspruch zu tun, mit dem man antritt. Bayreuth war jahrzehntelang das Sinnbild eines Olymps, auf dem große Sänger und ebensolche Dirigenten das Werk eines der maßgeblichen Komponisten unserer Kultur zelebrierten, und die Festspielleitung, gerade auch die neue, vertritt diesen Anspruch weiterhin und ungeschmälert. Eben damit habe ich Schwierigkeiten. Sicher war früher nicht jede Aufführung in jedem Jahr stil- und niveaubildend, aber allein der Umstand, daß man an sehr vielen der -auf Film oder Tonträger konservierten- Produktionen der 50er bis 70er Jahre nicht vorbeikommt und einem fast keine aus jüngerer Zeit einfällt, wenn man sich ein Bild vom Möglichen in diesem Bereich machen möchte, beweist doch, daß wir den vergangenen Zeiten schon ein wenig nachtrauern dürfen.


    Vielleicht gibt es Titanen des Wagner-Gesangs derzeit einfach nicht - Windgassen, Nilsson, G. Jones, die ganze Besetzung des Jahrhundert-Rings von Boulez - mir fällt es leider wie vielen sehr schwer, heute in Ansätzen dem auch nur so ungefähr Entsprechendes zu finden. Und einige Stimmen, die sehr wohl auch in Bayreuth Großes gesungen haben, wie z.B. Waltraud Meier, sind nicht weiter verpflichtet worden oder aus Frust gegangen.


    Grüße (aber mild und leise...)!


    Honoria


    P.S. Eben sehe ich bei Erstellung der Vorschau den Beitrag von m.joho - sehr wahr!

    "...and suddenly everybody burst out singing"
    Busman's Honeymoon

  • Zitat

    Original von m.joho
    Vielleicht wäre die einzige Rettung die, dass man mal einige Jahre die Opern des sog. dramatischen Faches nicht mehr spielt und das Festspielhaus wirklich für ein paar Jahre schliesst.....


    ...das ist m.E. ein Hinweis darauf, dass es mit dem Wagnergesang überall, d.h.nicht nur in Bayreuth, schlechter bestellt ist. Wagner gedeiht aber überall auf der Welt - auch ohne Bayreuth!


    Woher bitte soll denn Bayreuth Wagnersänger in der von mir nicht bestrittenen Qualität der 50er Jahre-Interpreten hernehmen, wenn es sie offenbar nirgends auf der Welt gibt?

  • Man sollte bei all den anderen richtigen Beobachtungen nicht vergessen, dass ein wichtiger Faktor die weitgehende Auflösung intakter Ensembles an den deutschen Staats- und Stadttheatern, die bis dahin (fast) alle Rollen aus eigenen Kräften besetzen konnten, darstellt sowie die Etablierung eines globalen Sängermarktes. Beginnend mit Karajans Startheaterachse Mailand-Wien in den 50er/60er Jahren, dominierten und dominieren (noch) rastlos jettende Sänger die Hauptpartien, während den fest engagierten Ensemblemitgliedern meist nur die untergeordneten "Wurzen" bleiben. Allerdings scheint mittlerweile ein gewisses Umdenken stattzufinden, wie etwa Tendenzen in Frankfurt oder Hamburg belegen.


    Leider kann heutzutage kaum ein Sänger mal eine größere Rolle an einem kleinen Theater ausprobieren, ohne dass dies in der international vernetzten Medienlandschaft unbeobachtet bliebe. Wer dann noch das "Pech" hat, einen Sensationserfolg zu landen, dem werden sofort lukrative Agentenverträge angeboten. Diese Angebote kann man wirklich kaum ablehnen, da dies sonst aufgrund der Marktmacht einiger führender Agenturen und den quasi-mafiösen Strukturen, die dort herrschen, schnell zu einem abrupten Karriereende führen könnte. Man sieht das z.B. daran, dass an Häusern, deren GMDs bei einer bestimmten Agentur unter Vertrag sind, oftmals Sänger derselben Agentur engagiert werden. Besonders gefragte Stars werden dann schon mal im Paket mit weniger gefragten Sängern vermittelt. ("Willst Du Startenor X, musst Du auch den alternden Bariton Y und die ausgesungene Sopranistin Z engagieren.")


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Dass es außerhalb von Bayreuth keine Wagner-Sänger mehr gibt, halte ich für ein Gerücht. Zumindest bis zum Ablauf dieser Spielzeit gab es hier an der DOR immer ein komplettes Wagner-Ensemble. Hier konnte der ganze Wagner rauf und runter gesungen werden. ohne dass von ausserhalb Verstärkung benötigt wurde. Ob das in Zukunft (unter Christoph Meyer und Axel Kober) so bleibt, ist abzuwarten, aber unsere Sänger gastieren weltweit, nicht nur in Lübeck (Stefan Heidemann als Wotan) oder Hans- Peter König, wenn irgendwo Wagner auf dem Spielplan steht.


    LG


    :hello:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Zitat

    Original von GiselherHH
    Man sollte bei all den anderen richtigen Beobachtungen nicht vergessen, dass ein wichtiger Faktor die weitgehende Auflösung intakter Ensembles an den deutschen Staats- und Stadttheatern, die bis dahin (fast) alle Rollen aus eigenen Kräften besetzen konnten, darstellt sowie die Etablierung eines globalen Sängermarktes. Beginnend mit Karajans Startheaterachse Mailand-Wien in den 50er/60er Jahren, dominierten und dominieren (noch) rastlos jettende Sänger die Hauptpartien, während den fest engagierten Ensemblemitgliedern meist nur die untergeordneten "Wurzen" bleiben. Allerdings scheint mittlerweile ein gewisses Umdenken stattzufinden, wie etwa Tendenzen in Frankfurt oder Hamburg belegen.


    In Köln wird das vom bisherigen Intendanten Damann wieder ins Leben gerufenen Ensemble-Theater zur neuen Spielzeit leider wieder aufgelöst. Ich fand es interessant zu beobachten, welche(r) Sänger/in wie und wo eingesetzt ist, getreu dem Motto: "Gestern noch die Agathe und heute die Butterfly. Mal schauen und hören, was sie besser hinkriegt."

  • Zitat

    Original von Knusperhexe
    In Köln wird das vom bisherigen Intendanten Damann wieder ins Leben gerufenen Ensemble-Theater zur neuen Spielzeit leider wieder aufgelöst.


    Das gab es doch schon bei Günther Krämer! ?(


    :hello:
    Gerd

  • Zitat

    Original von Arlecchino
    Ich war am 5.8. im Parsifal und konnte durchwegs guten - wenn auch nicht überragenden - Gesangsleistungen beiwohnen. Nicht eine Stimme, die die in diesem Thread ausgeteilten (Dis-)qualifikationen rechtfertigte. Kwangchul Youn sang und spielte mit wunderbarem Timbre einen sehr verständlichen Gurnemanz, Detlev Roth ein dramatischer Amfortas, Christopher Ventris einen heldischen Parsifal und Mihoko Fujimura eine hinreissende Kundry. Dazu gut gespielt, wunderbare Bühnenbild- und Lichteffekte: Spitzen-Musiktheater. Was will man mehr?


    Ich habe diesen Parsifal voriges Jahr gesehen und war sehr berührt und überzeugt. Ich weiß nicht, ob das eine Rolle spielt, dass die diesjährige Radio-Übertragung des Parsifal die einzige der Bayreuther Übertragungen ist, die ich nicht wieder gelöscht habe. Alle anderen ausgestrahlten Aufführungen haben mir rein akustisch nichts gegeben. Es ist selbstverständlich ganz anders, wenn man live im Theater sitzt. Die Erinnerung hat meinen Genuss sicher gesteigert, aber diese Parsifal-Produktion ist schon auch rein musikalisch richtig gut.

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

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  • Es ist alles eine Frage des Standpunktes... schon Anfang der 1930er Jahre beklagte sich Furtwängler darüber, daß es keine richtigen Wagner-Tenöre gäbe. Das waren die Zeiten von Völker, Laubenthal, Melchior, Lorenz, Kalenberg, Kirchhoff - um nur einige zu nennen...


    M.