Parsifal in Salzburg 2013

  • Am 23.3.2013 um 20.15 stellte ich den Sender 3 Sat ein. Auf dem Programm: Parsifal, eine Oper von einem Komponisten namens Richard Wagner.


    Ein sehr getragenes, schönes und gutgespieltes Vorspiel eröffnete die Übertragung. Ein Dirigent namens Thielemann stand am Pult.


    Dann öffnete sich eine Bühne. Irgendwelche Glasvitrinen mit raffinierter Beleuchtung stellten die Hauptattraktion dar. Ein krank aussehender Herr im grünlichen Gesicht, man nannte ihn Amfortas, war offensichtlich nicht ganz auf dem Posten. Er war umgeben von weißgekleideten Astronauten, und tonangebend auf der Bühne war eine figürlich imponierende männliche Gestalt in einem tollen Anzug. Sein Name war Gurnemanz, er hatte unheimlich viel zu tun. Er mußte die Astronauten beaufsichtigen, den Herrn Amfortas zum Baden schicken, und eine unendlich lange Geschichte erzählen. Er hatte echt Last!


    Nun kommt eine Dame, im Kleid und einem sehr eleganten Mantel darüber, aber barfuß, und bringt ein Reagenzglas mit einem Zauberstoff aus Arabia, welches dem armen Amfortas helfen soll. Aber das scheint nicht zu klappen, denn dieser hat eine offene Wunde, die nur durch übersinnliche Macht wieder geheilt werden kann. Sehr beeindruckend war, daß diese Dame namens Kundry von einem Schatten begleitet wurde, auf Schritt und Tritt, und dieser Schatten hatte irgendeine Ähnlichkeit mit Jesus und der Dornenkrone. Was für ein schönes Bild.


    Immerzu tanzten im Hintergrund hübsche Mädchen, faszinierend. Doch plötzlich wird der Frieden gestört. Irgendein Bösewicht hat einen Schwan verletzt, doch er weiß gar nicht, daß das ein Frevel ist. Der Ärmste weiß nicht seinen Namen, nicht woher und wohin, zudem ist er fast noch ein Kind, in laubfarbenen kleidsamen Sakko und mit seinem Bogen unter dem Arm paßte er toll in das astronautische Ambiente.


    Bei herrlicher Musik färben sich die Glasvitrinen, irgendeine Ernährungsberatung scheint zu folgen. Wieder kommt der arme Herr Amfortas, unter dem Arm eine Blechbüchse, die er vor sich hinstellt. Aus dem Himmel ertönt eine Stimme, er soll die Büchse öffnen. Doch er ist störrisch, er will nicht, er hat das Leben irgendwie satt. Die Stimme aus dem Himmel und die Astronauten fordern ihn jedoch auf, die Büchse zu öffenen, so daß er es doch tut. Einer der schönsten und berührendsten Momente, als er die Blechkiste aufmacht. Alle kommen her, blicken hinein und fallen fast in Ohnmacht. Ich kann es verstehen, das war ja auch wirklich ein großer Zauber, das Öffnen der Büchse, die sie hier Gral nennen. Ich habe eine ähnlich aussehende Werkzeugkiste, bei deren Öffnen sich nicht so eine Erlösung einstellen will. Die Astronauten legen sich abwechselnd hin und stehen wieder auf, sie singen schöne Musik. Nur der Schwanentöter versteht gar nichts.


    Das war der 1. Akt. Leider war ich so müde geworden, daß ich danach eingeschlafen bin und nicht weiß, wohin die Astronauten geflogen sind.


    Bisher habe ich Parsifal 2x live gesehen, beide Male in Dresden in der lengendären Inszenierung von Theo Adam. Da war alles ein bißchen viel anders. Und ich konnte noch Kurt Moll erleben, Siegfried Jerusalem, Deborah Polaski u.a.


    Gerne hätte ich gewußt, wie die Reaktion des Publikums am Schluß war. Nach dem 1. Akt haben 3 Mann geklatscht, dann wurde umgeschaltet. Am Beeindruckendsten waren die Tonstörungen auf dem digitalen Kanal, ich mußte auf analog umstellen. Offensichtlich gibt es bei Übertragungen von Wagner Probleme, es war ja nicht das erste mal.


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Gerne hätte ich gewußt, wie die Reaktion des Publikums am Schluß war. Nach dem 1. Akt haben 3 Mann geklatscht, dann wurde umgeschaltet. Am Beeindruckendsten waren die Tonstörungen auf dem digitalen Kanal, ich mußte auf analog umstellen. Offensichtlich gibt es bei Übertragungen von Wagner Probleme, es war ja nicht das erste mal.


    Ich habs nur aus ungewöhnlicher Position auf dem Sofa (über Sky Unitel Classica) mitbekommen; aber man schien heftig und lange zu applaudieren!

  • Ehrlich gesagt habe ich den Fernsehtermin total verschlafen. Aber scheint ja kein Verlust zu sein. Vielleicht taucht der Audiomitschnitt ja bald auf, das Treiben auf der Bühne interessiert mich nicht wirklich.


    Und das also ist die groß angekündigte Erneuerung der Salzburger Osterfestspiele unter dem "konservativen" Thielemann? Jetzt sollte dem letzten Zweifler klar sein, dass auch bei ihm als künstlerischen Leiter der Festspiele keine regietheaterfreie Zone zu erwarten ist. Aber das war mir schon vorher klar. Da werden einfach zu viele Erwartungen in den Mann hineinprojiziert, die er nicht erfüllt.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Zitat

    Am Beeindruckendsten waren die Tonstörungen auf dem digitalen Kanal, ich mußte auf analog umstellen.


    Hallo, La Roche!


    Es gibt aber hier Taminos, die auch von solchen "phantastischen" Inszenierungen beeindruckt sind! :no:





    Regietheater? Nein, danke! Mir ist schon schlecht!

    W.S.

  • Lieber Dr. Pingel


    Ein sehr guter, mit einer gewissen Ironie und Humor, geschriebener Bericht, über den ich mich auch ein bischen amüsiert habe. Ich kann zum eigentlichen Thema nicht all zu viel beisteuern. Zum einen, weil ich nicht der "große Wagner- und Parsifal- Kenner" bin, zum anderen, weil ich nicht sehr viel davon gesehen habe. Aber das, was ich gesehen habe, Bühnenbild, Kostüme, regiemäßige Bewegung der handelnden Personen, hat mir gereicht, daß man mir so Wagner garantiert nicht näher bringt. Ich meine und glaube, daß ich hier nichts vom Gesamten verpaßt habe.
    Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß das Interview in der Pause mit Thielemann interessant und in manchem aufschlußreich war.



    So sieht kein Parsifal aus! Dieses Problem haben wir ja oft. Ich kann mich gut erinnern, wie unangenehm ich überrascht war, wenn sich die Salomé als gute Sängerin entpuppte, aber wegen Alters und Umfangs eher in ihren 50ern anzusiedeln war. Oder Luciano Pavarotti als Rodolfo: der wohlgenährteste Hungerleider aller Zeiten!

    Hier allerdings, mein lieber Dr. Pingel, gehen unsere Meinungen und Ansichten völlig auseinander. Und nicht nur, weil Du den größten und besten Rodolfo aller Zeiten (meine Meinung, die niemand mit mir teilen muß), hier mißbilligst. Wir sind nun mal im Theater und da sollten und müssen wir schon gegenüber der Realität Zugeständnisse machen und unser Wunschdenken etwas hinten anstellen. Der Gesang und die Interpretation stehen hier nun mal absolut im Vordergrund und haben Priorität. Nicht vielen ist es als Duca im Rigoletto z. B. vergönnt, neben einer hervorragenden Stimme, auch noch blendend, toll und verführerisch auszusehen, wie seinerzeit Franco Bonisolli, oder Ruggiero Orofino, den ich oft erleben durfte. Wie oft erlebt man in der Traviata, daß der Vater auf der Bühne in Wirklichkeit jünger als der Sohn ist, oder bestenfalls noch als dessen Bruder durchgeht. Der Beispiele könnte man viele nennen. Selbst der Netrebko, die inzwischen ein "ganz schönes Pummelchen" geworden ist, könnte man da die Schwindsüchtige nicht abnehmen. Und da fällt mir noch ein, in der Zeffirelli /Karajan Boheme von 1965, hat der Tenor Gianni Raimondi figürlich Pavarotti nicht viel nachgestanden. Aber stimmlich war er sehr gut, wenn auch nicht ganz so gut wie...


    Herzliche Grüße
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • (...) Sehr beeindruckend war, daß diese Dame namens Kundry von einem Schatten begleitet wurde, auf Schritt und Tritt, und dieser Schatten hatte irgendeine Ähnlichkeit mit Jesus und der Dornenkrone. Was für ein schönes Bild.

    Dieser "Jesus" war zunächst eine Puppe, die sich im weiteren Verlauf der Handlung in einen Menschen verwandelte - so hatte es der Herr Inszenator vorgesehen.



    Immerzu tanzten im Hintergrund hübsche Mädchen, faszinierend.

    Mir ist bis jetzt noch nicht so richtig klar geworden, welche Funktionalität diesen Balletteusen zuzuschreiben sind??? Ebensowenig habe ich verstanden, welche Aufgabe der an einen kleinwüchsigen Rigoletto erinnernde Stumme wahrnehmen sollte? Ein Alter ego von Amfortas?


    Es war schon gut für mich, danach auf "Zuhören" geschaltet zu haben. Ich habe auch darüber nachgedacht (ohne eine Antwort gefunden zu haben), was die (im Grunde sinnlose) Aufblähung der Bühnenakteure soll - wo doch Geld an allen Ecken und Enden fehlt (Vielleicht nicht in Salzburg? Vielleicht wegen der zahlungskräftigen Sponsoren?).


    :hello:

    .


    MUSIKWANDERER

  • Liebe Taminos,


    wer glaubte, nach dem Essener Parsifal gäbe es kaum mehr eine Steigerung des Unsinns, der wurde in Salzburg eines Besseren belehrt. Einen solchen Ausbund an Scheußlichkeiten habe ich noch nie gesehen. Ein grauenhaftes Bühnenbild, vor allem im dritten Akt glich es einem Wellblechdach, auf dem die Figuren herumturnten. Schon im ersten Akt war die auf der Bühne mit einigen undeutbaren Figuren bevölkert, die mit konvulsivischen Zuckungen und Verrenkungen, vor allem ein während aller Akte komischer Jesus-Verschnitt, der vor allem Kundry immer wieder ans Zeug wollte. Dieser turnte dann im dritten Akt mit nackten Füßen auf dem Blechdach wie auf einem Drahtseil herum. Man könnte das wirklich als Blasphemie bezeichnen (Gar nicht auszudenken, wass passiert wäre, wenn der Regisseur statt der Jesus-Karikatur Mohammed genommen hätte). Im zweiten Akt gab es neben Klingsor einen stummem Kleinwüchsigen, der lediglich dumme Gesichter ziehen durfte und von Kundry mal geknutscht am Ende des Aktes aber erwürgt wird.
    Die Kostüme waren total verrückt, Gurnemanz' Kostüm war insgesamt noch am erträglichsten, aber die Ritter in ihren Raumanzügen und gar Parzifal in giftgrüner Jacke mit Blättermuster, einfach unsäglich.
    Das Orchester überzeugte, die Sänger aber - zumindest mich - nicht immer.
    Wenn dies meine erste Begegnung mit Parsifal gewesen wäre, ich glaube, ich hätte die Oper hätte ich im Leben nie wieder hören oder gar sehen mögen.
    Der Applaus schien mir recht dürftig und wurde nach den ersten beiden Akten vom Fernsehen abgewürgt bzw übertönt. Allerdings hörte man auch da schon einiges Murren. Der Schlussapplaus war - abgesehen der für das Orchester und die drei Hauptfiguren - auch nicht gerade überwältigend, aber als das Regieteam auf die Bühne trat, ertönten nur noch Buhs. Frau Rett hat diese für mich einhellige Missfallensbekundung zwar zu beschönigen versucht, was ihr aber wohl kaum gelungen ist. Und der Regisseur schien sogar darüber erfreut zu sein; es war wohl seine Absicht, das Publikum vollständig zu frustrieren.
    Aber wahrscheinlich werden wir auch hier wieder Stimmen haben, die diesen Müll noch verteidigen.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Hallo musikwanderer,


    ich erlaube mir, hier zu Antworten; so bleibt der Thread Eine Andacht im Krematorium - Parsifal in Salzburg für die Leibesfülle-Diskussion frei :hahahaha:


    Thielemanns Dirigat gefiel mir, die Dresdner "Wunderharfe" spielte genauso - instrumental war ich durchaus zufrieden. Zwei Akte habe ich hörend durchgestanden. Das Bild dazu habe ich mir mal wieder nicht angetan, völlig unnötig, sich darüber eines Kommentars zu befleißigen. Zwei Sänger fielen mir auf: der Gurnemanz und Klingsor (der gleiche Sänger gab auch den Titurel). Diese beiden Stimmen fielen mir auf, angenehm auf. Gundryggia/Kundry, eine nicht gerade nebensächliche Person in Wagners Oper, blieb für mich blaß (ich kann Irene Dalis nicht vergessen!). Und Botha als Parsifal (ich sah kurz einen an Pavarottis Figur gemahnenden Sänger) konnte Jess Thomas ebenfalls nicht das Wasser reichen. Den dritten Akt habe ich für den notwendigen Schlaf geopfert. Ich glaube nicht, weiter wichtiges Erleben verpasst zu haben.


    immer wieder interessant, wie Höreindrücke divergieren können: Mein Highlight des Abends war sicherlich Wolfgang Koch als Amfortas / Klingsor (nicht Titurel, wenn mir diese Korrektur erlaubt ist). Danach gleich Michaela Schuster Kundry, die ich sehr dramatisch (durchaus auf Augenhöhe z.B. mit Waltraud Meier) empfand. Der Gurnemanz interpretiert von Stephen Milling war im ersten Aufzug besser, als im dritten - solide, aber nicht überragend. Ähnlich Johan Botha, der im ersten Aufzug vielversprechend begann, im zweiten die Form noch halten konnte (sowohl gesanglich, als auch physisch ... :stumm: ), im dritten aber stark nachließ. Gut gefallen hat der Chor. Thielemann bevorzugte offenbar die eher langsame Lesart à la Knappertsbusch; die Folge war eine, bis auf wenige Stellen des Verschleppens, gelungene Orchesterarbeit.



    Es gibt aber hier Taminos, die auch von solchen "phantastischen" Inszenierungen beeindruckt sind! :no:

    Nebenbei hat mir die Inszenierung ebenfalls nicht gefallen, weil eben nicht phantastisch, sondern ebenso phantasielos, wie wenig subtiles finger pointing ...

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Ich habs nur aus ungewöhnlicher Position auf dem Sofa (über Sky Unitel Classica) mitbekommen; aber man schien heftig und lange zu applaudieren!


    Allerdings nicht nach dem ersten Aufzug: Die wenigen Mutigen wurden auch beim zweiten Versuch noch gnadenlos niedergezischt. So etwas gibt es m.W. nicht einmal mehr in Bayreuth :hahahaha:


    p.s. Zur Erklärung: So ich nicht täusche, hatte Wagner selber (oder war es Cosima?) sich ausbedungen, im Angesicht der Leiden des Amfortas (Warmduscher ... ) nach dem ersten Aufzug nicht zu applaudieren.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Ich glaube, ich kenne bislang zwei Parsifals unter Thielemann: Bayreuth 2001 und Wien 2005 (DG). In beiden Fällen wird der Versuch deutlich, die Leseart á la Knappertsbusch und Levine zu erzeugen. Das Problem ist, dass bei Thielemann die Generalpausen oft zu lange sind, der musikalische Faden reisst, das Stück auseinanderfällt. So beobachte ich das auch bei vielen anderen seiner Dirigate. Den Spannungsbogen zu halten ist eben eine Kunst für sich.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • (...) Mein Highlight des Abends war sicherlich Wolfgang Koch als Amfortas / Klingsor (nicht Titurel, wenn mir diese Korrektur erlaubt ist). (...)

    Selbstverstädnlich ist Dir die Korrektur erlaubt, und ich habe Grund mich für Deine Aufmerksamkeit zu bedanken.


    :hello:

    .


    MUSIKWANDERER

  • Ich glaube, ich kenne bislang zwei Parsifals unter Thielemann: Bayreuth 2001 und Wien 2005 (DG). In beiden Fällen wird der Versuch deutlich, die Leseart á la Knappertsbusch und Levine zu erzeugen. Das Problem ist, dass bei Thielemann die Generalpausen oft zu lange sind, der musikalische Faden reisst, das Stück auseinanderfällt. So beobachte ich das auch bei vielen anderen seiner Dirigate. Den Spannungsbogen zu halten ist eben eine Kunst für sich.


    Eventuell läßt sich hieraus auch das von mir so empfundene Abfallen Millings und Bothas im letzten Aufzug erklären: Sie schienen mir zum Teil nicht mehr in der Lage, die Töne so zu halten, wie es das Dirigat Thielemanns vielleicht erfordert hätte. Ansonsten waren ja beide, was z.B. Textverständlichkeit und Höhe bzw. Tiefe angeht, ja durchaus ganz gut "beisammen" und hätten in einem schnelleren Parsifal mit weniger Ermüdungserscheinungen besser durchkommen können.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Wenn dies meine erste Begegnung mit Parsifal gewesen wäre, ich glaube, ich hätte die Oper im Leben nie wieder hören oder gar sehen mögen.

    Genauso ist es!
    Siehst Du, mein lieber Gerhard, wenn ich Deinen ausführlichen Bericht und die von den anderen Mitgliedern lese und dann das Wenige, was ich gesehen habe, weiß ich genau, daß mir ganz sicher nichts entgangen ist. Und wie ich schon an anderer Stelle schrieb, das ist nichts, was mir Wagner näher bringt.


    Herzliche Grüße
    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • immer wieder interessant, wie Höreindrücke divergieren können: Mein Highlight des Abends war sicherlich Wolfgang Koch als Amfortas / Klingsor


    Absolut meiner Meinung! Koch war als Klingsor/Amfortas wesentlich besser als vor 2 Jahren in der Frau ohne Schatten. Da hat er mich überhaupt nicht überzeugt, sein Barak war schwach. Er hat mir im Parsifal gefallen, wobei ich zugeben muß, daß mir auch der Darsteller des Gurnemanz nicht nur durch seine Bühnenpräsenz, auch durch seine Stimme imponiert hat.


    Enttäuscht war ich von Botha, den ich vor etwa 10 Jahren als Kaiser in der Frau ohne Schatten in Dresden erleben durfte. Da hat er mich wesentlich mehr beeindruckt. Aber das lag sicher daran, daß ich nach dem 1. Akt eingeschlafen bin (nicht unbedingt ein Beweis für Begeisterung!!), und er war auch 10 Jahre jünger.


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Als Frau Rett im Vorbericht meinte, das der Regisseur meinte das man den Parsifal eigentlich gar nicht deuten kann, schwante (obwohl kein Lohengrin) mir schon schlimmes. Obwohl ich Herrn Schulz als Intendanten des MIR sehr schätze aber als Regisseur muss ich ihm leider die NOTE 6- erteilen. Warum wollen alle Regisseure eigentlich dem Parsifal und auch der Zauberflöte das weihevolle nehmen? Was ist daran so schlimm? Ich hatte das Gefühl am Schluss, dass keiner der Zuschauer sich getraut hat als erstes Buh zu rufen, deshalb hat das mit dem Applaus auch so lange gedauert. Witzig fand ich auch wie verwundert Botha beim Schlussapplaus geguckt hat, als ob er mehr erwartet hätte. Für die Inszenierung kann Thielemann nichts, da es noch eine Übernahme ist, die eigentlich Sir Simon Rattle hätte dirigieren sollen. Ich denke mal auch bei der Besetzung hätte Thielemann ein besseres Händchen gehabt, den die war mit Verlaub auf Provinztheater Niveau. Wenn ich daran denke was ich an Karfreitagen schon für Parsifalaufführungen an der Rheinoper erlebt habe. Das Dirigat von Thielemann war in Ordnung und die Buhs am Schluss unberechtigt. Nur was soll der Blödsinn zum einen mit den Verdoppelungen, das die Sänger mehrere Rollen singen und zum anderen das so viele Personen auf der Bühne sind, die in dem Stück gar nicht vorkommen? Ich warte nur noch auf die Premiere wo der Sänger des König Phillipp auch noch die Eboli singt :). Rüdiger Frank ist schon in Gelsenkirchen als Gott in Boitos Mephistophele aufgetreten. Da hat es durchaus Sinn gemacht nur leider nicht beim Parsifal.
    Freuen wir uns schon auf die Liveübertragung am 1. April von der Zauberflöte aus Baden Baden. Das ist die Bühne ganz in schwarz voller Gräber und Särge und die Sänger tragen ebenfalls schwarze Kostüme. Passend zum Thema Auferstehung.

  • Nur was soll der Blödsinn zum einen mit den Verdoppelungen, das die Sänger mehrere Rollen singen und zum anderen das so viele Personen auf der Bühne sind , die in dem Stück gar nicht vorkommen ? Ich warte nur noch auf die Premiere wo der Sänger des König Phillipp auch noch die Eboli singt :) .


    M.E. war die Entscheidung, Wolfgang Koch sowohl Amfortas, als auch Klingsor singen zu lassen, rein ökonomischer Natur. An anderer Stelle hier im Forum (ich finde sie nur leider gerade nicht) meinte jemand, die Idee sei nicht neu und sogar schon in Bayreuth(?) praktiziert worden. - Ich persönlich halte eine Deutung Amfortas = Klingsor sogar für höchst interessant, aber wie gesagt, gestern spielte dies wohl kaum eine durch die Inszenierung begründbare Rolle. Überhaupt konnte ich weder einen Ansatz, noch eine Begründung einer Personendoppelung erkennen, so dass die Inszenierung dbzgl. ihr eventuelles Ziel jedenfalls bei mir vollständig verfehlt hat.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Zitat

    Zitat von Rodolfo: Das Dirigat von Theilemann war in Ordnung und die Buhs am Schluss unberechtigt.

    Lieber Rodolfo,


    die Buh-Rufe galten nicht Thielemann, der sogar erheblichen Applaus erhielt, sondern das Buh-Gewitter brach erst los (und wäre noch schlimmer geworden, wenn nicht schon ein Großteil der Gäste den Saal verlassen hätten), als das Regieteam erschien, das sich unendlich lange Zeit ließ. Und da waren die Buhs mehr als berechtigt für den Sch..., den es auf die Bühne gestellt hatte!



    Zitat

    Zitat von Crissy:Und wie ich schon an anderer Stelle schrieb, das ist nichts, was mir Wagner näher bringt.

    Lieber Crissy,


    bei den Wagner-Inszenierungen, wie sie heute ja nur noch stattfinden, kann ich deine frühere Äußerung sehr gut verstehen. Wie gesagt, auch ich hätte nicht zu Wagner gefunden und ich glaube, die Generationen nach uns werden auch wohl nicht mehr zu ihm finden, wenn alle Inszenierungen so bleiben, für die die Bayreuther und andere schon diskutierte Inszenierungen Beispiele, und die neue Salzburger Inszenierung eines der abschreckendsten, sind.



    Zitat

    Zitat von Rodolfo:Freuen wir uns schon auf die Liveübertragung am 1. April von der Zauberflöte aus Baden Baden. Das ist die Bühne ganz in schwarz voller Gräber und Särge und die Sänger tragen ebenfalls schwarze Kostüme. Passend zum Thema Auferstehung.

    Vielen Dank für deine Warnung. Da werden wir den Bildschirm gar nicht erst einschalten, sondern uns an einer schönen Inszenierung auf DVD schadlos halten.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Lieber Gerhard,


    beim Schlussapplaus gab es als Thielemann sich im Orchestergraben verbeugt hatte, ein paar vereinzelte Buh Rufer, die aber zum Glück schnell übertönt worden sind. Der Das Regieteam bekam zu Recht ein Buh Orkan.

  • Wie auch immer man das gestern im Detail und im Ganzen werten mag; es war der Werbung für klassische Musik, für Wagner, für die Festspiele und für den unschuldigen Dirigenten abträglich. So gab es im Grunde nur Verlierer! Wenn neben Sky Unitel Classica sich schon 3sat der Oper annimmt, sollte man erstens nicht auf eine der unzugänglicheren Opern Wagners und zweitens auf halbwegs klassische oder bezüglich Tradition und Moderne ausgewogene Inszenierungen zurückgreifen. Eine Institution wie Salzburg sollte sich mit dem modernen Regietheater zumindest kritisch auseinandersetzen und gleich gar sollte man vermeiden, einen Ausnahmeoperndirigenten wie Thielemann derart zu verheizen und damit zu desavouieren.

  • sollte man erstens nicht auf eine der unzugänglicheren Opern Wagners [...] zurückgreifen.


    Die Hervorhebung ist von mir, gemeint ist hier der Parsifal und eine Begründung würde mich interessieren!

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Die Hervorhebung ist von mir, gemeint ist hier der Parsifal und eine Begründung würde mich interessieren!

    Ich denke hier wie Nietzsche, dass diese letzte Oper Wagners AUF DEN ERSTEN BLICK schon ein wenig gegenüber den früheren aus dem Rahmen fällt und wenn ich mir Laien vergegenwärtige, die auf 3sat das erste Mal Wagner hören, hielte ich Tannhäuser oder Holländer rein musikpädagogisch für angezeigter; aber vielleicht täusche ich mich auch!

  • Im Grunde meine ich, dass der Salzburger Parsifal-Inszenierung von Michael Schulz hier zu viel Aufmerksamkeit gezollt wird. Sie taugt weder als Paradebeispiel einer gelungenen, noch einer abschreckenden sog. Regietheater-Inszenierung. Für beides war sie schlicht zu langweilig! - Stattdessen würde ich gerne mehr über die jeweiligen Meinungen zu Dirigat, aber vor allem auch sängerischer Leistung hören bzw. lesen.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Lieber Rodolfo,


    die Buh-Rufe für Thielemann habe ich wohl überhört, denn sie wären wirklich ungerecht gewesen. Allerdings stimmt das, was Yorick hier gesagt hat, die Inszenierung schadet dem Ruf aller Beteiligten, der Oper, der Festspiele und des Komponisten, also auch Thielemann, der sich für solch einen Unsinn tatsächlich hat verheizen lassen. Und aus diesem Grunde haben vielleicht einige im Publikum ihm zu verstehen geben wollen, dass auch ihn die Mitschuld trifft, wenn er sich für diesen Schund hergegeben hat, allerdings ohne Berücksichtigung der Tatsache, dass er für einen anderen eingesprungen ist, als die Inszenierung wohl bereits stand. Aber auch da hätte er ja - denn ich denke, dass er nicht ganz in Unkenntnis darüber war, was dort verzapft wurde - absagen können. Dass er sich doch hergegeben hat, kratzt mit Sicherheit auch ein wenig an seinem Ruhm, vor allem, weil man ja hört, dass er kein Freund des Verunstaltungstheaters sei, sich also selbst untreu geworden ist.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Zitat

    Zitat vom MSchenk: Im Grunde meine ich, dass der Salzburger Parsifal-Inszenierung von Michael Schulz hier zu viel Aufmerksamkeit gezollt wird.

    Lieber Michael,


    eigentlich hast du ja recht, und diesen Gedanken hatte ich auch schon. Denn jedes Wort über diesen Unsinn ist schon ein Wort zuviel, er ist der Worte nicht wert.
    Auf der anderen Seite kann nicht mit genug Beispielen demonstriert werden, wie heruntergekommen die Oper heute schon ist. Wahrscheinlich muss sie, wie ein Alkoholiker, erst einmal in der tiefsten Gosse liegen, ehe die Einsicht Raum gewinnt.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Zitat Gerhard Wischniewski:

    Zitat

    Auf der anderen Seite kann nicht mit genug Beispielen demonstriert werden, wie heruntergekommen die Oper heute schon ist. Wahrscheinlich muss sie, wie ein Alkoholiker, erst einmal in der tiefsten Gosse liegen, ehe die Einsicht Raum gewinnt

    Lieber Gerhard!


    Das hast du sehr treffend ausgedrückt!


    Gruß Wolfgang



    Regietheater? Nein danke! Mir ist schon schlecht!

    W.S.

  • Und wie immer das Hauptproblem: Warum kann man die Oper nicht einfach in einem vagen Mittelalter ohne jeden Firlefanz spielen lassen?

  • Lieber Gerhard,


    die Buh-Rufe für Thielemann habe ich wohl überhört, denn sie wären wirklich ungerecht gewesen. Allerdings stimmt das, was Yorick hier gesagt hat, die Inszenierung schadet dem Ruf aller Beteiligten, der Oper, der Festspiele und des Komponisten, also auch Thielemann, der sich für solch einen Unsinn tatsächlich hat verheizen lassen. Und aus diesem Grunde haben vielleicht einige im Publikum ihm zu verstehen geben wollen, dass auch ihn die Mitschuld trifft, wenn er sich für diesen Schund hergegeben hat, allerdings ohne Berücksichtigung der Tatsache, dass er für einen anderen eingesprungen ist, als die Inszenierung wohl bereits stand. Aber auch da hätte er ja - denn ich denke, dass er nicht ganz in Unkenntnis darüber war, was dort verzapft wurde - absagen können. Dass er sich doch hergegeben hat, kratzt mit Sicherheit auch ein wenig an seinem Ruhm, vor allem, weil man ja hört, dass er kein Freund des Verunstaltungstheaters sei, sich also selbst untreu geworden ist.


    tatsächlich halte ich diesen Gedankengang für zu komplex. Insbesondere, wenn man von dem "üblichen" Premierenpublikum einer solchen Veranstaltung ausgeht (sehen und gesehen werden etc.; das Thema hatten wir ja auch gerade irgendwo). Wie ich bereits schrieb, war Thielemanns Dirigat m.E. zwar über weite Strecken gut, aber durchaus nicht untadelig; etwa die Tempoverschleppungen im ersten Aktschluss vor allem ab "Wein und Brot des letzten Mahles ..." - man müsste es halt nochmal genauer durchhören.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Ich denke hier wie Nietzsche, dass diese letzte Oper Wagners AUF DEN ERSTEN BLICK schon ein wenig gegenüber den früheren aus dem Rahmen fällt und wenn ich mir Laien vergegenwärtige, die auf 3sat das erste Mal Wagner hören, hielte ich Tannhäuser oder Holländer rein musikpädagogisch für angezeigter; aber vielleicht täusche ich mich auch!


    Was die Wertung als unzulänglich für mich allerdings noch nicht verständlicher macht. - Sicherlich, der Parsifal scheint mir in seiner Konstruktion (oder sollte man sagen, in seiner Dekonstruktion?) am ehesten Tristan und Isolde vewandt. Nicht umsonst trug Wagner sich mit dem Gedanken, den gralsuchenden Parsifal im dritten Tristan-Aufzug auftreten zu lassen. Was dem Parsifal (ebenso, wie dem Tristan) im Vergleich zu anderen Wagner-Opern fehlt, sind das, was man vielleicht als eingängige Melodien (also "Schlager") bezeichnen könnte. Vielmehr ist der Parsifal für mein Empfinden wie eine einzige, lange Melodie angelegt; auch hier sehe ich Parallelen zum Tristan, über welchen der Parsifal dbzgl. aber noch hinausgeht. - So betrachtet ist der Parsifal wohl tatsächlich nicht als "musikpädagogischer" Einstieg in das musikalische Schaffen Wagners geeignet. Andererseits war der Parsifal die erste Wagner-Oper, die ich live auf der Bühne gesehen habe; und das, ohne sie vorher gehört zu haben (eine entsprechende Aufnahme hätte ich mir damals von meinem Taschengeld schlicht nicht leisten können).

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Zitat

    Zitat von MSchenk: So betrachtet ist der Parsifal wohl tatsächlich nicht als "musikpädagogischer" Einstieg in das musikalische Schaffen Wagners geeignet.

    ich hatte in jungen Jahren meinen Einstieg in Wagner mit Tannhäuser und dem Fliegenden Holländer, danach Lohengrin, später Meistersinger. Bei Lohengrin hatte ich zunächst ein wenig Probleme mit dem ersten Teil des zweiten Aktes (Szene Ortrud-Telramund) die mir endlos erschien. Beim Ring dann brauchte ich auch etwas Zeit, um mich vor allem mit Teilen der Walküre anzufreunden, ebenso ging es mir mit Teilen des Parsifal. Tristan und Isolde sagte mir in jungen Jahren überhaupt nicht zu. Diese Oper habe ich erst mit über 60 Jahren näher kennen und lieben gelernt. Ich persönlich halte immer noch den Tannhäuser oder den Fliegenden Holländer als besten Einstieg, wenn man Wagner kennen lernen will.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)