Der Musiker Gräber

  • Charlotte Huhn - * 15. September 1865 Lüneburg - † 15.Juni 1925 Hamburg


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    Zum heutigen Geburtstag von Charlotte Huhn


    Charlotte wurde als jüngstes von fünf Kindern in einfache Verhältnisse geboren; der Vater betrieb einen Friseur-Salon in der Grapengießerstraße 27 zu Lüneburg; starb aber früh, ein älterer Bruder Charlottes führte das Geschäft weiter.
    Bereits in der Schulzeit fiel Charlottes Stimme und auch ihre außergewöhnliche Musikalität auf. Hinzu kam noch ihr stattlicher Wuchs, also eine ideale Kombination für eine imposante Bühnenerscheinung.


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    Entscheidend für ihren Werdegang war, dass sie vom damaligen Oberbürgermeister Otto Lauenstein und Maria Gravenhorst gefördert wurde.
    Diese Maria Gravenhorst war eine in ihrer Zeit ungewöhnliche Frau, Gattin eines Rechtanwalts, der in Lüneburg etwas zu sagen hatte. Maria Gravenhorst wurde anlässlich eines Berlin-Aufenthalts nicht nur Kaiser Wilhelm I. vorgestellt, sondern hatte dort auch Kontakt mit den Operngrößen Albert Niemann und Pauline Lucca. Sie brachte dergestalt etwas Kultur in die Hansestadt Lüneburg, dass sie über einen repräsentativen Saal verfügen konnte, der zum Schönsten der Stadt gehörte. Hier fanden kulturell hochstehende Abende statt, die von der Dame des Hauses moderiert wurden; manchmal - so ist in alten Schriften zu lesen - ließ sie auch ihre »betörende Altstimme« bei solchen Veranstaltungen hören. Maria Gravenhorst wusste, dass es ihr zum Weltruhm nicht mehr reichen würde, setzte jedoch alles daran, dass ihre junge Mitbürgerin Charlotte Huhn diesen Status erreichen konnte. Bei den wohlhabenden und kunstverständigen Kreisen der Stadt setzte sich Marie Gravenhorst rührig dafür ein, dass für Charlotte Huhn ein Studium am Konservatorium in Köln möglich wurde.


    Dort studierte sie ab 1881 bei Karl Hoppe. Nachdem sie ihre Studien 1885 wohl außergewöhnlich erfolgreich beendet hatte - es ist überliefert, dass von 30 Schülern und Schülerinnen nur zwei das Reifezeugnis für Konzertgesang erhielten - trat sie zunächst als Konzertsängerin auf.
    1887 hatte sie das Bedürfnis ihre Studien zu vervollkommnen, ging nach Berlin und studierte bei Julius Hey und der großen Wagnersängerin Mathilde Mallinger. 1889 fühlte sie sich endlich reif für die Opernbühne und debütierte an der Berliner Kroll-Oper als Titelheld in Glucks »Orpheus und Eurydike«, wobei der Erfolg ganz außerordentlich war und sie nun unter den ersten Häusern wählen konnte, die ihr Angebote unterbreiteten. Charlotte Huhn wagte gleich einen großen Sprung und entschied sich für die Metropolitan Opera New York
    , wo sie in zwei Spielzeiten, also bis 1891 in 17 Rollen zu hören war. Zunächst sang sie am 27. November1889 dort in der Premiere von Wagners »Der Fliegende Holländer« die Partie der Mary. Die berühmteren deutschen Namen waren jedoch an der »Met« in jenen Tagen die von Lilli Lehmann und ihrem Gatten Paul Kalisch.
    Durch Gastspiele der »Met« in Chicago und Boston lernte Charlotte Huhn auch andere nordamerikanische Städte kennen. Nach Europa zurückgekehrt, studierte sie mit der sehr erfahrenen Altistin und Gesangspädagogin Marianne Brandt (*1842) in Österreich einige Wagner-Partien ein, welche dann Glanzpunkte ihrer Opernkarriere wurden.
    Als Konzertsängerin konnte man Charlotte Huhn während mehrerer Auftritte beim Elften Schlesischen Musikfest in Görlitz (in der Regel wird hier Breslau genannt) bewundern, das vom 7. bis 9. Julie 1891 unter der Leitung von Professor Dr. Franz Wüllner stattfand. Bezüglich der sechs im Programm genannten Gesangssolisten ist die Sängerin aus Lüneburg so angesagt:
    »Fräulein Charlotte Huhn, von der deutschen Oper zu New-York, Alt«. Und das Glanzstück durfte bei diesem Musikfest auch nicht fehlen: »Scenen aus Orpheus, 2. Akt ... Chr. W. von Gluck«, dargeboten von Fräulein Leisinger und Fräulein Huhn.


    Dass Fräulein Huhn anschließend ein Engagement am Opernhaus Köln annahm ist nicht verwunderlich, denn schließlich hatte sie in dieser Stadt studiert und der musikalische Leiter des Musikfestes, Professor Dr. Franz Wüllner, war eine Kölner Koryphäe. Bis 1895 sang sie in Köln recht erfolgreich, um dann jedoch einem Ruf der Hofoper Dresden zu folgen, wo Ernst von Schuch wirkte.
    Dort kam sie mit August Bungerts Tetralogie »Homerische Welt« in Berührung und sang in der Uraufführung von »Kirke« und »Nausikaa«.
    Wenn man auf Kritiken stößt, welche über die Konzertsängerin Charlotte Huhn berichten, dann liest sich das meist recht positiv. So würdigt Eberhard Bernsdorf, ein damals namhafter Kritiker der Fachzeitschrift »Signale für die Musikalische Welt«, die Künstlerin in einem Konzert, das im Oktober 1898 im Leipziger Gewandhaus stattfand, dass sie bei Schuberts »Erlkönig« den verliehenen dramatischen Schwung und das wohlgetroffene Auseinanderhalten der Charaktere des Liedes bewundernswürdig dargestellt hat. Auch als Charlotte Huhn an gleichem Ort als Zugabe »Das Meer hat seine Perlen«, eine Liedkomposition von Robert Franz, nach einem Text von Heinrich Heine sang, wurde von der Empfindungswärme ihres Vortrags sowie der Sonorität und trefflichen Behandlung Ihrer umfangreichen Alt- beziehungsweise Mezzo-Sopranstimme sehr lobend berichtet.
     
    Als Charlotte Huhn sich 1902 nach München wandte, um dort an der Hofoper zu singen, währte ihr Engagement bis zum Jahr 1906. In München wirkte sie bei der Uraufführung der Oper »Le donne curiose«, einem Lustspiel von Emanno Wolf-Ferrari, am 27. November 1903 mit. Neben diesen Festengagements gab Charlotte Huhn natürlich auch Gastspiele an den Hofopern Wien, Berlin. Mannheim ...
    Und sie war auch in Holland, Schweden, Dänemark und Norwegen zu hören und schließlich zog es sie auch noch nach Brasilien und Argentinien, was so eine Art »Auszeit« gewesen sein soll.
    Charlotte Huhn konzentrierte sich etwa ab 1906 auf ausgesuchte Gastspiele, wo sie immer noch eindrucksvoll ihr Können darzubieten vermochte. Leider lehnte sie die Aufnahme ihrer Stimme ab, was ja zu ihrer Zeit durchaus möglich gewesen wäre. Sie wandte sich nun zunehmend auch pädagogischen Aufgaben zu. So gründete sie in Köln ihre eigene Gesangsschule, bekam aber die Leitung des gesamten Gesangswesens der großherzoglichen Hochschule für Musik und Gesang in Weimar angeboten, eine interessante Position, die sie jedoch nach drei Jahren wieder abgab, um in Berlin wieder unter eigener Regie eine eigene Gesangsschule zu führen.
    Die beste Zeit hatte Charlotte Huhn nun hinter sich; mit einem ihrer Schüler, einem Tenor, trat sie in ein so enges Verhältnis, dass sie ihn und seine junge Familie, auf deren Leben kein Segen ruhte, in all dem Kummer und Elend begleitete. In Hamburg, wo sie in einem letzten Versuch nochmal eine Gesangsschule gegründet hatte, starb sie mit 59 Jahren - wie es heißt, nach einer missglückten Stimmbandoperation.


    Nach ihrem Tode erschien im Sonntagsblatt der Lüneburgischen Anzeigen am 13. Juni 1926 ein Nachruf:


    »An einer schönen Stelle im ältesten Teil des Michaelisfriedhofes ist nun das Grabmal Charlotte Huhns errichtet. Dunkle Bäume bilden einen wirkungsvollen Hintergrund für des schimmernde Weiß des Granits, und prächtig hebt sich von diesem die Bronze des Bildnisses und der Urne ab. Die drei auf dem Deckel des Aschekruges eingravierten Namen verkünden mit der in Gold aus dem Hell des Denkmals leuchtenden Inschrift, dass hier eine der großen musikdramatischen Bühnengestalterinnen von ihrer Erdenpilgerung ausruht und dass die Pilgerung ehrenvoll war ...«


    Auf dem Deckel der Schmuckurne ist zu lesen: Fides - Orpheus - Ortrud; diese Inschrift würdigt die herausragenden Stationen ihres Lebens als Bühnenkünstlerin. Die Fides in Meyerbeers »Der Prophet«, als Titelheld in »Orpheus und Eurydike« von Gluck und aus ihrer Zeit an der Metropolitan Oper New York als Ortrud in Wagners »Lohengrin«.


    Praktischer Hinweis:
    Michaelisfriedhof in 21339 Lüneburg, Lauensteinstraße 41
    Das Grab befindet sich im Feld A, das ist nahe am Eingang, man wendet sich bei der Kapelle nach rechts.

  • Carl Amand Mangold - * 8. Oktober 1813 Darmstadt - † 4. August 1889 Oberstdorf


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    Zum heutigen Geburtstag von Carl Amand Mangold


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    Hinter diesem Namen verbirgt sich ein großartiges Musikerleben und C. A. Mangold war zu seinen Lebzeiten eine hochgeachtete Musikerpersönlichkeit. Er schrieb einige Opern und Oratorien, aber auch Lieder und Ballettmusik und wirkte viele Jahrzehnte in Darmstadt als unermüdlicher Chordirigent.
    Wenn Mangolds Oratorien wie »Frithjof« oder die »Hermannsschlacht« aufgeführt wurden, saßen da schon mal 155 Mann im Orchester, aber heutzutage sind solche Dinge nicht mehr en vogue, wenngleich sein 1859 komponiertes Oratorium »Abraham« noch als CD-Aufnahme zur Verfügung steht.


    Von Geburt an war Carl Ludwig Amand - so seine exakten Vornamen - von Musik umgeben. Ursprünglich kam die Familie aus dem nahen Odenwald nach Darmstadt. Die Musiktradition der Mangolds reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück, da waren Türmer und Stadtmusikanten, Sänger, Dirigenten, Kantoren ...
    Nun gab es in Darmstadt einen Großherzoglichen Hof, an dem musiziert wurde. Der Vater von Carl Amand, Großherzoglicher Hofmusikdirektor und Hofkapellmeister Georg Mangold, musste seinen Sohn nicht alleine in die musikalischen Kenntnisse einweisen, denn da war noch der ältere Bruder Wilhelm Mangold, ebenfalls Hofkapellmeister, und seine Schwester, die Sängerin Charlotte Mangold, immerhin Schülerin bei Carl Maria von Weber und Giacomo Meyerbeer, die dem kleinen Nachkömmling - er war der letzte der vierzehn Kinder - zeigen konnten wie Musik funktioniert.


    Als Carl Amand 1834 nach London reiste, lernte er dort Händels Oratorien kennen und bei seinem späteren Schaffen lag der Schwerpunkt seiner Kompositionen in der Vokalmusik.
    Als Vater Georg Mangold 1835 starb, trat Carl Amadeus in Darmstadt erstmals als Sänger auf, war aber auch als Violinspieler solistisch zu hören und führte eigene Kompositionen auf.
    In den Jahren 1836 bis 1839 studierte er am Pariser Konservatorium, das damals von Luigi Cherubini geleitet wurde. In Paris kam er mit den bedeutenden Musikern seiner Zeit - Frédéric Chopin, Franz Liszt, Hector Berlioz, Giacomo Meyerbeer, Jacques Fromental Halévy ... in Kontakt und trat auch schon als Dirigent und Komponist hervor.
    Zudem stand er in seiner Pariser Zeit auch mit Robert Schumann in Verbindung, den er für dessen »Neue Zeitschrift für Musik« mit Berichten aus dem Musikleben der französischen Hauptstadt versorgte. 1839 kehrte er dann wieder nach Deutschland zurück, weil sich eine ursprünglich geplante Einbürgerung nicht verwirklichen ließ.


    1841 wurde Mangold am Hoftheater Darmstadt als Korrepetitor angestellt, und in dieser Theaterluft entstand nun seine erste Oper »Das Köhlermädchen«; die Uraufführung war 1843.
    Im gleichen Jahr wurde auch sein erstes Oratorium »Wittekind oder der Sieg des Glaubens« aufgeführt.
    Interessant ist nun, dass sich sowohl Richard Wagner als auch Carl Amand Mangold fast zeitgleich mit dem gleichen Stoff für eine Oper beschäftigten, die Titel unterscheiden sich nur geringfügig - Mangold komponierte »Tanhäuser« und Wagner die Oper »Tannhäuser«.
    Die beiden Herren hatten von der Parallelität ihrer Arbeit keine Ahnung; Mangold begann seine Komposition am 8. Oktober 1843, Wagners Arbeitsbeginn war erst im November 1843. Allerdings vollendete Wagner seinen »Tannhäuser« bereits am 29. Dezember 1844 und Mangold setzte den Schlusspunkt zu seinem »Tanhäuser« erst eine Woche später, am 6. Januar 1845.
    Bei Mangolds Werk hatte der Textdichter - Eduard Duller - die Sage vom Getreuen Eckert herausgearbeitet und nicht den Sängerkrieg; Mangolds Librettist stellt die Geschichte des Minnesängers Heinrich von Ofterdingen in den Mittelpunkt.
    Mangolds »Tanhäuser« wurde mehrmals erfolgreich aufgeführt, in der »Neuen Zeitschrift für Musik« sah der Rezensent A. Müller1848 das Werk so:


    »In Darmstadt ist vor Kurzem ein Werk eines jungen deutschen Componisten zum vierten Male über die Bühne gegangen, welches so viel des Schönen enthält, daß es wohl verdient, bekannt und verbreitet zu werden; es ist die Oper: Tanhäuser von C. A. Mangold, Gedicht von Eduard Duller. Der Handlung liegt eine bekannte Sage vom dem Ritter Tanhäuser in Thüringen und dem Hörselberge zum Grunde. Der Componist hat in der Ouvertüre einen wirkungsvollen Anfang der Oper hervorgerufen und damit, so wie in dem ganzen Werke eine große Instrumental-Kenntnis und einen sehr richtigen Tact in der Verwendung der musikalischen Mittel an den Tag gelegt, welche uns zu wahrer Anerkennung und Bewunderung auffordern müssen. Die Hauptcharaktere der Oper: Tanhäuser, Innigis und Eckhard, sind in allen Situationen so wahr und trefflich gezeichnet, daß sie ihre große Wirkung nicht leicht verfehlen können. Namentlich sind hervorzuheben: die Romanze Tanhäusers im Hörselberge - die beiden Arien der Innigis - die Romanze des treuen Eckhard vor dem Hörselberge und das gleich darauf folgende Gebet (Tanhäuser, Innigis, und Eckhard), als Terzett ohne Instrumentalbegleitung behandelt. Die Parthie des Patriarchen Urban ist, besonders anfangs, so würdevoll gehalten, und ihm solch schöne versöhnende Cantabiles von trefflichen Chören unterstützt, in den Mund gelegt, daß die Behandlung des Actes gewiß großes Lob verdient. Der beiden Pilger-Chöre muß ich noch extra gedenken; auch sie zeugen von der Kraft und dem Talente des Componisten, das Beste zu leisten. Und so will ich denn mein Referat über diese Oper mit dem Bemerken schließen, daß der Componist Hoffnung hat, es baldigst auf einer der allerersten Bühnen Deutschlands zur Aufführung zu bringen. Wir wünschen ihr dort, so wie überall, das Glück, das die Oper verdient, und daß sie auch bei uns in reichem Maße gefunden hat. Die letzte dicht bedrängte Vorstellung, welche vom Componisten selbst geleitet wurde, war aber noch abgerundeter als die früheren, und ließ beinahe nichts zu wünschen übrig«.


    Die gute Besprechung und die guten Wünsche des Rezensenten halfen wenig, Mangolds »Tanhäuser« eroberte die großen Bühnen nicht, sowohl in Leipzig als auch in Berlin waren die Theaterdirektoren mit Wagner befreundet und wussten es einzurichten, dass Mangolds »Tanhäuser« außen vor blieb.


    Privat war es für Carl Amand Mangold in dieser Zeit besser gelaufen; im Herbst 1844 heiratete er die Tochter des Großherzoglichen Hessischen Ministerpräsidenten. Mangold hatte nun Zugang zu den höchsten Kreisen der Gesellschaft und die damals sehr berühmte Sängerin Jenny Lind trug oft in ihren Konzerten Mangolds »Zwiegesang« vor, es war eines von mehr als 300 Sololiedern, die Mangold komponierte.
    1848 wurde Carl Amand Mangold zum Hofmusikdirektor ernannt. Neben seinen Oratorien, die sehr erfolgreich waren und dem Zeitgeist entsprachen schuf er das Ballett »Dornröschen« und das Singspiel »Die Fischerin«.
    Auch nach seiner Pensionierung 1869 war Mangold immer noch viele Jahre als Chorleiter und Komponist tätig und hatte in der Fachwelt einen guten Namen. Aber berühmter wurden Verdi und Wagner, die ebenfalls 1813, also wie Mangold, geboren waren.
    Carl Amand Mangold hielt sich im August 1889 zu einem Erholungsurlaub in Oberstdorf im Allgäu auf, wo ein Herzinfarkt seinem Leben ein Ende setzte.


    Praktische Hinweise:
    Das Grab der Musikerfamilie Mangold befindet sich auf dem Alten Friedhof in 64285 Darmstadt, Herdweg 105. Man geht vom Eingang aus etwa 100 Meter geradeaus und findet dann die relativ große Grabanlage rechts des Weges.
    Auf diesem Friedhof befinden sich auch die Gräber der Sängerin Erika Köth und des Komponisten Friedrich von Flotow (siehe Beitrag #84).

  • Lieber hart, wieder einer Deiner Friedhofsbesuche, bei dem man Dich sehr, sehr gern begleitet. Danke. Ein diskreter Hinweis sei mir erlaubt. Vielleicht möchtest Du ja den zweiten Vornamen von Mangold, Amand, durchgängig verwenden. Die Autokorrektur spielt auch mir bei solch seltenen Namen gern Streiche.


    Mangolds »Tanhäuser« wurde mehrmals erfolgreich aufgeführt ...

    In neuer Zeit gab es übrigens eine Aufführung in Annaberg-Buchholz. Die Kritik des Online-Merker findet sich noch im Netz.

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Vielleicht möchtest Du ja den zweiten Vornamen von Mangold, Amand, durchgängig verwenden

    Lieber Rheingold,
    Dein Hinweis war dringend notwendig, denn ich hatte schon vorher das vage Gefühl da irgendwas falsch gemacht zu haben - danke!

  • Auf der Suche nach Material über Egeon Wellesz fand ich den Hinweis auf sein Grab in Wien und habe die Gelegenheit zu einem virtuellen zu den Gräbern von Musikern unternommen, die sich auf dem Wiener Zentralfriedhof befinden. Anbei Orientierungskarte, die behilflich sein kann bei Suche nach Grabstätten

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    Ich fand dort außerdem die Gräber folgender Musiker (Komponisten, Sänger, Dirigenten, Instrumenbauer) geordnet nach Todesjahr bis 1991.


    Christoph Willibald von Gluck (1714-1787) (32A-49).

    Ludwig van Beethoven (1770–1827) (32A-29).

    Franz Schubert (1797–1828) (31A-28).

    Hans Rott (1858–1884) (23-2-59).

    Franz von Suppe (1819–1895) (32A-31).

    Johannes Brahms (1833–1897) (32A-26).

    Carl Zeller (1842–1898) (47B-G1-9).

    Johan Jr. Strauss (1825–1899) (32A-27).

    Carl Millöcker (1842–1899) (32A-35).

    Wilhelm Jahn (1835-1900) (0-1-26).

    Hugo Wolf (1860-1903) (32A-10).

    Anton Rückauf (1855-1903) (32A-12).

    Max Josef Beer (1851–1908) (72D-G1-31).

    Leopold Demuth (1861-1910) (33H-7-7).

    Josef Bayer (1852-1913). (0-1-66).

    Karl Goldmark (1830-1915) (52A-1-13).

    August Stoll (1853-1918) (59-A-8-23).

    Ludwig Bösendorfer (1835-1919) (17B-G1-10).

    Natalie Bauer-Lechner (1858-1921) (59B-G1-21).

    Karl Michael Ziehrer (1843-1922) (32C-1).

    Heinrich Berte (1858-1924) (59A-6-16).

    Ferdinand Löwe (1863-1925) (31B-13-9).

    Rudolf Pichler (1856-1925) (84-10-41).

    Karl Horwitz (1884-1925) (41-B-G1-36).

    Grafin Maria Misa von Wydenbrück-Esterhazy (1859-1926). (55-B-23).

    Gerhard Stehmann (1866-1926) (17-1-22).

    Franz Neidl (1855-1926) (120-5-22).

    Robert Fuchs (1847-1927) (33E-3-5).

    Hermann Theodor Gradener (1844-1929) (47F-12-7).

    Selma Kurz (1874-1933) (14C-8).

    Mathilde Fröhlich (1865-1934) (67-44-86).

    Wilhelm Kienzl (1857-1941) (32C-20).

    Alexander von Zemlinsky (1871-1942) (33G-71).

    Margaretha Rita Merlitschek-Michalek (1875-1944) (160-10-55).

    Hans Pfitzner (1869-1949) (14C-16).

    Arnold Schönberg (1874-1951) (32C-21A).

    Joseph Marx (1882-1964) (32C-29).

    Grete Wiesenthal (1885-1970) (55-A-13).

    Egon Wellesz (1885-1974) (32C-38).

    Robert Stolz (1880-1975) (32C-24).

    Lotte Lehmann (1888-1976) (32C-49).

    Ernst Krenek (1900-1991) (33G-1).

    Alles Gute und einen Gruß von Orfeo

  • Lieber Orfeo,

    zu Deinem Plan sollte man noch hinzufügen, dass sich das von Dir gezeigte Grab in der Gruppe 32 C befindet. Diese Gräbergruppe liegt links des Hauptweges.


    Die Fremdenführerin Hedwig Abraham, die auch Prominentengräber auf dem Wiener Zentralfriedhof beschreibt, bezeichnet in ihrem Beitrag Egon Wellesz als Schriftsteller, was diesem Mann nicht ganz gerecht wird.


    Schließlich war er Komponist und Privatschüler von Arnold Schönberg und verfasste 1920 die erste Monographie Schönbergs; Egon Wellesz war ein geachteter Musikwissenschaftler, was vielleicht dazu führte, dass er als Schriftsteller bezeichnet wird, was ja auch nicht falsch ist. Als Musikwissenschaftler beschäftigte er sich ganz besonders mit der italienischen Oper und byzantinischer Musik.
    Im Mai 1921 fand die Uraufführung seiner Oper »Die Prinzessin Girnara« gleichzeitig an zwei Opernhäusern statt - in Frankfurt und Hannover, 1924 folgte die Oper »Alkestis«, UA in Mannheim und »Die Bakchantinnen«, UA am 20. Juni 1931in Wien.


    Egons Interesse an Musik wurde früh geweckt; der Siebenjährige begann mit dem Klavier, und hörte als Vierzehnjähriger Gustav Mahler dirigieren, was den jungen Mann stark beeindruckte.
    Das von den Eltern gewünschte Jurastudium war von kurzer Dauer, recht bald wechselte Egon Wellesz zur Musikwissenschaft und war von 1929 bis 1938 Professor an der Universität Wien.
    1938 hatte er Österreich verlassen und ging nach England, wo er ein hochangesehener Musikwissenschaftler und Lehrer war und 1946 britischer Staatsbürger wurde.
    Dass er aber auch komponierte, zeigt ein Werkkatalog von 112 Opus-Nummern, darunter 6 Opern, 4 Ballette, 9 Symphonien, 8 Streichquartette, Konzertstücke für Klavier, Violine, Lieder, Chorwerke ...

  • Hab Dank für diesen, den vorangehenden ergänzenden und Egon Wellesz betreffenden Beitrag, lieber hart.

    Egon Wellesz ist mir, der ich gerade bis zum Hals in der Wiener Moderne stecke, wohl bekannt, und er verdient, wie ich finde, eine ihn in seiner historischen Bedeutung hervorhebende Beachtung.

    Ihm ist ja hier im Forum, völlig zu Recht, ein eigener Thread gewidmet: Egon Wellesz: Die Sinfonien und alles andere auch

  • Anna Milder-Hauptmann - * 13. Dezember 1785 Konstantinopel - † 29. Mai 1838 Berlin


    Beethovens erste Leonore - zu ihrem heutigen Geburtstag

    Anna Milder-Hauptmann hat ihre letzte Ruhe auf einem ganz außergewöhnlichen Berliner Friedhof gefunden, der 1961 zu einer nur unter Todesgefahr zu überwindenden Staatsgrenze wurde, auf dem Gelände hatte man – zum Teil mit abgebauten Grabsteinen – einen Kolonnenweg angelegt, der für die Fahrzeuge der Grenzpatrouillen genutzt wurde.
    Dem geschaffenen Todesstreifen fielen auch einige kulturhistorisch wertvolle Gräber und Kunstwerke zum Opfer und nach der Wende entstanden weitere Schäden durch Vandalismus und Diebstahl.


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    Noch immer stehen Teile der Mauer auf dem Friedhofsgelände.


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    Der unscheinbare Stein wird durch das Schattenmuster des Gitters belebt, die heutige Grabplatte soll aus dem Jahr 1927 stammen.


    Wenn man sich die Lebensdaten dieser Ausnahmesängerin anschaut ist klar, dass man auf Zeitzeugen angewiesen ist, die der Nachwelt ihre Eindrücke der außergewöhnlichen Stimme von Milder-Hauptmann berichten, denn die Entwicklung der Schallplatte lag noch in weiter Ferne.


    Diese Zeitzeugen stammen aus der ersten Reihe der Musikschaffenden: Joseph Haydn, Antonio Salieri, Luigi Cherubini, Ludwig van Beethoven, Franz Schubert ... und viele namhafte Komponisten arbeiteten mit der Sängerin auf vielfältige Weise zusammen.
    Beethoven komponierte für sie die Titelpartie seiner einzigen Oper »Fidelio« und Anna Milder sang alle drei Fassungen mit unterschiedlichen Titeln: 1805 »Fidelio oder die eheliche Liebe«, 1806 »Leonore oder Der Triumph der ehelichen Liebe« und schließlich 1814, nun mit dem Namen Anna Milder-Hauptmann, die endgültige Fassung »Fidelio«, und schrieb damit Musikgeschichte. Dass einige Jahre später - ab 1822 - Wilhelmine Schröder-Devrient Beethovens Oper zum eigentlichen Durchbruch verhalf ist eine andere Geschichte ...


    Aber auch Musik-Rezipienten wie zum Beispiel Napoleon und Johann Wolfgang von Goethe waren von Anna Milder-Hauptmann hell begeistert, was noch an konkreten Beispielen dargestellt werden soll.

    Sie war als Anna Pauline Milder geboren; der Name Hauptmann kam im Frühjahr 1810 hinzu, als sie den Wiener Hofjuwelier Peter Hauptmann heiratete, der mehr als zwei Jahrzehnte älter war als seine Angetraute, die Ehe soll nicht glücklich gewesen sein, die beiden Kinder wuchsen beim Vater auf.


    Ihr Geburtsort Konstantinopel - heute Istanbul - ist schon etwas außergewöhnlich, sie war im damaligen europäischen Stadtteil Pera geboren.


    Ziemlich nah kann man vermutlich an die Sängerin herankommen, wenn man den Aufzeichnungen des Musikwissenschaftlers Dr. Gustav Schilling folgt, der 1842 - also vier Jahre nach dem Tod von Anna Milder-Hauptmann - eine »Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften« herausgab.
    Dieser Dr. Schilling prangert zwar Ungenauigkeiten bei der Darstellung der Jugendgeschichte von Anna Milder-Hauptmann im Lexikon an und beruft sich bei seiner Darstellung auf authentische Quellen, aber er selbst war eine umstrittene Figur; dennoch gibt es eigentlich keinen Grund seiner Darstellung zu misstrauen; er schreibt auf Seite 309 im Supplement-Band des Universal-Lexicon:


    »Besonders die Jugendgeschichte der ewig denkwürdigen Künstlerin betreffend, bedarf dieser Artikel im Lexicon mehrerer wesentlichen Berichtigungen, welche mitgetheilt hier sich auf authentische Quellen gründen. Geboren ward sie am 13. December 1785zu Constantinopel. Ihr Vater, Felix Milder, ein geborner Salzburger, war damals Conditor bei dem k. k. Gesandten, Baron Herbert, und ihre Mutter Kammerfrau bei dessen Gemahlin. Mit den Kindern des Gesandten wuchs auch die kleine Anna bis zu ihrem fünften Jahre auf. Zu dieser Zeit verließen die Eltern Constantinopel, indem der Vater als Dolmetscher Dienste bei dem Fürsten Maurojoni in Bucharest nahm. Hier verweilten sie, bis der Krieg zwischen Oesterreich und der Pforte ausbrach. Die Eroberung von Bucharest durch die Oesterreicher endigten die vielen Gefahren, denen die Familie Milder während dieses Krieges ausgesetzt war. Während des Congresses zu Listora trat Vater Milder wieder in die Dienste des Baron Herbert. Später nach Bucharest zurückgekehrt, verlebte die Familie fast noch ein Jahr im Hause eines Bojaren, bis der Ausbruch der Pest sie zur Flucht nöthigte. Ihr Weg ging durch die Quarantäne zu Herrmannstadt nach Wien, wo Anna den ersten Unterricht erhielt. Der französischen, italienischen, neugriechischen und wallachischen Sprache vollkommen mächtig, konnte sie noch kein Wort deutsch. Die erste Kirchen- und Opern-Musik, welche sie in Wien hörte, machte einem mächtigen Eindruck auf das damals zehnjährige Mädchen, und die Eltern wurden mit Bitten um Musikunterricht bestürmt. Durch das veränderte Klima aber litt ihre Gesundheit sehr, und der Vater kaufte ein kleines Landgut in Hütteldorf, eine Meile von Wien, welches sie alle bezogen, und wo Anna nun von dem Dorfschulmeister den ersten Musikunterricht erhielt. Bald darauf indeß hörte S. Neukomm, der als Salzburger Landsmann Milder besuchte, die junge Anna singen, ward von der schönen, umfangreichen Stimme überrascht und ertheilte dem nunmehr 16 Jahre alt gewordenen Mädchen zwei Jahre lang, und zwar den ersten kunstgemäßen Unterricht, wornach also nicht Schickaneder und Tomascelli oder Salieri es waren, welche die erste Entdeckung von ihrem außerordentlichen Talente machten. Durch Neukomm ward Anna M. auch mit J. Haydn, dem Lehrer jenes, bekannt. Haydn hörte sie öfters und sagte einmal in seiner treuherzigen Weise nach einer vorgesungenen Arie: ›Liebes Kind, Sie haben eine Stimme wie ein Haus.‹ Im dritten Jahre des Unterrichts von Neukomm sang die Künstlerin schon Zingarelli´s berühmte Arie ›Ombra adorata‹. Schickaneder hörte sie und beredete sie sofort zum Auftreten auf der Bühne. Ihre Eltern gaben auch die Einwilligung dazu, und nun übernahm es Mozarts Schwägerin, die Unterhandlungen mit Schickaneder einzuleiten, deren Erfolg ein Engagement mit 500 fl. W. W. war. Zum ersten Debut ward die Rolle der Juno in Süßmayers ›Spiegel von Arkadien‹ gewählt. Es war am 9. April 1803. Die 19jährige Sängerin gefiel so sehr, daß eine von Süßmayer für sie eigens componirte und noch eingelegte Arie mehrere Male wiederholt werden mußte.«


    Nach ihrem fulminanten Einstand im April 1803 eilte die junge Sängerin von Erfolg zu Erfolg. 1807 wechselte Anna Milder an das Kärntnerthortheater, wo sie mächtig Furore machte.
    Sie bewirkte eine Wiederbelebung der Opern Glucks, denn die Titelpartien von »Alceste«, »Armida« und »Iphigenie in Tauris« schienen ihr auf den Leib geschrieben, hier konnte sie ihre stimmlichen Möglichkeiten grandios entfalten. Der umtriebige Johann Friedrich Reichardt, der damals schon einiges gehört hatte, schrieb im November 1808 aus Wien - nachdem er sich über die Dekorationen im Theater mokiert hatte - bezüglich Milders Stimme:
    »Aber die herrliche Stimme der Künstlerin habe ich in ihrer ganzen Schönheit und Fülle genossen, und bin wahrlich entzückt davon. Es ist ausgemacht die schönste, vollste, reinste Stimme, die ich in meinem Leben in Italien, Deutschland, Frankreich und England gehört habe.«
    Wie bereits erwähnt, wurde diese große Stimme auch vom großen Napoléon Bonaparte bewundert, der gerade mal wieder - von Mai bis Oktober 1809 - in Wien weilte, wo er in Schloss Schönbrunn residierte.
    Napoleon hörte Anna Milder in als Lilla in der Oper »Una cosa rara« von Vincente Martin y Soler.
    Seine Begeisterung ist so überliefert: »Voila une voix, depuis longtemps je n´ai pas entendu une telle voix.« Nachdem der große Feldherr die Sängerin einige Male gehört hatte, unterbreitete er ihr ein außerordentliches, mit viel Geld und Privilegien gespicktes Angebot, wenn sie zum Engagement nach Paris kommt. Der 25-jährigen Sängerin war offenbar ihre Heirat wichtiger und so wurde aus der Fortsetzung ihrer Karriere in Paris nichts; Milders Biograf Carl von Ledebur drückt das so aus: »allein unselige Bande fesselten sie damals in Wien.«
    Auch als ihr kurze Zeit später Operndirektor Gaspare Spontini eine Jahresgage von 46.000 Francs bot, wenn sie an die italienische Oper nach Paris kommt, sagte sie ab. Der Zeitpunkt war allerdings denkbar ungünstig, denn im Februar 1811 hatte Anna Milder-Hauptmann ihr erstes Kind, eine Tochter, geboren und Spontinis briefliches Angebot trägt das Datum des 28. März des gleichen Jahres.


    Es dauerte noch ein paar Jahre, dann kamen die beiden beruflich doch noch zusammen. Milder-Hauptmanns Ruhm war bis nach Berlin gedrungen, wo sie schon 1812 und 1815 mit triumphalem Erfolg gastierte. Wie bereits in Wien, kam es durch sie auch in Berlin zu einer Gluck- Renaissance. 1816 war sie in Wien kontraktbrüchig geworden, um Mitglied der Berliner Hofoper werden zu können. Am 1. Juni 1816 wurde die Ausnahmesängerin vom König für das königliche Hoftheater engagiert; aus einem ihrer Briefe geht hervor, dass sie über diese lebenslange Anstellung sehr glücklich war. Bereits eine Woche nach ihrer Festanstellung in Berlin stand sie als Emmeline in Joseph Weigls damals überaus populärer Oper »Die Schweizer-Familie« auf der Bühne, ihr Auftritt muss routiniert gewesen sein, denn sie hatte diese Rolle schon 1809 bei der Uraufführung in Wien gesungen. Im Laufe ihres Berliner Engagements sind 380 Vorstellungen mit Milder-Hauptmann überliefert. Wie die Stimme in Berlin geklungen haben mag, ist in den Erinnerungen des Berliner Philologen und Kunsthistorikers Gustav Parthey nachzulesen, er schreibt: »Ihre Stimme vereinigte Weichheit, Reinheit und Stärke in einem noch nicht dagewesenen Grade.«


    Auch Jeanette, die spätere Frau des akademischen Malers Friedrich Leopold Bürde, war mit nach Berlin gekommen, das war Annas vierzehn Jahre jüngere Schwester, die ebenfalls musikalisch außerordentlich begabt war. Jeanette betätigte sich als Pianistin, Sängerin und Komponistin, wobei zu erwähnen ist, dass sie mehrere Hefte mit Liedern herausgab.
    Jeanette begleitete zunächst öfter den bekannten österreichischen Tenor Franz Wild, aber auch ihre Schwester, wenn diese Lieder vortrug, wie zum Beispiel 1824, als ihre Schwester in Berlin Goethe-Vertonungen von Franz Schubert vortrug; auf dem Notenblatt der Komposition von »Suleika 2« (D. 717) steht: »Frau Anna Milder gewidmet«

    Und dann kam 1820 der Ritter der Ehrenlegion, Gaspare Spontini, auf Aufforderung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. als Generalmusikdirektor und Erster Kapellmeister nach Berlin; bereits 1817 hatte ihm der König den Titel eines »premier maître de chapelle honoraire« verliehen. Natürlich sang Anna Milder-Hauptmann auch in den vom neuen Chef komponierten Opern, wie zum Beispiel am 14. Mai 1821 in der deutschsprachigen Zweitfassung von »Olympia«, als Statira oder in der 1827 uraufgeführten Oper »Agnes von Hohenstaufen.«


    Der Beruf einer Sängerin ist anstrengend, also begab sich Anna Milder-Hauptmann mit ihrer Freundin Friederike im Sommer 1823 zur Kur nach Marienbad, wo sie Goethe begegnete. Anlässlich eines privaten Konzerts im Hause des Badearztes sang sie einige Lieder, was den alten Goethe offensichtlich sehr beeindruckte, denn er notierte in seinem Tagebuch: »Zu Dr. Heidler, wo Madame Milder unvergleichlich sang und uns alle zum Weinen brachte.«
    Dieses Konzert ist auch noch auf andere Weise dokumentiert, an seinen Busenfreund Zelter schrieb der Dichterfürst am 24. August, also neun Tage nach dem Konzerterlebnis: »vier kleine Lieder, die sie dergestalt groß zu machen wußte, daß die Erinnerung daran mir noch Thränen auspreßt.«
    Der alte Zelter drückte die Hochachtung auf seine Weise aus und meinte:»Dem Weibsbilde kömmt der Ton armsdick zur Kehle heraus!« Carl Friedrich Zelter war diesbezüglich sachkundig, denn er stand von 1800 bis 1832 als Direktor der Singakademie zu Berlin vor und organisierte noch drei Jahre vor seinem Tod am 11. März 1829 die legendäre Wiederaufführung der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach unter dem 20-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy. Bei dieser Veranstaltung sang auch Anna Milder-Hauptmann und vermutlich ihre Schwester Jeanette, die ebenfalls Mitglied der Singakademie war.
    Ein Jahr zuvor, am 9. April 1828, gab es eine Feier anlässlich ihres 25. Bühnenjubiläums. Man überreichte der Jubilarin eine Vase, in der ihre wichtigsten Rollen eingraviert waren. Ein weiteres Geschenk kam von Goethe, der durch Zelter ein Prachtexemplar von »Iphigenie in Tauris« mit einer persönlichen Widmung überreichen ließ:


    »Dies unschuldsvolle, fromme Spiel,
    Das edlen Beifall sich errungen,
    Erreichte doch ein hö´hres Ziel,
    Betont von Gluck, von Dir gesungen.«


    Anna Milder-Hauptmann fühlte sich auf Augenhöhe mit den großen Komponisten ihrer Zeit, Beethoven eingeschlossen, der die Absicht hatte für Berlin eine zweite Oper zu schreiben; am 6. Januar 1816 schrieb er mit der Anrede: »Meine werthgeschätzte einzige Milder, meine liebe Freundin! - unter anderem - »Wenn Sie den Baron de la motte Fouquè in meinem Namen bitten wollten, ein großes opern Süjet zu erfinden, welches auch zugleich für Sie anpassend wäre, da würden sie sich ein großes Verdienst um mich u. um Deutschlands Theater erwerben – auch wünschte ich solches ausschließlich für das Berliner Theater zu schreiben, da ich Es hier mit dieser knickerigen Direkzion nie mit einer neuen oper zu stande bringen werde.«
    Wie man weiß, kam es zu keiner zweiten Beethoven-Oper, aber die Sängerin benutzte ihren berühmten Namen auch, um andere Komponisten darum zu bitten, für ihre Stimme etwas zu komponieren, so zum Beispiel Conradin Kreutzer, der 1819 an einen Freund schrieb:


    »Diesen Winter habe ich für die Madame Milder nach Berlin ein lyrisch tragisches Zwischenspiel – Adele von Badoy – componirt die Sie mir übersandte. Dies ist ein ungemein effectvolles Sujet – ganz auf ihr Talent – Person, und Stimme berechnet – Ich hoffe damit grosse Ehre einzuärndten.« Die Hoffnungen des Komponisten erfüllten sich nicht, denn Milder-Hauptmann hielt Kreutzers Werk nicht für so gut, dass man es in Berlin aufführen konnte, also führte sie es im Sommer 1821 während eines Gastspiels in Königsberg auf - es war ein Misserfolg.
    Musikgeschichtlich weit bedeutsamer war der Kontakt mit Franz Schubert, den sie zwar im Herbst 1824 in Wien nicht antraf, aber zur Weihnacht des gleichen Jahres bei ihm brieflich wegen der Vertonung eines Gedichts anfragte; mit dem Stück »Der Hirt auf dem Felsen« entstand Schuberts vorletzte Komposition (D 965) für Gesangsstimme, Klarinette und Klavier.
    Anna Milder-Hauptmann hatte in Berlin einige Schubert-Lieder erstaufgeführt und schrieb ihm nach Wien:
    »... wie sehr mich Ihre Lieder entzücken, und welchen Enthusiasmus sie der Gesellschaft gewähren, wo ich selbe vortrage.« Die Sängerin schrieb Schubert, dass sie sich bei der Berliner Intendanz auch für eine von ihm komponierte Oper einsetzen werde, worauf Schubert »Alfonso und Estrella« nach Berlin sandte, aber man hatte dort keine Verwendung für das Stück, welches seine Uraufführung erst 1854 erlebte.
    Wenn man diverse Quellen studiert wird nicht eindeutig klar, dass Anna Milder-Hauptmann Schubert mit der Komposition »Der Hirt auf dem Felsen« beauftragte, aber es ist denkbar, dass es ein Auftragswerk der prominenten Sängerin ist. Gesichert ist, dass Anna Milder-Hauptmann von Schuberts Bruder Ferdinand 1829 eine Abschrift der Vertonung erhielt und das Stück am 10. Februar 1830 in Riga zur Erstaufführung brachte; am 14. Dezember des gleichen Jahres bot die Sängerin dann das Stück in ihrem Berliner Publikum dar.


    Die Bühnenkünstlerin Anna Milder-Hauptman hatte natürlich auch ein Privatleben, das mit ihrer Heirat und dem Auseinanderleben der Gatten bereits dargestellt wurde. Etwa 1817 lernte sie in Berlin die etwas ältere Friederike Liman kennen, die als hochgebildete Frau beschrieben wird und nach ihrer Scheidung zunächst mit der Schauspielerin Friederike Bethmann-Unzelmann in einer eheähnlichen Beziehung gelebt hatte. Die offen gelebte Beziehung zwischen Anna Milder-Hauptman und Friederike Liman wurde offenbar von der Berliner Gesellschaft akzeptiert.


    Wie sich Anna Milder-Hauptmanns Abschied von der Berliner Opernbühne gestaltete schildert Eduard Devrient, der ja vom Theater allerhand verstand, in seinen Erinnerungen recht anschaulich:


    »Den empfindlichsten Rückschlag seiner egoistischen Rücksichtslosigkeit sollte Spontini an der empfindlichsten Stelle seiner Position, an der Anziehungskraft seiner grands ouvrages, erfahren; er büßte schon 1829 mit dem Talente der Frau Milder den größten Glanz seiner Opern ein. Sie hatte sich schon seit geraumer Zeit gegen Spontini’s Anstrengungsforderungen bei meistens unnützen Proben gesträubt, sie hatte schließlich mehrmals die Aufführung der Statira verweigert; seine Ungeduld, sein Ereifern richtete bei der majestätischen Dame nichts aus, so sah er sich in seinen Interessen verletzt, achtete darüber den Werth dieser künstlerischen Persönlichkeit für das Kunstinstitut überhaupt nicht, sondern drang auf ihre Pensionirung, die er denn auch in der Zeit des Intendanz-Interregnums im Jahre 1829, trotz ihrer Protestationen, durchsetzte. Er lebte in dem hochmüthigen Wahne, es müßten ihm die ersten Gesangscapacitäten auf seinen Wink zufliegen; er wußte nicht, daß im Gegentheile seine Opern und seine Anforderungen bei deren Ausführung von allen Gesangstalenten gescheut wurden. So erlangte er kein Talent wieder, das auch nur annähernd der Milder sich vergleichen, den grands ouvrages den verlorenen Reiz der poetischen Hoheit wiedergeben konnte. Das Theater aber hatte ein unersetzliches Talent wenigstens um fünf Jahre zu früh eingebüßt; das bewiesen die Gluck’schen Opern Armida und Iphigenia, welche Frau Milder als Gast noch 1830 und 1834 auf der Bühne sang, von der sie vorzeitig vertrieben worden. Auch die ausdauernde Stütze seiner Opern, die Darstellerin der Julia, Amazily, Olympia, vermochte nach schwerer Erkrankung im Jahre 1830 nicht mehr Spontini’s Ansprüchen zu genügen, und mußte auf ihr Verlangen 1832 pensionirt werden.«


    Nach 1829 begab sich Anna Milder-Hauptmann auf ausgedehnte Gastspielreisen und trat in Schweden, Dänemark und Russland, sowie in mehreren großen Städten Deutschlands auf; 1836 gab sie in Wien, wo sie einst begonnen hatte, ihr Abschiedskonzert.
    Ihre letzten Jahre verbrachte sie zurückgezogen in Berlin und Wien. In der Nacht vom 24. auf den 25. Mai 1838 erkrankte sie an einem »gastrich-nervösen Fieber« und verstarb in Berlin am 29. Mai, die Beisetzung fand am 1. Juni statt.


    Anna Milder-Hauptmann war vor allem im deutschen Sprachraum eine ganz herausragende Interpretin, man könnte noch eine Menge positiver Beurteilungen namhafter und sachverständiger Zeitgenossen einfügen. Carl Friedrich Rellstab, der Vater des Dichters Ludwig Rellstab, Musikkritiker und Komponist hörte die Milder 1811 in Wien und beschrieb in einem Zeitungsartikel das von ihm Gehörte bis ins letzte Detail:


    »Es kann keine Sängerin und Tonkünstlerin geben, auf welche sowohl meine Neugier mehr gespannt gewesen wäre, als meine Aufmerksamkeit in grösserer Erwartung. Bei meiner ersten Anwesenheit in Wien war sie verreist, bei meiner Rückkehr aus Italien fand ich sie aber und hörte und studirte ich ihre Stimme alle Tage. Sie hat einen Umfang von a bis 3gestrichen c. In diesem Umfange sind sämmtliche Töne gleich schön, gleich stark, gleich voll; sollte man aber doch einige vorziehen können, so wären es die bei andern Stimmen so selten schönen Mitteltöne, d[1] bis 2gestrichen d. Es ist der Ton einer wirklich echten Steiner Geige, die ich noch der Cremoneser vorziehe. Triller, Pralltriller und Mordenten macht sie nicht, aber den Doppelschlag, Schleifer und Anschlag sehr gut punktirt und gleich. Eigentlich grosse Bravour-Passagen macht sie eben so wenig, aber sanfte gute Volaten, volubel und deutlich, auch hat sie alle Nuancen der Stärke und Schwäche etc.«


    Und wie war das mit ihren Schwächen? Wenn man sich durch die Literatur liest, dann findet man schon mal die Bemerkung, dass dieser schönen Stimme die Biegsamkeit fehlte und das Organ wie ein Orgel- oder Glockenton zu mächtig war, um sich in leichten Koloraturen zu versuchen.
    Als Glucks Oper »Alceste« auf die Berliner Bühne gebracht wurde, sprach man von der geringen musikalischen Begabung der Milder, weil dazu 30 Proben notwendig waren.
    Dem steht allerdings gegenüber, dass eine Sängerin, die Haydn, Salieri, Beethoven, Schubert, Spontini ... und viele andere große Musiker beeindrucken konnte, einfach hervorragend gewesen sein muss.


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    Von der Liesenstraße kommend, geht man auf diese Kapelle zu und findet das Grab hinter dem runden Bauwerk.

    Praktische Hinweise:
    In Berlin Mitte gibt es mehrere historische Friedhöfe; die sehr schlichte und unauffällige Grabstelle von Anna Milder-Hauptmann befindet sich in der Liesenstraße 8, 10115 Berlin, Alter Domfriedhof St. Hedwig. Auf dem Friedhofsplan ist das Grab mit der Nummer 12 bezeichnet.

  • Lieber 'hart',


    es ist immer wieder eine Freude, Deine bestens recherchierten Lebensberichte zu lesen, die uns historische (wie oben Anna Milder-Hauptmann), wenig bekannte (wie Charlotte Huhn im Beitrag Nr. 781) und solche Musikerpersönlichkeiten, über die man alles zu wissen glaubt (wie Rudolf Schock im Beitrag Nr. 778), so eindrucksvoll nahe bringen.


    Die Serie "Der Musiker Gräber" zählt für mich zu den Glanzpunkten im Forum!


    Carlo

  • Tamino Beethoven_Moedling Banner
  • Anton Schindler - * 13. Juni 1798 Meedl - † 16. Januar 1864 Bockenheim


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    Die unteren drei Zeilen weisen auf Schindler hin.


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    Früher der Alte Friedhof - heute ein kleiner Park, auch die Kirche steht auf dem ehemaligen Friedhofsgelände.


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    Wenn man hier nach rechts geht, findet man am Ende des Weges das alte Stück Mauer mit dem Gedenkstein.


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    Das Gelände ist nicht immer frei zugänglich.


    Es gibt kein Grab Schindlers, das man im Foto zeigen kann, der Alte Friedhof in Bockenheim wurde im Laufe der Jahre im Zuge von Straßenumbauten zunächst verkleinert und dann zu einem Park umgewandelt.
    Zum Gedenken an drei bekannte Personen, deren Grab man nicht erhalten konnte, hat die Stadt Frankfurt 1909 den Bildhauer August Bischoff mit der Fertigung eines Gedenksteins beauftragt, den man in die alte Friedhofsmauer setzte; und der auch zweier Musiker gedenkt, die in Frankfurt tätig waren. Carl Wilhelm Ferdinand Guhr bewirkte in seiner Frankfurter Zeit Beachtliches in der Stadt, was auf Anton Schindler so nicht zutrifft, aber Schindler schrieb hier Musikgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes.


    Zunächst sollte man einmal darauf hinweisen, dass der renommierte Musikwissenschaftler Joseph Schmidt-Görg erklärt, dass Anton Schindlers Geburtsjahr meist irrtümlich mit 1795 (wie auch auf dem Gedenkstein) angegeben wird, er weist anhand eines Taufzeugnisses nach, dass das Geburtsjahr 1798 war. Nun ist noch zu klären, dass der Ort Meedl heute in Tschechien liegt und nun Medlov heißt; und zu Bockenheim ist zu sagen, dass das bis 1895 eine selbständige Gemeinde war und heute ein Stadtteil von Frankfurt am Main ist.


    Anton Schindler wird in der Literatur mit einigen Titeln bedacht, wie zum Beispiel: »Eckermann der Musik«, »Witwe Beethovens« oder »ami de Beethoven« ...


    Meedl bei Mährisch-Neustadt war zu Antons Geburt ein Ort mit 147 Häusern mit etwas mehr als tausend Einwohnern. Anton hatte noch einen jüngeren Bruder und zehn Schwestern, die zum Teil aus einer zweiten Ehe des Vaters stammten. Der Vater war ein hochangesehener Lehrer, der 1835 starb. Unter der Anleitung seines Vaters hatte Anton das Violinspiel erlernt und wirkte schon als Zehnjähriger im Kirchenchor mit, etwas später wurde er Sängerknabe an der Mauritzkirche zu Olmitz und von Geistlichen aufs Studium vorbereitet. In dieser Stadt gab es auch eine Kasinogesellschaft, die ein eigenes Orchester unterhielt, und als 1812 die berühmten Brüder Romberg in die Stadt kamen, durfte Anton an der zweiten Violine mitwirken. Als der junge Mann sein Schlussexamen in Olmütz bestanden hatte, ging er nach Wien, um dort das ungeliebte Studium der Jurisprudenz aufzunehmen, befasste sich aber in Wien mit vielen anderen Dingen, die ihm interessanter erschienen, besonders mit der Musik, die dort in hoher Blüte stand. Der Olmitzer Organist August Petyrek hat der Nachwelt hinterlassen, dass der junge Schindler 1814 zu Fuß nach Pest gegangen ist, um in Budapest Paganini hören zu können.


    Nach Schindlers eigenem Bekunden machte er 1814 erstmals die Bekanntschaft Beethovens, als er ein Billet zu überbringen hatte, was für den jungen Musikenthusiasten ein besonderes Erlebnis war, denn Beethoven war eine prominente Persönlichkeit und hatte in diesem Jahr seine einzige Oper zur Endfassung gebracht.
    Als an der Wiener Universität 1815 Unruhen ausbrachen, wurde Anton Schindler von der Polizei als einer der Anführer ausgemacht und war nach Brünn geflohen, wo man ihn aufspürte und in Haft nahm, ihn jedoch schon nach einigen Wochen wieder entließ, weil man ihm nichts Schwerwiegendes nachweisen konnte.
    Beethoven hatte von den Vorgängen in Brünn gehört, wollte darüber Näheres erfahren und lud Schindler ein. Wie Schindler schreibt, soll er von Beethoven aufgefordert worden sein, sich öfter bei ihm im Gasthof einzufinden.


    Als nun 1816 an der Wiener Hochschule unter den Studenten ein entschiedener deutscher Geist erwachte und zu dessen Förderung sogar ein kleiner Verein ins Leben gerufen wurde, übernahm Schindler die Abfassung der Vereinssatzungen, die es in sich hatten, aber es würde zu ausschweifend sein, diese sechs Punkte der Satzung hier darzustellen, Schindlers Vorrede zeigt zur Genüge die Denkrichtung an; hier der Text:


    »Bereits seit langen Jahren seufzte unser verehrtes Vaterland unter dem schwersten Joche einer fremden Macht, durch welche ihm fremde, erniedrigende Gesetze aufgedrungen, seine alten löblichen Sitten und Gebräuche verworfen, die Sittlichkeit allgemein verdorben und dadurch auch der teutsche Biedersinn und die teutsche Redlichkeit beynahe ganz vernichtet wurde.
    Der Allmächtige erhörte unsere Bitten, und Teutschland wurde frey, frey durch sich selbst, triumphierend über jenes stolze Volk, das nichts als den Gräuel aller Zerstörung und Vernichtung alles Edlen und Erhabenen in unser gutes Vaterland brachte. - Von jeher hat Teutschland gezeigt, daß es selbständig für sich bestehen könne; und nie hat es den Teutschen an Muth und Kraft gefehlt, ihr Vaterland, ihre Gesetze, ihre ehrwürdigen Sitten und Gebräuche zu vertheidigen, solange sie mit vereinten Sinnen eben diesen einfachen Sitten und Gebräuchen anhingen. - Warum sollen wir uns daher noch, jetzt, als freie Teutsche, am Gängelbande Fremder, im Denken und Handeln weiter unter uns stehenden Völkern leiten lassen? - Warum zögern wir noch länger, sogleich alles zu beseitigen, was uns noch immer an die Ursache mahnt, warum wir Teutsche unsere schönste Zierde, unseren teutschen Karakter verloren haben?«


    Anton Schindler hat als Musiker einiges geleistet, aber zu Weltruhm kam er durch seine 1840 auf dem Markt erschienene Beethoven-Biografie, der 1845 und 1860 zwei weitere Ausgaben folgten. Da war zwar bereits 1828 ein seltsames Machwerk von Johann Aloys Schlosser erschienen, und die Herren Wegeler und Ries erarbeiteten 1837 bis 1838 Biografische Notizen, die im Verlag Baedeker erschienen - Franz Gerhard Wegeler war ein Jugendfreund Beethovens und Ferdinand Ries sowohl Beethoven-Schüler als auch so eine Art Sekretär. Im Gegensatz zu den vorgenannten Veröffentlichungen, machte Schindlers Werk, als es 1840 erschien mächtig Furore und wurde auch in andere Sprachen übersetzt.


    Als der amerikanische Musikschriftsteller und Bibliothekar Alexander Wheelock Thayler 1849 erstmals nach Europa kam, hatte er die Beethoven-Biografie Schindlers gelesen und betrieb nun eigene, akribische Forschungsarbeiten zu Beethovens Leben, wobei einige Unwahrheiten zutage traten, mit denen er Schindler konfrontierte als die beiden 1860 in Frankfurt zusammentrafen. So wies Thayler zum Beispiel nach, dass Schindler vor 1819 nicht »intimer« mit Beethoven verkehrt haben kann und dass er zu dieser Zeit noch nicht »Geheimsekretär ohne Gehalt« war. Seit 1822 wohnte Schindler mit Beethoven im selben Haus, so dass ein enger Kontakt gegeben war. Allerdings kam es im Mai 1824 zwischen den beiden zu Unstimmigkeiten, es ging um Erlöse aus einem Konzert, zwischenzeitlich trat Karl Holz an Schindlers Stelle, aber 1826 wurde der Streit beigelegt und Schindler wurde von Beethoven wieder in Gnaden aufgenommen.
    Im Laufe der Jahre kristallisierte sich heraus, dass sich Schindler als Freund Beethovens überproportional dargestellt hatte, einiges verschwinden ließ und sogar Fälschungen vorgenommen hatte. So ging es um die sogenannten Konversationshefte. Solche Hefte und einen Stift hatte Beethoven meist dabei, wenn er ausging
    und selbst mit dem Mund dicht am Ohr gestellte Fragen nicht mehr verstehen konnte und man sie ihm aufschreiben musste, damit er sie lesen und beantworten konnte. Da Beethoven mitunter für politische und gesellschaftliche Ereignisse drastische Formulierungen wählte, ließ Schindler einige der etwa 400 Hefte verschwinden, damit das Ansehen des Meisters nicht litt. Als sich die Mitarbeiter der der Staatsbibliothek in Ostberlin diese Hefte näher anschauten, wurden auch Manipulationen Schindlers entdeckt und später - in den 1970er Jahren - von dem Pianisten Peter Stadlen publiziert.


    Schindler wurde erster Violinist an dem nach Abriss neu gegründeten Josefstädter Theater. Als der Neubau am 3. Oktober 1822 eingeweiht wurde, leitete Beethoven selbst die Eröffnungsfeier mit seiner Komposition »Die Weihe des Hauses«, einer früheren Komposition, die er dem Ereignis angepasst hatte. Schindler war der Meinung, dass Beethoven keine größeren Orchester mehr leiten könne und die Aufführung darunter gelitten habe; das zahlreiche Publikum teilte diese Meinung nicht und war so begeistert, dass die Aufführung an den folgenden drei Tagen wiederholt werden musste.
    Nach dreieinhalb Jahren wechselte Schindler in gleicher Position zum Kärntnertortheater, wo ihm jedoch die Arbeit mit dem Ballett auf Dauer nicht behagte.


    Nach Beethovens Tod war Schindler nach Pest übersiedelt, wo seine Schwester als Sängerin am Theater engagiert war; man vermutet, dass Schindler in Pest Privatstunden gab. Im Frühjahr 1829 kehrte Schindler wieder nach Wien zurück, wo er am Kärntnertortheater Gesangseleven unterrichtete, allerdings währte diese Anstellung nur drei Jahre, dann wurde das Theater verpachtet und er musste sich nach etwas anderem umsehen und redigierte 1831 eine »Musikalische Zeitung«. Allerdings sind nur drei Nummern erschienen, in einer Nummer findet sich ein Artikel: »Geistliche Lieder von Franz Schubert«; Schindler vertrat die Meinung, dass Schubert Beethoven im Lied überflügelt habe. Schindler war für mehrere Zeitungen tätig, schrieb Konzert- und Theaterkritiken und übersetzte Erzählungen aus dem Französischen.


    Dann zog es ihn aber wieder zur ausübenden Musik und er bewarb sich an verschiedenen Orten um eine Stelle als Musikdirektor. Münster in Westfalen, aber auch Düsseldorf stellten ihm in Aussicht dorthin zu kommen. Er entschied sich für den Musikverein zu Münster, wo er die Leitung des Vereins übernehmen sollte. Im Dezember 1831 verabschiedete er sich aus Wien und reiste, nachdem er seinem Heimatort noch einen Besuch abgestattet hatte, über Prag, Dresden und Leipzig nach Münster.
    Das jährliche Gehalt des Musikdirektors betrug 400 Taler Preuß. Kour., welcher Lebensstandard damit möglich war, ist nicht bekannt. Chor und Orchester bestanden zum größten Teil aus Dilettanten, jeder leistete was er konnte.
    Schindler räumte zunächst mit liebgewordenen Gepflogenheiten auf und setzte durch, dass Handarbeiten künftig weder in den Übungsstunden, noch in Konzerten gestattet waren.
    Im Orchester wurden unfähige Musiker ausgeschieden und durch bessere Kräfte aus der Domkapelle ersetzt, die einen guten Ruf hatte.
    Einerseits machte sich Schindler damit auch unbeliebt, andererseits fand seine Leistung aber auch Anerkennung, wie aus der Vereinschronik hervorgeht. Er erklärte und analysierte Beethovens Symphonien, sodass die Musiker - es war 36-38 - staunend zu ihrem Dirigenten aufsahen.
    Allerdings berichtet ein am 26. November 1834 geschriebener Schindler-Brief an den Vorstand von Schwierigkeiten, denn er beschwert sich darüber, dass zwei Orchestermitglieder anstatt zur Probe zu kommen, zum Tanz gegangen waren.


    Als Carl Friedrich Zelter im Mai 1832 starb, bewarb sich Schindler um die Stelle des Leiters der Berliner Singakademie, aber seine Bewerbung war erfolglos, weil er in Berlin zu unbekannt war. In Münster hatte Schindler einen Kreis von Schülern, die er im Klavierspiel und Gesang unterrichtete und war bei diesen sehr beliebt, wie aus erhaltener Korrespondenz hervorgeht. In Münster verkehrte er auch mit den berühmten Brüdern Romberg, die er schon in jungen Jahren in seiner Heimat kennengelernt hatte. Obwohl Schindler zu einheimischen Familien gute Kontakte hatte, schaute er sich um, was andernorts geboten wurde; schon 1833 stand er in Verbindung mit der Stadt Aachen, die einen Musikdirektor suchten. Die Verhandlungen zogen sich bis 1835 hin, im April setzte er die Direktion des Musikvereins Münster in Kenntnis seiner Wechselabsicht. Er gab in Münster noch zwei außerordentliche Konzerte, wobei er die 3., 5. und 7. Symphonie von Beethoven aufführte.


    Am 1.Juni 1835 übernahm Schindler in Aachen sein Amt als städtischer Musikdirektor mit vielerlei Verantwortung, aber auch mit dem fast doppelten Gehalt im Vergleich zu Münster. In einem Brief Schindlers findet sich eine Passage, die aufschlussreich Einblick in seine neue Wirkungsstätte bietet:
    »Mein Gesangverein ist leider schon auf 109 Mitglieder angewachsen, die mir zwar großes Vergnügen machen durch ihren Sinn, Eifer und Geschmack für das wahrhaft Schöne; aber der Körper ist zu groß, und macht mir viel zu schaffen, nimmt auch zu viel Raum von dem Saale weg, so dass ich das Orchester nur auf 54 Mitglieder erhöhen konnte, und diese stehen noch gedrängt. Für Chor und Orchester geht beinahe die Hälfte des großen Redoutensaales verloren, was der Kassa sehr schadet, da alle Mitwirkenden kein Entree bezahlen.«
    Seine Anfangserfolge waren in Aachen großartig, was aus einem weiteren Brief hervorgeht, wo er am 29. Januar1836 schreibt: »Ich bin geachtet und geehrt, mehr als ich es verdiene. Niemand wagt es, mir auch nur mit einem Wort in mein Fach zu reden, daher auch alles durch mich geschieht. Das Komitee beschließt selbst in ökonomischen Sachen nichts, wozu ich meine Zustimmung gegeben habe ...«


    Aber bereits in diesem Jahr gab es auch schon erste Reibereien zwischen dem Aachener Cäcilienverein und dem Schindlerschen Gesangverein, und kaum war Schindler ein Jahr Musikdirektor in Aachen, da hielt er es für wahrscheinlich, dass er im folgenden Jahr von seiner geplanten Wien-Reise nicht mehr zurückkehrt. Seine Reise nach Wien solte auch dazu genutzt werden dort noch Materialien über Beethoven zu sammeln, denn er spielt bereits mit dem Gedanken eine Beethoven-Biografie zu verfassen. Aber diese Reise fand schließlich nicht statt und so wirkte Schindler zunächst weiter in Aachen, hatte aber auch im September 1839 seine Beethoven-Biografie ohne zusätzliches Material aus Wien vollendet.
    Schindler sandte sein Werk an den Wiener Advokaten Dr. Bach, der es ihm mit vielen Strichen versehen wieder zurücksandte, aber auch an Moscheles, Blahetka, Meyerbeer und andere Persönlichkeiten.
    Im Herbst 1839 kam es zu einem Streit zwischen Schindler und dem Düsseldorfer Musikdirektor Julius Rietz. Schindler fühlte sich Ende 1839 in Aachen nicht mehr wohl und er bat den Stadtrat um seine Entlassung nach dem zweiten Jahr des Kontraktes, also war Schindler im Mai 1840 von seinen Pflichten in Aachen entbunden.
    Als in Aachen das 22. Rheinische Musikfest stattfand, lernte Schindler den Direktor der Konservatoriumskonzerte in Paris, Habeneck, kennen, der zuerst Beethovens Orchestermusik in Frankreich einführte. Habeneck hatte Schindler nach Paris eingeladen, was dieser dann auch recht bald in die Tat umsetzte, 1841 unternahm er seine erste Paris-Reise, die er mit der Hälfte seines Honorars der Beethoven-Biografie finanzierte. Er reiste über Brüssel und traf am 28. Januar in Paris ein, wo er von allen Seiten mit Freibillets versorgt wurde und gleich am ersten Tag Cherubini besuchte. Stolz schreibt Schindler in seinem Tagebuch, dass Cherubini wusste, dass er Beethovens Freund und Biografen vor sich habe. In Paris traf Schindler auch andere Berühmte, wie zum Beispiel Berlioz, Chopin, Panofka ... Bei Heinrich Panofka traf Schindler auch mit Heinrich Heine zusammen, den er hernach in unguter Erinnerung hatte. In Schindlers Tagebuch findet man den Eintrag:
    »Heine war übel gelaunt, wie er seit langem sein soll; doch war er witzig und sarkastisch.«


    Was drei Monate später in der »Augsburger Allgemeinen Zeitung« aus Heines Feder veröffentlicht wurde, war für Schindler höchst unerfreulich, ein Teil des Berichts sei hier zitiert:


    »... Minder schauerlich als die Beethovensche Musik war für mich der Freund Beethovens ›L´ami de Beethoven‹, wie er sich hier überall produzierte, ich glaube sogar auf Visitenkarten: eine schwarze Hopfenstange mit einer entsetzlich weißen Cravatte und einer Leichenbittermiene. War dieser Freund Beethovens wirklich dessen Pylades? Oder gehörte er zu jenen gleichgültigen Bekannten, mit denen ein genialer Mensch zuweilen um so lieber Umgang pflegt, je unbedeutender sie sind und je prosaischer ihr Geplapper ist, das ihm die Erholung gewährt nach ermüdend poetischen Geistesflügen? Jedenfalls sehen wir hier eine neue Art der Ausbeutung des Genius, und die kleinen Blätter spöttelten nicht wenig über den ›Ami de Beethoven‹. ›Wie konnte der große Künstler einen so unerquicklichen, geistesarmen Freund ertragen!‹ riefen die Franzosen, die über das monotone Geschwätz jenes langweiligen Gastes alle Geduld verloren. Sie dachten nicht daran, dass Beethoven taub war.«


    Natürlich wehrte sich Schindler entsprechend, konnte aber auch verbuchen, dass sein Bekanntheitsgrad durch Heines Beitrag gewachsen war. In Paris standen ihm durch Cherubini alle Türen des Konservatoriums offen und er wurde als Beethoven-Experte durchaus anerkannt. Er hörte in Paris auch den zehn Jahre alten Rubinstein, dessen kraftvolles Klavierspiel er lobt und Franz Liszt, dessen Wildheit er ablehnt. Nach neunwöchigem Aufenthalt in der französischen Metropole kehrt Schindler wieder nach Aachen zurück, Ende Dezember 1841 reist er nochmals nach Paris; 1842 veröffentlichte Schindler in Münster die Broschüre »Beethoven in Paris - Ein Nachtrag zur Biographie Beethoven´s«.


    Da Schindler aktuell kein festes Einkommen hatte, musste er sich eine Geldquelle erschließen. Er bot dem König von Preußen den gesamten Beethovennachlass für die Königliche Bibliothek in Berlin an; aber die Abwicklung des Geschäfts zog sich hin, so dass Schindler Anfang Juni 1843 selbst nach Berlin reiste, um die Sache zu beschleunigen. Sein halbjähriger Aufenthalt brachte kein konkretes Ergebnis; er hatte lediglich Kontakt mit einer großen Anzahl von Künstlern, Gelehrten und Staatsmännern, unter anderem traf er nach 29 Jahren wieder Meyerbeer. Auf einer Reise nach Leipzig traf er mit Schumann, Lortzing, David ... und anderen zusammen.
    Anfang Dezember kehrte Schindler wieder nach Aachen zurück und gab Privatstunden, aber in vielen Briefen ist nachzulesen, dass sich Schindler in Aachen nicht mehr wohl fühlte, es gab Streit mit Ferdinand Ries und einiges mehr.
    Schließlich bekam Schindler während eines Konzertes beim Beethovenfest die Nachricht, dass in der Zeitung zu lesen sei, dass der König von Preußen Schindlers Beethovenschätze gekauft habe. Erst am 21. Januar 1846 war das Geschäft perfekt und Anton Schindler war eine Leibrente von 400 Talern bis an sein Lebensende garantiert.
    Sarkastisch schreibt Schindler, dass ihm dieselben Jahrestage verschiedenes Entgegengesetztes gebracht haben: der 21. Januar 1815 habe ihn in Brünn ins Gefängnis gebracht, und der 21. Januar 1846 habe ihn aus dem viel peinlicheren Gefängnis aus Aachen befreit. Diese 400 Taler waren ja pro Jahr gedacht, demnach also nur so eine Art Grundsicherung, also musste da schon noch etwas dazukommen.


    Nun begab sich Schindler wieder nach Münster. Der Tabakfabrikant Winkelmann hatte seine Tochter, deren Gatte im Alter von nur 44 Jahren verstorben war, mit seinen Enkelkindern aufgenommen. Da Winkelmanns Enkel, Franz Wüllner, eine außergewöhnliche musikalische Veranlagung zeigte, wurde Schindler von Winkelmann gebeten, dass er für die musikalische Weiterentwicklung des Jungen sorgt. Und das tat er gründlich, denn Schindler sah sich als einzig Berufener, der Welt den Geist Beethovens zu vermitteln und zu erhalten; dem von ihm ausgebildete Franz Wüllner sagte er: »geh nun in die Welt und überliefere durch die Tat, was Du gelernt: zeige, was es heißen wolle, Beethovens Werke in seinem ureigentlichen Geiste vorzutragen resp. darzustellen.«
    1848 ging Schindler mit Wüllner nach Frankfurt am Main, wie es heißt, »wegen der notwendig gewordenen größeren Mittel zur Bildung meines Schülers.« Zur Einführung seines Schülers in die Künstlerwelt hatte Schindler einen Aufsatz drucken lassen, der in zwei Konzerten, die Wüllner in Frankfurt gab, verteilt wurde. Als Schindler 1850 zur Sommerfrische in Heidelberg weilte, fuhr sein Schüler jede Woche von Frankfurt zu seinem Lehrer nach Heidelberg. Im November verließ Wüllner Frankfurt und begab sich zu weiteren Studien nach Berlin, wobei er seinem Lehrer das Erarbeitete zur Beurteilung nach Frankfurt schickte. Als Schindler und Wüllner im Herbst 1852 wieder in Münster zusammentrafen, hatte Schindler den Plan entwickelt mit seinem Schüler nach Paris zu gehen; Wüllner nahm unverzüglich französische Stunden.
    Franz Wüllners Brief, dass es für ihn zu früh sei, nach Paris zu gehen, traf Schindler nun wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wüllner zog es eher nach München, wovon Schindler dringend abriet, aber Franz Wüllner war nun nicht mehr der zehnjährige Knabe und ging nun seine eigenen Wege; zudem korrespondierte der junge Mann mit seiner gleichaltrigen Sandkastenfreundin, die in Amerika weilte und schließlich dann auch seine Frau wurde. Schindler sah seine Felle davon schwimmen und kommentierte 1856, als Wüllner nicht, wie vereinbart, in Frankfurt erschien:
    »Welch ungeheure Summe Zeitverlust, für welchen noch nicht einmal eine materielle Entschädigung geleistet worden, die ihn nur zum Teil aufwiegen könnte! Hätte ich die Hälfte nur dieser verlorenen Zeit und Mühe für mich selber zur eigenen Ausbildung gewidmet ...«


    1856 zog Schindler vor die Tore Frankfurts, nach dem nahe gelegenen Bockenheim - heute ist das ein Stadtteil von Frankfurt am Main. Hier verfasste er Artikel und Rezensionen für Zeitschriften; seit 1857 war er mit der Neubearbeitung der Beethovenbiographie, die 1860 erschien, beschäftigt.
    Seit den 1840er Jahren hatte Schindler fleißig Badeorte besucht, was seiner Gesundheit offensichtlich zugutekam. In seinen letzten Lebensjahren versuchte er immer wieder den Rest des Beethovennachlasses, der noch in seinem Besitz war unterzubringen, aber in Berlin war dazu kein Geld vorhanden und mit dem Oberbürgermeister von Bonn war auch kein Geschäft zu machen. Schließlich ging Schindlers Nachlass an seine Schwester Marie und blieb in der Familie, bis Schindlers Urgroßnichte - Wilhelmine Rau in Mannheim - 1930 Schindlers Nachlass dem Beethoven-Archiv in Bonn zum Geschenk machte.


    Schindler selbst hatte als Komponist keine große Bedeutung erlangt, er komponierte zahlreiche Lieder und Kompositionen, die für Angehörige seines jeweiligen musikalischen Wirkungskreises entstanden sind.
    Großen Erfolg hatte seine »Messe Nr. 1 in d-Moll«, die im Dezember 1837 in Aachen zur Uraufführung gelangte. Der Aachener Korrespondent der Berlinischen Nachrichten meldete:

    »Eine neue große Messe von dem Concertmeister Schindler, bei deren Aufführung sämmtliche Musiker und Musikfreunde mitwirkten, hat hier große Sensation gemacht, namentlich das Credo, das allgemein bewundert wurde.«

    Diese Messe, die Schindler Papst Gregor XVI. gewidmet hatte, wurde am 4. November 1839 auch in der Wiener Karlskirche erfolgreich aufgeführt.


    Heute ist der Todestag von Anton Schindler, der 1848 mit seinem Schüler Franz Wüllner nach Frankfurt kam und ab 1856 in der Haasengasse zu Bockenheim wohnte, wo er die 3. Auflage seiner Beethovenbiographie erarbeitete; das Haus ist noch erhalten, aber aus der Haasengasse wurde inzwischen die Landgrafenstraße.


    Praktische Hinweise:
    Die Gedenktafel befindet sich heute auf dem Gelände der griechisch-orthodoxen Kirchengemeinde »Prophet Elias« an der Solmstraße 1a, das ist unmittelbar am DB-Bahnhof Frankfurt am Main West.