Bildbetrachtung – Hans Memling: Das Jüngste Gericht

  • Seit jeher war dieses Bild für mich einfach "das" Jüngste Gericht schlechthin: Die Rede ist von Hans Memlings (1433/40–1494) Monumentalgemälde, entstanden zwischen 1467 und 1471.



    Hans Memling: Das Jüngste Gericht, 1467–1471
    Öl auf Holz, 221 x 161 cm (Mitteltafel), 223,5 x 72,5 cm (jeder Flügel)
    Muzeum Narodowe, Gdansk (Nationalmuseum, Danzig)



    Linker Seitenflügel



    Mitteltafel



    Rechter Seitenflügel


    Ich kenne kein beeindruckenderes Weltgericht als dieses. Selbst jenes berühmte von Michelangelo finde ich nicht derart imposant. In echt habe ich es leider bisher nicht gesehen.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Lieber Josef II.!


    Obwohl ich in Danzig war, muss mir der Memling entgangen sein, und das finde ich nun verdammt (falls das Wort im Zuammenhang mit dem Jüngsten Gericht angemessen ist) ärgerlich. Vielleicht könntest du aber deine Sichtweise noch ein wenig begründen, da ich es schwierig finde, solch ein detailreiches Bild auf dem kleinen Bildschirm entsprechend würdigen zu können.


    Den Michelangelo muss man einmal im Original, vor allen auch nach der Restaurierung, gesehen haben. Das ist überwältigend und nie wurde mir der Schrecken des "zu spät" so eindringlich und furchterregend nahegebracht. Aber auch das Bild lebt natürlich von den Details, die man vor der riesigen Wand der Sixtina stehend, kaum wahrnehmen kann und der Gesamtkomposition. Beide Kompositionen ähneln sich ja zunächst einmal und entspechend einfach der traditionellen Ikonographie.


    :hello: Gustav

  • Hallo Joseph II


    Zitat von der Buchklappe 'Das Jüngste Gericht' aus dem Benziger Verlag:


    "Die Hoffnung, dass dem leidenden Menschen, der sich des Stärkeren nicht erwehren kann und bei keinem Richter dieser Welt sein Recht findet, Gerechtigkeit widerfährt, hat die großen Künstler aller Zeiten inspiriert..."


    http://web328.rmlinweb1.konto.…/epochen/rezensionen/223/


    Der Großbildband enthält neben Memling auch Gemälde zum genannten Thema von Bosch, Dürer, Tintoretto, van Eyck, van der Weyden, Fra Angelico, Altdorfer, Tintoretto, Rubens und natürlich Michelangelo. Fremde Kulturkreise mit anderen Glaubensvorstellungen sind ebenfalls hochinteressant.


    Selbst möchte ich mit der Abrechnung meiner bösen Taten nicht bis zum Jüngsten Tag warten und denke, dass mit meinem Ableben schon der rechte Zeitpunkt gekommen ist. Auch im Jenseits wird man an Großrechnern arbeiten, so dass die Vorstellung der Alten Meister der Vergangenheit angehören müssten. Kleine Sünden bestraft der liebe Gott übrigens sofort!


    Das Thema wird im Buch in geordneter Form vorgetragen und betrachtet auch über den Tellerrand hinaus. Die Vorstellungswelten sind vorzüglich illustriert.


    Ein Buch für die Arche Noah :D :D :D


    :angel:
    Engelbert

  • Zitat

    Original von Joseph II.
    Ich kenne kein beeindruckenderes Weltgericht als dieses. Selbst jenes berühmte von Michelangelo finde ich nicht derart imposant. In echt habe ich es leider bisher nicht gesehen.


    So lange man es in echt nicht gesehen hat, kann man das aber schwer beurteilen.
    Besonders bei so einer detailreich-vielfigurigen Angelegenheit.
    Altniederländische Weltgerichte kenne ich aus der Vorlesung von Otto Pächt, die es als Bildband gibt, dabei hat bei mir die van-der-Weyden-Version (Musée de l'Hôtel Dieu, Beaune) einen größeren Eindruck hinterlassen, aber das mag auch daran liegen, dass die Memlingsche besonders schlecht für Reproduktion geeignet ist (wegen der Figurenfülle).
    Van der Weyden konnte das Grauen auf verblüffende Weise ohne großen Höllenapparat darstellen, wodurch es auf mich umso eindringlicher wirkt (kenne ich aber auch nicht in echt).
    Von wegen Höllenpersonal und Greueldichte wäre das New-Yorker Weltgericht, das normalerweise Eyck zugeschrieben wird (von Pächt nicht) das vielleicht Verblüffendste worauf spätere Höllenspezialisten wie Bosch oder Höllen-Brueghel zurückgriffen. Aber auch dieses Bild sollte ich unbedingt mal im Original sehen, vielleicht komme ich ja einmal nach New York.
    Ich glaube, Memling ist für mich immer noch vor allem der große Bildnis- und Marien-Darsteller mit den Qualitäten unendlicher Ruhe und Idealschönheit.


    So ähnlich geht es mir womöglich mit Lochner, dessen Kölner Weltgericht ich allerdings in echt betrachtet habe. Ein tolles Bild, aber die Bilder mit Marien-Beteiligung und Paradiesesanhauch scheinen mir dem Naturell des Künstlers besser zu entsprechen.

  • Dieses Bild eignet sich aus vielerlei Gründen wenig zu Betrachtung via Internet, in erster Linie aber deshalb weil es in seiner Vielfalt kaum überschaubar ist, in zweiter Hinsicht wegen der enormen Verkleinerung, die bei diesem Thema das Grauen (zumindest für mich) nicht fassbar macht, obwohl der Sturz der Sünder ins Ewige Feuer der Hölle doch recht eindrucksvoll dargestellt ist.
    Dazu kommt noich die Verwendung von Blattgold, auch nicht ideal für eine Reproduktion
    Die Wirkung von Bildern - allen voran jene von ideologisch nanipulierenden - und was anderes wäre solch ein Altarbild letztlich? - hängt zudem immer davon ab wie sie beleuchtet und aufgestellt sind,
    Das Große Originalformat (242-180 cm allein die Mitteltafel ) Daraus beziehen sie ihre Wirkung.
    Und natürlich sind Altarbilder nicht nur Kunstwerke, der Kunst an sich wegen, sondern dienen anderen Zwecken. Zum einen sind sie narülich "Schmuck" des Altars, zum anderen sind sie ideolgisch manipulierend, man halte sich vor Augen (ein ungewolltes Wortspiel wie ich soeben bemerke), daß der Gläubige eine ganze Messe lang in der Hauptsache dieses Bild VOR AUGEN hat, welches ihm - bei geeigneter Disposition unbewusst das Gesehene als Realität oder mögliche zukünftige Realität vor Augen führt und seine Seele beeinflußt, bzw beeindruckt.
    In diesem Moment der Betrachtung wird uns klar, daß dieses Bild der Renaissance, das auf mich noch sehr spätmittelalterlich wirkt, selbstverständlich für zeitgenössischen Betrachter geschaffen wurde - deren katholisches Weltbild durch dieses künstlerische Hilfsmittel gefestigt werden sollte.


    Eine Kopie des Bildes hängt in Berlin, eine weitere wurde erst 2003/2004 anfertigt, gemalt von Bruno und Igo Perathoner.


    Ich verlinke -gene meine sonstige Gewohnheit dorthin, weil das Bild ja in den vergangenen Jahrhunderten stets wegen stets wegen seiner wunderbaren Farben gerühmt wurd, die hier bei der Reproduktion kaum erlebbar sind. Die neue Kopie versucht aber offenbar die einstige Farbenpracht des Originals wieder sichtbar zu machen - riskant aber interessant


    http://www.ferdinando-perathoner.com/Memlingdt.html


    mfg aus Wien


    Alfred


    Jeder, der versucht aus der großen Herde, die da heißt ›Gesellschaft‹, auszubrechen, ruft das Mißfallen der Herde hervor.

    Francesco Petrarca (1304-1374)


  • Es wurde richtig bemerkt, daß das Bild in dieser extremen Verkleinerung im Netz viel von seiner Wirkung verliert. Ausgewählt habe ich es, da ich ohnehin einen Memling vorstellen wollte, und "Das Jüngste Gericht" dürfte nicht nur m. E. sein Hauptwerk sein.


    Es gibt übrigens einen tollen Bildband sämtlicher Portraits, die Memling gemalt hat:



    Zitat

    Badisches Tagblatt, 29. August 2005
    Gemeinhin können die noch so guten Reproduktionen in einem Katalog nicht den Besuch einer Ausstellung und die Wahrnehmung der Originale ersetzen. Es gibt freilich Umstände, die diese Behauptung ein wenig revidieren. So ist die Ausstellung "Hans Memling - Porträts" an drei Orten zu sehen... Die knapp 30 enthaltenen Holztafeln sind äußerst fragil, so dass sie nicht allesamt an jedem der drei Orte präsentiert werden können. Der im Stuttgarter Belser Verlag erschienene Gesamtkatalog umfasst hingegen alle Porträts aus Memlings Hand und veranschaulicht diese in über 120 Abbildungen. Darunter befinden sich auch Röntgenaufnahmen, die den Blick ins Innenleben der Bildnisse erlauben... Der Memling Katalog ist schließlich nicht nur ein Augenschmaus und Bilderbuch: Ausgewiesene Experten der altniederländischen Malerei... beleuchten Leben und Werk Hans Memlings mit wissenschaftlicher Akribie und von seiner Kunst inspiriert.


    Memling ist vielleicht mein Lieblingsmaler des ausgehenden 15. Jahrhunderts. Allgemein ziehe ich die spätmittelalterlichen Altniederländer wie auch van Eyck und van der Weyden den zeitgleichen Italienern der Renaissance vor.


    Hier noch einige Detail-Aufnahmen des Weltgerichts:




    Das dürfte dann wohl Karl der Kühne, Herzog von Burgund (1467–1477), sein.




    Mehr Photos von Details übrigens auf der Seite der Web Gallery of Art ("http://www.wga.hu").

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Seit ich 1998 in Brügge eine wunderbare memling-Ausstellung gesehen habe, bin ich großer Memling-Fan. Das Portrait-Buch habe ich mir tatsächlich erst vor ca. 2 Wochen gekauft.
    Die Darstellung des Jüngsten Gerichts ist in der Tat beeindruckend. Sie ist schon in die Richtung von H Bosch zu sehen, der allerdings die Apokalypse viel entweltlichter darstellt, mer im Sinne eines Delirs.


    In der italienischen Renaissance-Amlerei gibt es noch ein paar beeindruckende Darstellungen des Jüngsten Gerichts. Besonders Luca Signorelli sei hier erwähnt. Er schmückte die Capella Nuova im Dom von Orvieto mit einem Freskenzyklus zur Geschichte des Antichristen aus. Dies ist eine wirklich umwerfende Vision der Herrschaft des Antichristen und der Befreiung durch die Wiederkehr Christi. Wenn man unter den Bildern steht und sie auf sich wirken lässt (Orvieto ist eine nette Stadt, die auf einem Tufffelsen liegt. Man kann die unterirdischen Schutzräume besichtigen, die in Zeiten von Belagerungen genutzt worden waren. Man hielt dort Tauben als fliegende Nahrung, weil die ja immer zu ihrem Häuschen zurückkehren), versteht man die Macht der Bilder besser. Über Luca Signorelli gibt es nicht so viele Bücher, ich kann aber dem Bildband aus dem Hirmer-Verlag empfehlen (hat mir meine Frau geschenkt).


    Aber wir waren ja bei Memling:
    Es war die hohe Kunst der flämischen Renaissancemaler, die Darstellung der Individuen zu entwickeln. Die katholisch geprägten italienischen Maler waren noch viel stärker von den liturgischen bzw überlieferten Vorgaben geprägt. Da wurde jeder Heilige mit Attribut dargestellt und das Jüngste Gericht mehr als ferner Schrecken gesehen. Die protestantischen Flamen mussten sich von den Heiligen in der Kunst verabschieden, da hier lediglich Christus (und Maria) als verehrbare Heilige verblieben. Es bedurfte also des Menschen als "Füllwerk" für die Bilder. Und die Buße als individueller Dank dafür, dass Christus für die Sünden der Menschen gestorben ist, machte es möglich, den Bürger als unmittelbar bei Christus Stehenden darzustellen. Wie wunderbar sind die Gesichtszüge verklärt bei denen, die ins Himmelreich dürfen und wie individuell sind die Schrecken auf den Gesichtern derer, die in die Hölle müssen.


    Zum Abschluß noch eine Buchempfehlung, die auch den herrlichen Memling-Altar angemessen reproduziert: Das Buch Flügelaltäre, Hiermer-Verlag, gibt es jetzt für ca. 50€. Das ist ein fetter Wälzer und die großen Altäre sind tatsächlich wie in echt aufklappbar, so dass man bald 1 qm Abbildung hat! Das ist für den Preis ein Witz. Meine Frau musste fast weinen, weil Schwiegermutter Schweigervater das Buch vor 1 oder 2 Jahren geschenkt hat, da hat es noch ca. 130€ gekostet. Es gibt übrigens noch ein Brüderchen dazu, da sind dann Schnitzaltäre drin.

  • Zitat

    Original von Luis.Keuco
    Aber wir waren ja bei Memling:
    Es war die hohe Kunst der flämischen Renaissancemaler, die Darstellung der Individuen zu entwickeln. Die katholisch geprägten italienischen Maler waren noch viel stärker von den liturgischen bzw überlieferten Vorgaben geprägt. Da wurde jeder Heilige mit Attribut dargestellt und das Jüngste Gericht mehr als ferner Schrecken gesehen. Die protestantischen Flamen mussten sich von den Heiligen in der Kunst verabschieden, da hier lediglich Christus (und Maria) als verehrbare Heilige verblieben. Es bedurfte also des Menschen als "Füllwerk" für die Bilder. Und die Buße als individueller Dank dafür, dass Christus für die Sünden der Menschen gestorben ist, machte es möglich, den Bürger als unmittelbar bei Christus Stehenden darzustellen.


    Wo hast Du bloß das her?
    ?(
    Memling malte ebenso Heilige wie Bellini - der Bildtypus heißt "Sacra conversatione", Maria in der Mitte und die Heiligen rundherum.


    Und die Bürger unmittelbar um das Jesuskind herum gibt es zeitgleich auch bei Botticelli.

  • Memling lebte ja auch vor der Reformation. ;)


    Daß Memling hier öfter schon der Renaissance zugeordnet wird, überrascht mich auch. Ich habe ihn als spätmittelalterlichen, gotischen Maler eingeschätzt.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Zitat

    Original von Joseph II.
    Daß Memling hier öfter schon der Renaissance zugeordnet wird, überrascht mich auch. Ich habe ihn als spätmittelalterlichen, gotischen Maler eingeschätzt.


    Mich überrascht es nicht, hat Memling doch mit den zeitgleichen Italienern viel mehr gemeinsam wie mit der Gotik des 14. Jh. - Bellini, Mantegna, Botticelli, Signorelli, Ghirlandajo, Antonello, Perugino resp. Memling und van der Goes gehören in dieselbe Generation, die Einflüsse laufen auch über die Grenzen. Gerade bei Memlings Bildern des Typs "Sacra conversatione" sieht man die italienische Renaissance herüberwinken.

  • Der Austausch zwischen der nordalpinen und der südalpinen Kunst hat zu Memlings Zeit und auch früher durchaus funktioniert, wenngleich direkte Vergleiche äußerst problematisch sind. Allein die unterschiedlichen kulturellen Traditionen führen zu unterschiedlichen Ausprägungen im Kunstschaffen.


    Zurück zu Memling: Man darf dabei die exponierte wirtschaftliche Stellung Brügges nicht vergessen. Dieser Meister der lieblichen Madonnen hat seine Bilder durchaus auch exportiert. Brügge war eine bedeutende Hafenstadt zur Zeit Memlings. Die "Sacra Conversazione" wurde schon von van Eyck aufgegriffen. Prominentes Beispiel: Die Paele-Madonna. Freilich: deren Auftraggeber hat lange in Rom geweilt, Jan selbst war im diplomatischen Dienst und findet sich oft in Italien, auch in Portugal. Da lassen sich dann auch Bilderfindungen importieren.


    Zu Memlings Zeit bahnt sich allerdings bereits der Verfall an der Stadt Brügge an. In der kunsthistorischen Einschätzung wird Memling von dem eine Generation früher wirkenden Jan van Eyck überstrahlt und zuweilen als Epigone angesehen. Das Gesamtwerk verrät allerdings auch ein ziemliche starkes Selbstbewusstsein des flämischen Bürgertums: ein Gutteil der Werke von Hans Memling machen Portraitbilder aus, zumeist als Andachtsbilder getarnt.


    Für den Historiker Johann Huizinger ist diese Epoche der "Herbst des Mittelalters" so auch der Titel seines bekanntesten Buches. Man muss das in dem Sinne verstehen, daß sich in diesem prächtigen Bilderglanz der Anbruch einer neuen Epoche ankündigt.


    Für Brügge allerdings bekann der Niedergang: der Swin, jener Meeresarm, der Brügge zur Hafenstandt gemacht hatte, versandete unaufhörlich, die Bedeutung der Stadt sank. Der Geuzenkrieg im späten 16. Jh. und später Napoleon gaben Brügge den Rest. Das neue kulturelle Zentrum Flanderns hieß im 16. Jh. Antwerpen, eine Stadt, die über die Schelde einen wunderbaren Handelshafen anbieten konnte. Brügge selbst wurde erst im zu Beginn des 20. JH durch den beginnenden Tourismus und die Aktivierung des Hafens Zeebrugge wieder wachgeküsst. Der "Danziger Altar" von Memlig zeigt, welche Bedeutung diese einstmals mächtige Hansestadt im 15. Jh. hatte. Auftraggeber für das Werk waren Mitglieder der Medici-Familie, das Altarwerk sollte ursprünglich nach Florenz. Das Schiff, das den Altar nach Florenz bringen sollte wurde allerdings von einem Hanseschiff gekapert und die Beute nach Danzig gebracht und der dortigen Mareinkirche geschenkt. Und gegen die Hanse waren die Medici machtlos.


    Um 1990 war das Bild zu Gast in Köln:das Wallraff-Richartz Museum hat eine aufwendige Restaurierung durchgeführt, als Gegenleistung durfte es dort gezeigt werden.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Liebe Mitschreiber und -leser,


    um im Kontext zu bleiben: mea culpa.


    Ich war von mir selbst am meisten entsetzt und hätte ich gestern nicht noch etwas zu tun gehabt, ich hätte meinen Beitrag am liebsten gelöscht oder wenigstens wesentlich editiert. Ich weiß wirklich nicht, welcher Teufel mich geritten hat.
    Ich habe gestern noch in meinen Memling-Büchern geblättert und mir das Altarbild auch nochmal angesehen und den Begleittext gelesen. Und da bin ich beinahe im Boden versunken, weil ich so einen Scheiß geschrieben habe.
    Memling lebte natürlich vor der Reformation und malte natürlich noch Heilige. Da gibt es zB seine wunderschöne Darstellung der Geschichte der Hl. Ursula, die er auf einen Schmuckkasten malte. Oder auch andere Altarbilder. Ich war so fixiert auf die flämische Portätkunst und die Entwicklungen in der Renaissance, dass ich den geschichtlichen Zusammenhang völlig durcheinander gebracht habe.
    In den Uffizien gibt es einen Saal mit Darstellungen von Maria mit Kind von Duccio, Cimabue und Giotto, wo man die Entwicklung der Darstellung der individuellen Gesichter (der Engel) sehen kann. Bei Duccio (?; jetzt zweifle ich langsam aber wirklich an mir) sehen die Engel alle aus wie Maria, bei Giotto (?) hat jeder schon ein "eigenes" Gesicht. Da habe ich mich dann irgendwie zu Memling bewegt, 100 Jahre ausgelassen, Luther ein wenig früher auf den Plan gerufen und ansonsten will ich nur die Weltherrschaft an mich reissen :motz: :angry: :untertauch:.


    Ich danke für die Richtigstellungen, bitte alle Eltern schulpflichtiger Kinder und alle die, die meinen vorangegangenen Beitrag gelesen haben, um Verzeihung für die ZEitverschwendung und wünsche allen einen schönen Tag :pfeif:.


    @ Joseph II: Echt schöner Thread! :wacky: :faint:

  • Nun mal nicht allzuviel Asche aufs Haupt. So viel Blödsinn hast Du ja gar nicht geschrieben. Zum einen: natürlich hat Memling auch Sakralbilder gemalt, Das hat auch in der Zeit nach Memling nicht aufgehört. In der Summe ist aber sicherlich auch richtig, daß von Memling sehr viele Protraits erhalten sind. Einen weiteren großen Anteil an seinem Schaffen haben Bilder für die private Andacht, also die ganzen Klappaltärchen, mit einer Madonna auf der rechten Tafel und dem Auftraggeber auf der linken Tafel. Und die Madonnen waren bei ihm ziemliche Massenware. Greifen wir einfach mal den flämischen Namen für Maler auf: "Schilderer", dann wir die Tradition ersichtlich. Hier ist die Bezeichnung für jene Kunsthandwerker, die Wehrschilde ausgestaltet hatten, deutlich ausgeweitet worden.


    Die Besonderheit ist allerdings, daß die flämischen Maler der Kirche munter Sand in die Augen streuten, wie Alfred Andersch das in seinem Brügge-Aufsatz so nett genannt hatte: in der ganzen Pracht, mit der einige flämische Maler des 15. Jh. ihre Bilder malten, ging die Tatsache unter, daß die Auftraggeber auch von Sakralbildern sich auf eine Ebene mit den Heiligen stellten. Man schaue einfach einmal genacu hin, wie sich Gregor van der Paele aud dem van Eyck-Gemälde zwischen den Namenspatron St. Georg und den Madonnenthron quetscht. Und das auch noch in weißem Gewand. Man muß ja bedenken: Wenn eine solches Bild in einer Kirche hing (das Bild hing urspr. in der Privatkapelle van der Paeles), dann fiel wenig Licht darauf. Da die Farben aber alle lasierend auf weißem Grund aufgetragen worden waren, stellte sich auch bei schwacher Beleuchtung eine Lichreflektion ein. Der gute Kanonikus dürfte sich seinem Bild mit einem Kerzenhalter genähert haben. Unter solchen Umständen sticht die weiße Figur ungemein aus dem Rest des Bildes hervor. Das dürft sogar der extrem schlechtsichtige alte Herr wahrgenommen haben.


    So gesehen ist Deine Beobachtung, lieber Louis, gar nicht falsch; zwar blieben die Heiligen, die Menschen aber gesellten sich auf Augenhöhe zu ihnen. Aus war's mit er hieratischen Proportion.


    Das Darstellen von Heiligen mit Attributen war auch in der flämischen Malerei geläufig. Zum Enträtseln müssen heutige allerdings oftmals die "Legenda Aurea" des Jakob von Voragines bemühen.


    Bei der Konfession der Flamen darf ich korrigieren: während sich die nördlichen Niederlande sich von Spanien lösen konnten (und protestantisch wurden), ist Flandern immer katholisch geblieben (wenn man heute nach Brügge fährt möchte man fast sagen bigott-katholisch).


    Die sogen. "Flämischen Primitiven", zu den nvan Eyk, Memling, Hugo van der Goes oder Rogier van der Weyden zählen (der fiese Begriff geht meiner Erinnerung nach auf Giorgio Vasari zurück, der natürlich nur alles Italienische loben konnte) darf man auch durchaus zur Renaissance schlagen.


    Und da ich nun schon so viel von Jan van Eyck geschwätzt habe: schon der hat perfekt protraitiert. Philip der Gute von Burgund hatte ihn t. B. nach Portugal geschickt, um die Infantin zu malen, um deren Hand der König anhielt, um vor der Hochzeit zu wissen, wie die Braut denn aussieht.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Was ihr jedenfalls, sofern noch nicht geschehen, tun solltet, ist, folgendes Buch lesen, in dem ein (erfundener) Maler eine gewisse Rolle spielt:


    Leo Perutz: Der Meister des Jüngsten Tages




    :jubel:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)



  • Hi,


    der Tip ist Gold wert. Ich habe in diesem Forum schon desöfteren auf die Schmöker von Leopold Perutz aufmerksam gemacht, dessen Werk zwischen 33 und 45 im deutschsprachigen Raum verboten war und dessen hartnäckige Weigerung irgendwelche autobiographischen Mitteilungen zu machen oder gar Interviews zu geben nicht gerade dazu beigetragen hat, daß sich die Literatukritik und damit die Öffentlichkeit nach 45 seinem Werk angenommen hätte. Seit den 80ern erscheinen seine Bücher erfreulicherweise jedoch wieder, ursprünglich bei Zsolney, dann Rowohlt und nun offenbar auch bei dtv.


    Gruß