Richard Strauss und seine Lieder

  • Adolf Friedrich Graf von Schack wurde 1815 in Schwerin geboren und starb 1894 in Rom. Er ist Kunstfreunden in der Hauptsache wohl durch seine Kunstsammlung ein Begriff, die etwa 200 Bilder von Arnold Böcklin, Anselm Feuerbach, Moritz von Schwind, Franz von Lenbach... enthält.


    Schack war ursprünglich ein Mann der Sprache und Literatur. Bereits als Schüler lernt er einige Fremdsprachen und während seines Jurastudiums kamen noch andere hinzu, Arabisch, Persisch und Sanskrit. Er war sehr mobil, und wo sich Schack auch aufhielt, stets traf er Dichter, Wissenschaftler und andere interessante Leute.
    Aber der Name Schack ist auch eng mit dem Liedschaffen von Richard Strauss verbunden, weil der Komponist einige seiner Texte vertonte, die heute zu den bekanntesten Strauss-Liedern gehören. Allerdings würde ich die hier von Thomas Hampson ausgewählten Lieder nicht dazu zählen, es war schließlich auch nicht die Intention des Sängers, der den Gesamtablauf dieses Liederabends auf CD im Auge hatte.


    In dieser Schaffensphase -» Winternacht« entstand 1886, »Mein Herz ist stumm, mein Herz ist kalt« 1888 - vertonte Strauss zeitgenössische Dichter.
    Thomas Hampson hat zur Fortsetzung seines Programms nun zwei Texte von Adolf Friedrich Graf von Schack ausgewählt, die weniger bekannt sind.
    Jäh wird man durch das kurze Klaviervorspiel aus der beschaulichen Stimmung der Abenddämmerung gerissen, die Musik unterstreicht deutlich die im Text ablesbare Szene.


    Das Lied beginnt mit kräftigen und raschen Klavierschlägen; zwischen der ersten und zweiten Strophe pausiert die Singstimme kurz, während die beiden letzten Strophen praktisch zusammengefasst werden. Dann klingt das Lied weniger aufgeregt aus als es begonnen hat, die beiden letzten Zeilen scheinen dem Komponisten wichtig zu sein, denn sie werden wiederholt.
    Winternacht
    Mit Regen und Sturmgebrause
    Sei mir willkommen, Dezembermond,
    Und führ mich den Weg zum traulichen Hause,
    Wo meine geliebte Herrin wohnt!


    Nie hab' ich die Blüte des Maien,
    Den blauenden Himmel, den blitzenden Tau
    So fröhlich gegrüßt wie heute dein Schneien,
    Dein Nebelgebräu und Wolkengrau.


    Denn durch das Flockengetriebe,
    Schöner, als je der Lenz gelacht,
    Leuchtet und blüht der Frühling der Liebe
    Mir heimlich nun in der Winternacht.
    Leuchtet und blüht der Frühling der Liebe
    Mir heimlich nun in der Winternacht
    .


    Ganz verhalten beginnt das folgende Stück. In der Kälte des Winters werden alte Erinnerungen wachgerufen. Das Lied entwickelt in der Mitte eine schöne Melodie, um aber dann mit der Feststellung, dass das alternde Herz nicht mehr jung wird, in Resignation zu versinken - die Singstimme wiederholt, kaum hörbar, zum Schluss nochmal die erste Zeile des Gedichtes.


    Mein Herz ist stumm, mein Herz ist kalt
    Mein Herz ist stumm, mein Herz ist kalt,
    erstarrt in des Winters Eise;
    bisweilen in seiner Tiefe nur wallt
    und zittert und regt sich's leise.


    Dann ist's, als ob ein mildes Tau'n
    die Decke des Frostes breche;
    durch grünende Wälder, blühende Au'n
    murmeln von neuem die Bäche.


    Und Hörnerklang, von Blatt zu Blatt
    vom Frühlingswinde getragen,
    dringt aus den Schluchten ans Ohr mir matt,
    wie ein Ruf aus seligen Tagen.


    Doch das alternde Herz wird jung nicht mehr,
    das Echo sterbenden Schalls
    tönt ferner, immer ferner her,
    und wieder erstarrt liegt alles.
    Mein Herz ist stumm, mein Herz ist kalt.

  • Das Lied stammt aus »Schlichte Weisen« Opus 21 und ist das vierte von insgesamt fünf Liedern. Das Notenblatt ist mit "Allegretto con moto" überschrieben.
    Felix Dahns Werke umfassen mehr als 30.000 Druckseiten; nachgeprüft habe ich das nicht, aber es ist glaubwürdig, wenn man sich mit seinem Lebenslauf befasst. Sein Geschichts-Roman »Ein Kampf um Rom« und andere Werke müssen in den vorigen Generationen sehr bekannt gewesen sein.
    Neben dem damals recht populären Emanuel Geibel gehörten sowohl Schack als auch Felix Dahn dem Münchner Dichterkreis an, der von König Maximilian gefördert wurde. Also ist es nicht verwunderlich, dass Strauss nach Texten von Leuten aus diesem Kreis griff.


    Ebenso ist nachvollziehbar, dass Hampson nach dem vorigen Lied die Stimmung etwas auflockern möchte - und das gelingt... wenn die Schimmel angespannt werden, wird die Musik gleich lebhafter, das Klavier trabt mit und Pferdegetrappel begleitet viele Textzeilen und der Hörer hat das Bild auch akustisch vor sich, wie zum Beispiel bei den Peitschenschlägen. Bei »komm heraus« meint man sogar ein Lächeln zu hören.
    Es hat mich dann doch interessiert, wie sich das Lied bei Dietrich Fischer-Dieskau (den ich sehr schätze) anhört; Hampsons macht nach meinem Empfinden auf dem Kutscherbock die bessere Figur.


    Ach weh mir unglückhaftem Mann


    Ach weh mir unglückhaftem Mann,
    daß ich Geld und Gut nicht habe,
    sonst spannt’ ich gleich vier Schimmel an
    und führ’ zu dir im Trabe.


    Ich putzte sie mit Schellen aus,
    daß du mich hört’st von weitem,
    ich steckt’ ein’n großen Rosenstrauß
    an meine linke Seiten.


    Und käm’ ich an dein kleines Haus,
    tät’ ich mit der Peitsche schlagen,
    da gucktest du zum Fenster ’naus:
    Was willst du? Tät’st du fragen.


    Was soll der großen Rosenstrauß,
    die Schimmel an dem Wagen?
    Dich will ich, rief’ ich, komm heraus!
    Da tät’st du nimmer fragen.


    Nun, Vater, Mutter, seht sie an
    und küßt sie rasch zum Scheiden,
    weil ich nicht lange warten kann,
    meine Schimmel wolln’s nicht leiden.


    Ach weh mir unglückhaftem Mann,
    daß ich Geld und Gut nicht hab’.
    Felix Dahn

  • Im Opus 27 findet man vier Lieder. Diese sind ein Hochzeitsgeschenk, das Richard Strauss seiner Frau, der Sängerin Paula de Ahna, macht. Dieses Lied hat sehr persönliche Bezüge, denn vor der Verlobung ging es bei dem jungen Paar recht turbulent zu.
    Das Notenblatt ist mit der Anweisung "Langsam" überschrieben - und genau so beginnt es, langsam und ganz ruhig. Dennoch ist die Singstimme in einigen Zeilen gefordert, was dann auch mal einen gestandenen Wagner-Tenor reizt, das Lied zu singen, zum Beispiel Ben Heppner. Richard Strauss hat dieses Lied auf seine alten Tage 1948 noch orchestriert.


    Der Text stammt von Karl Friedrich Henckell, der 1864 in Hannover geboren wurde und 1929 in Lindau (Bodensee) starb. Henckell studierte Philosophie, Philologie und Nationalökonomie in Berlin, Heidelberg, Leipzig, München und Zürich.
    Im Laufe der Jahre erwarb er sich den Ruf eines Arbeiterdichters, sein erster Gedichtband erschien 1885. Er zog als Dichter sozialkritischer Gedichte durchs Land und hielt Lesungen. Von Differenzierungen hielt er wenig - Der Reiche war böse (wobei interessant ist, dass sein Bruder ein reicher Konservenfabrikant war), der arme Arbeiter war der Gute. In Berlin hatte man seine Gedichte aufgrund der Sozialistengesetze als "gemeingefährlich" verboten. Übrigens bestanden auch Kontakte Henckells zum Dichter der beiden nächstfolgenden Lieder, die von John Henry Mackay stammen.


    Das alles sieht man dem folgenden Text nicht an und die Musik verhält sich auch überwiegend ruhig. Nach einigen Klaviertakten beginnt die Singstimme eher verhalten und während der nächsten Zeilen, bis "deine Stürme gingen wild", hältt sich der Pianist sehr zurück. Wenn die Brandung schwillt, kommt etwas Bewegung in die Sache und die gewaltigen Zeiten, die Herz und Hirn in Not bringen, werden mit voller Stimme gesungen, die expressivste Stelle liegt auf "Not" - umso kontrastreicher ist die doppelte Ruhe danach. "Und vergiß" wird wiederholt. Wenn die Singstimme endet, folgen nur noch wenige, zaghafte Klaviertakte. Auch in diesem Vortrag setzt Hampson die Bandbreite seiner stimmlichen Möglichkeiten gut ein.


    Ruhe, meine Seele!
    Ruhe, meine Seele!
    Nicht ein Lüftchen
    Regt sich leise,
    Sanft entschlummert
    Ruht der Hain;
    Durch der Blätter
    Dunkle Hülle
    Stiehlt sich lichter
    Sonnenschein.
    Ruhe, ruhe,
    Meine Seele,
    Deine Stürme
    Gingen wild,
    Hast getobt und
    Hast gezittert,
    Wie die Brandung,
    Wenn sie schwillt.
    Diese Zeiten
    Sind gewaltig,
    Bringen Herz
    Und Hirn in Not --
    Ruhe, ruhe,
    Meine Seele,
    Und vergiß,
    Und vergiß
    Was dich bedroht!


    Karl Friedrich Henckell

  • Lieber hart, liebe Freunde, die sich gern mit Liedern beschäftigen! Darf ich diesen Thread mit einer kurzen Mitteilung unterbrechen, die ich hier besser aufgehoben sehe als bei den Neuerscheinungen. Es ist angekündigt eine neue Gesamtaufnahme - wenn es denn tatsächlich eine ist ?( - der Klavierlieder. Sie soll am 150. Geburtstages von Strauss in Garmisch präsentiert werden.


    Das neue Handbuch habe ich angeschafft. Es widmet den Liedern ein umfangreiches Kapitel - sehr informativ, sehr übersichtlich. Betrachtet werden die Textvorlagen, die Unterschiede zwischen Klavier- und Orchesterliedern etc. Neu für mich ist, dass Strauss Schuberts "Ganymed" orchestriert hat. Ich kann das Buch nur bestens empfehlen, wenngleich es hier und da auch kleine Informationslücken gibt.


    In diesem Sinne herzlichen Gruß von Rheingold

    Rheingold 1876

  • Lieber Rheingold,
    das sind immer wichtige Informationen - schönen Dank! Taufrische Aufnahmen von Brigitte Fassbaender werden das vermutlich nicht sein, aber ich glaube schon, dass einiges dabei ist, das ich nicht kenne. So habe ich zum Beispiel noch nie ein von Christian Elsner gesungenes Strauss-Lied gehört; von Markus Eiche auch nicht, den kenne ich von seiner Zeit am Nationaltheater Mannheim. Also warten wir die wenigen Tage noch ab, dann wissen wir genau Bescheid.

  • Rudolf Steiner veröffentlichte im Hochzeitsjahr von Richard Strauss einen Beitrag, in dem er folgendes ausführt:


    »Man hat Mackay einen Tendenzdichter genannt. Die das tun, zeigen, dass sie weder das Wesen der Tendenzdichtung richtig beurteilen, noch das Verhältnis des Dichters Mackay zu der von ihm vertretenen Weltanschauung kennen«


    John Henry Mackay wird mit dem Erscheinen seiner Gedichte »Sturm« im Jahre 1888 der »erste Sänger der Anarchie« genannt.
    Wenn heutzutage das Wort »Anarchie« benutzt wird, dann hat das stets eine durch und durch negative Bedeutung, da lässt sich dann auch keine Beziehung zu diesen Mackay-Texten herstellen, aber neben weltanschaulichem Pathos gibt es auch solche eleganten Tonlagen, die Richard Strauss dankbar aufgriff.


    John Henry Mackay wurde 1864 in Schottland geboren, verbrachte jedoch seine frühe Kindheit in Saarbrücken, weil der Vater früh starb und die deutsche Mutter wieder zurück in ihre Heimat ging.
    Er absolvierte eine Lehre als Verlagsbuchhändler und hörte einige Semester Philosophie an den Universitäten Kiel, Leipzig und Berlin. In einer Publikation kann man lesen:
    »vier Gedichte des Anarchisten John Henry Mackay führte Strauss zu Weltruhm« Na, ja... in der Tat sind das Stücke, die Strauss bei einem breiten bürgerlichen Publikum bekannt machten, und das junge Ehepaar Strauss tat das Seinige dazu. In einem Konzert in München, am 17. Oktober 1899, zum Beispiel, traten die beiden gemeinsam auf und Pauline Strauss-de Ahna sang - neben anderen Liedern - auch »Morgen« und »Heimliche Aufforderung«


    Gerade auf diese beiden Lieder trifft zu was Ernst Krause zum Wesen der Strauss-Lieder gesagt hat:
    »Welch melodischer Reichtum innerhalb der Welt poetischer Kleinformen! Welches Formgefühl und welcher Sinn für seelisch sublimierte Empfindungen! Welche Lebhaftigkeit der Phantasie, Freude an bildhafter Anschaulichkeit und sinnlicher Fülle«


    Thomas Hampson stellt das Lied »Heimliche Aufforderung«, dessen Noten mit »Lebhaft« überschrieben sind, vor das äußerst sensible Stück »Morgen!«. Das Wort »Langsam« steht hier drüber und für die Singstimme sind in der ersten Minute überhaupt keine Noten geschrieben, erst dann gesellt sich die Stimme zum Klavier. Am Ende der zweiten Strophe hört man dann fast stummes Schweigen...es ist eines der innigsten Lieder, die im Konzertsaal zu hören sind.


    Heimliche Aufforderung op. 27/3 (1894)
    Auf, hebe die funkelnde Schale empor zum Mund,
    und trinke beim Freudenmahle dein Herz gesund.
    Und wenn du sie hebst, so winke mir heimlich zu,
    dann lächle ich und dann trinke ich still wie du...


    Und still gleich mir betrachte um uns das Heer
    der trunknen Schwätzer -- verachte sie nicht zu sehr.
    Nein, hebe die blinkende Schale, gefüllt mit Wein,
    und lass beim lärmenden Mahle sie glücklich sein.


    Doch hast du das Mahl genossen, den Durst gestillt,
    dann verlasse der lauten Genossen festfreudiges Bild,
    und wandle hinaus in den Garten zum Rosenstrauch,
    dort will ich dich dann erwarten nach altem Brauch,


    und will an die Brust dir sinken, eh du's gehofft,
    und deine Küsse trinken, wie ehmals oft,
    und flechten in deine Haare der Rose Pracht.
    O komm, du wunderbare, ersehnte Nacht!


    Morgen! op. 27/4 (1894)
    Und morgen wird die Sonne wieder scheinen,
    und auf dem Wege, den ich gehen werde,
    wird uns, die Glücklichen, sie wieder einen
    inmitten dieser sonnenatmenden Erde . . .


    Und zu dem Strand, dem weiten, wogenblauen,
    werden wir still und langsam niedersteigen,
    stumm werden wir uns in die Augen schauen,
    und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen. .

  • Wieder bedient sich Richard Strauss aus dem Reservoir zeitgenössischer Dichter. Dieser umtriebige Dichter war Jahrgang 1865 - also fast gleichaltrig mit Strauss - und in vielen Funktionen unterwegs: Journalist, Redakteur, Schriftsteller und Librettist.


    Er hatte in Zürich, München, Berlin und Leipzig Jura und Philosophie studiert, blieb aber ohne Abschluss. Er schrieb nach seinem Studium - auch unter den Pseudonymen Martin Möbius und Simplicissimus - Rezensionen, wurde Redakteur und später Herausgeber verschiedener Zeitschriften.
    Seine 1901 erschienene Gedichtsammlung »Irrgarten der Liebe« war in einer großen Auflage recht schnell vergriffen; einige Jahre später hat er dann diese Sammlung in erweiterter Form erneut präsentiert.
    Otto Julius Bierbaum war zu Lebzeiten ein sehr erfolgreicher Mann, zählt aber heute zu den vielen vergessenen Dichtern des Fine de siécle, bleibt aber vermutlich unvergessen, weil man sich nicht vorstellen mag, dass auch diese schöne Strauss-Komposition einmal vergessen sein könnte. Als Bierbaum gestorben war schrieb Thomas Mann:»Es könnte sein, daß manch sangbares Lied seines Mundes noch lebt, wenn vieles, was heute wichtiger dünkt, vergessen ist.«
    Bierbaum genoss das Leben und nannte sich selbst einen Adoranten der Schönheit; man sagt, es sei eine bewusst in Kauf genommene Portion Oberflächlichkeit gewesen, die seinem Wesen entsprach.


    »Traum durch die Dämmerung« erscheint immer wieder auf Konzertprogrammen und es ist nicht verwunderlich, dass auch Thomas Hampson dieses wohlklingende Lied ausgewählt hat, das in sein gewähltes Nachtthema passt.
    Das Notenblatt ist mit "sehr ruhig" überschrieben, und so beginnt das Lied auch mit einem ganz kleinen "nebligen" Vorspiel. Piano und Singstimme tragen das Lied sehr verhalten vor.
    Wenn man den gedruckten Text vor Augen hat, erwartet man nach der fünften Zeile eine Pause, aber die Musizierenden beachten diese Leerzeile kaum. Die letzten beiden Zeilen werden im Ton etwas intensiver angeboten, dann klingt das Lied mit der Wiederholung von drei Zeilen leise aus, wobei zum Schluss aus dem blauen milden Licht ein mildes blaues Licht wird. Mit einem winzigen kleinen Anschlag hat das Klavier das letzte Wort.


    Traum durch die Dämmerung
    Weite Wiesen im Dämmergrau;
    die Sonne verglomm, die Sterne ziehn,
    nun geh' ich hin zu der schönsten Frau,
    weit über Wiesen im Dämmergrau,
    tief in den Busch von Jasmin.


    Durch Dämmergrau in der Liebe Land;
    ich gehe nicht schnell, ich eile nicht;
    mich zieht ein weiches samtenes Band
    durch Dämmergrau in der Liebe Land,
    in ein blaues mildes Licht.
    ich gehe nicht schnell, ich eile nicht;
    durch Dämmergrau in der Liebe Land,
    in ein mildes blaues Licht.

  • Friedrich Adolf Axel Freiherr von Liliencron wurde 1844 in Kiel geboren, den Namen Detlev fügte er später - 1879 - selbst dazu. Von Kindesbeinen an wollte der aus verarmtem Kleinadel stammende Dichter Soldat werden und so diente er als Offizier in der preußischen Armee. Schulden, die sein Leben über weite Strecken begleiteten, waren der Grund Europa zu verlassen, er versuchte sein Glück in Amerika, wo er sich etwa zwei Jahre mit wechselnden Beschäftigungen durchschlug. Als Schriftsteller und Dichter betätigte er sich relativ spät, bei ersten Aktivitäten dieser Art war er schon fast 40 Jahre alt. Im Laufe seines Lebens schließt er drei Ehen und Freundschaften mit Richard Dehmel, Gustav Falke, Otto Julius Bierbaum, Otto Ernst, Harry Graf Kessler und vielen anderen. Karl Kraus ist von ihm begeistert, Thomas Mann lobt ihn, Fontane unterstützt ihn und viele seiner Gedichte werden vertont, dieses »Sehnsucht« von zwei großen Komponisten dieser Zeit: Richard Strauss und Hans Pfitzner.
    Zu seinem 60. Geburtstag war er ein geehrter Mann und Rilke sandte extra ein Geburtstagsgedicht. 1905 veröffentlichte eine Wochenzeitschrift eine Liste der beliebtesten Künstler der Gegenwart, da war Detlev von Liliencron zwischen Wilhelm Busch und Richard Strauss an vierter Stelle zu finden... Richard Strauss vertonte »Sehnsucht« im Jahre 1896.
    Man liegt wohl nicht falsch, wenn man dieses Lied den weniger bekannten Strauss-Liedern zuordnet; es fehlt die zündende Melodie; wo soll die auch herkommen, bei so viel Einsamkeit, zumindest zum Liedbeginn, wo kein Mensch zu sehen ist. Erst dann kommt die Liebe ins Spiel "nur dich" wird durch Wiederholung verstärkt, dann dreimal, jeweils am Strophenende, "Ich liebe dich", wobei die letzten drei Worte mit großem Atem gesungen werden, dann verabschiedet sich das Klavier ganz leise und immer leiser - zum Ende kaum noch hörbar.


    Thomas Hampson interpretiert dieses Lied aus der Position eines lebenserfahrenen Mannes; ich habe mir das Stück mal von Grace Bumbry (auf YouTube) angehört, in dieser Darbietung blickt das Auge viel kälter und das letzte "liebe" ist auch von andrer Art.


    Sehnsucht
    Ich ging den Weg entlang, der einsam lag,
    Den stets allein ich gehe, jeden Tag.
    Die Heide schweigt, das Feld ist menschenleer,
    Der Wind nur webt im Knickbusch vor mir her.


    Weit liegt vor mir die Straße ausgedehnt,
    Es hat mein Herz nur dich ersehnt.
    Und kämest du, ein Wunder wär's für mich,
    Ich neigte mich vor dir: Ich liebe dich.


    Und im Begegnen nur ein einzger Blick,
    Des ganzen Lebens wär es mein Geschick.
    Und richtest du dein Auge kalt auf mich,
    Ich trotze, Mädchen, dir: Ich liebe dich!


    Doch wenn dein schönes Auge grüßt und lacht,
    Wie eine Sonne mir in schwerer Nacht,
    Ich zöge rasch dein süßes Herz an mich
    Und flüstre leise dir: Ich liebe dich!

  • Ihr Lieben,
    ich ignoriere alles, was hier schon geschrieben steht.
    Für mich ist Strauss der Liedkomponist schlechthin.
    Wegen der Zerbrechlickeit, mit der seine Musik den jeweiligen Text umschmeichelt.
    Suche ich Schönheit, dann finde ich sie stets hier.
    Absoluter Höhepunkt für mich der Mitschnitt mit der Schwarzkopf, dem Cleveland Orchestra unter George Szell von 1968.
    Sind "Die vier letzten Lieder", worum es aber nicht geht. Strauss' Quasi-Naivität, mit dem Text umzugehen, ist es.
    Wie gesagt: das zerbrechliche Klanggewebe, das den Text umschmeichelt...für mich der Inbegriff von Schönheit.
    Es gibt nichts Perfektes auf dieser Welt- als ein Strauss-Lied.


    Herzliche Grüße,
    Mike

  • Kann ich unterstreichen. Ich höre praktisch überhaupt keine Lieder, aber die vier letzten andauernd. Die besten die ich kenne sind die von Barbara Krieger mit den Berliner Symphonikern unter Heiko Mathias Förster.

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Zit.: „Es gibt nichts Perfektes auf dieser Welt- als ein Strauss-Lied.“

    Oh! In großer Versuchung bin ich, zu derlei Äußerungen über die Lieder von Richard Strauss kommentierend Stellung zu nehmen. Ich muss aber widerstehen! (hab mich schon genug unbeliebt gemacht).


    Anzumerken wäre freilich:
    Von „dem Strauss-Lied“ zu sprechen, ist rein sachlich problematisch. Denn das Spektrum seiner Liedkompositionen ist sehr groß und streut in der Qualität sehr stark. Ein Lied wie „Der Arbeitsmann“ auf einen Text von Dehmel (siehe oben Beitag 61) ist - aus meiner Sicht - in seiner musikalischen Qualität meilenweit entfernt von solchen Liedern wie „Morgen“ oder „Heimliche Aufforderung“.


    Aber darum geht es mir hier nicht. Man kann die Lieder von Richard Strauss – wie gerade hier geschehen - in den Himmel heben. Dagegen möchte ich gar keinen Einspruch erheben.
    Wohl aber zu der Feststellung:


    Zit: „…Strauss' Quasi-Naivität, mit dem Text umzugehen, ist es.“

    Sie ist aus meiner Sicht nicht haltbar. Dies vom grundlegenden liedkompositorischen Konzept her, das Richard Strauss verfolgt und musikalisch umgesetzt hat. In den hier erwähnten "Vier letzten Liedern" kann man das in der Art und Weise, wie er mit den jeweiligen lyrischen Texten umgeht, sehr gut aufzeigen. Genauso gut ginge das natürlich auch bei einem Lied wie "Heimliche Aufforderung" oder "Morgen".
    Ginge ...

  • »Klopstock gab der deutschen Sprache neue Impulse und kann als Wegbereiter für die ihm folgende Generation angesehen werden.« - so ist es in Wikipedia zu lesen. Also ein allgemein geachteter Mann, dem auch vom jungen Lessing im Prinzip gehuldigt wurde.
    In Liebesdingen war Klopstock durchaus erfahren. Da war die leidenschaftliche Liebe zu Maria-Sophia Schmidt in der Zeit 1748-1750, wo er nach seinem Theologiestudium als Hauslehrer in Langensalza tätig war, um seiner geliebten Cousine nah zu sein. Aber dieses Gedicht wird auch mit seiner späteren Frau Margareta (Meta) Moller in Verbindung gebracht, üppige Briefwechsel der beiden gewähren tiefe Einblicke...
    Die schon zu Lebzeiten geachtete Dichterin Meta Moller ist eine enthusiastische Anhängerin der Dichtung Klopstocks. Sie lernen sich 1751 kennen, 1752 wird Verlobung gefeiert und zwei Jahre später geheiratet.
    »Das Rosenband« entstand im Jahre 1753. Bereits1758 stirbt Margareta Klopstock bei der Geburt ihres Sohnes.


    Was stellt sich der Konzertbesucher unter so einem Rosenband vor? War es bemalt, bestickt oder bedruckt? Das scheint aber auch nicht besonders wichtig zu sein, weil es hier eher um die symbolische Handlung und nicht um technische Belange geht.


    Da Klopstock einer der bekannten Dichter ist, wurden seine Texte oft vertont, so auch das Gedicht »Das Rosenband« . Nicht nur Richard Strauss machte daraus ein Lied, sondern auch Carl Friedrich Zelter, Franz Schubert, Alexander Zemlinsky und andere mit weniger bekanntem Namen, wie zum Beispiel Edward MacDowell, der in diesem Zusammenhang interessant ist, weil es von Hampson auch eine CD gibt, wo er »Das Rosenband« in der Version dieses amerikanischen Komponisten singt.


    Zum Vergleich Schubert / Strauss sagte Dietrich Fischer-Dieskau einmal:
    »Im op. 36 fesselt die Rokokomanier des Rosenbandes nach Klopstock, in seiner ironischen Künstlichkeit faszinierend im Vergleich zu Schuberts stilistisch so viel näherer und getreuerer Vertonung«


    Die Strauss-Vertonung (1897) ist mit »Andante« überschrieben; und so durchschreitet Thomas Hampson nach einer kurzen Klaviereinleitung ruhigen Schrittes den Text. Jeweils nach der ersten und zweiten Strophe folgt ein klitzekleines Zwischenspiel - »und um uns« scheint wichtig zu sein, denn es wird wiederholt. Das Wort Elysium dehnt der Sänger in einer Art und Weise, dass man dem Vortragenden glauben kann, dass er sich im Besitz vollkommenen Glücks fühlt, danach verabschiedet sich das Piano auf leisen Sohlen.

    Das Rosenband
    Friedrich Gottlieb Klopstock


    Im Frühlingsschatten fand ich Sie;
    Da band ich Sie mit Rosenbändern:
    Sie fühlt' es nicht, und schlummerte.


    Ich sah sie an; mein Leben hing
    Mit diesem Blick an Ihrem Leben:
    Ich fühlt' es wohl, und wußt' es nicht.


    Doch lispelt' ich Ihr sprachlos zu,
    Und rauschte mit den Rosenbändern:
    Da wachte Sie vom Schlummer auf.


    Sie sah mich an: Ihr Leben hing
    Mit diesem Blick' an meinem Leben,
    Und um uns ward's Elysium.

  • »Zwei Lieder« mag man in diesem Falle in der Überschrift nicht schreiben, denn dieses «Notturno« geht weit über das hinaus was man von einem Lied normalerweise erwartet.
    Thomas Hampson hat für seine Strauss-CD zwei Texte von Richard Dehmel ausgewählt, der bereits zu seinen Lebzeiten der meistkomponierte Dichter war. Bis 1911 sollen schon mehr als 500 Vertonungen seiner Gedichte vorgelegen haben, so steht es in Publikationen zu lesen, nachgeprüft habe ich das nicht.


    Der Liedtext zu »Befreit« ist in diesem Thread im Beitrag Nr. 60 zu finden.
    Es ist zu vermuten, dass dieses Gedicht persönliche Bezüge hat. Dehmel widmet dieses Gedicht seiner Frau Paula zum Geburtstag, ein seltsames Geburtstagsgeschenk, denn die Trennung ist hier mehr als nur angedeutet. Vor der eigentlichen Trennung lag noch ein heftiger Flirt mit dem Dienstmädchen, das dann das Haus verlassen musste und zwei Jahre später tragisch endete. Danach kam der platonische Seitensprung mit Hedwig Lachmann und nun erst befreite sich der Dichter, um eine neue Ehe einzugehen.


    Aber der Schwerpunkt dieses Beitrags soll auf das zentrale Stück dieser CD - auf Notturno gelegt werden, das immerhin 13:35 Minuten auf dieser Scheibe beansprucht. Eigentlich für Orchester und tiefe Singstimme geschrieben, wird der Sänger hier zunächst vom Klavier begleitet und später gesellt sich dann noch die Geige hinzu.
    Das Werk widmete Strauss dem Wagnersänger Anton van Rooy; es entstand 1899 und wurde am 3. Dezember 1900 mit den Berliner Philharmonikern in Berlin uraufgeführt; in dieser Aufführung sang der Bassist Baptist Hoffmann.


    Das Notenblatt ist mit »Sehr langsam« überschrieben
    Ein dumpfer, lang nachhallender Klavierton - danach ein hellerer Ton und schon beginnt die Singstimme »Hoch hing der Mond...« Hampson singt nicht nur sehr langsam, sondern anfangs auch sehr leise. Während der ersten Strophe sind ab und an einzelne Klaviertöne zu hören, die an ein Totenglöckchen erinnern.
    Das Lied schildert eine Traumvision des Todes, der in Gestalt eines geliebten Freundes bei Mondschein mit seiner Geige erscheint. Musikalisch kommt dieses Stück auf weiten Strecken bitonal daher und schwankt ständig zwischen weit entfernten Tonarten. Kaum ist nach der ersten Strophe das Wort »Tod« gesungen, glaubt man einen klavierfremden Windhauch zu hören, der sich dann zum Geigenton entwickelt, der anschwillt und während des gesamten Stückes klagend erhalten bleibt. Mit einzelnen leisen Klavieranschlägen endet das Stück.
    Mit dem Text ist das so eine Sache - die »Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht« bietet den Text mit der Überschrift Erscheinung an, im Booklet zur CD ist das Stück mit Notturno überschrieben und so ist es ja auch als Opus 44/1 bei Strauss bekannt. Hier fehlt im gesungenen Text jedoch die erste Strophe und die letzte Zeile, ich kennzeichne das mal mit Roteinfärbung - zum Vergleich: Ganz unten dann der auf der CD von Hampson gesungene Text, der mehrere Abweichungen enthält.


    Erscheinung


    So müd hinschwand es in die Nacht,
    sein flehendes Lied, sein Bogenstrich;
    und seufzend bin ich aufgewacht.
    Wie hat er mich so sanft gemacht,
    so sanft und klar
    der Traum - und war
    doch also trüb und feierlich.


    Hoch hing der Mond; das Schneegefild
    lag weit und öde um mich her,
    wie meine Seele weit und leer.
    Und neben mir - so kalt und wild,
    so stumm und stolz wie meine Not,
    als wollt' er weichen nimmermehr,
    saß starr - und wartete - der Tod.


    Da kam es her, wie einst so mild,
    so bang und sacht,
    aus ferner Nacht;
    so kummerschwer
    kam seiner Geige Hauch daher,
    und vor mir stand sein stilles Bild.


    Der mich umflochten wie ein Band,
    daß meine Blüte nicht zerfiel
    und daß mein Herz die Sehnsucht fand,
    die große Sehnsucht ohne Ziel:
    so müd er nun, so trüb er stand,
    und stand so dumpf und feierlich,
    und sah nicht auf, noch grüßte mich, -
    nur seine Töne ließ er irr'n
    und weinen durch die bleiche Flur,
    und mir entgegen schaute nur
    auf seiner Stirn,
    ein Auge hohl und rot und fahl,
    der tiefen Wunde dunkles Mal.


    Und trüber quoll das trübe Lied,
    und quoll so heiß, und wuchs und schwoll,
    so heiß und voll
    wie Leben, das nach Liebe glüht, -
    wie Liebe, die nach Leben schreit,
    nach ungenoßner Seligkeit,
    so wehevoll,
    so wühlend quoll
    das strömende Lied und flutete, -
    und leise leise blutete
    und strömte mit
    auf seiner Stirne, rot und fahl,
    der tiefen Wunde dunkles Mal.


    Und müder glitt die müde Hand,
    und vor mir stand
    ein blasser Tag,
    ein ferner blasser Jugendtag,
    da dumpf im Sand
    zerfallen seine Blüte lag,
    da seine Sehnsucht sich vergaß
    in ihrer Schwermut Uebermaß
    und seiner Traurigkeiten müd
    zum Ziel Er schritt, -
    und lauter weinte auf das Lied,
    das mahnende Lied, und flutete,
    und seiner Saiten Klage schnitt
    und seine Wunde blutete
    und weinte mit
    in meiner Seele starre Not,
    als sollt' ich hören ein Gebot,
    als sollt' ich fühlen, was ich litt,
    und fühlen alles Leidens Schuld
    und alles Lebens süße Huld, -
    und also, blutend, wandt' er sich
    ins bleiche Dunkel - und verblich.


    Und bebend hört' ich hohl vergehn,
    entfliehn das Lied, und wie so zart
    so zitternd ward
    der langen Töne fernes Flehn, -
    und fühlte kalt ein Rauschen wehn
    und grauenschwer
    die Luft sich rühren um mich her,
    und wollte bebend doch ihn sehn,
    sein Lauschen sehn,
    Der wartend saß bei meiner Not,
    und wandte mich, - da lag es kahl.
    das weiße Feld: und still und fahl
    zog fern vondannen - auch der Tod.


    Hoch hing der Mond; und mild und müd
    hinschwand es in die leere Nacht,
    das flehende Lied, -
    und schwand und schied,
    des toten Freundes flehendes Lied;
    und seufzend bin ich aufgewacht.


    Im Booklet ist der Text so abgedruckt:


    Notturno


    Hoch hing der Mond; das Schneegefild
    lag bleich und öde um uns her,
    wie meine Seele bleich und leer,
    Denn neben mir, so stumm und wild,
    so stumm und kalt wie meine Not,
    als wollt´ er weichen nimmermehr,
    saß starr und wartete der Tod.


    Da kam es her wie einst so mild,
    so müd' und sacht
    aus ferner Nacht,
    so kummerschwer
    kam seiner Geige Hauch daher,
    und vor mir stand sein stilles Bild.


    Der mich umflochten wie ein Band,
    dass meine Blüte nicht zerfiel,
    und dass mein Herz die Sehnsucht fand,
    die große Sehnsucht ohne Ziel:
    da stand er nun im öden Land
    und stand so trüb´ und feierlich
    und sah nicht auf noch grüßte mich,
    Nur seine Töne ließ er irr'n
    und weinen durch die kühle Flur;
    und mir entgegen starrte nur
    aus seiner Stirn,
    als wär's ein Auge hohl und fahl,
    der tiefen Wunde dunkles Mal.


    Und trüber quoll das trübe Lied,
    und quoll so heiß, und wuchs, und schwoll,
    so heiß und voll
    wie Leben, das nach Liebe glüht,
    wie Liebe, die nach Leben schreit,
    nach ungenossner Seligkeit,
    so wehevoll,
    so wühlend quoll
    das strömende Lied und flutete;
    und leise, leise blutete und strömte mit
    in's bleiche Schneefeld rot und fahl,
    der tiefen Wunde dunkles Mal.


    Und müder glitt die müde Hand,
    und vor mir stand
    ein bleicher Tag,
    ein ferner, bleicher Jugendtag,
    Da starr im Sand
    zerfallen seine Blüte lag,
    da seine Sehnsucht sich vergaß,
    in ihrer Schwermut Übermaß
    und ihrer Traurigkeiten müd´
    zum Ziele schritt;
    und laut aufschrie das weinende Lied,
    das wühlende, und flutete,
    das seiner Saiten Klage schnitt,
    und seine Stirne blutete
    und weinte mit
    in meine starre Seelennot,
    als sollt' ich hören ein Gebot,
    als müsst ich jubeln, dass ich litt,
    als möcht´ er fühlen, was ich litt,
    mitfühlen alles Leidens Schuld
    und alles Lebens warme Huld --
    und weinend, blutend wandt' er sich
    ins bleiche Dunkel und verblich.


    Und bebend hört' ich mir entgehn,
    entfliehn sein Lied. Und wie so zart
    so zitternd ward
    der langen Töne fernes Flehn,
    da fühlt' ich kalt ein Rauschen wehn
    Und grauenschwer
    die Luft sich rühren um mich her,
    und wollte bebend nun ihn sehn,
    ihn lauschen sehn,
    der wartend saß bei meiner Not,
    und wandte mich -- : da lag es kahl,
    das bleiche Feld, und fern und fahl
    entwich ins Dunkel auch der Tod.


    Hoch hing der Mond, und mild und müd´
    hin schwand es in die leere Nacht,
    das flehende Lied,
    und schwand und schied,
    des toten Freundes flehendes Lied;

  • Über Otto Julius Bierbaum wurde bereits im Beitrag Nr. 97 etwas gesagt.
    In einem Buch fand ich zu diesem Dichter und seinem Komponisten einen netten Beitrag bezüglich dieses Textes:
    »...und auch entsprechend beliebte "Freundliche Version" von Bierbaum, deren ungeheure dichterische Anspruchlosigkeit durch Strauss liebenswürdig wird.«
    Das Lied entstand im Jahr 1900.


    Thomas Hampson hat das Programm seiner CD so eingerichtet, dass nach diesem aufwühlenden »Notturno« wieder etwas Ruhigeres geboten wird. Es ist eines der populären Strauss-Lieder. Der Komponist schreibt »Ruhig« drüber und Dietrich Fischer-Dieskau schreibt im Vorwort zu seinen Strauss-Liedern: »Freundliche Vision sollte aus der Nähe und leise genossen sein«
    Das Lied hat kaum ein nennenswertes Vorspiel, die beiden Interpreten bieten das ganz schlicht an, von musikalischen Höhepunkten ist nicht zu berichten, und gerade das macht wohl den Reiz dieses kleinen Liedes aus. Der Komponist gewährt noch eine Zugabe von zwei Zeilen, es sind Wiederholungen aus dem vorgegebenen Text, was hier durch Farbwechsel angedeutet ist. Ein Nachspiel gibt es nicht.


    Freundliche Vision
    Nicht im Schlafe hab' ich das geträumt,
    hell am Tage sah ich's schön vor mir:
    eine Wiese voller Margeriten;
    tief ein weißes Haus in grünen Büschen;
    Götterbilder leuchten aus dem Laube.
    Und ich geh' mit Einer, die mich lieb hat,
    ruhigen Gemütes in die Kühle
    dieses weißen Hauses, in den Frieden,
    der voll Schönheit wartet, dass wir kommen
    Und ich geh' mit Einer, die mich lieb hat,
    in den Frieden voll Schönheit.


  • Heute ist der 150. Geburtstag von Richard Strauss; da sollte man in diesem Thread nicht so einfach darüber hinweggehen...


    Mehr als vier Jahrzehnte hat er in Garmisch-Partenkirchen verbracht. Nach einer großen Konzerttournee, die Strauss durch Portugal, Spanien, Frankreich und die Schweiz führte, bezog die junge Familie am 30. Mai 1908 ihr neues Landhaus.
    Und in diesem Landhaus wurde nicht nur komponiert, sondern auch gesungen - Protagonisten waren die Hausherrin und sangestüchtige Gäste, wie man nachlesen kann.


    In ihren Memoiren berichtet die Sängerin Lotte Lehmann von einer Probestunde im Garmischer Arbeitszimmer des Komponisten und beschreibt, wie sich plötzlich die Tür öffnete und Frau Pauline hereinkam, die ihren Gatten unter Tränen umarmte. Diese Lieder - so vermutete Lotte Lehmann - mussten in beiden Erinnerungen geweckt haben, die niemand teilen konnte und die Erlebnisse einschlossen, die Außenstehenden nicht zugänglich waren.
    Auch der Bariton Hans Hotter war einige Male im Hause Strauss zu Gast und hat der Nachwelt einen Ausspruch des Komponisten übermittelt:
    »Meine Lieder sind mir von allem das Liebste...«


    Wer einen virtuellen Friedhofsbesuch in Garmisch machen möchte...

  • Danke für dieses Erinnern, lieber hart. Dafür ist hier der rechte Ort. Auch ich habe daran gedacht und sogar gestern bis in die späte Nacht hinein Strauss gehört, Lieder vor allem, das Melodram "Enoch Arden" und - ich weiß nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin - das von Strauss selbst dirigierte "Heldenleben". Heute Abend hat ARTE um 21.45 Uhr ein Strauss-Porträt im Programm. Schauen wir mal, wie das ausgefallen ist und ob auch die Lieder gebührend Erwähnung finden. Für mich persönlich sind die Lieder seit jeher die Basis seines Schaffens. Mit den Liedern erhole ich mich manchmal sogar von den anderen Werken, die ich nicht immer hören kann. Die Lieder werden mir nie zu viel. Ich hatte mir die weiter oben von mir angekündigten Sammlung aller Klavierlieder vorgenommen. Daraus stammt auch das Meldodram in einer neuen, von Brigitte Fassbaender gesprochenen Produktion. An den Lieder selbst habe ich große Freude, auch wenn die Vortragenden meist jung an Jahren sind. Mit Elsner und Banse sind auch durchaus gestandene Künstler dabei. Das sind alle Mitwirkenden: Anja-Nina Bahrmann, Julia Banse, Christiane Libor (Sopran) Michelle Breedt, Anke Vondung (Mezzo-Sopran), Jeongkon Choi, Christian Elsner, Benden Gunnell, Lucian Krasznec, Martin Mitterrutzner (Tenor), Markus Eiche, Manuel Walser (Bariton) Andreas Mattersberger (Bass). Nicht alle sind mir ein Begriff. In die Begleitung teilen sich Christoph Berner, Burkhard Kehring, Malcolm Martineau, Wolfram Rieger und Nina Schumann. Christoph Eß (Hornsolo), Yamei Yu (Violin-Solo). Die Instrumental-Solisten sind ein Hinweis darauf, dass es beispielsweise in den "Heiligen drei Königen" zum Schluss das Trompetensolo gibt. Ausgerechnet dieser Solist ist aber nicht genannt. In dieser Fassung hörte ich dieses Lied zum ersten Mal. So ist es wunderbar. Gewiss, es gibt tiefer empfundene, stilistisch perfektere Einspielungen der Strauss-Lieder. Mir gefällt, dass diese Sänger ihren eigenen Zugang suchen - und finden. Und das ist sehr gut so und auch nötig. Sie schütteln auch die Über-Väter und Über-Mütter ab, was in diesem Kontext nachvollziehbar ist. Mir sind die großen Namen, die ich sehr gut kenne, hoch verehre und in großen Mengen zusammengetragen habe, manchmal auch ein Hindernis, der aufstrebenden Sängergeneration gebührend Aufmerksamkeit und Gerechtigkeit zu geben. Ich möchte meine Neugierde aufrecht erhalten.


    In diesem Sinne liebe Grüße von Rheingold

    Rheingold 1876

  • Richard Strauss gebührt ein angesehener Platz in der Reihe der großen deutschsprachigen Liedkomponisten. Nicht so sehr wegen der schieren Quantität seines Liedschaffens – es umfasst immerhin ungefähr zweihundert Kompositionen -, auch nicht wegen der liedkompositorischen Innovation desselben – die ist im Vergleich mit solch wirkliche bedeutenden Liedkomponisten wie Schubert, Schumann und Hugo Wolf nur gering. Nein, der Platz gebührt ihm, weil es ihm als einzigem der sogenannten „Neudeutschen“ gelungen ist, das Kunstlied auf die große Bühne zu bringen und es zu einem „Podiumslied“ werden zu lassen, das schon zu seinen Lebzeiten überwältigenden Zuspruch beim Publikum fand. Strauss ist der erste – und wie ich meine: einzige! – Liedkomponist, der liedkompositorische „Schlager“ in die Welt zu setzen verstand. Man muss sie hier nicht auflisten. Der chronologisch erste dieser Kategorie war das erste Lied des Opus 10: „Zueignung“ (Text: Hermann Gilm).


    Aber, - und dieses „Aber“ ist eines, das zwar in durchaus subjektiven Erfahrungen mit dem Liedschaffen Straussens gründet, gleichwohl aber hier eingebracht werden darf, weil es, wie ich denke, ein erhellendes Licht auf das Wesen des Strauss-Liedes wirft. Die Lieder von Richard Strauss sind die einzigen, bei denen ich in der lebenslangen Beschäftigung mit dem Kunstlied die – durchaus eigenartige – Erfahrung machen musste, mich buchstäblich „übergessen“ zu haben. Das ist mir bei keinem anderen Liedkomponisten je passiert, obwohl ich mit dessen Liedern in bestimmten Lebensphasen ähnlich intensiv zugange war. Es kam, nachdem ich die Lieder von Richard Strauss sogar mit einem tragbaren Tonbandgerät, das mir für Aufnahmen aus den Rundfunksendungen diente, in eine Kneipe mitnahm, um sie dort voller Begeisterung Freunden vorzuführen, eine Zeit, in der ich keines von den so bekannten Liedern mehr hören konnte. Sie lösten regelrechten Überdruss bei mir aus.


    Natürlich weiß ich heute, was sich damals ereignete. Und ich weiß auch, dass ich Richard Strauss als Liedkomponisten nicht gerecht werde, wenn ich das Urteil über sein Liedschaffen auf diese individuelle und damit höchst subjektive Erfahrung stütze und damit perspektivisch verkürze. Dieses Liedschaffen ist nämlich in ungewöhnlich hohem Maße komplex, vielfältig und inhaltlich, wie liedkompositorisch breitbandig. Es gibt, und das muss an dieser Stelle auch festgestellt werden, kaum einen Liedkomponisten, der eine solche Vielfalt an thematisch wie kompositorisch unterschiedlichen Liedern hinterlassen hat. Es finden sich darunter die stillen, in ihrer kammermusikalischen Ausrichtung dem Wesen des Liedes sehr nahe kommenden Schöpfungen, aber daneben auch solche, die für die große Bühne gedacht sind und hinsichtlich ihrer klanglichen Expressivität alle melodischen, harmonischen und dynamischen Register ziehen.


    Die Bandbreite reicht, um das ein wenig zu konkretisieren, von den „Schlichten Weisen op.21“ über solche zu Recht berühmt gewordenen, weil klanglich betörenden Schöpfungen wie „Die Nacht“, „Allerseelen“, „Morgen“, „Heimliche Aufforderung“ und „Traum durch die Dämmerung“ – um nur ein paar davon hier zu nennen -, über die „Dehmel-Gesänge“ und die „Brentano-Lieder“ des Opus 68 bis hin zu den „Vier letzten Liedern als orchestrale Kompositionen. Dietrich Fischer-Dieskau hat völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass der „nur hörende Musikfreund“ „kaum eine Vorstellung vom Umfang und Gewicht dieses Liedwerkes“ habe, - eben deshalb, weil er im Konzertsaal und auf den einschlägigen Publikationen auf Tonträger „immer wieder dieselben zwanzig populären, todsicheren Nummern dargeboten“ bekomme.


    Stützt man sein Bild vom Liedkomponisten Richard Strauss auf eben diese Liedgruppe und nimmt sie dabei als gleichsam exemplarisch, dann wird dieses Bild schief. Das wird es, weil es der Komplexität und dem musikalischen Reichtum dieses Liedschaffens nicht gerecht wird. Gleichwohl darf in einer solchen Würdigung desselben nicht verschwiegen werden, dass der Liedkomponist Richard Strauss von Anfang an und bis heute auf vielerlei Kritik stieß, die man nicht allesamt als sachlich unbegründet und unberechtigt abtun kann. Dietrich Fischer-Dieskau hat den Kern dieses Anstoß-Nehmens an Strauss einmal mit der Bemerkung angedeutet: „Und schließlich kann auch ein Quantum Lust am Gefallen bei diesem Musiker abstoßend oder sympathisch gefunden werden.“


    Ich würde dem Musiker, Musikschriftsteller und –kritiker Rudolf Louis ohne Einschränkung zustimmen, wenn er feststellt: „Unter den Vertretern des typischen modernen Liedes ist ohne alle Frage Richard Strauss der bedeutendste, freilich aber auch unter denen, die künstlerisch ernst zu nehmen sind, derjenige, dessen Lyrik der dieser Richtung drohenden Gefahr der Veräußerlichung gelegentlich am meisten erlegen ist.“ Louis konkretisiert dies nicht näher, aber ich denke, dass er dabei die Tatsache im Auge hat, dass Richard Strauss bei seinen Liedkompositionen immer wieder einmal in vielleicht allzu weitgehender Weise seiner Neigung nachgibt, seine Melodieseligkeit und Klangverliebtheit auszuleben. Und dies auf Kosten eines gleichsam radikalen und kompromisslosen Sich-Einlassens auf die Aussage des lyrischen Textes, das für einen Musiker der Moderne zuweilen auch einmal den melodischen Bruch, die klangliche Schroffheit und das Hinnehmen der Dissonanz mit sich bringen kann, - und muss.


    Der historischen Bedeutung des Liedkomponisten Richard Strauss vermag dies freilich nicht wirklich Abbruch zu tun. Sie gründet – aus meiner Sicht – in zwei unbestreitbaren Sachverhalten:
    Richard Strauss hat das romantische Klavierlied mit den liedsprachlich-kompositorischen Mitteln, die es ihm in seinem traditionalen Bestand zur Verfügung stellte, zum Höhepunkt seiner Entwicklung geführt, indem er, den Trend zu seiner Musikalisierung weiterführend, es zum „Podiumslied“ werden ließ.
    Und Richard Strauss hat in seinem Liedschaffen in einer wahrlich singulären und beeindruckenden Weise die spätbürgerliche musikalische Kultur der Jahrhundertwende und des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts dokumentiert und auf diese Weise fassbar und nacherlebbar werden lassen.

  • Die Bandbreite reicht, um das ein wenig zu konkretisieren, von den „Schlichten Weisen op.21“ über solche zu Recht berühmt gewordenen, weil klanglich betörenden Schöpfungen wie „Die Nacht“, „Allerseelen“, „Morgen“, „Heimliche Aufforderung“ und „Traum durch die Dämmerung“ – um nur ein paar davon hier zu nennen -, über die „Dehmel-Gesänge“ und die „Brentano-Lieder“ des Opus 68 bis hin zu den „Vier letzten Liedern als orchestrale Kompositionen.


    Ein hervorragender Beitrag in diesem Thread!
    Aber genau das ist es, was mich an den Strauss-Liedern so begeistert. Wobei ich mir diese Bandbreite auch erst im Laufe der Jahrzehnte "erarbeiten" musste, da standen am Anfang ja auch die »Schlager«; bei Schubert war das nicht anders - »Leise flehen meine Lieder« und so...
    Man kann das auch mal beim Rasieren oder beim Abwasch vor sich hin summen...aber ein Lied von Pfitzner oder Zilcher? Wohl eher nicht. Die Popularität einer Sache birgt immer die Gefahr einer Übersättigung, auch die Möglichkeit der Verkitschung. Das ist in der Malerei nicht anders, wo das mit Werken großer Meister passiert.
    Aber Richard Strauss hat uns - siehe Beitrag von Helmut Hofmann - ein Füllhorn herrlicher Lieder hinterlassen, das Ergebnis einer ganz, ganz langen Lebensstrecke, zumindest in dieser Beziehung ist er »Weltmeister«...

  • Die heil´gen Drei Könige aus dem Morgenland,
    sie frugen in jedem Städtchen:
    "Wo geht der Weg nach Bethlehem,
    ihr lieben Buben und Mädchen?"


    Die Jungen und Alten, sie wussten´s nicht,
    die Kön´ge zogen weiter;
    sie folgten einem goldenen Stern,
    der leuchtete lieblich und heiter.


    Der Stern bleibt stehn über Josephs Haus,
    da sind sie hineingegangen;
    das Öchslein brüllte, das Kindlein schrie,
    die heil´gen drei Könige sangen.


    Zu Opus 56 - aus sechs Liedern bestehend - ist zu bemerken, dass Strauss hier hauptsächlich auf längst arrivierte Dichter setzt und die zeitgenössischen Autoren verlässt. Dieses Strauss-Lied wurde von den Interpreten - also den Herren - bisher vernachlässigt (während das Lied von fast allen großen Sopranen als Orchesterlied gesungen wird) und ist nach meinem Wissensstand einzig bei Dietrich Fischer-Dieskau als Klavierlied zu hören, der im Vorwort seiner Strauss-Aufnahmen darauf hinweist, dass das Stück auch als orchestriertes Lied zur Aufführung kommen kann.
    Dieses Lied war gleich als Orchesterlied konzipiert und entstand bereits 1906. Bei den meisten Strauss-Liedern war ja zunächst die Klavierfassung und die Orchestrierung folgte dann oft erst viele Jahre später.
    Aber nun hat sich also Thomas Hampson auch dieses von den Herren selten dargebotenen Stückes angenommen und bietet neben dem Klavierspiel überraschenderweise noch so eine Art »Mini-Orchester«.


    Das Notenblatt zum sechsten Lied des Opus 56 ist mit der Anweisung »Andante mosso« überschrieben.
    Strauss überlässt bei diesem Lied in einem relativ langen Vorspiel zunächst für die Dauer von einer Minute dem Pianisten das Feld, erst dann setzt die Singstimme ein, um die Story zu schildern. Der Erzähler berichtet, dass die Könige in jedem Städtchen die Buben und Mädchen fragen wo es nach »Bäthlehäm« geht, wie es Hampson artikuliert. Die Stimmung ist recht friedlich als die Könige Josephs Haus betreten, dann wird realistisch gebrüllt und geschrien, danach wieder feierlich gesungen...»Könige sangen« wird sehr gedehnt - das letzte Wort »sahahahahahangen« findet fast kein Ende...im Notenblatt wird das so dargestellt:
    »heil`-gen drei Kö - - - - - - - - - ni - ge san - - - - - - - - - - - - - - - - - - gen.
    Das Nachspiel ist dann noch länger als das Vorspiel, und wenn man glaubt, dass das Klavier nun alleine für den Rest der Darbietung zuständig sei, vernimmt man unvermutete Fanfarentöne, die sich viermal dem Piano hinzugesellen.
    Dieses Werk scheint nicht gerade von christlicher Ernsthaftigkeit durchdrungen, war doch Heine zu dieser Zeit - das Gedicht entstand 1824 - eher von christlicher Skepsis als Frömmigkeit geprägt.

  • Opus 87: Vier Gesänge für hohe Bassstimme und Klavier -
    In diesem Opus verwendet Strauss Texte von Friedrich Rückert (1788-1866), der eine kaum überschaubare Menge an Gedichten verfasst hat. Um das Jahr 1808, in den Semesterferien, schrieb er seine ersten Gedichte, die Dichtungen der Befreiungskriege machen Rückert dann weit über Franken hinaus bekannt, wo er geboren wurde und viele Jahre seines Lebens verbrachte.
    Dieser Gelehrte, der sich im Laufe seiner Studien mehr als 40 Sprachen angeeignet hat und wichtige Werke der arabischen, persischen und indischen Dichtung ins Deutsche übertrug, ist auf dieser CD mit drei Gedichten vertreten.


    Die große Dame der deutschen Orientalistik, Prof. Annemarie Schimmel hat über Rückert ein Buch geschrieben und den Dichter so charakterisiert:
    »Er mag als Mensch nicht immer einfach gewesen sein, als Dichter sich nicht ständig auf poetischen Höhenflügen befunden haben, aber als Meister der Form und Sänger inniger Lieder, als Verkünder der Einheit hinter allen vielfältig gebrochenen Sprachen und Religionen, als Sucher nach Wahrheit im "Wurzelgeflecht ältester Sprachen der Welt“ und vor allem als ein Dichter, dessen liebevolle Humanität Ost und West trotz aller Unterschiede zu verbinden suchte, lebt er... auch heute weiter und setzt ein Beispiel für alle, die nach Verständigung der Völker suchen«


    Wenn man »Vom künftigen Alter« in Büchern, die noch in Frakturschrift gesetzt sind, liest, bemerkt man den Unterschied zu dem im Booklet abgedruckten Text, denn da heißt es zum Beispiel: »verschleuß dein Thor« und der letzte Begriff des Textes wird als »Liebesach«, »Liebes-Ach!« oder »Liebesweh« angeboten.
    In Schuberts Vertonung, wo dieses Lied »Greisengesang« heißt (D 778), hört man dieses »verschleuß« noch.


    Das Lied »Vom künftigen Alter« komponierte Strauss 1929, da hatte er schon die meisten seiner großen Opern geschrieben und bereits das Rentenalter erreicht; kein Wunder, wenn er Rückschau hält und zu so einem Text greift, in dem es heißt: »Der Winter hat mir die Scheitel weiß gedeckt«, man wird unwillkürlich an »Der greise Kopf« in der Winterreise erinnert. Es dreht sich hier wohl um den Winter des Alters. Graham Johnson weist darauf hin, dass Strauss Mitte der sechziger Jahre war, als er dieses Lied schrieb und noch zwanzig Jahre zu leben hatte, während Schubert Ende zwanzig war und ihm nur noch fünf Jahre Lebenszeit vergönnt war.
    In jedem Falle sollte man sich auch mal die Schubert-Version zum Vergleich anhören, die schöne Stellen bietet; und wenn auch Schubert etwas von Rückerts Text weggelassen hat, dann gleicht er das durch Wiederholungen aus.


    Vom künftigen Alter


    Der Frost hat mir bereifet des Hauses Dach;
    doch warm ist mir´s geblieben im Wohngemach.
    Der Winter hat mir die Scheitel mir weiß gedeckt;
    doch fließt das Blut, das rote, durchs Herzgemach.


    Der Jugendflor der Wangen, die Rosen sind
    gegangen, all´ gegangen einander nach -
    Wo sind sie hingegangen? ins Herz hinab:
    Da blühn sie nach Verlangen, wie vor so nach.


    Sind alle Freudenströme der Welt versiegt?
    Noch fließt mir durch den Busen ein stiller Bach.
    Sind alle Nachtigallen der Flur verstummt?
    Noch ist bei mir im Stillen hier eine wach.


    Sie singet: »Herr des Hauses! Verschließ dein Tor,
    dass nicht die Welt, die kalte, dring´ ins Gemach.
    Schließ aus den rauen Odem der Wirklichkeit,
    und nur dem Duft der Träume gib Dach und Fach.


    Ich habe Wein und Rosen in jedem Lied,
    und habe solcher Lieder noch tausendfach.
    Vom Abend bis zum Morgen und Nächte durch
    will ich dir singen Jugend und Liebesweh.

  • Das vorige Lied »Vom künftigen Alter« hat Richard Strauss dem Bariton Hans Hotter (1909-2003) gewidmet - und dieses vorletzte Lied dieser CD »Und dann nicht mehr« dem Bariton Hans Hermann Nissen (1893-1980)


    Aus der Literatur weiß man, dass Rückert mitunter auch schon mal über die „Unkomponierbarkeit“ seiner Lieder gesprochen hatte. Dennoch lässt sich leicht feststellen, dass Rückert neben Goethe und Heine zu den meistvertonten Dichtern deutscher Sprache gehört. Am bekanntesten sind wohl die Vertonungen von Schubert, Schumann und Mahler, die Kompositionen von Carl Reinecke oder Richard Strauss rangieren bezüglich der Popularität wohl deutlich dahinter, und Tschaikowsky, Smetana oder Alban Berg hat man auch nicht unbedingt parat... Aus neuerer Zeit gibt es Vertonungen von Wolfgang Hocke.


    Rückert hat eben, wie schon bereits erwähnt, unwahrscheinlich viel geschrieben - und Dietrich Fischer-Dieskau bemerkte dazu einmal (im Zusammenhang mit Rückert):
    »Wer viel schreibt, muss offenbar damit rechnen, dass er etwas früher als andere wenigstens ausschnittweise vergessen wird«
    Ralf Georg Czapla ein Privatdozent für Neuere Deutsche Literatur an der Uni Freiburg stellt fest, dass beim Germanistikstudium in Frankfurt Goethe und Lessing die Hausgötter waren und Rückert keine große Rolle spielte.


    Nun hat also der Amerikaner Thomas Hampson drei Rückert-Texte an den Schluss seiner Strauss-Hommage gestellt. Der Rezensent Peter Krause meint dazu folgendes:
    »Nach den Hits der ersten Hälfte der CD entschädigen indes die Repertoire-Entdeckungen der zweiten. Die Modernität des reifen Liedschöpfers Strauss liegt dem reifen Liedsänger Hampson sehr viel mehr.«


    Und dann nicht mehr


    Ich sah sie nur ein einzigmal,
    und dann nicht mehr;
    da sah ich einen Himmelsstrahl,
    und dann nicht mehr.


    Ich sah umspielt vom Morgenhauch
    durchs Tal sie gehn;
    da war der Frühling im Tal,
    und dann nicht mehr.


    Im Saal des Festes sah ich sie
    entschleiern sich,
    da war das Paradies im Saal,
    und dann nicht mehr.


    Sie war die Schenkin, Lust im Kreis
    kredenzte sie;
    sie bot mir lächelnd eine Schal',
    und dann nicht mehr.


    Sie war die Ros', ich sah sie blühn
    im Morgentau;
    am Abend war die Rose fahl,
    und dann nicht mehr.


    Nur einmal weinet Gärtner Lenz
    um eine Ros',
    da Tod ihm diese Rose stahl,
    und dann nicht mehr.


    Ein einzigmal, da sie erblich,
    war herb die Lust
    des Lebens, süß des Todes Qual,
    und dann nicht mehr.


    Ich sah die Rose Braut im Flor
    verschließen in
    die dunkle Kammer eng und schmal,
    und dann nicht mehr.


    Ich will ins Rosenbrautgemach
    im Mondenglanz
    noch weinen meiner Tränen Zahl,
    und dann nicht mehr.


    Ich sah sie nur ein einzigmal,
    und dann nicht mehr,
    da sah ich einen Himmelsstrahl,
    und dann nicht mehr.


    Nach einem kurzen Vorspiel plätschert das Lied ohne große Höhepunkte so vor sich hin. Eine kleine Zäsur dann nach der vierten Strophe, die den Sänger für gute zehn Sekunden verstummen lässt. Ansonsten ist die optische Trennung der Textdarstellung musikalisch nicht gegeben. In der vorletzten Zeile profiliert sich die Singstimme bei "Himmelsstrahl", das fast wie eine Stimmübung klingt... "und dann nicht mehr" wird zum Schlusse nochmal wiederholt, dem folgt ein kurzes Klaviernachspiel.

  • Rückert hat eben, wie schon bereits erwähnt, unwahrscheinlich viel geschrieben - und Dietrich Fischer-Dieskau bemerkte dazu einmal (im Zusammenhang mit Rückert):
    »Wer viel schreibt, muss offenbar damit rechnen, dass er etwas früher als andere wenigstens ausschnittweise vergessen wird«


    Ob Fischer-Dieskau bei dieser Bemerkung wohl auch bedacht hat, dass sie nicht nur für Dichter sondern womöglich auch für Sänger, die viele Aufnahmen machen, würde gelten können? ;)


    Gruß Rheingold

    Rheingold 1876

  • Ob Fischer-Dieskau bei dieser Bemerkung wohl auch bedacht hat, dass sie nicht nur für Dichter sondern womöglich auch für Sänger, die viele Aufnahmen machen, würde gelten können? ;)

    Stimmt nur in seinem Fall gar nicht, er ist unvergessen! :jubel:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Ich will und darf das jetzt nicht vertiefen - entschuldige bitte, lieber hart - aber Du solltest Dir das Zitat von Dieskau noch mal genau vornehmen. Er mutmaßt sehr differenziert, Du aber, lieber Stimmenliebhaber, greifst zur generalisierenden Feststellung. Da sehe ich große Unterschiede. Rückert ist 148 Jahre tot, um nicht ganz vergessen zu werden, Fischer-Dieskau erst 2. Schau'n wir also mal.


    Gruß Rheingold

    Rheingold 1876

  • ..viel geschrieben worden worden seit meiner Stellungnahme.
    Noch kurz zurück bitte. Ich hebe Strauss' Lieder nicht in den Himmel, ich hebe sie in meine Seele.


    Mike

  • Dietrich Fischer-Dieskau hat sich an mehreren Stellen über Friedrich Rückert geäußert. Die umfangreichsten Ausführungen finden sich in seinem Schumann-Buch. Und die sind nun recht differenziert und – wie ich finde – durchaus zutreffend. Er meint, Rückerts Bedeutung liege in der „seltenen Verbindung von Lyrischem und lehrhafter Beschaulichkeit". Und er fährt fort:
    „Vielen Rückertschen Gedichten ist Gedankenreichtum und Sprachgewalt eigen. In der unübersehbaren Menge seiner Produktion verbirgt sich allerdings auch vieles ohne Gewicht. Sprachvirtuosität verführte den Dichter manchmal zu Künsteleien, die der Poesie im Wege standen. Rückerts Meisterschaft besteht in der Fähigkeit, auch dem scheinbar Unbedeutenden poetisches Leben abzugewinnen.“ (S.51)


    Gerade mit der letzten Feststellung hat Fischer-Dieskau tatsächlich ein Wesensmerkmal der Rückertschen Lyrik getroffen, das vielen seiner Gedichte auch heute noch poetische Gültigkeit verleiht.
    An dem hier zitierten Gedicht „Und dann nicht mehr“ kann man Rückerts lyrische Kunstfertigkeit sehr schön erkennen. In die permanente Wiederholung des immer gleichen sprachlichen Rahmens werden lyrische Bilder eingefügt, die eine singuläre Erfahrung beinhalten, deren Wert sich gerade in ihrer Vergänglichkeit konstituiert. Dabei wird das refrainartige „und dann nicht mehr“ auf immer neue Versinhalte bezogen. Zumeist sind es die, mit dem ersten Vers der Strophe eingeleitet werden. In der folgenden Strophe geht er aber höchst kunstvoll vor, indem er das „und dann nicht mehr“ lyrisch-sprachlich an das „war“ des vorangehenden Verses und nicht an „ich sah sie blühn“ bindet. Das macht die Erfahrung von Vergänglichkeit noch eindringlicher.


    Sie war die Ros', ich sah sie blühn
    im Morgentau;
    am Abend war die Rose fahl,
    und dann nicht mehr.


    Im übrigen: Dass sich unter Rückerts Gedichten viele finden, bei denen er in biedermeierlicher Manier seine lyrisch-sprachliche Kunstfertigkeit auslebt, ohne dass eine lyrisch relevante Aussage dabei herauskommt, ändert nichts daran, dass ihm eine Vielzahl wirklich bedeutsamer lyrischer Schöpfungen gelungen sind. Viele unserer bedeutenden lyrischen Dichter haben so nebenbei auch mancherlei Nichtssagendes von sich gegeben. Auch unser großer Goethe!

  • Dietrich Fischer-Dieskau hat sich an mehreren Stellen über Friedrich Rückert geäußert. Die umfangreichsten Ausführungen finden sich in seinem Schumann-Buch. Und die sind nun recht differenziert und – wie ich finde – durchaus zutreffend.

    Lieber Helmut, genau deshalb hat mich der von Rheingold gezogene Vergleich geärgert. DFD unterscheidet sich von vielen anderen Liedsängern eben nicht nur durch den Vollständigkeitsqanspruch in seinen Liedaufnahmen (darin dir in deinen hiesigen Rubriken vergleichbar), sondern hat sich darüber hinaus weit mehr als die allermeisten Gesangsinterpreten auch als AUTOR inhaltlich und theoretisch mit dem Liedschaffen auseinandergesetzt, wobei ihm natürlich seine umfangreiche Erfahrung als führender Liedinterpret half. Die Spitze, DFD's inhaltliche Kritik an Rückert mit einer Kritik an dem "Vielaufnehmer" DFD zu kontern, fand ich daher deplaziert, weil es hier um den Autor und nicht um den Sänger DFD ging. Unabhängig davon hätte ich viele (nicht nur) Strauss-Lieder wohl noch nie gehört und dadurch eine ganze Reihe von Liedern wirklich kennen und lieben gelernt, wenn DFD sie nicht dankenswerter Weise aufgenommen hätte. :yes:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Dieser Hinweis darauf , lieber Stimmenliebhaber, dass sich Dietrich Fischer-Dieskau "weit mehr als die allermeisten Gesangsinterpreten auch als AUTOR inhaltlich und theoretisch mit dem Liedschaffen auseinandergesetzt" hat, ist zweifellos berechtigt. Man kann noch weiter gehen und sagen, dass er darin unter den bekannten sängerischen Liedinterpreten einzigartig dasteht. Es gibt niemanden, der sich auch nur annähernd so intensiv in deskriptiver und reflexiv analytischer Weise mit den Liedkomponisten und ihren kompositorischen Intentionen auseinandersetzte, wie das bei ihm der Fall ist. Wobei ich - was mir heute beim Lesen in seinem Schumann-Buch wieder einmal bewusst wurde - bemerkenswert finde, dass er sich auch immer wieder auf die Dichter der Liedtexte einließ und dabei nicht einfach aus dem germanistischen Schrifttum schöpfte, sondern sich auch ein eigenes Urteil bildete.


    Was Deine Bemerkung zu Rheingolds kurzem Beitrag anbelangt: Ich glaube, das war von diesem so eine Art Spontan-Äußerung, die ja doch nicht näher erläuternd ausgeführt wurde und deshalb nicht auf die Goldwaage gelegt werden sollte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Rheingold die Tatsache, dass Dietrich Fischer-Dieskau wie kein zweiter das Liedschaffen der Komponisten von der Zeit vor Schubert bis in die Moderne in Gestalt von Schallplatten-Aufnahmen erschlossen hat und dabei sogar auf Komponisten einging, die in Vergessenheit geraten waren, in irgendeiner Weise kritikwürdig finden könnte. Gerade darin liegt ja doch - einmal abgesehen von dem interpretatorischen Aspekt - eines seiner ganz großen Verdienste.