Jenufa (Janacek) in der Hamburgischen Staatsoper (29.10.2014)

  • Eine inhaltlich gewaltig-emotionale Oper mit großem Orchester, so hatte ich Jenufa in Erinnerung,
    auch dass ich sie mindestens viermal gesehen hätte. Dem war aber nicht so, laut meinen
    Programmzetteln waren es nur zwei Aufführungen, die erste 1966 und die letzte 1998 mit der
    begnadeten Eva Marton als Küsterin. Sie schlug das Publikum schon in den Bann, bevor sie einen
    Ton gesungen hatte und gab der Kindsmörderin Glaubhaftigkeit und klangliche Strahlkraft. Da konnte
    heute Deborah Polaski nicht mithalten, ihre Stimme ließ Glanz vermissen, geriet leicht an den Rand
    der Schärfe, vor allem störte ein ausgeprägteres Vibrato. Dennoch sang sie technisch versiert und
    war eine glaubhafte Darstellerin. Wie schon 1998 sang heute Karita Mattila die Jenufa, damals
    38, heute 54jährig. Ich erinnere mich nicht mehr an ihren damaligen Stimmklang, heute begann die
    finnische Sopranistin fast wie ein Mezzosopran mit voll klingender Tiefe, erreichte aber auch ohne
    Einbuße die hohen Sopranhöhen, ohne Brüche, ohne störendes Vibrato und mit einer Schallstärke,
    die Frau Polaskis Isolden-erfahrene Stimme bei weitem übertraf. Dabei blieb sie immer klangschön;
    ihr eher dunkles, fast slawisch anmutendes Timbre wechselte in der Höhe einem weißen Glühen,
    was (entsprechend dem zu singenden Text) am Ende des dritten Akts einem überirdisch-himmlischen
    Klang gleichkam. Ihr Gebet im zweiten Akt war herzzer­reis­send. Letztlich hat sie altersbedingt nicht
    mehr die Jungmädchenstimme, d.h. Stimmklang und Spiel divergierten etwas. Das spielte aber keine
    Rolle, dafür war sie stimmlich zu sehr in Topform. Sie wäre bestimmt auch eine hervorragende
    Küsterin (für diese Rolle braucht man sicher eine Lebens- und Bühnenerfahrung, die eine jüngere Sängerin
    nicht haben kann; deswegen ist das Zeitfenster für die Küsterin wohl auch sehr schmal). Miroslav
    Dvorsky
    sang einen guten Laca, Renate Behle imponierte als blinde, offensichtlich allwissende
    Großmutter Burya durch ihr intensives Spiel. Gesanglich gab es auch bei den weiteren Rollen keine
    Ausfälle: Martin Homrich sang den Stewa, Wilhelm Schwinghammer eindrucksvoll den
    Altgesell. Die Barena wurde mit großer Stimmkraft von Gabriele Rossmanith gesungen.


    Zum Gesamtgelingen der Aufführung trug ganz wesentlich der warme, durchsichtige Klang der
    Philharmoniker Hamburg unter der Leitung von Susanna Mälkki bei. Diese junge finnische Dirigentin
    hatte mit dem Orchester offenbar gut geprobt und es war eine Freude, ihr beim Dirigieren zuzusehen.
    Die realistische Inszenierung stammte von Olivier Tambosi, für das Bühnenbild, ein weiter, durch
    hohe Holzwände begrenzter Raum, der sich nach hinten öffnen ließ und jahreszeitlich zum Stück
    passend die Sicht auf Kornfelder oder Schneerieseln freigab, zeichnete Frank Philipp Schlößmann
    verantwortlich. Das Stück wird in dieser Besetzung noch einmal am 1. November gegeben. Es gibt
    noch reichlich Karten.


    Leider gehört die Oper Jenufa nicht zu den Publikumsrennern, dabei hätte sie das verdient. Das
    Thema (junges Mädchen wird geschwängert, verlassen, die (Stief)-Mutter tötet das Neugeborene,
    um der Stieftochter zu einem Mann zu verhelfen, das Verbrechen wird aufgedeckt; es geht also
    auch und vor allem um Schuld und Sühne) ist aber auch nicht einfach und eignet sich nicht recht
    zum wohligen Mitleiden wie bei Verdis Traviata oder Puccinis Butterfly.

  • Die Jenufa gehört zu meinen Top 5, ich kann sie ganz mitsingen, allerdings nur auf deutsch. Zum Glück gibt es sehr gute Aufnahmen (CDs und DVDs), die besten scheinen mir zu sein die Studioproduktion von Charles Mackerras und die Live - Aufnahme aus München unter Rafael Kubelik. Vielen Dank für diesen Bericht, der zeigt, dass die Oper noch nicht verloren ist. Ich erinnere mich daran, dass seinerzeit die Jenufa wie der legendäre Janacek-Zyklus in Düsseldorf unter Bohumil Herlischka doch gut besucht war.

    "I´ll think about it," said Roy. She said: "We´ve been thinking about it for years. I don´t think that thinking is what we need to do. Doing is what we need to do. That´s what I think!" (Garrison Keillor)

  • ich kann sie ganz mitsingen, allerdings nur auf deutsch.

    Ein schöneres Plädoyer für Opern in der Sprache des Publikums kann es nicht geben. :)


    Denn den Nicht-Tschechen, der das bei einer Janacek-Oper originalsprachlich hinbekommt, muss man mir erstmal zeigen! ;)

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

  • Ich erinnere mich daran, dass seinerzeit die Jenufa wie der legendäre Janacek-Zyklus in Düsseldorf unter Bohumil Herlischka doch gut besucht war.


    ... und ich war damals in Düsseldorf dabei, auch bei Jenufa. Die äußerst ausdrucksstarken Bilder der Inszenierung sind mir bis heute in Erinnerung geblieben. Jenufa ist wirklich eines der eindrucksvollen Opernerlebnisse, das man nie wieder vergißt. Wäre Hamburg nicht so weit, wäre ich auch am 1. November dabei!


    Schöne Grüße
    Holger

  • Denn den Nicht-Tschechen, der das bei einer Janacek-Oper originalsprachlich hinbekommt, muss man mir erstmal zeigen!


    Na ja, davon gibt es eine ganze Menge.
    Man kann sicher nicht leugnen, dass bei einigen ausländischen Opern, der deutsche Text etwas vom Ursprünglichen verfälscht.
    Das hat weniger mit der Übersetzung zu tun, als mit der Stimmung, die verloren geht, etwa wie bei einem auf deutsch synchronisierten Kurosawa-Film.
    Das gilt vor allem für slavische Opern wie Ruslan und Ljudmila oder Boris Godunov (der Krönungsmonolog des Boris mit seinen feierlichen, kirchenslavischen Wendungen ist kaum übersetzbar) aber sicher auch für Porgy and Bess.
    Bei einer Rossini-Oper ist die Einbuße sicher geringer.

  • Das ist ja grundsätzlich richtig, lieber hami. Aber wenn man kein Tschechisch kann, ist die Chance ergriffen zu werden, was bei allen Janacek-Opern ja so wichtig ist, deutlich geringer. Ich zitiere mein Standardbeispiel: Katja Kabanowa in Münster vor einigen Jahren, konventionell, aber nicht altbacken inszeniert, mit tollen jungen Sängern. Es wird deutsch gesungen, mit deutschen Übertiteln, sodass einem kein Wort entgeht.


    Die Szene an der Wolga: Katja genießt und besinnt sich auf die Blumen, auf die Bäume, auf die Schönheit der Welt. Idylle in der Stimme, im Orchester. Dann der Aufschrei und die Lawine im Orchester..."und ich muss sterben!" Sie stürzt sich in die Wolga, wird nass herausgezogen; das Finale beginnt. Ich kenne den Text auch auf Tschechisch, und für Tschechen wird er ergreifend sein. Aber nur auf deutsch mit einer großen Sängerin und einem guten Orchester kralle ich mich am Sitz fest (wohlgemerkt, ich habe die Katja mehr als 70x gehört und weiß, was kommt) und höre die ganze Bahnfahrt von Münster bis ins Ruhrgebiet nicht auf, darüber nachzudenken.

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  • Na ja, davon gibt es eine ganze Menge.
    Man kann sicher nicht leugnen, dass bei einigen ausländischen Opern, der deutsche Text etwas vom Ursprünglichen verfälscht.
    Das hat weniger mit der Übersetzung zu tun, als mit der Stimmung, die verloren geht, etwa wie bei einem auf deutsch synchronisierten Kurosawa-Film.
    Das gilt vor allem für slavische Opern wie Ruslan und Ljudmila oder Boris Godunov (der Krönungsmonolog des Boris mit seinen feierlichen, kirchenslavischen Wendungen ist kaum übersetzbar) aber sicher auch für Porgy and Bess.
    Bei einer Rossini-Oper ist die Einbuße sicher geringer.

    Wir haben ja diese Diskussion in der Vergangenheit häufig geführt und ich habe stets darauf hingewiesen, dass den Komponisten in der Regel die Semantik wichtiger war als die Idiomatik. Mussorgski hat bewusst in der Sprache seines Publikums geschrieben - wäre es ihm um Kulinarik gegangen, hätte er ja einen italienischen Text komponieren können (die meisten Opern an russischen Opernhäusenr liefen damals in italienischer Sprache). Gerade bei Mussorgski war es eine ganz bewusste Entscheidung für die Sprache Puschkins und seines Publikums. (Erst ab den 1820er Jahren wurde durch Puschkin die russsische Sprache ja überhaupt erst wieder "salonfähig" und blieb nicht mehr der Unterschicht vorbehalten. Eine semantische Einbuße empfinde ich daher stets als viel schlimmer als eine idiomatische Einbuße - und ich wähne mich mit dieser Ansicht auf Seiten der Komponisten.


    Aber ich freue mich einfach, dass es noch Leute gibt, die ganze Janacek-Opern auswendig können - wenn auch auf Deutsch - und das ist keine Einschränkung, sondern geradezu eine Voraussetzung dafür. Als es noch üblich war, Opern (mindestens auch) auf deutsch aufzuführen und einzuspielen, erreichte man mehr Leute als heute, wo das unüblich geworden ist. Die Fremdsprache ist da tatsächlich eine Barriere, die ich für unnötig und schädlich halte, weil dadurch nur noch die "Berufsoperngänger" erreicht werden (die sich durch Erfahrung natürlich die Fähigkeit erworben haben, Opern auch in Originalsprache zu verstehen und zu genießen - und eben das dann aus einen meines Erachtens falsch verstandenen elitären Bewusstseins heraus generell(!) einfordern, statt mehrere parallele Aufführungsmöglichkeiten zu akteptieren), aber immer weniger Otto-Nomalverbraucher.
    Früher konnten auch viele Leute komplette Verdi-Opern auf Deutsch auswendig, heute können das nur noch ein paar ganz wenige, die noch damit aufgewachsen sind, und ebenso wenige auf Italienisch - Schade!

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Du sprichst mir aus dem Herzen! Außer den Janacek - Opern (bis auf Osud und Makropulos - die ist mit ihrem Sprechgesang kaum zu singen) kann ich auch Palestrina und Mathis der Maler ganz mitsingen. Die drei da-Ponte-Opern übrigens nicht, dem stehen schon die Rezitative entgegen. Und eins ist ganz klar: Opern, die man mitsingen kann, gehen tiefer und halten länger als alle anderen. Beweis: man kann sie mitsingen, weil sie einen von selbst dazu drängen. Und das geht nur auf deutsch. Ich habe diese Opern übrigens nicht auswendig gelernt, sondern das ging alles von selbst - übrigens lernte man so auch in der Kirche die Choräle.

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  • Beweis: man kann sie mitsingen, weil sie einen von selbst dazu drängen. Und das geht nur auf deutsch.


    Ja, so ist es eben, jedem Tierchen sein Plaisierchen.
    Ich kann die Arien des Boris und die Erzählung des Pimen mehr oder weniger auswendig, aber nur auf russisch. Der deutsche Text ist mir völlig unbekannt.


    Mir geht es auch keineswegs um eine Forderung in diese oder jene Richtung, sondern um die eigene Erfahrung. Es gibt eben Opern, die ich lieber in der Originalsprache höre.
    Mit elitärer Einstellung hat das allerdings nichts zu tun.

  • Ist das heute noch so wichtig? Die Jenufa wurde in Originalsprache mit deutschen Übertiteln gegeben. Da habe ich natürlich auch hingeschaut. Das lenkt schon etwas ab. Andererseits hatte das Tschechische einen eigenen Klangcharakter, den ich auch nicht vermissen möchte. Wenn man grob weiß, um was es gerade geht, reichen oft auch orchester- und Stimmklang aus, um auszudrücken, was es auszudrücken gibt. im Übrigen versteht man auch viele deutsche Opern ohne Übertitel kaum. Das gilt für mich u.a. allem für Straussopern mit ihren komplizierten dichterischen Texten, es sei denn, man kennt den Text weitgehend auswendig. Ich finde es in Ordnung, wenn die Opern in der Originalsprache gespielt werden, die Übertitel sind ein guter Kompromiss.

  • Mich stören Unter- oder Übertitel immer sehr. Ich hatte deswegen auch schon einmal an das Fernsehen geschrieben, wo sie eigentlich noch mehr ins Gewicht fallen und oft wegen des Hintergrundes auch garnicht zu lesen sind. Mein Vorschlag war, sie für diejenigen, die so etwas wünschen, auf Texttafeln, die man hinzuschalten kann, wie es sie z.B. für Hörgeschädigte gibt, zu senden, was man zu überlegen versprach und auch einmal versuchsweise verwirklicht hat. Es gibt aber etwas anderes: in drei Sendungen mit den Monteverdi-Opern von Ponelle hat man lediglich zu Beginn jeder Szene kurz den Inhalt dieser Szene eingeblendet und das genügt in der Regel und lenkt dann vom weiteren Geschehen nicht ab. Das wäre sicherlich doch auch bei Übertiteln in der Oper möglich.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • die Übertitel sind ein guter Kompromiss.

    Sind Sie nicht, denn Kompromisse sind in der Kunst selten gut. Warum sie kein guter Kompromiss sind, hast du zuvor ja selbst geschrieben:

    Die Jenufa wurde in Originalsprache mit deutschen Übertiteln gegeben. Da habe ich natürlich auch hingeschaut. Das lenkt schon etwas ab.

    Man kann halt nicht gleichzeitig nach oben oder zur Seite schauen und konzentriert das Bühnengeschehen verfolgen. Da geht viel von der Unmittelbarkeit der Bühnenwirkung verloren.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Eine Übersetzung ist ebenfalls ein Kompromiss.

    Ja, einer, der bis in die 1950er Jahre hinein als selbstverständlich angesehen wurde, weil eine Opernaufführung ohne die verstehbare Textebene als unvorstellbar galt. Aufgrund des sich internationalisierenden und globalisierenden Opern- und Sängerbetriebes hat man sich dann von dieser Selbstverständlichkeit verabschiedet.

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  • Aufgrund des sich internationalisierenden und globalisierenden Opern- und Sängerbetriebes hat man sich dann von dieser Selbstverständlichkeit verabschiedet.


    Nicht nur deswegen, künstlerische Erwägungen spielen auch eine Rolle.
    Letztlich geht es hier aber um persönliche Präferenzen.


    In Stockholm sang einst die Schwarzkopf die Marschallin auf deutsch, der Rest sang schwedisch. Ebenfalls zweisprachig wurde der Boris mit Boris Christov gesungen.
    Da kamen beide Seiten auf ihre Kosten.

  • Eine Übersetzung ist ebenfalls ein Kompromiss.


    Fürwahr ist es so. Die Menschheit lebt seit langem gut damit. Ohne Übersetzungen wäre sie übel dran. Wer kann schon die Bibeltexte im Original flüssig lesen und verstehen oder den Koran? Oder chinesische Lyrik? Die Liste ließe sich endlos fortsetzen und auf große Bestände der Weltliteratur ausbreiten. Sie wären uns ohne Übersetzungen fremd geblieben. Warum nun sollten für Operntexte andere Regeln gelten? Wir hatten das Thema hier ja schon oft, und ich wollte mich nicht mehr beteiligen. Wenn es denn nur immer die Originalsprache wäre, was man geboten bekommt in der Oper. Mit einem Freund aus Prag besuchte ich mal eine Janacek-Aufführung in der vorgeblicher Originalsprache. Die hätten alles mögliche gesungen, nur keinen originalen Janacek. Manches sei völlig sinnentstellend gewesen. Mein Begleiter hat nicht ein Wort verstanden. Die meisten Sänger pauken sich die Partien nur phonetisch ein und wissen selbst nicht genau, was sie singen. Es reicht doch nicht, eine Inhaltsangabe zu lesen. Es kommt doch auf die Details an. Außerdem halte ich die Originalsprache auch für ein Einfallstor für verhunzte Inszenierungen. Was ist einem unter diesem Deckmantel nicht schon alles geboten worden? Mir würde Janacek überhaupt nichts nützen, hätte ich seine Werke nicht in Deutsch genau kennen gelernt. Ich kann nämlich kein Tschechisch und habe auch nicht vor, es noch zu lernen. Das würde mir auch nicht mehr gelingen. Durch Vereinfachungen und Missverständnisse wird dann auch die Küsterin in JENUFA mal ganz schnell als ordinäre Kindesmörderin hingestellt. So einfach ist das aber nicht. Janacek geht da viel tiefer, bohrt sich in die Seelen hinein.

  • Darüber kann man natürlich diskutieren. Sprachverständlichkeit bei einem Bühnenwerk ist natürlich ein Aspekt und auch die Frage der Aufführungspraxis (wer kann schon Russisch oder Tchechisch!). Aber andererseits: Verdi wird doch auch üblicher Weise italienisch gesungen, Sprachverständlichkeit hin Sprachverständlichkeit her, weil die Sänger das auf dem Konservatorium halt alle so lernen.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Warum nun sollten für Operntexte andere Regeln gelten?


    Weil hier, was auch Ralf schon angeführt hat, die musikalische und sängerische Komponente ein Eigenleben führt.
    Ebenfalls hat Ralf damit Recht, wenn er meint, dass auch der deutsche Text sehr oft nicht verstanden wird. Dann ist doch der ganze Vorteil mit der Übersetzung dahin, oder?

  • Lieber Rheingold,


    ich stimme dir absolut zu. Dazu habe ich doch das Beispiel aus der "Katja" aufgeführt, zu dem sich leider hier niemand geäußert hat, das aber doch zeigt: Es geht um Nuancen! Anderes Beispiel aus der "Jenufa": Laca hat Jenufa Blumen mitgebracht. Sie will sie nicht. Laca: "Bis nach Behlovec lief ich zum Gärtner! Und du nimmst sie nicht, und du nimmst sie nicht!" Wenn ich das auf Tschechisch höre und sehe es deutsch als Übertitel, hat das doch nicht die gleiche Kraft, selbst wenn der Sänger seine Verzweiflung in der Stimme ausdrückt. Anderes Beispiel aus dem "Schlauen Füchslein". Beim Gastwirt steht man zusammen und spricht über den Pfarrer, der versetzt wurde. Eine unglaublich schöne melancholische Musik erklingt. Der Pfarrer hat - "Heimweh". Da passen bei mir Text und Musik zusammen, aber nicht, wenn der Sänger statt Heimweh "teskni" singt und "Heimweh" nur oben erscheint.


    Hier wurde der Vergleich mit der Weltliteratur und der Bibel gebracht. Ich stelle mir vor, dass ich vor Jahrzehnten auf die Kanzel getreten wäre und hätte so angefangen: "bereschit bara haälohim ät haschamajim we ät haarätz. wehaarätz hajeta tohuwabohu. Das letzte hätten die Leute ja noch verstanden, und sie hätten gelacht, aber davor? Es ist der erste Vers des Alten Testaments.

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  • Außerdem halte ich die Originalsprache auch für ein Einfallstor für verhunzte Inszenierungen. Was ist einem unter diesem Deckmantel nicht schon alles geboten worden?

    Das sehe ich genauso. Was nicht passt, wird bei den Übertiteln weggelassen oder schlichtweg bewusst falsch übersetzt.
    Krönung: Hans Neuenfels wollte bei einigen seiner italienischsprachigen Aufführungen keine Übertitel, weil der Text nicht zu seinem Konzept passe und somit störe...


    Mir würde Janacek überhaupt nichts nützen, hätte ich seine Werke nicht in Deutsch genau kennen gelernt. Ich kann nämlich kein Tschechisch und habe auch nicht vor, es noch zu lernen. Das würde mir auch nicht mehr gelingen. Durch Vereinfachungen und Missverständnisse wird dann auch die Küsterin in JENUFA mal ganz schnell als ordinäre Kindesmörderin hingestellt. So einfach ist das aber nicht. Janacek geht da viel tiefer, bohrt sich in die Seelen hinein.

    Das geht mir ganz genauso. Ohne die noch mehrfach live erlebte deutschsprachige Janacek-Inszenierung Erhard Fischers an der Staatsoper Berlin wäre ich diesem Werk emotional niemals so nahe gekommen. Für das "Schlaue Füchslein" gilt hinsichtlich der deutschsprachigen Felsenstein-Verfilmung dasselbe.

    Aber andererseits: Verdi wird doch auch üblicher Weise italienisch gesungen, Sprachverständlichkeit hin Sprachverständlichkeit her, weil die Sänger das auf dem Konservatorium halt alle so lernen.

    Inzwischen ist das so, aber es war nicht immer so. Gottlob Frick sang den König Philip und seine anderen italienischen Partien noch auf Deutsch. Kleinere Häuser bringen heute zumindest Ensembleopern wie den "Falstaff" immer noch auf deutsch, weil dort vieles ohne die Textebene einfach keinen Sinn macht und das Publikum sich dan nur langweilt.


    Ebenfalls hat Ralf damit Recht, wenn er meint, dass auch der deutsche Text sehr oft nicht verstanden wird. Dann ist doch der ganze Vorteil mit der Übersetzung dahin, oder?

    Niemals der ganze Vorteil, selbst wenn textunverständlich oder mit starkem Akzent gesungen wird, denn man versteht immer noch mehr als bei einer Auffühung in einer Sprache, die man nicht beherrscht - man lehnt sich dann auch nicht zurück mit der Erwartung, sowieso nichts zu verstehen, sondern hat den Anspruch etwas zu verstehen, will etwas verstehen wollen und achtet somit viel bewusster auf die Komponente Text.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Hier wurde der Vergleich mit der Weltliteratur und der Bibel gebracht. Ich stelle mir vor, dass ich vor Jahrzehnten auf die Kanzel getreten wäre und hätte so angefangen: "bereschit bara haälohim ät haschamajim we ät haarätz. wehaarätz hajeta tohuwabohu.



    Andererseit habe ich Beispiele moderner Bibelübersetzung gehört, die mir die Haare zu Berge stehen lassen. Da ziehe ich tatsächlich einen unverständlichen, aber akkustisch wohlklingenden Text vor.


    Aber nochmals. Hier geht es nicht um das Für und Wider, sondern um die eigene Auffassung. Meine betrachte ich jedenfalls nicht als Norm.

  • Wenn es stimmt, was der Operndirektor und Stellvertretender Intendant der Staatsoper Hamburg Francis Hüsers im Rahmen der Einführung erzählt hat, so hatte die dritte und letzte Aufführung der aktuellen Jenůfa-Serie (35te Vorstellung seit der Premiere am 05.April 1998) einen gewissen historischen Rang: Die Sängerin der Titelpartie Karita Mattila habe gesagt, sie werde die Rolle der Jenůfa an diesem Abend zum letzten Mal auf einer Opernbühne singen! - Schade also - und angesichts der übrigen Besetzung u.a. mit Deborah Polaski als Küsterin, Renate Behle als Burya und Martin Hommrich als Steva eigentlich auch unverständlich, dass gut jeder dritte Platz im Haus unbesetzt blieb ... Trotzdem hatte sich das Ensemble offensichtlich vorgenommen, Frau Mattilas Dernière zu einem besonderen Abend zu machen. So sangen sowohl Karita Mattila, als auch Deborah Polaski (hier mit Glanz und ohne Schärfe) auf höchstem Niveau und auch in allen anderen Rollen waren keine Ausfälle zu vermelden.


    Der besondere Applaus am Ende galt neben Frau Mattila mit Recht der finnischen Dirigenten Susanna Mälkki, die mit dieser Aufführungsserie ihr Debüt an der Staatsoper Hamburg gab: Sie hatte die Philharmoniker, die erfahrungsgemäß gerne auch "ihre eigenen Wege gehen" und - der Hauakustik geschuldet - vermatscht klingen können, anscheinend sehr gut geprobt. Der große Orchesterapparat folgte ihrem Taktstock präzise und entwickelte einen warmen, vollen Klang mit einem Wechsel zur notwendigen Schärfe an den entsprechenden Stellen der Partitur. Hier steht zu hoffen, dass Frau Mälkki auch unter dem zugünftigen GMD Kent Nagano häufiger im Orchestergraben zu erleben sein wird.


    Die Inszenierung von Olivier Tambosi (Bühnenbild und Kostüme Frank Philipp Schlößmann) war, wie Mit-Tamino Ralf Beck in seinem Eingangsbeitrag bereits erwähnte im wesentlichen naturalistisch gehalten. Einzige offensichtliche Symbolik war ein übergroßer Findling, der als "Stein des Anstoßes" und mithin als Manifestation des Kindes im ersten Akt durch den Holzboden bricht, im zweiten Akt unübersehbar auf der Bühne liegt und schließlich im letzten Akt zerborsten in kleine Steine überall auf der Bühne herumliegt. Dass es einer solchen Symbolik nicht zwingend bedarf, läßt sich an der Jenůfa-Inszenierung Christopher Loys (M.Kaune, J.Lermore, D.Runnicles, DOB) festmachen, die ich wenige Tage zuvor als Video gesehen hatte: Im Prinzip verfolgt Loy hier die gleiche Idee eines einfachen Raumes (Tisch Stuhl, Tür, Fenster), der sich nach hinten öffnet, um die Sicht auf die jeweilige Jahreszeit freizugeben. Im Vergleich zu Tambosi findet sich m.E. bei Loy jedoch die differenziertere Personenregie.

  • .


    Sie hatte die Philharmoniker, die erfahrungsgemäß gerne auch "ihre eigenen Wege gehen" und - der Hauakustik geschuldet -

    Ich wusste schon immer, dass Hamburg ein gefährliches Pflaster ist. Soll die Hauakustik auch in die Elbphilharmonie übernommen werden?

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  • Ich wusste schon immer, dass Hamburg ein gefährliches Pflaster ist. Soll die Hauakustik auch in die Elbphilharmonie übernommen werden?


    Wir wollen es nicht hoffen! - Schließlich soll ja die Innenverkleidung des neuen Konzertsaales einen nicht unerheblichen Anteil an den Kosten gehabt haben ... Aber ernsthaft: Das Problem in der Staatsoper liegt wohl auch darin begründet, dass der sehr tiefe Orchestergraben eigentlich nicht recht zum alten Bühnenhaus passt. Letzteres nämlich hat den Krieg eher unbeschadet überstanden, während der Zuschauerraum inkl. Orchestergraben neu errichtet werden musste. So ist es ein wenig so, als wenn man zu den Jeans einen Frack anzieht :untertauch:


    Oops, erst jetzt bemerke ich meinen schriftlichen Schnitzer! - Aber man möcht' nur selten wirklich dreinhaun :stumm:

  • Nach dieser schönen Beschreibung vom MSchenk bedauere ich doch, nicht noch ein zweites Mal in die Aufführung gegangen zu sein. Das Thema von "Schuld und Sühne" war emotional nicht leicht zu verkraften, zudem achtete ich beim ersten Wiedersehen nach Jahren sehr auf das Bühnengeschehen. Das herrausragende Dirigat der jungen finnischen Dirigentin war mir ja auch aufgefallen. Gerade darauf, also auf die Orchestermusik, hätte ich mich bei dem zweiten Ansehen/-hören mehr konzentrieren wollen. Vielleicht wagt sich Karita Mattila ja demnächst an die Küsterin heran, vom Alter her würde es ja passen. Dann werde ich bestimmt wieder hingehen.

  • Lieber Ralf,


    da gibt es doch nur eins beziehungsweise zwei: Studioproduktion unter Charles Mackerras oder Live-CD unter Rafael Kubelik. Die alte Supraphonaufnahme unter Bohumil Gregor ist auch nicht schlecht, sie hat von allen Aufnahmen die besten Tenöre!

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  • Die alte Supraphonaufnahme unter Bohumil Gregor ist auch nicht schlecht, sie hat von allen Aufnahmen die besten Tenöre!

    Und die beiden Hauptrollen-Damen finde ich da auch sehr, sehr gut, dieses Existentielle höre ich so auf keiner anderen Aufnahme - insbesondere, weil die Kniplova als Küsterin klingt, wie sie klingt.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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