Don Carlo - Wiener Staatsoper, 11. Juni 2017

  • Das Hauptaugenmerk dieser ersten Vorstellung einer Don-Carlo-Reprise an der Staatsoper galt wohl Placido Domingo, der sich in einer weiteren Baritonpartie erstmals dem Publikum vorstellte. Vor fünfzig Jahren debütierte Domingo mit der Titelrolle an der Staatsoper, jetzt war er also zum ersten Mal Rodrigo, Marquis von Posa. Abgesehen davon, dass es lange gedauert hat, bis Domingo in die Rolle hineingefunden hat, kann man die Tatsache nicht wegwischen, dass Domingo eben kein Bariton ist, und so klingt sein Rodrigo nun mal nach einem Tenor, da fehlt es einfach an der notwendigen Tiefe. Für die großen, herrlichen Verdi-Kantilenen fehlte es ihm an Atem. Die Arie gelang ihm recht gut, wenn man eben vergessen kann, dass sie tenoral erklang, und die Sterbeszene gestaltete er ganz großartig. Da kamen sein intensiver Gestaltungswille als auch seine jahrelange Bühnenerfahrung durch. Für einen Mann Mitte 70 eine beachtliche Leistung, aber einen glaubwürdigen, leidenschaftlichen Revolutionär nimmt man ihm einfach nicht ab.


    Dabei sollte man aber nicht außer Acht lassen, welch großartiges Sängerensemble um ihn herum aufgeboten wurde. Es war das Königspaar, dass an diesem Abend auch die Krone für die beste Gesamtleistung tragen durfte. Ferruccio Furlanetto, immerhin auch schon Ende 60, war ein hervorragender Filippo. Ja, das ist seine Partie, und wenn er einen guten Abend hat, so wie in dieser Vorstellung, ist er immer noch eine Klasse für sich. Sein Ella giammai m'amo sicher ein Höhepunkt. Die Sängerin des Abends war Krassimira Stoyanova, die als Elisabetta ihren kostbaren und edel-timbrierten Sopran erklingen ließ. Die Stimme ist etwas dünkler geworden und hat vor allem in der Mittellage und in der Tiefe an Volumen gewonnen. Tu che le vanità war neben der Filippo-Arie der zweite vokale Höhepunkt des Abends. Stoyanova's Sopran strömte in herrlichsten Klangfarben in den Zuschauerraum, und sie hat mit ihrer Interpretation bewiesen, dass sie in dieser Rolle derzeit wohl konkurrenzlos ist.


    Elena Zhidkova sang erstmals in Wien die Eboli. Das Timbre an sich ist sehr attraktiv, doch der Mezzosopran der Russin ist schon etwas zu hell für die Partie. Da fehlte es doch etwas an Tiefe. Überhaupt bringt sie die Partie ziemlich an die Grenze dessen was die Partie verlangt. In der dramatischen Attacke sind die Töne kurz, wie auch im Finale von O don fatale. Da ist noch Luft nach oben.
    Bleibt von den Hauptpartien noch die Titelrolle. Den Don Carlo sang Ramon Vargas. Der mexikanische Tenor singt schon sehr lange, die Stimme hat an Glanz verloren, Spitzentöne kommen nicht mehr so einfach wie früher. Doch mit seiner Erfahrung gelang dem sympathischen Tenor letztendlich doch eine zufriedenstellende Leistung.


    Die Nebenrollen wurden aus dem Ensemble besetzt. So war Alexandru Moisiuc ein etwas zu wenig bedrohlich klingender Großinquisitor, Ryan Speedo Green war der Mönch, Carlos Osuna der Conte di Lerma bzw. der Herold, Margaret Plummer der Tebaldo und Hila Fahima die wunderschön aus dem Off singende Stimme vom Himmel.


    Myung-Whun Chung ließ es aus dem Orchestergraben das ein oder andere mal schon richtig krachen - so beim Carlo-Rodrigo-Duett im ersten Akt -, sorgte aber auch für musikalische Tiefe. Die Inszenierung von Daniele Abbado verlegt die Handlung ja ins 19. Jahrhundert. Ersichtlich übrigens nur an den Kostümen, denn Ausstattung gibt es so gut wie keine. Die Inszenierung lebt aber von der hervorragenden Lichtregie von Alessandro Carletti.


    Domingo hat übrigens kürzlich angekündigt, noch einige Jahre singen zu wollen. Also, noch einige Möglichkeiten sich noch weitere Baritonpartien zu erarbeiten. ;)


    Gregor

  • Vielen Dank für deinen Bericht. Ich werde mir den Don Carlo im Live Stream anschauen.


    Es gibt einen Live-Stream? Wann ist dieser?


    Vielleicht magst du ja dann auch ein paar Zeilen über deinen Eindruck mitteilen. ;)


    Gregor

  • Lieber Gregor,
    der Stream ist am 21.6 .2017 bei Wiener Staatsoper Live. Ich buche mir dort immer da Jahres Abo. Preiswerter kann man sich nicht die Aufführungen aus der Wiener Staatsoper anschauen.

  • der Stream ist am 21.6 .2017 bei Wiener Staatsoper Live. Ich buche mir dort immer da Jahres Abo. Preiswerter kann man sich nicht die Aufführungen aus der Wiener Staatsoper anschauen.


    Hallo Rodolfo, siehst du dir das dann über den Laptop an oder verbindest du deinen Computer mit dem TV-Gerät?
    Und kannst du das generell empfehlen?


    Wenn du die Inszenierung noch nicht kennst, kannst du dir hier schon mal den Trailer der Staatsoper ansehen.




    Gregor

  • Ich schaue mir die Übertragungen mit meinem Amazon Fire tv Stick auf meinem großen Flachbild Fernseher an und an dem Fernseher habe ich eine Dolby Sourround System von Teufel
    angeychlossen. Die technische Qualität der Übertragungen ist sehr gut, Was nur nervt, ist der Vorfilm, der immer der gleiche ist, und die Pausen Beiträge gleichen sich auch immer. Da ist es bei den MET Übertragungen interessanter, mit den Live Interviews und dem Zeigen der Umbau Arbeiten in den Pausen. Ich zahle 160 Euro für das Jahres Abo und es kommen ab und zu auch zusätzliche Streams dazu, wie vor kurzem der Fidelio.und man hat 3 Tage Zeit, sich die Übertragungen anzuschauen. War bei dir in der Don Carlo Aufführung auch der penetrante Bravo Schreier beim Schlußapplaus in der Staatsoper ? Ich hab immer Angst , daß er sich verschluckt oder vor lauter Begeisterung einen Herzinfarkt bekommt Der sitzt mmer bei vielen Live Streams im Publikum.

  • Da ist es bei den MET Übertragungen interessanter, mit den Live Interviews und dem Zeigen der Umbau Arbeiten in den Pausen.


    Ja, die MET macht das natürlich toll. Aber man darf nicht vergessen, dass das eben Kinoübertragungen sind die alle paar Wochen mal stattfinden. Live-Streams aus der Staatsoper gibt es ja viel öfter. Da darf man wohl nicht jedes mal so einen Aufwand erwarten. Die Bühnenarbeiter werden froh sein, dass ihnen beim Umbau mal keine Kameramänner dazwischen kommen. ;) Steckt da ja auch eine große Arbeit dahinter. Und im Vordergrund sollten immer die Aufführungen selbst sein.


    War bei dir in der Don Carlo Aufführung auch der penetrante Bravo Schreier beim Schlußapplaus in der Staatsoper ?


    Ich weiß jetzt nicht wer das sein soll. Bravo-Rufer gibt es ja immer, und wie du dir vorstellen kannst, ging es besonders wegen Domingo und seinem Rollendebüt rund. Obwohl er lange nicht der beste Sänger des Abends war, wurde alleine er schon so heftig bejubelt - da waren wohl auch ein oder mehrere Fanclubs da, die mit Buchstabenluftballons das Wort POSA in die Höhe gehalten haben - dass da ein Einzelner mit besonders penetranten Rufen kaum herauszuhören gewesen wäre.
    Vielleicht geht der besagte Rufer auch nur gerne in die Live-Streams damit jeder in der Welt seine Begeisterung hören kann. Es soll ja auch Leute geben, die bei Radioübertragungen besonders gerne vor allen anderen Klatschern am Ende einer Arie gerne schon mal ein lautes BRAVO in den Saal schleudern, nur damit man ihre Stimme auch im Radio hören kann. :D


    Gregor

  • Vor fünfzig Jahren debütierte Domingo mit der Titelrolle an der Staatsoper...


    jetzt war er also zum ersten Mal Rodrigo, Marquis von Posa. Für einen Mann Mitte 70 eine beachtliche Leistung,

    Ich will mich nicht verbürgen und werde mich ganz sicher mit niemandem streiten, der es vermeintlich doch besser weiß -
    aber mir ist bekannt aus anderer Quelle - Domingo ist Jahrgang 1934. Dazu paßt auch das Geburtsjahr seiner Ehefrau, das mit 1935 angegeben wird.
    Ich kann mir auch nicht so recht vorstellen, daß er schon mit Mitte Zwanzig in einer Hauptpartie an der Wiener Staatsoper debütieren konnte.
    An einer mex. Bühne habe ich gelesen (Quelle Wikipedia), hat er 1961 als Alfredo debütiert. Und da wäre er, wenn man zurück rechnet, gerade mal Zwanzig gewesen...
    Auch wenn ihm eine gewisse Altersattraktivität nicht abzusprechen ist, aber wie Mitte 70 sieht er, nach m. M., nun wirklich nicht mehr aus.


    CHRISSY

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Das Stammpublikum der Wiener Staatsoper ist bekannt für seinen Sachverstand, aber auch für seine Treue bis zum Grabe. Ich habe es selbst erlebt:
    Als Paul Schöffler den Sachs nur noch sprechen konnte, wurde er am Schluss bejubelt, weil er immer noch Sachs WAR. Und auch von der "späten" Hilde Güden habe ich eine Donna Elvira gehört, deren Aufzeichnung sie sicher nicht freigegeben hat. In beiden Fällen war ich einerseits traurig über den stimmlichen Verfall, aber auch beeindruckt von der Würdigung der gesamten Lebensleistung durch das Publikum.
    Bei Domingo liegt der Fall allerdings etwas anders: Seine Lebensleistung ist zwar unvergleichlich phänomenal. Aber ein alter Startenor ist deshalb noch kein Bariton. Er hatte zwar immer für einen Tenor eine erstaunliche Tiefe, doch ein Bariton braucht ein spezifisches Timbre für den Stimmcharakter, einen bronzenen dunklen Schmelz. Der fehlt ihm, und den kann er auch nicht durch noch so große Bühnenpräsenz ausgleichen. Das vergessen die Fans (oder sie wollen es nicht wahr haben). Bei seinem Salzburger Luna war es dann aber doch nicht zu überhören.
    Aber gegen die geballte Macht einer riesigen Fan-Gemeinde richtet Sachverstand wenig aus - meint Sixtus

  • Zitat

    Zitat von Rodolfo: War bei dir in der Don Carlo Aufführung auch der penetrante Bravo Schreier beim Schlußapplaus in der Staatsoper ? Ich hab immer Angst , daß er sich verschluckt oder vor lauter Begeisterung einen Herzinfarkt bekommt Der sitzt mmer bei vielen Live Streams im Publikum.

    Lieber Rodolfo,


    mag sein, dass dieser bewusst hineingemischt wird, so wie man im Fernsehen bei "Buh-Rufen" häufig sofort auf die Moderatorin
    umschaltet, die dann die miserable Inszenierung schönredet. Es kann aber auch sein, dass es durch den Standort der Kamera bedingt ist. Bei Konzertübertragungen habe ich manchmal auch den Eindruck, dass man auf ein Kameramikrofon im Saal umschaltet und das Klatschen eines nahe dabei Sitzenden wie das Hämmern auf eine Holzkasten klingt.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • aber mir ist bekannt aus anderer Quelle - Domingo ist Jahrgang 1934. Dazu paßt auch das Geburtsjahr seiner Ehefrau, das mit 1935 angegeben wird.
    Ich kann mir auch nicht so recht vorstellen, daß er schon mit Mitte Zwanzig in einer Hauptpartie an der Wiener Staatsoper debütieren konnte.
    An einer mex. Bühne habe ich gelesen (Quelle Wikipedia), hat er 1961 als Alfredo debütiert. Und da wäre er, wenn man zurück rechnet, gerade mal Zwanzig gewesen...
    Auch wenn ihm eine gewisse Altersattraktivität nicht abzusprechen ist, aber wie Mitte 70 sieht er, nach m. M., nun wirklich nicht mehr aus.


    Nach deiner Aussage wäre er dann ja bereits 83. Kann ich mir jetzt nicht vorstellen. Er ist Mitte 70 und so sieht er für mich in etwa aus. Nicht viel jünger, aber auch nicht viel älter.


    Und warum sollte er nicht mit Anfang/Mitte 20 bereits Hauptrollen gesungen haben? Das ist doch gar nicht so ungewöhnlich. Es gibt eine Reihe von Sängern die da schon große Partien gesungen haben. Mirella Freni hat beispielsweise mit gerade mal 20 als Micaela in Carmen debütiert. Joseph Calleja war bei seinem Debüt als Macduff gerade mal 19. Es gibt sicher noch weitere Beispiele.


    In einer Dokumentation war zu hören, dass Domingo bereits mit 17 in Zarzuelas gesungen hat, und er damals mit seinen Eltern auf der Bühne gestanden hat.


    Gregor

  • Die Gerüchte um Domingos Alter sind so alt wie er selbst. Ich neige nach allem, was ich erfahren habe, ehr zu chrissy (8). Mir ist es egal, wenn er in seinem Alter jetzt feurige oder sensible junge Männer darstellt auf der Bühne, die in den Freiheitskampf ziehen wollen. Wenn die Leute dafür bezahlen, behält er Recht. Ich würde mir das nicht ansehen und anhören. Nicht für umsonst. Der Lack ist mehr als ab. Die Stimme ist fahl, grau, unstet, sie schlägt. Bei Domingo vollzieht sich - wie es Brecht sagte - der Abstieg in den Ruhm. Er soll ja singen, so lange er lebt. Das finde ich völlig akzeptabel. Aber wie wäre es mit einer angemessenen und würdigen Alterskarriere wie sie einst die Mödl praktizierte. Die hat mit neunzig auch nicht mehr die Isolde gesungen. :D Mir tut es leid, dass er sich um die Erinnerung an seine Glanzzeiten bringt. :(

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Zitat CHRISSY: mir ist bekannt aus anderer Quelle - Domingo ist Jahrgang 1934. Dazu paßt auch das Geburtsjahr seiner Ehefrau, das mit 1935 angegeben wird.


    Zitat Gregor: Nach deiner Aussage wäre er dann ja bereits 83. Kann ich mir jetzt nicht vorstellen.
    Er ist Mitte 70 und so sieht er für mich in etwa aus. Nicht viel jünger, aber auch nicht viel älter.

    Lieber Gregor
    Ich will Dir Deine Illusion nicht nehmen. Letztlich ist es auch egal, wie alt ein Künstler in seiner Noch - Aktivität ist. Es ist /war auch nicht unüblich, daß sich Sänger "jünger machen".
    Ich weiß auch von mind. zwei Solisten, damals an der Berliner Staatsoper, die sich um einiges jünger machten.
    Domingo betreffend:
    Ich bin nicht autorisiert, deshalb nur so viel - aus sicherem Kreis wurde mir berichtet, daß ein sehr guter Bekannter an damaligen Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag mit dabei war.
    Ansonsten stimme ich dem Btr. von Rheingold größtenteils zu.


    Herzlichst
    CHRISSY


    Passend zum Thema, möchte ich dieses für mich, mit einem kleinen Theaterwitz abschließen:
    Zwei ältere, in die Jahre gekommene Sänger, unterhalten sich:
    "Und klappt noch alles bei Dir?" " Ja, ja, mit der Stimme, das geht noch - nur die Beine, die Beine wollen nicht mehr so richtig..."

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Das vergessen die Fans (oder sie wollen es nicht wahr haben). Bei seinem Salzburger Luna war es dann aber doch nicht zu überhören.
    Aber gegen die geballte Macht einer riesigen Fan-Gemeinde richtet Sachverstand wenig aus - meint Sixtus

    Über die Treue des Wiener Publikums hatte mir der leider verstorbene Milletre erzählt. Er war ja einer der "Chefs" der Stehplatz-Clique. Deren besondere Lieblinge waren neben Birgit Nielsson, Placido Domingo und Franco Corelli besonders Ettore Bastiannini. Wie jeder, hatte der auch einmal in einer Chenier-Aufführung einen schlechten Tag. Das Publikum auf den teuren Plätzen wollte nach der Arie "Als Feind des Vaterlands" nicht so recht klatschen. Da hat das treue Stehplatzpublikum den Szenenapplaus besonders kräfig ausfallen lassen, und der Rest des Publikums hat es wohl verstanden. In der nächsten Vorstellung war Bastiannini wieder der große Star. Es muß ja auch eine tolle Inszenierung gewesen sein, mit Reanata Tebaldi, Ettore Bastiannini und Franco Corelli. Beneidenswert, so etwas erlebt zu haben, unser guter alter Fritz.


    Herzlichst La Roche


    PS Domingo hat tolle und auch auf DVD dokumentierte Leistungen gebracht. Aber auch er sollte wissen, wann Schluß ist. Ein würdiger Abschied in Wien oder New York wäre seiner mehr als würdig.

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Hab mir grade den Livestream von Don Carlo angesehen. Ich fand die Inszenierung von Daniele Abbado langweilig und es gab viel Rampensingen. Frau Zhidkova hat Oh Don Fatale so emotionslos gesungen, wie ich das lange nicht mehr gesehen habe. Das Schleierlied fand ich von ihr sehr gut gesungen. Placido Domingo war ein großartiger Posa, obwohl man ihm die Anstrenung bei der Sterbearie angehört hat. Für den Don Carlo hat Ramon Vergas immer noch einen sehr schön klingenden Tenor. Feruccio Furlanetto war ein großartiget Philipp. Sängerin des Abends war Krasimira Stoyanova, die auch noch blendenden aussieht. Gefallen hat mir auch das Dirigat von Myung-Whun Chung. Schwach besetzt waren die Nebenrollen. Am Ende gab es mit fast 15 Minuten den längsten Schluß Beifall einer Liveübertragung in dieser Spielzeit.

  • Ich will Dir Deine Illusion nicht nehmen. Letztlich ist es auch egal, wie alt ein Künstler in seiner Noch - Aktivität ist. Es ist /war auch nicht unüblich, daß sich Sänger "jünger machen".
    Ich weiß auch von mind. zwei Solisten, damals an der Berliner Staatsoper, die sich um einiges jünger machten.
    Domingo betreffend:
    Ich bin nicht autorisiert, deshalb nur so viel - aus sicherem Kreis wurde mir berichtet, daß ein sehr guter Bekannter an damaligen Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag mit dabei war.
    Ansonsten stimme ich dem Btr. von Rheingold größtenteils zu.


    Es geht hier nicht um Illusion, Chrissy. Aber wenn ich wiederholt lese, dass Domingo Jahrgang 1941 ist, gehe ich davon aus, dass das auch stimmt. Warum auch nicht? Illusorisch ist hingegen vage Angaben zu machen, und von einem 80. Geburtstag zu reden, von dem ja jetzt auch keiner weiß wann der gewesen sein soll. Du scheinst dich da ja eher in Spekulationen zu verlieren. Aber ist das letztendlich wirklich so wichtig? Sollte in erster Linie nicht die Gesangsleistung an sich im Vordergrund stehen, und nicht so sehr wie alt der Sänger ist? Sicher, wenn man sich nun Domingo's Posa angehört hat, konnte man nicht herumkommen, festzustellen, dass es für einen überzeugenden Rodrigo nicht mehr reicht, abgesehen von der ungewohnten Stimmlage.


    Über die Treue des Wiener Publikums hatte mir der leider verstorbene Milletre erzählt. Er war ja einer der "Chefs" der Stehplatz-Clique. Deren besondere Lieblinge waren neben Birgit Nielsson, Placido Domingo und Franco Corelli besonders Ettore Bastiannini. Wie jeder, hatte der auch einmal in einer Chenier-Aufführung einen schlechten Tag. Das Publikum auf den teuren Plätzen wollte nach der Arie "Als Feind des Vaterlands" nicht so recht klatschen. Da hat das treue Stehplatzpublikum den Szenenapplaus besonders kräfig ausfallen lassen, und der Rest des Publikums hat es wohl verstanden. In der nächsten Vorstellung war Bastiannini wieder der große Star. Es muß ja auch eine tolle Inszenierung gewesen sein, mit Reanata Tebaldi, Ettore Bastiannini und Franco Corelli. Beneidenswert, so etwas erlebt zu haben, unser guter alter Fritz.


    Fritz hat mir seinerzeit eine ähnliche Geschichte über Bastianini erzählt, allerdings ging es da um einen Maskenball und ein verpatztes G bei Alla vita che t'arride. Da wollte Bastianini am Aktende nicht vor das Publikum treten, erst seine Maskenball-Partner holten ihn vor den Vorhang und da feuerte ihn das Wiener Publikum mit "Corraggio, Ettore!" an. Von da an soll Bastianini einen der besten Renatos gesungen haben, die Fritz je gehört hat. So mach(t)en das also wir Wiener. ;)


    Gregor

  • José van Dam hat da mal eine nette Geschichte bezüglich Domingos Alter erzählt. Müsste nachschauen ob ich den genauen Wortlaut noch finde. Domingo soll unheimlich stolz gewesen sein, dass er mit 36 so jung Grossvater geworden ist (wieder ein Rekord?) - van Dam war zu damals gerade 31. - Heute ist Domingo ein Jahr jünger als er.

  • Wenn Domingo 80 wäre und - in seiner natürlichen Stimmlage! - sänge wie einst im Mai, würde ich ihm gern zujubeln.
    Aber so, wie es jetzt aussieht (und sich anhört!), ist es an der Grenze zur Peinlichkeit. Aber nicht wegen des umstrittenen Geburtsdatums, sondern (ich wiederhole mich) weil ein abgesungener Tenor kein Bariton ist. Das ist geradezu eine Beleidigung der Bariton-Stimmlage, die nicht weniger wert ist als die des Tenors. Tenöre werden nur besser bezahlt, weil sie (zumindest die guten) seltener sind - und Mangelware ist teuer.
    Und damit sind wir beim eigentlichen Thema: Kein wirklicher Kenner wird einem alten Sänger zujubeln, der derart mit gezinkten Karten spielt. Und dabei spielt der Jahrgang die geringste Rolle. Peinlich ist der Etikettenschwindel. Aber der ist ja im Musikbetrieb, also in der Marktwirtschaft, gang und gäbe.
    Da liegt der Hund begraben: Der Name macht´s! - meint Sixtus


    (Zu Domingos Ehrenrettung sei ergänzt, dass er die gezinkte Ware zumindest als Darsteller sehr gut verkauft.)

  • Ö1 überträgt am morgigen Samstag, ab 19.30 Uhr, einen Mitschnitt. Dann kann sich ja jeder selbst einen akustischen Eindruck von der Aufführung - und von Domingo in seiner neuesten Baritonpartie - verschaffen. ;)


    Domingo als Posa



    Gregor

  • Ich hab ja über meinen Eindruck des Livestreams geschrieben. Das wurde ja leider überlesen und es wurde lieber über das Alter von Herrn Domingo diskutiert.

  • Es ist schon viel lesenswertes über den neuen Don Carlo in Wien geschrieben worden. Wir waren vor einigen Tagen ebenfalls in dieser Inszenierung. Ich werde mich deshalb kurz fassen und auf die Sänger konzentrieren. Lassen wir den Damen den Vortritt: Krassimira Stoyanova als Elisabetta bewies durch eine fabelhafte stimmliche Leistung mit perfektem, schönstem Belcanto und seelenvoller Darstellung, dass sie zur Zeit Spitze in dieser Partie ist. Elena Zhidkova war eine temperamentvolle, zupackende Eboli. Ihre große Arie "O don fatale, o don crudel" war, obwohl mit heller Stimme gesungen, dennoch ein Höhepunkt der Aufführung. Den Don Carlo meisterte Ramon Vargas mit robustem voll klingendem Tenor und routinierter Darstellung sehr respektabel, wenn gleich die Stimme doch nicht mehr den Glanz früherer Tage ausstrahlt. Ferrucio Furlanetto war die Inkarnation eines Herrschers, der sowohl Macht, Ohnmacht als auch Gebrochensein beeindruckend, zum Teil sogar ergreifend darstellen konnte. Die Stimme spricht in allen Lagen gut an, hat ein beachtliches Volumen und wird technisch perfekt beherrscht. Für meine Frau und mich setzte der Sänger allerdings zu sehr auf lautstarkes Forte. Die Bravourarie "Elle ne m'aime pas" wurde ebenfalls mit viel Kraft vorgetragen und vom Publikum stürmisch bejubelt. Im Vergleich haben die ganz großen Interpreten des Philipp II. Cesare Siepi, Boris Christoff, Nicola Rossi-Lemeni, Samuel Ramey oder der immer in deutscher Sprache singende Gottlob Frick diese Arie und das gesamte Kabinett des Königs differenzierter, gefühlvoller und mit wesentlich mehr Farben, Schattierungen und Differenzierungen gestaltet. Die größte Aufmerksamkeit und gespannte Erwartung galt selbstverständlich Placido Domingo in der Baritonpartie des Marquis Posa. Die Marke Domingo erfreut sich immer noch höchster Beliebtheit und wird von der riesigen Fan-Gemeinde wie eh und je frenetisch gefeiert. Die gesamte Rolle des Rodrigo und vor allem die Sterbeszene gestaltete er ungeheuer intensiv. Auch sängerisch erfüllt er nach wie vor hohe Maßstäbe. Allerdings klingt sein edles Organ in der Baritonlage zu hell. Das problematischste jedoch ist die Glaubwürdigkeit der Figur. Es fällt schwer, selbst einem Domingo den jungen, stürmischen Revolutionär Posa abzunehmen. Zu langsam sind die Bewegungen, zu schwer der Gang, zu gebeugt die Haltung. Im Duett Carlo/ Posa war es doch eher Vater und Sohn, die zusammen sangen und nicht zwei engagierte, idealistische Brüder im Geist und im Kampf für die Freiheit. Es fällt mir schwer, diese Einschränkungen machen zu müssen, denn ich verbeuge mich voll Hochachtung vor dieser Leistung, die noch im reifen Sängeralter vollbracht werden kann. Glücklich waren meine Frau und ich, einen der größten Sänger nun auch in einer
    Baritonrolle erleben zu dürfen.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Die Gerüchte um Domingos Alter sind so alt wie er selbst. Ich neige nach allem, was ich erfahren habe, ehr zu chrissy (8).

    Ich habe von dem verstorbenen bedeutenden Bariton Horst Günter, der selbst fast 100 Jahre alt wurde, zum Geburtstag eine Karte bekommen. Darauf waren berühmte Persönlichkeiten des Jahrgangs 1934 aufgeführt, darunter auch Placido Domingo. Ich selbst bin ebenfalls Jahrgang 1934.(Darüber gab und gibt es keinerlei Diskussionen). Auch der Sängerkollege Günter, der mit Domingo schon auf der Bühen stand, hat mir gegenüber das Alter des Sängers bestätigt. Nehme mir ja niemad den berühmten Jahrgangskollegen weg.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Zitat

    Zitat von Operus: Ferrucio Furlanetto war die Inkarnation eines Herrschers, der sowohl Macht, Ohnmacht als auch Gebrochensein beeindruckend, zum Teil sogar ergreifend darstellen konnte.

    Lieber Hans,


    Furlanetto gehört zu meinen Lieblingsdarstellern in der Oper, der die Rollen sowohl sängerisch als auch schauspielerisch großartig zu gestalten versteht. Ich habe eine Reihe Aufnahmen mit ihm. Ganz ungeheuer finde ich seinen Mephisto, sowohl im Mefistofele als auch im Faust oder auch den Sparafucile in dem wundervollen Rigoletto-Film mit Pavarotti und Wixell. Aber auch heitere Rollen, wie den Don Pasquale kann er gut verkörpern.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)